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Karin Bucha ist eine der erfolgreichsten Volksschriftstellerinnen und hat sich mit ihren ergreifenden Schicksalsromanen in die Herzen von Millionen LeserInnen geschrieben. Dabei stand für diese großartige Schriftstellerin die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Fürsorge, Kinderglück und Mutterliebe stets im Mittelpunkt. Karin Bucha Classic ist eine spannende, einfühlsame geschilderte Liebesromanserie, die in dieser Art ihresgleichen sucht. Durch ein kleines Dorf in der Eifel rast ein schnittiger Wagen. Hühner flattern aufgescheucht vor ihm davon und retten sich so schnell sie können. Hunde werden rebellisch und jagen neben ihm her, um ihn zu verbellen, müssen aber den Wettlauf bald aufgeben. Im letzten Augenblick wird ein Kind von der Fahrbahn gerissen. Das Mädchen, am ganzen Körper zitternd, legt die eine Hand um das erschreckte Schwesterchen und steckt die andere als drohende Faust hinter dem Fahrer her. Im flatternden Sommerkleid mit wehenden Locken, lehnt es am Zaun des bescheidenen Anwesens und streckt zornsprühend dem Lenker auch noch die rosige Zunge heraus. Bremsen kreischen. Der Wagen hält nach einigen Metern. Ein Mann steigt aus und kommt den Weg zurück, nicht, weil er beinahe ein Unglück verursacht hätte. Nein! Hans-Friedrich Holmer, einziger Sohn und Erbe der Holmer-Werke, kann sich nicht gefallen lassen, daß ein Dorftrampel ihm die Zunge zeigt. »Erlauben Sie mal, mein Fräulein«, sagt er von oben herab in einem so arroganten Ton, daß Gilla Rudolf glühende Röte in die braungebrannten Wangen steigt. Weiter kommt er nicht in seiner Rede, denn die einzigartige Schönheit des Mädchens läßt ihn verstummen. Dafür sprüht es ihm aus Gillas Augen förmlich entgegen. »Ich erlaube Ihnen gar nichts, mein Herr«, faucht sie ihn zornbebend an. »Ich erlaube Ihnen höchstens, anständig zu fahren und nicht kleine Kinder in Gefahr zu bringen. Ihren Wagen können Sie zu Kleinholz fahren, aber wäre meiner Schwester auch nur ein Haar gekrümmt worden, es wäre Ihnen schlecht bekommen.« Und dann wendet sich Gilla mit gänzlich verändertem Ton an den kleinen Blondkopf, streicht ihm zärtlich über das Haar und sagt: »Komm, mein Liebling, wir gehen ins Haus.«
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Durch ein kleines Dorf in der Eifel rast ein schnittiger Wagen. Hühner flattern aufgescheucht vor ihm davon und retten sich so schnell sie können. Hunde werden rebellisch und jagen neben ihm her, um ihn zu verbellen, müssen aber den Wettlauf bald aufgeben.
Im letzten Augenblick wird ein Kind von der Fahrbahn gerissen. Das Mädchen, am ganzen Körper zitternd, legt die eine Hand um das erschreckte Schwesterchen und steckt die andere als drohende Faust hinter dem Fahrer her. Im flatternden Sommerkleid mit wehenden Locken, lehnt es am Zaun des bescheidenen Anwesens und streckt zornsprühend dem Lenker auch noch die rosige Zunge heraus. Bremsen kreischen.
Der Wagen hält nach einigen Metern. Ein Mann steigt aus und kommt den Weg zurück, nicht, weil er beinahe ein Unglück verursacht hätte. Nein! Hans-Friedrich Holmer, einziger Sohn und Erbe der Holmer-Werke, kann sich nicht gefallen lassen, daß ein Dorftrampel ihm die Zunge zeigt.
»Erlauben Sie mal, mein Fräulein«, sagt er von oben herab in einem so arroganten Ton, daß Gilla Rudolf glühende Röte in die braungebrannten Wangen steigt.
Weiter kommt er nicht in seiner Rede, denn die einzigartige Schönheit des Mädchens läßt ihn verstummen. Dafür sprüht es ihm aus Gillas Augen förmlich entgegen.
»Ich erlaube Ihnen gar nichts, mein Herr«, faucht sie ihn zornbebend an. »Ich erlaube Ihnen höchstens, anständig zu fahren und nicht kleine Kinder in Gefahr zu bringen. Ihren Wagen können Sie zu Kleinholz fahren, aber wäre meiner Schwester auch nur ein Haar gekrümmt worden, es wäre Ihnen schlecht bekommen.«
Und dann wendet sich Gilla mit gänzlich verändertem Ton an den kleinen Blondkopf, streicht ihm zärtlich über das Haar und sagt: »Komm, mein Liebling, wir gehen ins Haus.«
Da verstellt ihr Hans-Friedrich Holmer den Weg. Jetzt steigt doch etwas wie ein Schuldgefühl in ihm hoch, und er sagt zerknirscht: »Verzeihen Sie – wenn ich Sie erschreckt habe, aber – aber der Wagen ist nun einmal so schnell.«
Gilla zeigt ihm die kalte Schulter.
»Mich interessiert weder Ihr Wagen noch Sie selbst. Fahren Sie nur weiter, vielleicht landen Sie ja heute noch an einem Baum, da wollen Sie doch wohl hin.«
Damit schickt sie sich an, im Vorgarten zu verschwinden.
»Nun seien Sie doch nicht gleich so böse. Es tut mir aufrichtig leid, daß ich das Kind so erschreckt habe.«
Er wendet keinen Blick von Gilla. Er sieht die hohe und doch zierlich gebaute Gestalt, die schwarzglänzenden Locken, die bis auf die Schultern fallen, die schöngewölbte Stirn und das Faszinierendste – die unwahrscheinlich blauen Augen, die in einem dunklen Straßenkranz von Wimpern ruhen und die ihn jetzt feindselig und spöttisch zugleich mustern. Süß ist der Mund, von einem zarten Schwung. Das ganze Menschenkind strahlt natürliche Anmut und Lieblichkeit aus.
»Bitte, geben Sie mir den Weg frei«, sprüht sie ihn an. »Sie sehen doch, daß ich mit Ihnen nichts zu schaffen haben will. Komm, mein Liebling!« Damit schiebt sie die kleine Reni vor sich her, die mit großen Augen zu dem eleganten Mann aufschaut und sich nur widerstrebend davonführen läßt, denn Hans-Friedrich ist stumm zur Seite getreten. Betroffen murmelt er: »Verzeihung!«
Die kleine Reni drängt sich näher an die große Schwester heran. »Warum bist du nur so böse, Gilla? Er ist doch ganz nett! Und der schöne Wagen. Hast du gesehen, wie der in der Sonne blitzte?«
Gilla reißt das Kind beinahe grob zur Seite. »Sei still und rede keinen Unsinn. Ich habe nur gesehen, daß der Mann ein ganz rücksichtsloser Fahrer ist. Komm nun endlich, kleine Plaudertasche.«
Hans-Friedrich Holmer lehnt am Gartentor. Selbstvergessen schaut er der grazilen Gestalt nach. Ihm ist zumute, als habe ihn das Glück wie mit einem Zauberstab berührt, um ihn zu narren und gleich darauf wieder zu verschwinden.
Er richtet sich empor, blickt noch einige Minuten nach dem Eingang, dann geht er langsam zu seinem Wagen zurück. Nachdenklich startet er den Motor.
Er wird jetzt auf dem Vorwerk erwartet. Aber er wird wiederkommen, um sich dieses seltsame Mädchen, in dem sich Burschikosität und damenhafte Zurückhaltung so merkwürdig paaren, etwas näher anzusehen.
Er muß sie wiedersehen!
*
Eigentlich hatte Hans-Friedrich Holmer am Abend wieder zurück in die Stadt fahren müssen, um seiner Mutter Bericht zu erstatten, daß alles zu ihrem und der Tanten Empfang bereit sei.
Stadtmüde, wollten sich die Damen in der heilsamen Frühlingsluft einige Wochen erholen.
Statt dessen hat er seine beiden Zimmer auf Holmershöhe bezogen und der Mutter telefonisch erklärt, daß ihrem Einzug nichts im Wege stehe.
»Kommst du denn nicht zurück, Hans-Friedrich?« erkundigt sich Frau Mary erstaunt bei ihrem Sohn, der für gewöhnlich von Holmershöhe nicht viel hielt.
»Nein, Mama«, erklärt er ihr, »ich habe es mir anders überlegt. Mit dem Verwalter sind einige Dinge zu regeln. Mit dem Förster habe ich einige Waldgänge zu machen, da ausgeholzt werden muß. Ich bleibe vorläufig hier draußen.«
Und nun sitzt er am Fenster seines elegant und äußerst gemütlich eingerichteten Wohnzimmers und starrt mißmutig in die einfallende Dämmerung. Aber er nimmt wenig von der Schönheit des vergehenden Tages wahr. Immer nur sieht er eine süße Mädchenerscheinung vor sich. Wie hatte er sie je als einen Dorftrampel bezeichnen können?
Er geht die jungen Damen seines Bekanntenkreises durch, aber nicht eine kann mit der jungen Schönen konkurrieren.
Das kleine Haus mit dem bescheidenen, aber gut gepflegten Garten kommt ihm wie ein verwunschenes Schloß und das schöne Mädchen wie eine verzauberte Prinzessin vor.
Klopfen an der Tür unterbricht sein Grübeln. Er ist froh, seinen quälenden Gedanken durch das Eintreten der Haushälterin Lena entrissen zu werden.
»Hegemeister Lennert ist da und fragt an, ob er Sie jetzt noch sprechen kann.«
»Gewiß, Lena. Führen Sie ihn in Vaters Arbeitszimmer. Ich komme sofort.«
*
Im Arbeitszimmer des Seniorchefs des Hauses stehen sich der Sohn und der Hegemeister gegenüber. Nachdem Hans-Friedrich den im Dienst ergrauten Beamten herzlich begrüßt und ihn dann in einen der tiefen Sessel genötigt hat, wendet er sich mit der ihm eigenen Herzlichkeit an ihn: »Kleine Erfrischung gefällig, Lennert? Ich fürchte, Sie haben allerlei auf dem Herzen, so daß einige Zeit dabei vergehen dürfte. Außerdem plaudert es sich besser.«
Ohne eine Zustimmung abzuwarten, klingelt er und bestellt bei dem erscheinenden Stubenmädchen eine Flasche Rotspon und einen kleinen Imbiß.
»Soll ich hier – oder auf der Terrasse servieren?« erkundigt sich Bella höflich. »Die Luft draußen ist sehr mild.«
Hans-Friedrich lächelt leicht. »Dann also draußen.«
Als Bella serviert hat und lautlos wieder im Haus verschwunden ist, bricht Lennert das Schweigen.
»Eigentlich bin ich nur wegen der Sache Rudolf gekommen.«
Hans-Friedrich runzelt unwillig die Stirn.
»Mein Vater ist in diesem Falle sehr unzugänglich, Lennert. Es geht ihm hier nicht um das bißchen Holz – sondern ums Prinzip.«
»Und was ist Ihre Meinung?« forscht Lennert ruhig, der den jungen Chef des Hauses außerordentlich schätzt.
Holmer macht eine wegwerfende Handbewegung. »Ich hätte das bißchen Holz den Armen geschenkt. Es hat ja kaum einen Wert.«
»Sehen Sie, Herr Holmer, das ist auch meine Meinung.«
»Leider ist unsere Meinung in diesem Falle nicht maßgebend. Mein Vater nimmt die Kündigung des Hegers Rudolf keinesfalls zurück, so viel ich auch geredet habe.«
Lennert nimmt einen bedächtigen Schluck aus dem Pokal, dreht ihn ein wenig in den Fingern und schaut interessiert dem Aufblitzen des Kristalls im Lichtschein zu. »Einesteils verstehe ich den Standpunkt Ihres Herrn Vaters. Aber sein Entschluß scheint mir zu hart. Der Mann hat ein Dutzend Kinder.«
»Wie – was?« Hans-Friedrich neigt sich etwas nach vorn. »Gibt es das denn heute noch?«
»Sie sehen, daß es das noch gibt. Und alles Prachtkerlchen. Drei Söhne sind in der Lehre. Die älteste Tochter ist eine Schönheit. Sie steht der Mutter zur Seite und führt den großen Haushalt tadellos.«
»Vielleicht hat eines der Kinder –«
»Um Gottes willen!« fährt Lennert entsetzt empor. »Wo denken Sie hin. Die Kinder sind samt und sonders gut erzogen. Nein! Da sind Sie auf dem Holzwege. Ich vermute eher, daß Rudolf jemanden decken will.«
»Nun ja – seine Kinder!«
Beide Hände hebt Lennert voll Ärger. »Lassen Sie doch diesen Gedanken fallen, Herr Holmer. Dafür gibt es nicht den geringsten Beweis. Rudolf hat sich ja auch erboten, den Schaden zu ersetzen.«
»Nun ja, ich werde nochmals mit meinem Vater sprechen. Hat Rudolf denn um Wiedereinstellung gebeten?«
»Das ist es ja eben«, stöhnt Lennert erbittert auf. »Er ist viel zu stolz dazu und schweigt sich aus.«
»Hm!«
Der Abendwind bewegt leicht die Blätter des Fliederbaumes. Falter schweben rund um die Tischlampe. Von fern dringen schwach die Geräusche aus dem nahen Dorf. Die Abendglocken läuten den Feierabend ein.
Hans-Friedrich verbannt die Gedanken an das Unglück des Hegers Rudolf aus seinem Kopf. Allmählich gleitet er in eine zauberhafte Traumstimmung, und als auch der Hegemeister verstummt, steigt wieder das zarte und so überaus ausdrucksvolle Antlitz des unbekannten Mädchens vor ihm auf.
*
»Willst du mir nicht sagen, was dich quält, Christian?« bittet die zierliche Frau und hebt die Augen – die blauen, dunkelbewimperten Augen –, die sie ihrer ältesten Tochter Gilla vererbt hat, zu ihm auf. »Seit Tagen beobachte ich dich schon. Hast du kein Vertrauen mehr zu mir?«
»Aber Änne!« Christian Rudolf legt den Arm um die Schultern seiner Frau, die stets ein treuer Kamerad gewesen ist, und zieht sie ein wenig an sich. »Wie kommst du bloß auf den Gedanken, kein Vertrauen –«
»Doch, doch«, beharrt sie und löst sich fast unwillig von ihm. »Du verbirgst mir etwas. Ich kenne dich doch. Sag es mir, damit ich die schreckliche Unruhe loswerde. Was ist los?«
»Ich habe Sorgen«, stößt er schließlich hervor, denn die blauen Augen bannen ihn förmlich. Alles, was sie bewegt, liest er daraus.
»Ja eben, Christian, das weiß ich doch«, sagt die Frau mit sanfter, weicher Stimme. »Red dir das Herz frei, bitte…«
»Ich bin entlassen!« bricht es aus ihm hervor. »Fristlos entlassen.«
Zunächst starrt sie ihn ungläubig an und murmelt: »Entlassen, aber, mein Gott, Christian!« Dann schüttelt sie die augenblickliche Lähmung von sich. »Warum denn, Christian, hast du etwas verbrochen?«
Er wendet sich halb von ihr ab. »Ja«, erklärt er ihr erbittert. »Ich habe Holz an ein paar bedürftige Menschen verschenkt.«
»Ja, Christian«, flüstert die kleine Frau ganz ratlos, »deshalb kann man doch einen Mann wie dich nicht einfach auf die Straße werfen!«
Er lacht gezwungen auf. »Kann man, du siehst es doch. Man hält mich für einen Dieb, weil ich es über den Kopf des Chefs hinweg getan habe.«
»Ach so, Hegemeister Lennert fühlt sich gekränkt?« Um Ännes Mund zuckt es wie Weinen.
»Lennert nicht, der ist in Ordnung, Herr Holmer selbst hat meine Entlassung bestimmt.«
»O Gott, Christian, dann ist es schlimm.« Änne schlägt die Hände vor das Gesicht.
»Du mußt persönlich zu Holmer gehen, hörst du! Du mußt ihn aufklären. Jetzt steht er unter dem Eindruck, du habest das Holz an dich gebracht. Das mußt du klarstellen, hörst du?«
Ganz eindringlich redet sie auf den Mann ein, und dieser ballt die Faust in der Tasche. Beinahe hätte er wieder grell herausgelacht. Es wäre ja dem Chef ein leichtes gewesen, hinter dem Verbleib des Holzes herzuforschen. Aber nein! Gleich hat er die Konsequenzen gezogen und ihm, einen Mann, der jahrelang treue Dienste geleistet hat, ohne ihn anzuhören, entlassen.
Er richtet sich stolz auf. »Nein, Änne! Das kann ich ein zweites Mal nicht tun.«
Groß sieht sie zu ihm auf. »Dann – dann warst du schon bei ihm?«
Er nickt und läßt die Schulter hängen. »Er hat mich nicht einmal empfangen.«
»Ich – verstehe –«, raunt sie mit einem Gesicht, aus dem jeder Blutstropfen gewichen ist. »Nein, ein zweites Mal nicht, Christian.«
Im Einverständnis mit ihm schiebt sie ihre Hand unter seinen Arm und dirigiert ihn tiefer in den Garten hinein. Wortlos schreiten sie nebeneinander her. Aber ihre Herzen schlagen im Gleichklang, wenn auch von Sorge vor der Zukunft durchzittert!
Gilla steht wie erstarrt. Alles, was zwischen den Eltern gesprochen wurde, hat sie gehört, und alles bäumt sich in ihr gegen das Unrecht auf, das man ihrem Vater angetan hat.
Ich muß helfen, denkt sie verzweifelt und reißt die Tür auf, nimmt den leichten Mantel von der Garderobe und verläßt vorsichtig das Haus.
*
Als Hegemeister Lennert den jungen Chef verlassen hat, lehnt dieser noch an der Brüstung der Terrasse und schaut ins Weite.
Zaghaft nähert Bella sich dem regungslos Verharrenden. Schon einmal hat sie ihn angerufen, aber er hat keine Antwort gegeben. Da ist sie lautlos wieder davongelaufen und hat Gilla Rudolf, die mit Hangen und Bangen in der riesigen Halle steht und sich wie verloren vorkommt, ausgerichtet: »Der Herr ist nicht zu sprechen!«
Gilla beißt sich auf die Lippen. Dann wirft sie stolz den Kopf in den Nacken.
»Weisen Sie mir bitte den Weg. Ich muß Herrn Holmer sprechen. Ich gehe nicht von der Stelle.«
Bella ist bezwungen. »Kommen Sie.«
Hans-Friedrich zündet sich eben eine Zigarette an, als er Schritte hinter sich vernimmt. Langsam wendet er sich um.
»Sie – Sie kommen zu mir?«
Gilla Rudolf ist wie gelähmt. Die Blicke ihrer weit aufgerissenen Augen hängen an dem Mann, der an der Brüstung der weitläufigen Terrasse lehnt und sie aus seinen hellen grauen Augen anstarrt. Sie sieht nur das kühne, fast verwegene Gesicht, und ein Schauer läuft über ihren Körper.
»Ich – ich suche Herrn Holmer«, stammelt sie endlich, und ihr Gesicht ist wie in Glut getaucht.
Auch in Hans-Friedrich Holmer kommt Leben. Ein kleines Lächeln spielt um seinen Mund. Er verneigt sich tief und ehrerbietig vor ihr.
»Gestatten, Hans-Friedrich Holmer!«
Gillas Antlitz ist von schneeiger Blässe. Nur die blauen Augen, jetzt fast dunkel vor Erregung, leben darin.
»Sie – Sie haben meinen Vater entlassen?« kommt es von den Lippen.
Holmer ist es, als habe er einen Schlag empfangen. »Sie sind Rudolfs Tochter?«
Gilla bemerkt sein Erschrecken, sein plötzlich verändertes Wesen. Nun kann sie nicht mehr zurück! Sie will es aber auch gar nicht. Rebellisch wirft sie den schönen Kopf in den Nacken und rafft allen Mut zusammen, denn vor den kalten grauen Augen läuft ihr schon wieder ein Rieseln über den Rücken.
»Warum haben Sie meinen Vater entlassen? Er ist kein Dieb!«
Holmer lehnt sich ihr gegenüber an den Türrahmen. Um seinen Mund zuckt es spöttisch. Die Arme hat er über der Brust gekreuzt.
»Und wo ist das Holz geblieben? Wissen Sie das auch?«
»Ja, auch das weiß ich. Mein Vater hat es den Dorfarmen geschenkt.« Gilla tritt einen Schritt näher. Ihre Augen flammen. »Und Sie, der im Geld schwimmt, der in einer so luxuriösen Umgebung leben kann, gönnen ein paar hilfsbedürftigen Menschen nicht ein wenig Holz, damit sie sich wenigstens ihr Essen kochen und wärmen können?«
»Und warum kommt Ihr Vater nicht selbst?« spottet er weiter, nur um sie weiter aus ihrer Reserve zu locken.
»Warum?« fragt sie verächtlich zurück. »Weil man meinen Vater nicht empfangen hat. Verleugnen lassen haben Sie sich, nicht einmal angehört haben Sie ihn. Aber das ist ja für den reichen Holmer eine Kleinigkeit, einen rechtschaffenen Mann durch seine Leibgarde hinauskomplimentieren zu lassen. Was bedeutet Ihnen schon ein Angestellter, auch wenn er jahrelang gute Dienste geleistet hat! Ihnen bedeutet ja noch nicht einmal ein Menschenleben etwas. Das haben Sie heute bewiesen.«
»Jetzt ist es aber genug«, unterbricht er sie zornig. »Sie sind ohnehin an die falsche Adresse geraten.«
»Also sind Sie doch nicht Holmer?« triumphiert sie fast.
Verzweifelt fährt sich Hans-Friedrich durch das Haar und schreit sie unbeherrscht an: »Ja, zum Donnerwetter, ich bin Hans-Friedrich Holmer, aber ich habe mit der Sache nichts zu tun, hören Sie, gar nichts! Ich bin der Sohn. Sie wollten zu meinem Vater. Der hat die Entlassung verfügt – nicht ich.«
»Der – Sohn –?« stammelt Gilla tonlos, und sie glaubt, vor Scham versinken zu müssen.
»Haben Sie das nicht gewußt?« forscht er angespannt. Ehrlich schüttelte Gilla den dunklen Kopf. Glühende Röte jagt über ihren Hals und verbreitet sich langsam bis in die Stirn.
Da fühlt sie ihre Hände gepackt und wie in einen Schraubstock gepreßt, und im nächsten Augenblick liegt sie an seinem Herzen und spürt seine Lippen in einem wilden, leidenschaftlichen Kuß auf ihrem Mund. Wie gelähmt ist sie. Nicht zu rühren vermag sie sich. Nur ihr Herz klopft wie wahnsinnig, und sie meint, man müsse es hören.
Holmer hört und fühlt es – auch das Beben des jungen, grazilen Mädchenkörpers fühlt er. Wie ein glühender Strom geht es durch ihn hindurch. Willenlos und hilflos liegt sie an seinem Herzen, und er hat nur den einen Wunsch, sie niemals wieder von sich zu lassen.
Plötzlich spürt er, wie ein Aufbäumen durch diesen zarten Leib geht. Mit Aufbietung aller Kraft reißt sich Gilla los. Beide Hände preßt sie gegen seine Brust.
Die Arme, in denen sie eben noch so warm und behütet geruht hat, lösen sich, und sie taumelt rückwärts. Heiß steigt es in ihr empor. Tränen der Empörung entströmen den verdunkelten Augen.
»Mein Vater ist in Ihren Augen ein Dieb und ich – Freiwild.«
Flammende Röte schlägt ihm ins Gesicht.
»Nein! So ist es nicht. Ich liebe Sie!«
In Gillas Ohren dröhnt es: »Ich liebe Sie! – Ich liebe Sie!« Langsam hebt sie die Lider; unter dem Schleier der dunklen Wimpern trifft ihn ein unsicherer Blick, der sofort wieder zur Seite irrt.
Ich hasse ihn – denkt sie verwirrt – ich hasse seine Überlegenheit, seine Sicherheit, sein herrisches Wesen, seinen Reichtum, der ihm diese Machtstellung einräumt.
Gewaltsam drängt sie das sie vorübergehend berauschende Gefühl tief in einem Winkel ihres Herzens zurück.
»Bitte, rufen Sie das Mädchen«, sagt sie kühl, »in diesen großen Räumen finde ich mich nicht zurecht.«
Er verneigt sich knapp.
»Wie Sie wünschen. Sie müssen mir aber gestatten, daß ich Sie heimbringe.«
Ihr Kopf ruckt herum. »Etwa mit Ihrem Wagen?« fragt sie spöttisch.
»Wenn Sie wünschen, können wir zu Fuß gehen.«
*
Am nächsten Morgen befindet sich Hans-Friedrich Holmer schon zeitig auf dem Weg in die Stadt. Punkt neun Uhr betritt er das Arbeitszimmer seines Vaters, des Senior-Chefs der Holmer-Werke.
»Morgen, Vater«, grüßt er herzlich. Friedrich Holmer schiebt die Hornbrille auf die Stirn und schaut seinen Sohn freundlich an.
»Morgen, mein Junge. Na, hab’ ich es nicht gesagt: Länger als eine Nacht hältst du es auf Holmershöhe nicht aus.«
Hans-Friedrich nimmt Platz. »Diesmal hat es mir auf Holmershöhe ausgezeichnet gefallen. Ich kann gar nicht verstehen, daß ich es die ganze Zeit gemieden habe. Du solltest auch hinausfahren und einmal ausspannen. Jetzt im Frühling ist es einfach herrlich draußen.«
Holmer hat seine Brille wieder auf die Nase geschoben. Er sieht den Sohn mißtrauisch an.
»Hm! Seit wann nimmst du den Frühling wahr? Verdächtig, Hans- Friedrich, äußerst verdächtig. Meistens merken das nur Verliebte.«
Er zwinkert lustig mit den Augen. »Verliebt, Junge, hm?«
Hans-Friedrich wird ernst. »Nein, Vater«, sagt er ehrlich, denn das Gefühl, das ihn völlig beherrscht, ist kein Verliebtsein, wie er es schon oft erlebt hat.
»Soso«, meint Holmer und betrachtet nachdenklich das ernste, gutgeschnittene Gesicht seines Sohnes. »Dann hast du eben plötzlich deine Liebe zur Natur entdeckt. Auch gut! Aber was treibt dich zu mir, wenn du Holmershöhe so wunderbar findest?«
»Die Sache Rudolf!«
Abwehrend hebt Holmer beide Hände. »Laß mich ja mit dieser unerfreulichen Angelegenheit in Ruhe, Junge! Wie kommt es, daß du dich immer noch damit befaßt?«
»Lennert war bei mir und hat äußerst gut von dem Heger Rudolf gesprochen. Ich weiß jetzt auch, wo das Holz hingekommen ist. Nicht Rudolf hat es an sich gebracht, sondern an bedürftige Familien verteilt.«
»Ohne vorher meine Zustimmung dazu einzuholen«, wirft der Alte grimmig ein.
»Verzeih, Vater. Ist das nicht etwas sehr despotisch? Ein Mann, der jahrelang nur deine Interessen gewahrt hat, der nach allen Seiten hin erprobt ist, sollte nicht so viel Vollmacht haben, wertloses Holz zu verteilen? Mein Gott, Vater, du zersplitterst dich doch! Wer so mit wichtiger Arbeit überhäuft ist wie du, der braucht sich wahrhaftig nicht um solche Bagatellen zu kümmern.«
»Schrumm!« sagte der Alte trocken. »Jetzt hast du es aber deinem alten Vater gegeben. Paß mal auf, mein Junge, es geht nicht um das Holz, sondern um das –«
»Prinzip –«, wirft Hans-Friedrich trocken ein. »Das habe ich schon so oft gehört, daß es mir zum Hals heraushängt. Gib deinen Leuten, die du doch anständig bezahlst, auch die nötigen Vollmachten, und solche Fälle werden nie wieder vorkommen.«
»Danke für die Belehrung«, schließt der Alte gemütlich. Er ist heute besonders guter Laune. »Eins ärgert mich nur bei der ganzen Sache.«
»Und das wäre?« fragt Hans-Friedrich gespannt.
»Daß du recht hast.«
Das löst bei beiden ein herzliches Gelächter aus.
»Also kann ich die Angelegenheit wieder in Ordnung bringen? Rudolfs Kündigung wird zurückgenommen? Er wird in allen Ehren wieder als Heger eingesetzt?«
»Meinetwegen, in Gottes Namen.«
*
Hans-Friedrich Holmer hat die Werke wieder verlassen und lenkt seinen Wagen in das Villenviertel hinaus, in dem sein Elternhaus steht.
Er biegt in die breite Allee mit den alten Lindenbäumen ein und will auf das Gaspedal treten, als in Gedanken vor ihm ein strafend blickendes, unwahrscheinlich blaues Augenpaar aufsteigt. Sofort mäßigt er das Tempo, wobei ein kleines Lächeln um seinen Mund spielt.
Sogar aus der Ferne wirkt der Einfluß des zauberhaften Mädchens noch auf ihn…
Mit elegantem Schwung passiert er das weit geöffnete Tor, fährt die Auffahrt hinauf und hält vor der großen Freitreppe. Auf sein anhaltendes Hupen kommt der Chauffeur angelaufen.
»Lassen Sie den Wagen hier stehen, Hans«, sagt Hans-Friedrich und steigt aus. »Ich fahre sofort weiter.«
»Ist gut, Herr Holmer.«
Im Sturm eilt Hans-Friedrich ins Haus, läuft durch die Halle, die breite Treppe ins erste Stockwerk hinauf und findet die Damen im Salon beim Frühstück.
Drei Augenpaare sehen ihm beglückt entgegen.
»Guten Morgen, meine Damen!« Unwillkürlich dämpft Hans-Friedrich seine Stimme, denn hier im Hause herrscht ein leiser, vornehmer Ton, dem auch Hans-Friedrich sich anpassen muß.
»Guten Morgen, mein Junge!« tönt es zurück, und nachdem Hans- Friedrich zuerst seiner Mutter, dann den Tanten die Hand ehrerbietig geküßt hat, ist die Begrüßungszeremonie zu Ende. Er darf am Tisch Platz nehmen.
»Habt ihr noch eine Tasse Kaffee für mich? Ich verdurste nahezu.«
