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Die Konfrontation mit dem nahenden Lebensende von Patienten, ihren Todessehnsüchten, ihrer Selbstzerstörung, ihren Vernichtungswünschen gehört zu den eindringlichsten und manchmal verstörenden Erfahrungen von Analytikerinnen und Analytikern. Dem Thema Tod wird sowohl in der psychoanalytischen Theorie als auch in der Aus- und Weiterbildung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei kann der therapeutische Prozess mit Patienten mit nicht verarbeiteten Trennungen, Angst vor der eigenen Auslöschung oder destruktiven Energien nur dann hilfreich sein, wenn ihr Behandler nicht selbst vor dem Thema flieht, sondern eine Integration in das Wissen über sich und sein analytisches Handeln anstrebt.Die zu dieser schwierigen Fragestellung sich äußernden Autorinnen und Autoren zeigen beispielhaft auf je eigene Weise, gestützt auf zahlreiche Fallbeispiele mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und ihren unterschiedlichsten Problemsituationen, wie sich theoretisches Wissen über Sterben und Tod mit Lebens- und Therapieerfahrung auf eine Weise so verknüpfen lässt, dass auch ihre Patientinnen und Patienten spüren können: Da ist jemand, der weiß, wovon ich spreche.
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Seitenzahl: 387
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Helmwart Hierdeis (Hg.)
Wie hältst du’s mit dem Tod?
Erfahrungen und Reflexionen in der Psychoanalyse
Vandenhoeck & Ruprecht
Mit 4 Abbildungen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-647-40243-7
eISBN 978-3-647-99649-3
Umschlagabbildung: © Irmgard Hierdeis »Mors et vita duello« (Öl auf Holz; Ausschnitt)
© 2014, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen / Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Satz: SchwabScantechnik, Göttingen Umschlag: SchwabScantechnik, Göttingen Druck und Bindung: e Hubert & Co., Göttingen
Inhalt
Helmwart HierdeisEinleitung
Tilmann MoserPsychoanalyse und Tod. Ein teilweise autobiographischer Essay
Bernd Nitzschke»Wir und der Tod« – hundert Jahre später. Ein Nachtrag zu einem Vortrag Sigmund Freuds aus dem Ersten Weltkrieg
Günther Bittner» … noch heute eine Rotte von Mördern«. Ein Versuch, Freuds Vorstellung einer instinktiv verwurzelten Destruktionslust zu rehabilitieren
Wolfgang WiedemannDie Psychoanalyse, der Tod und die Trennung der Liebenden. Ein Erfahrungsbericht
Angelika Staehle»Sag mir, wo die Blumen sind«. Zur Erfahrung von Verlust, Vergänglichkeit und Trauer im Leben und in psychoanalytischen Behandlungen
Hans-Werner Saloga»Kennst du denn den Tod?« Der Kinderanalytiker und der Tod – ein unauflösbarer (Lebens-)Konflikt?
Arne BurchartzDas Kind, der Tod und der Analytiker
Brigitte Boothe»… wenn ich auf das Ende sehe« – Wie viel Zeit bleibt bis zum Tod? Dynamik der Veränderung als lebenslanges Geschehen
Edith SeifertVom Nichtverstehen, dem Todestrieb und anderen Todesphänomenen der Psychoanalyse. Eine persönliche Theoriegeschichte
Die Autoren
Helmwart Hierdeis
Einleitung
[…] der Tod erhellt mit seinem stillschweigenden Glanz das, was vorher geschehen ist […], was für sich selbst im Dunkel lag […]Javier Marías (2000)
[…] wie wenig die Psychoanalyse in ihrer Theorie den Tod des Menschen einbezieht, außer dass er immer als ein »fact of life« beschrieben wird.Christa Rohde-Dachser (2013)
»Mitten in dem Leben …«
Begegnungen mit dem Tod, Gedanken an ihn und die Angst vor ihm begleiten uns ein Leben lang. Das sagt sich leicht dahin, weil die Tatsache so offensichtlich ist, dass es banal erscheint, sie auszusprechen. Ohne Gewicht bleibt der Satz jedoch nur, wenn sich keine Frage anschließt, zum Beispiel die nach seiner Bedeutung für unser persönliches Leben. Dann nämlich stellt sich schnell heraus, dass wir uns vom Tod zwar bedroht fühlen, aber keine passenden Worte finden, mit denen wir den Auslöser der Bedrohung beschreiben sollen. Es gibt hinsichtlich des Todes nur Außenansichten und keine authentische Erfahrung (vgl. Macho, 2000, S. 91 f.). Seine »Unerlebbarkeit«, so Hans Blumenberg, »ist keine Spitzfindigkeit der Sprachanleitung: Man muß noch leben, um erleben zu können, und ›bewußt‹ gestorben – wie immer wieder ein Neugieriger sich seinen Tod wünscht – werden nur Vortode« (Blumenberg, 1998, S. 213 f.; vgl. Han, 1998, S. 9 ff.).
Damit das Bedrohliche sie nicht überwältigt, ignorieren die Menschen den Tod (vgl. Freud, 1915b, S. 341), oder sie »erschaffen sich […] eine innere Welt, die es ermöglicht, sich mit dem Wissen um den Tod, der damit verbundenen Todesangst, der Sehnsucht nach Selbstauflösung und dem gleichzeitigen Wunsch nach Auferstehung oder Wiedergeburt kreativ auseinanderzusetzen« (Rohde-Dachser, 1998, S. 404; vgl. Nitzschke, 1996a, S. 88 f.). So erfinden sie Metaphern: Der Tod sei dem »Schlaf« vergleichbar, der »Nacht«, der »Stille«, dem »Traum«, einem »Übergang«, einer »Brücke« (vgl. Schmauks, 2009, S. 172 ff.). Sie sprechen vom »Jenseits«, von der »ewigen Heimat«, vom »Heimgang«, vom »Drüben«, von der »anderen Welt«, vom »Vorausgehen«. Wo solche Bilder dem Beängstigenden nicht gerecht werden, erhält der Tod menschliche Gestalt: als »Schnitter«, als »Knochen- oder Sensenmann«, als »grymmyger tilger aller landt, schedlicher ächter aller welte, freyssamer (= schrecklicher, unerbittlicher; H. H.) mörder aller lewt« (Johannes von Tepl, ca. 1449/2012, S. 6).
Seine Aggressivität kann aber auch verleugnet werden. Dann wird er als »süßer Tod«, »Erlöser«, »Gevatter Tod« und »Freund Hein« zum (meist männlichen) Vertrauten, zum persönlichen Gegenüber, zum imaginären Gesprächspartner (vgl. Schiek, 2000), erhält er seinen Platz in Szenerien des Lebenslaufs (vgl. Röhrich, 1973, S. 1078 ff.), oder der unbewusste Wunsch, ihm seinen Schrecken zu nehmen, verwandelt ihn in ein kleines, pflegebedürftiges Wesen, wie das ein Traum zum Ausdruck bringt, den Gudrun Schiek ihrem »Lieben Tod« in einem »Brief« mitteilt: »Weißt Du was, Tod? Heute nacht träumte mir von Dir. Diesem Traum war ich in meinen Tagträumen bereits sehr nahe gewesen. Aber erst in diesem Nachttraum wagte ich den konsequenten Schritt. Also: Du saßest vor mir wie ein kleines, mageres Tier ohne Fell, nackt also. Du erinnertest mich auch an eine Art Puppe, obwohl ich nie ein Verhältnis zu Puppen gehabt hatte. Du wolltest von mir gewiegt und gestreichelt werden, und Du schnurrtest leise. Auf eine bestimmte, mir nicht ganz klare Weise tatest Du mir auch leid, Tod. Plötzlich, als ich Dich in meinen Armen wiegte, redete ich Dich an mit ›Tödchen‹. Da lächeltest Du. Also kann es eigentlich nicht ungehörig oder gar obszön von mir gewesen sein, denn Du warst einverstanden mit dieser Anrede« (Schiek, 2000, S. 8).
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