Wie man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreibt - Umberto Eco - E-Book

Wie man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreibt E-Book

Umberto Eco

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  • Herausgeber: UTB GmbH
  • Kategorie: Bildung
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Diese Anleitung für die Planung, Gliederung und Niederschrift wissenschaftlicher Arbeiten von Umberto Eco, Professor an der Universität Bologna, ist ebenso gründlich wie virtuos. Nach Ecos eigenen Worten (Einleitung) gibt sein Buch "Auskunft darüber, (1) was man unter einer Abschlussarbeit versteht, (2) wie man das Thema sucht und die Zeit für seine Bearbeitung einteilt, (3) wie man bei der Literatursuche vorgeht, (4) wie man das gefundene Material auswertet und (5) wie man die Ausarbeitung äußerlich gestaltet". Die autorisierte Übersetzung hat Professor Dr. Walter Schick erarbeitet. Eine "erfrischend unkonventionelle Handreichung" nennt er das Buch; es erlaube einen "Blick in die 'Werkstatt' Ecos; denn Beziehungen zu anderen Werken Ecos werden nicht nur durch jenen Abbé Vallet hergestellt, der im vorliegenden Buch wie in 'Der Name der Rose' eine Rolle spielt." Darin liegt freilich nur ein zusätzlicher Reiz und Gewinn der Lektüre. Wichtiger ist: Ecos Buch zeigt, wie man schreiben soll – auf den Leser konzentriert, dem Leser dienend.

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Seitenzahl: 305

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[iii]Umberto Eco

Wie man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreibt

Doktor-, Diplom- und Magisterarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften

Ins Deutsche übersetzt von Walter Schick

14. Auflage der deutschen Ausgabe

[iv]© für die deutschsprachige Ausgabe 2010

Facultas Verlags- und Buchhandels AG

facultas Universitätsverlag, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich

Originaltitel: Come si fa una tesi di laurea

© LA NAVE DI TESEO EDITORE SRL

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und derVerbreitung sowie der Übersetzung, sind vorbehalten.

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

www.facultas.at

Einbandgestaltung: Altelier Reichert, Stuttgart

Satz: Gottemeyer, Rot

Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

Printed in Germany

ISBN 978-3-8252-5377-6

e-ISBN 978-3-8385-5377-1

epub 978-3-8463-5377-6

[v]Vorworte des Übersetzers

Vorwort zur ersten Auflage

Umberto Ecos »Come si fa una Tesi di Laurea« hat in den zehn Jahren seit seinem ersten Erscheinen in Italien schon viele Auflagen erlebt und vielen Studenten geholfen, die Hürde der dort für den Universitätsabschluß allgemein notwendigen Promotion zu nehmen. Der Erfolg des Buches hält an. Das allein wäre allerdings noch kein Grund, es auch ins Deutsche zu übersetzen. Denn sicher ist es in erster Linie auf italienische Verhältnisse zugeschnitten, und seine Ratschläge lassen sich vom deutschen Leser nicht so unmittelbar umsetzen wie vom italienischen. (An eine Übersetzung in andere Sprachen war ursprünglich nicht gedacht. Gleichwohl liegen inzwischen Übersetzungen in mehreren Sprachen vor.) Unter drei Aspekten verdient das Buch auch unser Interesse und gerade das Interesse eines Studenten, der eine wissenschaftliche Abschlußarbeit vor sich hat.

Es ist zum ersten eine erfrischend unkonventionelle Handreichung (den Ausdruck Lehrbuch würde Eco selbst sicher zurückweisen) für das wissenschaftliche Arbeiten, mit vielen allgemeingültigen Ratschlägen und praktischen Anregungen. Der Anfänger wie der, der schon Erfahrung mit der wissenschaftlichen Arbeit hat, wird es nicht zuletzt wegen der vielen Beispiele aus den unterschiedlichsten Bereichen mit Gewinn, streckenweise mit Spannung lesen. Auch wo Eco in die Rolle des Studenten schlüpft, kann er ja den Meister nicht verleugnen.

Das Buch erlaubt zum zweiten einen Blick in die bei uns weithin unbekannte italienische Universitätswelt aus einer besonders interessanten Perspektive, und es stellt insofern auch [vi] ein kulturgeschichtliches Dokument dar. Der zusätzliche Blick in die »Werkstatt« Ecos kommt hinzu; denn Beziehungen zu anderen Werken Ecos werden nicht nur durch jenen Abbé Vallet hergestellt, der im vorliegenden Buch wie in »Der Name der Rose« eine Rolle spielt.

Und schließlich steht das Buch für eine wissenschaftliche Arbeitsweise, die angesichts des Übergreifens neuer Techniken der Dokumentation und des Schreibens auch auf diesem Bereich in Gefahr geraten könnte. Insofern könnte es als Mahnung verstanden werden, bewährte Arbeitsweisen nicht leichtfertig über Bord zu werfen und das Neue darauf zu prüfen, ob es sich mit den Anforderungen wissenschaftlichen Arbeitens verträgt.

Die Übersetzung konnte und sollte nichts daran ändern, daß das Buch auf italienische Verhältnisse zugeschnitten ist und daß die meisten Beispiele den Arbeitsgebieten Ecos entstammen. Vom Leser wird also ein weiterer, »sachlicher« Übersetzungsschritt erwartet: er muß feststellen, was die Aussagen für unsere wissenschaftlichen Verhältnisse und für sein Fach bedeuten. Insbesondere sollten die mehr technischen Hinweise (etwa zur Zitierweise) im Hinblick auf das bei uns Übliche und Geforderte kritisch gelesen werden.

»Bearbeitet« wurde unter zwei Aspekten: Weggelassen oder ersetzt wurden Angaben, die für den deutschen Leser unter keinem Aspekt interessant gewesen wären (etwa zum Leihverkehr zwischen italienischen Bibliotheken oder über die Akzentsetzung im Italienischen). Ferner werden Namen und Begriffe, die dem italienischen Leser, nicht aber dem deutschen vertraut sind, in einem Anhang erläutert, soweit das für das Verständnis nützlich erscheint. Die entsprechenden Ausdrücke wurden durch * gekennzeichnet. Das ausführliche und geradezu spannende Kapitel über die Materialsuche in der Bibliothek von Alessandria mit seiner Vielzahl von Namen und Begriffen wurde dagegen ohne Erläuterungen übersetzt, weil es hier auf das Wie und weniger auf das Was ankommt. Anmerkungen des Übersetzers im Text oder Übersetzungen italienischer Titel sind in eckige Klammern gesetzt.

[vii] Ein letztes: seinem Titel nach hat das Buch die »Tesi di Laurea« zum Gegenstand. Diese hat im deutschen Universitätssystem keine unmittelbare Entsprechung. Darum wurde in der Übersetzung meist der neutralere Ausdruck (wissenschaftliche) »Abschlußarbeit« gewählt – auch um die Spannweite jener Formen wissenschaftlicher Arbeiten zu kennzeichnen, auf die die Ratschläge des Buches anwendbar sind. Gelegentlich wurden allerdings auch andere Ausdrücke (Arbeit, Doktorarbeit) verwendet.

Beibehalten wurde Ecos Anrede der Leser mit »ihr«; diese vertrauliche Form ist an der italienischen Universität auch im persönlichen Umgang mit ratsuchenden Studenten denkbar. Auch wenn das in Deutschland weniger vorstellbar ist, hätte ein Übergang zum »Sie« den kameradschaftlichen Ton, der das Buch kennzeichnet, verfälscht.

Frau Glorianna Bisognin und Frau Christiane Loskant haben die Übersetzung kritisch durchgesehen und viele wertvolle Anregungen eingebracht. Ihnen bin ich zu großem Dank verpflichtet.

Walter Schick

NACHTRAG ZUR 2. AUFLAGE

Auch mit Übersetzungen hat es zuweilen eine eigenartige Bewandtnis. Die hier vorliegende des Buches von Umberto Eco, die der ersten Auflage zugrundeliegt, basiert, einschließlich des Vorworts, auf der italienischen Ausgabe in der Reihe Tascabili Bompiani, die der Übersetzer zu wiederholten Malen aus Italien erhielt. Nachträglich hat sich jetzt herausgestellt, daß es auch noch eine zweite Ausgabe des Buches in der Reihe Strumenti Bompiani gibt (ein gutes Beispiel übrigens für die von Eco in seinem Buch geschilderten Schwierigkeiten beim Umgang mit dem Material). Sie hat ein geringfügig größeres Format und ist äußerlich anders aufgemacht, aber im übrigen im Hauptteil [viii] text-, seiten- und druckgleich mit der Taschenbuchausgabe. Was beide Ausgaben unterscheidet, ist das Vorwort. Es ist in der Neuausgabe erweitert, und Eco hat in den neu hinzugefügten Teilen acht Jahre nach dem Erscheinen der Erstausgabe eine Art Zwischenbilanz gezogen. Besonders interessant und in gewisser Weise den Inhalt des Buches sachlich ergänzend sind jene Ausführungen, in denen Eco – anregend wie immer – von seinen eigenen Erfahrungen mit seinem Buch und mit Reaktionen auf das Buch berichtet. Darum wird nachstehend das erweiterte Vorwort abgedruckt:

»Vorwort zu dieser Ausgabe

1. Diese neue Ausgabe meines Buches erscheint acht Jahre nach der ersten. Ursprünglich geschrieben, um meinen Studenten nicht immer die gleichen Empfehlungen wiederholen zu müssen, hat das Buch eine ziemlich weite Verbreitung gefunden. Ich bin jenen Kollegen dankbar, die es auch heute noch ihren Studenten empfehlen, aber vor allem bin ich jenen Studenten dankbar, die im Laufe ihres Studiums den Anschluß verpaßt hatten, das Buch zufällig entdeckt und mir dann geschrieben haben, daß sie, dank dieser Seiten, endlich die Kraft gefunden haben, ihre Abschlußarbeit anzufangen oder auch abzuschließen. Ich weiß nicht, ob es gut war, dazu beizutragen, daß sich die Zahl der Leute mit Universitätsabschluß in unserem Land erhöhte, aber es ist nun einmal passiert, und ich muß auch die Verantwortung dafür übernehmen.

Als ich das Buch schrieb, hatte ich die geisteswissenschaftlichen Fakultäten und, auf Grund meiner persönlichen Erfahrung, vor allem die philosophischen und literaturwissenschaftlichen Fakultäten im Auge. Ich habe aber festgestellt, daß sich das Buch für alle als einigermaßen nützlich erwies, weil es im Grunde nicht so sehr vom Inhalt einer Abschlußarbeit handelt, als vielmehr von der seelischen Verfassung, [ix] mit der man sich an die Arbeit machen muß, und von der Art und Weise, wie man dabei vernünftigerweise vorgeht. In diesem Sinn wurde das Buch gelegentlich auch von Menschen gelesen, die nicht oder noch nicht an der Universität studierten und sogar von Schülern an höheren Schulen, die eine Untersuchung oder einen Vortrag vorbereiten mußten.

Das Buch wurde auch in andere Sprachen und in Ländern übersetzt, in denen andere Anforderungen an eine Abschlußarbeit gestellt werden als bei uns. Natürlich waren dabei einige Anpassungen durch einen Fachmann vor Ort nötig, aber insgesamt scheinen die Ausführungen für den Export geeignet zu sein. Das erstaunt mich nicht. An jedem Ort der Welt sind die Regeln, wie man vernünftig wissenschaftlich arbeitet, insgesamt gesehen dieselben, gleichgültig, auf welchem Niveau man arbeitet oder wie kompliziert die Angelegenheit ist.

Als ich das Buch schrieb, war die Universitätsreform in Italien noch nicht abgeschlossen, und in der Einleitung vertrat ich die Meinung, daß es nicht nur für die Tesi di Laurea, wie man sie bis dahin verstand, von Nutzen sein könnte, sondern auch für die künftigen ›echten‹ Doktorarbeiten. Ich glaube, daß dieser Blick in die Zukunft vernünftig war, und heute möchte ich das Buch auch für jene empfehlen, die auf Grund einer wissenschaftlichen Arbeit promovieren wollen (obwohl ich hoffe, daß, wer soweit gekommen ist, das, was ich sage, schon gelernt hat – aber man weiß nie).

2. In der Einleitung zur ersten Auflage sprach ich von den Schwierigkeiten der italienischen Universität, die ein Büchlein wie das meinige für tausende und abertausende sich selbst überlassener Studenten nützlich erscheinen ließen. Heute wäre ich glücklich, wenn ich alle noch vorhandenen Exemplare einstampfen lassen könnte und keinen Anlaß sähe, meine Handreichnung noch einmal herauszugeben. Leider kann ich nur wiederholen, was ich damals gesagt habe.

(Anmerkung des Übersetzers: Es folgt der Text der alten Einleitung, vgl. S. 1–5 in diesem Buch.)

[x] 6. Seit Erscheinen des Buches sind mir ziemlich seltsame Dinge passiert. Von Zeit zu Zeit erhalte ich Briefe, wie den eines Studenten, der schreibt: ›Ich habe eine Abschlußarbeit über das und das und das Thema zu schreiben‹ (und ich versichere, die Palette der Themen ist sehr weit und manche sind mir ganz fremd). ›Können Sie so freundlich sein, mir eine komplette Zusammenstellung der Literatur zu senden, damit ich mit meiner Arbeit weitermachen kann?‹ Wer so schreibt, hat offensichtlich den Sinn des Buches nicht verstanden, oder er hält mich für einen Zauberer. Das Buch will zeigen, wie man selbständig arbeitet, und nicht, wie und wo man jemanden findet, der einem, wie man sagt, die Sache schon vorgekaut hat. Außerdem hat, wer mich um eine Literaturzusammenstellung bittet, nicht verstanden, daß die Anfertigung einer Literaturzusammenstellung eine zeitraubende Angelegenheit ist, und daß ich, sollte ich nur eine der erbetenen Zusammenstellungen schicken, monatelang, wenn nicht länger, arbeiten müßte. Hätte ich soviel Zeit, ich schwöre, ich wüßte sie besser anzuwenden.

7. Aber die seltsamste Sache, die mir passiert ist und die ich erzählen möchte, betrifft eine Seite in diesem Buch. Es handelt sich um das Kapitel IV.2.4. ›Die wissenschaftliche Bescheidenheit‹. Wenn ihr euch die Mühe macht, es nachzulesen, dann seht ihr, wie ich mich bemühte zu beweisen, daß man keinen Beitrag geringschätzen sollte, weil nicht immer die besten Ideen von den größten Autoren kommen. Und ich erzählte die Geschichte, die mir beim Schreiben meiner eigenen Abschlußarbeit passiert war. Ich hatte einen entscheidenden Gedanken, der mir ein dorniges theoretisches Problem gelöst hatte, ausgerechnet in einem kleinen Büchlein von bescheidener Originalität gefunden, das ein gewisser Abbé Vallet 1887 geschrieben hatte und das ich zufällig bei einem Bouquinisten gefunden hatte.

Nachdem das Buch erschienen war, hat ihm Beniamino Placido eine amüsant zu lesende Rezension in Repubblica vom 22. September 1977 gewidmet. Bei dieser Gelegenheit [xi] führte er sinngemäß aus, ich hätte das Abenteuer Forschung als die Geschichte einer Märchenfigur dargestellt, die sich im Wald verirrt hat und die (wie es im Märchen vorkommt und wie es W. I. Propp theoretisch dargestellt hat) an einem bestimmten Punkt einem Wundertäter begegnet, der ihr den Magischen Schlüssel zur Verfügung stellt. Die Vorstellung von Placido war gar nicht so abwegig, Forschung ist immer auch ein Abenteuer, aber Placido ließ auch durchblicken, daß ich mir für mein Märchen den Abbé Vallet erfunden habe. Als ich Placido später einmal traf, habe ich ihm gesagt: ›Du hast Unrecht, den Abbé Vallet gibt es, besser gesagt, es gab ihn, und ich habe noch ein Buch von ihm zuhause; ich habe seit zwanzig Jahren nicht hineingeschaut, aber ich habe ein gutes visuelles Gedächtnis, und ich erinnere mich noch an die Seite, auf der ich jenen Gedanken gefunden habe und den roten Hinweis mit Ausrufungszeichen, das ich am Rand angebracht hatte. Komm mit zu mir nachhause, und ich zeige dir das berüchtigte Buch des berüchtigten Abbé Vallet.‹

Gesagt, getan. Wir gehen zu mir nachhause, wir schenken uns zwei Whisky ein, ich steige auf eine kleine Leiter, um jenes obere Fach in meinem Büchergestell zu erreichen, wo nach meiner Erinnerung das schicksalsträchtige Buch seit langem liegt. Ich finde es, klopfe den Staub ab, schaue nicht ohne Bewegung wieder hinein und mache mich auf die Suche nach der gleichfalls schicksalsträchtigen Seite. Und ich finde sie, mit ihrem schönen Ausrufungszeichen am Rand.

Ich zeige die Seite Placido und lese dann die Stelle, die mir soviel geholfen hatte. Ich lese sie ihm vor, lese sie noch einmal und noch einmal und falle aus allen Wolken. Der Abbé Vallet hatte nie den Gedanken geäußert, den ich ihm zugeschrieben hatte, will sagen, er hatte nie jene Verbindung zwischen Theorie des Urteils und Theorie der Schönheit hergestellt, die mir als so glänzend erschienen war.

Es hatte sich so zugetragen, daß ich beim Lesen von Vallet (der von anderem sprach) und auf irgend eine mysteriöse Weise angeregt von dem, was er sagte, jene Idee gehabt hatte [xii] und so auf den Text, in dem ich Unterstreichungen vornahm, fixiert war, daß ich die Idee dem Vallet zuschrieb. Und mehr als zwanzig Jahre lang war ich dem alten Abbé für etwas dankbar, was ich gar nicht von ihm hatte. Ich hatte mir den Zauberschlüssel selbst hergestellt.

Aber stimmt das auch wirklich? Kommt das Verdienst an jener Idee mir zu? Hätte ich Vallet nicht gelesen, so wäre mir der Gedanke nicht gekommen. Vielleicht war er nicht der Vater jenes Gedanken, aber er war, sozusagen, der Geburtshelfer. Er hatte mir nichts geschenkt, aber er hat meinen Geist auf Trab gehalten, in gewisser Weise hat er mich zum Denken angeregt. Ist es nicht vielleicht das, was man von einem Lehrmeister (auch) erwartet? Uns zum Finden von Ideen zu provozieren?

Ich habe nochmals darüber nachgedacht und festgestellt, daß ich im Verlaufe meiner Auseinandersetzung mit der Literatur oft Gedanken anderen zugeschrieben hatte, zu deren Suche jene mich angeregt hatten; und in vielen anderen Fällen war ich der Meinung, ein bestimmter Gedanke stamme von mir, während ich doch beim Nachsehen in einem Buch, das ich viele Jahre vorher gelesen hatte, feststellte, daß der Gedanke, oder jedenfalls sein Kern, von einem anderen Autor stammte. Eine (nicht bestehende) Schuld, die ich dem Vallet gegenüber zu haben glaubte, machte mir klar, wie viele Schulden ich zu bezahlen versäumt hatte …

Ich glaube, daß der Sinn dieser Geschichte, die durchaus zu den anderen Ausführungen meines Buches paßt, darin liegt, daß das Abenteuer Forschung geheimnisvoll und begeisternd ist und viele Überraschungen bereithält. Bei ihm geht es nicht um eine Einzelperson, sondern um eine ganze Kultur, und manchmal machen sich Gedanken von allein auf den Weg, wandern, verschwinden, erscheinen wieder, und es geht ihnen wie manchen Witzen: sie werden mit jedem Erzählen besser.

Ich habe darum beschlossen, dem Abbé Vallet meine Dankbarkeit zu bewahren, und zwar gerade deswegen, weil [xiii] er wirklich ein Wunderspender war. Darum habe ich ihn – der eine oder andere Leser hat es vielleicht bemerkt – als Hauptperson in meinem Roman ›Der Name der Rose‹ eingeführt und ihn in der zweiten Zeile der Einleitung erwähnt, diesmal wirklich als eine Person, die etwas gibt, voller Geheimnisse und Rätsel, ein verlorenes Manuskript nämlich, und als das Symbol einer Bibliothek, in der die Bücher miteinander sprechen.

Ich weiß nicht, was aus dieser Geschichte alles zu folgern ist, aber eines weiß ich, und das ist sehr schön. Ich wünsche den Lesern, sie mögen im Laufe ihres Lebens viele Abbé Vallets finden, und ich wünsche mir selbst, für jemand anders der Abbé Vallet zu werden.

Mailand, Februar 1985«

In meiner Einleitung hatte ich davon gesprochen, daß das Buch einen Blick in die Werkstatt Ecos gestatte. Ein weiteres Fenster zu dieser Werkstatt hat sich aufgetan.

Februar 1989

W. Schick

[xiv]Vorwort zur 6. Auflage

Kaum ein Jahr nach der fünften Auflage ist eine weitere Neuauflage des Buches von Umberto Eco erforderlich. Das zeigt, daß sich weiterhin viele Studenten (und vielleicht nicht nur solche) den Ratschlägen des Buches anvertrauen. Dies wird wohl damit zusammenhängen, daß im Mittelpunkt der Ausführungen die Sache »Wissenschaftliches Arbeiten« steht, daß sie zeigen, wie wissenschaftliches Arbeiten (bei aller Mühe) auch Spaß machen kann und daß sie ein wichtiges Stück Bildung vermitteln. Es ist zu hoffen, daß das Buch weiterhin vielen eine Hilfe sein kann. Für die Neuauflage wurde der deutsche Text ganz durchgesehen. Dabei konnten auch Anregungen aus dem Benutzerkreis berücksichtigt werden.

Juli 1993

Walter Schick

[xv]Inhaltsübersicht

Vorworte des Übersetzers

Nachtrag zur 2. Auflage

Vorwort zur 6. Auflage

Einleitung

I. Was ist eine wissenschaftliche Abschlußarbeit und wozu dient sie?

I.1. Warum muß man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreiben und was ist sie?

I.2. Für wen dieses Buch von Interesse ist

I.3. Was eine Abschlußarbeit auch nach dem Universitätsabschluß nützt

I.4. Vier Faustregeln

II. Die Wahl des Themas

II.1. Monographische oder Übersichtsarbeit?

II.2. Geschichtliche oder theoretische Arbeit?

II.3. Historische Themen oder aktuelle Themen?

II.4. Wieviel Zeit braucht man, um eine Abschlußarbeit zu schreiben?

II.5. Muß man Fremdsprachen können?

II.6. »Wissenschaftliche« oder »politische« Arbeit?

II.6.1. Was ist Wissenschaftlichkeit?

II.6.2. Historisch-theoretische Themen oder »lebendige« Erfahrungen?

[xvi]

II.6.3. Wie man einen aktuellen Gegenstand zu einem wissenschaftlichen Thema macht

II.7. Wie man verhindert, daß man vom Betreuer ausgenutzt wird

III. Die Materialsuche

III.1. Die Zugänglichkeit der Quellen

III.1.1. Was sind Quellen einer wissenschaftlichen Arbeit?

III.1.2. Quellen erster und zweiter Hand

III.2. Die Literatursuche

III.2.1. Wie man eine Bibliothek benützt

III.2.2. Wie man die Bibliographie anpackt: die Kartei

III.2.3. Das bibliographische Zitat

III.2.4. Die Bibliothek von Alessandria: Ein Experiment

III.2.5. Aber muß man denn immer Bücher lesen? Und in welcher Reihenfolge?

IV. Der Arbeitsplan und die Anlage der Kartei

IV.1. Das Inhaltsverzeichnis als Arbeitshypothese

IV.2. Karteikarten und Notizen

IV.2.1. Die verschiedenen Arten von Karteikarten und wozu sie dienen

IV.2.2. Das »Verzetteln« der Primärquellen

IV.2.3. Die Lektüre-Karten

IV.2.4. Die wissenschaftliche Bescheidenheit

V. Das Schreiben

V.1. An wen man sich wendet

V.2. Wie man sich ausdrückt

V.3. Die Zitate

V.3.1. Wann und wie man zitiert: zehn Regeln

V.3.2. Zitat, sinngemäße Wiedergabe, Plagiat

V.4. Die Fußnoten

[xvii]

V.4.1. Welchen Zweck die Fußnoten haben

V.4.2. Die Zitierweise Zitat – Fußnote

V.4.3. Das System Autor – Jahr

V.5. Hinweise, Fallen, Gebräuche

V.6. Der wissenschaftliche Stolz

VI. Die Schlußredaktion

VII. Abschließende Bemerkungen

Anmerkungen

[1]Einleitung

1. Früher war die Universität nur für eine Elite da. Es besuchten sie nur die Kinder von Leuten, die selber studiert hatten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, konnte jeder, der studierte, über seine Zeit frei verfügen. Die Universitätsausbildung war so angelegt, daß man sie in Ruhe absolvieren konnte – mit ein wenig Zeit zum Studieren und ein wenig für die »gesunden« Ablenkungen des Studentenlebens, vielleicht auch für Aktivitäten in Vertretungsorganen.

Die Vorlesungen waren anspruchsvolle Vorträge. Waren sie absolviert, so zogen sich die interessierten Studenten mit Professoren und Assistenten in ausgedehnte Seminare zurück, zehn bis fünfzehn Personen höchstens.

Noch heute nehmen an vielen amerikanischen Universitäten nicht mehr als zehn oder zwanzig Studenten an den Veranstaltungen teil (sie zahlen einen üppigen Preis und haben darum das Recht, den Unterrichtenden zu »gebrauchen«, wenn sie mit ihm diskutieren wollen). An einer Universität wie Oxford kümmert sich ein Dozent, Tutor genannt, um die Forschungsarbeit einer ganz kleinen Gruppe von Studenten (es kann vorkommen, daß er nur einen oder zwei im Jahr betreut) und verfolgt ihre Arbeit Tag für Tag.

Wäre die Lage heute so, es wäre nicht nötig, dieses Buch zu schreiben – auch wenn einige der in ihm enthaltenen Ratschläge für den oben beschriebenen »idealen« Studenten nützlich sein könnten.

Aber die Universität von heute ist eine Massenuniversität. An ihr studieren Studenten aller Bevölkerungsgruppen, mit Abschlüssen der verschiedensten Art höherer Schulen. Sie wollen [2] vielleicht Philosophie oder klassische Literatur studieren, kommen aber von einer technischen Fachschule, wo sie kein Griechisch und vielleicht nicht einmal Latein gelernt haben. Und so richtig es sein mag, daß Latein für viele Tätigkeiten kaum gebraucht wird – für ein geisteswissenschaftliches Studium ist es sehr nützlich.

In manchen Lehrveranstaltungen sind Tausende eingeschrieben. Der Professor kennt vielleicht dreißig von ihnen, die interessiert mitarbeiten, mehr oder weniger gut. Mit Hilfe seiner Mitarbeiter (Stipendiaten, Zeitangestellten, Übungsassistenten) gelingt es ihm vielleicht, hundert zu einem gewissen Engagement zu bewegen. Unter ihnen sind viele, die in guten Verhältnissen leben, in einer gebildeten Familie aufgewachsen sind, mit einer kulturell lebendigen Umgebung Kontakt haben, sich Bildungsreisen leisten können, künstlerische Veranstaltungen und Theaterfestspiele besuchen, fremde Länder besuchen. Dann sind da noch die anderen Studenten, die vielleicht gleichzeitig einer Arbeit nachgehen, die auf dem Einwohnermeldeamt einer Stadt mit zehntausend Einwohnern arbeiten, in der es statt einer Buchhandlung nur Schreibwarengeschäfte gibt, die auch Bücher führen. Studenten, die, enttäuscht von der Universität, sich der Politik zugewandt haben und sich auf andere Weise ausbilden wollen, die sich aber dennoch früher oder später der Abschlußarbeit stellen müssen. Sehr arme Studenten, die sich ihre Examensfächer nach dem Preis der vorgeschriebenen Bücher und Unterlagen auswählen müssen und die sagen: dieses Examen kostet 12.000 Lire und die, wenn sie die Wahl haben, das billigere Examen wählen. Studenten, die manchmal zur Vorlesung kommen und sich abmühen müssen, im total überfüllten Hörsaal einen Platz zu finden; und die am Ende der Vorlesung gerne mit dem Dozenten sprechen würden, aber es warten schon dreißig, und sie müssen auf den Zug, weil das Geld für eine Übernachtung nicht reicht. Studenten, denen kein Mensch je erklärt hat, wie man ein Buch in der Bibliothek sucht und in welcher Bibliothek; oft wissen sie nicht, daß sie [3] Bücher auch in der Bibliothek ihrer Heimatstadt finden können und wie man einen Leihschein ausfüllt.

Die Ratschläge dieses Buches sind vor allem für solche Studenten bestimmt. Ferner auch für solche, die nach dem Abitur auf die Universität kommen und in die Geheimwissenschaft der vorgeschriebenen Abschlußarbeit eindringen wollen.

Ihnen allen will es zumindest zwei Dinge deutlich machen:

– daß man eine anständige Doktorarbeit (oder sonstige Abschlußarbeit) schreiben kann, obwohl man sich in einer schwierigen Situation befindet, in der alte oder neue Benachteiligungen eine Rolle spielen.

– daß man das Schreiben der Doktorarbeit – mag auch im übrigen die Zeit des Studiums enttäuschend oder frustrierend gewesen sein – dazu benutzen kann, die positiven und weiterführenden Seiten des Studiums kennenzulernen – nicht im Sinne einer Anhäufung von Wissen, sondern im Sinne der kritischen Verarbeitung einer selbstgemachten Erfahrung, der Aneignung der für das künftige Leben nützlichen Fähigkeit, sie nach bestimmten Regeln darzustellen.

2. Aus alledem ergibt sich: Dieses Buch will nicht erläutern, »wie man wissenschaftlich arbeitet«, und sich auch nicht mit dem Wert des Studiums auf theoretische Weise befassen. Es stellt nur einige Überlegungen zu der Frage an, wie man einer Prüfungskommission eine vom Gesetz vorgeschriebene Arbeit vorlegen kann, die eine bestimmte Zahl maschinengeschriebener Seiten umfaßt, von der man erwartet, daß sie mit dem vorgesehenen Promotionsfach zu tun hat und daß sie den Doktorvater nicht in einen allzu traurigen Zustand versetzt.

Natürlich kann euch das Buch nicht sagen, was man in die Arbeit einbringen soll. Das bleibt eure Sache. Das Buch gibt Auskunft darüber, (1) was man unter einer Abschlußarbeit versteht; (2) wie man das Thema sucht und die Zeit für seine Bearbeitung einteilt; (3) wie man bei der Literatursuche vorgeht; (4) wie man das gefundene Material auswertet; (5) wie man die Ausarbeitung äußerlich gestaltet. Und es läßt sich nicht vermeiden, [4] daß gerade dieser letzte Teil der genaueste ist, obwohl er doch weniger wichtig erscheinen könnte: gerade er aber ist der einzige, für den es einigermaßen präzise Regeln gibt.

3. In diesem Buch geht es um Abschlußarbeiten an geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Da meine Erfahrungen aus philosophischen (und literaturwissenschaftlichen) Fakultäten stammen, sind die meisten Beispiele Bereichen entnommen, die an diesen Fakultäten studiert werden. Aber im Rahmen dessen, was das Buch sich vorgenommen hat, gelten meine Empfehlungen auch für die Arbeiten in den Fächern Politische Wissenschaften, Lehramt, Recht. Soweit es um historische oder allgemein-theoretische und nicht um experimentelle und empirische Arbeiten geht, sollte das Modell auch auf die Bereiche Architektur, Wirtschaftswissenschaften und auf einige naturwissenschaftliche Fakultäten anwendbar sein. Es ist aber Vorsicht am Platz.

4. Während dieses Buch in Druck geht, spricht man viel von Universitätsreform. Und es sind zwei oder drei Abschlüsse von unterschiedlichem Niveau im Gespräch.

Man kann sich fragen, ob diese Änderung nicht die Vorstellung der »Tesi di Laurea« total umkrempeln wird. Dann werden wir Abschlüsse verschiedenen Niveaus haben, und wenn die Lösung der in der Mehrzahl anderer Länder gleicht, stehen wir vor einer Situation, die der im ersten Kapitel beschriebenen nicht unähnlich ist (I.1.). Das heißt wir hätten eine Art Diplom- oder Magisterarbeit (erster Abschluß) und eine Doktorarbeit (zweiter Abschluß).

Die Ratschläge, die wir in diesem Buch geben, betreffen beide, und soweit sich Unterschiede ergeben, wird auf sie hingewiesen.

Was auf den folgenden Seiten gesagt wird, gilt, unserer Meinung nach, auch im Hinblick auf die Reform und insbesondere dann, wenn man die für eine eventuelle Reform nötige Übergangszeit in Betracht zieht.

[5]5. Cesare Segre hat das Manuskript gelesen und mir Ratschläge gegeben. Da ich viele beherzigt habe, bei anderen hartnäckig an meiner Position festgehalten habe, ist er für das, was herausgekommen ist, in keiner Weise verantwortlich. Natürlich danke ich ihm herzlich.

6. Ein letzter Hinweis: Was im folgenden gesagt wird, gilt natürlich für Studenten und Studentinnen, so wie es für Professoren und Professorinnen gilt. Da das Italienische keinen neutralen Ausdruck hat, der beide Geschlechter umfaßt (in Amerika bürgert sich der Ausdruck »Person« ein, aber es wäre lächerlich, von einer »studentischen Person« oder einer Person, die Kandidat ist, zu sprechen), beschränke ich mich darauf, von Student, Kandidat, Professor oder Berichterstatter zu sprechen. Ich folge dabei grammatikalischem Brauch und bringe keinerlei Diskriminierung wegen des Geschlechts zum Ausdruck. Man kann natürlich fragen, warum ich dann nicht immer von Studentin, Professorin etc. spreche. Dies deshalb, weil ich aus eigener Erinnerung und Erfahrung arbeite und die Darstellung dadurch mehr Unmittelbarkeit vermitteln kann.

[6]I.Was ist eine wissenschaftliche Abschlußarbeit und wozu dient sie?

I.1. Warum muß man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreiben und was ist sie?

Eine wissenschaftliche Abschlußarbeit ist eine maschinenschriftliche Ausarbeitung, deren durchschnittliche Länge zwischen einhundert und vierhundert Seiten schwankt und in der der Student ein Problem abhandelt, das aus demjenigen Studienfach stammt, in dem er den Abschluß erwerben will. Nach italienischem Recht ist eine solche Arbeit für den Studienabschluß unerläßlich. Nach Abschluß aller vorgeschriebenen Prüfungen legt der Student die Arbeit einer Prüfungskommission vor, die einen zusammenfassenden Bericht des Referenten (desjenigen Professors, »bei dem man die Arbeit schreibt«) und des oder der Korreferenten, die dem Bewerber gegenüber auch Einwände vorbringen (können), anhört. Daraus entwickelt sich eine Diskussion, an der sich auch die anderen Kommissionsmitglieder beteiligen. Das Urteil der Kommission stützt sich auf die Aussage der beiden Referenten über die Qualität (oder die Mängel) der schriftlichen Arbeit und auf die Fähigkeiten, die der Kandidat bei der Verteidigung seiner schriftlich vorgetragenen Thesen beweist. Unter Einbeziehung des Notendurchschnitts aus den einzelnen Prüfungen setzt die Kommission die Note für die Arbeit fest. So wird es jedenfalls in Italien an den meisten geisteswissenschaftlichen Fakultäten gehandhabt.

[7] Mit der Beschreibung der Äußerlichkeiten der Arbeit und des Rituals, in das sie eingebettet ist, ist noch wenig über ihre Natur gesagt. Vor allem darüber, warum die italienische Universität für den Studienabschluß eine wissenschaftliche Abschlußarbeit (»tesi di laurea«) zwingend vorschreibt.

Es ist bemerkenswert, daß die meisten ausländischen Universitäten diese Anforderung nicht stellen. In einer Reihe von ihnen gibt es unterschiedliche Abschlüsse, für die keinerlei wissenschaftliche Arbeit erforderlich ist. In anderen gibt es einen ersten Abschluß, der in etwa dem unseren entspricht, der aber nicht das Recht gibt, den Doktortitel zu führen und den man allein mit Prüfungen oder mit einer Arbeit erreichen kann, die geringen Anforderungen entspricht. In anderen wiederum gibt es verschiedene Stufen der Promotion mit Anforderungen unterschiedlichen Umfangs. Normalerweise ist die wirkliche und eigentliche Doktorarbeit einer Art Super-Abschluß, der Promotion, vorbehalten, zu der nur Zugang hat, wer sich für die wissenschaftliche Forschung weiterbilden und spezialisieren will. Diese Art von Promotion hat verschiedene Bezeichnungen, aber wir nennen sie von jetzt ab mit einem allgemein gebräuchlichen angelsächsischen Ausdruck PhD (was eigentlich so viel wie Philosophy Doctor, Doktor der Philosophie, bedeutet, aber jede Art von Doktor der Geisteswissenschaften bezeichnet, vom Soziologen bis zum Griechischprofessor. In anderen als geisteswissenschaftlichen Fächern werden andere Bezeichnungen verwendet, z.B. MD, Medicine Doctor).

Vom PhD zu unterscheiden ist ein Abschluß, der unserer »Laurea« sehr ähnlich ist und den wir in Zukunft Diplomierung nennen.

Die Diplomierung führt in ihren verschiedenen Formen zur praktischen Berufstätigkeit. Der PhD dagegen qualifiziert zu einer Tätigkeit im akademischen Bereich; wer diesen Titel also erwirbt, schlägt fast immer die akademische Laufbahn ein.

Eine »echte PhD-Arbeit« beruht immer auf eigenständiger Forschung; der Kandidat muß beweisen, daß er in der Lage ist, das gewählte Gebiet voranzubringen. Darum schreibt man auch [8] diese Arbeit nicht, wie unsere Abschlußarbeit, mit zweiundzwanzig Jahren, sondern in einem höheren Alter, manchmal auch erst mit vierzig oder fünfzig Jahren (auch wenn es sehr junge PhD gibt). Warum soviel Zeitaufwand? Eben weil es sich um eigenständige Forschung handelt, bei der man sicher auch wissen muß, was andere über den gleichen Gegenstand gesagt haben, bei der es aber vor allem etwas zu entdecken gilt, was andere noch nicht gesagt haben. Wenn man, speziell in den Geisteswissenschaften, von »Entdeckung« spricht, dann denkt man nicht an umwälzend neue Entdeckungen wie die Atomspaltung, an die Relativitätstheorie oder an ein Mittel gegen Krebs: es kann sich auch um bescheidenere Entdeckungen handeln, und man betrachtet als »wissenschaftlich« auch eine neue Art und Weise, einen klassischen Text zu lesen und zu verstehen, das Ausgraben eines Manuskripts, das ein neues Licht auf einen Autor wirft, oder die Neubewertung und die Neuinterpretation schon vorhandener Arbeiten, wenn dadurch Gedanken weitergebracht und in eine systematische Ordnung eingefügt werden, die bisher über verschiedene andere Texte verstreut waren. Jedenfalls muß eine Arbeit entstehen (zumindest ist das die Idee), die andere Forscher, die sich mit dem Gegenstand beschäftigen, nicht außer acht lassen dürfen, weil in ihr etwas Neues gesagt wird (vgl. II.6.1.).

Entspricht die Abschlußarbeit, mit der wir uns hier beschäftigen, diesen gleichen Anforderungen? Nicht zwangsläufig. Da sie meist zwischen zweiundzwanzig und vierundzwanzig Jahren und in einem Alter, in dem man noch Universitätsexamina ablegt, geschrieben wird, kann sie nicht das Ergebnis langer und ausgefeilter Überlegungen sein, die völlige Reife beweisen. Und so kommt es, daß es Abschlußarbeiten (geschrieben von besonders begabten Studenten) gibt, die wirkliche PhD-Doktorarbeiten sind, und andere, die dieses Niveau nicht erreichen. Auch die Universität verlangt dies nicht um jeden Preis: Eine gute Abschlußarbeit muß nicht unbedingt auf eigenständiger Forschung beruhen, sie kann auch kompilatorisch sein. In einer kompilatorischen Arbeit zeigt der Student immerhin, daß er [9] kritisch vom Großteil der vorhandenen »Literatur« Kenntnis genommen hat (d.h. von den Veröffentlichungen über den Gegenstand) und daß er in der Lage ist, sie auf eine übersichtliche Weise darzustellen, dabei die verschiedenen Ansichten zueinander in Beziehung zu setzen und so einen guten Gesamtüberblick zu geben, der vielleicht auch einem Spezialisten zur Information nützlich sein kann, der sich gerade mit diesem Detailproblem nie eingehender beschäftigt hatte.

Daraus ergibt sich ein erster Hinweis: Man kann eine kompilatorische oder eine Forschungsarbeit schreiben – eine »Diplom-, Magisterarbeit« oder eine »PhD«, d.h. »Doktorarbeit« (Dissertation).

Eine Forschungsarbeit dauert immer länger, sie ist anstrengender und stellt höhere Anforderungen; auch eine kompilatorische Arbeit kann lange dauern und anstrengend sein (es gibt kompilatorische Arbeiten, die viele Jahre in Anspruch genommen haben), aber normalerweise kann sie in kürzerer Zeit fertiggestellt werden und birgt ein geringeres Risiko in sich.

Es ist auch keineswegs gesagt, daß man sich mit einer kompilatorischen Arbeit die Forschungslaufbahn verbaut. Das Zusammentragen von Material kann darin seinen Grund haben, daß sich der junge Forscher vor Beginn der eigentlichen Forschungsarbeit über einige Gedanken durch umfassende Dokumentation Klarheit verschaffen will.

Andererseits gibt es Abschlußarbeiten, die mit dem Anspruch auftreten, Forschungsarbeiten zu sein, die aber schnell heruntergeschrieben sind. Dabei handelt es sich um schlechte Arbeiten, die denjenigen verärgern, der sie liest und die dem, der sie schreibt, überhaupt nicht von Nutzen sind.

Die Wahl zwischen einer Forschungsarbeit und einer kompilatorischen Arbeit hängt also von der Reife und von der Arbeitskraft des Kandidaten ab. Oft – und unglücklicherweise – hängt sie auch von den finanziellen Umständen ab, weil sicher ein Student, der nebenbei arbeiten muß, weniger Zeit, weniger Kraft und oft auch weniger Geld für langwierige Untersuchungen hat (die häufig mit dem Erwerb seltener und teuerer Bücher [10] verbunden sind, mit Reisen zu ausländischen Forschungsstätten oder Bibliotheken etc.).

Leider kann dieses Buch keine wirtschaftlichen Ratschläge geben. Bis vor kurzem war es in aller Welt ein Privileg der reichen Studenten zu forschen. Man kann auch nicht behaupten, daß dieses Problem heute durch Stipendien, Reisebeihilfen, Mittel für den Aufenthalt an ausländischen Universitäten für alle ganz gelöst wäre. Das Ideal wäre eine gerechtere Gesellschaft, in der Studieren als vom Staat bezahlte Arbeit angesehen würde, in der eine Bezahlung erhielte, wer zum Studium berufen ist und in der es nicht notwendig wäre, um jeden Preis ein »Stück Papier« zu erwerben, um einen Arbeitsplatz zu finden, um befördert zu werden, um bei einer öffentlichen Stellenausschreibung gegenüber anderen erfolgreicher zu sein.

Aber die italienische Universität und die Gesellschaft, für die sie steht, sind so wie sie sind. Wir können uns nur wünschen, daß Studenten jedweder Gesellschaftsschicht sie ohne übergroße Opfer besuchen können, und wir wollen im folgenden versuchen darzulegen, wie man – unter Berücksichtigung der verfügbaren Zeit und Energie sowie der eigenen Berufung – eine anständige Abschlußarbeit schreiben kann.

I.2. Für wen dieses Buch von Interesse ist

Wenn die Dinge so stehen, müssen wir davon ausgehen, daß viele Studenten gezwungen sind, eine Abschlußarbeit zu schreiben, um möglichst schnell mit dem Studium fertig zu werden und den Titel zu erwerben, der dem berufstätigen Studenten aufgrund des Hochschulabschlusses das Vorwärtskommen ermöglicht. Einige dieser Studenten sind vielleicht schon vierzig. Gerade solche Studenten erwarten von uns praktische Ratschläge, wie man eine Abschlußarbeit in einem Monat schreibt, um die Universität hinter sich zu bringen, gleichgültig mit welcher Note. Für sie ist, um es nachdrücklich klarzustellen, dieses Buch nicht bestimmt. Wer solche Ansprüche stellt, wen die geltende [11] paradoxe Rechtslage zwingt, eine schwierige wirtschaftliche Lage dadurch zu lösen, daß er die Universität so schnell wie möglich abschließt, für den bieten sich zwei Lösungen an: 1. Eine vernünftige Summe investieren und sich die Arbeit von einem anderen schreiben lassen. 2. Eine an einer anderen Universität schon einige Jahre früher geschriebene Arbeit abschreiben (es ist unzweckmäßig, eine schon gedruckte Arbeit, auch wenn sie aus dem Ausland stammt, zu nehmen, weil ein auch nur einigermaßen informierter Dozent von ihrer Existenz weiß; aber in Mailand eine Arbeit abzuschreiben, die in Catania angefertigt wurde, bietet die begründete Chance, daß man unentdeckt bleibt; natürlich muß man sich darüber informieren, ob der Doktorvater nicht, bevor er nach Mailand kam, in Catania als Dozent tätig war. Auch das Abschreiben einer Arbeit setzt also Forschungsarbeit voraus, die Intelligenz verlangt).

Es versteht sich, daß die soeben gegebenen Ratschläge rechtswidrig sind. Es ist, als würde man sagen: »Wenn Du verletzt zur Notaufnahme kommst und der Arzt dich nicht untersuchen will, so setze ihm das Messer an den Hals.« In beiden Fällen handelt es sich um Verzweiflungstaten. Unser Rat wurde gegeben, um die Ausweglosigkeit der Situation klarzumachen und zu bekräftigen, daß das Buch nicht den Anspruch erhebt, die schwierigen sozialen Probleme zu lösen, die die gegenwärtige Rechtsordnung mit sich bringt.

Dieses Buch wendet sich also an Studenten, die (auch ohne Millionär zu sein und ohne 10 Jahre Zeit für den Abschluß zu haben und dafür in der ganzen Welt herumzureisen) einige Stunden am Tag ihren Studien widmen können und die eine Abschlußarbeit machen wollen, die ihnen eine gewisse geistige Befriedigung gibt und die ihnen auch nach dem Universitätsabschluß Nutzen bringt. Und die im Rahmen des gesteckten Zieles – mag es auch bescheiden sein – ernsthafte Arbeit leisten wollen. Man kann auch eine Sammlung von Einklebe-Bildchen ernsthaft angehen: Man muß nur den Gegenstand der Sammlung festlegen, die Grundsätze für die Katalogisierung, die zeitliche Begrenzung der Sammlung. Wenn man sich dafür entscheidet, [12] nicht weiter als bis 1960 zurückzugehen: bestens, vorausgesetzt, daß alle Bilder seit 1960 vorhanden sind. Diese Sammlung wird sich immer noch vom Louvre unterscheiden. Aber es ist besser, eine Sammlung von Fußballer-Bildchen von 1960 bis 1970 zu machen als ein unseriöses Museum. Dieser Grundsatz gilt auch für die Abschlußarbeit.

I.3. Was eine Abschlußarbeit auch nach dem Universitätsabschluß nützt