Wieder Krieg in Europa -  - E-Book

Wieder Krieg in Europa E-Book

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Beschreibung

Nie wieder Krieg - das war der Grundsatz mit dem Generationen gut gelebt haben. Die Gewissheit wurde von den Aggressoren im Kreml zerstört, und das hat vielen Menschen hier sehr zugesetzt. Weit schlimmer erging es den Ukrainern. Die Männer müssen kämpfen um ihr Leben. Viele Frauen und Kinder sind geflüchtet. Wir sehen entsetzt die Bilder in der Tagesschau, und ich finde sie so schlimm, dass man es kaum ertragen kann. Um eine Einstellung und Orientierung zu gewinnen, tauschten sich fünf Freunde aus - fünf Freunde gegen den Krieg, und doch waren wir uns keineswegs einig. Herausgekommen ist eine Diskussion um die verschiedenen Standpunkte. Erfreulich war in dem Dilemma, dass diese Ausanandersetzung selbst zwischen konträren Protagonisten in der Form friedlich und von Respekt geprägt war. Leider geht der Krieg mit Kampf, Tod, Enbehrungen und Traumata weiter. Der Ausgang ist ungewiss, Anlass besteht, sich weiterhin zu fürchten.

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Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Kriege – wenn ich über das grausame Thema, die abstoßenden Morde und den Tod aus der Luft, der auf die Menschen niedergeht, schreiben muss, kostete eine Mühe, wie ich sie bisher nicht kannte. Selbst das allererste Buch über die Monate in Israel als Menschenrechtsbeobachter, ging mir vergleichsweise leicht von der Hand und auf das Papier. Eine endgültige Veränderung war eingetreten, die Welt war nicht mehr die bekannte, und überwiegend geliebte Erde. Es hatten sich schon länger Brüche aufgetan, jene Barbarei, welche wir beschworen hatten, kommt uns schnell näher. Doch auch die Wahrnehmung hat sich verändert. Seit dem Krieg erscheint das Gewohnte neu. Die Einen verstehen nicht mehr die Anderen, und diese sehen nichts mehr von sich in denen, die im Land das Sagen haben, Politiker, Journalisten, Ideologen – kurz Eliten. Ein Riss geht durch die Welt, wie ein Gletscherbruch. Es tat sich ein Abgrund auf, und es stellt sich die bange Frage, was wir tun müssen, um ihn zu überwinden.

Inhalt

Die Karte (Hans-Martin)

Aufmarsch (Roland)

Mir geht viel durch den Kopf (Gerold)

Schrecken des Krieges M.H.

Reaktionen und Hintergründe

Wie konnte es dazu kommen?

Sumy, wo die Steppe beginnt

Empört Euch

Post von Michael

Kontrapunkt – Frieden schaffen

Aufrüstung als Notlösung

Exkurs zum Scheitern des Kommunismus

Exkurs 2 – Warum zerfiel die Sowjetunion

Exkurs 3 – Phantomschmerzen

Landeskunde

Der Ptolemäer - Brief

Erwiderung

Re-Post von Michael

Weiterer Brief von Michael

Gewöhnung an den Zermürbungskrieg

Krieg und seelische Beschädigung

Warum es noch keinen Frieden gibt

Ein Krieg als Kampf ums Überleben

affirm life. we got to carry each other now you are either with life, or against it. affirm life

suheir hamad

Diese Sätze schrieb die Dichterin, als sie die Twin Towers in Manhattan fallen sah.

Es kam einer aus der Armee zurück, der hat in Afghanistan gekämpft. Er war so an den Krieg gewöhnt, dass er gelitten hat und nachts durch die Stadt gewandert ist und alle erschreckt hat. Nicht absichtlich, aber es ging einfach etwas von ihm aus. Irgendetwas Quälendes. Seine Psyche war natürlich am Ende! Es war, als würde er den Krieg mit sich herumtragen, wie dieser Seemann das Meer in sich trägt. Und von Zeit zu Zeit brach dieser Krieg aus ihm heraus. Zuerst dachte man, er wäre ein Irrer, ein paar Leute haben sich nachts so über ihn erschreckt, dass sie fast einen Herzinfarkt bekommen hätten. Die Psychologen wurden auf ihn aufmerksam, die Miliz war hinter ihm her. Schließlich haben sie ihn abgeholt. Er hat den Psychologen alles erzählt, hat erzählt, wie schwer es für ihn ist ohne den Krieg. Und was haben sie mit ihm gemacht? Ihn in die Klapse gesteckt? Nein, sie haben ihn nach Afghanistan zurückgeschickt, und dort ist er Gott sei Dank schnell umgekommen.

Andreij Kurkov, Jimi Hendrix in Lemberg, Zürich 2014, S. 331

VERMEER

Solange noch diese Frau aus dem Rijksmuseum in der gemalten Stille und Andacht Tag für Tag Milch aus dem Krug in die Schüssel gießt verdient die Welt keinen Weltuntergang W. Szymborska

Die Karte

Hans Martin: Ich suchte einmal wieder irgendetwas im Keller. Dabei fiel mir ein graues, auf DIN-A4 gefaltetes Blatt in die Hände. Es muss viele Jahre her gewesen sein, dass ich es zuletzt dorthin verstaut hatte. Einst stammte es aus dem Nachlass meines Vaters. „Ravenstein Karte Osteuropa“ stand in roter Schrift auf dem ausgebleichten Deckblatt. „1:3½ Millionen“, also im Maßstab 1 zu 3.500.000.

Die Ausgabe stammte von 1943 und hatte meinem Vater 2,50 Reichsmark gekostet. Warum fiel mir diese Karte ausgerechnet jetzt in die Hände, wo Putin einen zentralen Teil dieses Osteuropas, die Ukraine, überfallen hatte, das Land in Schutt und Asche bombte und seine Menschen in die Flucht trieb oder gleich umbrachte?

Die Abendnachrichten brachten seit ein paar Wochen die Namen jener Ort, die heiß umkämpft oder unter starkem Raketenbeschuss litten. So erfuhr man von Städten, deren Namen mir bisher völlig unbekannt waren: Charkiw, Slowjansk, Tschernihiw, Irpin. Aus manchen Städten wie Mariupol kamen dramatische Hilferufe. Die Stadt war fast völlig ausgelöscht, obwohl noch über 160.000 Menschen in ihren Kellern ausharrten. Andere Städtenamen wurden durch die Ströme von Flüchtlingen bekannt. So Nikolajew nahe der Moldawischen Grenze. Oder wir erfuhren, dass jene Stadt nahe der polnischen Grenze, die wir bisher nur unter ihrem Namen Lemberg kannten, in der Ukraine Lwiw heißt.

Der Wunsch, mir die Lage dieser unbekannten Orte besser vorstellen zu können, als es die nur sekundenlang in der Tageschau gezeigten geografischen Einordnungen ermöglichten, ließen mich die alte Osteuropakarte auffalten. Meine Augen schweiften über das endlos erscheinende, grün eingefärbte Gebiet der Sowjetunion. Weit im Osten, in der Teilrepublik Tartastan, blieben sie an zwei rot unterstrichenen Städtenamen hängen: Kasan an der Wolga und Jelabuga an der Kama. Es waren jene Orte, in denen mein Vater in russischer Kriegsgefangenschaft war und die er mit einem Farbstift markiert hatte. In den Jahren, die er dort gefangen gehalten wurde und während er zuhause als vermisst galt, hielt er seine Erfahrungen und Gedanken in kleinen Heftchen fest, die er sich aus Zigarettenpapier gebunden hatte und die sich heute neben seiner aus Ponyschwanzhaaren gefertigten Zahnbürste, seinem blechernen Trinkbecher und einem geschnitzten Holzlöffel in einem Holzkästchen in meinem Arbeitszimmer befinden. Alles erinnert an jenen Ort, den er auf der Karte rot unterstrichen hat.

Von Jelabuga ließ ich meinen Blick wieder westwärts wandern, dorthin, wo die Ukraine vermerkt war. Hier versuchte ich mich zu orientieren. Ein Gebiet, das einem auf der Karte sofort ins Auge fällt, ist die Halbinsel Krim. Hierhin war die Einheit meines Vaters 1943 verlegt worden. Ich erinnerte mich daran, dass er früher des Öfteren von Kertsch berichtet hatte, jener östlichsten Stadt auf der Krim, direkt an der schmalen Meeresenge gelegen, die das Schwarze Meer mit dem Asowschen Meer verbindet. Bilder von dort hatten die Abendnachrichten vor einiger Zeit über unseren Bildschirm laufen lassen, nachdem Russland die Krim annektiert und dann eine lange Brücke über diese Meerenge hatte bauen lassen, um einen direkten Landweg zur Krim zu erhalten. In seinen Kriegserinnerungen, die mein Vater schriftlich festgehalten hatte, schreibt er: „Wir wurden in Kertsch … ausgeladen und erhielten unseren Dienstbefehl für Wladislawowka. Der Ort lag an der engsten Stelle der Halbinsel, so dass wir eventuelle Angriffe aus dem Süden vom Schwarzen Meer her gleichzeitig aus dem Norden vom Asowschen Meer her abwehren sollten.“ Ganz kleingedruckt entdeckte ich auch diesen Ort auf der Karte.

Am Ende des Jahres, so war in seinen Erinnerungen weiter zu lesen, erhielt er den Einsatzbefehl, in Nikolajew eine 8,8 cm-Flak-Batterie aufzustellen. Und genau auf diesen Ort stießen mich die Nachrichten jetzt wieder und vermeldeten Flüchtlingsströme von dort zur nahen moldawischen Grenze.

Krieg, Zerstörung, Tod, Flucht - damals wie heute. Die Ukraine – ein arg geschundenes Land. Vor achtzig Jahren kam die Vernichtung aus dem Westen, heute aus dem Osten. Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht. Aber es ist schwer zu verstehen und zu akzeptieren, dass Machtgier, Gewalt und Hass immer wieder neu entstehen. Das sollte gerade uns in Deutschland mit unserer Geschichte und unserer daraus resultierenden Verantwortung besonders sensibel für die augenblickliche Situation in der Ukraine machen. Gleichzeitig führt diese Sensibilisierung zu Verunsicherung und Hilflosigkeit – was können wir tun?

Das neue Jahr hatte erst seit wenigen Wochen begonnen, da wurde uns erschreckend bewusst, dass es ein besonders schweres werden würde, dass vermutlich sogar eine Zeitenwende bevorstehen würde. Ein grausamer Krieg in der Ukraine, düstere Corona-Aussichten, Klimawandel, Energiekrise, Flüchtlingsbewegungen, Versorgungsmangel und Inflation forderten Politikerinnen und Politiker wie auch uns alle zum Handeln auf, im Kleinen wie im Großen, im Alltäglichen wie im Besonderen. Und geraten im Angesicht des Grauens, mit dem Putin die Ukraine überzieht, unsere festen Überzeugungen und Werte ins Schwanken? Der Slogan „Nie wieder Krieg“ als Antwort auf die Schrecken der Weltkriege des vorigen Jahrhunderts schien über Nacht gestrichen zu sein. Was tun, wenn ein Eroberungskrieg geführt wird, der ohne Waffengewalt nicht aufzuhalten ist? Hatte sich die friedensbewegte Forderung „Frieden schaffen ohne Waffen“ plötzlich in Luft aufgelöst? War es eine Illusion gewesen, zu hoffen, dass das möglich sein könnte? Glauben jene, die das schon immer für eine Illusion gehalten haben, dass Krieg immer das letzte Wort haben muss?

Es fällt mir schwer, auf solche Fragen eine schnelle und einfache Antwort zu finden, sicherlich gerade deswegen, weil es sie nicht gibt. Denn die Argumente der Friedensbewegung stimmen ja immer noch, dass die Spirale des Wettrüstens dazu führt, dass die Waffen dann irgendwann auch eingesetzt werden. Oder dass sie in falsche Hände geraten können. Wenn die Parteien plötzlich Hundertmilliarden Euro für die Ankurbelung der Rüstungsspirale zur Verfügung bekommen, dann scheint das die Hilflosigkeit der Politik auszudrücken. Und dieser Hilflosigkeit der Politik kann ich nur die eigene Hilflosigkeit entgegenhalten. Beruhigend klingt das nicht. Die Widersprüchlichkeit und Kompliziertheit solcher Fragen haben mich mein Leben lang begleitet; so als Kriegsdienstverweigerer und gleichzeitiger Unterstützter von Befreiungsbewegungen, deren Völker von Kolonialmächten brutal unterdrückt wurden. Was Krieg bedeutet, habe ich selbst mit den Partisanen in Eritrea, bei den Kriegsopfern in Vietnam, bei den Kindersoldaten in Kambodscha oder im Rahmen einer “fact-finding“ Mission zu den Massakern des Militärs auf den Philippinen oder während der Solidaritätsarbeit für die Befreiung aus kolonialer Unterdrückung von Guinea-Bissau, Angola und Mosambik und für den Widerstand gegen die Apartheid in Südafrika erfahren. Wichtig ist, und das habe ich dabei auch gelernt, nicht nur zu wissen, wogegen man kämpft, sondern auch vor allem wofür. Viele der Befreiungskämpfer haben das, nachdem sie ihr Ziel der Befreiung erreicht hatten, bald vergessen. Nicaragua, El Salvador, Eritrea, Simbabwe und auch Südafrika bilden dafür traurige Beispiele

Auch in der jetzigen Situation muss neben allem Wogegen immer auch das Wofür mitgedacht und mitgehandelt werden. Und das ist nicht zuletzt die Vision von einem friedlichen, gemeinsamen Europa in Freiheit, die die Demokratien Putins aggressivem, antidemokratischem Regime entgegenhalten müssen, auch wenn die Realisierung einer solchen Vision im Augenblick unendlich weit entfernt zu sein scheint. Darum wird es nicht ausreichen, sich dem Aggressor entgegenzustellen. Vielmehr müssen wir uns auch fragen, was wir noch alles tun müssen, um ein attraktives Modell für eine demokratische Zukunft zu sein. Bei dem Bemühen gibt es noch reichlich Luft nach oben. Dabei braucht man nur an die soziale Frage oder an den Einsatz zum Erhalt menschlichen Lebens auf diesem Planeten zu denken.

Aufmarsch, von Roland

Als hätte die Pandemie nicht gereicht, kam Ende Februar 2022 noch Putins Krieg gegen die Ukraine dazu. Schon während des monatelangen, als Militärmanöver deklarierten Truppenaufmarschs entlang der Nord-, Ost- und Westseite des Landes wuchsen die Befürchtungen in den westlichen Ländern und es starteten fast tägliche diplomatische Verhandlungen der namhaftesten westlichen Staatschefs bzw. Außenminister mit Putin, der alles abstritt und alle unverfroren anlog, bis genügend Streitkräfte an den Grenzen präsent waren und das Land somit von drei Seiten eingekesselt war. Dann erklärte er der Ukraine den Krieg, mit den abenteuerlichen Begründungen schwer nachvollziehbaren Kriegszielen. Beispiele: Die russische Armee müsse den Bewohnern der sowieso schon russisch besetzten Gebiete in der Ukraine (Donbass und Luhansk) zu Hilfe kommen, da sie von einem Genozid durch die Ukraine bedroht seien; die Ukraine müsse von der Herrschaft der Nazis befreit werden (Präsident Selinskyj ist einer der wenigen Nachfahren der Juden, die hier in der Westukraine bis zum Holocaust durch die Nationalsozialisten keine Minderheit waren! Anmerkung G.H.); das Land müsse demilitarisiert werden, da es Russland mit seinen Atomwaffen bedrohe – die allerdings 2004 vernichtet worden waren, nachdem Putin dem Land Sicherheitsgarantien gegeben und seine nationale Souveränität anerkannt hatte.

Der Vormarsch der russischen Truppenverbände verlief aber zuerst mal gar nicht so, wie Putin sich dies vorgestellt hatte. Statt einer Eroberung der Hauptstadt Kiew in wenigen Tagen kamen die Soldaten nur sehr langsam und unter großen Verlusten voran. Dies lag einerseits an der unerwartet harten und schlagkräftigen Gegenwehr, die ukrainische Truppen dem Angriff entgegensetzten, andererseits an der extrem hohen Kampfmoral der ukrainischen Truppen und schließlich an deutlichen Mängeln bei Kampfmoral und Ausrüstung der russischen Invasionstruppen: zu viele der Soldaten waren frisch eingezogene Rekruten (denen erzählt worden war, sie zögen nur in ein Manöver); große Material- und Treibstoffmängel ließen viele Fahrzeuge liegen bleiben; Verpflegung und Logistik waren unzureichend – zumindest anfänglich. Schon schnell richtete sich daher das Bombardement nicht nur gegen militärische Ziele, wie Putin in seiner Propaganda stets versicherte, sondern immer mehr gegen Zivilisten in Wohngebieten, Supermärkten, Krankenhäusern, Schulen usw. Sogar das größte europäische Atomkraftwerk wurde beschossen. Jegliche Kritik an dem Krieg (wie z.B. durch die Nennung des Wortes „Krieg“) wurde in Russland mit härtesten Strafen bis zu fünfzehn Jahren Arbeitslager belegt, alle potentiell kritischen Medien, Sender und TV-Kanäle wurden stillgelegt, Demonstrationen im Keim erstickt. Eine der sofortigen Folgen sind Flüchtlingsströme in Millionenhöhe: Frauen, Kinder und Alte dürfen die Ukraine verlassen, Männer bis zum Alter von sechzig Jahren müssen an die Front. Daneben entwickelt sich eine immer größere Guerilla-Bewegung, die im Häuserkampf den einmarschierenden Russen den wahrscheinlichen Sieg so schwer wie möglich zu machen versuchen. Ausgang ungewiss!

Wir reagierten überrascht und mit Entsetzen auf diese Aufkündigung des Völkerrechts und aller zwischenstaatlichen Sicherheitsabkommen seit dem 2. Weltkrieg, und auf die Nicht-Anerkennung der Souveränität des Staates Ukraine. Die westlichen Regierungen wirkten vollkommen hilflos, einigten sich aber schließlich auf sehr weitreichende Sanktionen gegen die russische Führungsclique, wichtige Banken und die wichtigsten Oligarchen. Das erschwerte, viel schneller als erwartet, das öffentliche Leben in Russland, denn sehr viele Bürger konnten z.B. plötzlich kein Geld mehr abheben oder wurden arbeitslos. Bundeskanzler Scholz erklärte sofort, dass die fertige russische Ostsee-Gas-Pipeline Nordstream 2 nicht in Betrieb genommen werde. Auslandsreisen waren Russen nicht mehr möglich, da die meisten Länder weltweit russischen Flugzeugen die Überflugrechte verweigerten oder den Service der von vielen russischen Luftfahrtunternehmen verwendeten westlichen Flugzeugtypen einstellten. Viele große Konzerne (z.B. VW oder Mercedes) schlossen ihre Filialen – ausgenommen demjenigen u.a. dem mit fossilen Brennstoffen, denn darauf sind viele EU-Länder angewiesen. Nun rächte sich die große Abhängigkeit, in die die Politik der letzten Jahrzehnte uns gebracht hatte – und zugleich finanzierten wir so durch den Kauf von Öl, Gas und Kohle mit sechs bis Siebenhundertmillionen Dollar täglich aus westlichen Ländern gerade den Krieg, den wir ablehnten. Sogar führende CDU/CSU-Politiker mussten zugeben, dass es ein Fehler war, die neuen Energien ausgebremst zu haben, denn die Energieversorgung stellte sich als sicherheitsrelevant heraus! Wird die „Ampel-Koalition“ es schaffen, ihr Programm des massiven Ausbaus neuer Energieformen zu verwirklichen?

Ein Nebenprodukt dieses Krieges und der allgemeinen Verunsicherung ist die Erkenntnis, dass die deutsche Bundeswehr in einem desolaten Zustand ist, und dass sie im Krisenfall ihre Aufgaben, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt wahrnehmen könnte. Von dem vorhandenen Material ist der Großteil so veraltet, dass z.B. bei Panzern, Schiffen und Flugzeugen jeweils nur ein kleiner Teil einsatzfähig ist, da man aus dem Rest Ersatzteile ausschlachtet, die nicht mehr hergestellt werden. Das gesamte Beschaffungswesen ist schon seit Langem vollkommen ineffizient, die verkrusteten Hierarchien verhindern sinnvolle Entscheidungen. Nun hat in Anbetracht des Krieges in Europa Bundeskanzler Scholz über Nacht ein Sondervermögen in Höhe von Einhundertmilliarden Euro für die Erneuerung der Armee angekündigt – und so etwas kommt nun von genau denjenigen, die sich Jahrzehnte lang für Frieden und Abrüstung eingesetzt haben! Kann man sich eigentlich auf irgendwen und irgendwelche Abmachungen verlassen? Andererseits gab es seit dem 2. Weltkrieg in Europa auch keine so extreme Herausforderung mehr – und diese fordert eben auch entschlossene Reaktionen, schließlich hat Putin inzwischen schon nuklearen Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt.

Gerold - Mir geht in der letzten Zeit viel durch den Kopf:

ich fühle mich sehr hilflos gegenüber denen, die momentan in der Ukraine leben, kämpfen oder fliehen. Großartige Menschen! Was ist schon meine Überlegung über Sachoder Geldspenden gegen diesen Kampf ums Überleben, gegen diesen Kampf, in dem ich den Ideenreichtum, manchmal die Raffinesse der Ukrainer bewundere. Wo ich doch beim ersten Schuss nur noch daran denken würde, wohin ich abhauen kann.

Meine Vorstellung, dass nur gewaltlos Konflikte gelöst werden müssen und können, stimmt nicht mehr. (Wobei frühere Konflikte da auch schon dran knabberten: Syrien, Irak, Afghanistan usw.)

Ich unterstützte das Vorgehen der jetzigen Regierung: Keine Waffen in Krisengebiete. Es war und ist wohl nicht zu halten.

Ich bin entsetzt, dass es immer wieder solch gefährliche Menschen gibt: Assad, Sadam Hussein, Trump. Und jetzt Putin. Ich hielt es nicht für möglich, dass Putin das beginnt, obwohl bei genauerem Nachdenken Putin auch schon früher (Afghanistan, Syrien usw.) sich nicht scheute militärisch einzugreifen.

Ich bin mir doch sicher, dass unsere Bundeswehr auf Dauer einen Beitrag leisten muss gegen solche Menschen, die Argumenten, Kompromissen, Sanktionen nicht mehr zugänglich sind. So traurig es ist: aber wenn man nicht „auf Augenhöhe“ verhandeln kann, wird man nicht akzeptiert. Von daher ist dies auch ein Aufruf zur europäischen Solidarität.

Was früher schon galt: erst die persönliche Betroffenheit, ändert die Einstellung: Waren die Osteuropäer, allen voran Polen und Ungarn strikt gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem „Nahen Osten, helfen sie nun den flüchtenden Ukrainern. Prima!

Ganz zu schweigen von den Folgen: wirtschaftlich, gegen Globalisierung, vielleicht gar nicht so schlecht; kulturell, Beendigung eines Austausches mit einem wunderbaren russischen Volk; und Klimaveränderungen, erst kürzlich haben wir darüber diskutiert, dass sie kommen müssen. Geht das noch? Oder langsamer? Oder wieder Rückschritt, z.B. Kohleverbrauch? Du siehst, es ändert sich was und ich bin wieder Suchender.

Gernot (alias M.H.) Krieg und Schrecken mit unbekanntem Ausgang

Krieg in Europa, ein Diktator versucht dem Kontinent seinen Willen aufzuzwingen, dass die alten Verhältnisse vor Auflösung des Warschauer Paktes (am besten der Sowjetunion, die Gorbatschow angeblich „leichtfertig“ preisgab) wieder auferstehen sollen. Und er will sich die Ukraine ganz einverleiben, sie sei ohne Russland nichts, ein Beiwerk in einer langen Geschichte. Diese Grenze zwischen den Ländern im Osten hat sich öfter verschoben, als man meint und man kann es kaum glauben, wie volatil sie war. Doch wirklich, im Kiewer Russ fand der Anfang des späteren Russlands statt, wenn auch die Zentralmacht bald nach Moskau verlagert wurde. Zuletzt wurden in großem Umfang die Grenzen der Ukraine nach Westen verschoben, wo vorher Polen war dann Ukraine und wo Ukraine war Russland. Diese Verschiebung nach Westen fand auf Kosten von Deutschland statt, Usurpator und Verlierer des 2. Weltkriegs. Putins Absichten gelten auch nach Möglichkeit für andere ehemalige Staaten der Sowjetunion, die er für seinen Einflussbereich hält, so lässt er durchblicken, und infrage kommen vor allem Weißrussland, das von westlichen Ideen „angesteckt“ wurde, wie auch Georgien. Wie können wir uns wehren, da wir keine nennenswerte Truppe haben und es auch an Waffen und Ausrüstung mangelt?

Was also werden wir tun, wären Sanktionen richtig? Wenn der Gegner so deutlich auf Krieg setzt, wirkt das hilflos und ist bald abgenutzt. Doch eben diese Drohgebärde setzt sich empört und deklamatorisch fort.

Die Diskussion gestern um Putin unter uns war hilfreich, denn es gab weiterhin differierende Positionen, vor allem die linke Partei tat sich schwer. So war es zwar nachvollziehbar, auf die Geschichte, die fehlende Rücksichtnahme einzugehen, wie sie aus russischer Sicht verlief – ein Gesichtspunkt. Allerdings war diese Argumentation wenig überzeugend. Die Begründungen waren offensichtlich konstruiert oder in westlicher Perspektive nicht ohne weiteres nachvollziehbar oder akzeptabel. Immerhin trat Putin massiv als Provokateur auf und spielte den Warlord. Er brach wie schon zuvor Völker- und Menschenrecht (die Genfer Kriegskonvention), und ging auch gegen die eigene Bevölkerung vor, auch wenn er die noch in Teilen auf seiner Seite hat.

Wenn man es aus der Perspektive des angegriffenen Landes Ukraine nachvollzog, handelte es sich um die Missachtung der Souveränität dieses Landes, die man sich im Maidan erkämpft hatte, also um Bruch des Völkerrechts. Doch nicht nur das verletzte der Aggressor, um sich als Kriegsherr aufzuwerten, er hatte dieses Interesse seit vielen Jahren schon auf Kosten syrischer, kurdischer, jezidischer u.a. Völker unterstrichen, und es gab da nicht einmal eine territoriale Begründung, Sicherheitsinteressen etc. Oder er trat als Streitschlichter zwischen Aserbeidschan und Jerewan auf. Indem er den Kriegsverbrecher Assad aus Damaskus unterstützte, machte er sich zum Partner von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und beging schwerwiegende Verletzungen des Kriegsrechtes. Damit wäre er schon länger ein Fall für den Internationalen Strafgerichtshof, falls Staatsoberhäupter von Großmächten oder solche die sich es gern sein wollten, überhaupt verfolgt würden. War Assad ein Schlächter, den selbstverständlich jeder demokratische Politiker mied, so war er Putin gerade recht als Bündnispartner, um den Nachweis für sein Großmachtstreben zu erbringen.

In diesen Tagen geriet Frankreich zweifach mit ihm aneinander. Frankreich versuchte die Regierung in Bangui, Zentralafrikanische Republik zu stabilisieren, während Russland mit ca. 2000 Söldnern, „Militärberatern“ der Firma Hoffman, die islamischen Rebellen auf den Schild hebt. Dahinter steht Putin, der viele seiner anfänglichen Coups tarnte. Gegen sich hat er eine UN-Schutztruppe, welche die Regierung stabilisiert. Inzwischen ist Russlands neuer Zar also Unterstützer des internationalen Terrorismus. (TAZ 24.2.)

Einen Tag später: Am 24. dieses Monats marschierten die russischen Truppen in die Ukraine ein, und das von allen Seiten, dem Norden, Osten und Belaruss und bombardierten Kiew und andere große Städte. Putin drohte offen mit dem Einsatz von Atomwaffen, mitten in Europa.

Die Idee des Friedens, des vereinigten Europas und der UN als „Weltregierung“ erweisen sich als begrenzt – die Ukraine liegt in Europa, nur unsere Nachbarn, die Polen, grenzen an das Gebiet, welches Russland haben will, d.h. unsere Entfernung zum Aggressor verringert sich.