Wie ein Wildtier gejagt - Gary Maas - E-Book

Wie ein Wildtier gejagt E-Book

Gary Maas

0,0

Beschreibung

Als Studienrat an einem Gymnasium in Hannover hat Roman Roland Ärger mit seinem Chef, den er für inkompetent hält. Außerdem muss sich Roman mit einem Seitensprung seiner Frau auseinandersetzen. Sie ist eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau, die ein Vielfaches von dem verdient, was Roman für seine pädagogische Tätigkeit erhält. Während eines Jahrgangstreffens an dem Gymnasium, an dem Roman das Abitur erlangte, begegnet er seiner alten Flamme von damals und geht mit ihr ins Bett. Nun fragt sich Roman, ob seine Ehe noch zu retten sei. Darüber hinaus überlegt er sich, wie er den Konflikt mit dem Direktor seiner Schule lösen könne. Mit seiner Frau erreicht er eine erste Versöhnung und erste Schritte zur Beilegung des Streits mit dem Schulleiter kann er zurücklegen. In der spannungsgeladenen Atmosphäre reist Roman zu Beginn der Sommerferien nach Huntington in Nebraska/USA, wo er vor vielen Jahren ein Schuljahr auf der dortigen High School verbrachte. Roman will als Rucksacktourist seine Probleme vergessen und in den Tag hineinleben, aber er fällt einer Entführungsbande in die Hände. In seinem Verlies in den Sand Hills in Nebraska begreift Roman, dass er wie ein Stück Wild gejagt werden soll. Allerdings reist Romans Frau an und beginnt eine umfangreiche Befreiungsaktion ohne die Polizei einzuspannen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 136

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Gary Maas

Wie ein Wildtier gejagt

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1: Ärger in der Schule – drei Monate zuvor in Hannover

Kapitel 2: Ärger in der Ehe

Kapitel 3: Ausflug nach Oldenburg

Kapitel 4: Wiedersehen mit Elisabeth Meiners

Kapitel 5: Bewältigungsversuche

Kapitel 6: Showdown mit dem Schulleiter

Kapitel 7: Aufbruch

Kapitel 8: Ankunft in Chicago

Kapitel 9: Huntington

Kapitel 10: Die Survivors

Kapitel 11: Schlägerei mit Survivors

Kapitel 12: Ein ruhiger Tag in Huntington

Kapitel 13: Entführung

Kapitel 14: Der Geschäftsmann

Kapitel 15: Der Jäger

Kapitel 16: Christina

Kapitel 17: Christinas Aktionsplan

Kapitel 18: Fahrt des Jägers

Kapitel 19: Warten

Kapitel 20: Fahrt der Jäger in den Norden Nebraskas

Kapitel 21: Die Verfolgung

Kapitel 22: Der Beginn der Jagd

Kapitel 23: Der Jäger erspäht Wild

Kapitel 24: Das Ende der Jagd

Kapitel 25: Das Ende der Rettungsaktion

Kapitel 26: Nach der Befreiungsaktion

Kapitel 27: Zurück in Hannover

Impressum neobooks

Prolog

Roman Renken saß auf einer großen Couch, auf der er in der Nacht schlafen musste. Seine Lage ließ ihn verzweifeln. Er wurde in einem Raum ohne Fenster gefangen gehalten. Er erhielt nur durch einige enge Schlitze zwischen der oberen Wandkante und der Decke etwas Tageslicht und frische Luft. Das Gebäude, in dem er sich befand, musste sehr gut isoliert sein, denn in dem Raum wurde es selbst am Nachmittag nicht zu warm, obwohl es draußen in dem Norden Nebraskas sehr heiß sein musste. In einer Ecke befanden sich eine Toilettenschüssel und eine Dusche, aber weder ein Waschbecken noch ein Spiegel. Er hatte keinen Rasierapparat zur Verfügung und konnte sich deshalb nicht rasieren. In der Mitte des Raums prangte ein hochwertiger Crosstrainer. Vor der Couch stand ein Fernsehgerät mit einem DVD-Abspielgerät. Der einzige Ausgang war durch eine Stahltür verschlossen, die im Raum keine Türklinke hatte. Durch die Tür traten dreimal am Tag zwei maskierte Wächter. Während der eine Wächter Roman mit einem Sturmgewehr in Schach hielt, stellte der andere ein Tablett, auf dem sich Romans Essen und eine große Wasserflasche befanden, auf den Boden. Außerdem legten seine Wächter am Abend eine frische Garnitur Kleidung und ein Badetuch hin. Ohne zu sprechen zogen sich beide rückwärtslaufend mit dem schmutzigen Geschirr und der getragenen Kleidung durch die Tür zurück. Dann wurde die Stahltür verschlossen. Einige Male hatte Roman einen Blick nach draußen erhascht. Er hatte nur eine Auffahrt und dahinter eine öde Prärielandschaft gesehen. Wie war er in seine hoffnungslose Lage geraten?

Kapitel 1: Ärger in der Schule – drei Monate zuvor in Hannover

Roman Renken lief durch die Schulstraße und war froh, dass er an diesem Tag nur noch eine Stunde zu unterrichten hatte. Das Wochenende stand bevor und Roman freute sich auf etwas Entspannung. In seiner Freistunde musste er jedoch zum Direktor und er wusste nicht, was der Direktor von ihm wollte. Sollte er wieder bei der Referendarausbildung eingespannt werden? Davon hatte Roman die Nase voll. Die Entlastungsstunde, die man für die zusätzliche Arbeit erhielt, reichte nach seiner Überzeugung als Kompensation nicht aus.

Als Roman das Sekretariat erreichte, musste er warten, bis die Schulsekretärin einige Schülerinnen und Schüler abgefertigt hatte. Als sich die Sekretärin am Ende der Pause Roman zuwandte, sagte sie, er könne das Direktorenzimmer betreten. So klopfte Roman an und vernahm ein lautes „Herein!“. Der Direktor forderte Roman auf, vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Nachdem er sich selbst gesetzt hatte, fragte der Direktor, wie Roman mit dem Schüler Felix Mayer zurechtkomme. Felix Mayer war in Romans Deutschleistungskurs und störte regelmäßig den Unterricht, indem er zu spät zum Unterricht erschien. Roman erwiderte: „Felix scheint nicht unintelligent zu sein, aber er ist äußerst undiszipliniert: Er erscheint häufig zu spät zum Unterricht und gibt Hausaufgaben selten rechtzeitig ab. Bei der ersten Klausur hat er nur vier Punkte bekommen.“ Der Direktor schaute Roman an und sagte dann: „Felix‘ Vater hat sich bei mir über Sie beschwert. Er behauptet, Sie piesackten seinen Sohn und beraubten ihn jeglicher Motivation. Was sagen Sie dazu?“ „Ich stelle ihn selbstverständlich zur Rede, wenn er zu spät zu meinem Unterricht erscheint. Erst gestern teilte ich ihm mit, dass ich im Falle weiterer Verspätungen eine Konferenz seiner Fachlehrer einberufen würde, damit disziplinarische Maßnahmen verhängt werden könnten, denn durch sein verspätetes Erscheinen störe er den Unterricht. Nachdem er sich dreimal verspätet hatte, rügte ich ihn jedes Mal, wenn er sich wieder einmal verspätete. Das ist nach meiner Überzeugung nicht Piesacken, sondern angemessenes Lehrerverhalten, das der Aufrechterhaltung eines geordneten Unterrichtsgeschehens dient.“ „Glauben Sie nicht, dass Sie durch ein wenig pädagogisches Fingerspitzengefühl Felix in einem Einzelgespräch dazu bringen könnten, sein Verhalten zu ändern?“ „Das habe ich schon vor Wochen versucht. Nach einer Doppelstunde besprach ich in dem Lehrerzimmer zwischen B2 und B3 sein Verhalten mit ihm und erklärte ihm ruhig, aber mit Nachdruck meinen Standpunkt. Dabei hob ich hervor, dass ich für einen reibungslosen Ablauf des Unterrichts verantwortlich sei und wiederholtes Verspäten nicht dulden dürfe. Darauf erwiderte er, ich verhielte mich wie ein engstirniger, kleinbürgerlicher Buchhalter. Mein Eindruck, dass er ein verwöhntes Kind ist, dem man nie zugemutet hat, perspektivisch zu denken und Grundregeln rücksichtsvollen Verhaltens zu beachten, verfestigt sich immer mehr.“ „Sie scheinen tatsächlich gegen Felix voreingenommen zu sein. Warum?“ „Ich bin keineswegs gegen ihn voreingenommen. Ich möchte lediglich erreichen, dass er pünktlich zu meinem Unterricht erscheint.“

Der Schuldirektor schwieg einen Augenblick und hob wieder an: „Sie wissen wohl, dass Felix‘ Vater ein Rechtsanwalt ist und im Stadtrat die Mehrheitsfraktion vertritt. Er hat eine wichtige Stimme bei Entscheidungen, welche die Ausstattung unserer Schule betreffen. Die Bewilligung weiterer finanzieller Mittel für unsere Schule hängt von seiner Einstellung zu uns ab. Wir dürfen ihn gegen uns nicht aufbringen.“ „Heißt das, dass sein Sohn sich jegliches Benehmen in der Schule erlauben kann?“ „Natürlich nicht! Drehen Sie mir nicht die Worte im Mund herum! Ich möchte Sie lediglich darum bitten, das Problem mit Felix geräuschlos zu lösen.“ „Wie die Amerikaner früher zu sagen pflegten: It takes two to tango.“ „Dann führen Sie den Jungen auf ein Tanzparkett, das ihm so verlockend erscheint, dass er sein Tanzbein zu Ihrem Takt schwingen will. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“ „Ich werde darüber nachdenken, was ich tun kann.“ „Das ist ein Wort. Ich danke Ihnen für Ihre Kooperationsbereitschaft, Herr Renken.“

Nach seiner letzten Stunde an diesem Tag holte Roman seine leichte Jacke aus der Garderobe des großen Lehrerzimmers und lief zu dem Fahrradstand der Lehrkräfte. Das Wetter war für Anfang April ungewöhnlich heiß und Roman wünschte, er hätte seine Jacke zu Hause gelassen. Er schob sein Fahrrad über den Schulhof zum Ausgangstor, das tagsüber immer offen stand. Als er die Straße erreichte, sah Roman, dass auf dem Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Gruppe Schüler stand. Er glaubte Felix Mayer zu erkennen, aber Roman war sich nicht sicher, dass die Gestalt, die schnell hinter einen großgewachsenen Jungen getreten war, tatsächlich Felix Mayer war. Auf einmal hörte Roman eine Stimme, die laut schrie: „Hat dir der Direktor heute gehörig den Kopf gewaschen?“ Darauf lachten die Jungen. Dann ertönte der Anfeuerungsruf: „Felix, Felix, Felix!“ Roman beachtete die Jungen nicht, die Felix‘ Namen skandierten. Er stieg einfach auf sein Fahrrad und fuhr davon. Unterwegs nach Haus überfiel Roman ein Erschöpfungsgefühl, obwohl das Ende der Osterferien nicht weit zurücklag. Vielleicht war er lediglich frustriert, da er sich immer wieder über das offenkundige Unvermögen des Schulleiters ärgerte. Er würde sich, so hoffte er zumindest, am Nachmittag rasch erholen.

Kapitel 2: Ärger in der Ehe

Nachdem er sein Fahrrad in die Garage geschoben und das Tor abgeschlossen hatte, lief er zur Haustür, schloss sie auf, deaktivierte die Alarmanlage und brachte seine Schultasche in sein kleines Bürozimmer. Christina würde wohl erst gegen 18 Uhr nach Hause kommen. Das stand jedoch nicht fest, denn allzu oft rief sie am Nachmittag an um zu verkünden, sie müsse noch an einer wichtigen Konferenz teilnehmen oder dringende Aufträge erledigen. Als Hauptkontrollerin in einer großen Speditions- und Logistikfirma stand sie einer Mannschaft vor, die aus sechs männlichen Kontrollern bestand. Diese arbeiteten ihr zu, so dass sie wichtige Entscheidungen über Auftragsangebote fällen und diese dem Gesamtvorstand unterbreiten konnte. Ihr Einkommen übertraf Romans Gehalt um ein Vielfaches. Eine Tatsache, die er zu kompensieren trachtete, indem er das Einkaufen und das Kochen übernahm. Die Haushalts- und Gartenarbeit erledigten Dienstleistungsfirmen.

Roman rechnete nicht damit, je Vater werden zu können, denn Christinas biologische Uhr tickte unaufhörlich weiter und sie wollte angesichts ihrer beruflichen Karriere keine Schwangerschaft riskieren. „Ist man nur kurzzeitig weg vom Fernster, werden einem die Machtinstrumente entzogen“, wie sie behauptete. Sie wusste, dass viele Männer, deren Vorgesetzte sie war, ihr die vielen Erfolge neideten, die sie in den letzten Jahren hatte verbuchen können. Ihr Verhandlungsgeschick war schon legendär geworden.

Zunächst bereitete sich Roman einen Salat zu und verzehrte sein frugales Mahl vor dem Fernsehgerät. Danach wusch er Teller und Geschirr ab und räumte in der Küche auf. Dann ging er in sein Schlafzimmer und legte sich aufs Ohr um sein Pädagogenkoma zu absolvieren, wie er sein Nickerchen nannte. Roman hatte das Glück, das Bewusstsein sofort zu verlieren und dann sehr tief schlafen zu können. Das lag vielleicht an seinem Sportlerherz. Er betrieb seit Jahren jeden Morgen in der Früh entweder im Keller auf seinem Crosstrainer oder draußen in einem nahegelegenen Park Ausdauertraining und war sogar einige Male Kreismeister über 5000 und 10000 Meter geworden.

Nach seinem dreißigminütigen Nickerchen stand Roman auf und fühlte sich frisch und munter. Er wandte sich seiner Schularbeit zu. Zunächst korrigierte er einen Vokabeltest, den er am Vormittag in einer achten Klasse im Englischunterricht hatte schreiben lassen. Viele seiner Englischkollegen hielten ihn für altmodisch, weil er Vokabeln- und Grammatiktests schreiben ließ, aber Roman konnte die guten Ergebnisse seiner vermeintlich altmodischen Methoden vorweisen. Danach befasste er sich mit der Korrektur einer der Facharbeiten, die er in seinem Deutschleistungskurs hatte schreiben lassen. Die Korrektur- und Gutachtenarbeit daran nahm zwei Stunden in Anspruch.

Danach begann Roman das Abendessen vorzubereiten. An diesem späten Nachmittag wollte er etwas Einfaches zubereiten, ein Auflaufgericht, bestehend aus Hüttenkäse, Schafskäse, geraspelter Zucchini, Porree, Tomaten und Romans geheimer Gewürzmischung. Dazu wollte Roman geröstete Baguettescheiben und als Nachspeise Mangostücke reichen. Er hatte die Vorbereitungen gerade abgeschlossen und die Auflaufform in den Backofen geschoben, als Christina anrief und ihm mitteilte, sie müsse wohl bis mindestens 21 Uhr arbeiten. Er könne ihr Essen stehen lassen. Sie werde es aufwärmen, wenn sie zu Hause angekommen sei.

Nachdem Roman sein Abendessen eingenommen hatte und in der Küche aufgeräumt hatte, entschied er sich, den Abend dabei zu verbringen, die Stunden am folgenden Montag vorzubereiten. Zunächst plante er sein Vorgehen im Deutschunterricht in einer achten Klasse. Im Unterricht hatte er mit den Schülerinnen und Schülern die Kurzgeschichte „Spagetti für zwei“ gelesen und dabei die Frage besprochen, inwieweit Heinz, aus dessen Perspektive das dargestellte Geschehen erzählt wird, rassistische Vorurteile erkennen lasse. Am kommenden Montag, also nach dem Wochenende, wollte Roman eine kurze Passage als Er-Erzählung aus der Sicht des schwarzen Jugendlichen vorstellen, den Heinz zunächst für einen schmarotzenden Asylbewerber hält. Danach sollten die Schülerinnen und Schüler in Gruppenarbeit weitere Textstellen als Er-Erzählungen aus der Sicht des farbigen Jungen umschreiben. Nachdem Roman seine kurze Er-Erzählung verfasst hatte, beschloss er ins Bett zu gehen. Am nächsten Tag, einem Sonnabend, wollte Roman früh aufstehen und nach einem kleinen Frühstück einen Langlauf unternehmen.

Am nächsten Morgen stand Roman auf, zog seine Laufbekleidung an und ging in die Küche. Als er die Kühlschranktür öffnete, entdeckte er, dass Christina ihr Essen nicht angerührt hatte. Er hatte sie an diesem Tag noch nicht gesehen. Sie und er hatten getrennte Schlafzimmer, denn sie hatten ganz unterschiedliche Tagesrhythmen: Roman ging früh ins Bett und stand sehr früh auf, während Christina ein Nachtmensch war. Sie stand spät auf, wenn ihre Arbeitsbelastung dies zuließ. Roman nahm an, sie sei spät nach Hause gekommen und sofort ins Bett gegangen. Vielleicht hatte sie etwas bei der Arbeit am späten Abend gegessen.

Roman bereitete sich eine kleine Portion Müsli zu, die er zusammen mit einem rohen Apfel vertilgte. Nachdem er sich die Zähne geputzt und sich rasiert hatte, lief er los. Draußen stellte er fest, dass das herrliche Frühsommerwetter noch andauerte. Er hatte trotzdem die Wege im Park fast allein für sich. Während er seine Strecke zurücklegte, dachte er an das, was ihm am drauffolgenden Wochenende bevorstand: ein Jahrgangstreffen. Nach 25 Jahren würden die Schülerinnen und Schüler seines Jahrgangs an dem Oldenburger Gymnasium wieder treffen. Bislang hatte er nie eine solche Einladung angenommen, aber diesmal wollte er eben erfahren, was aus den Jungen und Mädchen von damals geworden sei. Er war ziemlich neugierig und gespannt. Er wollte mit eigenen Augen sehen, was seine früheren Freundinnen und Freunde aus ihren Leben gemacht hatten.

Als Roman nach seinem Lauf geduscht und sich frisch angezogen hatte, fragte er sich, wie lange Christina heute noch schlafen wolle. Sie musste am vorherigen Tag anstrengende Aufgaben zu erledigen gehabt haben. Als Roman jedoch sein Smartphon einschaltete, war er überrascht, denn er entdeckte eine WhatsApp-Nachricht von Christina: „Wie du wohl schon vermutet haben wirst, haben wir heute etwas zu besprechen. Ich bin um 15 Uhr zu Hause.“

Roman setzte sich in seinen Sessel im Wohnzimmer und dachte nach. Christina hatte offensichtlich angenommen, er würde entdeckt haben, dass sie nicht nach Hause gekommen war. Sie vermutete wohl, Roman wäre beunruhigt und außerdem eifersüchtig, denn sie hatte allem Anschein nach die Nacht zusammen mit einem anderen Mann verbracht. Roman war selbst etwas verdutzt, dass weder das eine noch das andere stimmte. Ihm war nicht aufgefallen, dass sie nicht nach Hause gekommen war, und der Gedanke, dass sie eine Beziehung zu einem anderen Mann begonnen haben könnte, regte ihn nicht auf. Allerdings hatte Roman keine Lust auf eine spannungsgeladene Auseinandersetzung, garniert mit gegenseitigen Vorhaltungen. Nein, das wollte er sich nicht antun. Er beschloss sich dem zu entziehen. Er würde auf sein Rad steigen, zu einem Restaurant fahren, wo man spät gut frühstücken konnte, und danach eine Weile in der Schule in dem kleinen Lehrerzimmer arbeiten, in dem er seine eigene Ecke eingerichtet hatte. Danach würde er zu einem urigen Landlokal am Rande der Stadt fahren. Dort könnte er Apfelsaft trinken und nachdenken. Später würde er irgendwo Abendbrot einnehmen und gegen 20 Uhr nach Hause zurückkehren. Ein guter Plan! So packte Roman ein paar Unterlagen in seine Schultasche, verließ das Haus, aktivierte die Alarmanlage und stieg auf sein Rad.

Als er gegen 20 Uhr nach Hause zurückkehrte, stellte er sein Fahrrad in der Garage ab. Dabei entdeckte er, dass in der anderen Hälfte der Garage Christinas Auto stand. Er begriff, dass sein Plan nicht ganz zum gewünschten Erfolg geführt hatte. Zwar hatte er am Nachmittag die Auseinandersetzung vermeiden können, aber jetzt musste er sich ihr stellen. Also schloss er die Haustür auf und entdeckte, dass die Alarmanlage tatsächlich deaktiviert war. Er stellte seine Tasche in der Garderobe ab, hängte seine leichte Jacke hin und lief ins Wohnzimmer, wo Christina in der Dämmerung saß und vor sich hin starrte.

„Hast du meine WhatsApp-Nachricht nicht gelesen?“, hörte Roman sie fragen. „Doch, ich habe sie gelesen.“ „Warum warst du nicht hier, als ich nach Hause kam?“ „Ich hatte keine Kraft für eine heftige Auseinandersetzung. Ich befürchtete, du wolltest mir sagen, du habest die Nacht zusammen mit einem anderen Mann verbracht.“ „Das habe ich ja und ich wollte mit dir darüber sprechen.“ „Sollten wir eine Manöverkritik veranstalten und den taktischen Einsatz verschiedener erotischer Praktiken diskutieren?“ „Werde bitte nicht sardonisch. Ich brauche wirklich deine Hilfe.“ „Na, dann schieß los, ich bin ganz Ohr.“ „Setz dich neben mich hin. Ich möchte deine Hand halten.“ „Ich weiß nicht, ob das ein angemessenes Benehmen für einen frisch gebackenen Hahnrei ist.“ „Bitte, komm zu mir und setz dich hin. Ich muss wirklich sehr dringend mit dir vernünftig sprechen.“