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80 JAHRE ATTENTAT VOM 20. JULI: Mittäter, Mitläufer, Widerständler – Deutsche Diplomaten im „Dritten Reich“
Während der Zeit des Nationalsozialismus trugen die meisten Mitarbeiter des Auswärtigen Amts die Politik des Regimes mit, aber es gab auch Gegner der NS-Herrschaft unter ihnen. Zum ersten Mal zeigt dieser Band die unterschiedlichen Facetten des Widerstands unter Hitlers Diplomaten und bietet anhand von individuellen Beispielen eine Gesamtschau auf die Protagonisten und deren Handlungsweisen.
Unmittelbar nach Kriegsende entstand der Mythos eines im Auswärtigen Amt weit verbreiteten Widerstands gegen das nationalsozialistische Regime. Jüngere Forschungen haben jedoch gezeigt, wie wenig verwurzelt der Widerstand unter Hitlers Diplomaten tatsächlich war und wie schwierig es ist, eine klare Grenze zwischen Mittäter und Widerständler zu ziehen. Eine geschlossene Opposition »des« Auswärtigen Amts gegen Hitler hat es nicht gegeben, wohl aber einen Widerstand, bei dem einzelne Angehörige oder Pensionäre des Amts mit Mitgliedern anderer Widerstandszirkel außerhalb des diplomatischen Dienstes konspirierten. Neben prominenten Figuren des Attentats vom 20. Juli 1944 und Ernst von Weizsäcker widmet sich das Buch vor allem den vergessenen Widerstandskämpfern sowie der Phase der Aufarbeitung nach 1945 und den erinnerungspolitischen Herausforderungen.
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Seitenzahl: 599
Veröffentlichungsjahr: 2013
Jan Erik Schulte und Michael Wala (Hg.)
Widerstand und Auswärtiges Amt
DIPLOMATEN GEGEN HITLER
Siedler
Erste Auflage
Copyright © 2013 by Siedler Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: Rothfos + Gabler, Hamburg
Satz: Ditta Ahmadi, Berlin
Reproduktionen: Aigner, Berlin
ISBN 978-3-641-10494-8
www.siedler-verlag.de
Inhalt
Gegen den Strom
Diplomaten gegen Hitler
Diplomaten im Widerstand gegen Hitler
Außenpolitische Konzepte und Initiativen
HANS MOMMSEN
Republikaner ohne Republik
Friedrich von Prittwitz und Gaffron und der Widerstand der Botschafter
MICHAEL WALA
Individualist und Diplomat
Albrecht Graf von Bernstorff
REINHARD R. DOERRIES
Widerstand und Wiedergutmachung
Der traurige Fall des Otto von Strahl
MARTIN KRÖGER
Einsamer Widerständler und Spion im Auswärtigen Amt
Fritz Kolbe
LUCAS DELATTRE
Nur seinem Gewissen verpflichtet
Rudolf von Scheliha
ANNE NELSON
Erkundungen in der Grauzone
Der Diplomat Gerhart Feine im Zweiten Weltkrieg
KARSTEN LINNE
Überwintern in der »Auffangstellung«?
Wipert von Blücher und der konservative Widerstand
MICHAEL JONAS
Gestapo und nationalkonservative Opposition bei Kriegsbeginn
Der Fall Eduard Brücklmeier
JAN ERIK SCHULTE
Tod als Opfer für eine bessere Zeit
Hans Bernd von Haeften im Widerstand
GÜNTER BRAKELMANN
Der Widerstandskämpfer
Adam von Trott zu Solz und das Auswärtige Amt
BENIGNA VON KRUSENSTJERN
Gestapo, »Volksgerichtshof« und Auswärtiges Amt nach dem 20. Juli 1944
JOHANNES TUCHEL
Ambivalenz und Paradox bei der Durchsetzung der NS-Judenpolitik
Heinrich Wolff und Wilhelm Melchers
FRANCIS R. NICOSIA, CHRISTOPHER R. BROWNING
Offizier und Diplomat
Ernst von Weizsäcker in Kaiserreich, Weimarer Republik und »Drittem Reich«
LARS LÜDICKE
»Im Amt geblieben, um Schlimmeres zu verhüten«
Ernst von Weizsäckers Opposition aus Sicht der US-Anklage
DIRK PÖPPMANN
»Es wurde ganz wacker Widerstand geleistet«
Geschichtsbilder und Personalpolitik im Auswärtigen Amt nach 1945
ECKART CONZE
Dank
Die Autoren
Personenregister
Gegen den Strom
Diplomaten gegen Hitler
Esgehört zu den Gründungsmythen der Bundesrepublik Deutschland, dass es im Auswärtigen Amt einen breit angelegten Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime gegeben hat, und so wurden die zumeist konservativen und bürgerlichen Diplomaten schnell zu Kronzeugen der neuen Bundesrepublik. Diese in der Nachkriegszeit konstruierte Geschichte des Widerstands diente der Orientierung, unterstützte und prägte die Selbstverortung von Individuen, Gruppen und Institutionen. Sie legitimierte auch das politische Selbstverständnis des demokratischen Deutschland und stilisierte das Auswärtige Amt zu einer tragenden Säule der neuen Republik.
Bei der kritischen Untersuchung dieser »ersten« Geschichte des Widerstands der Diplomaten und der Mechanismen ihrer Entstehung stellte sich jedoch heraus, dass der Widerstand im Auswärtigen Amt tatsächlich eher gering war und es schwierig ist, eine klare Grenze zwischen Mittäter und Widerständler zu ziehen. Eine geschlossene Opposition »des« Auswärtigen Amts gegen Hitler hat es jedenfalls nicht gegeben. Wie bedeutsam diese Auseinandersetzung mit der gesichert scheinenden Geschichte des Widerstandes für die heutige Diskussion ist, die weit über eine reine Fachdiskussion hinausgeht, zeigt sich auch an den vielfältigen und teilweise kontroversen Reaktionen auf den Band Das Amt und die Vergangenheit.1 Eine Beschäftigung mit dem Widerstand und dem Auswärtigen Amt muss folglich sowohl vor dem Hintergrund der aktuellen wie auch der historischen Debatten geschehen.
Die Bedeutung von Angehörigen des Auswärtigen Amtes, die wichtige Funktionen im Widerstand ausübten, ist unbestritten. Über die bekannten Personen hinaus, die in den Staatsstreich gegen Hitler am 20. Juli 1944 involviert waren, sind in der historischen Forschung neue Namen aufgetaucht, Diplomaten, die Widerstand gegen das Regime geleistet haben und dabei andere Formen als die des Tyrannenmordes wählten. Auch sie finden in diesem Band einen Platz. Die hier versammelten biographischen Skizzen sind also Teil einer »zweiten« Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.
Im Zuge ihrer Forschungen blicken die Verfasser auch hinter die Kulissen einer interessengesteuerten Konstruktion des Widerstandes im Auswärtigen Amt. Bereits in den alliierten Nachkriegsprozessen und danach im Rahmen des Neuaufbaus des Auswärtigen Amtes in der Bundesrepublik dienten ja Hinweise auf den Widerstand der individuellen wie kollektiven Legitimation von Verhalten im »Dritten Reich«. Anders als beispielsweise ehemalige Wehrmachtsoffiziere suchten die vormaligen Beamten des vom Hitler-Gefolgsmann Joachim von Ribbentrop geführten Amtes in der Nachkriegszeit die Nähe zu den als Widerständlern bekannten Personen ihrer Behörde. Bis heute sind die Widerstandskämpfer aus dem Auswärtigen Amt Identifikations- und Galionsfiguren für deren kollektive Identität.
Die Forschungen vor allem der letzten Jahre haben jedoch gezeigt, dass nur wenige Mitarbeiter des Amtes tatsächlich als Widerständler bezeichnet werden können. Die meisten haben das nationalsozialistische Terrorregime durch ihre Arbeit mitgetragen und dessen Ziele zum Teil nicht nur willig, sondern mit Verve unterstützt. Aber es hat auch Diplomaten gegeben, die gegen das Regime gearbeitet und sich ihm verweigert haben. Sie hatten häufig Verbindungen zum militärischen oder zum zivilen Widerstand, der sich in bestimmten Kreisen oder um einzelne Personen formierte. Aber diese Widerständigen haben im Auswärtigen Amt kein umfassendes Netzwerk gebildet, ihre Aktionen waren kaum miteinander verbunden. Es gab unterschiedliche, sich teilweise überlappende, doch auch völlig voneinander unabhängig agierende Netzwerke, vorwiegend aber individuellen Widerstand, Opposition oder Resistenz. Da die Gravitationszentren der Opposition außerhalb des Amtes lagen, konspirierten die Angehörigen oder Pensionäre des Amtes häufig mit Mitgliedern von Widerstandszirkeln außerhalb des diplomatischen Dienstes.
Wenn es einen Widerstand »des« Auswärtigen Amtes nicht gab, muss die Frage nach der Beziehung zwischen Auswärtigem Amt und Widerstand gestellt werden, danach, welche Bedeutung die Zugehörigkeit zum Amt für die einzelnen Widerstandskämpfer hatte. Tatsächlich waren einige wichtige Vertreter der Opposition überhaupt keine Amtsangehörigen mehr, sondern pensioniert oder entlassen. Für sie war es nicht mehr ein Widerstand »aus« dem Amt.
Doch wie lässt sich überhaupt eingrenzen, was als Widerstand gelten kann? Die historische Forschung hat sich hierüber seit langem Gedanken gemacht. Vielfältige Versuche, Opposition, Gegenarbeit, Resistenz, Dissens, Eigensinn und »innere Immigration« voneinander abzugrenzen sowie fließende Übergänge von Nonkonformität über Verweigerung und Protest bis zum Widerstand herauszuarbeiten2 sind das Resultat. Im vorliegenden Band fassen wir den Widerstand weit.3 Dadurch wird es möglich, Personen und Handlungen in den Blick zu nehmen, die sonst womöglich unerkannt und unbeachtet geblieben wären. Das heißt aber auch, dass das Handeln der Einzelnen besonders kritisch untersucht wird und auch regimekonformes Verhalten, Anpassung, Mitläufertum und Täterschaft benannt werden. Wie weit ein Widerstand ging, ob überhaupt Opposition vorlag oder wie die entsprechenden Handlungen einzuordnen sind, ist für jeden Fall gesondert zu bewerten. Es werden hier auch Personen vorgestellt, deren Widerstand umstritten und zweifelhaft war oder deren Distanz zum Regime nur der eigenen Selbstwahrnehmung entsprang. Weil in diesem Band sehr verschiedene Biographien versammelt sind, können die unterschiedlichen Facetten des Widerstands im Auswärtigen Amt verglichen, eine differenzierte Gesamtschau auf seine Protagonisten geboten und nach gegebenenfalls vorhandenen Zusammenhängen gefragt werden. Welche Beziehungen gab es also zwischen den Protagonisten, wie entstanden sie, wie wurden sie gepflegt und welche Bedeutung hatten sie für das individuelle Widerstandshandeln?
Im Mittelpunkt der meisten Beiträge stehen jeweils individuelle Entscheidungen, die aus der historischen Perspektive deutlich gemacht werden. Die zeitgenössischen Rahmenbedingungen für Beweggründe und Handlungsalternativen werden detailliert herausgearbeitet. Persönliche Motive und Ängste fanden im Widerstand gegen das nationalsozialistische Terrorregime zusammen, aber nur die Kontinuitäten, Brüche und Ambivalenzen in den individuellen Lebensläufen können erklären, warum der Einzelne, warum hoch angesehene Diplomaten ihre Karriere riskierten, ihre Familien in Gefahr brachten und ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten, um Widerstand zu leisten.4 Das Leben dieser Diplomaten bestand ja nicht nur aus Widerstand, sondern hatte viele andere Facetten. Es gab eine Existenz davor und, wenn sie das »Dritte Reich« überlebten, auch ein Leben danach. Familie, Freunde, Karriere spielen hierbei durchaus keine untergeordnete Rolle.
Überzeugungen entstehen nicht über Nacht, sie sind Resultat eines mehr oder weniger langen Prozesses von Aneignung, Veränderung und Überprüfung von Ansichten und Haltungen in sich verändernden Zusammenhängen. In den Beiträgen in diesem Band werden diese Prozesse verfolgt, und es wird beschrieben, wie die Diplomaten zu der Erkenntnis kamen, dass sie Verantwortung tragen und Schuld auf sich laden würden, wenn sie das verbrecherische NS-Regime unterstützten. Wir können so besser verstehen, wie die Entscheidung reifte, gegen den Strom der Millionen Anhänger Hitlers und der meisten Kollegen im Auswärtigen Amt zu schwimmen und dabei nicht nur Wohlstand und Karriere, sondern auch das eigene Leben zu riskieren.
Jan Erik Schulte und Michael Wala
im Mai 2013
1 Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann, Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, München 2010.
2 Vgl. insbesondere Detlef Peukert, Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde. Anpassung, Ausmerzen und Aufbegehren unter dem Nationalsozialismus, Köln 1982, S. 97.
3 Allgemein Jürgen Schmädeke und Peter Steinbach (Hg.), Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler, Neuausgabe, München 1994, bes. das Tagungsresümee, dort auch Argumente gegen einen zu starren Widerstandsbegriff, ebd., S. 1122f.
4 Allein fünf der Personen, die in diesem Band in einzelnen Biographien beschrieben werden, wurden während des »Dritten Reiches« ermordet beziehungsweise hingerichtet: Albrecht Graf von Bernstorff, Eduard Brücklmeier, Hans Bernd von Haeften, Rudolf von Scheliha und Adam von Trott zu Solz. Im Beitrag von Johannes Tuchel über die Verfahren vor dem Volksgerichtshof wird neben Trott und Haeften vor allem über die beiden ehemaligen Botschafter Ulrich von Hassell und Friedrich Werner Graf von der Schulenburg berichtet, die ebenfalls zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Zu den Opfern, die zumindest zeitweise im Auswärtigen Amt beschäftigt gewesen waren, gehören auch Herbert Gollnow, Otto Carl Kiep, Richard Kuenzer, Hans Litter, Herbert Mumm von Schwarzenstein und Ilse Stöbe. Vgl. z.B. Peter Steinbach und Johannes Tuchel (Hg.), Lexikon des Widerstandes 1933–1945, 2. Aufl., München 1998.
Diplomaten im Widerstand gegen Hitler
Außenpolitische Konzepte und Initiativen
HANS MOMMSEN
Zu den führenden Repräsentanten der Bewegung des 20. Juli 1944 gehört eine Reihe von Spitzendiplomaten. Ulrich von Hassell, der ehemalige deutsche Botschafter in Rom, und Hans Bernd von Haeften, stellvertretender Leiter der kulturpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, sind hier exemplarisch zu nennen. Beide wurden vom »Volksgerichtshof« zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Gleichwohl trifft die Feststellung zu, dass die Regimegegner im Amt eine kleine Minderheit bildeten, überwiegend isoliert voneinander agierten und keine geschlossene Oppositionsbewegung darstellten. Allerdings unterscheiden sie sich darin nicht von der Bewegung des 20. Juli insgesamt, die auf konspirative Methoden verzichtete und informelle Organisationsformen bevorzugte. Dies trug dazu bei, dass die Gestapo der bürgerlichen Opposition im Vergleich zu linksgerichteten Widerstandsgruppen nur geringe Aufmerksamkeit schenkte.
Es wäre jedoch irreführend, deshalb die Oppositionellen im Auswärtigen Dienst mit dem Etikett des »Außenseiters« zu belegen.5 Es handelte sich zwar um eine kleine Gruppe von Akteuren, aber sie nahmen innerhalb des Amtes durchweg führende Positionen ein, und wenngleich sich ihre Wege rasch trennten, ist doch eine gemeinsame Prägung durch das Amt zu konstatieren, die in der Anerkennung bürokratischer Grundsätze und dem Eintreten für staatliche Ordnung bestand.6
Indessen sind die Bemühungen von Staatssekretär Ernst von Weizsäcker, im Spätsommer 1938 einen militärischen Konflikt mit Großbritannien zu verhindern, nicht der späteren Opposition zuzuordnen. Zwar verfolgte er eine alternative Außenpolitik zur Reichsregierung, lehnte deren Ziele jedoch nicht rundweg ab, wenn er sich für eine »chemische Auflösung« der Tschechoslowakei aussprach. Aber zu seinem engeren Stab gehörten Persönlichkeiten, die im weiteren Verlauf der Widerstandsbewegung zuzurechnen sind. Andererseits ist unstrittig, dass Erich Kordt, der mit Hans Oster in Verbindung stand, über seine Instruktion für die Londoner Verhandlungen klar hinausging, indem er die Voraussetzungen für einen Regierungsumsturz schaffen wollte.7 Desgleichen stand für die sich anlässlich der Sudetenkrise formierende deutsche Opposition das Motiv der Kriegsverhinderung eindeutig im Vordergrund. Das Einlenken Großbritanniens durchkreuzte bekanntlich die Absicht, Hitler im Wege eines Staatsstreichs auszuschalten. Insofern gehörte diese Episode nicht in den Zusammenhang mit dem sich innerhalb des Auswärtigen Amtes entfaltenden Widerstand.8
Bis zum Kriegsbeginn gab es daher eine gewisse Parallelität zwischen der vom Auswärtigen Amt verfolgten Linie und den außenpolitischen Konzepten des sich formierenden deutschen Widerstands. Dafür war charakteristisch, dass Ernst von Weizsäcker am Morgen des 31. August 1939 – und damit unmittelbar vor dem deutschen Angriff auf Polen – den in den Wartestand versetzten Ulrich von Hassell zu bewegen suchte, bei dem britischen Botschafter Nevile Henderson auf privater Ebene vorzusprechen, um die Polen im letzten Moment zur Nachgiebigkeit zu bewegen, was dann nicht mehr erfolgte.9
Damit wandte sich Weizsäcker an den vielleicht bedeutendsten Vertreter der Diplomatie im Widerstand.10 Ulrich von Hassell, Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkrieges und Anhänger des Kaiserreichs, war eng vernetzt in die preußische Führungselite. Als Karrierediplomat fand er rasch breite Anerkennung.
Unter dem Eindruck der wilhelminischen Tradition stand von Hassell der Weimarer Republik fern und lehnte das parlamentarische System ab. Durch die Heirat mit der Tochter des Großadmirals von Tirpitz mit glänzenden gesellschaftlichen Kontakten ausgestattet, trat er schon vor dem Ersten Weltkrieg in den diplomatischen Dienst ein, doch behinderte eine schwere Kriegsverletzung seine Karriere, die ihn 1919 nach Kopenhagen und dann nach Rom führte, wo er im September 1933 zum Botschafter ernannt wurde. Als Mitglied der DNVP engagierte er sich in der Politik und trat als jungkonservativer Publizist hervor.11
Um seine Position in Rom zu festigen, vollzog von Hassell eine Annäherung an die NSDAP und trat am 1. November 1933 in die Partei ein. Von Anfang an ergaben sich Differenzen mit Vertretern der NSDAP in Rom über die Methoden einer verantwortungsvollen Außenpolitik. Divergenzen mit Ribbentrop, zu denen innerparteiliche Querelen hinzutraten, zwangen ihn 1938 zum Rücktritt. Er wandte sich dagegen, über den Ausbau einseitiger Beziehungen zum faschistischen Italien den aus seiner Sicht notwendigen Ausgleich mit Großbritannien zu gefährden, und lehnte die NS-Rabaukenpolitik ab.
Trotz des von Ribbentrop veranlassten Rücktritts als deutscher Botschafter fühlte sich von Hassell weiterhin als Angehöriger des Auswärtigen Amtes. Zunächst in den Wartestand versetzt, hoffte er bis in die 1940er Jahre hinein, in den Auswärtigen Dienst zurückkehren zu können, und übernahm auch eine Reihe von Sonderaufgaben, bevor Hitler die endgültige Entlassung anordnete. Er hatte sich zunächst mit dem NS-Regime arrangiert, nicht weil er die NS-Außenpolitik guthieß, aber weil er die Hoffnung hegte, durch eine geschickte Behandlung Mussolinis eine Mäßigung des expansiven »Appetits« des deutschen Diktators zu erreichen.
Auch wenn von Hassell nicht mehr dem Amt angehörte, war er doch nach wie vor einflussreich. Dank seiner ausgedehnten Kontakte wurde er zu einem unentbehrlichen Verbindungsmann zwischen den Mitgliedern der sich formierenden Opposition. So knüpfte er seit Oktober 1939 persönliche Kontakte mit Carl Goerdeler und Ludwig Beck und war der führende Kopf bei der Erarbeitung der ersten Neuordnungspläne der bürgerlichen Opposition. Wie die Tagebuchaufzeichnungen beweisen, gehörte er inzwischen zu den dezidiertesten Kritikern des NS-Regimes und insbesondere der von ihm als verhängnisvoll betrachteten deutschen Annexionspolitik. Neben seiner umfassenden publizistischen Tätigkeit widmete Hassell sich von nun an der sich formierenden Opposition. Nicht zuletzt wegen seiner engen persönlichen Beziehung zu Generaloberst Beck konzentrierte sich vieles auf ihn. Er war so etwas wie der ruhende Pol, und er suchte zwischen kontroversen Positionen im Kreisauer Kreis zu vermitteln. Zum Auswärtigen Amt blieben die persönlichen Kontakte weiterhin erhalten. Das galt in erster Linie für Hans Bernd von Haeften, den stellvertretenden Leiter der 1940 begründeten Informationsabteilung, der seinerseits enge Kontakte mit Adam von Trott zu Solz unterhielt.
Was den im Auswärtigen Amt herausgebildeten Kreis von oppositionell eingestellten Diplomaten anging, so ist neben Erich Kordt vor allem Hasso von Etzdorf zu nennen, der wiederum enge Kontakte zu Wilhelm Canaris, Hans Oster und Hans von Dohnanyi von der Abwehr besaß. Diesem Freundeskreis gehörten im Amt vor allem Gottfried von Nostitz und Albrecht von Kessel an. Zu ihnen stieß der im kirchlichen Außenamt tätige Theologe Eugen Gerstenmaier. Sympathisanten dieser Opposition waren Eduard Brücklmeier, der ursprünglich vom Stab Ribbentrop kam, und der Chinaexperte Franz Josef Furtwängler. Wenngleich diese kleine Gruppe von Gesinnungsverwandten nur eine verschwindende Minderheit innerhalb der Beamtenstäbe des Auswärtigen Amtes ausmachte, sollte sie doch in der Bewegung des 20. Juli eine wichtige Funktion einnehmen. Denn die an der Verschwörung beteiligten Angehörigen des Auswärtigen Amtes spielten sowohl im Goerdeler-Kreis wie im Kreisauer Kreis fast durchweg eine zentrale Rolle, und zwar sowohl was die Planungen für einen künftigen Staatsaufbau als auch für die außenpolitischen Zielsetzungen angeht. Wenngleich sie zum Teil bereits aus dem aktiven Dienst ausgeschieden waren, wie insbesondere Ulrich von Hassell, oder erst vergleichsweise spät in den Auswärtigen Dienst eintraten, wie Adam von Trott zu Solz, waren sie namentlich in außenpolitischen Fragen unentbehrliche Berater, wobei sie in aller Regel ihre langjährigen außenpolitischen Kontakte und Erfahrungen einbrachten.
Es handelt sich um eine stattliche Liste von Diplomaten, die mit dem Widerstand im Amt verbunden waren. Neben den bereits genannten Ulrich von Hassell, Hans Bernd von Haeften, Albrecht von Kessel, Adam von Trott zu Solz, Gottfried von Nostitz, Eduard Brücklmeier und Franz Josef Furtwängler waren das etwa Karl Helfrich, Nikolaus von Halem und Herbert Mumm von Schwarzenstein – um nur einige zu nennen.
Die Frage, warum gerade Mitglieder des Auswärtigen Amtes im Zusammenhang mit der Konsolidierung der Bewegung des 20. Juli eine zentrale Rolle gespielt haben,12 verlangt eine differenzierte Antwort. Breite Auslandserfahrung, besserer Zugang zu vertraulichen Informationen und in der Regel ein größerer Bewegungsspielraum sowie mehr Reisemöglichkeiten als ihre Landsleute wirkten zusammen. Man könnte ein spezifisches Profil dieser Honoratiorengruppe entwerfen und sie als Ersatzelite für die weitgehend fehlende Weimarer politische Klasse bezeichnen. Es handelt sich fast durchweg um Angehörige des Bildungs- und Besitzbürgertums mit einem breiten Bildungshintergrund, starken künstlerischen und kulturellen Interessen, aber gering ausgeprägten parteipolitischen Bindungen. Von anderen Gruppen des 20. Juli, etwa den Angehörigen des Goerdeler-Kreises, unterscheiden sie sich in der Regel durch eine umfassende Auslandserfahrung und häufig durch persönliche Kontakte vor allem zur politischen Führungsschicht in Großbritannien und den USA. Bei diesen Kontakten spielte das Auswärtige Amt als Institution eine besondere Rolle. Ein verdeckter Meinungsaustausch zwischen den oppositionell eingestellten Diplomaten vollzog sich in der 1939 geschaffenen und bald zur Mammutbehörde anwachsenden Informationsabteilung.
Angesichts der nicht immer übereinstimmenden Meinungen unter den Verschwörern lässt sich festhalten, dass die Diplomaten in außenpolitischer Beziehung überwiegend an die konservative Tradition des Amtes anknüpften, wenngleich sie in die Preisgabe des Nationalstaatsprinzips zugunsten eines europäischen Staatenbundes einwilligten. Ulrich von Hassells Denkschrift »Deutschland zwischen Ost und West« vom Frühjahr 1944 war in vieler Hinsicht der wilhelminischen Tradition verpflichtet. Hassell betonte die deutsche »Mittellage«, warnte aber davor, »eine Art Option zwischen Ost und West vorzunehmen« und für eine einseitige Westbindung einzutreten. Er berief sich dabei auf die Bismarcksche Außenpolitik, die durch dessen Nachfolger desavouiert worden sei.13 Von Hassell wies wiederholt auf die Konsequenzen hin, die sich aus der geographischen Mittellage ergaben. Für ihn erwuchs daraus eine Fürsorgepflicht Deutschlands für die europäischen Klein- und Mittelstaaten. Er wandte sich gegen die Vorstellung, dass die deutsche Politik eine Option für oder gegen den Westen zu treffen habe, räumte aber ein, dass die außenpolitische Konstellation seit 1918 es notwendig gemacht habe, eine Art »Mühlespiel« in dieser Frage zu betreiben, zumal angesichts der Durchsetzung des Bolschewismus. Aber er betonte ausdrücklich, dass er einer Gewinnung Englands für ein gemeinsames Vorgehen in der Russlandfrage den Vorzug einräume.14
Wie die Mitverschwörer des 20. Juli gab sich Hassell der Hoffnung hin, dass die Gefahr einer Bolschewisierung Europas die Westmächte dazu bewegen könnte, den Weg zu einer konstruktiven Politik gegenüber dem Deutschen Reich einzuschlagen, namentlich im Hinblick auf die nach Beendigung des Krieges notwendig werdenden territorialen Neuregelungen. Für die Bewegung des 20. Juli war kennzeichnend, dass sie den Gedanken weiter verfolgte, trotz der klaren ideologischen Divergenz ein Arrangement mit der Sowjetführung anzustreben. Dahinter stand die Erwartung, dass auf mittlere Sicht der Sturz des bolschewistischen Systems unausweichlich sei. In den zahlreichen Denkschriften, die auch an die englische und amerikanische Adresse gerichtet waren, wurde für die zu schaffende Umsturzregierung zugesichert, die Integrität Russlands zu erhalten und in klarem Gegensatz zu dem von Hitler formulierten Vernichtungsziel mittelfristig zu einer engen Zusammenarbeit des Deutschen Reiches mit Russland zu gelangen.
Zusicherungen dieser Art blieben jedoch wenig konkret, und sie wurden von den Westmächten mit Gleichgültigkeit aufgenommen, da sie an dem Bündnis mit Moskau festhielten. Die Vorstellung der Verschwörer, im Hinblick auf die von deutscher Seite beschworene kommunistische Gefahr einen Frontwechsel vorzunehmen, wenigstens in Form von Garantien für die angestrebte Übergangsregierung, war daher irreal. In den Neuordnungsplänen sowohl des Goerdeler-Kreises wie der Kreisauer nahm die Sowjetunion eine Leerstelle ein.
Was die außenpolitischen Planungen der Verschwörung anging, so rückte Adam von Trott zu Solz auf Grund seiner Verbindungen zu London und Washington in eine Spitzenposition auf. Er hatte vor seinem Eintritt in den Auswärtigen Dienst enge Kontakte zu den Vereinigten Staaten knüpfen können, obwohl er erst 1938, parallel zu seinen Chinakontakten, Beziehungen zu führenden Politikern in den Vereinigten Staaten aufnahm. Anders als seine deutsch-amerikanischen Gesprächspartner war Trott bei seinem erneuten Besuch in den USA 1939 nicht bereit, eine Niederlage Deutschlands als Voraussetzung für die von ihm propagierte internationale Friedensregelung zu betrachten. Aber auch unabhängig davon war seine Friedensmission in den USA zum Scheitern verurteilt, ebenso galt das für seine 1939 in London geführten Gespräche, da das Misstrauen in seine Glaubwürdigkeit nicht beseitigt werden konnte. Nicht anders ging es Ulrich von Hassell, der überdies Mühe hatte, ernstzunehmende Gesprächspartner aufzutun. Die gemeinsame Kritik Hassells, Trotts, Kessels und Moltkes, aber auch Goerdelers richtete sich gegen die in Casablanca beschlossene Übereinkunft der Alliierten, Deutschland eine »bedingungslose Kapitulation« abzufordern.
Mit dem Eintritt in die 1939 geschaffene Informationsabteilung, in der er für den Bereich des Fernen Ostens, insbesondere Indien, zuständig war, konnte Adam von Trott seine Kontakte zu oppositionell eingestellten Persönlichkeiten intensivieren. So vertiefte sich die freundschaftliche Beziehung zu dem zugleich mit Hassell in Verbindung stehenden Hans Bernd von Haeften, einem Kreisauer, der trotz seiner konservativen Grundeinstellung in vieler Hinsicht mit den Auffassungen Trotts übereinstimmte, wie aus dessen Tagebuch eindrucksvoll hervorgeht.15 Hans Bernd von Haeften hielt zugleich engen Kontakt zu Helmuth von Moltke, zu Dietrich Bonhoeffer und Adam von Trott zu Solz, die maßgeblich an den außenpolitischen Planungen der Verschwörung beteiligt waren. Sie stimmten mit der Auffassung von Hassells überein, dass es notwendig sei, bei einer künftigen Friedensregelung Deutschland als Großmacht zu stabilisieren, um einem Vordringen der Sowjetunion nach Westen vorzubeugen. In den für Großbritannien oder die USA bestimmten Denkschriften der Opposition, so schon im Friedensprogramm der amerikanischen Kirchen, das vom November 1943 stammte, und noch immer in dem Memorandum Moltkes vom Dezember 1943, war der Gedanke niedergelegt, Deutschlands Vormachtstellung in Mitteleuropa als Gegengewicht zur Sowjetunion zu erhalten.16
Bereits im Schönfeld-Memorandum vom 31. Mai 194217 wird der Gedanke vorgetragen, mit der Zusicherung, die russische Staatlichkeit zu erhalten und auf territoriale Expansion zu verzichten, die britische Politik dafür zu gewinnen, einem russischen Vordringen nach Mitteleuropa entgegenzutreten. »Eine kommunistisch-bolschewistische Entwicklung Deutschlands und die Entstehung eines deutschen National-Bolschewismus« sei »die bedrohlichste Zukunftsgefahr« für Deutschland, heißt es in dem Moltkes Vorstellungen wiedergebenden Memorandum aus Istanbul.18 Desgleichen bestand bei den verschiedenen Gruppen der Bewegung des 20. Juli Konsens über die Zusicherung einer konstruktiven Haltung gegenüber Russland und einer guten künftigen Zusammenarbeit. Mit der Beschwörung der für die Friedenssicherung in Kontinentaleuropa unentbehrlichen Stabilität Deutschlands verknüpfte sich das Motiv, bei den angelsächsischen Partnern für die alliierte Kooperation mit der geplanten Umsturzregierung zu werben.
Trott verfolgte ähnliche Überlegungen, die er in der verloren gegangenen Denkschrift »Deutschland zwischen Ost und West« niederlegte.19 Er hatte dabei nicht nur die außenpolitische beziehungsweise diplomatische Ebene vor Augen, sondern verknüpfte seine Analyse mit einer dezidierten Kritik des westlichen Kapitalismus. Hinter der tiefsinnigen Formulierung von der anzustrebenden Synthese vom »Realprinzip« des Ostens mit dem »Personalprinzip« des Westens stand die Vision einer neuen europäischen Ordnung mit Deutschland als Vermittler. Trott sprach von der »Unentbehrlichkeit« des deutschen Elements in jeder zukünftigen, insbesondere europäischen Friedensordnung.20 Indem er Ideengänge Ulrich von Hassells modifizierte, versuchte er die Nachteile der »deutschen Mittellage« in Vorzüge umzudeuten.
Visionen und Überlegungen dieser Art stießen jedoch gerade bei den britischen und US-amerikanischen Gesprächspartnern auf keinerlei Resonanz. Ebenso wenig gelang es, Kontakte zur sowjetischen Botschafterin, Alexandra Kollontay, herzustellen, die Trott im Juni 1944 in Stockholm aufsuchen wollte. Parallel dazu scheiterten die Versuche, diplomatische Beziehungen zu Stalin aufzunehmen. Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, der ehemalige deutsche Botschafter in Moskau, erklärte sich zwar dazu bereit, doch das Vorhaben, ihn durch die deutschen Linien nach Osten zu schleusen, unterblieb, weil der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Generalfeldmarschall Günther von Kluge,21 dagegen votierte. Bezeichnenderweise wurde Schulenburg, der als der beste Kenner der Sowjetunion galt, neben von Hassell als künftiger Außenminister des Umsturzkabinetts ins Auge gefasst.
Im Unterschied dazu gingen Adolf von Harnack und Harro Schulze-Boysen, die führenden Köpfe der »Roten Kapelle«, davon aus, dass Deutschland gegen die Sowjetunion von vornherein militärisch unterlegen war und der Ostkrieg mit einer Niederlage enden würde. »Ein Endsieg des nationalsozialistischen Deutschland ist nicht mehr möglich«, hieß es in Schulze-Boysens Flugschrift »Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk« von Anfang 1942. »Jeder kriegsverlängernde Tag bringt nur unsagbare Leiden und Opfer.«22 Durch die eingehende Beschäftigung mit der inneren Entwicklung der Sowjetunion gelangten er und Harnack zu einer weit illusionsloseren Betrachtung der Kriegslage, als es selbst bei Claus Schenk von Stauffenberg und Henning von Tresckow der Fall war.23
Der von der »Roten Kapelle« unternommene Versuch, durch die Weitergabe kriegswichtiger Informationen an die Sowjetunion ein Vorfeld für eine Verhandlungsoption nach der Niederlage des NS-Regimes zu schaffen, war sicherlich nicht frei von Illusionen, unterschied sich durch die Tat jedoch von dem bloßen Abwarten der Mehrheit des Widerstands, sieht man von den Ansätzen bei Hans Bernd von Haeften und Friedrich Werner von der Schulenburg ab. Was den nationalkonservativen Kern der Bewegung des 20. Juli – und zu ihm gehörten die mit dem Auswärtigen Amt in Verbindung stehenden Diplomaten – angeht, blieben sie überwiegend dem Konzept der deutschen »Mittellage« und der historischen Führungsrolle Deutschlands im Nachkriegseuropa verhaftet.
Es liegt nahe, die Rolle von Angehörigen des Auswärtigen Amtes in erster Linie mit den außenpolitischen Konzepten der Verschwörer in Verbindung zu bringen, zumal Persönlichkeiten wie von Hassell, Trott oder Hans Bernd von Haeften nicht weniger intensiv an den innen- und verfassungspolitischen Plänen der Verschwörung beteiligt waren. Aber es vermittelt ein falsches Bild, wenn man das zum alleinigen Kriterium für die Zugehörigkeit zum Widerstand gegen Hitler machen wollte. Die so ehrenvolle Rolle von Fritz Kolbe beim Kampf gegen die Judenvernichtung geriete damit aus dem Blick, ebenso die vielfältigen Bemühungen, dem Regime in die Speichen zu fallen durch Hilfestellung für Verfolgte und Opfer der rassenpolitischen Verbrechen der Nationalsozialisten. Ein klassisches Beispiel dafür ist das oppositionelle Verhalten Rudolf von Schelihas noch im Vorfeld seiner Kontakte zur Bewegung des 20. Juli. Seine durch Ulrich Sahm verfasste Biographie24 zeigt, wie falsch es wäre, die Teilnahme am Widerstand nur über die Mitwirkung an Staatsstreichs- und Neuordnungsplänen zu definieren. Neben der Mehrheit von angepassten oder nationalsozialistisch indoktrinierten Beamten darf die Gruppe derer, die sich vom Regime fern hielten, nicht unbeachtet bleiben. Die Eingrenzung des Widerstandsbegriffs auf den Umsturzversuch des 20. Juli führt dazu, das auch in Bezug auf den Apparat des Auswärtigen Dienstes tatsächlich vorhandene, von der Resistenz bis zum Rückzug ins Private sich erstreckende Oppositionspotential zu vernachlässigen.
Es ist in dieser Beziehung von Interesse, die konkreten außenpolitischen Strategien innerhalb des Amtes zu untersuchen und den Zusammenhang mit den innerhalb der Bewegung des 20. Juli 1944 geführten Debatten näher zu beschreiben. Die einseitige Ausrichtung auf die Judenverfolgung behindert einen solchen Vergleich. Allerdings scheinen von den Expertenstäben des Amtes auch keine größeren Impulse auf die Festlegung der außenpolitischen Minimalziele des Regimes ausgegangen zu sein. Hingegen haben Persönlichkeiten wie Ulrich von Hassell, Friedrich Werner von der Schulenburg und Adam von Trott zu Solz maßgebend auf die außenpolitischen Konzepte der Bewegung des 20. Juli eingewirkt.
5 Vgl. die Interpretation bei Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann, Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, München 2010.
6 Ebd., S. 16.
7 Zu Weizsäcker siehe Rainer A. Blasius, Für Deutschland – gegen den großen Krieg. Staatssekretär Ernst Freiherr von Weizsäcker in den Krisen um die Tschechoslowakei und Polen 1938/39, Köln 1981; Klemens von Klemperer, Die verlassenen Verschwörer. Der deutsche Widerstand auf der Suche nach Verbündeten 1938–1945, Berlin 1994, S. 99–101.
8 Siehe von Klemperer, Die verlassenen Verschwörer, S. 33ff.
9 Siehe Gregor Schöllgen, Ulrich von Hassell 1881–1944. Ein Konservativer in der Opposition, München 1990, S. 98f.
10 Vgl. Conze u.a., Das Amt, S. 16.
11 Die Herausgeber gebrauchen die irrige Formulierung, dass von Hassell den »Dienst quittiert« hätte (siehe ebd., S. 16), doch habe es bis Kriegsausbruch durchaus Verbindungen zum Amt, insbesondere den Versuch Ernst von Weizsäckers gegeben, von Hassell für seine Vermittlungspolitik auf Grund der Freundschaft mit Henderson zu benützen.
12 Hier sind vor allem Ulrich von Hassell und Adam von Trott zu Solz zu nennen.
13 Siehe Klemperer, Die verlassenen Verschwörer, S. 326ff. Die Denkschrift ist gedruckt bei Schöllgen, Ulrich von Hassell, S. 207–218.
14 Siehe Ulrich von Hassell, Vom Andern Deutschland, Frankfurt am Main 1964, S. 299f., Aufzeichnung vom 5. Dezember 1943.
15 Ebd., S. 327, Aufzeichnung vom 15. August 1943.
16 Siehe Ger van Roon, Neuordnung im Widerstand. Der Kreisauer Kreis innerhalb der deutschen Widerstandsbewegung, München 1967, S. 576–583; vgl. Klemperer, Die verlassenen Verschwörer, S. 265ff.
17 Van Roon, Neuordnung im Widerstand, S. 572ff.
18 Ebd., S. 582ff.; Klemperer, Die verlassenen Verschwörer, S. 283ff.
19 Klemperer, Die verlassenen Verschwörer, S. 332f.
20 Ebd., S. 331; vgl. Benigna von Krusenstjern, »daß es Sinn hat zu sterben – gelebt zu haben«. Adam von Trott zu Solz 1909–1944. Biographie, 3. Aufl., Göttingen 2010, S. 510, die vermerkt, dass Klemperer die verloren gegangene Denkschrift mit einer nicht von Trott stammenden verwechselt, vgl. ebd., S. 586, Anm. 11.
21 Klemperer, Die verlassenen Verschwörer, S. 333.
22 Vgl. Heinrich Scheel, Vor den Schranken des Reichsgerichts, Berlin 1993, S. 256ff., zur Entstehung der Denkschrift. Diese ist gedruckt bei Heinrich Scheel, »Die ›Rote Kapelle‹ und der 20. Juli 1944«, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 33 (1985) 4, S. 325– 337; vgl. Elsa Boysen, Harro Schulze-Boysen, Koblenz 1992, sowie Anne Nelson, Die Rote Kapelle, München 2010, S. 328ff.
23 Vgl. Hans Mommsen, »Die ›Rote Kapelle‹ und der deutsche Widerstand«, in: ders., Zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 328f.
24 Ulrich Sahm, Rudolf von Scheliha. 1897–1942. Ein deutscher Diplomat gegen Hitler, München 1990.
Friedrich von Prittwitz und Gaffron
Library of Congress, Harris & Ewing Collection
Republikaner ohne Republik
Friedrich von Prittwitz und Gaffron und der Widerstand der Botschafter
MICHAEL WALA
Es ist der neueren Widerstandsforschung zu verdanken, dass Botschafter Friedrich von Prittwitz und Gaffron nicht mehr nur eher beiläufig erwähnt wird, wenn über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus gesprochen wird. Der nach 1945 von vielen seiner ehemaligen Kollegen geschnittene Prittwitz hätte sicherlich Gefallen daran gefunden, dass der große Konferenzsaal der deutschen Botschaft in Washington, D.C., nun seinen Namen trägt und dass dort sein Demissionsschreiben vom März 1933 prominent ausgestellt ist. Aber er hätte wohl auch angemerkt, er habe nur seine Pflicht als Vertreter Deutschlands und in seinem Selbstverständnis als Republikaner und Demokrat erfüllt. Als er sich nach der Wahl am 5. März 1933, bei der die nationalsozialistisch dominierte Regierung bestätigt wurde, eingestehen musste, dass er Pflicht und Selbstverständnis endgültig nicht mehr in Einklang miteinander bringen konnte, trat er von seinem Amt als deutscher Botschafter in den Vereinigten Staaten zurück. Er war der einzige Spitzendiplomat, der 1933 diesen Schritt wagte.
Für Prittwitz war dies folgerichtig, geradezu selbstverständlich, es war der Ausdruck der Geradlinigkeit und politischen Grundhaltung, die sich im Laufe seines Lebens nicht von ungefähr herausgebildet hatte. Er war liberal und weltoffen erzogen worden, hatte mit der früh verwitweten Mutter längere Zeit im Ausland, insbesondere in Italien, gelebt. Im Jahr 1907 war er an der Universität Leipzig mit einer Arbeit über »Die bewaffnete Neutralität, ihre theoretische und praktische Bedeutung« promoviert worden und im darauffolgenden Jahr in den diplomatischen Dienst eingetreten.25 Gleich seine erste Dienststelle als jüngster Attaché – und möglicherweise prägend – war die deutsche Botschaft in Washington unter Botschafter Johann Heinrich Graf von Bernstorff.26 Es folgten die Politische Abteilung im Auswärtigen Amt und die Botschaft in St. Petersburg, wo er den Beginn des Ersten Weltkriegs erlebte. Der Leutnant der Reserve Prittwitz nahm an den Kämpfen teil, wurde aber schon Anfang November 1914 verwundet und kehrte ins Auswärtige Amt zurück. Von April 1918 an diente er zwischenzeitlich als Adjutant des neuen Reichskanzlers Prinz Max von Baden. Zusammen mit Kurt Riezler baute er später das Deutschland-Referat im Auswärtigen Amt auf.27
Bis hierin war dies die Bilderbuchkarriere eines schlesischen Adligen. In diese Zeit fällt aber auch Prittwitz’ begeisterte Hinwendung zum, wie er es nannte, »Linksliberalismus«. Es folgte die Gründung der »Gesellschaft vom 16. November«, die viele jüngere Mitglieder des Auswärtigen Amtes anzog. Darunter waren Bernhard Wilhelm von Bülow, Albrecht Graf von Bernstorff und Alexander Fuehr.28 Sie plädierten in einem Aufruf »An Deutschlands Jugend!« für die Zusammenarbeit aller Stände in einem sozialen Volksstaat auf demokratischer Grundlage und forderten, in der Außenpolitik »die Gesinnung der Gewalt für ewig zu bannen. Nicht laute Machtgebärden, sondern zäher Kampf um unser Recht mit den Mitteln des Rechts!« Die Mitglieder traten geschlossen der Deutschen Demokratischen Partei () bei, und Prittwitz versuchte sogar, allerdings erfolglos, bei der ersten Reichstagswahl ein Mandat zu erringen.
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