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Wicklungen Verdrehtes, Verwickeltes, Gewundenes Es ist nicht der einfache Weg, der die Leserinnen und Leser dieses neuen Bandes der Autorengruppe LITERA erwartet. In den vorgestellten kurzen Geschichten begegnen uns vielmehr Momente der Konfusion, des Hin und Her, der Orientierungslosigkeit. Pläne geraten ins Wanken, Gewissheiten werden in Frage gestellt, gedankliche und rhetorische Diskurse geraten aus den Fugen. Allerdings bietet das Umherirren ebenso Raum zum Nachdenken: Was hat diese Verwirrung verursacht? Ist das angestrebte Ziel wirklich wünschenswert? Doch wie auch immer die Antwort hierauf lauten mag: Am Ende öffnen sich neue Perspektiven. Nach Wasser und Fragmente ist Wicklungen der dritte Band, der zur Ausstellungseröffnung in der Werkstattgalerie Ariane Hartmann im Rahmen von Planet Hagen erscheint. Mit Texten von Frank Siebel, Nuri Ortak, Anja Brand, Carsten Wunn, Regina Lehrkind und Beate Kranz.
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Seitenzahl: 54
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Trio – Frank Siebel
Knoten – Nuri Ortak
Eine verzwickte Suada – Nuri Ortak
Campen mit Hugo - Anja Brand
Verknotungen – Carsten Wunn
Verwirrung – Regina Lehrkind
Demenz – Regina Lehrkind
Abgewickelt – Regina Lehrkind
Gerissen – Regina Lehrkind
Augen verlieren sich – Regina Lehrkind
Die Zeit – Regina Lehrkind
Ausbruch – Regina Lehrkind
Ich bin Ich – Beate Kranz
-Frank Siebel-
Wenn ich mich vorstellen darf: Ich heiße Markus – und ich bin ein Schwein. Zumindest denken das Frauen von mir. Beziehungsweise, sie würden es denken, wenn sie mich näher kennen würden.
Ich gehe nämlich fremd. Mehrfach. Ich pflege Beziehungen zu drei Frauen, die nicht voneinander wissen. Das ist jetzt nicht gelogen oder maßlos übertrieben. Nein, nein.
Vor zehn Wochen habe ich es auch bei Sophia geschafft. Die Monate davor hatte ich nur zwei Bälle im Spiel, bis ich auch dieses hübsche Goldstück von mir überzeugen konnte. Wie ein Jongleur habe ich auch sie fließend in meinen ganz persönlichen Liebesreigen eingefügt. Ich werfe sie mit der einen Hand hoch, sehe zu, wie sie fällt, um sie dann mit der anderen Hand wieder aufzufangen – bildlich gesprochen natürlich. So geht es reihum, ein ewiger Kreis.
In moralischer Hinsicht ist mein Handeln natürlich nicht zu vertreten. Aber das kümmert mich nicht. Moral ist was für Spießer und Theologen. Ich kann damit nichts anfangen. Ich gebe meinen Frauen, was sie brauchen, sage, was sie hören wollen. „Gibt es da noch eine andere Frau in deinem Leben, Markus?“ Und ich, im Ton gerechter Entrüstung: „Wie kannst du so etwas auch nur denken? Natürlich nicht! Ich liebe nur dich.“ Und was machen sie? Sie lächeln. Immer. Ich mache sie glücklich. Was bitte, ist daran falsch?! Außerdem habe ich viel Spaß mit ihnen: Mit Sophia und ihrem italienischen Temperament, mit Julia – das „J“ wird englisch ausgesprochen – und ihrem Herz aus Gold. In ihrer Wohnung leben drei Katzen, die sie als Streuner von der Straße geholt und bei sich aufgenommen hat. Und dann Anna: groß, schlank, lange blonde Haare. Im Abendkleid ist sie eine Göttin. Leider nicht die Göttin der Weisheit, denn Anna ist intellektuell leider so unter dem Durchschnitt, dass sie bei ,Wer wird Millionär?' regelmäßig an der Fünfzig-Euro–Frage scheitert. Anna hat andere Qualitäten, so wie Sophia und Julia auch jeweils das gewisse Etwas für mich haben, aber in dieser Hinsicht bleibe ich lieber diskret.
Das Führen einer Beziehung mit gleich drei Frauen ist nicht einfach. Neben einer exakten Tages- und Wochenplanung bedarf es eines sicheren Umgangs mit der präsentierten Identität. Für die eine arbeite ich bei einer Versicherung im Außendienst, für die andere bin ich ein Ingenieur, für die dritte ein IT–Experte, der Firmen auch im Ausland berät. Davon stimmt natürlich nichts, aber ich muss meinen Herzblättern ja irgendwie erklären, warum ich nicht jeden Tag bei ihnen sein kann. Verbringe ich ein paar schöne Tage mit Sophia, bin ich für die anderen eben beruflich unterwegs. So geht das hin und her, und das seit fast einem Jahr.
Was die Sache schwierig macht: Meine Eroberungen sind nicht blöd – na gut, Anna ist ein Sonderfall -, aber grundsätzlich sind das alles gestandene Frauen Mitte, Ende dreißig, die entweder - so wie ich - geschieden sind oder in Trennung leben, was sie naturgemäß zunächst einmal misstrauisch gegenüber neuen Männerbekanntschaften macht. Doch wenn sie einem Mann begegnen, der mit beiden Beinen im Leben steht, der verständnisvoll und zurückhaltend ist, der sie respektiert und umschmeichelt, der nach einer großen Enttäuschung sich endlich wieder neu verlieben möchte – das lässt in der Regel keine Frau kalt. Hinsichtlich Letzterem bin ich, wie gesagt, tatsächlich geschieden, allerdings sind Corinna und ich uns nach zwölf Jahren Ehe so auf die Nerven gegangen, dass wir uns sogar einigermaßen einvernehmlich getrennt haben. Sie bekam den Hund und das Haus, ich meine Freiheit, und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich seit dieser Zeit ein glückliches und zufriedenes Leben führe.
Im Augenblick jedoch nicht so sehr, wie ich einräumen muss. Ich liege nämlich seit vier Tagen im Bett. Im Sankt Johannes Hospital genauer gesagt, Haus B, Station zwei, Zimmer zweihundertsechzehn. Ich war gerade auf dem Weg zu Julia, als so’n Idiot plötzlich von rechts auf die Überholspur zog. Ich konnte nicht mehr bremsen und BÄMM! Dann quietschten hinter mir Bremsen, ein heftiger Schlag schob meinen Nissan nach vorne; im Anschluss Schmerzen und Rettungswagen mit Tatütata. Glücklicherweise ist trotz dem ganzen Theater keinem richtig was passiert. Dem Typ vor mir nicht, und dem, der mir hinten aufgefahren ist, auch nicht. Ich bin mit blauen Flecken, einer üblen Platzwunde an der Stirn, einem verrenkten Nacken und einem gebrochenen Bein davongekommen. Scheiße, aber was soll man machen. Die einzigen, die wirklich nerven, sind meine Zimmernachbarn: Ein verkalkter Greis, der an der Hüfte operiert wurde und nachts aus unerfindlichen Gründen immer nach einer „Hannelore“ schreit, und ein Hobbyfußballer Anfang zwanzig, dem die Bänder gerissen sind und der fast täglich von seiner kompletten Mannschaft besucht wird, die „Alter“ und „Digger“ zu ihm sagen.
Nun liege ich hier mit Verband um den Kopf und das Bein in Gips, aber wenigstens gibt es auf der Station eine bildhübsche junge Krankenschwester, deren Anblick mir den Aufenthalt in dem Bau etwas versüßt.
Dazu wohnt Julia nur ein paar Straßen von der Klinik entfernt. Natürlich war sie beunruhigt, als ich nicht, wie vereinbart, bei ihr erschien, doch informierte ich sie über mein Missgeschick sobald ich in der Lage war, von meinem Zimmer aus zu telefonieren. Seitdem ist sie jeden Tag bei mir und versorgt mich mit allem, was ich brauche.
Zuerst brauchte ich mein Smartphone, denn für Anna war ich zurzeit in der Schweiz und München hatte ich als frei erfundene Residenz für meine heißblütige Sophia ausgesucht. Kurz, für sie durfte ich überhaupt nicht hier sein.
Nach dem Unfall war mein nun schrottreifer Nissan von einem örtlichen Abschleppunternehmen mitgenommen worden. Ich schrieb Julia eine Vollmacht, mit der sie dort hinging, um
