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Thomas Manns Erzählung "Wie Jappe und Do Escobar sich prügelten" entfaltet mit ironischem Blick eine groteske Szene studentischer Rivalität. Zwei junge Männer geraten aus verletztem Stolz und übersteigerter Eitelkeit in einen Streit, der sich bald zu einer handfesten Prügelei steigert. Doch anstatt heroisch oder ernsthaft zu wirken, erscheinen ihre Bewegungen und Gesten lächerlich, beinahe komisch, sodass der Kampf zur Karikatur männlicher Ehr- und Geltungssucht wird. Die Zuschauer verfolgen das Spektakel mit sensationsgieriger Neugier, während die beiden Kontrahenten sich immer tiefer in ihre Rolle hineinsteigern. Am Ende bleibt kein Sieger, sondern nur die Erkenntnis der Absurdität des Geschehens. Mann verbindet scharfe Satire mit psychologischer Beobachtung und zeigt, wie schnell Stolz und Ehrgefühl ins Groteske kippen können. Eine pointierte Erzählung, die zugleich amüsiert und nachdenklich stimmt.
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Seitenzahl: 27
Veröffentlichungsjahr: 2026
Wie Jappe und Do Escobar sich prügelten
Ich war sehr erschüttert, als Johnny Bishop mir sagte, daß Jappe und Do Escobar sich hauen wollten und daß wir hingehen wollten, um zuzusehen.
Es war in den Sommerferien, in Travemünde, an einem brutheißen Tage mit mattem Landwind und flacher, weit zurückgetretener See. Wir waren wohl drei Viertelstunden lang im Wasser gewesen und lagen unter dem Balken- und Bretterwerk der Badeanstalt auf dem festen Sande, zusammen mit Jürgen Brattström, dem Sohn des Rheders. Johnny und Brattström lagen vollständig nackt auf dem Rücken, während es mir angenehmer war, mein Badetuch um die Hüften gewickelt zu haben. Brattström fragte mich, warum ich das täte, und da ich nichts Rechtes darauf zu antworten wußte, so sagte Johnny mit seinem gewinnenden, lieblichen Lächeln: ich wäre wohl schon etwas zu groß, um nackend zu liegen. Wirklich war ich größer und entwickelter, als er und Brattström, auch wohl ein wenig älter, als sie, ungefähr dreizehn. So nahm ich Johnnys Erklärung stillschweigend an, obgleich sie eine gewisse Kränkung für mich enthielt. Denn in Johnnys Gesellschaft geriet man leicht in ein etwas komisches Licht, wenn man weniger klein, fein und körperlich kindlich war als er, der das alles in so hohem Grade war. Er konnte dann mit seinen hübschen blauen, zugleich freundlich und spöttisch lächelnden Mädchenaugen an einem hinaufsehen, mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: »Was bist du schon für ein langer Flegel!« Das Ideal der Männlichkeit und der langen Hosen kam abhanden in seiner Nähe, und das zu einer Zeit, nicht lange nach dem Kriege, als Kraft, Mut und jederlei rauhe Tugend unter uns Jungen sehr hoch im Preise stand und alles mögliche für weichlich galt. Aber Johnny, als Ausländer oder halber Ausländer, war unbeeinflußt von dieser Stimmung und hatte im Gegenteil etwas von einer Frau, die sich konserviert und über andere lustig macht, die es weniger tun. Auch war er bei weitem der erste Knabe der Stadt, der elegant und ausgesprochen herrschaftlich gekleidet wurde, nämlich in echte englische Matrosenanzüge mit blauem Leinwandkragen, Schifferknoten, Schnüren, einer silbernen Pfeife in der Brusttasche und einem Anker auf dem bauschigen, am Handgelenk eng zulaufenden Ärmel. Dergleichen wäre bei jedem anderen als geckenhaft verhöhnt und bestraft worden. Ihm aber, da er es mit Anmut und Selbstverständlichkeit trug, schadete es gar nicht, und nie hatte er im geringsten darunter zu leiden gehabt.
