Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Teil 2 der Gipfelliebe-Reihe Als das Krankenhaus, in dem Marie arbeitet, Insolvenz anmeldet und alle Mitarbeiter freistellt, hofft ihr Freund Georg, sie werde endlich bei ihm auf dem Bergbauernhof einziehen. Aber Marie will auf keinen Fall Hausfrau und Bäuerin werden. Der scheidende Chefarzt macht ihr das Angebot, ihn nach Afrika zu begleiten und dort eine medizinische Versorgung auszubauen. Für die Rückkehr verspricht er ihr die Stationsleitung in dem neuen Kreiskrankenhaus. Georg erfährt unterdessen von einer sehr ungewöhnlichen Klausel im Testament seines Vaters. Marie gerät in Bedrängnis. Soll sie bleiben und die eigene Karriere aufgeben oder gehen und ihre Beziehung zu Georg aufs Spiel setzen? Ihre Eltern sind ausnahmsweise keine Hilfe: Mutter Gabriele hat beschlossen, nach einem aufopferungsvollen Leben endlich an sich zu denken und veranstaltet Yoga-Kurse, Vater Werner ist beleidigt und will ausziehen. Da kommt der Zufall Marie zu Hilfe.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Kurzbeschreibung:
Als das Krankenhaus, in dem Marie arbeitet, Insolvenz anmeldet und alle Mitarbeiter freistellt, hofft ihr Freund Georg, sie werde endlich bei ihm auf dem Bergbauernhof einziehen. Aber Marie will auf keinen Fall Hausfrau und Bäuerin werden. Der scheidende Chefarzt macht ihr das Angebot, ihn nach Afrika zu begleiten und dort eine medizinische Versorgung auszubauen. Für die Rückkehr verspricht er ihr die Stationsleitung in dem neuen Kreiskrankenhaus. Georg erfährt unterdessen von einer sehr ungewöhnlichen Klausel im Testament seines Vaters. Marie gerät in Bedrängnis. Soll sie bleiben und die eigene Karriere aufgeben oder gehen und ihre Beziehung zu Georg aufs Spiel setzen? Ihre Eltern sind ausnahmsweise keine Hilfe: Mutter Gabriele hat beschlossen, nach einem aufopferungsvollen Leben endlich an sich zu denken und veranstaltet Yoga-Kurse, Vater Werner ist beleidigt und will ausziehen. Da kommt der Zufall Marie zu Hilfe.
Mariella Loos
Wie weit reicht dein Herz
Roman
Edel Elements
Edel Elements
Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2018 Edel Germany GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © Jahreszahl by Mariella Loos
Lektorat: Annekatrin Heuer
Korrektorat: Martha Wilhelm
Covergestaltung: Marie Wölk, Wolkenart
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-96215-135-5
www.facebook.com/EdelElements/
www.edelelements.de/
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
„Bis morgen!“ Marie zuckte. Jahrelang hatte sie sich mit diesen Worten verabschiedet. Sie schaute über die Schulter nach hinten. In der Garderobe war niemand. Die anderen waren schon zum Hinterausgang raus. Zum Glück. Marie zögerte einen Moment, dann verließ auch sie die Garderobe und ging in den Gang zur hinteren Ausgangstür. Mit der rechten Schulter drückte sie gegen die Tür und schob gleichzeitig mit der Hand die Klinke nach oben. Die Tür öffnete sich behäbig und gerade weit genug, dass sie hindurchschlüpfen konnte. Schon lange war ihr nicht mehr aufgefallen, in welch schlechtem Zustand dieser Teil des Krankenhauses war. Sie hatte sich daran gewöhnt, im Winter die Heizung des Umkleideraums mit dem Schraubenschlüssel anzudrehen, einen Bogen um die ausgebeulte Stelle im Boden zu machen und sich einen Platz zu suchen, der weit genug von den zugigen Fenstern entfernt war.
Aber heute war es anders. Heute stach ihr der Verfall des Gebäudes direkt ins Auge. Sie blieb stehen und ließ den Blick an der Fassade nach oben wandern. Die Mauer war schmutzig grau, von den früher einmal weißen Fensterrahmen liefen braune Spuren an der Wand nach unten. Wie es auf dem Flachdach aussah, konnte Marie nicht feststellen. Aber sie konnte es sich bildhaft vorstellen.
„Wie ein kleiner Wald“, hatte der Assistenzarzt bei der letzten Betriebsfeier erzählt. Er und die neue Schwester waren oben gewesen. Was sie dort gemacht hatten, wollte Marie nicht wirklich wissen. Kurz darauf war der Arzt weg gewesen. Die Schwester schlurfte seitdem unzufrieden durch die Gänge des Krankenhauses.
Marie seufzte. Wie hatte sie nur über die Baufälligkeit hinwegsehen können? Ganz am Anfang, als sie ihre Stelle angetreten hatte, war es ihr schon aufgefallen. Das schönste im Landkreis war dieses Krankenhaus nicht gerade gewesen. Aber sie war so froh, als Krankenschwester arbeiten zu dürfen, dass es sie nicht gekümmert hatte. Eigentlich war es auch nicht wichtig. Entscheidend war der Zustand ihrer Arbeitsstätten. Der Operationssäle und Krankenzimmer. Die waren immer einwandfrei in Ordnung gewesen. Bis jetzt. Jetzt wurde der Betrieb des Hauses zu teuer. Marie hatte die Worte des Direktors noch im Ohr. Er hatte ehrlich verzweifelt geklungen, als er ihnen die schreckliche Nachricht eröffnete. Zum Ende des Monats würde man das Krankenhaus schließen. Endgültig und unwiderruflich. Schon vor Jahren waren die Hals-Nasen-Ohren-Station und die Geburtshilfe in die nächste größere Stadt umgezogen. Nur die Orthopädie war übrig geblieben. Dann waren immer weniger Patienten gekommen. Jetzt hatte der Eigentümer beschlossen, das Haus ein für alle Mal zu schließen.
Marie runzelte die Stirn. Eigentlich hätte sie es ahnen müssen. Die Kolleginnen hatten schon seit Monaten getuschelt. Aber sie hatte nicht zugehört. Das Gerede der anderen interessierte sie nicht. Viel lieber machte sie sich nach der Arbeit sofort auf den Weg nach Hause. Zu ihrem Häuschen. Zu Georg.
Auf einmal überkam sie eine prickelnde Wärme. Unglaublich, dass sie immer noch Schmetterlinge im Bauch hatte, wenn sie an Georg dachte! Und das, obwohl sie ihn praktisch seit ihrer Geburt kannte. Jahrelang waren sie beste Freunde gewesen. Dann, vor sechs Monaten, hatte sich alles geändert. Jetzt waren sie ein Paar. Nicht verheiratet, aber verliebt und zusammen. Wie blind sie beide doch gewesen waren! Sie hatte ihm sogar geholfen, eine Frau zu suchen, mit der er den Hof weiterführen konnte. Nur gut, dass das Ganze schiefgegangen war und sie rechtzeitig erkannt hatten, was sie füreinander empfanden.
Marie war so in Gedanken, dass sie ihn erst hörte, als er fast bei ihr war. Sie drehte sich um. Die Sonne war dabei, hinter den Berggipfeln zu versinken, und beleuchtete die Gestalt von hinten, sodass Marie nur die graue Silhouette ausmachen konnte. Als sie den Arzt erkannte, blinzelte sie erstaunt.
„Frau Weber, bitte warten Sie.“ Er lief die letzten Schritte auf sie zu und blieb abrupt vor ihr stehen. Marie spürte, dass er ein paar Zentimeter zu dicht an sie herangekommen war. Seit ihrer Kindheit hatte sie ein gutes Gespür für die richtige Distanz. Sie mochte es nicht, wenn andere Menschen ihre unsichtbare Grenze überschritten. Wenn sie ihr zu nahe kamen. Das durften nur sehr wenige, sehr vertraute Personen. Marie zwang sich, nicht unwillkürlich einen großen Schritt nach hinten zu machen. Sei nicht albern, sagte sie in Gedanken zu sich selbst.
Der Chefarzt stemmte die Hände lässig in die Hüften und strahlte Marie an. Er war kein bisschen außer Atem. Er schien ausreichend Sport zu treiben und – wie die leichte Bräune in seinem Gesicht erahnen ließ – sich gerne in der Natur aufzuhalten.
Marie mochte ihn. Er war deutlich älter als die anderen Ärzte und arbeitete als Anästhesist an der Klinik, seit sie hier angefangen hatte. Auch wenn sie sich nie viel miteinander unterhalten hatten, waren sie sich beruflich sehr vertraut. Ohne viele Worte ahnte Marie immer im Voraus, was er im OP brauchte, und sie wusste, dass er ihre reibungslose Zusammenarbeit schätzte.
Es war ungewohnt, ihn hier draußen zu treffen. Auch er schien das zu merken. Er wirkte befangen. Als müsse er außerhalb der alles bestimmenden Klinikregeln erst nachdenken, wie er mit Marie sprechen sollte.
„Es tut mir leid, dass ich Sie so überfalle.“
Marie sagte nichts.
„Haben Sie ein paar Minuten Zeit?“
Marie dachte nach. Allerdings nur einen klitzekleinen Moment, in dem sie bedauerte, dass sie nicht sofort nach Hause zu Georg konnte. Dann sagte sie: „Natürlich.“ Als der Arzt erleichtert nickte, schob sie hinterher: „Gerne.“
***
Auf seinem Hof mit Blick über das Tal stand Georg mit dem Rücken an die Stallwand gelehnt. Er beobachtete seine Mutter Christl, die vom Haus aus auf ihn zukam. Georg grinste. Auch wenn seine Freundin Marie ihm mangelnde emotionale Intelligenz bescheinigte – seine Mutter durchschaute er ganz gut. Sie hatte zwei Gläser und eine Wasserkanne in der Hand und ließ den Blick über den Hof wandern. Noch hatte sie ihn nicht entdeckt.
Er ging ein paar Schritte auf sie zu. „Suchst du mich?“
Christl stoppte. Sie wirkte ertappt. „Nein. Ja. Also nicht direkt.“ Sie machte eine kurze Pause, dann lachte sie. „Na gut, du weißt sowieso, was ich will. Nur kurz, ja?“
Georg lächelte und nickte. Dann setzte er sich auf die Bank an der Hauswand und wartete, bis Christl neben ihm Platz genommen hatte.
Früher waren sie selten zusammen hier gesessen. Sie waren immerzu beschäftigt. Georg mit den Tieren und den Arbeiten rund um den Hof. Christl mit dem Haus, dem Garten und der Küche. Doch seit dem Tod von Georgs Vater Max sprachen sie viel miteinander. Christl hatte ihm ins Gewissen geredet und ihm die Augen geöffnet, was seine Gefühle betraf. Ihr hatte er es zu verdanken, dass er jetzt mit Marie zusammen war.
In letzter Zeit war seine Mutter ruhiger geworden. Sie wuselte nicht mehr den ganzen Tag im Haus herum und versuchte, Unmengen von Essen auf den Tisch zu bekommen für Gäste, die sich doch nie einfanden. Stattdessen legte sie oft Pausen ein und nahm sich Zeit für lange Spaziergänge. Und sie suchte seine Nähe. Georg genoss das.
Christl schenkte ihnen ein und stellte Gläser und Karaffe auf den Boden. Dann bückte sie sich noch einmal, hob ihr Glas hoch und trank einen großen Schluck.
Georg musterte sie von der Seite. Er musste wieder grinsen. Unglaublich, wie gut er im Gesicht seiner Mutter lesen konnte. Das war nicht immer so gewesen. „Also. Was gibt es?“, fragte er.
Christl setzte eine überraschte Miene auf. „Warum? Was meinst du?“
Georg schüttelte den Kopf. „Du hast doch etwas auf dem Herzen, das hab ich schon gemerkt, als du aus dem Haus gekommen bist.“
Christl nahm noch einen Schluck und stellte das Glas zurück. „Also gut, dir kann ich nichts vormachen. Ich wollte etwas mit dir besprechen. Es geht um den Termin nächste Woche.“
Jetzt zog Georg erstaunt die Augenbrauen hoch. Was den Termin beim Notar anbelangte, war für ihn eigentlich alles klar. Er war der einzige Sohn, das Erbe würde also nach dem Tod seines Vaters an Christl übergehen und später an ihn. Georg wartete, bis seine Mutter weiterredete.
„Ich habe heute Vormittag beim Bäcker die Angelika getroffen. Ihre Tochter Lara arbeitet seit ein paar Monaten in der Kanzlei.“
Georg erinnerte sich vage an Lara. Sie war ein paar Jahre jünger als er.
Christl biss sich auf die Unterlippe und zögerte, bevor sie weiterredete. „Du wirst mich für dumm halten. Aber die Angelika hat mich ganz komisch angeschaut. Sie weiß irgendwas, da bin ich mir sicher.“
„Ach so!“ Georg musste sich beherrschen, um nicht zu lachen. „Und jetzt hast du Angst, dass uns beim Notar eine böse Überraschung erwartet, von der die Lara ihrer Mutter heimlich erzählt hat?“
Christl blieb ernst. „Ich weiß, das klingt kindisch.“ Der nächste Satz war trotzig. „Aber ich habe ein Gespür für solche Dinge. Irgendetwas stimmt nicht.“
Georg nahm einen tiefen Zug aus seinem Glas. „Kann schon sein. Vielleicht weiß Angelika wirklich etwas, das sie dir nicht sagen darf. Aber vielleicht hat sie auch nur überlegt, ob sie Brezen oder Semmeln fürs Abendessen kaufen soll.“ Er klopfte seiner Mutter aufmunternd auf die Schulter. „Der Termin ist reine Formsache. Das einzig Ungewisse ist die Farbe von dem Stift, mit dem wir unterschreiben. Du wirst sehen. Wir gehen rein, hören zehn Minuten zu, malen unsere Namen, und dann war es das.“
Christl zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich hast du recht.“
Eine Weile lang redeten sie über Marie. Georg spürte, wie überglücklich Christl war, dass er und Marie endlich zusammengefunden hatten. Seine Mutter fand, dass sie perfekt zueinanderpassten. Und fragte wieder einmal, wann ihre zukünftige Schwiegertochter auf dem Hof einziehen würde.
„Ich will mich ja nicht einmischen“, sagte sie, „aber hier ist doch viel mehr Platz. Ich würd mich so freuen. Ich zieh unters Dach und ihr könnt euch im ganzen Haus ausbreiten.“
Georg lächelte. Auch er wünschte sich, dass Marie öfter bei ihm war. Aber er kannte seine Freundin gut genug, um zu wissen, dass er sie nicht bedrängen durfte.
„Irgendwann kommt sie bestimmt“, sagte er. „Jetzt muss ich los, die Kühe warten.“
Als Marie den Hof erreichte, atmete sie tief ein und aus und drückte die Schultern nach hinten. Sie musste mit Georg reden. So schnell wie möglich. Sie ging durch den Innenhof auf den Stall zu und seufzte. Alles hier war so vertraut. Seit sie denken konnte, war sie hierhergekommen und hatte ihren besten Freund besucht. Georg und sie hatten gemeinsam die Stallarbeit erledigt. Manchmal waren sie einfach nur über die Wiesen gelaufen oder waren in den Bäumen gesessen und hatten die Füße baumeln lassen. Georg hatte so selbstverständlich zu ihrem Leben gehört, dass sie sich immer noch wunderte, wie blind sie gewesen war. Wann hatte sich ihre Freundschaft in Liebe verwandelt? Marie wusste es nicht. Und sie konnte jetzt auch nicht darüber nachdenken. Sie musste das Gespräch gut anpacken. Georg war ein liebenswerter und offener Mensch und ein wunderbarer Freund und Partner. Aber ausführliches Reden, gar über Probleme, war nicht seine Stärke.
Im Stall stieg ihr der heimelige Geruch nach Tieren und Heu in die Nase. Sie ging ein paar Schritte auf die Stallgasse zu.
Georg hatte sie noch nicht bemerkt. Er war mit dem Melken fertig und verteilte frisches Heu.
Marie versetzte es einen Stich in die Brust. Ihr Freund sah gut aus. Nicht so glatt und elegant wie die Männer in den Katalogen, die ihr in den Briefkasten flatterten. Georg war auf eine natürliche Weise schön. Sein Körper war von der harten Arbeit geformt. Er hatte breite Schultern und muskulöse Arme. Jetzt schwitzte er, und seine blonden Locken standen ihm wirr vom Kopf ab. Mit dem Handrücken fuhr er sich über die Stirn und schob eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Das sah unfassbar süß aus.
Plötzlich drehte Georg sich um und entdeckte sie. Er strahlte über das ganze Gesicht.
„Da bist du endlich.“ Er kam auf Marie zu und nahm sie in den Arm. Marie fühlte sich sofort wohl. Seine Wärme und seine Stärke gaben ihr Halt. Zu gern wäre sie einfach nur so stehen geblieben. Aber sie musste ihm etwas sagen.
„Dr. Schröder hat mich aufgehalten.“
Georg schob sie mit dem Arm ein Stück von sich und ließ den Blick über ihren Körper schweifen. „Dr. Schröder, ja?“ Er grinste. „Wenn ich der Arzt wäre, würde ich dich auch aufhalten. Ich kann mir denken, was er wollte.“
„Ach was“, erwiderte Marie. „Wir haben eine rein berufliche Beziehung.“
Georg küsste sie auf den Mund. „Dann passt’s ja.“ Er nahm die Heugabel wieder in die Hand. „Ich bin gleich fertig, dann gehen wir rein, einverstanden? Christl wartet schon.“
Marie zog die Mundwinkel auseinander. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für das Gespräch. Sie würde heute Abend mit ihm reden. „Gut, ich muss noch kurz zu Boris.“
Boris, das Pferd, war Maries tierischer Freund. Georgs Familie hatte es von einem benachbarten Hof übernommen, der seinen Reitbetrieb eingestellt hatte. Der alte Boris war als unverkaufbar zurückgeblieben und wohnte seitdem in der Scheune. Marie kam täglich, um nach ihm zu sehen.
Als sie in die Box trat, schnaubte Boris erfreut. Sie tätschelte ihm den Hals, und er schaute sie dankbar an. Seine Augen waren trüb. Er war alt. In den letzten Wochen hatte ihn ein hartnäckiger Husten gequält. Marie machte sich Sorgen um ihn, sie spürte, dass das Tier nicht mehr richtig bei Kräften war. Aber jetzt hatte sie andere Probleme. Sie schob die Befürchtungen weg, fütterte ihr Pferd, schlenderte ins Haus und wusch sich die Hände.
Beim Abendessen plätscherte die Unterhaltung vor sich hin. Marie bemühte sich um einen fröhlichen Plauderton und um ein unverfängliches Gesprächsthema. Weder Georg noch Christl schienen Maries gedrückte Stimmung zu bemerken. Christl freute sich offenbar über die Gesellschaft und ließ sich das Essen schmecken. Danach verabschiedete sie sich und verschwand in ihr Zimmer.
Kurz darauf gingen Marie und Georg ins Wohnzimmer und machten es sich auf dem Sofa bequem. Marie legte ihren Kopf auf Georgs Brust. Er streichelte ihre Haare, und sie spürte seinen Herzschlag. Seine Nähe war schön. Warm und weich. Marie lief ein wohliger Schauer über den Rücken. Jetzt kann ich unmöglich mit ihm reden, dachte sie noch, dann schloss sie die Augen.
Sie musste eingeschlafen sein. Als Marie sich aufsetzte, war es draußen stockdunkel. Sie brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Aus dem Flur drang ein warmer Lichtschein durch den Spalt in der Tür.
„Ich muss los.“
Georg legte ihr den Arm um die Schulter. „Bleib doch hier“, murmelte er.
Marie seufzte. Zu oft schon hatten sie das besprochen. Georg wollte, dass sie bei ihm einzog. Doch sie liebte ihr Haus. Das urige Hüttchen am Berghang, in dem sie seit ihrer Kindheit wohnte. Erst mit ihren Eltern Gabriele und Werner, später alleine. Natürlich wäre sie gern öfter mit Georg zusammen. Aber auf seinem Hof wohnen kam für sie nicht infrage. Solange er das nicht einsah, wollte sie auch nicht bei ihm übernachten.
„Du kannst ja mit zu mir kommen“, schlug sie vor.
Georg schüttelte den Kopf. „Du weißt, dass das nicht geht. Ich muss morgen früh in den Stall. Und wenn etwas mit Christl ist, muss ich da sein.“
Das war Marie klar. Und sie fand, dass es auf Dauer so nicht weitergehen konnte.
Sie stand auf, betrat den Flur und schnappte sich ihre Jacke vom Haken.
Auch Georg erhob sich, folgte ihr und schlüpfte in seine Schuhe. Obwohl Marie immer wieder beteuerte, sie könne alleine gehen, wollte er sie begleiten.
Als sie nach draußen kamen, wehte ihnen ein kühler Luftstoß entgegen. Es war frisch, noch hatte der Frühling nicht richtig Fahrt aufgenommen. Marie hakte sich bei Georg unter. Wortlos stiegen sie den Berg hinab. Der Mond war fast voll und erhellte die Umgebung. Aber auch ohne das Licht hätten sie gewusst, wohin sie ihre Schritte lenken mussten.
Nachdem sie die Kehre im Wald genommen hatten, ging es wieder bergauf. Sie verließen den Weg und marschierten das letzte Stück zum Haus über die feuchte Wiese. Georg schlang seinen Arm um Maries Schulter und drückte sie fest an sich. Dann hielt er sie zurück und umarmte sie innig. Als er sie küsste, fuhr ein Prickeln durch Maries Körper. Nur mit Mühe konnte sie sich von Georg lösen.
