Wie ein Mittelpunkt entsteht - Prosastücke -  - E-Book

Wie ein Mittelpunkt entsteht - Prosastücke E-Book

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Beschreibung

Der zwölfte Band der Reihe »Die sorbische Bibliothek« ist die erste Anthologie der Edition. Sie enthält Prosastücke, die allesamt nach 1990 entstanden sind, überwiegend deutsche Autorfassungen. Unter den neun Erstveröffentlichungen finden sich Jurij Brězans »Brief an meine Enkel« in der Übersetzung der Herausgeberin Maria Matschie sowie »Das Meilensteinpuzzle« von Kerstin Młynkec. Fragen nach dem Woher und dem Wohin, nach Verwundungen und Vorurteilen, nach Aufbruch und Ausblick sind zentrale Themen der 22 Erzählungen. Der Form nach vielfältig, eint sie die beständige Auseinandersetzung mit Herkunft, Identität und Wandel. Was bleibt, was wird sich verändern?

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Contents

Herausgeberin: Maria Matschie

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Jurij Brězan - Brief an meine Enkel

Benno Budar - Der letzte Morgen

Jurij Koch - Wie ein Mittelpunkt entsteht

Christian Schneider - Die Hinterlassenschaft

Jurij Koch - Rohne an einem Tag im Februar

Christian Schneider - Wieder zu Hause

Kito Lorenc - Lichtblick

Angela Stachowa - Schneewittchen und das kleine Mädchen

Benedikt Dyrlich - Morgentaumel

Kerstin Młynkec - Das Meilensteinpuzzle

Róža Domašcyna - Warum das alles?

Kito Lorenc - Mutter

Benedikt Dyrlich - Die Milchkanne

Lubina Hajduk-Veljković - Der Sommergast

Lubina und Dušan Hajduk-Veljković - In den Ferien

Dorothea Šołćina - Kreise auf dem Wasser

Měrka Mětowa - Ausflug ins Paradies

Měrana Cušcyna - Tauschkind

Měrana Cušcyna - Kamm out

Měrana Cušcyna - Flockdownkino

Kito Lorenc - Die geheime Insel

Róža Domašcyna - Zellen

Quellen und Anmerkungen

Biografische Annotationen

Landmarks

Cover

Herausgeberin: Maria Matschie

Inhalt

Vorwort

Jurij Brězan »Brief an meine Enkel«

Benno Budar »Der letzte Morgen«

Jurij Koch »Wie ein Mittelpunkt entsteht«

Christian Schneider »Die Hinterlassenschaft«

Jurij Koch »Rohne an einem Tag im Februar«

Christian Schneider »Wieder zu Hause«

Kito Lorenc »Lichtblick«

Angela Stachowa »Schneewittchen und das kleine Mädchen«

Benedikt Dyrlich »Morgentaumel«

Kerstin Młynkec »Das Meilensteinpuzzle«

Róža Domašcyna »Warum das alles?«

Kito Lorenc »Mutter«

Benedikt Dyrlich »Die Milchkanne«

Lubina Hajduk-Veljković »Der Sommergast«

Lubina und Dušan Hajduk-Veljković »In den Ferien«

Dorothea Šołćina »Kreise auf dem Wasser«

Měrka Mětowa »Ausflug ins Paradies«

Měrana Cušcyna »Tauschkind«

Měrana Cušcyna »Kamm out«

Měrana Cušcyna »Flockdownkino«

Kito Lorenc »Die geheime Insel«

Róža Domašcyna »Zellen«

Quellen und Anmerkungen

Biografische Annotationen

Vorwort

Erzählungen haben in der sorbischen Literatur eine außerordentlich reiche Tradition. Kaum eine Autorin, kaum ein Autor, die sich nicht darin ausprobiert hätten, selbst diejenigen, deren Schaffensschwerpunkt ein anderes Genre war oder ist, etwa Lyrik, Romane oder dokumentarische Literatur. Seit Jahrzehnten erscheinen im Domowina-Verlag regelmäßig sorbische Erzählbände, sie sind die von Schreibenden wie Lesenden bevorzugte Textart. Eine erste Anthologie sorbischer Kurzprosa in deutscher Sprache erschien vor mehr als sechzig Jahren und ist inzwischen vergessen. Autorfassungen in Deutsch oder gar Übertragungen aus dem Sorbischen sind nur verstreut anzutreffen. Wenig beachtet, droht die sorbische Literatur in einer dominanten Umgebung unterzugehen.

Umso wichtiger ist es, der interessierten Leserschaft endlich eine Auswahl neuerer Arbeiten vorzulegen. Dafür bietet sich die Reihe »Die sorbische Bibliothek« an, in der seit dem Jahr 2000 Werke des literarischen Erbes und zeitgenössischer Literatur in deutscher Sprache herausgegeben werden.

Die 22 Prosastücke dieses Bandes, Autorfassungen und Übersetzungen, allesamt nach 1990 entstanden, sind der Form nach vielfältig. Sie reichen von der klassischen Erzählung über essayistische Porträts bis zur Miniatur. Inhaltlich jedoch gibt es etwas, das sie eint: die beständige Auseinandersetzung mit Herkunft, Identität und Wandel. Nichts ist eindeutig. Alte Gewissheiten werden aufgebrochen: »Vergiss nicht, woher du kommst«, beschwört Jurij Brězan seine Enkel. Róža Domašcyna aber konstatiert: »Ich höre mein kind seine sprache verschweigen, höre die sprache stumm werden, sehe die menschen sich häuten.« Fragen nach dem Woher und dem Wohin, nach Verwundungen und Vorurteilen, nach Aufbruch und Ausblick sind zentrale Themen, eingebettet in sehr unterschiedliche Geschichten. In Geschichten vom Märchenblau der Kindheitsferne, von ausgeweideten, gefluteten Kohlengruben, von der Lautlosigkeit verlassener Häuser, vom Tauschkind zwischen Stadt und Dorf, von paradiesischer Landschaft und höllisch schmerzendem Fernweh.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität bedeutet zu fragen: Wer bin ich und woher komme ich? Wie kann ich mein Leben ausbalancieren? Was bleibt, was wird sich verändern? Wie entsteht ein Mittelpunkt? Dabei geht es nicht nur um den kleinen sorbischen Kosmos, der beileibe nicht einheitlich daherkommt. Tiefe Verbundenheit wird dort genauso erfahren und beschrieben wie Entwurzelung und Fremdsein. Und selbstverständlich weiten die Erzähler in ihrer Auseinandersetzung mit der Welt den Blick auf Schicksale über die engen Grenzen der Lausitz hinaus.

Den Autorinnen, Autoren und Übersetzern sowie allen Beteiligten, die im Hintergrund zum Gelingen der Edition beigetragen haben, gebührt mein herzlicher Dank, ebenso dem Domowina-Verlag für die gute Zusammenarbeit. Ich freue mich, dass diesem Band ein Einblick in sorbische Kurzprosa vor 1990 folgen wird. Möge die literarisch interessierte Öffentlichkeit das Vorhaben mit Neugier und Aufmerksamkeit verfolgen.

Maria Matschie

Jurij Brězan

Brief an meine Enkel

Am Morgen arbeitete ich ein wenig, aber die Worte waren halsstarrig, sie wollten nicht in die Bande fester Sätze und kämpften miteinander. Kifko erkannte das, stellte sich vor mich und wollte mir weismachen, ich sei auf den Hund gekommen.

Hast recht, sagte ich und wir gingen hinaus, den Teichdamm entlang und dann den Waldpfad. Kifko schnüffelte rechts und links des Weges, markierte die ersten fünf Bäume mit gewohnter Ernsthaftigkeit und dann nur noch jeden zehnten, sozusagen nebenbei und damit alles seine Ordnung habe. Abseits des Weges erblickte ich einen schönen Steinpilz – aber ein Pilz ist kein Pilz – sollte er doch besser auf einen echten Pilzsammler warten. Von der Straße bog ein rotes Auto auf den Weg, Kifko schaute kurz auf und jagte ihm nicht entgegen, und ich wusste, ihr seid es nicht. Vielleicht am Nachmittag, sagte ich ihm.

Am Nachmittag wünschte ich den Zwillingsmädchen von Angelika und Tomaš viel Glück zum ersten Schultag. Ihr Haus war voller Gäste und die Stube voller Geschenke. Ich legte meins dazu, eins von vielen. Plötzlich – ich weiß nicht, warum – dach­­te ich an euern Zuckertütentag und – für den Augenblick eines Augenblicks – an meinen. Auch meine Tüte war groß gewesen, damals vor achtundsiebzig Jahren. Meine Patin, Dienstbotenwitwe beim letzten Grafen, hatte sie uns geliehen. Groß war sie, aber nicht schwer: das untere Ende ausgestopft mit Papier, darüber Strümpfe, ein Hemd, der Schieferkasten mit Stift, ein Tütchen Bonbons, ein Holzpferdchen und das Schönste – ein zwei Finger langes Kanu mit einem Indianer, vielleicht auch mit zweien. Das Pferdchen war vom Vater, er wünschte sich sehr, ich würde mich nicht länger vor Pferden fürchten. Nach zwanzig Jahren endlich hat er es dann erlebt.

Das Indianerkanu hatte Mutter gekauft. Anders als Vater war sie völlig meiner Meinung, dass der Teich vor unserem Hof für alle Ozeane der Welt taugen würde. Er wurde zu meinem liebsten Spielplatz, ein wirklicher Traumozean. Dass Mutter das verstand, lag vielleicht daran – so denke ich heut –, dass ihre lebhafte Fantasie nie freie Bahn in die weite Welt haben durfte und konnte. Ihre Mutter starb, als sie zwölf war, und sie musste für den Vater und den älteren Bruder wirtschaften. Später träumte sie sich ihre Schulzeit zu den schönsten Jahren ihres Lebens, wo sie jeden Tag etwas Unbekanntes kennenlernte und sich auf der großen Weltkarte an der Ferne und Fremde nicht sattsehen konnte. Es kann durchaus sein, dass mein Ozean vor dem Hof für einen Augenblick auch ihrer war. Manchmal hob sie tatsächlich am Waldrand bei unserem Feld ein ganz besonderes Stück Rinde auf, das sich als Schiff für unser Teichmeer eignen würde, und half mir, die Rinde zum bildschönen Dreimastsegler umzuformen.

Berge solcher Schiffe, mit Gänsefedern als Segel, habe ich gebaut – nicht ein einziges hat meinen Ozean so durchfurcht, wie ich es mir gewünscht habe. Ständig ließen sie sich quer über den Teich treiben, und kaum, dass eins seine Jungfernfahrt heil überstand. Auch meine beiden Indianer aus der Zuckertüte ertranken schon am selben Nachmittag – eine Gans schwamm vorbei, und es war um sie geschehen. Ich war todtraurig und wollte am nächsten Tag nicht mehr in die Schule gehen. Erst sieben Wochen später wurde ich sechs.

Gegen Abend kam Kata. Ein Weilchen unterhielten wir uns, dann spielten wir unseren Skat für zwei. Mir will scheinen, dass man für dieses Spiel einen anderen Teil des Gehirns nutzt als jenen, den ich fürs Schreiben benötige und Kata zum Hüten fremder Gelder. Ein Hirnabschnitt darf demnach friedlich ausruhen, und wir haben unser Vergnügen. An diesem Abend verlor ich neunundneunzig Pfennige, und Kata mit ihrem Riesengewinn schritt stolz zum Auto, und Kifko und ich begleiteten sie. Ich blieb noch am Tor stehen, die Nacht war klar, über mir ein Sternenhimmel, ich blickte unverwandt in die Ewigkeit über mir und versuchte – ein Mann des Alltags –, die Namen der Sternbilder zu erraten. Vom Waldrand schrie eine Eule. Vielleicht die, deren Nest vor einigen Jahren nah an meinem Garten war. Nachts, in der Stunde des Eulen-Mittagessens, hatten die Jungen so gelärmt, dass ich nicht schlafen konnte.

Ich ging ins Haus, schloss ab und ließ die Jalousien herunter. Mein Blick fiel auf die Fotos an der Wand des Kaminzimmers. Sechs Bilder unter Glas – ein Geschenk eures Vaters zu meinem Siebzigsten: eure Familie, Vater und Mutter und ihr drei, alles ist gut und nichts Schlimmes droht euch. Ich habe gelernt, Trauer und Ängste und schwere Gedanken nicht in den Schlaf mitzunehmen, das gelingt mir auch an diesem Abend ...

Am Sonntag besorgte ich mir neun langstielige gelbe Rosen und fuhr zum Mittagessen ins »Klosterstübchen«. Es war voller Leute und gesättigt mit Gerüchen von Speisen, die ich von Kindheit an als »gelb« empfinde und die mir auch jetzt jeden Hunger vertrieben. Eine Kellnerin erkannte mich: »Auf der Bank am langen Tisch wird gleich ein Platz frei.« Äußerst ungern sitze ich zum Essen Knie an Knie mit Fremden – ich dankte der Bedienung und kochte mir zu Hause einen Teller Haferflocken, aus denen ich mir – genauso wie ihr – wirklich wenig mache. Ich schaltete das Radio ein, und als Mozarts Konzert für Flöte und Harfe erklang, schaltete ich wieder aus. Ich liebe das Stück ganz besonders und kann es nicht mehr hören. Eurer Großmutter war es das liebste Stück. In jenem Jahr, als ihr das Krebsgeschwür jeden Tag ein Stück vom Leben wegfraß, wünschte sie sich dieses Konzert fast täglich und zum Schluss den ersten und sechsten Satz von Beethovens »Pastorale«. Bis sie eines Abends sagte, sie sei zu müde, und ein Morgen gab es für sie nicht mehr. Sie hat euch, eure einzigen Enkel, sehr geliebt, und ihr habt an ihrem Grab geweint. Vielleicht das erste Mal seit den Kindheitstagen auch ich in meinem langen Leben.

Ihrer kann ich wieder gedenken, ein Seufzer Trauer, eine weiße Wolke Dankbarkeit, ein Stück blauer Himmel voller Liebe. An euren Vater zu denken muss ich mir immer noch verbieten. Ich wollte, ich könnte ihn mit Worten malen, ein dauerhaftes Bild für euch. Ich bringe es nicht fertig. Ihm fühle ich mich verpflichtet, zu leben mit allen meinen Kräften, solange es mir möglich sein wird. Er konnte es mir nicht mehr sagen, aber ich weiß, er hat es sich gewünscht und erhofft.

Das alles wollte ich eigentlich nicht schreiben, aber es ist spät, ein trüber Abend, und nachmittags habe ich ein Weilchen unter lauter fröhlichen Leuten gesessen, die den Neunzigsten meiner alten Nachbarin feierten, Freunde und Verwandte, der Sohn und die Enkel und sogar eine zarte Urenkelin. Ich wünschte der Jubilarin Glück und schenkte ihr die neun Rosen und mein letztes Büchlein, in dem auch sie ihrem ganzen Wesen nach beschrieben ist. Sie freute sich sehr, war sogar etwas stolz auf die ganze Versammlung ihr zu Ehren, sie war gesund und munter, unterhielt sich und schwatzte und verkündete, mit einem Lächeln zwar, aber sehr fest, dass sie auf keinen Fall ihren Hundertsten ins Auge fassen würde. Mir sagte sie zum Abschied: »Aber Sie werden mich nicht einholen«, und ich bedachte, wenn ich in sechs Jahren in solcher Verfassung wäre wie sie heute, wäre das ein Segen, auch für euch drei.

Und bei diesen Gedanken, das Haus war still und leer bis auf Kifko, der sich schon in den Schlaf gerollt hatte, und ich war überhaupt nicht müde, sondern wach auf eine seltsam ruhige und weite Art, und weil ich plötzlich wusste, sechs Jahre sind eine lange Zeit, in der aber jede Stunde zu einem einzigen Tag zusammenfallen kann, und weil ich im Kaminzimmer wieder die Fotos – ihr drei und Vater und Mutter – sah, vielleicht deshalb, vielleicht aus einer unbekannten Tiefe heraus, setzte ich mich drüben an meinen Tisch und begann euch diesen Brief zu schreiben.

Einen halben Satz schrieb ich noch hin, strich ihn sofort wieder, und ich wusste nicht weiter mit dem Brief, meinem ersten überhaupt an euch, den Achtzehnjährigen, die Sechzehnjährige und den Zwölfjährigen.

Heute, Montag früh, las ich aufmerksam die vier Seiten durch und bin mir nicht sicher, ob ich sie überhaupt hätte schreiben dürfen. Es ist ja nur der Bericht über ein Wochenende, das nicht leer war und mir doch leer gewesen zu sein scheint. Weil ich euch nicht bei mir begrüßen durfte? Aber: Was hätten wir wohl miteinander angefangen? Mein Schieferstift aus der Zuckertüte und euer Computer sind sich fremder als Kifko und der Igel, den er gerade unter der Buche anbellt.

Großväter und Enkel – mein Großvater Jakub war ein Mann, geachtet drei Gemeinden weit. Ich hatte ihn gern, jeden Sonntag saß ich neben ihm in der Kirchenbank, und nach der Messe fragte er mich über die Schule aus und schenkte mir zwei Mark. Großvater Jakub und mein Taschengeld gehörten zusammen wie ein Knopf und das Loch. Seine Erfahrung mit Feld und Vieh, seine Alltagsweisheit und mein Schullatein ergaben keine Formel, mit der ich in der Schule hätte mir zu raten und zu helfen gewusst. Seine Menschenkenntnis jedoch, die mir damals fremd blieb, habe ich Jahrzehnte später auf der Suche nach Antwort auf die Frage »Der Mensch – was ist das?« im Roman »Bild des Vaters« aus der Tiefe des Gedächtnisses gegraben.

Diese Frage ist noch keine für euch, später vielleicht, hoffe ich. Und deshalb – wenn ich jetzt meine Antwort für euch breit erklären würde, kämen sich wieder, fremd wie Sahara und Antarktis, mein Kästchen mit jenem Stift und euer Computer in die Quere, zum Gespött, dass das Kästchen den Computer belehren wolle.

Und doch! Ich hätte umsonst auf meine alten Jahre gewartet, wüsste ich nicht einige wenige Worte für euch, meine Nächsten, die euch im Leben helfen könnten, mit einer ganz anderen Art Leben. »Ganz anderen« habe ich eben hingeschrieben – ist meines wirklich so ganz und gar anders? Es beginnt wie in allen Zeiten mit dem ersten Schrei des Neugeborenen, den niemand gefragt hat, ob er auf die Welt wolle oder nicht, und endet – wie in allen Zeiten – mit dem letzten Atemzug. Die Jahre, die zwischen dem einen und dem anderen liegen, heißen schlicht: Leben. Jeder bekommt für dieses Leben etwas mit auf die Welt, von der Mutter oder dem Vater, von deren Eltern und aus längst vergangenen Wurzeln. Ich zum Beispiel habe das Aufbrausen von meinem Großvater Pětr geerbt. Von Mutter weiß ich, er war ein guter Mensch und kluger Dorfsprecher vor dem Grafen, ein Maurer mit den Fähigkeiten eines Meisters – und plötzlich ein glutroter Vulkan voller Wut. Dieselbe Wut schlug manchmal aus mir heraus, an das letzte Mal erinnere ich mich noch gut.

Es war das letzte Jahr auf dem Gymnasium. Wir waren nur noch sechs Jungen in der Klasse. Fünf hatten am Wochenende mit dem Dienst in der Hitlerjugend genug zu tun, mit Märschen und abenteuerlichen Kriegsspielen – ich hatte sonntags Nacht mit meiner Liebsten in Delany durchtanzt, war am hellen Morgen mit dem Fahrrad in die Stadt gefahren, hatte mich umgezogen, die Aktentasche gepackt und mich auf den Weg in die Schule gemacht. In den Stunden zwar wach und bei der Sache, brauchte ich jedoch die Pausen für eine Mütze Schlaf.

An irgendeinem montäglichen Vormittag ließen sie mich nicht in Ruhe, sie trommelten mir ihre Märsche auf die Holzbank, grölten mir ihre Kommandos in die Ohren, klopften mir auf die Schulter und verspotteten meine müde Abwehr. Urplötzlich explodierte meine Wut, ich ergriff den Nächststehenden an Gürtel und Hemd, riss ihn hoch – das bringt nur Jähzorn zustande – und schleuderte ihn in die Gruppe der anderen. Drei stürzten, einer von ihnen, unser Primus, schlug mit dem Kopf gegen die Tür. Die Wunde blutete, er hatte eine Gehirnerschütterung und musste von dem Tag an eine Brille tragen. Er befahl uns, jedem zu sagen, er wäre gestolpert und unglücklich gegen die Tischecke geflogen. Er hätte tot sein können ...

Seit diesem einen Montag in meinem letzten Schuljahr hat kein Jähzorn mehr meinen Verstand vollends ausschalten können. Vielleicht habe ich auch deshalb überlebt, was ich erleben musste.

Was das war, habe ich in meine Bücher geschrieben. Ihr gehört leider zur Mehrheit der jungen Leute eurer Generation, die wenig lesen. Ich bedaure das sehr – und weiß nicht, ob ich in eurem Alter nicht auch zu den Nichtlesenden gehören würde.

Weil ich aber nicht jung bin, betrachte ich alles mit meinen alten Augen. Manchmal jedoch versuche ich, für euren Alltag mir eure Augen zu leihen, und hüte mich sehr, euch meine Brille auf die Nase setzen zu wollen – dass ihr womöglich ein ganz gewöhnliches Flugzeug am Himmel erstaunt anstarren würdet. Wie damals, als ich ein Junge war. Das halbe Dorf wäre aus den Höfen auf den Weg gelaufen und hätte das seltsame Etwas mit Blicken verschlungen.

Nein, kein Flugzeug, kein Fernsehen und nicht das Internet, aber der Seeadler, der manchmal über meinem Garten schwebt – ich wünsche mir sehr, ihr würdet euch über ihn wundern und ihn bewundern. Genauso den herrlichen rot-weißen Fliegenpilz, der seit vorgestern unter den Birken im Garten in die Höhe strebt, und die in allen Jahreszeiten sich verändernde mächtige Buche, deren Äste bis zum Boden reichen. Aus ganzer Seele wünsche ich mir, dass ihr hier durch meine Brille schauen würdet. Denn: Vor dem Wundern leuchtet immer etwas Begeisterung oder Freude auf, und in jedem Wundern steckt der Keim einer Frage.

Als ihr klein wart und der Wind wehte und plötzlich war es still, habt ihr gefragt: »Mama, was macht der Wind, wenn er nicht weht?« Die Mutter sagte, er schliefe. Ihr habt überlegt und gefragt: »Hat der Wind Augen?« Logisch gedacht: Wer schläft, schließt die Augen.

Solche Dialoge liefen immer gleich ab: eine verwunderte Beobachtung, Frage, Antwort – und ein neues Puzzleteil für das Bild von der Welt hatte sich an die richtige Stelle gesetzt.

Mein Wunsch, ihr solltet die Gabe, zu bewundern und sich zu wundern, achten und bewahren, ist natürlich eine verborgene, verhüllte Belehrung, eine der wirklich wenigen, die ich euch ohne zu zögern anbieten kann. Ich weiß, dass der Mensch mit dem Bewundern des Schönen und des guten Ungewöhnlichen sich das Leben, auf welchen Wegen und Pfaden es auch laufen mag, erleichtert und bereichert.

Eine zweite solche Lehre habe ich von meiner Mutter geerbt. Sie hat sie uns, ihren Kindern, auf den Weg gegeben, als wir uns von unserem Zuhause verabschiedeten. Sie sagte dieses Wort auch mir, als ich in den Krieg musste: »Vergiss nicht, woher du kommst.«

Der Form nach, nicht nach dem Inhalt, habe ich es festgehalten, als ich den letzten Satz für »Die Schwarze Mühle« schrieb: »Weiß man, was ein Mensch tun muss? Vielleicht, dass er sein Woher und sein Wohin mit einem Namen nennt und dass er das eine mit sich trägt und das andere vor sich sieht.«

Wissen, woher man kommt – wir haben von Alters her keine Fürstentümer, Grafschaften oder klingende Titel geerbt. Aber auch wir entstammen aus Jahrhunderten. Geschlagen und elend trugen wir Fürsten und Grafen auf dem Buckel. Wir beugten uns nicht und erlernten, was »Solidarität« – ein heute beinahe vergessenes Wort – heißt und nichts anderes meint, als Augen, Herz und Hand zu haben füreinander. Das ist in unserer Zeit nicht mehr so selbstverständlich wie einst. Aber ihr habt Glück, ihr gehört von Mutters und Vaters Seite zu großen Familien, und das alte Wort, dass ein guter Nachbar mehr ist als ein Sack Geld, sei von Gewicht in eurer Verwandtschaft.

Es ist Montagabend, und mein Brief ist länger geraten als eine gute Predigt. Doch einen Rat will ich noch aussprechen: Zu unserem Familienerbe gehört offenbar auch, dass wir mit Mathematik unsere liebe Not haben. Das belastet und macht dir Sorgen, jedenfalls so lange, wie du die Note »bestanden« brauchst. Mit dieser Materie habe ich meine unguten Erfahrungen. Schlimmer ist aber, wenn du nicht rechnen und vorausschauen kannst. Das beste und bekannteste Beispiel für ein solches Unvermögen ist der biblische Adam. Ihm stand der Sinn nach einem Apfel. Er nahm ihn, biss hinein, und alles, was er dachte, war: Der Apfel schmeckt sehr gut. Leichtsinnig bedachte er nicht, was nach dem verbotenen süßen Apfel auf ihn zukommen würde. Dass der Erzengel ihn und Eva mit einem flammenden Schwert aus dem Paradies vertreiben würde – damit hat er nicht gerechnet.

Mit dem ersten Schritt wissen, wohin man den fünften setzt, ist die ganz bescheidene, große Weisheit des Lebens. Will mir jedenfalls scheinen. Ich aber bin, mit meiner Brille auf der Nase,

Euer alter Großvater in Horni Hajnk

2001

Übersetzung: Maria Matschie

Benno Budar

Der letzte Morgen

In der Nacht zum zwölften März zweitausendsechs fiel dichter Schnee vom Himmel auf die gefrorene Erde. Am frühen Morgen bedeckt ein halbmeterdicker weißer Teppich Wiesen und Felder. Die Äste der Bäume biegen sich unter der schweren Last.

Die alte Eiche erbebt, wacht auf, die uralte Eiche, unter der der alte Mann noch stehen blieb vor Tagen, um kurz zu verschnaufen. Mit beiden Händen stützte er sich auf den Stock und bewunderte die Riesin, als würde er sie zum ersten Mal sehen. Dabei grüßt er sie täglich schon ein halbes Jahrhundert, seine heimliche Freundin, um mit ihr Lebenslust und Lebenskraft und Beharrlichkeit und Stolz zu teilen.

Womöglich sogar Fantasie?

Der alte Mann ist nun selbst wie ein alter Baum, hat viel geschaffen, viele Bücher geschrieben – mit der Hand –, hat tiefe Falten im Gesicht wie die alte Eiche in der Rinde, die knorrige Eiche mit ihren tiefen Wurzeln, ihren ausladenden, weithin sichtbaren Ästen, hier und da längst abgestorben, wo die Vögel gern sitzen und singen zu Ehren Gottes und den Menschen zur Freude.

Doch plötzlich, als er hoch zum Wipfel blickte, quälte den alten Mann ein starker Schmerz vom Nacken bis in die Schläfen. Er biss die Zähne zusammen und ging weiter, die Knie gaben Ruhe, schmerzten nicht mehr. Er war froh, dass sie ihn noch trugen, die Beine, bis zum Teich und langsam zurück ins Haus.

Die alte Eiche schaut ins Fenster, überall Licht im Haus des alten Mannes. Vom Rosenthaler Kirchturm schlägt die vierte Stunde. Zwei Frauen stehen am Bett des alten Mannes, friedliche Stille überall, nur dort im Zimmer hinter dem Fenster aufgeregtes Hin und Her.

Der alte Mann stöhnt ab und zu in seinem Bett. Oft ist er in letzter Zeit von Schwäche gepeinigt worden, schmerzten unsäglich die Schläfen. »Die drei Monate noch bis zum Neunzigsten, die drei Monate gib mir noch!«, flüstert er mit zitternder Stimme und schläft ein.

Ob Krabat ihm durch den Kopf geht? Seine liebsten Figuren? Den Vater sieht er, die Mutter, Ludmila, die Ehefrau, Sohn Simon, den einzigen, gestorben vor Jahren, die geliebten Enkel Beno, Franciska, Florian. Sogar seine treuen Hunde rasen vorbei, erst Borbas, dann Kifko. Bilder aus der Kindheit kommen hervor, aus der Jugendzeit, aus den Kriegsjahren. Nach solchen Träumen hat er Vieles geschrieben in seine Bücher.

Krabat tritt wieder ins Blickfeld, wie in einem Film, eine gänzlich neue Erzählung, noch ungeschrieben: Krabat, der Zauberer, als genialer Weltenherrscher, der alles Böse vernichtet nach dem Motto: entweder – oder, kompromisslos, ohne verlogene Diplomatie, und alles Gute fördert in den Menschen auf allen Kontinenten.

Welch ein Thema! Das Hauptthema des alten Mannes. Und gerade jetzt soll er das geliebte Haus verlassen, seinen geliebten Schreibtisch ...

Schwer stöhnt der alte Mann, stöhnt bis in die Tiefen seiner Seele ... Vielleicht doch noch einmal ...

Hoffnung wärmt die alte Eiche. Ein wenig Hoffnung noch?

Da kommt der Krankenwagen angerast, fährt an der kleinen Kreuzung geradeaus – verkehrt – und bleibt in einer Schneewehe stecken. Die Feuerwehr wird gerufen, Nachbar Hinc hilft mit Sand, es gelingt, den Krankenwagen herauszuziehen.

Der Arzt kommt, fährt an der Kreuzung nach links, an der Eiche vorbei, vors Haus. Er eilt hinein zum alten Mann und sieht gleich: Der Zauberer des Wortes ist sterbenskrank.

»Ich möchte zu Hause sterben«, sagt der alte Mann zum Arzt nach einer Weile. Er antwortet mit ruhiger Stimme, es sei besser für ihn im Krankenhaus. Weniger Schmerzen, weniger Risiken ...

»Na gut«, seufzt der alte Mann.

Die alte Eiche sieht durchs Fenster, wie der alte Mann langsam aufsteht, wie er mit großen Augen aus dem Haus tritt, langsam die zwanzig Schritte zum Krankenwagen stapft, gestützt links und rechts. Als er an der Eiche vorbeigeht, verabschieden sie sich leise:

»Božemje!«

Vor dem Krankenwagen wartet Nachbar Hinc mit Sand, der Habakuk, der gute praktische Freund.

»Chef, Freitag ist Sauna!«

»Ja, ja, ich weiß«, sagt der alte Mann und steigt mit letzter Kraft ins Auto.

»Legen Sie sich ruhig hin«, rät der Arzt.

»Ach, ich bleibe sitzen.«

»Legen sie sich doch hin.«

»Na gut, dann lege ich mich hin«, sagt der alte Mann ster-bensmüde.

Die Tür knallt zu und das Auto fährt los, ganz langsam – ganz langsam graut der Morgen. Der Schnee blickt zum Himmel, gerührt ist die Eiche, der Ast, der verkrümmte. Und gerührt ist Hinc-Habakuk.

Am nächsten Morgen hört er im Radio: »Der sorbische Schriftsteller Jurij Brězan ist tot.«

2018

Jurij Koch

Wie ein Mittelpunkt entsteht

Das Türchen lässt sich öffnen. Auf dem Hof sitzt ein kleiner schwarzer Hund. Er greift mich an. Ich weiche zurück. Er setzt nach. Dann ruft Frau Kossack, und der Hund legt sich in den Staub des Hofes, in dem die vielen nützlichen und unnützen Gerätschaften herumstehen, wie sie immer dort herumgestanden haben. Frau Kossack und ihr Mann, beide in den Siebzigern, eingesessene Sorben, brandenburgische Ureinwohner also, bitten mich in die gute Stube. Da stehen die alten Möbel, zusammengestellt aus den schnelllebigen Stilen der eigenen Generation. Man hat das Gefühl, dass selbst von dem ungeheizten Kachelofen Wärme ausgeht.

»Uns kriegen sie nicht raus«, sagt Frau Kossack. Und er setzt hinzu: »Niemals.« Dann holt sie aus dem Zimmer nebenan ein Schreiben, ein Angebot der Kohle, das soundsovielte. Darauf steht eine beträchtliche Summe.

Nein, sie verzichten auf sie, obwohl sie mit ihr ein reiches Leben führen könnten, irgendwo anders, in einem Neubau der urbanen Welt, in dem man von der Küche die Speisen durch die Durchreiche ins Wohnzimmer reichen kann, wo das Kabel aus der Wand schaut, durch das vierundzwanzig und mehr Fernsehprogramme kommen.

Die Kossacks bleiben, wo sie sind, fertig! Sie reden kein sentimental-philosophisches Zeug daher, von Heimat und so, von Erhaltung der Umwelt auch nicht. Sie bleiben, obwohl die anderen schon gegangen sind, auch die, die einmal die Kampfansage mit eingeleitet hatten. Paul Fiebow hat den Abriss seines Hauses beobachtet, fotografiert, seine Frau nicht, sie hat in ihrem neuen Haus geweint.

Vor dem Fenster bremst ein Zehntonner. Draußen wird an der Brücke über das neue Flussbett des Hammerstroms gebaut. Direkt vor den Kossack’schen Fenstern sind die Arbeiten zum Stehen gekommen. Die beiden könnten, wenn sie nicht achtgeben, in das schotterige Flussbett fallen, dass sie unter der Brücke zu liegen kämen, vor dem eigenen Haus. Wenn die Umleitung des Hammerstroms in den vorgezeichneten Maßen weitergeführt würde, flösse das Wasser, wenn es zur angekündigten Flutung kommen sollte, durch ihren Hof.

Wie ein winziges Stückchen Erde, das höchstens auf den lokalen Wanderkarten verzeichnet ist, zu einem Mittelpunkt werden kann! Ein faszinierender, Werte erhaltender, Sichten korrigierender Vorgang. Vor nicht ganz drei Jahren habe ich noch nichts von einem Hammerstrom in meiner Nähe gewusst, wie geschichtsträchtig das sich windende Flüsschen am Rande der Großstadt ist und welche Bedeutung das natürliche Geschlängle an seinen Ufern bekommen könnte, eines Tages, gar nicht mal nach einer politischen Wende, schon davor, so einfach geschieht Geschichte nicht, also, dass dort ein Mittelpunkt plötzlich zum Vorschein kommen wird, der dort schon immer war oder entstanden ist, was weiß ich. Das wissen nicht einmal die beiden Kossacks, die eine beträchtliche Summe Geldes ablehnen für einen Mittelpunkt, den zu verlassen sie nicht gewillt sind. Verrückt müssen Leute sein, die es ableh­nen als Gegenwert für ihre Klitsche, auf der sie sitzen bleiben wollen. Aber die Verrückten sind immer auch Helden. Sie allein sind in der Lage, die stinknormale deutsche und europäische Denkungsart infrage zu stellen, auch den eingebildeten politischen Mittelpunkt. Plötzlich ist ein Graben im Norden von Cottbus ein Strom, der mitreißen könnte. Jetzt entdeckt die Bevölkerung der Stadt ihre vergessene Natur. Raunend geht das Staunen durch die Gemüter. Herzen öffnen sich. Wanderer wandern, Demonstranten demonstrieren, Mönche stehen am Mönchswasser, Bruder Michael vom Weltbund der Franziskaner (Michael!), Journalisten kommen und gehen, Bildreporter bildern und wildern, Politiker versuchen, sich rauszuhalten, aber es gelingt ihnen nicht, die Kossacks geben Interviews, ihr kleiner schwarzer Hund hat das Bellen aufgegeben.

An einem Wochenende kommen viele Leute, vor allem junge Leute, ins Dorf, aus der Stadt und aus dem ganzen Land. Auf einem Spruchband, das zwischen zwei Telefonmasten gespannt ist, steht: »Lakoma lebt«. Die Grüne Liga, Pfarrer Gröpler und andere haben eine Wiederbelebungsaktion organisiert, Zäune werden gestrichen, ein Fest findet statt, mit Gesprächen, Musik, Film und Tanz, mit Übernachtung im Zelt und der vielfach über die Zäune hinweg geäußerten Bitte: Kommt zurück!

Das Interesse der noch Einwohnenden und der bereits Verzogenen hält sich in Grenzen. Die Skepsis ist zu groß, dass so etwas gelingen könnte. Wenn der Abschied einmal vollzogen ist, soll er vollzogen bleiben, denken sie.

Ich frage ein älteres Ehepaar, das zwischen großen Apfelbäumen Heu wendet, warum sie nicht zum Fest gehen. Die Frau schweigt, der Mann antwortet zögernd, ihnen stünde nicht der Sinn nach Feiern, und außerdem sei alles zu spät.