Wie die Welt in den Computer kam - David Gugerli - E-Book

Wie die Welt in den Computer kam E-Book

David Gugerli

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Beschreibung

Der Weg in die digitale Kultur Damit die Welt mit Computern verwaltet und organisiert werden kann, muss sie in den digitalen Raum der Maschinen überführt werden. Der Historiker David Gugerli erzählt die Geschichte dieses großen Umzugs anhand von prägnanten Beispielen. Er schildert, wie Techniker, Manager, Berater und User miteinander gestritten haben, wie sie ihre Wirklichkeit formatiert und welche neue Unübersichtlichkeit sie dabei erzeugt haben. Sie haben Rechner verbunden, Daten kombiniert, Programme umgeschrieben und aus dem Computer fürs Personal einen Personal Computer gemacht – warum und wie, zeigt dieser glänzend geschriebene Essay. »Wer befürchtet, dass Computer ›den Menschen‹ bald verdrängen werden, muss dieses Buch lesen.« Professor Timothy Lenoir, Stanford University

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Seitenzahl: 275

Veröffentlichungsjahr: 2018

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David Gugerli

Wie die Welt in den Computer kam

Zur Entstehung digitaler Wirklichkeit

 

 

Über dieses Buch

 

 

Warum die Welt neu formatiert wurde – und immer noch wird.

Mit der Digitalisierung hat sich die Welt fundamental verändert. Denn bevor Rechner die Wirklichkeit verwalten, organisieren und berechnen konnten, musste sie überhaupt erst in den digitalen Raum der Maschinen überführt werden. Anhand von vielen Beispielen schildert der Historiker David Gugerli, wie die Welt in den Computer eingegeben wurde, welche Probleme dabei auftraten und wie sich die Tätigkeiten der Menschen, die vor den Rechnern saßen, änderten. Inzwischen ist die Welt digital, die Gesellschaft wird von Rechnern geplant und entwickelt. Die Digitalisierung ist ein permanenter, unumkehrbarer Prozess – und wir müssen die Welt und uns immer wieder neu formatieren. Das Ende dieses Prozesses ist noch nicht in Sicht.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2018 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: hißmann, heilmann, Hamburg

Coverabbildung: The Advertising Archives / Alamy Stock Photo

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490213-5

 

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Inhalt

[Gesprächsprotokoll]

1 Einschalten

2 Rechnen, Programmieren und Formatieren

Rechnen

Programmieren

Formatieren

3 Teilen und Betreiben

Teilen

Betreiben

4 Synchronisieren

5 Herstellen und Einrichten

Herstellen

Einrichten

6 Verbinden, Abgrenzen und Speichern

Verbinden

Abgrenzen

Speichern

7 Ausschalten

[Gesprächsprotokoll]

Dank

Anmerkungen

Bibliographie

Abbildungsnachweis

03 02 09

CC

Hey, Jim, you do have your computer ON, don’t you?

03 02 13

C

Negative. I don’t have it ON. Do you want it ON at this time?

(…)

03 02 43

Computer light is on. We’re ready.

03 02 46

CC

Say again, Jim.

03 02 47

C

I say, my computer light is on. We’re ready.

Gesprächsprotokoll zwischen Bodenstation (CC) und Astronaut (C) während der Gemini 4 Mission, NASA 1965, S. 26.

1Einschalten

Dieses Buch berichtet darüber, wie die Welt in den Computer gekommen ist. Es ist die Geschichte eines großen Umzugs, der vor sieben Jahrzehnten, also um die Mitte des 20. Jahrhunderts begann. An der Ausgestaltung einer rechnergestützten Wirklichkeit ist seither aus unterschiedlichen Gründen gearbeitet worden – in Millionen von »Mannjahren«, wie es in der Branche hieß.[1] So leicht heute von der rasanten und umfassenden Computerisierung der Welt die Rede ist, so langwierig, aufwendig und manchmal auch frustrierend waren jene Anstrengungen, »die die Welt in die Computer versetzt haben«, wie der amerikanische Technikhistoriker Michael S. Mahoney es formuliert hat.[2]

Wie ist die Welt in den Computer gekommen? Das in Computergeschichten übliche Gemisch aus schönen Pioniertaten, unternehmerischem Risiko, straffen Genealogien und exponentiellen Wachstumskurven gibt darüber keine Auskunft. Wo hart gearbeitet, verwegen projektiert, nicht selten blauäugig konzipiert und oft verzweifelt auf eine nächste Version von Programmen gewartet wurde, wo während Jahrzehnten immer wieder auf das eben zusätzlich angestellte Personal und die bald entwickelte Software verwiesen worden ist oder mit großem Aufwand rechnergestützte Routinen erlernt wurden, kann die historische Untersuchung zur Entstehung digitaler Wirklichkeit nicht einfach von der Naturwüchsigkeit des technischen Fortschritts ausgehen oder gar die Maschine für die Entwicklung verantwortlich machen. Statt die Opfer von Rechnern zu beklagen und sie als Ursache für »Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialen Abstieg« zu bezeichnen,[3] muss man die Motive ihrer Entwickler und die Intentionen ihrer Anwender in Erfahrung bringen.

Weder Naturwüchsigkeit noch Opferdiskurs weisen einer angemessenen Computergeschichte den Weg. Ich will deshalb meiner Geschichte eine andere Perspektive geben, und das heißt die Probleme so darstellen, wie sie sich den Zeitgenossen präsentiert haben und wie diese sie angegangen sind. Ich werde den Erwartungen, Denkstilen und Motiven derjenigen nachgehen, die als Techniker, Manager, Anwender, Unternehmer und Beamte an der großen Verschiebungsaktion gearbeitet, sie angeordnet oder mitgetragen haben. Sie alle haben auf erweiterte Gestaltungsmöglichkeiten, auf das Analysepotential oder auf die Beschleunigung der Dinge im digitalen Raum gesetzt und deshalb die Mühen des Umzugs für sich und andere in Kauf genommen. Aber nicht alle haben das in gleicher Weise getan. Ich berichte also davon, wie der Rechner aus unterschiedlichen Gründen nutzbar gemacht wurde. Aufgrund welcher Motivationen ist der neue Handlungsraum erschlossen worden und welche Probleme galt es dabei zu behandeln? Wie verlief der Umzug von den alten Registraturen in die unbekannten Datenbanken, vom Rundfunk ins World Wide Web, vom Ring der Börsenhändler zum rechnergestützten Aktienhandel oder von den Roulettetischen der Casinos in die Gewinnzonen raffinierter Online-Spiele?

Die Frage, wie die Welt in den Computer gekommen ist, übt einen belebenden Denkzwang aus. Sie lässt sich mit etwas Glück und mit kritischer Unbeirrbarkeit auch beantworten. Die Quellen für diese Geschichte sind jedenfalls greifbar – in Hunderttausenden von Vorträgen, Diskussionspapieren und Artikeln, die im ersten halben Jahrhundert der Computergeschichte zu diesem Thema produziert wurden.[4] Mit ihnen wurden immer wieder neue Aufmerksamkeitsmuster erzeugt und zukunftsträchtige Handlungsweisen diskutiert. Aufsätze, Ankündigungen und Arbeitsberichte geben heute darüber Auskunft, wie man den neuen, digitalen Raum hatte einrichten wollen und welche Regeln man dafür entwickelt, geprüft und schließlich verworfen oder implementiert hat. Darüber, was sich mit Fug und Recht erwarten ließ, musste man sich verständigen – in Vorträgen und Artikeln, in Strategiepapieren, Inseraten und Debatten. Die Spuren dieser Verständigungsarbeit sind meine Quellen. Sie berichten von den erfolgreichen oder gescheiterten Debatten in jener dynamischen Projektkultur, die eng mit der Computerwelt verknüpft war. Sie sind von Zeitgenossen als Reiseführer gelesen worden. Und sie helfen auch heute, sich im digitalen Raum von damals zurechtzufinden.

Die Technikgeschichte des Computers beobachtet also Beobachtungen und ist eine zusammenführende, konzentrierte Darstellung einer großen Zahl von zeitgenössischen Darstellungen. Denn weder die Prozessoren auf Leiterplatten noch die Zeichen auf längst erloschenen Bildschirmen, weder Datenbestände noch Programme, weder Anwenderinnen noch Operateure sind historisch anders als durch die kritische Lektüre ihrer in Archiven oder im Netz überlieferten Kommentare begreifbar. Selten nur habe ich Memoiren und Interviews mit ausgewählten Akteuren der Computergeschichte konsultiert.[5] Meistens liefern diese nur Rechtfertigungen für weitsichtiges Handeln in der Vergangenheit, zeigen aber wenig Interesse an der historischen Entwicklung. Sie gehen von einer Vergangenheit mit beschränktem Horizont (der anderen) aus und vergleichen diese Vergangenheit mit der undankbaren oder ignoranten Gegenwart. Dabei übersehen sie, dass sich Ungewissheit nicht zuverlässig reduzieren lässt und sich Klugheit auch nicht stetig vermehrt.

Im Wesentlichen ist damit gesagt, worauf sich meine Aussagen zur Geschichte des Computers stützen und was ich beiseitelassen will. Ich nutze vor allem die umfangreichen Bestände der Association for Computing Machinery, weil sie sehr detailliert Auskunft darüber geben, aufgrund welcher Vorstellungen beim Umzug in den Rechner gehandelt worden ist.[6]

Zur Verständigungsarbeit gehören leise und laute Ankündigungen, lange und kurze Erzählungen, große und kleine Versprechen, auch außerhalb der selbsternannten Fachzirkel. So hat beispielsweise, im ersten Werbespot der Computergeschichte überhaupt, der Computerhersteller Remington RAND um 1951 eine universelle Einladung ausgesprochen, die man heute leicht überhören könnte.[7] Wie jeder Werbespot verbreitete auch dieser eine frohe Botschaft und verkündete in seiner offensichtlichsten Mitteilungsschicht große Freude über die Fortsetzung des zivilisatorisch-technischen Fortschritts. Das eben erst gegründete Unternehmen mobilisierte die ganz große Kulisse, um seinem neuen »Universal Automatic Computer« eine geeignete Bühne für den filmischen Auftritt zu bieten. Von den Pyramiden bis zu den Wolkenkratzern, von den Erfolgen wissenschaftlicher Forschung über den enormen Output automatisierter Industrieanlagen bis zu den Leistungen moderner Regierungsformen wurde in Wort und Bild alles aufgefahren, was zu den Fundamenten und Erfolgen, zur Geschichte und zur Zukunft der Menschheit zählte. Der Auftritt des UNIVAC stellte diese Zivilisationskulisse in den Schatten – und auf neue Grundlagen: In Zukunft sollte das ganze Welttheater von den Rechenkünsten der Maschine profitieren. Denn der UNIVAC hatte sich als erster kommerzieller Digitalrechner überhaupt von der Hauptaufgabe bisheriger Rechenmaschinen emanzipiert, die in der Kalkulation von ballistischen Kurven, in der Kryptographie und in der Entwicklung von nuklearen Massenvernichtungswaffen bestanden hatte.[8]

Der Werbespot der Remington RAND präsentierte den Computer als krönenden Abschluss der zivilisatorischen Entwicklung und zugleich als deren Instrument. Detailliert erklärte der Film die verschiedenen Komponenten, Prozeduren und Einsatzmöglichkeiten des Rechners: Codierstationen, Lochkartenleser, magnetische Bänder, Überwachungskonsole, Prozessor, Zwischenspeicher, Drucker, das Ganze umgeben von ein paar menschlichen Aktanten. Erwähnt wurde die erstaunlich schnelle Lösung komplexer kernphysikalischer Gleichungssysteme, im Vordergrund aber stand die bürokratische Massenverarbeitung von Daten am digitalen Fließband.

Besonderes Gewicht wurde auf die Beherrschung der Maschine durch präzis denkende Programmierer und adrette Operatricen gelegt. Der Rechner war ein automatisiertes, industrielles und gut beherrschtes Rechenmonster im Dienste der Menschheit. Er kam als eine reibungslos funktionierende Fabrikationsanlage daher, die am Eingang mit Rohdaten gefüttert wurde, welche nach einer ganzen Reihe von Verarbeitungsschritten am Ende als fertig gerechnete und sauber gedruckte Ergebnisse ausgeliefert wurden. Das konnten Tausende von Schecks für die Bezahlung der Belegschaft eines großen Unternehmens sein, unter Berücksichtigung sämtlicher Abzüge für Steuern, Sozialversicherung und Gewerkschaftsgebühren und der Zulagen für individuell geleistete Überstunden, Ferien und Nachtschichten. »In weniger als vier Stunden pro Woche und mit wenig Bedienungspersonal kann der UNIVAC eine Lohnabrechnung für 15000 Angestellte erledigen. Eine gewaltige Ersparnis an Zeit und Geld.«[9]

Die Leistungsfähigkeit der Anlage war enorm. Sie erledigte alle Prozesse, »bei denen Daten verarbeitet und Probleme gelöst werden mussten«.[10] Es sei klar, dass die Verwaltungsarbeit künftig jenen Grad an Geschwindigkeit und Effizienz erreichen werde, den man von großen industriellen Anlagen kenne und erwarte. Der Drucker etwa konnte stolze drei Seiten eines großstädtischen Telefonbuchs mit allen Namen, Adressen und Nummern in weniger als einer Minute ausdrucken. Doch damit nicht genug – und das war der eigentliche Knaller des bombastischen Marketingfilms: »Der UNIVAC hat immer noch fast neunzig Prozent seiner Arbeitswoche frei, um viele andere wertvolle Berechnungsaufgaben durchzuführen.«[11]

An diesem Punkt drehte der Film die Blickrichtung im Verhältnis von Welt und Computer um und offenbarte eine zweite sensationelle Mitteilungsschicht, die weitreichende Folgen implizierte. Es ging nun plötzlich nicht mehr um den großen Auftritt der neuen Maschine und ihre Verbreitung in der Welt. Sondern recht eigentlich darum, die noch unüberblickbaren Wege der Welt in den brachliegenden Computer zu erschließen.

Im »universal computer« war noch Platz, sehr viel Platz sogar. Der Rechenraum, den der UNIVAC schuf, war immens und konnte von allen möglichen Projekten in Anspruch genommen werden. Nicht weniger als »die ganze Welt« (oder wenigstens alles, was man von ihr für relevant hielt) sollte dereinst in diesem technisch erzeugten, soeben eroberten, aber noch wenig strukturierten Raum des Digitalen Platz finden.

1 Die Welt von U. S. Steel wird 1956 in den UNIVAC gezogen.

Darauf verwies die Ikonographie jener Plakate, auf denen ein Remington-RAND-Rechner im Auftrag von U. S. Steel die Welt umarmte und sie in seinen maschinell hochgerüsteten Rechenraum hineinzog.

Die Einladung in den neuen Rechenraum hatte zur Folge, dass der Computer bevölkert wurde, etwa mit den Daten der letzten amerikanischen Volkszählung. Rechnerisch war deren Auswertung zwar keine schwierige, aber doch eine unendlich aufwendige Arbeit. Man war noch nicht mit dem Durchrechnen des vorletzten Zensus von 1940 fertig, als der UNIVAC seinen Auftritt hatte. Die neue Maschine aber erledigte die Auswertung der noch umfangreicheren Zahlenberge von 1950 mit Leichtigkeit und lieferte innerhalb weniger Wochen erste Resultate.[12]

Es lohnte sich also, die Daten der Volkszählung in den UNIVAC einzugeben. Es gab dafür auch ein informationstechnisches Vorbild: Bereits 1890 hatte Hermann Hollerith seine elektromechanischen Lochkartenmaschinen für das Census Office zur Verfügung gestellt und damit in weniger als einem Jahr die Ergebnisse der Volkszählung von 1890 berechnen können. Die Auswertung der Volkszählung von 1880 hatte dagegen noch acht Jahre in Anspruch genommen.[13]

Viel Volk wurde dem UNIVAC auch anlässlich der US-Präsidentschaftswahlen von 1952 anvertraut, worauf dieser während einer Nachrichtensendung des Senders CBS in einer Hochrechnung den bevorstehenden (Wahl-)Sieg des Weltkrieg-Generals und republikanischen Kandidaten Dwight D. Eisenhower voraussagte. Spektakulär war nicht nur die stupend schnelle Rechenleistung, sondern auch die Tatsache, dass die Maschine die Niederlage des als Favorit gehandelten demokratischen Präsidentschaftskandidaten Stevenson voraussagte.[14]

Viel Welt wurde außerdem für die schnellere Aufbereitung der Wettervorhersage in den Computer transportiert. Daten von Wetterraketen, Wetterstationen – »all das kann in den Computer eingegeben werden durch solche Magnetbänder«, erklärte der Moderator eines weiteren Werbespots von Remington RAND[15] und zeigte auf die wie treue Diener in Reih und Glied aufgestellten Bandstationen.[16]

Der Auftritt des Computers wird also von einer großen Erzählung begleitet. Diese musste von den beteiligten Akteuren immer wieder neu erzählt werden, damit das, was da gerade geschah, begriffen werden konnte und die Mühsal der anstehenden Arbeit zu ertragen war. Meine Geschichte dieser Anstrengung ist ebenfalls aufs Erzählen angewiesen. Nicht deshalb, weil sie keine analytischen Begriffe hervorbringen könnte. Ich muss Geschichten erzählen, weil in der Vergangenheit Geschichten erzählt worden sind, die die Welt (in den Computer) bewegten.

2 Der UNIVAC sortiert Demokraten, Republikaner und Unentschiedene bei den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen 1956.

Einteilen lässt sich dieses Narrativ über Geschichten entlang jener basalen Tätigkeiten, die dem digitalen Raum eine Form gegeben haben und ihn Wirklichkeit werden ließen. Dazu gehören das Rechnen, das Programmieren und das Formatieren (Kapitel 2). Sie stehen am Anfang, weil man sich in den 1950er Jahren besonders intensiv mit ihnen auseinandergesetzt hat – ohne dass sie danach an Bedeutung verloren hätten. In den frühen 1960er Jahren begann man sich mit den Regeln des Teilens knapper Ressourcen und damit auch mit den Betriebsregeln des digitalen Raums zu beschäftigen, also mit dem Problem des Time-Sharing und der Entwicklung von Betriebssystemen (Kapitel 3). Fast gleichzeitig wurde das Thema der Synchronisierung der Welt mit dem digitalen Raum akut, wie sich am Dispositiv des Raumfahrtzentrums in Houston gut beobachten lässt (Kapitel 4). Ein Problem, das sich wie ein roter Faden durch die Computergeschichte zieht, ist der delikate Abgleich zwischen dem informationstechnischen Angebot und der informationstechnischen Nachfrage. Beides musste in langwierigen Aushandlungsprozessen zusammengeführt werden. Während Hersteller an zukünftigen Maschinen und Programmen arbeiteten, suchten Kunden sich darüber Klarheit zu verschaffen, was sie im digitalen Raum überhaupt antreffen wollten und wie sie ihn einrichten könnten. In Projekten von unterschiedlichster Reichweite wurden ihre Erwartungen dem digitalen Möglichkeitsraum angepasst (Kapitel 5). Das Verbinden von Rechnern, das Abgrenzen von Nutzern und das regelhafte Speichern von Daten haben den digitalen Raum bis zum Beginn der 1990er Jahre so strukturiert, dass daraus eine weltweit gültige digitale Ordnung entstanden ist. Seither sind die Kommunikationen und Transaktionen der Welt fest – wenn auch in schnell veränderbaren Konstellationen – in der digitalen Wirklichkeit vertäut (Kapitel 6).

Die hier vorgestellte Erzählung ist ein Essay. Was passiert, wenn die übliche Blickrichtung der Computergeschichte umgedreht wird? Ergeben sich aus der neuen Perspektive neue Einsichten? Worauf kann man in den herkömmlichen Erzählungen getrost verzichten und was müsste eigentlich stärker betont werden? Einen Vorteil wird man aus meiner Übungsanlage mit Sicherheit ziehen können: Dadurch, dass die Erzählung von zeitgenössischen Problemlagen ausgeht, deren Lösungen ausgehandelt werden mussten und deren Umsetzungen immer zu nicht intendierten, neuen Schwierigkeiten führten, lässt sich Computergeschichte so darstellen, dass ihr Resultat nicht als das einzig mögliche betrachtet werden muss. Das ist dann wichtig, wenn man verstehen will, warum die Welt auch im Rechner immer wieder neu gedeutet werden muss.

2Rechnen, Programmieren und Formatieren

Als Remington Rand 1951 den UNIVAC präsentierte, gab es keine selbstverständlichen Vorstellungen davon, was von einem Computer zu erwarten war. Nur eines, nämlich schnelles Rechnen, ließ sich als allgemeine Erwartung unterstellen. Wer aber einmal einen Blick in eine mechanische Rechenmaschine geworfen hatte, der wusste, dass bereits das langsame maschinelle Rechnen mit den vier Grundoperationen eine ziemlich komplizierte Angelegenheit sein konnte. Das unübersichtliche Gewusel von Zahnrädern, Exzentern, Stangen, Hebeln und Federn, das sich unter dem Deckel einer Brunsviga- oder Adler-Rechenmaschine verbarg und das bei guter Wartung Zehnerübergänge wie geschmiert schaffte, ließ sich bestimmt nicht einfach mit elektronischen Schaltkreisen nachbauen.[1] Wie sollte es sich gleichzeitig auch noch beschleunigen lassen? Manche Spezialisten für Rechenmaschinen oder für Rechenaufgaben hatten vielleicht eine diffuse Ahnung davon, was ein Computer irgendwann einmal sein könnte. Ein paar wenige hatten von der Turing-Maschine gehört oder John von Neumann gelesen.[2] Aber auch sie hatten mit größter Wahrscheinlichkeit noch nie einen Computer gesehen, geschweige denn einen bedient. Mit Verwunderung, Skepsis oder mit leuchtenden Augen lasen sie bestenfalls die einschlägigen Berichte jener Kollegen, die bereits Kontakt zur neuen Maschinenwelt aufgenommen hatten. Aus deren Berichten ging, bei allem herzerfrischenden Optimismus, vor allem eines hervor: Darüber, was zu den wesentlichen Eigenschaften eines Computers zählte, waren sich nicht einmal jene einig, die bereits einen gebaut hatten.[3]

Was ließ sich unter solchen Umständen von einer elektronischen Rechenmaschine erwarten, die angeblich nicht nur automatisch und völlig fehlerfrei rechnete, sondern auch noch universell einsetzbar war? Man wird, selbst als hartgesottener Techniker oder als abgebrühter Manager, beim Anschauen des UNIVAC-Films vor allem gestaunt haben.[4] Und die Verwunderung nahm von einer Kameraeinstellung zur nächsten, von einer Erklärung zur folgenden noch zu. Der UNIVAC verarbeite alphabetische und numerische Daten, war da zu vernehmen, und er tue dies in »unglaublicher Geschwindigkeit«. Schlicht unvorstellbar seien die Massen an Daten, die dieses »Wunder elektronischer Entwicklung« bearbeite. Was früher Jahre gedauert hätte, lasse sich nun in Minuten erledigen.

Werbung muss immer übertreiben. Schließlich bedient sie ja Träume, weckt Wünsche, steigert die Sehnsucht und rückt unerwartete Möglichkeiten für einen kurzen Augenblick in greifbare Nähe. Sie tut dies mit überraschenden Wendungen, gerade wenn die Wunschmaschine Werbefilm die Wunschmaschine Computer vorstellt. Beim UNIVAC-Werbefilm bestand die Überraschung darin, dass eigentlich kaum vom Rechnen die Rede war. Gewiss, es wurde erklärt, was es bedeutet, für zehntausend Angestellte Lohnabrechnungen zu erstellen. Doch genau dieser mühsame, langweilige Prozess, der jeden Monat oder gar alle zwei Wochen von neuem anstand, ließ sich offenbar mit dem UNIVAC im Nu erledigen, so schnell, dass man ihn gar nicht vorführen konnte. Das Rechnen tauchte im Werbefilm nie als Prozess auf, sondern nur als Resultat: Erwähnt wurden nur – im Perfekt – »berechnete Abgaben«. Und darauf folgte sogleich das faszinierende, spektakulär schnelle Drucken von Gehaltsschecks. Gerechnet wurde nicht einmal in symbolischer Darstellung. Die Rechnerei war bereits in die Blackbox der Maschine entschwunden. Also hörte man den Sprecher bloß von »computing systems« reden, die, ganz tautologisch, fürs Verrichten und Abschließen von »computations« verwendet würden.

Obwohl also Kalkulationen nur als Resultat und nicht als Prozess, nur als mirakulöse Wandlung und nicht als mühselige Arbeit beschrieben wurden, hatten sie einen bestimmten Ort: Die Kamera gewährte deshalb einen kurzen Blick in den mit Elektronenröhren bestückten zentralen Schrank des UNIVAC und einen zweiten in den monströsen Rechenspeicher.

3 Der Laufzeitspeicher eines UNIVAC um 1955.

Auch die Stelle im Datenverarbeitungsprozess, an der es ums Rechnen ging, wurde bezeichnet. Die Maschine lasse sich für alle Aufgaben verwenden, bei denen »sortiert, klassifiziert, gerechnet und entschieden« werden müsse, wurde ganz zu Beginn des Films behauptet.[5] Rechnen stand also prozedural gesehen an dritter Stelle, und der Computer war zunächst – und nicht nur in Frankreich – ein Apparat zum Sortieren von Daten, also ein »ordinateur«.

Allerdings war das Rechnen dem Ordnen nicht einfach nachgelagert, sondern wurde in der zitierten Verarbeitungssequenz nachgerade ubiquitär. Das lag daran, dass jede der im UNIVAC-Film erwähnten vier Teilprozeduren (Sortieren, Klassifizieren, Rechnen und Entscheiden) Aspekte der jeweils anderen enthielt. Beim Sortieren mussten ja berechenbare, auf Kriterien gestützte Entscheidungen gefällt werden. Beim Klassifizieren wurden ebenfalls Entscheidungen getroffen über Größen, Differenzen, Produkte und Sorten. Beim Rechnen wiederum musste klassifiziertes Datenmaterial so in den wohlgeordneten Raum der Zahlen überschrieben werden, dass über die Frage nach dem korrekten Resultat entschieden werden konnte. Entscheidungen schließlich konnten aber nur dann gefällt werden, wenn sie sich auf die rechnerisch verarbeitete Ordnung und Klassifizierung des Materials stützten.

Dieser programmatische Anspruch des UNIVAC war an zwei verfahrenstechnische Voraussetzungen gebunden: Erstens musste die Kette des Sortierens, Klassifizierens, Rechnens und Entscheidens durch eine überprüfbare Abfolge von Instruktionen hergestellt werden. Das Programm der Kette war zu programmieren. Und zweitens musste all das, was sortiert, klassifiziert, gerechnet und einer Entscheidung zugeführt werden sollte, zuvor in geeignete Formate gebracht werden. Nur dann konnte es von einer Maschine gelesen werden; nur so konnte die Maschine das, was aus der Kombination von Instruktionen und Daten entstand, am Ende aufschreiben oder es an die nächste Prozedur weitergeben. Formatierung war die wichtigste Voraussetzung für ein erfolgreiches, programmgestütztes Computing.

Die durch Programm und Formatierung verklammerte Bearbeitungskette ließ sich als Bedeutungssteigerung dieser Tätigkeiten interpretieren: Aus der mechanischen Sortierarbeit ergab sich die Möglichkeit zur bewussten Entscheidung. Die Bearbeitungskette stand aber auch, noch radikaler, für die allgemeine Berechenbarkeit alles Entscheidbaren durch einen Computer.

Rechnen

Wenn das Rechnen ausgerechnet beim mächtigsten aller Rechner zum Verschwinden gebracht wurde, stellt sich die Frage, wo es denn vor dem Verschwinden war. Wie wurde um die Mitte des 20. Jahrhunderts ohne UNIVAC gerechnet? Wo war Rechnen ganz selbstverständlich und wie waren die Arsenale des Rechnens bestückt? Der kalkulatorische Kontext im Handel, bei Versicherungen, in Werkstätten, bei der Artillerie oder in der Vermessung war äußerst vielfältig. Das lässt sich mit ein paar Beispielen gut illustrieren.

Im Handel haben Verkäuferinnen, Buchhaltungspersonal, Manager und Lagerbewirtschafter täglich gerechnet. Aber sie rechneten mit sehr unterschiedlichen Erwartungen an Präzision. Was in der Buchhaltung eine Todsünde war, dürfte im Außendienst die Regel gewesen sein, nämlich das Rechnen als Schätzung. Je nach Situation erfolgte der Umgang mit Prozentsätzen, Margen, Stückzahlen und Mengenrabatten mal erstaunlich genau, mal bloß als Überschlagsrechnung, manchmal mit Notizen für Zwischenresultate oder ganz seriös durch schriftliches Rechnen auf Papier. Situationsgerechte, meistens eher grobe Kalkulationen gehörten jedenfalls zu den Voraussetzungen für jedes Geschäft. Anders hätte man gar nicht handeln können. Genaues, überprüfbares Rechnen erfolgte dann später beim Fakturieren und in den Büchern. Rechnerische Präzision ließ sich also im Handel teilweise auf die Zeit nach der Lieferung verschieben und an Spezialisten im Kontor delegieren. Banken stellten ihre exakten Zinsrechnungen am Ende des Jahres aus und verwendeten dafür umfangreiche Zinsnummernbücher, Börsenhändler ließen nach geschlagener Schlacht das Ergebnis ihrer Tagesgeschäfte am späteren Nachmittag in der Bankfiliale berechnen. Kalkulatorische Probleme wurden also, wo immer es ging, temporalisiert.

Auch im rechenintensiven Versicherungsgeschäft setzte man durchweg auf Verzeitlichung des Rechnens. Das risikoreiche Kalkül mit der Risikoverteilung wurde auf die gesamte Unternehmensorganisation verteilt. Dabei wurde an jeder Stelle etwas anderes vorauskalkuliert oder nachgerechnet. Die Versicherungsagenten mussten bei Kundenbesuchen unter Zeitdruck Rechenaufgaben erledigen, in den lokalen Agenturen ging es mehr ums Sammeln, Ordnen und Präzisieren der Offerten. Die Zentrale der Versicherungsgesellschaft mit Buchhaltung, Rechnungsabteilung und Policenverwaltung rechnete wiederum andere Dinge und in anderen Geschwindigkeiten als die Versicherungsmathematiker und Statistiker, die Anlagespezialisten oder die Inspektoren der Schadensabteilungen. So konnten etwa Versicherungsagenten die Eckwerte ihrer Offerten aus einem vorausberechneten Tarifierungshandbuch ablesen und damit auch komplizierte, besonders risikoreiche Policen mit geringem Rechenaufwand vor Ort einer konkreten Versicherungssituation anpassen.[1]

Nur zum Teil auf Verzeitlichung und Verteilung, wenn immer möglich aber auf Vermeidung des Rechnens setzte man dagegen in Werkstätten. Ein präzises Rechnen ging hier, vielleicht entgegen den Behauptungen von Betriebswirten, nicht zwingend mit erhöhter Wirtschaftlichkeit der Produktion oder mit gesteigerter Präzision des Produkts einher. Der vorschnellen Anwendung des Buchhalterkatechismus stand eine erfahrungsgesättigte Skepsis gegenüber Präzisionsüberschüssen entgegen. Gewiss, die Lackkosten für ein Möbel hätten sich in der Schreinerei recht genau berechnen lassen. Aber sie ließen sich mit etwas Erfahrung auch einfach schätzen und nach getaner Arbeit durch Zählen der verbrauchten Lackdosen bestimmen. Das Rechnen, das in Berufsschulen vermittelt wurde, kannte natürlich seine kalkulatorischen Spitzfindigkeiten. Manche Aufgaben der Lehrbücher dürften jedoch mehr den Respekt vor der Lehrabschlussprüfung erhöht und weniger das Rechnen gefördert haben. Dazu gehörte beispielsweise die Bestimmung der Kosten für einen Meter Kittfalz bei der Herstellung von Fenstern. Im Kapitel »Einkauf und Verbrauch von Hilfsmaterial« gehörte diese Aufgabe zu den schwierigsten. Jeder Schüler wird sich nach ihrer Lösung fest vorgenommen haben, zukünftig statt zu rechnen lieber die branchenüblichen Daumenregeln zu verwenden. Dabei wird er die Kosten pro Meter Kittfalz wie die Kosten für Leim, Stifte, Glaspapier pro Quadratmeter Holz einfach etwas höher angesetzt haben, als es der Lehrmeister getan hatte.[2]

Anders wird es in einer mechanischen Werkstatt zugegangen sein, wenn der Verstellwinkel einer Drehbank festgelegt werden musste. Um einen Konus mit gewünschter Steigung herzustellen, waren Schätzung und Erfahrung allein ungenügend. Es wäre deshalb zu erwarten, dass Mechaniker mehr oder gar besser gerechnet haben als Schreiner. Schließlich hatte man ihnen in der Berufsschule ausführlich erklärt, dass die Kombination von geometrischer Skizze, Formel für die Kegelverjüngung und Tangens des Steigungswinkels die Berechnung der Werkzeugeinstellung ermöglichte. Adolf Stahel, der Autor des Lehrbuchs »Rechnen für Mechaniker« von 1950, wusste aber offenbar um den mäßigen Recheneifer seiner Schüler und lieferte zur Sicherheit im Anhang seiner Aufgabensammlung eine auf Vorrat gerechnete Tabelle für den (bereits halbierten) Konuswinkel in Graden und für die Steigung in Prozenten. Als ob er an der Wirkung seines Rechenunterrichts generell zweifelte, folgte danach auch noch eine Tabelle über »Quadrate, Quadratwurzeln, Kreisumfänge, Kreisinhalte«.[3]

Zeit oder relative Geschwindigkeit spielten bei jedem Rechnen eine ganz wesentliche Rolle. Das war in der Werkstatt nicht anders als an der Börse oder im Krieg. Aber nicht in allen Situationen, in denen gerechnet wurde, kam dem Faktor Zeit die gleiche kritische Bedeutung zu, nicht überall wurde das Zeitproblem auf dieselbe Art behandelt. Für die schnelle Einrichtung eines Geschützes beispielsweise ließ sich dadurch Zeit gewinnen, dass die Feuerleitstelle über vorbereitete Schusstafeln und Korrekturtabellen verfügte und die Schießelemente gemäß Feuerplan per Lautsprecher an die Kanoniere übermitteln konnte.[4] Noch schneller, wenn auch mechanisch sehr anspruchsvoll, war die Verwendung eines Kommandogeräts in der Flugabwehr.[5] Hier wurden komplexe und aufwendige Rechnungen durch ein präzisionsmechanisch und teleskopisch unterstütztes Nachführen der Flugbahn des Flugzeugs ersetzt. Die Werte, die vor dem Abschuss an den Geschützen eingestellt werden mussten, ließen sich durch mechanisches Übersetzen der optisch erkennbaren Verhältnisse auf Zähler und Skalen ermitteln. Die »Rechnung« war im Kommandogerät mechanisch eingebaut. Man sparte also Rechenzeit und konnte an den Geschützen eine schnelle Entscheidung über die Flugbahn des Geschosses fällen.[6]

 

Rechnungen ließen sich mechanisch substituieren, mit Daumenregeln vermeiden, tabellarisch und graphisch vorrätig halten oder einfach auf später verschieben. Es ergaben sich beachtliche Rationalisierungspotentiale, wenn am richtigen Ort kalkulatorische Präzision, Formalisierung und Kontrolle durch Intuition, Erfahrung und Vertrauen in die Autorität einer Tabelle ersetzt wurden. Wo Kopf- und Papierrechnen nicht mehr hinreichten, ließ sich der Rechenraum durch Buchungsautomaten, Registriermaschinen und andere Analogrechner mechanisch erweitern. Meistens aber genügte es, wenn ein Rechenschieber mit berufsspezifischen Skalen verfügbar war.[7] Innerhalb des Arsenals von mechanischen, tabellarischen und graphischen Instrumenten, die um 1950 herum das Rechnen unterstützten, war der Rechenschieber als schnelles, leicht transportierbares und dennoch erstaunlich präzises Hilfsmittel für anspruchsvolle Berechnungen kaum zu schlagen. Selbst im technisch hochgerüsteten Ambiente des Mission Control Center, in dem die Gemini- und Apollo-Raumflüge der NASA überwacht wurden, hantierten die an ihren Konsolen sitzenden Techniker noch Mitte der 1960er Jahre mit Rechenschiebern, wenn es darum ging, möglichst schnell den verbleibenden Treibstoff der Rakete oder die Positionsangabe des Raumschiffs rechnerisch zu überprüfen.[8] Kaufleute, Versicherer, Handwerker und Artilleristen rechneten tagaus und tagein, kombinierten graphische Hilfsmittel mit Messinstrumenten, Formeln mit Tabellenwerten, Schätzungen mit eigenen Kalkulationen. Um 1950 gab es unendlich viele Situationen, in denen ohne große Probleme viel, genau, komplex, schnell und sicher, zumindest aber effizient gerechnet werden konnte. Es stand ein großes Arsenal von Instrumenten zur Verfügung, mit denen umfangreiches oder zeitkritisches Rechnen sowie Rechnen auf Vorrat möglich war.

4 Ganz vermeiden ließ sich das Rechnen nicht – auch nicht für einen Bordmechaniker der Swissair (1959).

Für eine Maschine, die man wegen ihrer Rechengeschwindigkeit bewunderte und als »miracle of electronics« bezeichnete, gab es mit anderen Worten um 1950 kaum einen manifesten Bedarf. Dieser musste zuerst konzipiert, benannt und organisiert werden. Dass er sich im Laufe der folgenden Jahrzehnte tatsächlich einstellte, war um 1950 mehr Projektion als Gewissheit. Eine Maschine, in die sich üblicherweise anstehende Rechenoperationen mit großem Gewinn hätten verlegen lassen, war eben eine Wundermaschine.

Manches von dem, was sich Wissenschaftler bis dahin an verrückten Rechenaufgaben hatten einfallen lassen, wurde inzwischen von elektromechanischen Rechnern erledigt. Solche Anlagen waren beispielsweise in den 1920er und 1930er Jahren am Massachusetts Institute of Technology (MIT) unter der Leitung von Vannevar Bush und zwischen 1939 und 1944 an der Harvard University unter der Leitung von Howard Aiken gebaut worden.[9] Man hatte sie unter anderem verwendet, um genügend schnell, also vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die kritische Masse einer Atombombe zu berechnen. Auch der Electronic Numerical Integrator And Computer (ENIAC), der von John Mauchly und Presper Eckert im Auftrag der US-amerikanischen Armee an der Moore School of Electrical Engineering der University of Pennsylvania gebaut wurde, orientierte sich an den Problemen wissenschaftlichen und militärischen Rechnens.[10] Diese Maschinen sollten beispielsweise Differentialgleichungen numerisch lösen, also die umfangreiche Rechenarbeit solcher Aufgaben mechanisieren. Oder sie wurden, wie der ENIAC, neben ihrem militärisch-nukleartechnischen Aufgabenspektrum für Fragen der Optimierung oder der Stochastik eingesetzt. Elektromechanische Maschinen, die für administrative Zwecke verwendet wurden und zuverlässig auch große Mengen an positiven Zahlen mit drei bis vier arithmetischen Grundoperationen meistern konnten, hatten damit nichts am Hut.[11] Der beim wissenschaftlichen Rechnen angesteuerte Möglichkeitsraum kümmerte sich um Atombomben, aber nicht um Kittfalz-Kosten, Einstellwinkel, Prämienabrechnungen oder Debitoren.

Das Interesse der rechnenden Fraktion der Akademiker ging in sehr viele verschiedene Richtungen. Alan Turing zum Beispiel versuchte (neben seinen theoretischen Arbeiten zur maschinellen Lösbarkeit des Entscheidungsproblems und den geheimen Arbeiten zur rechnergestützten Entschlüsselungstechnik), Prozesse der Evolution und der biologisch-chemischen Strukturbildung rechnerisch zu bestimmen.[12] John von Neumann wiederum hätte sich 1945 ganz generell eine Maschine gewünscht, die Rechnungen von hoher Komplexität löste. Er dachte dabei an arithmetische Probleme, die weit über das hinausgingen, was Vannevar Bush und seine Kollegen am MIT an Rechenaufgaben mechanisch lösen konnten. Ihm schwebten so verrückte Dinge vor wie die numerische Lösung einer nichtlinearen partiellen Differentialgleichung mit zwei bis drei unabhängigen Variablen.[13] Konrad Zuse wiederum hatte 1942 geglaubt, seinen Rechner für die Berechnung von Matrizen empfehlen zu müssen. Und diese abstrakte Empfehlung aus dem Gebiet der linearen Algebra konkretisierte er mit der erschreckenden Aussicht einer Anwendung in Rassenforschung und Vererbungslehre, wie sie in seinem Umfeld Konjunktur hatte. Bei hinreichender Förderung durch den nationalsozialistischen Staat, so das Kalkül, würde sich mit seiner Maschine der Verwandtschaftsgrad von zwei beliebigen Individuen bestimmen lassen. Die Nürnberger Gesetze hätten ein rechnerisches Umsetzungsinstrument erhalten. Es überrascht nicht, dass Zuse 1948 ein wesentlich breiteres Spektrum von möglichen Anwendungen seiner Rechner ins Auge fasste. Es reichte von mathematischen Systemen, Beweisverfahren im Sinne der mathematischen Logik und Planfertigungen für numerische Hochleistungs-Rechengeräte bis zur Atomphysik und der rechnerischen Chemie, von Buchhaltung, Betriebskalkulationen und sonstigem kommerziellen Rechnen über die Anwendung auf konstruktive Probleme, rechenmaschinen-gesteuerte Werkzeugmaschinen, Bauwesen, Schaltungstechnik und Schachspiel bis hin zu linguistischen Problemen.[14]

Eines aber hatten solche Zukunftsentwürfe für den Computer in der unmittelbaren technikhistorischen Vergangenheit des UNIVAC unabhängig von ihrem politischen Kontext gemeinsam. Sie sollten eine selektive Verlagerung wissenschaftlicher Probleme in den Rechner ermöglichen und dafür das Rechnen so mechanisieren, dass sich zwar nicht das Rechnen an sich, wenigstens aber seine Trübsal vermeiden ließ. Das wäre zumindest immer dann der Fall gewesen, wenn sich arithmetische Prozeduren hätten automatisieren und beschleunigen lassen.

Das rechnende Personal vom Rechnen zu entlasten war das eine, die Debatten über den Computer vom Rechnen und dessen elektronischer Umsetzung zu entlasten etwas anderes. Vor allem Letzteres scheint Presper Eckert, James Weiner, Frazer Welsch und Herbert Mitchell von der Eckert-Mauchly Computer-Abteilung der Remington Rand bewogen zu haben, im Dezember 1951 in New York einen ausführlichen Vortrag über den UNIVAC zu halten. Sie übergingen das Thema nicht, wie es der Werbefilm tat, sondern zeigten noch einmal mutig und unerschrocken, wie man mit dem Computer rechnen konnte, wohl in der Hoffnung, danach nur noch über wirklich interessante Dinge sprechen zu müssen. Die Ingenieure traten auf der gemeinsamen Konferenz des American Institute of Electrical Engineers und des Institute of Radio Engineers auf, als Abgesandte eines komplexen Entwicklungsprojekts der Remington Rand, an dem Hunderte von Technikern mitgearbeitet hatten.

Eckert und seine Kollegen wählten für ihren vierteiligen Vortrag einen überraschenden Aufbau.[15] Zunächst kamen sie nicht etwa auf die Leistung oder das Ziel, sondern auf die Organisation der Anlage zu sprechen. Was immer unabhängig vom Hauptrechner funktioniere, sei an Hilfskomponenten ausgelagert und mit einer eigenen Stromversorgung versehen worden. Dazu gehörten etwa der direkte Verkehr zwischen Tastatur und Magnetbändern oder jener zwischen Lochkartenlesern und Bandstationen. Den Datenverkehr mit dem Rechner dagegen synchronisierten spezielle Input-output-Schaltungen, und im Rechner selbst gab es einen high-speed bus-Verstärker, über den alle Daten wie Päckchen auf einem Fließband in festgelegter Taktung wandern mussten, wenn sie zwischen den arithmetischen Registern und dem Speicher oder zwischen dem Speicher und den Input-output-Registern bewegt wurden.

Nach diesem kurzen, aber entschiedenen rhetorischen Ordnungsakt hätten sich die Vortragenden dem komplexen Blockdiagramm für das Innere des UNIVAC