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Anna liebt Japan. Aber liebt Japan sie auch? Nach ihrem jahrelangen Studium von Sprache, Kultur und Kampfkunst will sie nun das Herz des Landes ergründen und zieht nach Osaka. Doch als geradlinige deutsche Frau in Japan ist es gar nicht so einfach, den kurvenreichen Weg hinter Japans lächelnde Maske zu finden: Der die Tradition in Japan ist komplex, das System patriarchalisch und ihr Job als Lehrerin frustrierend. Ein Buch über Japan zwischen Alltag, Kultur und Abenteuer • Japanische Gesellschaft – Zwischen Tradition, Moderne und Geschlechterrollen • Arbeiten in Japan – Herausforderungen im Job und kulturelle Missverständnisse • Japan Alltag – Wie es wirklich ist, in Japan zu leben • Kampfkunst & Ninja-Training – Ein ungewöhnlicher Weg zur Selbstfindung Ein humorvoller Reisebericht und Erfahrungsbuch über Japan • Reisebericht Japan – Authentische Einblicke in das Leben vor Ort • Kulturgeschichte Japan – Vom Umgang mit Regeln und sozialen Erwartungen • Buch über Ninja – Was wirklich hinter den Schattenkriegern steckt Eine humorvolle und ehrliche Reise durch das Land der aufgehenden Sonne, die Welt der Ninjas und das Labyrinth des Herzens.
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Seitenzahl: 407
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Originalausgabe
Alle Rechte vorbehalten
© 2022 Reisedepeschen GmbH, Berlinreisedepeschen.de
ISBN 9783963489990
Gestaltung, Herstellung sowie die Karte lagen in den Händen von Johannes Klaus. Das Autorinnenfoto wurde von Evelyn Meinecke (ivyfotografiert.de) aufgenommen. Das Lektorat übernahm Christoph Karrasch.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
様々の
事思い出す
桜かな
samazama no
koto omoidasu
sakura kana
Viele, so viele
Erinnerungen kommen
mit den Kirschblüten …
verfasst von Basho in Iga 1688
übersetzt von Anna in Hannover 2022
Wie man japanische Wörter ausspricht und andere Erstaunlichkeiten, die sich im weiteren Verlauf dieses Berichts möglicherweise als aufschlussreich herausstellen werden:
Die wichtigsten Ausspracheregeln
j wie in Jazz
z wie in Jazz
s wie in Reis
w wie in Wild Wild West
f nicht zwischen den oberen Schneidezähnen und Lippen, sondern nur zwischen den Lippen durchpusten
t nach dem t kein h sprechen, man denke an ein hartes d
r wie der erste zarte Anfang vom Zungen-r; wer das r im Japanischen richtig rollt, klingt wie ein Mafia-Grobian
n – wie in Mandel
– vor m, b und p wie das m in Hamburg
– vor g und k und gelegentlich am Wortende wie in Hang
ch wie in Cheesecake
sh wie in Shiitakepilz
ai wie in Mai; es heißt nicht Hokka-ih-do
ei wie Ey!
ō wie in Tokyo
ū wie in Mut
u – wie in Umleitung
– am Wortende bei -desu und -masu gar nicht oder wie ü
– am Wortende nach s bei anderen Wörtern wie -dasu oder -arawasu wie ü
ha wenn ha alleine zwischen anderen Wörtern steht, wird es meistens wa ausgesprochen, das w wie in Wild Wild West, auch am Ende von Konnichiha und Konbanha (Guten Tag und Guten Abend)
shita bei den Wortendungen -deshita und -mashita wird das i nicht ausgesprochen, also deschda und maschda
ō und ū Die lang ausgesprochenen Buchstaben ō und ū habe ich in diesem Buch nur benutzt, wo ich japanische Begriffe und Aussprüche einführe, nicht jedoch für Personen-, Orts- und andere Eigennamen oder japanische Wörter wie Dojo, dem Trainingsraum für Kampfkunst, die bereits ohne sie in den deutschen Sprachgebrauch eingegangen sind.
Englische Begriffe Bezeichnungen wie Salary Man und Career Woman sind in ihrer englischen Form eins zu eins ins Japanische übernommen worden. Um das widerzuspiegeln, verwende ich auch im Deutschen die englischen Begriffe.
Japanische Respektsprache und Hierarchie Im Japanischen gibt es eine spezielle Respektsprache, genannt Keigo, die dazu dient, sich innerhalb des Gesellschaftssystems höflich und angemessen ausdrücken zu können. Wie vieles in Japan basiert sie auf dem Hierarchieprinzip. Je nach Position kann man sich damit besonders demütig ausdrücken, beispielsweise einem Lehrer oder Abteilungsleiter gegenüber, oder besonders förmlich, beispielsweise dem unbekannten Mitarbeiter einer anderen Firma gegenüber, den man mit einer Bitte anschreibt. Gleichzeitig wird von Höhergestellten nicht erwartet, die Respektsprache bei Niedrigergestellten anzuwenden. Sie dürfen sich zuweilen auch etwas grob ausdrücken.
Während wir im Deutschen nur zwischen »Sie« und »Du« unterscheiden, sind die Abstufungen in der japanischen Hierarchie vielfältiger und komplexer. Wie ich meine Mitmenschen auf den folgenden Seiten anspreche, mag daher vom deutschen Verständnis her manchmal befremdlich wirken, aber ich möchte damit wiedergeben, wie ich mich innerhalb des japanischen Hierarchiesystems den jeweiligen Personen gegenüber wahrgenommen habe.
Tojo
[auftauchen]
Ein Ninja taucht wie das Schicksal immer dort auf, wo er eine Mission zu erfüllen hat.
Aufbruch mit Vorzeichen
»Ich bin jetzt an der Tankstelle«, sagte Hiro am Telefon. Jesse und ich saßen an einem der Picknicktische, die vor meinem Apartmenthaus in Sone standen, einem von vielen hässlichen Stadtteilen Nordwest-Osakas. Die Sonne strahlte grell auf das Betonpanorama, das sich zwischen dem Baseballfeld hinterm Haus und dem Highway 176 um uns herum ausbreitete. Die verworrenen Kabel der Hochleitungen erinnerten an Gedärme, die aus der Bauchhöhle eines verwundeten Riesen hervorquollen, und warfen bizarre Schatten.
Normalerweise frühstückte ich nicht draußen, aber heute waren wir auf dem Sprung. Sobald Hiro an der wenige Meter von meiner Wohnung entfernten Tankstelle ankam, sollten wir schnellstmöglich dort hinkommen. Wir hatten etwas Wichtiges vor und wollten keine Zeit verlieren.
Jesse hatte zum Frühstück ein Golden-Week-Special von dem Kombini1 mitgebracht, an dem er auf dem Weg aus Ishibashi vorbeigekommen war. Es gab Bällchen aus gebratenem Reis, in die jeweils ein halbes hartgekochtes Ei so eingearbeitet war, dass es einen aus dem klebrig-bräunlichen Reisball anstarrte wie das Auge eines Zyklopen. Die Zyklopenaugen schmeckten köstlich.
»Meinst du, es ist die richtige Tankstelle?«, fragte Hiro am Telefon. Ich kaute genüsslich einen Bissen Reis zu Ende.
»Hm«, sagte ich. »Irgendwelche Orientierungshilfen?«
»Da ist eine alte Frau, die kleine Bäumchen beschneidet.«
»Oh«, sagte ich. Ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals in der Nähe meiner Wohnung Bäume gesehen zu haben, geschweige denn eine alte Frau, die sie beschnitt.
»Wir gehen los«, sagte ich. »Bleib, wo du bist.«
Jesse und ich nahmen unsere Zyklopenaugen in die Hand und aßen im Gehen weiter, auch wenn man das in Japan eigentlich nicht machte. Wir waren schließlich Gaijin2 und nutzten in solchen Fällen schamlos unsere daraus resultierende Narrenfreiheit. Die meisten Japaner gingen sowieso davon aus, dass wir es nicht besser wussten.
Wir liefen am Highway 176 entlang auf die Tankstelle zu – und tatsächlich: Direkt daneben standen auf einem winzigen Streifen Erde ein paar winzige Bäumchen. Eine alte Frau, gegen die Sonne von oben bis unten weiß eingehüllt, auf dem Kopf einen überdimensionierten, getönten Mützenschirm, machte sich liebevoll mit einer Gartenschere an den Zweiglein zu schaffen. Wenige Meter weiter lehnte Hiro an einem frisch vollgetankten, weißen Toyota Vitz, den er in Kobe für unseren Ausflug gemietet hatte.
Wir gingen zu ihm hinüber, und ich tippte ihm hintenrum auf die Schulter. Der alte Trick funktionierte: Er drehte den Kopf in die falsche Richtung.
»Das ist Hiro«, sagte ich amüsiert zu Jesse. Nun entdeckte Hiro uns und erkannte, wer ihn angetippt hatte.
»Ah, Anna«, sagte er trocken. Nur weil ich ihn kannte, vernahm ich darin ein dezentes Lächeln.
»Gute Ortsbeschreibung«, begrüßte ich ihn und sah zu der alten Frau hinüber. »Schön, dass du hier bist. Und danke für den Wagen.« Er winkte bescheiden ab. Ich wandte mich Jesse zu.
»Hiro und ich haben in Bath zusammen unseren Master in Dolmetschen und Übersetzen gemacht«, setzte ich meine Vorstellung fort. »Er arbeitet jetzt bei Noritz, einer deutschen Boilerfirma in Kobe. Er ist Sprach- und Literaturfreak, genau wie ich.« Dann drehte ich mich zu Hiro: »Und das ist Jesse aus Kanada. Er wohnt in Ishibashi. Wir trainieren in Toyonaka zusammen Aikido. Wie schon angedeutet, ist er Kampfkunstfreak, genau wie ich. Nebenbei unterrichtet er auch noch ein bisschen Englisch.«
Die beiden schüttelten sich die Hand und verbeugten sich, eine verbreitete Kombination östlicher und westlicher Begrüßungsrituale. Jesse mit blondem Pferdeschwanz, groß, breitschultrig und tätowiert, Hiro winzig, mit dünner werdendem, schwarzem Haar. David und Goliath schütteln sich die Hände und verbeugen sich voreinander, dachte ich. Wenn das kein gutes Vorzeichen ist! Dann sprangen wir ins Auto und sausten westwärts den Highway hinunter Richtung Iga.
A New Dawn
»It’s a new dawn, it’s a new day, it’s a new life. And I’m feeling good …«
Nina Simones Stimme schwebte aus dem Autoradio wie eine Samttrompete, gefolgt von einem souveränen Bass, der sanft aber bestimmt die Qualität des Gefühls in die Nackenmuskulatur hineinklopfte und alle Verspannungen löste. Katakori – Knoten in den Schultern – war eine japanische Volkskrankheit, unter der auch ich litt, seit ich in Japan lebte.
Hiro fuhr entspannt, aber zielstrebig Richtung Iga, einer ländlichen Stadt in der Präfektur Mie, zwei Stunden westlich von Osaka, wo ein altes Ninja-Geschlecht während der Sengoku-Zeit zwischen 1477 und 1573 seine Spuren hinterlassen hatte. Heute war das daraus entstandene Ninja-Dorf ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen von nah und fern.
Es war Hiros Idee gewesen, nach Iga zu fahren. Er wusste, dass mich die Welt der Kampfkunst begeisterte, und da er aus Nara kam, kannte er sich in Westjapan bestens aus. Als ich Jesse davon erzählt hatte, war klar, dass er mit von der Partie sein würde. Er hatte es sich auf der Rückbank gemütlich gemacht und pfiff fröhlich mit.
Berge, bedeckt mit grünen Nadelbäumen, zogen an uns vorbei und Flüsse, die sich – vollkommen frei! – ihren Weg durch natürliche Felsformationen bahnten. Das war undenkbar in Osaka, der Betonmetropole mit 2,6 Millionen Einwohnern, aus der wir kamen, wo nur selten Bäume standen, wo Parks aus Sand und Flussbetten gepflastert waren. Eine herrliche Urlaubsstimmung stellte sich ein. Unser Vitz erstrahlte plötzlich in einer Aura von Heiterkeit und schwebte mühelos ein wenig schneller dahin.
»Freedom is mine«,
donnerte Nina Simone,
»you know what I mean.«
Und ob! Seit ich in Japan lebte, waren meine Arbeitszeiten unmenschlich geworden, und das bei vergleichsweise geringem Gehalt. Jesse, der aus Kanada kam und – wenn überhaupt – freiberuflich arbeitete, hatte meiner Arbeitsstelle den wenig schmeichelhaften Namen »Salzbergwerk« gegeben – als Sinnbild für besonders harte Arbeit. Natürlich war es eine White-Collar-Version. Trotzdem. Täglich von 13 bis 22 Uhr und samstags von 10 bis 20 Uhr saß ich im siebten Stock eines Bürogebäudes hoch über Juso, einem Verkehrsknotenpunkt, der gleichzeitig ein kleines Rotlichtviertel beherbergte. Eine Ansammlung winziger Gässchen, die sich, von einer riesigen Hauptkreuzung ausgehend, unübersichtlich verästelten wie ein Netz verstopfter Kapillargefäße um eine Hauptader herum. Billige Nudelbars, Mister Donuts, chemische Reinigungen, Kombini und traditionelle japanische Stripclubs, in denen – meist ältere – Frauen endlose, zusammengeknotete Seile aus ihrem Schoß hervorholten wie Zauberinnen – oder ganze Gurken darin versenkten. In Juso trafen Englischschüler und Geschäftsleute auf Stripper, Gangster und andere Schattenexistenzen, die von der glatt polierten Oberfläche der Gesellschaft abgerutscht waren.
Offiziell arbeitete ich als Englischlehrerin an der Sprachschule GEOS. In Wirklichkeit aber verbrachte ich die meiste Zeit – einschließlich zahlreicher, unbezahlter Überstunden – damit, einem diktatorischen, bürokratischen Regime zu folgen und mich von einer schweinsschnäuzigen Managerin herumkommandieren zu lassen, die das Wort »Effizienz« nicht kannte. Obwohl sie ein Jahr jünger war als ich, sah sie zehn Jahre älter aus und hatte es offensichtlich aufgegeben, eine richtige Frau zu sein.
Japanische Frauen haben normalerweise ein einziges Ziel: Sie wollen heiraten. Viele von ihnen besuchen gute Universitäten, nur um dann bei einer guten Firma angestellt zu werden und einen guten Ehemann kennenzulernen. Die Tendenz in Japan – nicht nur bei Frauen – ist, Anpassung über Selbstverwirklichung zu stellen. Wie ein altes japanisches Sprichwort sagt: »Deru kugi ha utareru.« – Der herausragende Nagel wird niedergehämmert. Die einzige Alternative für eine Frau ist es, ein Career Woman zu werden. Das war natürlich ein hartes Los. Nicht nur für »Manager« – wie in Japan üblich, sprachen wir unsere Vorgesetzte mit ihrem Titel an. Tag für Tag jagte sie mich durch ein kafkaeskes Labyrinth sinnloser Aufgaben. Wir saßen stundenlang zusammen und füllten Millionen kleiner Taschentuchpackungen mit GEOS-Werbung.
In Japan ist es üblich, kleine quadratische Taschentuchpakete, die dann ähnlich wie eine Taschentuchbox durch praktisches Aufreißen entlang einer perforierten Mittellinie geöffnet werden können, auf der Straße zu verteilen, um Werbung zu machen. Besonders an den Eingängen und Ausgängen von Bahnstationen und Kaufhäusern wird man regelmäßig mit Taschentuchwerbung versorgt, so wie bei uns Flyer verteilt werden – nur dass in einer Geschenkkultur wie Japan nicht nur »Gast ist König« gilt, sondern auch »Kunde ist Gott«. Die Taschentücher symbolisieren eine erste Geste diesen höheren Wesen gegenüber, die zeigt, dass man sich um ihre Gunst bemüht. Die darin eingeflossenen Bemühungen, ja, schweißtreibenden Anstrengungen, sind in Japan das Wichtigste. Reale Wirkkraft ist sekundär. An einem Verkehrsknotenpunkt wie Juso, wo jede Ramen-Bar und jede Kneipe mit Taschentuchpackungen warb, wurden die Leute förmlich mit Taschentüchern bombardiert. Aber solange ich bei GEOS tätig war, hat nie jemand »Taschentücher« auf die Frage geantwortet, wie er von unserer Schule gehört hatte. Angekreuzt wurden »Internet« oder »Freunde«.
Mittlerweile konnte ich die bedeutungslose Aufgabe des Eintütens von Taschentuchwerbung durch viel Übung und hart erarbeiteten Stoizismus mit großer Geschwindigkeit erledigen, während Manager fünf Minuten pro Packung brauchte und mir dabei unablässig ihre reichhaltige Erlebnis- und Gedankenwelt offenbarte: wo man am günstigsten Sojamilch mit Bananengeschmack bekam, ob es wichtiger war, teures Shampoo oder teure Haarspülung zu benutzen – Shampoo! –, wie man viel Alkohol trinken konnte ohne zuzunehmen – das klappte offensichtlich nicht – und wo man in ihrer Nähe die besten Takoyaki3 essen konnte – kein Wunder!
Heute jedoch musste ich keine Taschentuchwerbung eintüten. Es war Golden Week, abgesehen von einer kurzen Neujahrspause der einzige Abschnitt des Jahres, den alle Japaner frei bekamen, um scharenweise Vergnügungsstätten aufzusuchen wie Tokyo Disneyland, Universal Studios Japan in Osaka oder eben das Ninja-Dorf in Iga. Heute stand ich nicht unter Managers Fuchtel. Ich war vorübergehend auf eine Position befördert worden, von der aus ich mein eigenes Leben managen durfte. Meine eigene Zeit.
Es war der erste Mai. Die Sonne hatte in schwungvollen, kalligraphischen Strahlen »Golden Week« auf die Berge und Straßen gepinselt. Nina Simone sang, Jesse pfiff und der kleine weiße Toyota rollte in raschem Tempo Richtung Iga, der legendären Stadt der Schattenkrieger.
Ninja-Haus
Der Parkplatz war klein. Dahinter ragten große Bäume empor. »Hm«, stellte Jesse fest. »Nicht gerade typisch für eine Touristenattraktion. Das hier ist eher, als wäre man auf dem Weg zur Kirche.« Ich stellte mir den kleinen Jesse hinten im Auto seiner Eltern vor, wie er durch die endlosen Weizenfelder Albertas zu einer ländlichen Kirche fuhr, in Sonntagskleidung und mit ordentlich gescheiteltem Haar.
Inzwischen war das Dojo, der Ort, an dem wir Kampfkunst trainierten, seine Kirche geworden. Daher verband uns sozusagen ein Band frommer Freundschaft, denn mir ging es ähnlich. Die Philosophie, die unser Meister, Zen-Priester und Aikido-Lehrer Shimamoto Shihan, lebte und predigte – wenn er auch stets bescheiden darauf hinwies, dass er nicht da war, um uns seinen Weg aufzudrängen, sondern um mit uns zusammen den richtigen Weg zu suchen –, half mir nach vielen Sackgassen endlich damit weiter, meine Beziehung zu anderen, zu mir selbst und zur Umwelt für alle Beteiligten möglichst friedlich und glücklich zu gestalten. Jesse kam eher von der praktischen Seite, aber auch er war überzeugt von Shihans Lehren. Was Shihan machte und sagte, hatte Hand und Fuß. Es gab keinen Unterschied zwischen beidem. Somit war er für Praktiker und Philosophen gleichermaßen überzeugend.
»Für uns ist es wahrscheinlich wirklich so, als würden wir in die Kirche gehen«, stimmte ich zu.
»Wenn man den Weg der Kampfkunst für sich gewählt hat«, begann Hiro meinen Gedanken weiterzuspinnen, »sollte man die Ninjas jedenfalls wie Götter verehren. Los, gehen wir!« Er deutete in Richtung eines breiten Weges, der zwischen den Bäumen aufwärts führte, und ging voraus, während er weitersprach. »Zumindest sollte man sie als Linie kämpferischer Vorfahren begreifen, die diesen Weg wahrhaftig gelebt und geatmet haben.«
Während meine Beziehung zu Jesse sich eher auf einer physischen Ebene abspielte und sich in sportlichem Wettbewerb, Ansporn zu noch größerer Selbstdisziplin und gegenseitigem Herumwerfen äußerte, hatten Hiro und ich uns hauptsächlich aufgrund unserer – gelegentlich abgehobenen – intellektuellen Diskussionen schätzen gelernt. Wir interessierten uns für die gleichen Themen – Sprache, Philosophie, Musik und Literatur – und liebten es, uns in langen Gesprächen dialektisch darüber auszutauschen. Wir motivierten und inspirierten einander zu neuen Gedanken und waren immer bereit, auf jeden abstrakten Planeten mitzufliegen, den das Gehirn des anderen gerade ansteuerte. Schon an der Uni hatten unsere Kommilitonen oft verständnislos die Köpfe geschüttelt, wenn wir in einer Lerngruppe wieder einmal etymologische Diskussionen führten oder auf einer Party heißgesichtig und rotbackig über Schopenhauers Stachelschwein-Parabel und das Prinzip hinter Ryuichi Sakamotos Musik debattierten, während die anderen auf den Tischen tanzten und die Zunge in der Mundhöhle ihres jeweiligen Gegenübers erforschten.
»Stimmt«, bestätigte ich Hiros Aussage. »Als Kampfkünstler sollten wir den Ninjas besondere Ehrerbietung entgegenbringen.«
Eine Ninja-Familie in voller Montur schlenderte uns entgegen: ein schwarzer und ein roter Erwachsener, zwei blaue Kinder und ein roter Hund. Man sah keine Gesichter. Hiro bemerkte meinen erstaunten Blick in ihre Richtung und sagte gelangweilt: »Kostümverleih.« Seiner Ansicht nach war das offenbar nicht ansatzweise interessant genug, um unser Gespräch zu unterbrechen.
»Die Ninjas«, nahm ich den Faden wieder auf, »eigneten sich alles an, was nützlich war. Heute ist die Welt der Kampfkunst ja so organisiert, dass sich die verschiedenen Disziplinen nur einzelnen Aspekten von dem zuwenden, was in einem Kampf nützlich sein könnte. Die Ninjas hingegen konnten alles.«
»So so so so!«, sagte Hiro mit scharfem s – ein japanischer Ausruf inbrünstiger Zustimmung, der zu tief in seine Sprachgewohnheiten eingemeißelt war, um jemals durch ein schwach klingendes, englisches »Exactly!« ersetzt zu werden.
»Und was sie noch stärker machte«, fuhr er fort, »war, dass sie sich nicht wie die Samurai einem strikten Ehrenkodex unterwerfen mussten. Wenn man Sun Tzu oder Liddell Hart liest, begreift man, dass die wichtigste Fähigkeit eines Kriegers eigentlich die ist, den Feind möglichst gekonnt zu überraschen.«
Eine derart endgültige Aussage in den Raum zu stellen und ungeniert ein Ausrufezeichen dahinter zu setzen, war eine von Hiros Lieblingstaktiken. Das Ergebnis war entweder, dass ich ihn durch ein »Warum?« dazu einlud, seinen Gedanken weiter auszuführen, oder ihm sofort mit Gegenargumenten widersprach, wodurch eine gute Diskussion ins Rollen kam.
Diesmal wurden wir jedoch unterbrochen. Jesse überfiel uns von hinten und hielt uns, in einem ordentlichen Fächer ausgebreitet, drei Karten für das Iga-Ninja-Museum unter die Nase. »Arree?!« Hiros verdutzter Ausruf der Überraschung kam auch diesmal wieder von einem Ort, der so tief in ihm lag, dass die englische Sprache nie bis dorthin vordringen würde. Seine Augen wurden kurzzeitig schmaler, und er nahm seine Karte etwas zögerlich entgegen. Es kam ihm verdächtig vor, wie Jesse so unvermittelt und ohne Schlangestehen an Tickets gelangt war – und das war durchaus nicht ganz unberechtigt. Jesse gehörte tatsächlich zu der Sorte Gaijin, die von den Japanern gefürchtet wurden, weil sie den ausgefeilten Gesellschaftsregeln nicht den unbedingten Gehorsam zollten, der allein es möglich machte, dass das tägliche Leben in Japan so geschmiert lief, wie man es gewohnt war.
»Vielen Dank, sehr aufmerksam von dir«, lachte ich Jesse kopfschüttelnd an und fragte nicht weiter nach.
Wir gingen den breiten Weg hinauf, gesäumt von riesigen, alten Bäumen. Durch ihre hohen Wipfel schlich leise der Wind, und die durch die Baumkronen gefilterte Maisonne tanzte in flimmernden Pünktchenschwärmen um uns herum, als wollte sie uns schleichend einsaugen in eine andere Welt. Der Übergang war fließend, nicht so einfach wie durch den Wandschrank, nicht so dramatisch wie durch den Kaninchenbau. Vielleicht lag es daran, dass ich in der Betonwüste Osaka lebte und die Nähe großer Pflanzen nicht mehr gewohnt war, aber zwischen den gigantischen Bäumen war mir, als beschritten wir durch einen magischen Tunnel die geheimnisvolle Schattenwelt der Iga-Ninjas.
Schließlich öffnete sich der Weg. Die Bäume zogen sich zurück und umringten uns nun weniger auffällig in einer sich ausbreitenden Trichterformation. Wir kamen auf einen kleinen Platz, auf dem altmodische Fressbuden Takoyaki und geschabtes Eis mit Sirup verkauften. Der Duft von gebackenem Teig, Seetangstreuseln und Fischflocken eroberte im Vorbeigehen zwei Atemzüge. Ein Blick auf meine Schuhe überraschte mich. Sie kamen mir fremd vor. Ihr schwarzer Stoff war von einer hellen Staubschicht überdeckt. Der Weg war aus Erde.
Links von uns versteckte sich hinter den Bäumen die Weiße Phönixburg von Ueno. Rechts kamen wir an einem glaskastenförmigen Souvenirshop und einem Toilettenhäuschen vorbei, schließlich lagen vor uns Ticketbude und Eingang. Es gab weder Schranken noch Tore, nur hüfthohe Holzschilder, die das Iga-Ninja-Museum ankündigten, und einen hochgewachsenen, dunkelblau gekleideten Ninja, der den höflich wartenden Besuchern einem nach dem anderen die Eintrittskarten anriss und strahlend nickend wieder zurückgab. Schon wieder ein fließender Übergang, dachte ich. Das Fließen machte Spaß.
Als wir am Kassenhäuschen vorbeiflossen, kurz vor dem Eintrittskarten-Ninja, winkte uns die ältere Dame hinterm Schalter aufgebracht mit einem kleinen Papierstapel entgegen. Mit dieser Geste waren eindeutig Jesse und ich gemeint. Es sah aus, als wollte sie uns mit ihren Wedelbewegungen vertreiben. Aber sie lächelte doch so freundlich?! Verwirrt sahen wir die Leute in der Schlange an, die nun uns ansahen, dann richteten wir unseren Blick hilfesuchend auf Hiro.
»Ich glaube, sie will euch was geben«, sagte er.
Jesse und ich gingen auf sie zu, bis sie es schaffte, uns mit ihrem ausgestreckten Arm den Papierstapel zu überreichen. Wir standen da wie Bruder und Schwester, die von ihrer Oma Taschengeld in die Hand gedrückt bekamen. Nur dass es sich in diesem Fall nicht um Taschengeld handelte, sondern um englische Broschüren über das Iga-Ninja-Dorf. Wir bedankten uns nickend bei der fürsorglichen Oma und flossen weiter.
Noch lange nach diesem Vorfall verwirrte mich diese japanische Geste immer wieder, weil sie meinem Gefühl nach genau das Gegenteil von dem meinte, was sie ausdrückte. Die Leute führten mit flacher Hand eine Wedelbewegung aus, die eindeutig Wellen von ihrem Körper wegschickte. Ich fühlte mich weggewedelt. Stattdessen wurde mir bedeutet näherzutreten. Irgendwann wusste ich es und begann selbst, meine japanischen Schüler bei der Arbeit handwedelnd zu mir zu rufen. Aber ich brauchte eine Weile, um meine Intuition umzupolen.
Der Eintrittskarten-Ninja zählte vor uns die erste Gruppe von Wartenden ab – wie Kinder, die einen Kindergartenausflug machten und mit einem Tatscher auf den Kopf gezählt werden mussten, bevor sie das Tor verließen. Dann durften sie geschlossen zur nächsten Führung durch die erste Attraktion antreten: das Ninja-Haus.
Wir warteten im nächsten Teil der Schlange und ließen unsere Blicke gemächlich umherschweifen, von Gesicht zu Gesicht, an sonnigen Flecken entlang, die über gefallene Blätter hinwegtanzten, und in die verschiedenen Muster der Schuhabdrücke im sandigen Boden hinein. Die helle Maisonne brutzelte nun ungehindert auf unsere Köpfe und trug bereits die ersten Anzeichen schwüler, japanischer Sommerhitze in sich. Mein Blick blieb an einem Tropfen Langsamkeit hängen, der an dem geröteten Gesicht eines kleinen Ninja-Jungen herunterlief und in seinen Mundschutz sickerte. Viele Familien machten ihren Ninja-Ausflug durch Kostüme zum Ganzkörperrundumpaket. Wer wollte sich nicht einmal in einen mittelalterlichen Helden verwandeln, dem übermenschliche Fähigkeiten und sogar Zauberkräfte nachgesagt wurden, der als klug und frei galt und sich keinem Moral- oder Verhaltenskodex zu unterwerfen hatte? In eine solche Rolle zu schlüpfen, war nicht nur für Kinder attraktiv – die Japaner verlangten von sich und anderen schließlich täglich eine große Anpassungsleistung an ein komplexes Gesellschaftssystem.
Meine Augen waren immer noch dabei, sich richtig zu öffnen im Angesicht dieser Freizeitwelt, in die wir weiter und weiter hineinflossen. In der Gefangenschaft meines Alltagsjobs waren mir Scheuklappen an den Schläfen gewachsen, die meine Sicht immer auf die jeweilige Pflicht beschränkten, die gerade erfüllt werden musste, und meine Gesichtsmuskulatur war immer noch im automatischen Lächelmodus gefangen. Als ich es bemerkte und endlich den störrischen Schalter umwuchtete, befreite sich ein neues Lächeln aus den Fesseln. Die Scheuklappen zogen sich zurück, die Muskeln entspannten sich, ich sah Sonne und Schatten. Mit jedem Atemzug machten sich meine Lungen freier von der stickigen Luft des GEOS-Salzbergwerks.
Mit neu erwachter Geisteskraft studierte ich die englische Broschüre. Die japanische Version hatte bis später Zeit. Ich würde sie mir am Ausgang geben lassen. Das Englisch war, wie man es von vielen Broschüren, Schildern und Speisekarten in Japan gewohnt war: eigenwillig bis befremdlich, größtenteils jedoch verständlich.
Da während der Sengoku-Zeit, der »Zeit der streitenden Provinzen« und Hauptblütezeit der Ninjas, die meisten Leute in und um Iga Bauern gewesen waren, hatten auch die Ninjas hier wie ganz normale Bauern gelebt. Schließlich hatte es zu ihrem Tagesgeschäft gehört, sich möglichst im Verborgenen zu halten. Sie waren nämlich so etwas wie Geheimagenten gewesen, als man mit dem Ehrenkodex der Samurai nicht mehr weiterkam. Das heutige Japan war damals weit davon entfernt gewesen, ein geeintes Land zu werden, und die Streitigkeiten zwischen den Kriegsherren waren zu zahlreich und komplex gewesen, um mit vorgeschriebener Etikette etwas erreichen zu können. War man ein aufrechter Samurai, musste man sich vor jedem Kampf erst einmal seinem Gegenüber vorstellen und ihm die eigene Familiengeschichte herunterbeten, bevor man ein ehrenhaftes Gefecht mit ihm eröffnen durfte. Die empfindliche Ehre der Samurai entpuppte sich als ineffizient.
Also entstand im Schatten des Samurai-Ehrenkodex das Gewerbe der Ninjas, die keinen Regeln zu folgen hatten, außer dass sie sich und ihre Aktivitäten stets im Verborgenen halten mussten. Ihre Aufgabe war es, so trickreich und listig vorzugehen, wie es das jeweilige Ziel erforderte. Sie bekamen ihre Aufträge von denselben Kriegsherren, die sich offiziell Armeen aufrechter Samurai hielten und die sie für jede geheime Mission heimlich ausstatteten und belohnten.
Wir wurden für die nächste Gruppe abgezählt und zogen uns vor einer rings um das Haus herumlaufenden, schmalen Terrasse, wie man sie von japanischen Teehäusern kennt, die Schuhe aus. Nun durften wir auf leisen Sohlen eintreten in das Zuhause der Ninjas, die hier vor rund 500 Jahren gut getarnt unter ihren Zeitgenossen gelebt hatten.
»Irasshaimase!«, begrüßte uns ein zierliches, leuchtend rot gekleidetes Ninja-Mädchen in einer Tonlage, die sich gerade noch unter der Ultraschallgrenze befinden musste. So wurde man in jedem Etablissement Japans begrüßt, und zwar lauthals, mit Verbeugung. Das Mädchen hieß uns im Iga-Ninja-Museum willkommen und betonte, wie dankbar sie war, dass ihr die Ehre zuteil wurde, uns durch das Ninja-Haus führen zu dürfen. Es war von seinem ursprünglichen Standort in der näheren Umgebung hierher transportiert und ein wenig aufgearbeitet worden, um den Besuchern einen Einblick in die damalige Wohnwelt der Ninjas zu geben. Auf den ersten Blick, erklärte sie, sah das Ninja-Haus aus wie jedes andere Bauernhaus in dieser Gegend während der Sengoku-Zeit. Der Unterschied war, dass es ein paar versteckte Besonderheiten aufwies, die andere Bauernhäuser nicht hatten und in die sie uns nun einweihen würde.
Sie berührte leicht die Seite einer Wand, die sich daraufhin um sich selbst drehte. Das Mädchen verschwand. Das war eine kurze Führung, dachte ich gerade, da tauchte sie mit der nächsten Umdrehung wieder auf. Eine Drehtür! Die Gruppe machte »Häh?«, »Ah!« und »Oh!« Das Ninja-Mädchen verbeugte sich und führte uns einige Schritte weiter. Schon folgte der nächste Trick. Mit dem Fuß drückte sie auf ein loses Brett im Boden und legte darunter ein Waffenversteck frei. Mit einer eleganten Handbewegung zauberte sie aus der Versenkung ein Ninja-Schwert hervor.
»Das Ninja-Schwert war kurz und gerade«, erklärte sie, während sie es hochhielt. »Nicht lang und gebogen wie ein Samurai-Schwert. Trug jemand eine Rüstung, war er gegen die seitlichen Schnitte eines gebogenen Samurai-Schwerts ziemlich sicher, aber ein kurzes, gerades Ninja-Schwert konnte man durch die winzigen Öffnungen zwischen den Schuppenreihen der Rüstung hindurchrammen.«
Einige in der Gruppe nickten düster. Andere ließen verunsichert die Kinnlade fallen und vergaßen, sie wieder hochzuklappen. Der kleine Junge mit dem Schweißtropfen am Mundschutz sagte: »Cool!« Das Ninja-Mädchen lächelte süß und ließ die tödliche Waffe wieder im Boden verschwinden.
Als nächstes zeigte sie uns ein Regal an der Wand und fragte, was das wohl sei.
»Ein Regal«, sagte der kleine Junge.
»Ein Regal, stimmt’s?«, bekräftigte sie. »Sehr gut. Meinst du, die Ninjas haben viel gelesen?«
»Ja«, sagte der Junge. »Sie waren schlau.«
»Da hast du recht«, lachte das Mädchen. »Ich zeig dir mal, wie schlau sie waren.« Mit einer leichten Handbewegung hob sie das Regal von der Wand und verwandelte es in eine Leiter, die zu einer versteckten Klappe und weiter zum Dach führte. »Auf diese Weise«, erklärte sie, »konnten die Ninjas sich schnell verkrümeln, wenn anderswo im Haus ungebetene Gäste eindrangen und ihnen ihre Mission oder ihr Leben streitig machen wollten. Wenn sie genug Zeit hatten, hängten sie das Regal noch schnell wieder auf, sodass ihre Flucht keine Spuren hinterließ.«
In der Ecke der schmalen Außenterrasse gab es eine weitere Geheimklappe, die unter das Haus führte. Von dieser Stelle aus konnte man durch ein verdecktes Loch in der Wand unbemerkt beobachten, was im Haus vor sich ging und bei Bedarf in das umliegende Tunnelsystem fliehen.
Das Ninja-Mädchen bedankte sich fürs Zuhören und ließ uns auf der Rückseite des Hauses wieder hinaus. Unsere Schuhe waren inzwischen in einer geheimen Ninja-Aktion hergebracht und so ordentlich bereitgestellt worden, dass wir mühelos wieder hineinschlüpfen konnten. Die anderen hielten das offenbar für selbstverständlich. Jesse zeigte kurze Anzeichen von Überraschung, ließ sich aber nichts anmerken. Ich war begeistert und strahlte meine staubigen Schuhe an wie die aufflackernde Maisonne das Ninja-Haus.
Gemächlich bewegten wir uns vom Ninja-Haus fort und schlenderten den staubigen Weg entlang, neugierig auf die nächsten Ninja-Spuren, die auf uns warteten.
Durch die Dunkelheit ans Licht
Ein paar Stufen führten abwärts in eine Art Bunker. Die Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Dann fanden wir uns in einem unterirdischen, schlauchförmigen Raum wieder, der Ninja-Erfahrungshalle. Ich fragte mich, was genau das bedeuten sollte. Die Glaskästen und Informationstafeln erinnerten eher an ein konventionelles Museum. Lauerte in einer düsteren Ecke etwa ein Ninja, der nur unseren verwundbarsten Moment abwartete, um uns eine echte Ninja-Erfahrung zu verpassen?
Wir blieben vor einer geschwungenen Metallpistole stehen, einer echten Ninja-Waffe. Die war jedoch, so verriet uns die Tafel daneben, in den meisten Fällen nicht wirklich praxistauglich gewesen. Hauptsächlich hatten sich die Ninjas das Schießpulver zunutze gemacht, um mit kleinen Explosionen Feinde abzulenken und in der berühmt-berüchtigten Rauchwolke zu verschwinden, die man bis heute mit ihnen assoziiert.
Ein klapperndes Klopfen in der anderen Ecke des Raumes ließ meinen Blick in seine Richtung zucken. Auch Hiro sah sich um. Jesse war verschwunden. Oje! War das unsere Ninja-Erfahrung? Eine Entführung? Eine Geiselnahme? Wir starrten regungslos in die Ecke. Zögernd traten wir näher. Wieder machte die Dunkelheit unseren Augen zu schaffen. Vor dem schwarzen Hintergrund sahen wir ein paar blonde Haarsträhnen, Haut, Muskeln und T-Shirt-Stoff unübersichtlich hin- und herzappeln. Schließlich kam der erleichternde Aha-Moment: Es war Jesse. Er hatte das einzige Ausstellungsstück zum Anfassen entdeckt: Frei schwingend, ganz ohne Glaskasten, baumelte hier eine Strickleiter von der Decke. Sie sah aus wie jede andere Strickleiter, nur dass sie natürlich den Originalstrickleitern der Ninjas nachempfunden war. In null Komma nichts klebte Jesse unter der Decke, klemmte einen Fuß in die obere Ecke des Raumes und ballte wie ein Actionheld die Hand zur Faust.
»Toll!« Ich rollte mit den Augen. »Du kannst eine Strickleiter hochklettern.« Jesse sprang auf den Boden.
»Jetzt du«, sagte er. Unsere Freundschaft war von ständigen Herausforderungen geprägt. Schon hielt ich die erste Sprosse in der Hand.
»Als du eben plötzlich verschwunden warst, habe ich mir kurz Sorgen gemacht«, sagte ich. Diesmal verdrehte er die Augen.
Tollkühn bezwang ich die Strickleiter, schwang die Knie über die oberste Sprosse, ließ mich kopfüber hinunterbaumeln und richtete kaltblütig zwei imaginäre Ninja-Pistolen auf Jesse und Hiro.
Vom Ausgang her ertönte eine laute Stimme. Ich ließ meine Pistolen fallen und brachte schnellstmöglich die Füße zurück auf den Boden.
»In wenigen Minuten beginnt auf der Ninja-Bühne die nächste Actionshow«, hallte es durch die Ninja-Erfahrungshalle.
»Die hat hier gerade schon angefangen«, murmelte Hiro.
Die Stimme fuhr fort: »Treppe hoch, links. 200 Yen pro Nase. Tretet näher, tretet näher!«
Wir gingen zur Treppe und sahen hinauf. Von grellem Licht umrahmt wie ein Bote Gottes stand am oberen Ende eine imposante Gestalt. Geblendet kniffen wir die Augen zusammen. Lange Zeit verharrten wir in dieser Stellung ob des eindrucksvollen Anblicks. Wer auch immer da oben stand, er hatte nicht viel gemein mit den Museums-Ninjas, denen wir bisher begegnet waren. Der Eintrittskarten-Ninja und das Mädchen vom Ninja-Haus hatten die gleichen Sachen getragen, mit denen auch viele Familien vom Kostümverleih versorgt worden waren: einfarbige Ganzkörperanzüge mit Mundbinde, frisch aus der Reinigung, knallschwarz, rot oder blau. Man wusste zwar, dass sie Ninjas sein sollten, aber man wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie wirklich Ninjas waren. Der Kerl, der jetzt vor uns stand, sah hingegen aus, als wäre er soeben einer geheimen kriegerischen Mission des 15. Jahrhunderts entstiegen.
Während sich unsere Augen abermals den neuen Lichtbedingungen anpassten, entspannten sich unsere Gesichtszüge langsam wieder. Nun konnten wir den Ninja oben an der Treppe klarer sehen. Der Mundschutz – bei Ninja-Kostümen Pflichtprogramm – fehlte. Sein Gesicht war breit und ebenmäßig, mit einer für japanische Verhältnisse markanten Nase (immer wieder passierte es mir, dass Japanerinnen mit den charmantesten Stupsnasen beim Anblick meines zerbeulten Karate-Zinkens neidisch aufschrien: »Hast du aber eine schöne hohe Nase!«), seitlich gerahmt von winzigen Koteletten, unten abgerundet von einem spitz zulaufenden Kinn. Er sah jung aus, aber etwas mitgenommen. Unter den nach außen abwärts geneigten Mandelaugen waren Augenringe zu erkennen, und zwischen den kräftigen Augenbrauen saßen tiefe Falten. Der finstere Ausdruck der Augenbrauen wurde dadurch verstärkt, dass nur ihre inneren Enden sichtbar waren – darüber befand sich entlang der Stirn eine längliche, gebogene Metallplatte, vorne aufgenäht auf ein Stoffstück, das um den Kopf gebunden war und das über Kopf- und Nackenpartie hängende Tuch zu einer Art Kapuze machte. Wahrscheinlich diente das Metallstück im Kampf als Stirnschutz. Es sah ziemlich lädiert aus, abgewetzt und ausgebeult wie die Motorhaube eines Unfallwagens.
Nachdem ich das Gesicht des Ninjas eingesogen hatte wie eine Offenbarung, glitt mein Blick an seinem Körper hinunter. Er trug ein schräg über der Brust verlaufendes Kimono-Oberteil und die oben weiten, an den Waden eng zusammengeschnürten Hosen, die man von den Kostümen her kannte. Seine Kleidung war dunkel, aber nicht schwarz. Sie sah getragen und gebraucht aus. Er machte den Eindruck, als wäre er ein paar Tage unterwegs gewesen und wiederholt dazu gezwungen worden, durch Schlamm zu robben und sich in Staub zu wälzen. Der dunkle Stoff an seinem Körper war von einer hellen Staubschicht überzogen wie meine Schuhe. Handgelenke und -ballen waren mit schwarzem Tuch umwickelt. An den Füßen trug er neben dem großen Zeh gespaltene Ninja-Schuhe, sogenannte Jika-tabi – wörtlich »Fußtüten, die den Boden berühren«.
Als wir die respekteinflößende Erscheinung einigermaßen verkraftet hatten, schwebten wir, wie von einem Magneten angezogen, die Treppe hinauf. Im Vorbeigehen war der Ninja mindestens zehn Zentimeter kleiner als ich. Wahrscheinlich hatte es an der Perspektive gelegen. Ich hatte unten an der Treppe gestanden, er oben. Aber irgendwie hatte ich den Eindruck, dass das nicht der einzige Grund war.
Takekurabe, dachte ich. Größenvergleich. Das dreißigste von Miyamoto Musashis4 35 strategischen Prinzipien. Shihan hatte uns beim Training davon erzählt. Musashi riet darin, dass man sich im Kampf stets größer machen sollte als den Gegner. Die wahre Körpergröße spielte dabei keine Rolle. Es war vielmehr eine Frage der Haltung, und zwar der Körper- und Geisteshaltung, wie groß man aussah. Der Ninja, dem wir soeben begegnet waren, schien sich dieses Prinzip zunutze zu machen. Er strahlte Größe aus, auch wenn er in Wirklichkeit nicht über 1,65 Meter sein konnte.
Wir bezahlten jeder 200 Yen und besetzten drei Plätze in der ersten Bankreihe vor der sandigen Outdoor-Bühne. Während weitere Zuschauer hereinströmten, warteten wir gespannt. Verstohlen suchten wir an den Wänden nach atmenden Schatten und in der Stille nach Bewegung. Da ertönte eine ahnungsvolle Musik. Durch ein drängendes Crescendo öffnete sich ein Tor. Hindurch trat ein Ninja mit Pferdeschwanz, mitten ins erwartungsvolle Herz des Publikums hinein.
»Liebe Zuschauer«, begrüßte er uns strahlend. »Vielen Dank, dass ihr heute zu uns ins Iga-Ninja-Museum gekommen seid. In der Ninja-Actionshow, die ihr jetzt sehen werdet, benutzen wir echte Waffen.« Er hob den Zeigefinger. »Steht also während der Show nicht auf und kommt nicht nach vorne. Macht eure Handys aus oder stellt sie auf lautlos. Und Achtung, es kann ziemlich spannend werden. Manchmal fangen Kinder an zu weinen. Bitte geht mit ihnen nach hinten oder aus dem Zuschauerbereich hinaus, damit alle anderen die Show ungestört genießen können. Selbstverständlich bekommt ihr dann euer Geld zurück. Und noch etwas: Ich weiß, ihr seid zum Sightseeing hier. Viele von euch haben Kameras dabei. Während der Show ist Fotografieren und Filmen ausdrücklich … erlaubt!« Er erntete einige Lacher und intensivierte mit den Augenwinkeln sein Strahlen. »Knipst nur drauf los, während wir euch unsere coolen Ninja-Tricks vorführen. Übrigens«, nun öffnete er die Augen bedeutungsvoll, »um uns richtig zu motivieren, müsst ihr mithelfen. Wir üben das mal zusammen. Also, ich sage: ›Seid ihr dabei?‹ Und ihr …« Er legte die Hände zusammen, sodass Zeigefinger und Mittelfinger nach oben zeigten. Die Geste kam mir aus Ninja-Darstellungen bekannt vor. »Ihr«, fuhr er fort, »macht: Nin, Nin!« Das war also der Text zu der Geste. »Seid ihr dabei?«, rief er.
Wir machten die Handgeste nach und sagten: »Nin, nin!«
»Soll das ein Witz sein?«, fragte er. »Gleich noch mal. Und diesmal richtig. Also: Seid ihr dabei?«
»Nin, Nin!«, machten wir lauter.
»Schon besser. Wollen wir es mal gelten lassen. So, und jetzt bedanke ich mich fürs Zuhören und wünsche euch viel Vergnügen bei unserer Ninja-Actionshow!«
Wir klatschten, während er eine Sandwolke aufwirbelte und von der Bühne rannte. Ein moderner Vollzeit-Ninja, dachte ich. Wie merkwürdig! Jahrhunderte lang waren die Ninjas, so unbemerkt wie sie konnten, durch die Dunkelheit der japanischen Geschichte geschlichen, heute standen sie als professionelle Unterhaltungskünstler im Rampenlicht.
Ninja-Show
Eine Nebelmaschine paffte weiße Schwaden auf die Bühne. Die musikalische Hintergrundkulisse waberte zwischen schwermütig und transzendent wie das Herz eines Kriegers vor der Schlacht. Eine schwarze Gestalt mit metallenem Stirnband erschien, kniete sich hin und formte mystische Handzeichen zu halb gesungenen Silben.
»Das soll Hattori Hanzo sein«, flüsterte Hiro von links auf Japanisch. Jesse saß rechts von mir und starrte gebannt nach vorn. Er hatte sich zwar durch tägliche Praxis ein bisschen Alltagsjapanisch angeeignet, aber damit kam man nicht weit. Die Sprache war für indogermanische Muttersprachler nun mal fremd und kontraintuitiv. Alles musste man auswendig lernen und unzählige Male wiederholen, dann in der Praxis hören und anwenden, bis es sich einigermaßen setzte. Selbst wenn man ein unermüdlicher Nerd war wie ich, blieb Japanisch eine lebenslange Aufgabe, ein Weg, dessen Ziel man niemals ganz erreichen konnte. Es war gut, Hiro als ständige Lernquelle dabei zu haben. Dass dies auf Gegenseitigkeit beruhte, machte es umso besser.
»Hattori Hanzo ist eine historische Ninja-Figur«, erklärte Hiro, »die seit der Fernsehserie ›Shadow Warriors‹ in den 80er-Jahren jeder kennt.« Jeder. Außer mir, dachte ich. Den Namen Hattori hatte ich schon mal gehört: Eine Bahnstation auf meinem Weg zur Arbeit hieß so, und es war der Nachname von Jesses Ex. Aber Hanzo?
»Das, was er da macht, nennt sich Kuji-no-in«, flüsterte Hiro weiter. »Die sogenannte Neun-Buchstaben-Formel, eine taoistische Tradition. Die Ninjas benutzten sie vor gefährlichen Missionen, um sich zu sammeln und energetisch aufzuladen.«
»Sō ka!« – Aha! –, kommentierte sein rechter Nachbar. Das wusste also offensichtlich nicht jeder. Hiro hatte wirklich die obskursten Wissensbrocken parat. Was machte der Kerl bei einer Boilerfirma, fragte ich mich mal wieder, bevor mich der chantende Ninja auf der Bühne mit seinen magischen Handzeichen erneut hypnotisierte. Er endete auf der Silbe »-zen« und ließ seine Handrücken in den Schoß sinken, bis sich die Daumenspitzen berührten.
Einen Moment später vereinte er die Hände zu einer Schale, fing darin die frisch gesammelte Energie auf und hob sie zum Gesicht. Seine Finger formten eine Lotusblüte. Er blickte himmelwärts, hielt einen Moment lang inne und pustete. Dann klatschte er mit größer werdenden Bewegungen dreimal in die Hände: eins – z w e i – d r e i !
Hanzo erhob sich gewichtig und doch leichtfüßig, zog sein Schwert und köpfte damit etwas, das aussah wie ein Riese und mehrere Menschen, sich dann jedoch als großer Bambus und aufrecht auf Ständer gesteckte, zusammengerollte Strohmatten herausstellte. Danach zerstückelte er sie alle. Einen Moment lang verharrte er in der Endposition seines letzten Schwerthiebs und atmete. Dann steckte er das lange, gebogene Schwert mit einem geübten Schwung zurück in die Scheide – und verbeugte sich kurz. Wir klatschten ehrerbietig.
»Das hier«, sagte Hanzo, »ist ein traditionelles japanisches Samurai-Schwert. Man nennt es Shinken – echtes Schwert. Was ihr eben gesehen habt, nennt sich Shinken-iaigiri. Den Bambus hier muss man genau im richtigen Winkel schneiden, sonst fliegen die abgehauenen Stücke wild durch die Gegend – das kann ins Auge gehen.« Ich schluckte. »45 Grad, nicht mehr und nicht weniger«, sagte Hanzo. »Heute hat es zum Glück geklappt.« Ein paar Zuschauer lachten hysterisch auf, andere zogen Grimassen und igelten sich ein. Das schien Hanzo besonders amüsant zu finden.
»Diese Strohrollen hier heißen Makiwara«, fuhr er fort. »Über Nacht in Wasser eingelegt, bieten sie der Klinge den gleichen Widerstand wie menschliche Hälse.« Er lächelte lieblich. »Wie ihr gesehen habt, kann man also ohne Weiteres drei Hälse auf einmal durchschneiden – oder auch mehr, das ist Übungssache.«
Hanzo holte ein gerades, kürzeres Schwert aus einer Halterung an der Seitenwand der Bühne.
»Als nächstes möchte ich euch das Ninja-Schwert vorstellen, das sogenannte Ninjatō. Wie ihr seht, ist es kürzer als das Samurai-Schwert. Aber der Hauptunterschied ist, dass es im Gegensatz zum gebogenen Samurai-Schwert gerade ist. Die Samurai waren Meister der eleganten Kurvenbewegungen. Aber das war auch das einzige, was sie konnten.«
Diese Aussage fand ich interessant: Die Samurai hatten elegante, kurvenförmige Schwerter gehabt und damit elegante, kurvenförmige Bewegungen gemacht. Auch im täglichen Leben waren sie elegant auf den vorgegebenen Wegen des komplexen Samurai-Ehrenkodex herumgekurvt. So hatten sie sich immer nur indirekt um die Dinge herumbewegen können, niemals geradewegs darauf zu.
Diese Samurai-Tradition war in Japan heute noch weit verbreitet. Aus meiner Sicht machten die Leute ständig Umwege. Einmal hatte mich Manager zu Hause angerufen, um mir mitzuteilen, dass ein Nachbar meinen Staubsauger am Samstagabend zu laut gefunden hatte. Ihr Anruf am Sonntagmorgen danach war mir eigentlich auch zu laut gewesen. Aber das hatte ich natürlich nicht gesagt – schließlich war sie meine Chefin, und anscheinend konnte man hier nicht mal seinem Nachbarn etwas sagen. Vielleicht hatte sich der Nachbar vor der Sprachbarriere gefürchtet. Andererseits: Zu laute Staubsauger konnte man doch mit Gesten und Geräuschen darstellen. Warum war er nicht einfach zu mir herübergekommen? Ich hätte den Staubsauger sofort ausgemacht und mich entschuldigt. Wir hätten uns auf eine bessere Zeit zum Staubsaugen einigen können. Bei dieser Gelegenheit hätte ich ihn auch gleich mal kennengelernt. Aber als Gaijin dachte ich offensichtlich viel zu geradlinig. Japans Kurvenkultur war historisch gewachsen und nicht so leicht geradezurücken.
Das Dasein war sorgfältig eingeteilt in Honne und Tatemae. Honne, das waren die wahren Gedanken und Gefühle, die man als Mensch hatte. Tatemae war die für außen bestimmte, stets schützend und dekorativ davor gesetzte Maske. In Japan gehörte sie zum guten Ton. Es war nicht wie bei uns, wo man Ehrlichkeit und Authentizität anstrebte. Nein, ein vernünftiger Japaner verbarg seine wahren Gefühle und Gedanken stets hinter einer gesellschaftstauglichen Maske. Die Devise lautete: Wenn jeder mir nichts, dir nichts seine Gefühle rausließe – wo kämen wir denn da hin?
Ich fand diese Einstellung in vieler Hinsicht angenehm. Nie traf man schlecht gelaunte Menschen. Alle lächelten und sprachen mit sanfter, freundlicher Stimme demütige und höfliche Worte. Sie waren immer einer Meinung und widersprachen sich nie. Was mich störte war, dass sie oft auch dann nichts sagten, wenn man sie nach ihrer Meinung fragte. Ich fragte mich dann immer, ob ihre Meinung grundsätzlich Teil von Honne war und durch Tatemae versteckt werden musste oder ob sie sich so daran gewöhnt hatten sich anzupassen, dass sie selbst gar keine eigene Meinung mehr hatten. Letztere Möglichkeit verursachte in meiner Magenkuhle ein aufbegehrendes Unwohlsein – wahrscheinlich eine Meinung.
Vielleicht teilte nicht nur jeder einzelne Japaner, sondern die ganze Gesellschaft das Dasein sorgfältig in Honne und Tatemae ein. Damals, während der Sengoku-Zeit, hatte man heimlich die geradlinigen Ninjas bemüht, um das kurvenreiche, kriegerische Chaos zu überwinden und schließlich all die kleinen Landfetzen zum heutigen Japan zu vereinen. Übernahm heute vielleicht auch irgendjemand die Rolle, heimlich Ordnung zu schaffen? Hanzo durchstieß mit seinem Ninja-Schwert meine kurvigen Gedanken: »Die Ninjas benutzten gerade Schwerter zum Stoßen, um sich gegen die Kurvenbewegungen der Samurai zu verteidigen. Wenn es gut lief, konnten sie mit dem Ninja-Schwert einfach geradeaus vorstoßen und das Herz ihres Gegners treffen, bevor er mit seinem Kurvenschwung ihren Körper erreichte. Aber das Ninja-Schwert hatte auch andere Vorteile. Seht selbst!«
Actionmusik drang aus den Lautsprechern wie eine Armee von Pauken und Trompeten mit geflügelten Helmen. Dann wirbelten hintereinander zwei jüngere Ninjas auf die Bühne: Bote Gottes rollte staubwirbelnd von links nach rechts, Pferdeschwanz flickflackte hinterher. Auf der anderen Seite angekommen, steckten sie die Spitzen ihrer Schwertscheiden in den Boden, nahmen die langen Schnüre daran zwischen die Zähne, kletterten schnurstracks die drei Meter hohe Wand hoch und zogen die Schwerter zu sich herauf. Oben formten sie aus Zeige- und Mittelfinger ein V für Victory und lächelten süß. Jetzt durften wir Fotos machen.
Nachdem beide verschwunden waren, kam Bote Gottes allein wieder. »Das hier sind echte Ninja-Sterne aus der Sengoku-Zeit«, sagte er. »Sicher habt ihr die schon mal in irgendwelchen Actionfilmen oder Animes gesehen – da haben die Ninjas immer einen ganzen Stapel davon in der Hand und schießen sie waagerecht ab, zack zack, einen nach dem anderen.« Er machte die Bewegung vor, die man aus den Filmen kannte. »Cool, hm?«, kokettierte er. »Aber das machten die Ninjas nicht wirklich. Man kann Ninja-Sterne gar nicht so werfen. Dafür sind sie viel zu schwer. Ein Ninja-Stern wiegt um die 200 Gramm. Man trug vielleicht einen oder zwei davon bei sich, und die benutzte man nur, wenn man keinen anderen Ausweg mehr wusste. Bevor die Ninjas zu einer Mission aufbrachen, vergifteten sie die Zacken der Sterne – zum Beispiel, indem sie sie in Pferdeäpfel tunkten. Ninja-Sterne waren nicht dafür gedacht, lebenswichtige Organe oder Arterien zu zerstören. Sie mussten dem Feind nur einen leichten Kratzer zufügen, schon konnten sie Lähmungen oder Schlimmeres hervorrufen, je nach Wirkung des jeweiligen Gifts.«
Bote Gottes hielt einen kreuzförmigen Ninja-Stern mit vier gleichgroßen Zacken hoch.
»Den hier nennt man Jūji-shuriken. Ich führe mal vor, wie man ihn schlägt. Ja, im Ninja-Fachjargon heißt es Ninja-Stern schlagen, nicht Ninja-Stern werfen.«
Schwungvoll setzte er zu einem Schlag mitten ins Publikum an. Der Mann, der Hiros Kurzreferat über die Neun-Buchstaben-Formel gelauscht hatte, zuckte zusammen. Als wir zu ihm hinübersahen, begradigte er beschämt seine Haltung. Im letzten Moment kriegte der Ninja die Kurve, schwang Arm und Hüften wie ein Baseballspieler und zielte auf eine Holzwand. »Klonk!«, machte der Stern und blieb darin stecken. Bewundernde »Ho!«-Rufe erklangen.
Als nächstes trat Hattori Hanzo wieder auf.
»Scheint eine Drei-Mann-Show zu sein«, flüsterte ich Hiro zu.
»Sieht so aus«, nickte er.
»Die Kleidung, die ich hier trage«, begann Hanzo diesmal und zeigte auf sein schwarzes Ninja-Gewand mit dem kapuzenartigen Tuch überm Kopf. »Meint ihr, die Ninjas trugen tatsächlich solche Klamotten? Ninjas waren Spione. Es war ihr Job, Informationen zu sammeln. Wenn sie sich so angezogen hätten, hätte ja jeder sofort gemerkt, dass sie Ninjas waren.«
Einige lachten, andere wunderten sich mit langgezogenen Staunlauten.
»Was ich hier anhabe, ist nur für historische Theaterstücke und Ninja-Shows geeignet«, sagte Hanzo. Nun lachten alle. »Die echten Ninjas nahmen immer die Gestalt an, die sich am besten für ihre jeweilige Spionagemission eignete. Manchmal zogen sie sich wie Priester an, manchmal wie Handwerker, in Iga meist als Bauern. Häufig verkleideten sie sich auch als Daikagura5. Das waren Unterhaltungskünstler, die im Dienste von Shinto-Schreinen glückverheißende Kunststücke darboten, um die Götter gnädig zu stimmen. Seht selbst.«
Eine fröhliche Zirkusmusik erklang. Man erwartete jeden Moment den Auftritt eines Clowns. Stattdessen kam Pferdeschwanz auf die Bühne und zog einen großen Schirm aus dem Gurt hinter seinem Rücken. Es war ein traditioneller asiatischer Schirm, wie man ihn in Miniaturformat aus Eisbechern kannte: dicht nebeneinander positionierte Holzrippen, flach mit hübschem Papier bespannt.
Pferdeschwanz öffnete den Schirm und tanzte damit anmutig über die Bühne. Dann rief er »Yo!«, stellte ihn auf seine Stirn und balancierte ihn dort. Wir klatschten. Aus seiner Brusttasche holte er eine quadratische Holzschachtel. »Jetzt werde ich für euer aller Gesundheit, Glück und Erfolg diese Schachtel rollen lassen. Seht her!« Wieder rief er »Yo!« und fokussierte seinen Körper wie ein Turner vor einem schwierigen Kunststück. Dann warf er die Schachtel oben auf den Schirm und ließ sie darauf herumrollen.
»Die Leute auf dieser Seite der Bühne klatschen sehr laut für mich«, sagte er. »Ich werde für euch ein paar Extrarunden drehen. Mögen die Götter euch und euren Familien gnädig sein.«
Schließlich ließ er sie mit einem mehrfachen Schachtelsalto vom Schirm springen, fing sie auf und verbeugte sich galant. »Was ich als nächstes rollen lassen werde«, er tauschte den großen gegen einen kleinen Schirm, »ist das hier.« Zwischen den Fingern hielt er eine 500-Yen-Münze. »Geld! Diese Darbietung wird für euch alle den Rubel rollen lassen. Yo!«
Er warf die 500-Yen-Münze auf den Schirm und ließ sie Runde um Runde drehen, ohne dass sie ein einziges Mal stockte, stolperte oder auch nur in Schräglage geriet. Schließlich fing er die Münze auf und verbeugte sich.
»Ich danke euch!« Wir klatschten, bis Hanzo wieder erschien und mit seiner respekteinflößenden Präsenz Ruhe einforderte.
»Das, meine Damen und Herren«, verkündete er, »war mein Sohn. Ich bin sehr stolz auf ihn. Wenn man nicht im zarten Alter von fünf Jahren anfängt, diesen Trick zu üben, hat man keine Chance, ihn jemals zu meistern.«
In den Händen hielt er ein unspektakuläres, dünnes Seil mit Knoten an beiden Seiten und ausgefransten Enden.
»Hier habe ich ein Seil«, fuhr er fort. »Damit kann man sich den Feind vom Leib halten, seine Körperteile oder Waffen einfangen, ihn würgen, fesseln und vieles mehr. Diese Art von Seilkampf heißt Hobakujutsu. Wenn man dem Feind die Waffe abgenommen und sich ihm genähert hat, macht man mit Nahkampftechniken weiter: Hebel, Würgegriffe und Schläge, wie man sie auch aus modernen Kampfkunstdisziplinen kennt – Judo, Karate und Aikido zum Beispiel.« Jesse und ich sahen uns begeistert an, als der Begriff Aikido fiel. »Wir Ninjas«, sagte Hanzo, »nennen diese Techniken Taijutsu.«
