Where your dreams shine - Kit Auburn - E-Book

Where your dreams shine E-Book

Kit Auburn

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Beschreibung

Würdest du an den Ort zurückkehren, an dem du alles verloren hast? – Band zwei der romantischen New-Adult-Reihe in der malerischen Kleinstadt Saint Mellows!

Vor sieben Jahren haben Riley und ihre jüngere Schwester Abigail in Saint Mellows bei einem Bootsunfall ihre Eltern verloren. Seitdem kann sich Riley nicht mehr an die letzten Jahre erinnern. Als die beiden in den Heimatort zurückkehren, werden alte Wunden geöffnet.

Doch da sind Menschen, die sie mit offenen Armen empfangen – darunter der alleinerziehende Vater Devon, der Riley mit seinem Charme sofort in sämtliche Sommerevents verwickelt. Je mehr Zeit die beiden miteinander verbringen, desto mehr verspürt Riley im tiefsten Inneren eine Erinnerung aufflammen, an eine Liebe, die lange verborgen lag …

»Dieses Buch ist wie der zarte Blumenduft des Sommers und wie leuchtende Glühwürmchen in der Nacht! Einfach zum Wohlfühlen und verlieben!« – Maren Vivien Haase, SPIEGEL-Bestsellerautorin

Alle Bände der »Saint Mellows«-Reihe:
1. »Where my soul belongs«
2. »Where your dreams shine«
3. »Where our wishes come true«
Spice-Level: 1 von 5

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Seitenzahl: 521

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Buch

Würdest du an den Ort zurückkehren, an dem du alles verloren hast? – Band zwei der New-Adult-Reihe in der malerischen Kleinstadt Saint Mellows!

Vor sieben Jahren haben Riley und ihre jüngere Schwester Abigail in Saint Mellows bei einem Bootsunfall ihre Eltern verloren. Seitdem kann sich Riley nicht mehr an die letzten Jahre erinnern. Als die beiden in den Heimatort zurückkehren, werden alte Wunden geöffnet.

Doch da sind Menschen, die sie mit offenen Armen empfangen – darunter der alleinerziehende Vater Devon, der Riley mit seinem Charme sofort in sämtliche Sommerevents verwickelt. Je mehr Zeit die beiden miteinander verbringen, desto mehr verspürt Riley im tiefsten Inneren eine Erinnerung aufflammen, an eine Liebe, die lange verborgen lag …

Malerische Berge, so weit das Auge reicht: Romantische Zeiten in Saint Mellows!

Alle Bände der »Saint Mellows«-Reihe:1. »Where my soul belongs«2. »Where your dreams shine«3. »Where our wishes come true«

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Kit Auburn

Where yourshine

Roman

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Copyright © 2023 by Blanvalet

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Redaktion: Martina Schwarz

Umschlaggestaltung: Anke Koopmann | Designomicon

Umschlagmotive: Shutterstock.com (Olly Kava; KY726871; Dimec; Boyko.Pictures)

LO · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-29383-3V001

www.blanvalet.de

Liebe Leser*innen,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.

Deshalb finden sich am Ende des Buchs Content Notes.

Achtung: Diese enthalten Spoiler für das gesamte Buch. Wir wünschen allen das bestmögliche Leseerlebnis.

Kit Auburn und der Blanvalet Verlag

Für alle die, die einen Sturm bezwingen.

Prolog

Long story short: I survived.

1. Kapitel

Riley

Die scharfe Kante des Umzugskartons schnitt mir in die Finger, und doch stand ich wie erstarrt vor dem Haus, das achtzehn Jahre lang mein glückliches Zuhause gewesen war. Das mir Zuflucht und der Anker im Leben gewesen war, nach denen ich die letzten sieben Jahre vergeblich gesucht hatte. Ich spürte das Brennen meiner Muskeln in den Oberarmen und war doch nicht fähig, mich zu bewegen. Abigails lange blonde Haare, die von der lauen Sommerbrise umhergewirbelt wurden, kitzelten mich an der Schulter und erinnerten mich wieder daran, warum wir hier waren. Warum ich all die Risiken auf mich nahm, die das bloße Betreten dieser Stadt bedeutete. Warum ich mich all den Erinnerungen aussetzte, die mir doch nur aufzeigten, was ich nie mehr haben würde. Genau wie all denen, denen ich blind gegenüberstand.

Ich riss schluckend den Blick von der weißen Holzfassade unseres Elternhauses los und senkte den Kopf, starrte stattdessen den Karton in meinen Armen an, als wäre er der Schlüssel, um die aufsteigende Panik, die meinen Puls beschleunigte, zurückzudrängen. War es wirklich die richtige Entscheidung gewesen, hierher zurückzukommen? Ich atmete tief ein, spürte das Stechen der warmen Luft in meiner Lunge, straffte die Schultern und drückte den Rücken durch. Wir waren hier, mit all unserem Besitz, der in den alten Ford Pick-up passte, und ich würde keinen Rückzieher machen. Mit erhobenem Kopf drängte ich die Tränen zurück, indem ich die Kiefer fest aufeinanderpresste. Ich ließ den Blick durch den Vorgarten streifen und ignorierte es, dass sich mir dabei das Herz in der Brust schmerzhaft zusammenzog, wie ich es in den letzten Jahren so oft getan hatte. Denn das Einzige, was zählte, war, für meine kleine Schwester zu sorgen. Ich konnte keine Rücksicht auf mein Herz nehmen. Mein Blick blieb am Briefkasten hängen, der genauso aussah wie in meiner Erinnerung. Er war eine kitschige Miniaturausgabe des Hauses und der rote Haken wies zum Himmel, was bedeutete, dass Post darin lag. Darum würde ich mich später kümmern.

»Riley?« Abbys flüsternde Stimme drang in mein Bewusstsein, und ich setzte augenblicklich das resolute Lächeln auf, das ich perfektioniert hatte. »Bist du okay?«

»Natürlich«, log ich und legte den Kopf schief, um sie anzusehen. Abby erwiderte mein Lächeln, ehe sie einen weiteren Karton von der Ladefläche lud und zu den anderen auf den Gehweg stellte. Das Grundstück besaß weder Einfahrt noch Garage, Mom und Dad hatten ihre Wagen immer am Straßenrand geparkt. Ohne Vorwarnung ereilte mich eine Erinnerung, in der ich Mom laut lachend dabei half, die Einkäufe zur Haustür zu tragen. Blitzschnell presste ich die Lider aufeinander und schüttelte den Kopf, um sie so schnell zu verscheuchen, wie sie gekommen war. »Bist du bereit?« Ich stieß das niedrige Holztor mit dem Fuß an, wodurch es quietschend aufschwang.

»Bist du es denn?«, konterte Abby mit gerunzelter Stirn. Es versetzte mir jedes Mal einen Stich ins Herz, wenn sie sich um mich sorgte.

Ich nickte, doch sie blickte mich unverwandt an, und es schmerzte, in ihre kristallklaren meeresblauen Augen zu sehen. Ihr Ausdruck war für ihre vierzehn Jahre viel zu erwachsen, und dass sie mich mit jedem Tag ein bisschen mehr durchschaute, ließ mich schlucken. »Es ist alles in Ordnung«, versicherte ich ihr, doch wir wussten beide, dass das nicht stimmte.

Ich wies nickend den gepflasterten Weg entlang, der direkt zur schmalen Veranda führte, auf der früher Rattanmöbel und eine alte Hollywoodschaukel gestanden hatten und die übersät gewesen war mit Moms Blumen, die meisten davon in ihrer Lieblingsfarbe Violett. Jetzt war der Vorbau kahl und leer und passte zu dem, was in meinem Inneren herrschte. »Dann los«, presste ich hervor und verstärkte den Griff um den Umzugskarton, der mit jeder verstrichenen Minute schwerer und schwerer wurde.

Abby bückte sich zu einer Kiste, auf der Küche stand und deren Inhalt gefährlich klimperte, als sie sie anhob. »Geh du vor«, bat sie leise und stellte sich demonstrativ hinter mich. Manchmal vermisste ich die kindliche Neugierde, mit der sie noch bis vor wenigen Jahren der Welt begegnet war. Nicht einmal der Unfall hatte sie ihr nehmen können und ohne sie hätte ich mich damals garantiert meiner Trauer hingegeben. Mir war klar, dass, egal, wie lang ich es hinauszögerte, ich nicht umhinkam, das Haus zu betreten, also setzte ich zögerlich den ersten Schritt in Richtung Vergangenheit. Ich hörte Abby hinter mir und registrierte, dass ich das Atmen eingestellt hatte. Vor wenigen Monaten hätte ich nicht gedacht, dass ich irgendwann hierher zurückkehren würde. Dass ich eines Tages stark genug dafür sein würde. Es war Abigail gewesen, die die Idee ausgesprochen und so den Grundstein für ein neues Leben in unserem alten Heim gelegt hatte. Die rastlose Zeit war weder an ihr noch an mir unbemerkt vorübergegangen und wir hatten gemeinsam entschieden, dem Ort, an dem wir einst glücklich gewesen waren, eine Chance zu geben, in der Hoffnung, hier zur Ruhe zu kommen. Jetzt musste ich es nur endlich schaffen, nach vorne anstatt zurück zu blicken.

Die hölzerne Treppe knarzte unter meinem Gewicht, als ich die vier Stufen zur Veranda emporstieg. Vor der schweren Eingangstür, die Abby als Kind kaum selbst hatte aufstemmen können, blieb ich stehen. »Es ist wie früher«, murmelte sie hinter mir, und ich hörte, wie sie den Umzugskarton ächzend abstellte. »Ich habe es so vermisst.« Ihre heisere Stimme brach, und ich schloss für einen Moment die Augen, um die Tränen zu verscheuchen, wandte mich zu ihr um und stellte meine Kiste auf ihre.

»Ich auch«, gab ich flüsternd zu und realisierte, dass meine Worte wahr waren. »Wir schaffen das, oder?« Ich hob die Hand zu Abbys dickem Haar, das ihr in sanften Wellen über die Schultern fiel. Es reichte ihr bis zur Taille, und ich strich es ihr zärtlich aus dem Gesicht, wie ich es tat, seit sie ein Kleinkind gewesen war. Nur, dass Abby keines mehr war, sondern ein Teenager, in dessen Gesichtszügen ich mich selbst erkannte. Es war, als blickte ich meinem zehn Jahre jüngeren Ich ins Gesicht, wie sie so vor mir stand, die Hände verunsichert in den Taschen ihrer hellblauen Jeans-Shorts vergraben.

Sie nickte und mir entging nicht, dass sie schluckte. »Wir schaffen alles, Riley«, erklärte sie mit erstaunlich fester Stimme und einem Kampfgeist in den Augen, der mich an mich selbst erinnerte. Gerührt legte ich meine Hand auf ihre Schulter und zog sie an mich. Es scherte mich nicht, dass wir von der langen Autofahrt in der brütenden Sommerhitze durchgeschwitzt und klebrig waren. Es war mir sogar egal, dass sich eine einzelne Träne ihren Weg über meine Wange bahnte.

»Wir sind zu Hause, Süße«, schluchzte ich und drückte sie fest an mich. »Wir sind endlich zu Hause.«

»Alles wird jetzt gut, oder?« Abigail flüsterte so leise, dass ich es kaum hörte, und ich spürte ihren schmächtigen Körper sachte beben. Momente wie dieser kamen nicht oft vor, denn es war unsere unausgesprochene Regel, dass wir uns nicht in Selbstmitleid verloren und immer stark blieben. Dazu gehörte eben auch, Zweifel und Ängste totzuschweigen.

»Ja«, antwortete ich mit einem zarten Lächeln auf den Lippen. »Ganz bestimmt.« Vorsichtig löste ich unsere Umarmung und strich ihr die Tränen aus dem Gesicht. »Willst du aufschließen?« Ich grub die Finger in die Gesäßtasche meiner Shorts, um die Hausschlüssel hervorzuholen, die ich jahrelang wie meinen größten Schatz gehütet hatte, ohne zu wissen, ob ich sie jemals wieder gebrauchen würde. Sie waren eine winzige Sicherheit gewesen, mein letzter Ausweg.

Abby machte blitzschnell einen Schritt zurück und riss die Augen auf, schüttelte vehement den Kopf. »Nein, auf keinen Fall. Das musst du machen, Riley.« Sie biss sich auf die Unterlippe und wich meinem Blick aus. »Ich bringe die restlichen Kartons zur Veranda«, murmelte sie, wandte sich auf dem Absatz um und sprintete zum Wagen, als könnte sie etwas gewinnen, wenn sie schneller war als Flash. Überrumpelt sah ich ihr hinterher und seufzte. Zu Abby durchzudringen war mit den Jahren immer schwerer geworden, doch wenn ich genauer darüber nachdachte, war ich in ihrem Alter nicht pflegeleichter gewesen. Nur, dass als Teenager weitaus weniger Last auf meinen Schultern gelegen hatte als auf ihren heute. Ich schüttelte den Kopf und straffte den Rücken, schloss die Hand fest um den Schlüsselbund. »Du packst das«, murmelte ich und ignorierte den Schmerz, als sich meine Nägel dabei in meine Handfläche bohrten.

Zögerlich griff ich nach dem eisernen Türknauf, der sich anfühlte wie damals. Glatt und kalt. Meine Hände zitterten wie Espenlaub, sodass es mir schwerfiel, das Schlüsselloch zu treffen. Das vertraute Klacken des Schlosses, als es sich entriegelte, erst ein Mal, dann ein zweites Mal, hallte wie ein Knall in meinem Inneren wider. Mit aller Kraft zog ich am Knauf, drückte gleichzeitig den Schlüssel weiter herum und gab dem darauffolgenden Sog nach. Mit quietschenden Scharnieren schwang die Tür einen Spaltbreit auf. Im Haus war es stockfinster, kein Licht drang zu mir heraus. Sofort prasselten Erinnerungen auf mich ein. Ich sah mich, wie ich als Teenager zum Abendessen nach Hause gekommen war und mich mit einem Mom? Dad? Ich bin da! angekündigt hatte. Der Kloß, der sich in meinem Hals bildete, schnürte mir schmerzhaft die Luft ab, denn diese Worte würden sie niemals wieder hören. Nie mehr würde Mom zurückrufen, dass ich in die Küche kommen und Abby beim Tischdecken helfen sollte.

»Mom? Dad? Ich bin wieder zu Hause«, flüsterte ich mit heiserer Stimme und schob die Tür auf. Sobald ich den ersten Schritt über die Türschwelle setzte, durchflutete mich auf seltsame Weise Erleichterung. Denn eigentlich war es nicht mehr als das, oder? Man setzte einfach einen Fuß vor den anderen, und der Weg würde mit der Zeit leichter werden, weniger steinig und steil. Oder vielleicht wurde man auch nur besser darin, Hindernissen auszuweichen. In Bewegung zu bleiben war neben meiner Schwester das Einzige, das mich die letzten Jahre davor bewahrt hatte, die Nerven zu verlieren.

Ich kniff die Augen zusammen, um im Halbdunkel etwas zu erkennen, und wandte mich dem bodentiefen Fenster neben der Haustür zu, das wie alle anderen mit einem Laken verhangen war. Blitzschnell riss ich es herunter, um Licht hereinzulassen, und hielt mir die Hand vor Mund und Nase. Staub wirbelte umher und tanzte schimmernd in den Sonnenstrahlen, die auf die Möbel im Flur fielen. Mit weichen Knien stolperte ich zu der weißen Sitzbank aus Holz, auf der ich schon als Kleinkind gesessen hatte, und ließ mich dankbar darauf sinken. Ich fuhr mit den Fingern sachte die Oberfläche der Kommode daneben nach, in der immer ein heilloses Chaos geherrscht hatte, da jeder von uns einfach alles hineingestopft hatte, bis sie übergequollen war. Das Herz pochte mir bis zum Hals, und ich griff mutig nach den zwei Knäufen, um die obere Schublade aufzuziehen. Leer. Sie war leer, als hätte jemand alles ausgelöscht, was jemals in diesem Flur passiert war. Eine unkontrollierbare Wut kroch meine Magenwände hinauf und ich knallte die Lade zu. Was hatte ich erwartet? Dass alles so sein würde wie damals?

Devon

Hier hatte sich nichts verändert. Vor zehn Minuten hatte ich das überdimensionale Willkommensschild passiert, das selbst nach all den Jahren für Gesprächsstoff sorgte. Mrs. Innings, unsere Bürgermeisterin, hatte damals die falschen Maße weitergegeben, sodass Touristen, sobald sie an dem Schild vorbeikamen, hätten glauben können, Saint Mellows litt an Größenwahn. Bis heute hielt sie offiziell an ihrer Überzeugung fest, dass sie es genau so gewollt hatte. Der Cherry Blossom Court zog vorüber, in dessen Mitte sich ein paar Spaziergänger tummelten. Der Kirschblütenpark, der sich inmitten dieser spinnennetzartigen Straßen befand, war die erste Anlaufstelle für Fotoshootings, insbesondere im Frühling, wenn die Bäume in ihrer schönsten Pracht blühten. Bis auf das ein oder andere Restaurant war alles genauso wie vor fünf Jahren, als ich Saint Mellows den Rücken gekehrt hatte. Auf den schmalen Streifen zwischen den Gehsteigen und den Straßen waren im Frühling zum alljährlichen Frühlingszwiebelfestival Blumen gepflanzt worden, deren bunte Blütenpracht gleich dafür sorgte, dass man sich willkommen fühlte und den Wunsch verspürte, für immer hierbleiben zu wollen. Ich kam am von großen Eichen gesäumten Festplatz, einem der Wahrzeichen Saint Mellows, vorbei und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich Rupert aufgebracht mit den Armen fuchteln sah. Es hatte den Anschein, als versuchte er, eine Meute Jugendlicher davon abzuhalten, es sich mit einer Picknickdecke gemütlich zu machen. »Oh Rupert«, schmunzelte ich kopfschüttelnd. Rupert war der wohl schrägste Bewohner Saint Mellows, fast immer schlecht gelaunt und schon gefühlt einhundert Jahre alt gewesen, als ich selbst noch ein Kind gewesen war. Er mischte sich gern überall ein, und manche sagten ihm sogar nach, dass er sich für das eigentliche Oberhaupt Saint Mellows’ hielt. Ich entdeckte ein Banner, das von der Häuserwand zu meiner Linken bis zur Laterne auf meiner rechten Seite gespannt war. »Saint Mellows Sommermarkt« prangte in bunten Buchstaben auf quietschgelbem Hintergrund, und nun bemerkte ich auch das wilde Treiben hinter Rupert. Wie es aussah, war das Veranstaltungskomitee gerade dabei, die Buden für den traditionellen Markt aufzubauen. Zu dieser Jahreszeit sah es jedes Mal aus, als wäre eine Farbbombe auf unsere Kleinstadt niedergegangen. Verschiedenste Blumenarten zierten die Wegesränder, bunte Girlanden schmückten die Ladentüren und Schaufenster, und von Laterne zu Laterne waren pastellfarbene Wimpelketten gespannt worden.

Ich hörte ein leises Seufzen auf dem Beifahrersitz und riss den Blick für einen Moment von der Straße los, um auf meine schlafende Tochter zu schauen. Schon als Baby hatte Elsie das Autofahren geliebt und war dank des monotonen Motorenbrummens und der vorbeifliegenden Landschaften nach spätestens fünf Minuten eingeschlafen. »Daddy, sind wir bald da?«, murmelte sie verschlafen und aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie sich mit den Fäusten über die Augen rieb.

»Ja, mein Schatz«, erklärte ich lächelnd, und als mein Blick am Anne’s hängen blieb, entschied ich spontan anzuhalten. Ich lenkte den Wagen zum Straßenrand, um zu parken, und beobachtete schmunzelnd, wie Elsie sich aufmerksam umblickte.

»Das sieht nicht aus wie die Straße, in der Grandmas und Grandpas Haus wohnt«, erkannte sie und legte mit gerunzelter Stirn den Kopf schief. Einige dunkle Fransen ihres Ponys, die sich aus den Haarspangen gelöst hatten, fielen ihr über die Augen. Statt sie wegzuwischen, schielte sie daran vorbei.

Ich beugte mich zu ihr hinüber, um die Strähne festzustecken. »Da hast du recht, wir sind noch nicht da. Möchtest du etwas trinken?«

In ihre hellbraunen Augen legte sich ein Glitzern, das es nur bei Kinderaugen gab. Stürmisch nickend grinste sie mich an. »Ja, ja, ja, ja. Ich möchte eine Eisschokolade, darf ich eine haben, Daddy? Bitte, bitte!«

Lachend warf ich den Kopf in den Nacken und strich ihr mit dem Finger über die Wange, bevor ich mich abschnallte. »Bitte werde niemals groß, okay?«

Sie zuckte nur mit den Schultern und versuchte vergeblich, ihren Gurt zu lösen und sich aus dem Kindersitz zu befreien. »Warte, ich helfe dir«, erklärte ich und stieg aus dem Wagen, um zur Beifahrerseite zu laufen. Elsie war ab und an zu aufgeweckt und verstand nicht, dass sie für vieles noch zu jung war. Ich war heilfroh, dass sie es nicht schaffte, allein aus dem Auto zu hüpfen. Nicht auszumalen, was dabei passieren könnte. Hier in Saint Mellows war es vielleicht sicher, doch ihr Leben würde sich leider die nächsten Jahre zwischen der Großstadt und meiner Heimatstadt abspielen. Wir spazierten Hand in Hand hinüber zum Anne’s, hinter dessen Fensterfront wie gewöhnlich fröhliches Getümmel herrschte. Ich erkannte das ein oder andere Gesicht. Da waren Mr. und Mrs. Fuldington, ein älteres Ehepaar, das sich gern bei Anne Kaffee und Kuchen gönnte. Ich wusste von meinem Bruder Blake, wie herzlich die beiden waren, denn er war seit einigen Jahren ihr Nachbar und half ihnen im Herbst beim Laubharken und im Winter beim Schneeschippen. Nicht selten fand er zum Dank ein selbst gebackenes Brot oder Mrs. Fuldingtons liebsten Auflauf auf seiner Veranda vor. Ehe wir eintraten, ließ ich den Blick noch einmal durch die Gegend schweifen. Die Fensterbänke mancher Geschäfte und Restaurants zierten Blumentöpfe und -kästen, aus denen ein angenehm blumiger Duft über die Straße strömte.

Das Bimmeln der Türglocke kündigte uns an, und keine zehn Sekunden später fand ich mich in Annes fester Umarmung wieder. »Devon, Elsie, wie schön euch zu sehen!« Annes Strahlen wärmte mir das Herz. Ich war mir zu einhundert Prozent sicher, dass sie es war, die diese Stadt zusammenhielt. Anne hatte keine eigenen Kinder und irgendwie waren wir alle ihre Enkel. Wir alle erinnerten uns an den einmaligen Kakao mit den vielen winzigen Marshmallows oder die Cookies mit den bunten Schokolinsen, die sie noch heute extra backte, um sie an die Kinder zu verschenken. Anne hatte für jeden ein offenes Ohr und gehörte zu den wenigen Menschen, die nicht noch Salz in die Wunde streuten, wenn mal etwas schiefging. Stattdessen servierte sie einem ein großes Stück Sahnetorte, von dem sie beteuerte, dass danach alles wieder im Lot wäre.

»Anne, wie geht es dir?« Ich drückte ihr einen Kuss auf die Wange und scheuchte sie wieder hinter ihre Theke, wo der Ofen aufgeregt piepte.

»Bei mir ist alles bestens«, lächelte sie mit schief gelegtem Kopf und zog ein heißes Blech frischer Kekse aus dem Ofen. »Wie immer viel zu tun. Was darf ich euch bringen?«

»Eine Eisschokolade«, kreischte Elsie los, dass Anne zusammenzuckte, einen Augenblick später aber lachte.

»Elsie«, ermahnte ich sie in strengem Ton. »Was hatten wir übers Kreischen gesagt?«

»Entschudlidung«, nuschelte sie und verdrehte ein paar Buchstaben, sodass man ihr unmöglich böse sein konnte.

»Entschuldigung angenommen.« Ich deutete mit dem Zeigefinger auf einen runden Tisch am Fenster. »Setz dich doch gleich dort drüben hin, ja?« Statt zu antworten, preschte sie los, wobei sie fast in den Stuhl eines Gastes gerannt wäre. Ich verzog den Mund zu einem entschuldigenden Lächeln, doch er winkte beiläufig ab.

»Sie ist genauso ein Wirbelwind, wie du es gewesen bist, Devon«, zwinkerte Anne mir zu. »Ich kann mich noch genau erinnern, wie Blake und du hier durchs Café getobt seid und euch gegenseitig gejagt habt. Das eine oder andere Mal gingen dabei ein Teller oder eine Tasse zu Bruch.« Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, denn sie hatte recht. »Was möchtest du trinken?«

Ich ließ den Blick über ihre Sommerangebote schweifen. Von White Chocolate Mocca Frappuccino über Classic Vanilla Frappuccino, Coffee Soda, Cold Brew Coffee, S’Mores Frozen Coffee bis zu Coffee Lemonade. All das süße Zeug war nichts für mich, und so entschied ich mich für einen simplen Iced Coffee, ehe ich zu Elsie ging, die mit ihrer Stupsnase an der Scheibe klebte, um das Treiben auf dem Festplatz zu beobachten.

Riley

Die Sonnenstrahlen fielen durch das von weißen Sprossen durchzogene Fenster direkt auf Abigails blonde Haare, die verstrubbelt auf ihrem Kopfkissen neben mir lagen. Es war ein Wunder, dass ich letzte Nacht überhaupt ein Auge zugetan hatte. Weder Abby noch ich hatten in unseren alten Zimmern übernachten wollen, denn das hätte sich nach einer erzwungenen Normalität angefühlt, die es nicht mehr gab. Doch war es wirklich eine bessere Idee gewesen, stattdessen in Moms und Dads Bett zu schlafen? Abby war, ohne lang nachzudenken, zur rechten Seite gelaufen, und ich hatte mich gefragt, ob sie sich erinnerte, dass dort immer Mom geschlafen hatte. Um keine Narben bei ihr aufzureißen, hatte ich den Gedanken für mich behalten.

Jeder Schritt in diesem Haus hatte mich gestern enorme Überwindung gekostet. Ob ich einen Schrankknauf berührte oder eine Schublade aufzog – ständig befürchtete ich, dieselbe Leere vorzufinden wie im Flur. Als hätten unsere Eltern nicht nur das Leben verloren, sondern als wäre ihre gesamte Existenz ausgelöscht worden. Als wären Abby und ich das Einzige, das von ihnen übrig geblieben war. Stumm hatten meine Schwester und ich Hand in Hand gearbeitet und die Initiative ergriffen, sobald wir merkten, dass etwas für die andere zu schwer war. So war ich es gewesen, die den ersten Schritt auf die weiß lackierte Holztreppe gesetzt hatte, die in das Obergeschoss führte. Abby hatte die Tür zu Moms und Dads Schlafzimmer aufgestoßen. Ich hatte den Wäscheschrank geöffnet, um muffige Bettwäsche herauszuholen, die dort seit sieben Jahren lag, ohne von jemandem berührt worden zu sein. Trotzdem hatten wir sie aufgezogen. Ich konnte nicht sagen, ob ich erleichtert oder enttäuscht war, dass der Geruch meiner Eltern nicht mehr in den Fasern haftete. Mich stellten schon die dank der Dunkelheit schummrigen visuellen Eindrücke auf eine harte Probe. Kaum auszumalen, was es mit mir angestellt hätte, hätte Moms Parfum oder der Duft von Dads Duschgel in der Luft gehangen.

Wir hatten lang auf der weichen Couch im Wohnzimmer gesessen, in dessen Polster man noch immer so tief versank wie vor Jahren. Mit dem einzigen Unterschied, dass gestern eine enorme Staubwolke aufgewirbelt worden war, die mir einen Hustenanfall und Abby eine Reihe von Niesattacken beschert hatte. Und uns beiden ein erstes, winziges Lächeln, bei dessen Erinnerung sich mein Herz schmerzhaft zusammenzog, denn es hatte eine Zeit gegeben, in der innerhalb dieser Wände fast nur Lachen zu hören gewesen war. Erst als die Sonne sich komplett herabgesenkt hatte und der Garten, in den wir vom Sofa aus blicken konnten, in völliger Dunkelheit lag, waren wir aufgestanden, um uns mithilfe der Taschenlampenfunktion unserer Handys den Weg durchs Haus zu leuchten, da wir es irgendwie nicht über das Herz gebracht hatten, das Licht einzuschalten und uns dem Anblick unseres Elternhauses zu stellen.

Abby neben mir regte sich, dann öffnete sie ein Auge und blinzelte mich verschlafen an. »Guten Morgen, Schlafmütze«, neckte ich sie.

»Beobachtest du mich etwa im Schlaf?«, schmunzelte sie und streckte die Arme. »Gruselig.« Sie richtete sich auf und lehnte sich neben mich ans Kopfteil des Betts.

»Dass du dich nach all den Jahren noch nicht daran gewöhnt hast«, witzelte ich und stupste sie mit der Schulter an.

»Hast du überhaupt geschlafen?« Sie musterte mich mit einem durchdringenden Blick, für den sie eigentlich noch viel zu jung war.

»Natürlich«, lächelte ich, heilfroh, sie ausnahmsweise nicht anlügen zu müssen. Irgendwann war ich vor Erschöpfung eingeschlafen und fühlte mich an diesem Morgen sogar seltsam erholt. »Los!« Ächzend richtete ich mich auf und schlug unsere dünne Sommerdecke zurück, wies mit der Hand zum Badezimmer. »Ab unter die Dusche mit dir, ich werde uns Frühstück zaubern. Ich hätte Fertig-Pancake-Mischung im Angebot, Fertig-Pancakes oder Fertig-Pancakes.«

Gespielt ernüchtert verzog Abby das Gesicht. »Wie, keine frischen Waffeln und kein Obst-Buffet?«

Lachend warf ich ein Kissen nach ihr. »Wir kaufen nachher ein, versprochen.«

»Ah«, grinste sie. »Wir stocken unseren Vorrat an Fertig-Pancake-Mischungen auf, ja?«

»Ein Mal«, stöhnte ich und verdrehte die Augen, während ich das Kissen aufschüttelte. »Ein einziges Mal habe ich dieses Fertigzeug gekauft und das wirst du mir für den Rest meines Lebens vorhalten, oder?«

»Das ist mein Job als kleine Schwester«, trällerte sie und warf mir eine Kusshand zu, ehe sie mit einem Handtuch aus dem Wäscheschrank durch die Badezimmertür verschwand.

»Da hast du recht«, murmelte ich und versuchte, das Stechen in der Magengegend zu ignorieren. Ich ging ans Fenster – die Scheibe war so dreckig, dass ich mir vornahm, sie möglichst bald zu putzen – öffnete es und ließ die sommerliche Luft herein. Einen Augenblick lang streckte ich die Nase in die laue Brise und schloss die Augen, um den Moment zu genießen. Vereinzelte Strähnen, die aus meinem hohen Pferdeschwanz gerutscht waren, kitzelten mich an der Nase und am Schlüsselbein. Ich hörte Vogelgezwitscher und das entfernte Brummen vorbeifahrender Autos. Dann riss ich mich los, schloss das Fenster und tapste barfuß und nur mit meinem weiten weißen Schlafshirt bekleidet die Treppe hinunter in die dunkle Küche. Wir hatten es gestern nicht über uns gebracht, die Laken von allen Fenstern zu reißen. Ein Schritt nach dem anderen. Man durfte immer nur einen Schritt nach dem anderen machen, sonst lief man Gefahr zu stolpern, zu straucheln oder gar zu fallen.

Aus dem angrenzenden Wohnzimmer drang ein wenig Licht in die Küche, sodass ich es bis ans Fenster schaffte, ohne gegen irgendetwas zu stoßen. Zaghaft griff ich nach dem Laken und schüttelte im gleichen Moment den Kopf über mich. Warum fiel es mir so unheimlich schwer, etwas Selbstverständliches zu tun, wie Licht in einen Raum zu lassen? Klar, dieses Haus hatte eine ganz besondere Bedeutung für mich, doch war es nicht besser, möglichst rasch zu einer Art neuer Normalität zu finden, anstatt alles schmerzvoll in die Länge zu ziehen?

»Pflasterprinzip«, erklärte ich und riss das Betttuch herunter, gefolgt von einem weiteren. Ohne anzuhalten, marschierte ich ins Wohnzimmer und entfernte auch dort die restlichen Laken. Von neuem Eifer gepackt rannte ich über den Flur, wo meine nackten Füße auf dem Boden patschten, direkt in das angrenzende Büro und das Gästezimmer, um diese ebenfalls von der Dunkelheit zu befreien. Wenn ich sie schon nicht aus meinem Herzen vertreiben konnte, dann wenigstens aus dem Haus, das Mom und Dad so geliebt hatten. Erschöpft trug ich sämtliche Laken zusammen, warf sie vor der Kellertür auf einen Haufen und schrieb mir auf meine gedankliche To-do-Liste, im Supermarkt Waschmittel zu kaufen. Ich hörte das Wasser in den Leitungen rauschen, was mir verriet, dass Abby duschte. Einen kurzen Moment wartete ich gebannt, ob sich bei dem Geräusch etwas in mir regte. Eine Erinnerung, ein Gefühl, irgendetwas. Doch nichts. »Gott sei Dank«, hauchte ich, denn ich wollte in kein schwarzes Loch aus Empfindungen und vermeintlichen Erinnerungen fallen, die ich doch niemals wieder zu fassen bekommen würde. Die irgendwo tief in meinem Bewusstsein begraben waren und nie mehr an die Oberfläche gelangen würden.

Ich wandte mich um, um zur Küche zurückzugehen, als mein Blick an der Gestalt hängen blieb, die mir aus dem Spiegel im Flur entgegensah. Abrupt hielt ich in der Bewegung inne und begutachtete mich. Wie stark hatte ich mich verändert, seit ich das letzte Mal hier gestanden hatte? Wohin war ich gegangen, als ich mich zuletzt vor diesem Spiegel zurechtgemacht hatte? Ich wusste es nicht mehr, hatte keinerlei Erinnerung daran. Meine nackten Beine waren sonnengebräunt, und ich hob mein Shirt an, um einen Blick auf die Narbe an meiner Hüfte und das Tattoo daneben zu werfen. Ich hatte es mir stechen lassen, als mir alles zu viel geworden war, als mir alles über den Kopf zu wachsen drohte. All die Fragen, all die Blicke, all die vergessenen Erinnerungen.

Long story short: I survived.

Manchmal hasste ich diese Worte, manchmal liebte ich sie.

Devon

»Was ist das hier?«, drang Elsies Stimme zu meinem Bruder und mir. Blake warf stöhnend den Kopf in den Nacken, ehe er zu meiner wissensdurstigen Tochter hechtete.

»Das ist eine Raspel und eindeutig nicht für deine klebrigen Patschehändchen geeignet.« Er nahm ihr das Werkzeug aus den Fingern und verstaute es in der Schublade der Werkbank. »Haben dein Dad und ich dir nicht vor fünf Minuten gesagt, dass du hier nichts anfassen sollst?«

Unschuldig blinzelte Elsie meinen Bruder an. »Vielleicht?«

Ich tarnte meinen Lachanfall mit einem Husten und verbarg den Mund hinter der Faust. Blake hatte weder Frau noch Kinder, er lebte für die Werkstatt, die er von Dad übernommen hatte. Worüber ich damals unheimlich erleichtert gewesen war, denn leider war ich im Gegensatz zum Rest der Familie mit zwei linken Händen und wenig Blick fürs Detail geboren worden. Dennoch hielt ich mich gern hier auf, zwischen den frischen Holzspänen, die ihren unverwechselbaren Duft verströmten, und den Holzbildhauer-Werkzeugen, die ich nur mit Müh und Not benennen konnte.

»Wenn du weiterhin so frech bist, junge Dame, binde ich dich an den Holzblock dort drüben«, Blake deutete mit einem Kopfnicken zu einem mindestens ein Meter breiten Block, »und lasse dich erst wieder frei, wenn dein Dad zurück ist.«

Elsie wich von einer zur nächsten Sekunde das Grinsen aus dem Gesicht und sie setzte sich brav auf den Schemel, den Blake ihr extra tief heruntergeschraubt hatte, damit sie es schaffte, eigenständig hinaufzuklettern. Ich zwinkerte Blake grinsend zu und schlängelte mich durch das Chaos an Holzabfällen und Eimern voller Lack auf dem Boden zu Elsie durch, ging neben ihr in die Hocke. »Ich bin in zwei, höchstens drei Stunden wieder da, okay?«

»Ist okay, Dad, ich bin schon groß«, erklärte sie mir mit selbstbewusst in die Höhe gereckter Nase, wobei ihr der dunkelbraune Pony wie immer in die Augen fiel. »Ich werde Onkel Blake helfen«, entschied sie und griff überheblich nach einem breiten Pinsel.

»Vorsicht!« Panisch rannte Blake auf uns zu und schnappte ihr den triefenden Pinsel aus der Hand. »Das ist Alkydlack, der besteht zum Großteil aus gesundheitsschädlichen Lösungsmitteln, Elsie. Bitte fass nichts an! Herrgott noch mal.«

Ich warf Blake einen entschuldigenden Blick zu, wandte mich an meine Tochter und tippte auf ihren mintfarbenen Rucksack. »Hier, du hast dir doch extra deine Malbücher eingepackt, wie wär’s, wenn du erst für Onkel Blake und dann für Grandma und Grandpa ein Bild malst?«

Elsie zuckte gleichgültig mit den Schultern, was mir zeigte, dass ihr die Rüge herzlich egal war. »Meinetwegen«, meinte sie und kramte ihre liebsten Glitzerstifte hervor.

»Ich meine es ernst, Dev.« Mit gedämpfter Stimme nahm Blake mich beiseite und verschränkte autoritär die Arme vor der Brust. Seine Augen, die die gleiche hellbraune Farbe hatten wie meine, blickten mich durchdringend an. »Ich kann hier in der Werkstatt nicht auf Elsie aufpassen. Das ist zu gefährlich für ein Kind, das weißt du doch.«

»Ja«, seufzte ich und fuhr mir mit den Handflächen über das Gesicht. »Mir bleibt keine andere Wahl, es tut mir leid, Blake. Mom und Dad sind arbeiten und wenn ich sie mitnehme, kriegt sie garantiert im ungünstigsten Moment einen Trotzanfall.«

Mein Bruder seufzte resigniert. »Sei froh, dass ich deine Tochter liebe. Ich muss das Stück dort fertigstellen, das dauert maximal eine Stunde, danach gehe ich mit ihr auf den Spielplatz in der Lemon Alley.«

Das schlechte Gewissen regte sich in mir, denn mir war klar, dass das für ihn bedeutete, die verlorene Zeit später nachholen zu müssen. »Du hast was gut bei mir.« Ich boxte ihm lächelnd gegen den stählernen Oberarm und erinnerte mich daran, wie wir als Teenager im Garten hinter unserem Elternhaus trainiert hatten. Vielleicht war das ja etwas, das wir wieder gemeinsam tun konnten, sobald ich Fuß in Saint Mellows gefasst und mich eingelebt hatte.

»Ich schreibe es auf die Liste«, erklärte er grinsend. »Ist ja nicht das erste Mal, dass ich zu deiner Rettung eile. Obwohl ich nicht verstehe, warum du so aufgeregt bist. Du hast die Stelle doch sicher, die haben dich mit Kusshand genommen.« Er schubste mich in Richtung Ausgang. »Los, hau ab, sonst schaffe ich heute gar nichts mehr.«

Ich hob die Arme in die Höhe, als würde ich mich ergeben. »Bin schon weg.« Kopfschüttelnd, aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht schloss ich die Werkstatttür hinter mir und stieg in meinen Wagen. Zwar war es zur Saint Mellows High von hier aus nicht weit und ich hätte auch zu Fuß gehen können, doch ich wollte im Anschluss direkt zum Supermarkt fahren, der außerhalb der Stadt lag.

Ich schnallte mich an und mein Blick blieb an Elsies Kuscheltier hängen, das im Fußraum der Beifahrerseite lag. Ächzend bückte ich mich, um den Koala namens Carla aufzuheben und in Elsies Kindersitz zu setzen. »Dann mal los.« Ich schloss für einen Augenblick die Augen, atmete tief durch und startete den Motor, um an den Ort zu fahren, an den zurückzukehren, geschweige denn dort zu arbeiten, ich niemals geglaubt hätte. Meine Finger am Lenkrad zitterten vor Aufregung und ich war froh über den kurzen Fahrtweg. Keine fünf Minuten später bog ich auf den leeren Parkplatz ein. Momentan waren Sommerferien, was hieß, dass ich noch ein bisschen Zeit hatte, ehe ich als Lehrer in dem Klassenraum stehen würde, in dem ich Schüler gewesen war. Was für ein seltsames Gefühl, für das ich kaum Worte fand. Am meisten freute ich mich darauf, das Football-Team als neuer Coach zu trainieren. Ich selbst war damals in der Mannschaft gewesen und hatte es geliebt. Ursprünglich war es nie mein Plan gewesen, Lehrer für Geschichte und Sport zu werden, doch irgendwie hatte mein Weg mich dorthin geführt, und es wäre gelogen zu behaupten, dass ich den Job nicht mochte.

Ich parkte auf dem Lehrerparkplatz und schaltete den Motor aus, dessen monotones Brummen nicht nur Elsie beruhigte, sondern auch mich. Die bisherige Kommunikation mit der Schule hatte ich glücklicherweise online erledigen können. Jetzt wieder hier zu sein ließ eine Reihe alter Erinnerungen in mir aufsteigen und ich versuchte krampfhaft, sie nicht zu nah an mich heranzulassen. Viel zu lang hatte ich darum gekämpft, nicht mehr an sie zu denken. Mich nicht zu fragen, warum sie mich von sich gestoßen hatte, zu einer Zeit, in der sie mich am meisten gebraucht hätte. Ich hatte es irgendwann geschafft weiterzumachen, mir ein Leben ohne sie aufzubauen, auch wenn ich dabei ein paar Umwege genommen hatte. Meine aktuelle Situation war das beste Beispiel dafür. Es war nie mein Wunsch gewesen, ein Kind zwischen zwei Welten großzuziehen, doch mit Fiona, Elsies Mom, zusammenzubleiben, wäre trotzdem falsch gewesen. Andererseits hatte vielleicht alles so kommen sollen, denn ohne die Umwege hätte ich keine Tochter. Und Elsie hätte ich für nichts und niemanden in dieser Welt wieder hergegeben, sie war mein ein und alles. Ich öffnete die Autotür und sofort drang ein Schwall heißer Luft ins Wageninnere. Ich stieg aus und fühlte mich keine zehn Sekunden später, als säße ich in der Sauna. Eingepackt in einen Wintermantel. Dass die Sommer hier in Saint Mellows immer so heiß sein mussten! Rasch eilte ich hinüber zum Haupteingang, an dem ich mit Schuldirektor Mills verabredet war. Er wartete bereits hinter der großen Glastür, die er breit grinsend öffnete, um mich ins klimatisierte Gebäude zu lassen, sobald er mich sah. »Mr. Fairfield«, begrüßte er mich und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. »Herzlich willkommen zurück.«

Ich fuhr mir mit der Hand durch die dunkelbraunen Haare und blickte mich um. »Danke, Mr. Mills.« Ich lächelte verhalten und ließ den Blick für einige Augenblicke durch das schmale Foyer gleiten. »Hier hat sich wirklich kaum etwas verändert.« Leider.

Schmunzelnd deutete Mr. Mills den Flur entlang, der zum Direktorat führte. »Sie haben gefühlt ja auch erst gestern ihren Abschluss hier gemacht«, erklärte er überflüssigerweise, denn natürlich war mir klar, wie lang es her war.

»Richtig«, murmelte ich und versuchte, mir in seiner Gegenwart nicht mehr vorzukommen wie ein Schüler, sondern wie ein Kollege. Genau das würde ich ab dem Moment sein, in dem ich den Arbeitsvertrag unterzeichnete. Was hoffentlich in den nächsten zehn Minuten geschehen würde. Ich realisierte, dass ich den Blick starr auf die Fußspitzen gerichtet hatte, und mir war auch klar, warum. Ich wollte einfach noch nicht mit meiner Vergangenheit konfrontiert werden, erst recht nicht in Gegenwart meines ehemaligen Schuldirektors, der wusste, was damals geschehen war. Bürdete ich mir vielleicht zu viel auf? Würde ich es aushalten, jeden Tag in der Zeit zurückzureisen? Plötzlich überfielen mich Zweifel und ließen mich nicht mehr los. Meine Handflächen fingen gleichzeitig an zu schwitzen und eiskalt zu werden. Ich ballte sie zu Fäusten und hoffte, dass es Mr. Mills nicht auffiel.

»Das hier ist Ihre zweite Anstellung als Lehrer, ja?« Mr. Mills räusperte sich. Anscheinend fiel es ihm nach wie vor schwer, einfach zu schweigen.

Ich atmete tief ein und stieß einen Schwall Luft aus, ehe ich antwortete. »Jawohl.« Mir saß ein Kloß im Hals, der mir das Sprechen erschwerte, daher räusperte ich mich. »Ich habe nach dem Studium drei Jahre an einer Highschool in Chicago Geschichte unterrichtet.«

»Chicago, soso«, wiederholte er eine Spur zu herablassend, und ich wünschte mir, der Weg zu seinem Arbeitszimmer würde nicht durch das halbe Schulgebäude führen.

»Genau«, murmelte ich und lief den hellgrauen Linoleumboden entlang, der an manchen Stellen fleckige Verfärbungen aufwies. Das Geräusch unserer Schritte hallte im Gang wider und setzte sich bis in meine Nervenenden fort. Ich hoffte, er würde keine weiteren Fragen stellen, denn im Grunde lag der gesamte Bewerbungsprozess bereits hinter uns. Davon abgesehen war es eine Herausforderung, Lehrer für Schulen mitten in der Pampa zu finden, und es lag sicher auch in seinem Interesse, die Sache hier möglichst schnell abzuschließen. Ich jedenfalls wollte einfach meinen Vertrag unterzeichnen und dann wieder gehen, um der peinlichen Situation zu entkommen.

»Bitte, hereinspaziert!« Er stoppte abrupt, um mir die Tür aufzuhalten, und ich wäre beinahe in ihn hineingerannt. Mir war nicht aufgefallen, dass wir bereits vor seinem Büro angelangt waren, da ich die Augen nicht von meinen Schuhspitzen genommen hatte. Als ich jetzt den Kopf hob, blieb mein Blick ausgerechnet an der Vitrine hängen, in der sämtliche Pokale, Medaillen und Preise ausgestellt waren, die die Schulmannschaften seit Gründung der Schule gewonnen hatten. Egal, ob es sich dabei um den Debattierclub, den Theaterclub, die Cheerleader oder die Footballmannschaft handelte. Hier an der Saint Mellows High wurde nicht zwischen sportlichen, geistigen oder künstlerischen Leistungen unterschieden. Selbstverständlich sprangen mir sofort die Pokale aus meinem letzten Highschooljahr in die Augen. Nicht nur meine Mannschaft hatte damals die Meisterschaft des gesamten Bundesstaats gewonnen. Nein, auch das Cheerleaderteam hatte das geschafft. Ihr Cheerleaderteam. Ich erinnerte mich genau an diesen Tag, wie hätte ich ihn auch vergessen können, wo er doch mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hatte. Unser Leben.

Ich riss den Blick los, um der Erinnerung zu entfliehen, und betrat Mr. Mills Büro, lief zielstrebig zu seinem Schreibtisch und hoffte, er würde mir nicht aus Höflichkeit einen Kaffee anbieten. Erstens war mir dafür zu heiß und zweitens musste ich hier raus. Einfach schnell raus und meine Gefühle sortieren, die auf mich einprasselten wie ein eisiger Schauer.

2. Kapitel

Riley

»Bananen, Äpfel, Brot«, zählte ich auf, während ich den Blinker setzte und auf den Parkplatz des Supermarkts einbog. »Und Waschmittel. Hast du alles?« Ich warf Abby einen Seitenblick zu. Sie saß mit gezücktem Kugelschreiber neben mir und notierte alles, was ich ihr diktierte, auf einem Notizblock. Ich schmunzelte, denn anders als die meisten Teenager liebte sie es, handschriftliche Listen zu führen. Ich hingegen verließ mich ganz auf mein Smartphone. Meine Notizen-App war mein Alltagsretter, ich hielt dort alles fest, hatte ein Farbsystem entwickelt und sie mit dem Kalender verknüpft. Würde man mir das Handy klauen, wäre ich so was von aufgeschmissen.

»Lucky Charms Cornflakes, Pop Tarts, Hot Chocolate und Waschmittel.« Sie streckte mir die Zunge heraus und wedelte mit dem Block. »Alles aufgeschrieben.«

»Ach, Abby!« Ich seufzte, während ich in den Seitenspiegel blickte, um das Auto neben uns beim Einparken nicht zu rammen. Das wäre leider nicht das erste Mal gewesen. Und momentan so ziemlich das Letzte, was ich gebrauchen konnte.

»Das war ein Witz, Riley«, erklärte meine kleine Schwester lachend. »Ich weiß, dass wir etwas knapp bei Kasse sind.«

Das war noch milde formuliert. »Das wird sich ändern, sobald ich einen neuen Job gefunden habe, okay?« Ich schaltete den Motor aus, der seit einigen Wochen ein gefährlich blubberndes Geräusch von sich gab, das ich bald nicht mehr würde ignorieren können. Die alte Klimaanlage surrte ein wenig nach, ehe sie sich mit einem Klicken ausschaltete. Im Grunde war es Quatsch, sie einzuschalten, denn sie funktionierte kaum noch und sorgte lediglich dafür, dass sich der Tank im Nu leerte.

»Mach dir keinen Kopf, Riley, echt. Ist schon okay«, meinte Abby, schnallte sich ab und boxte mit ganzem Körpereinsatz gegen ihre Tür, bevor sie sie öffnete. Anders bekam man sie nicht mehr auf.

»Unser Leben ist eine Vollkatastrophe«, flüsterte ich mit belegter Stimme, nachdem sie die Tür hinter sich zugeworfen hatte. Ich stieg ebenfalls aus und nutzte den kurzen Moment, den Abby brauchte, um einen Einkaufswagen zu organisieren, um das schmale Portemonnaie aus meinem beigefarbenen Rucksack mit den Fransen zu kramen und das Bargeld zu zählen. Erneut. Als hätte es sich wie durch ein Wunder auf dem Weg zum Supermarkt verdoppelt. Man durfte ja noch träumen. Ich holte tief Luft und fuhr mir mit der freien Hand durch die langen blonden Haare, die mir dank der knallenden Sommersonne im Nacken klebten. Mit einem Stöhnen registrierte ich, dass ich meinen Haargummi nicht wie sonst am Handgelenk trug. Vergeblich tastete ich die Hosentaschen meiner hochgeschnittenen Jeans-Shorts nach ihm ab, wobei sich der provisorische Knoten meines Shirts oberhalb des Bauchnabels löste. Ich trug das gleiche Oberteil, in dem ich geschlafen hatte, und schnupperte unauffällig am Stoff. Es war das letzte halbwegs saubere Kleidungsstück gewesen. Kurzerhand warf ich die Geldbörse zurück in den Rucksack und kramte stattdessen das Smartphone daraus hervor, um auf meiner To-do-Liste direkt über der Aufgabe, die Fenster zu putzen, das To-doWäschewaschen notierte. Als ich fertig war, schulterte ich den Rucksack und blinzelte gegen die Sonne zum Supermarkteingang, wo Abby und der Einkaufswagen bereits auf mich warteten.

***

Im Kopf rechnete ich heimlich die Preise sämtlicher Produkte zusammen, die in unserem Wagen landeten, und je näher wir dem Ende der Einkaufsliste kamen, desto mulmiger wurde das Gefühl in meiner Magengegend. Wir bogen in den Gang mit den Waschmitteln ein, und ich beobachtete Abby dabei, wie sie ganz selbstverständlich die unteren Reihen nach dem günstigsten Waschmittel absuchte und es, ohne mit der Wimper zu zucken, herausnahm. Würden wir jemals einkaufen können, ohne nach dem Billigsten vom Billigen Ausschau halten zu müssen?

»Super, das wäre alles.« Mit einem breiten Lächeln im Gesicht zerknüllte Abby die Einkaufsliste in ihrer Hand und steckte sie achtlos in ihre Bauchtasche, die sie über einer Schulter trug.

Es fiel mir schwer, ihr Grinsen zu erwidern. »Komm«, meinte ich stattdessen, griff pfeilschnell nach dem Wagen, sprang mit einem kurzen Anlauf auf die Strebe und rollte für ein paar Meter mit ihm vorwärts.

»Warte!« Ich hörte, wie meine Schwester mir lachend folgte, ihre Flipflops verursachten ein patschendes Geräusch auf dem Boden. »Wo willst du hin? Zur Kasse geht’s da lang.«

Ich wandte mich zu ihr um und zwinkerte sie grinsend an. »Ich weiß, wir haben etwas vergessen.« Als der Wagen von allein hielt, sprang ich mit einer eleganten Pirouette ab, wobei ich in der Drehung mit ausgestreckter Hand auf das Cornflakesregal deutete. »Hol dir deine Lucky Charms«, forderte ich sie auf und spürte das Adrenalin in mir aufsteigen, das mich immer dann überkam, wenn ich etwas tat, das mich auch nur annähernd ans Tanzen erinnerte. Den Traum, professionelle Tänzerin zu werden, hatte ich schon vor Jahren an den Nagel gehängt, denn mein Leben hatte zwischen uns gestanden. Weder hatte ich das Geld, um eine Ausbildung zu bezahlen, noch die Zeit oder Kraft dafür. Doch meine Liebe fürs Tanzen würde garantiert bis in alle Ewigkeit währen. Nicht jeder von uns konnte von dem leben, was er liebte, und das war okay.

Abby biss sich auf die Unterlippe und wich meinem Blick aus. »Ist schon gut, Riley, ich brauch die nicht unbedingt«, murmelte sie kleinlaut und versenkte ihre Daumen in den winzigen Hosentaschen ihres schwarzen Jeansrocks.

»Es ist okay, Süße.« Ich schenkte ihr ein Lächeln, von dem ich hoffte, dass es meine Augen erreichte. »Sieh es als Zeichen für einen sorgenlosen Start in unser neues Leben.«

Abby verdrehte die Augen, und ich sah, dass ihr Mundwinkel sich anhob. Sie hechtete zielgenau auf die rote Verpackung mit dem irischen Kobold zu, presste sie fest an ihre Brust, als wäre sie etwas Kostbares, und drückte mir einen Kuss auf die Wange. »Danke, Sis«, flüsterte sie und trug die Packung zur Kasse, statt sie zu unseren anderen Einkäufen in den Wagen zu legen. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Womit hatte ich so eine fantastische kleine Schwester verdient, die mehr Verständnis zeigte, als ich in ihrem Alter jemals hätte aufbringen können?

Mit jedem Artikel, den die Verkäuferin über den Scanner zog, rutschte mir das Herz mehr Richtung Hose. Wie gebannt starrte ich auf die steigende Summe und atmete erleichtert aus, als sie endlich fertig war. Ein Mädchen mit einem Supermarkt-Basecap auf dem Kopf, das nicht älter als sechzehn sein konnte, packte sorgfältig unsere Einkäufe in Papiertüten. Sie lächelte mir zuvorkommend zu, und ich kramte zwiegespalten einen Dollar aus dem Portemonnaie, um ihn ihr als Trinkgeld zu reichen.

»Danke«, strahlte sie mich an, was mein Herz für einen Augenblick wärmte, auch wenn ich dem Dollar stumm hinterhertrauerte.

Ich zählte das Bargeld ab, reichte es der Kassiererin, zusammen mit einem Coupon, dank dem wir bei den Tomaten sparten. Ich hatte ihn heute Morgen aus einem Prospekt ausgeschnitten. Die Mitarbeiterin nahm alles diskret lächelnd entgegen und ich wandte mich an meine Schwester. »Gehst du schon mal voraus? Ich komme gleich nach.« Ich deutete mit einem Kopfnicken zum Ausgang, und Abby stellte wie immer keine Fragen, sondern tat einfach, worum ich sie bat. Wenn sie wüsste, wie dankbar ich ihr dafür war.

»Sind Sie neu hier? Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor.« Mit einem Lächeln drückte mir die Verkäuferin das läppische Wechselgeld in die Hand. Ganz schön neugierig.

»Ich habe vor einer Weile hier gelebt und bin kürzlich wieder hergezogen«, murmelte ich, streckte den Rücken durch und holte tief Luft, ehe ich weitersprach. »Können Sie mir sagen, ob hier im Supermarkt ein Job für mich frei wäre?« Augenblicklich verzog sich die Miene der Frau, und ich las Mitleid in ihrem Blick, das ich zu ignorieren versuchte. Ich brauchte keines, davon konnte ich uns nichts kaufen.

»Leider nein, Liebes.«

»Wirklich nicht?« Ich hasste es zu betteln. »Ich würde alles tun, Regale einräumen, das Lager sortieren, ich kann gut Kopfrechnen und habe Erfahrung an der Kasse«, rasselte ich herunter, doch sie schüttelte bedauernd den Kopf.

»Unsere Marktleiterin, Mrs. Barrett, ist heute nicht da, sie kommt erst morgen wieder, versuchen Sie es doch da noch mal. Aber machen Sie sich keine allzu große Hoffnung, wir sind zurzeit voll besetzt.«

»Okay«, seufzte ich geknickt, verstaute das Geld in meinem Portemonnaie und wandte mich winkend ab. »Trotzdem danke.«

»Haben Sie einen schönen Tag«, rief sie mir hinterher, was mir ein leises Schnauben entlockte. Zum Glück bekam sie es nicht mit. Ja, der Tag würde bestimmt unübertrefflich werden.

»Kein Job frei, hm?« Abby, die an der Tür auf mich gewartet hatte, konnte in meinem Gesicht offenbar deutlich lesen, was gerade vorgefallen war.

»Nein«, erwiderte ich kurz angebunden, straffte die Schultern und setzte ein halbwegs ehrliches Lächeln auf. »Aber noch ist nicht aller Tage Abend, es gibt viele andere Anlaufstellen.« Ich war mir nicht sicher, ob die Ermutigung meiner Schwester oder eher mir selbst galt.

»Okay.« Aus dem Augenwinkel sah ich sie schlucken.

»Hey.« Ich griff nach ihrem Unterarm, damit sie kurz stoppte, wobei es mir egal war, dass wir mitten auf dem Parkplatz standen. »Das wird schon, okay? Wir schaffen das alles, irgendwie. Wie bisher auch.«

Abby seufzte und legte den Kopf schief. »Daran habe ich keine Zweifel, Riley.« Ein resigniertes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. »Ich würde dir nur gern dabei helfen, verstehst du?«

Ratsch. Mein Herz bekam einen weiteren Riss. Wie viele Risse konnte ein Herz verkraften, bis es endgültig entzweibrach? »Du bist vierzehn, Süße. Bitte, sei einfach Kind, ein Teenager. Lass mich den Erwachsenenkram für uns übernehmen, ja?«

»Ich werde bald fünfzehn«, erklärte sie trotzig, als würde das irgendetwas an meiner Aussage ändern. Es sorgte lediglich dafür, dass sich mein schlechtes Gewissen verdoppelte, nein, verhundertfachte. Niemand wusste besser als ich, dass Abby in wenigen Wochen fünfzehn Jahre alt wurde. Wenn ich nicht in den nächsten Tagen einen Job fand, würde es wieder ein Geburtstag ohne große Party, ohne Geschenke werden. Und in jedem Fall ohne Mom und Dad.

Wir hievten die zwei vollen Papiertüten auf die Ladefläche unseres Pick-ups, als ich eine männliche Stimme hinter uns hörte. »Riley? Riley, bist du das?«

In betonter Langsamkeit drehte ich mich um und wünschte mir augenblicklich, die verspiegelte Sonnenbrille zu tragen, hinter der ich mich sicherer fühlte. Genau vor solchen Situationen fürchtete ich mich. Davor, dass mich Leute von früher ansprachen und ich keine Ahnung hatte, wer sie waren. Aber dieser Mann kam mir bekannt vor, was hieß, dass ich ihm weit vor dem Unfall begegnet sein musste. Seine dunkelbraunen Haare und die braunen Augen, die stattliche Größe und das breite Kreuz. Irgendwo in meinem Unterbewusstsein regte sich etwas, doch ich wusste, wie hoffnungslos der Versuch war, irgendetwas Konkretes zu fassen zu kriegen. Meine Erinnerungen waren weg. Gelöscht. Für immer. Unwiederbringlich.

»Ja, hey«, murmelte ich verlegen und strich mir die Haare aus dem Gesicht, spielte am Knoten des Shirts herum. Da lag etwas in seinem Blick, das dafür sorgte, dass mir heiß wurde. Vielleicht war es aber auch seine gesamte Erscheinung. Sein Shirt, das zwar seinen Oberkörper betonte, aber nicht so eng anlag, als wollte er jedem deutlich zeigen, wie muskulös er war. Die sportliche Chino-Hose, für die es doch eigentlich viel zu heiß war. Vielleicht war es die Art, wie er lässig seine Hände in den Hosentaschen versenkte, oder das Lächeln, das eine Spur Unsicherheit verriet, und bei dem sich ein leichtes Grübchen auf seiner Wange bildete. Keine Ahnung, was es war, das mein Herz wie wild in meiner Brust hämmern ließ. Leider hatte ich keinerlei Talent für Small Talk. Ich brauchte einen Tipp, irgendeinen Anhaltspunkt, um ihn zuordnen zu können. Woher kannte er mich nur?

»Ich bin’s, Devon.« Er legte den Kopf schief und runzelte die Stirn, hob skeptisch die Augenbrauen gen Haaransatz. Ich rechnete es ihm hoch an, dass er die Distanz zwischen uns wahrte und keinen Schritt näher kam.

Devon. Devon. Bei dem Namen klingelte etwas, und wenn ich mich nicht täuschte, war ich mit einem Devon auf der Highschool gewesen, nachdem er mitten im Schuljahr von einer Sportschule zu uns gewechselt war. »Ah, ja, hi, na klar«, murmelte ich im Versuch, es aussehen zu lassen, als wüsste ich genau, wer da vor mir stand. Dass meine Erinnerungen nur bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr reichten und auch davor nicht alles zu einhundert Prozent vorhanden war, wusste niemand außer Abby und mir. Und das durfte vorerst auch so bleiben. »Wie geht es dir?« Unverfängliche Freundlichkeit war hoffentlich der beste Weg, um dieses unbequeme Schauspiel möglichst schnell zu beenden.

Perplex zog er die Augenbrauen zusammen und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Weckte diese Geste eine Erinnerung in mir? Irgendetwas? Keine Ahnung. »Gut«, stammelte er und räusperte sich. »Und dir? Euch?« Er wandte sich an meine Schwester. »Hi, Abby!« Meine Eingeweide erstarrten zu Eis. Er kannte nicht nur mich, sondern sprach Abby mit dem Vornamen an? Sie hob die Hand zu einem Gruß, das sah ich aus dem Augenwinkel.

»Auch gut«, log ich schluckend und wies mit dem Daumen über meine Schulter zum Auto. »Wir müssen los, w-wir … haben es eilig.« Ich wollte nur noch weg, flüchten, also berührte ich Abby am Oberarm. »Steig ein«, forderte ich mit Nachdruck in der Stimme. Dann schloss ich die Finger fest um den Griff des Einkaufswagens und schob ihn ohne ein weiteres Wort an Devon vorbei, ließ ihn einfach stehen. Es war mir egal, wie unhöflich ich wirkte. Die Situation hatte mich überrascht und vollkommen überfordert, mein rasendes Herz und die klammen Hände waren der eindeutige Beweis dafür. Wäre ich besser damit zurechtgekommen, wenn er meine Schwester nicht angesprochen hätte? »Vielleicht ist das alles hier doch eine alberne Idee«, zischte ich, während ich den Wagen eine Spur zu hart in seinen Unterstand stieß. Ich hatte den Plan zurückzukommen eindeutig nicht zu Ende gedacht.

Devon

Ah, ja, hi, na klar – Rileys holprige Worte wollten nicht aus meinem Kopf verschwinden. Es hatte gewirkt, als hätte sie keinen Schimmer, wer da vor ihr stand. Ihr Blick hatte mich wie ein Dolch mitten ins Herz getroffen, so unwissend, so distanziert und so angsterfüllt, als wäre ich eine Bedrohung für sie. Grimmig schob ich den Einkaufswagen durch den Supermarkt und drehte bereits die zweite Runde, ohne ihn zu füllen.

»Verdammt, Dev, konzentriere dich«, schalt ich mich und schüttelte den Kopf, um mich zu fokussieren. Tief einatmend checkte ich meine Umgebung. Ich stand in der Backwarenabteilung. Mit in den Nacken gelegtem Kopf las ich die Schilder an der Decke, die als Wegweiser dienten. Nichts in Saint Mellows hatte sich in den letzten fünf Jahren verändert. Nichts außer der Aufteilung im Supermarkt. »War ja klar«, murrte ich, fischte das Handy aus der Hosentasche und öffnete die Liste. Die nächsten zwanzig Minuten kämpfte ich innerlich gegen meine eigenen Gedanken an. Immer wieder schweiften sie von der Milch, dem Brot, dem Wasser in meiner Hand zu Riley ab. Ich fasste es einfach nicht, was sich vorhin auf dem Parkplatz abgespielt hatte. Seit bald sieben Jahren hatte ich sie nicht mehr gesehen, hatte kein einziges Lebenszeichen von ihr erhalten. Von einem auf den anderen Tag war sie aus meinem Leben verschwunden, ohne ein Abschiedswort, ohne dass sie mich ihr hatte helfen lassen. Ihr heute über den Weg gelaufen zu sein, riss eine tiefe Wunde in mir auf, die niemals ganz verheilt war. Der Blick auf Abigail hatte mir verdeutlicht, wie viel Zeit seitdem vergangen war, denn sie war damals noch ein Kind gewesen und sah heute aus wie Rileys Teenager-Ebenbild. Die langen blonden Haare, die in Wellen über ihre Schultern fielen, die sonnengebräunte Haut und die grazile Statur einer Sportlerin, einer Tänzerin. Ob Abby auch tanzte?

Wie in Trance legte ich die Einkäufe auf das Kassenband, zückte meine Geldbörse und reichte dem Mädchen, das alles in Tüten verpackte, zwei Dollar Trinkgeld. Ihr dankbares Lächeln erreichte zwar ihre Augen, doch nicht mich. Ohne die Freundlichkeit der Kassiererin zu erwidern, bezahlte ich stumm mit der Kreditkarte, warf die Taschen in den Wagen und eilte auf geradem Wege zum Auto.

Da die Wohnung, die ich nahe der Highschool gemietet hatte, noch nicht bezugsbereit war, wohnten Elsie und ich gerade in meinem Elternhaus. Mom und Dad genossen es, ihre Enkelin um sich zu haben, doch für mich wurde es mit jedem Tag kräftezehrender. Es lag nicht an ihnen, sondern daran, dass ich wieder in meinem Jugendzimmer schlief, dem Raum, den ich wegen all der Erinnerungen lieber gemieden hätte.

Ich verstaute die Einkäufe im Doppelflügel-Kühlschrank und der Vorratskammer und schrieb Mom eine Nachricht, dass sie heute nicht mehr einzukaufen brauchte, woraufhin sie eine Sprachnachricht aufnahm.

»Das ist nicht nötig, Liebling«, erklärte sie streng, doch ich hörte das Lächeln in ihrer Stimme. »Ihr seid unsere Gäste, bis heute Abe-«. Ich schüttelte grinsend den Kopf. Mom stoppte die Aufnahme meistens zu früh, sodass ihre letzten Worte abgeschnitten wurden. Mein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es allerhöchste Zeit war, Elsie abzuholen und Blake von seinen Onkelpflichten zu befreien. Ich schnappte mir eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und verließ das Haus.

***

»Daaaad«, kreischte Elsie vom Klettergerüst herab, als sie mich sah. Sie winkte mir zu, wobei mir fast das Herz in die Hose gerutscht wäre, denn sie hüpfte dabei wie wild auf und ab.

»Halt dich fest«, rief ich zurück und rannte zu Blake, der unter dem Rutschturm stand und Elsie keine Sekunde aus den Augen ließ.

»Deine Tochter macht mich fertig«, teilte er mir mit einem erschöpften Grinsen mit und wechselte auf die andere Seite der Rutsche, sodass wir uns gegenüberstanden. »Wird sie denn niemals müde?«

Entschuldigend zuckte ich mit den Schultern und warf ihm die Wasserflasche zu, die er mit einer Hand auffing. »Fünfzig Prozent ihrer Gene sind meine. Ich befürchte, dass sie noch lange alles und jeden aufmischen wird.« Ich lächelte meiner Tochter zu, die versuchte, sich mit ihren dreckigen Händen die Haare aus den Augen zu wischen. Dieser verdammte Haarschnitt, den ihre Mutter ihr verpasst hatte, weil er doch so süß war. Süß und absolut ungeeignet für unseren Wirbelwind von Tochter.

»Dann lasst uns alle gemeinsam beten«, stöhnte Blake. Er nahm einen Schluck Wasser, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und warf mir die Flasche zurück. »Danke.«

»Gern …«

»Alles in Ordnung bei dir?« Blake wedelte mit der Hand vor meinem Gesicht herum, um meine Aufmerksamkeit zu erlangen, wobei er fragend eine Augenbraue anhob. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich ins Leere starrte, weil meine Gedanken wieder abgedriftet waren. Wieder zu Riley. »Du siehst aus, als wäre dir ein Geist begegnet.«

Ich schnaubte augenverdrehend. »Eine passendere Bezeichnung hätte dir nicht einfallen können.« Leise stöhnend fuhr ich mir mit der freien Hand über die Stirn, die dank der Hitze und des Gedankenchaos in mir feucht war, und wischte sie anschließend an meinem Bein ab. Ich trug seit heute Vormittag eine lange dunkelblaue Chino-Hose, da es mir seltsam vorgekommen wäre, den Arbeitsvertrag in Shorts zu unterzeichnen. Jetzt bereute ich es, mir nicht die paar Minuten zum Umziehen genommen zu haben, denn die Hitze ließ mich langsam aber sicher zerfließen.

»Klärst du mich auf?« Sein Blick wanderte zwischen mir und Elsie hin und her, die jetzt mit Rutschen an der Reihe war. Sie setzte sich brav hin und jagte mit einem schrillen Juhuuu herunter, direkt in Blakes Arme, der sich ans Ende gehockt hatte, um sie aufzufangen. In einer ausladenden Drehung wirbelte er seine Nichte herum. Als er sie absetzte, griff sie einnehmend nach seiner Hand und versuchte, ihn mit sich zu der Wippe zu ziehen, die in diesem Moment frei wurde. Dank des weichen Sands versank sie im Boden und garantiert würde sie den halben Sandkasten in ihren Turnschuhen mit nach Hause bringen.

»Komm schon, Onkel Blaaaake«, jammerte sie. Das Bild, wie sie versuchte, meinen unverrückbaren Berg von Bruder zum Gehen zu bewegen, war göttlich. Ich nickte lächelnd in Richtung der Wippe, und als Elsie verstand, dass sie ihren Willen bekam, ließ sie von Blake ab und sprintete los, bevor ein anderes Kind schneller war. Wer erinnerte sich nicht an die Kämpfe um Rutsche, Schaukel und Co in der Kindheit?

Blake positionierte sich auf der einen Seite der Wippe, und ich griff unter Elsies Ärmchen, setzte sie auf das Holz und tippte mit einem Finger auf die Handgriffe, damit sie sich festhielt.

»Okay«, piepste sie mir brav zu und wandte sich keine Sekunde später brüllend an meinen Bruder. »Los, Onkel Blake!«

Ich stakste zurück zu Blake, der sich Elsies Befehl fügte und sich langsam auf und ab bewegte. Ich atmete tief durch, ehe ich seinen bohrenden Blick erwiderte. »Du glaubst nicht, wen ich vorhin getroffen habe.« Meine Stimme zitterte, da es mir schwerfiel, die Worte auszusprechen. Vielleicht war sie ja wirklich nur eine geisterhafte Erscheinung gewesen? Hatte mich meine Rückkehr so mitgenommen, dass ich schon Dinge sah, die es gar nicht gab?

»Na? Wen?«

»Riley«, seufzte ich und versuchte standhaft, seinen verdatterten Blick zu erwidern.

»Riley?« Er zog beide Augenbrauen hoch. »Deine Riley?« Ich nickte stumm und vergrub die Hände in den Hosentaschen. »Die Riley, mit der du auf der Highschool zusammen warst?«

»Ja, Blake. Ich kenne nur diese eine Riley«, knurrte ich giftig und erschrak selbst über die Heftigkeit meiner Reaktion. Ich verwandelte mich in ein Pulverfass, das bei der kleinsten Erschütterung Gefahr lief, in die Luft zu fliegen.