Wilde Horde 1: Die Pferde im Wald - Katrin Tempel - E-Book

Wilde Horde 1: Die Pferde im Wald E-Book

Katrin Tempel

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WILDE HORDE: Frei und wild und schnell wie der Wind - fünf Freunde, fünf Pferde und ein großes, wildes Abenteuer! *** BAND 1:  Zaz verbringt ihren Sommer in der Pension ihrer Oma am Waldrand – Ferien hat sie sich anders vorgestellt! Doch dann begegnen ihr im Wald zwei Jungs und zwei Mädchen. Die vier nennen sich die "Wilde Horde" – und streifen zusammen mit ihren Pferden durch die Wildnis. Sie wollen Zaz nicht in ihrem Wald haben, aber sie ist ohnehin lieber allein. Doch plötzlich ist alles anders. Denn Zaz lernt das fünfte Pferd kennen: Monsun. Als er nicht mehr von Zaz' Seite weichen will, gibt es kein Zurück. Ein unglaubliches Abenteuer beginnt ... *** *** Ein spannendes Mädchenbuch ab 10 Jahren über Freundschaft, Freiheit und Pferde! *** Von Bestseller-Autorin Katrin Tempel ***

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Copyright (c) by Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2018Umschlaggrafik: Kerstin Schürmann, formlaborUmschlagfotografie: Shutterstock.com © Simon Bratt, CallipsoLayout und Herstellung: Constanze HinzSatz und E-Book-Umsetzung: Pinkuin Satz und Datentechnik, BerlinISBN 978-3-646-92930-0

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Für Emma – die mit mir zusammen die Idee unserer wilden Horde hatte, die meine erste Leserin war. Und die jetzt davon träumt, auf unserem Pferd ohne Sattel und Zaumzeug durch die Wälder zu galoppieren …

Zonk.

Zaz’ Kopf knallte gegen die Scheibe. Der Bus war durch ein Schlagloch gerumpelt. Sie sah aus dem Fenster: Grün. Wiese, Wald, wieder Wiese, Büsche, ein Bach und dann noch eine Wiese.

Müde schloss sie die Augen und drehte die Musik lauter. Es konnte nicht mehr weit sein, bis sie ihr Landgefängnis erreichen würde.

Mit dieser Idee waren ihre Eltern erst vor ein paar Tagen angekommen. Bis dahin hatte Zaz noch davon geträumt, dass die ganze Familie dieses Jahr mal zusammen unterwegs wäre. Irgendwo, wo die Sonne schien, mit Meer, Sand und Sonnenschirm. Auf irgendeiner Reise, die nach Sommerferien klang. Zaz hatte es sich so schön ausgemalt: mit ihrem Vater in der Achterbahn im Disneyland. Mit ihrer Mutter auf Shoppingtour oder einfach nur mit einem großen Eis am Strand. Alle drei zusammen. Lachen, Spaß haben und mal nicht über Zaz’ Noten oder ihren Mangel an Freunden oder wer weiß was schimpfen. In der Schule hätte sie hinterher ganz cool sagen können: „Im Sommer? Wir waren in Kalifornien, mein Jetlag ist noch echt schlimm. Aber das wird schon, dafür habe ich surfen gelernt …“

Doch dann hatte Paps Zaz mit seinem freundlichsten Grinsen aufgeklärt, was wirklich Sache war. „Ein Sommer bei Oma, das ist doch wunderbar, Susanne. Du kannst alle Freiheiten genießen, sie hat einen wunderschönen Hof. Da ist ein Wald, ein See, und sie hat sogar noch Opas Pferde. Da willst du am Ende gar nicht mehr weg.“ Ihr Vater hatte sie dabei angestrahlt, als hätte er ihr ein echtes Geschenk gemacht.

Zaz kannte ihre Oma nur von Bildern, auf denen sie als kleines Baby in ihren Armen lag. Seitdem waren sie nicht mehr auf dem wunderschönen Hof gewesen. Angeblich war ihre Oma immer sehr beschäftigt mit ihrer Pension, die den merkwürdigen Namen Donneracker trug, gewesen, vor allem in den Schulferien. Und deswegen waren immer nur ein paar Päckchen und hastig hingekritzelte Zeilen zu Weihnachten oder zum Geburtstag gekommen.

Offensichtlich hatte es Zaz’ Vater auch ohne dieses Donneracker prima ausgehalten. So wie Zaz auch. Sie hatte keine Lust auf Land. Das Leben in der Stadt war klasse. Und das hatte sie ihren Eltern auch versucht klarzumachen: „Aber ich habe in der Schule echt gearbeitet! Ich hab sogar die Fünf in Mathe weggekriegt. Da könnt ihr mich doch nicht zu Oma in die Pampa abschieben!“

Ihr Vater hatte die Mundwinkel nach unten gezogen. Das machte er immer, wenn er wütend war. „Du bist in der achten Klasse nicht sitzengeblieben. Soll das eine Leistung sein, die wir auch noch belohnen müssen?“

Zaz hatte genickt. Ja, sicher.

Er sah das anders. „Komm schon. So schlimm wird das nicht, wahrscheinlich gefällt es dir am Ende sogar richtig gut. Und wenn es dir doch langweilig wird, dann werde ich meiner Mutter sagen, dass sie dich jeden Tag eine Stunde lang Vokabeln abfragen soll. Dann wird das nächste Schuljahr bestimmt besser. Einverstanden?“

Zaz zog den Kopf ein. Diesen Ton kannte sie. Wenn man da Widerstand leistete, kam noch eine Stunde bei irgendeinem tollen Onlineprogramm für Mathematik dazu. Oder Bio. Oder irgendein anderes Fach, in dem sie nicht zu den Leuchten zählte. Und davon gab es ziemlich viele.

Jetzt mischte sich zum ersten Mal ihre Mutter ein. Sie erklärte mit sanfter Stimme: „Ach, Susannemaus. Wir würden auch lieber mit dir verreisen. Aber wir haben da einen großen Auftrag reinbekommen und müssen ein paar Wochen lang echt viel arbeiten. Du weißt doch, wie das ist …“

Zaz winkte ab. Die Arbeit. Wieder einmal. Solange sie denken konnte, ging bei ihren Eltern die Arbeit vor. Irgendeine Firma musste immer gerettet werden – und dann konnten sie nicht zur Aufführung ihrer Theater-AG kommen. Oder zu den Leichtathletik-Wettkämpfen – obwohl Zaz wirklich schnell laufen konnte. Vor allem über lange Strecken. 2000 Meter schaffte sie in gut acht Minuten. Das musste erst einmal jemand nachmachen. Tatsächlich hätte sie bei den Landesmeisterschaften mitmachen sollen – aber ihre Eltern hatten an diesem Wochenende keine Zeit gehabt. Und so war sie nicht zum Wettkampf erschienen und hatte wenig später die Sache mit dem Sportverein gelassen. Machte ja keinen Spaß, wenn sich niemand für ihre Erfolge oder ihr Training interessierte. Ihre Eltern hatten es nicht mal kommentiert, dass Zaz sich irgendwann vom Sportverein abgemeldet hatte. War ja auch egal, die Lauferei war nicht so wichtig. So wie auch die Theater-AG. Wer wollte schon ständig Texte lernen …?

Und jetzt war sie also unterwegs zu Oma. Kein Kalifornien, kein Surfen, kein Meer weit und breit. Ihre Eltern waren wieder einmal nicht dabei. Dafür gab es hier Wald.

Sie sah wieder aus dem Fenster: sehr viel Wald. Dichtes Unterholz, dicke knorrige Laubbäume, Schneisen, in denen sich die Sonnenstrahlen fingen. Einige wenige finstere Nadelbäume. Am Waldrand Gestrüpp und jede Menge Unkraut. Das sah hier wahrscheinlich seit der Steinzeit so aus.

Weit konnte es nicht mehr sein. Der Bus polterte erneut durch ein Schlagloch, fast hätte sie sich den Kopf noch einmal angeschlagen.

Zaz lehnte sich zurück, drehte die Musik noch einen Strich lauter und starrte aus dem Fenster. Vielleicht verschwand dieser Wald ja, wenn sie ihn nur böse genug ansah.

Urplötzlich tauchten zwischen den Baumstämmen Pferde auf und jagten neben dem Bus her. So, als würden sie sich ein Wettrennen mit ihm liefern. Eines war schwarz, eines braun, ein anderes weiß, eines rötlich – und ein fettes Pferd galoppierte ein Stück weiter hinten. Das hatte es wohl nicht eilig – oder es kam den anderen nicht so schnell hinterher. Einige Sekunden lang fragte sich Zaz, ob es Wildpferde sein könnten. Gab es die hier auf dem Land noch?

Für Pferde hatte sie nicht sehr viel übrig. Das überließ sie den schicken Mädchen in ihrer Klasse, die sich gerne über ihre Lieblinge in der Reitschule unterhielten. Aber dann entdeckte sie ein paar Gestalten, die eng an die Tiere geschmiegt auf den Pferderücken saßen. Sie verschwanden fast hinter den flatternden Mähnen. Eines der Pferde riss den Kopf hoch, und einen winzigen Moment lang sahen Zaz und das Tier sich in die Augen.

Doch noch bevor sie sich überlegen konnte, ob ein Pferd sie wirklich durch ein Busfenster erkennen konnte, schwenkte die ganze Horde wie auf einen geheimen Befehl hin nach rechts und verschwand im Wald.

Einen Moment später war Zaz sich nicht einmal mehr sicher, ob sie die Pferde überhaupt gesehen oder ob sie sich das alles nur eingebildet hatte. Sie sah sich im Bus um. Ein knutschendes Pärchen in einer Ecke, eine schwitzende ältere Dame, zwei Jugendliche mit sturem Blick auf ihr Handy. Von denen hatte bestimmt keiner diese Pferde gesehen.

War ja auch egal. Pferde waren einfach nicht ihr Ding. Früher mal, da wollte sie unbedingt zum Reiten, so wie viele Mädchen aus der Klasse. Aber ihre Mutter hatte nur erklärt, dass sie keine Zeit hatte, um sie regelmäßig in einen Stall zu fahren. „Das musst du doch verstehen.“ Diesen Satz hörte Zaz häufig.

Nur ein paar Minuten später bremste der Bus, und der Fahrer drehte sich zu ihr um. „Zeit zum Aussteigen, kleines Fräulein!“

Blöde Anrede! Klar, ihre Mutter hatte ihm mehrfach erklärt, dass ihr Töchterchen hier rausmusste. Sie hatte wohl Angst, dass Zaz womöglich das große Abenteuer hier im Nirgendwo verpasste. Dabei war sie durchaus in der Lage, eine Bushaltestelle zu erkennen. Immerhin war sie schon dreizehn.

Sie nahm den albernen Rollkoffer und ging Richtung Bustür. Der Busfahrer grinste und nickte ihr aufmunternd zu.

Dann brauste der Bus davon, und Zaz stand allein an einer Kreuzung. Eine schmale Straße zweigte hier von der Hauptstraße ab und führte über eine Wiese direkt in den Wald – ein windschiefes Schild sagte auch, wohin:

Pension Donneracker.

Bingo, das war dann wohl Omas Hof.

Ihre Mutter hatte ihr immer wieder erklärt, dass Oma sicher auf sie warten würde. Leider war hier aber niemand.

Zaz griff nach ihrem Handy. Das Rädchen auf dem Display drehte sich, das Ding suchte endlos nach Empfang. Den es nicht gab.

Seufzend schaltete sie das Handy wieder aus.

Wenn das hier nicht der Arsch der Welt war, dann konnte man ihn von hier aus wenigstens gut sehen.

Nachdem das Empfangskomitee offensichtlich nicht erschienen war, machte sich Zaz alleine auf den Weg. So weit konnte es ja zu dieser Pension schließlich nicht sein. Sie lief über die Wiese in den Wald. Der Rollkoffer holperte hinter ihr her, kleine Steinchen sorgten dafür, dass die Räder immer wieder blockierten. Das Teil passte ja vielleicht in die Welt ihrer Eltern mit all den sauberen Bahnsteigen und glatten Flughafenböden. Hier machte es Zaz das Leben allerdings zur Hölle. Warum holte sie eigentlich keiner ab? Die Wipfel der alten Laubbäume berührten sich, sodass der Weg durch den Wald fast wie ein Tunnel wirkte. Immer wieder verschwanden links und rechts schmale Pfade im Dickicht, einige sandig, andere mit Gras bewachsen. Auf einem von ihnen entdeckte sie einen Hufabdruck. Offenbar hatte sie die Sache mit den Pferden doch nicht geträumt.

Nach einer kleinen Ewigkeit bog sie um die letzte Kurve und stand nun vor dem Hof. Er war weniger groß, als sie gedacht hatte. Nur ein Fachwerkhaus, an dem Rosen emporrankten. Vor den Fenstern dunkelgrüne Fensterläden, eine große Terrasse. Auf der saßen ein paar Leute, offensichtlich Gäste. Lauter alte Knacker, wahrscheinlich schon tot oder kurz davor, einbalsamiert zu werden.

Zaz’ Hoffnung, dass in diesem Hotel vielleicht auch der ein oder andere vernünftige Mensch – also jemand in ihrem Alter – zu Gast sein könnte, zerfiel zu Staub. Nein. Das hier war die Gruft der lebenden Mumien.

Eine Holzscheune neben dem Haupthaus wirkte verlassen: Spinnweben überall, das Tor halb offen, eine Leiter mit fehlenden Sprossen lehnte an der Wand.

Gerade als sie sich das genauer ansehen wollte, erklang eine energische Stimme. „Susanne? Susanne, bist du das?“

Sie drehte sich um und sah eine drahtige Frau mit sehr kurzen, leuchtend roten Haaren. Auf dem letzten Foto ihrer Oma, an das Zaz sich erinnern konnte, waren sie noch lang und blond gewesen. Aber das war ja auch ein paar Jahre her.

Statt einer Antwort nickte sie nur und ging der Frau entgegen. Nicht zu schnell.

„Zaz. Ich heiße Zaz“, erklärte sie.

Die Frau musterte Zaz von oben bis unten und nickte. „Ja, so hat deine Mutter dich beschrieben. Schön, dass du da bist!“ Mit einem schiefen Lächeln fuhr sie Zaz durch die Haare. „Nenn mich doch bitte Tine. Du musst mir versprechen, dass du mich nicht Oma nennst, okay?“

Sie deutete auf die Haustür. „Komm, ich zeige dir dein Zimmer. Vielleicht magst du dich ein bisschen frisch machen, bevor ich dir Donneracker genauer zeige?“

Frisch machen. Tine kam wirklich aus einem anderen Jahrhundert. Aber Zaz folgte ihr brav in den Hausflur und zwei lange Treppen nach oben. Dabei fluchte sie leise über das Gewicht des Rollkoffers. So hatte sie ihn sicher nicht gepackt. Was hatte Mum da noch reingetan? Steine?

Am Ende eines endlosen Ganges drückte Oma eine Tür auf. „Hier ist dein Zuhause für die nächsten drei Wochen. Das Bad ist gleich nebenan. Ich habe mir gedacht, du möchtest ein bisschen Platz für dich haben, deswegen habe ich dich hier hinten einquartiert. Deine Mutter meinte, du bist gerne mal alleine …“

Das war die Untertreibung des Jahres. Zaz war froh, wenn sie nur sich selbst zur Gesellschaft hatte. Sie verstand sich eben am besten mit sich selbst. Kein Witz.

Das Zimmer hatte ein schräges Dachfenster, durch das die Sonne einen großen Lichtfleck auf ein breites Bett malte. Ein Tisch an der Wand und ein großer Schrank vervollständigten die Einrichtung. Auf dem Tisch stand ein Strauß aus Wiesenblumen.

Zaz räusperte sich. „Hübsch. Danke, Tine.“ Irgendwas musste man ja sagen.

Die winkte lässig ab. „Den habe ich heute Morgen für dich gepflückt. Aber in den nächsten Wochen musst du dir selber Blumen suchen, wenn du es hübsch haben willst.“ Damit drehte sie sich lächelnd um. „In zwei Stunden gibt es Abendessen. Wenn ich dir vorher Donneracker zeigen soll, komm einfach in die Küche. Da mache ich das Abendessen für meine Gäste.“

Die Mumien aßen also etwas. Ein Hinweis darauf, dass sie noch nicht ganz tot waren.

Als Zaz nichts erwiderte, verschwand Tine ohne einen weiteren Gruß.

Zaz schob ihren Rollkoffer neben das Bett und sah sich um. Das Zimmer blieb so langweilig, wie es auf den ersten Blick ausgesehen hatte. Mit zwei Schritten war sie am Fenster und riss es auf. Das Dach war flach und bemoost. Probehalber kletterte sie hinaus. Ging gut. Sie konnte sogar ziemlich schnell zur Regenrinne vorkriechen. Ein Blick nach unten zeigte ein Klettergerüst für die Rosen. Zaz konnte also zu jeder Tages- und Nachtzeit raus.

Wenn ihr nur einfallen würde, was sie da draußen eigentlich sollte. Außer laufen.

Gute Idee. Sie kletterte zurück und rubbelte an einem grünen Fleck herum, der jetzt ihre Hose zierte. Dann wühlte sie in ihrem Koffer nach den Laufschuhen und der Hose. Dabei fand sie die liebevolle Gabe ihrer Mutter: Die hatte alle Schulbücher eingepackt. Ein Zettel klebte auf dem Mathebuch: Jeden Tag eine Stunde, okay? Daneben ein Smiley. Als ob es das besser machen würde.

Zaz zog sich schnell um, setzte die Kopfhörer auf und lief die Treppe hinunter. Ein Stockwerk tiefer kamen ihr zwei lachende Frauen entgegen, die dann in einem der Zimmer verschwanden. Wenigstens die beiden hatten ihren Spaß. Zaz schnaubte leise und verschwand auf dem erstbesten Weg in den Wald. Wenn die Welt fies zu ihr war, dann half nur noch das Laufen. Und heute fühlte sich die Welt ganz besonders gemein an.

Am Anfang rannte sie, so schnell es nur irgendwie ging. Aber als sich nach ein paar Minuten heftiges Seitenstechen bemerkbar machte, schaltete sie einen Gang zurück. Eigentlich kannte sie das ja: Wenn man weit kommen wollte, dann machte es keinen Sinn, schon ganz am Anfang alle Kräfte einzusetzen. Die Musik gab den Takt vor, und sie fing an, in ihrem ganz eigenen Tempo zu traben.

Der Boden zwischen den hohen Laubbäumen war weich. Kleine Staubwolken zeichneten sich in den schräg einfallenden Sonnenstrahlen ab, es roch nach warmem Harz. Zaz war die Idylle egal. Sie stellte sich vor, wie sie bei jedem Schritt einen kleinen Tritt loswurde.

Einen Tritt für ihre Eltern.

Einen für den idiotischen Koffer voller Bücher.

Einen für die Schule.

Einen für Oma Tine und dann noch einen für den Blumenstrauß.

Und weil sie gerade dabei war: auch einen für den Busfahrer.

Ganz allmählich ging es Zaz besser.

Der Weg wurde schmaler und teilte sich. Ohne darüber nachzudenken, wählte Zaz den rechten Weg, bei der nächsten Gabelung ging es weiter nach links. Die Laubbäume wechselten sich hier mit dunklen Fichten ab, jetzt roch es nach Tannennadeln und ganz leicht nach Pilzen. Die Sonne kam hier nur noch selten auf den Boden.

Leider schenkte sie diesen Abzweigungen keine besondere Aufmerksamkeit. Ein Fehler.

Denn noch einmal zehn Minuten später dämmerte es Zaz langsam, dass sie den Weg zurück zur Pension so schnell nicht mehr finden würde. Sie drehte um, rannte an einem Birkenwäldchen vorbei, das ihr bekannt vorkam. Danach rechts, über einen kleinen Bach. Ein Bach? Der war vorher nicht da gewesen. Also wieder zurück und nach links. Dieser Weg führte über eine Lichtung in noch tieferes Unterholz. Sie hatte keine Ahnung, ob sie hier schon einmal gewesen war. Trotzdem trabte sie weiter und stieß auf einen breiten Weg, der an einer Wiese entlanglief und ihr völlig unbekannt vorkam – aber die Himmelsrichtung war wenigstens richtig. Also los.

Der Wiesenweg war feucht vom Tau, ihre Laufschuhe wurden nass. Es wurde allmählich Abend. Oma Tine wartete sicher schon mit dem Essen und der angekündigten Führung auf Zaz.

Als der Hof zwischen den Bäumen auftauchte, war sie erleichtert. Der Wald in der Nacht hätte Zaz echt Angst gemacht – und inzwischen war die Dämmerung schon angebrochen. Aus den vielen unterschiedlichen Bäumen war eine einzige, bedrohlich dunkle Masse geworden. Sie lief die letzten Meter schneller und sprintete über die Terrasse. Die Gäste sahen ihr überrascht hinterher.

Sie rannte schnell weiter in die Küche. Oma Tine stand am Herd und schien in allen Töpfen gleichzeitig zu rühren. Sie nickte nur mit dem Kopf in Richtung eines Tischs. „Kannst du rasch das Baguette schneiden? Das Ehepaar Kleinschmidt wartet schon länger darauf.“ Sie hatte sich ganz offensichtlich keine Sorgen um ihre Enkelin gemacht, wahrscheinlich nicht einmal gemerkt, dass sie weg gewesen war.

Als der Brotkorb voll war, nahm Zaz ihn in die Hand und sah ihre Großmutter fragend an: „Und wer sind jetzt die Kleinschmidts?“

Oma Tine lachte. Ein ziemlich lautes Lachen für eine ältere Dame. „So wie du aussiehst, solltest du ihnen lieber nichts bringen … Danke, du hast mir genug geholfen. Setz dich und nimm dir was zu essen.“ Sie musterte Zaz einen Augenblick lang und zog eine Augenbraue nach oben. „Du magst also Sport?“

Dann lächelte sie, schnappte sich den Brotkorb und verschwand auf die Terrasse. Zaz sah in die Töpfe und nahm sich ein wenig Nudeln, Gulasch und den Rest des Baguettes.

Tine kam dazu und nahm sich auch ein Stück Brot. „Normalerweise habe ich jemanden, der mir hilft, wenn es ans Abendessen geht. Frau Kolbe ist aber heute krank geworden, und dann wird es immer ein bisschen stressig.“ Sie musterte Zaz neugierig. „Du warst also joggen?“, machte sie einen neuen Anlauf.

Zaz nickte. Was sollte man auf so eine Frage antworten? Ja, ich laufe gerne. Weil man da mit sich allein ist und niemand fragt, warum man keine Freunde hat. Warum man nicht ein bisschen netter sein kann. Warum man es sich so schwer macht. Lauter Fragen, die ihre Mutter gerne stellte und auf die Zaz keine Antworten hatte. Wie sollte man nur erklären, dass die anderen in der Schule zu brav und zu langweilig waren? Und dass ihre Mitschüler sich allesamt schon in Cliquen zusammengefunden hatten, als ihre Eltern das letzte Mal umgezogen waren, weil es ihr Job von ihnen verlangt hatte? Nein. Sie lief einfach gerne. Das musste reichen.

Sie aßen schweigend, bis Zaz den Stuhl zurückschob. „Ich geh mal in mein Zimmer. Ich muss noch duschen …“

Tine nickte. „Sicher, wir sehen uns dann zum Frühstück. Und denk dran: Du kannst immer zu mir kommen, wenn irgendwas nicht stimmt. Wir kriegen den Sommer schon rum, nicht wahr?“

Zaz rang sich ein Lächeln ab und verschwand. Es war noch nicht einmal neun Uhr, und ihre Großmutter redete vom Frühstück. Was machte man hier abends? Gab es hier wenigstens Fernsehen?

Im Gang stand ein Mann und sah ihr entgegen. „Ich habe ein Zimmer reserviert …“

Zaz deutete in Richtung der Küche. „Meine Großmutter hat bestimmt gleich Zeit für Sie.“

Während sie die Treppe nach oben lief, sah sie sich in den Gängen genauer um. Diese Pension hatte bestimmt zwölf Zimmer, wenn nicht mehr. Ob die wirklich alle immer besetzt waren?

Die Sonne schien direkt ins Zimmer. Zaz wachte auf und zog sich ein paar Minuten lang die Decke über die Ohren. Aber die Vögel hatten offenbar diesen Morgen für ihr ganz großes Konzert ausgewählt. Sie brüllten, als gäbe es dafür einen Preis. Zaz stöhnte. Sie war wirklich nicht der Typ fürs Land.

Entnervt sah sie aus dem Fenster. Von der Terrasse her konnte man die Gäste hören. Die waren schon wieder beim Essen – und zugegeben, Zaz spürte selbst einen nagenden Hunger.

Sie schlüpfte in ihre Jeans und ein T-Shirt und rannte hinunter. Auf der Treppe überholte sie den Mann, der gestern Abend angekommen war. Offensichtlich hatte er erst Tine und dann sein Zimmer gefunden.

Es roch nach Speck und frischen Brötchen. Sie schnappte sich eins davon, dazu ein Töpfchen mit Nutella und ein Glas Milch, und setzte sich an einen freien Tisch auf der Terrasse.

Tine tauchte auf und winkte ihr zu, während sie ziemlich beschäftigt war, die Tische abzuräumen und wieder zu decken. Ihre Hilfe war offenbar noch nicht wieder aufgetaucht.

Zaz stürzte den Rest ihrer Milch hinunter und verschlang den letzten Bissen des Brötchens. Dann brachte sie Teller und Tasse in die Küche, damit Tine nicht noch mehr Arbeit hatte.

Die schaute nicht einmal auf. Sie war gerade mit ihrer Spülmaschine beschäftigt.

Zurück in ihrem Zimmer, blieb Zaz einen Moment lang ratlos stehen. Was konnte sie jetzt hier machen? Die Bücher mit Mums Zettel lagen auf dem Tisch. Da, wo Zaz sie gestern hingefeuert hatte. Aber so verzweifelt war sie noch nicht.

Stattdessen zog sie wieder ihre Laufsachen an: das verwaschene Shirt, das irgendwann mal rot gewesen war, die weichen Hosen und ihr rotes Bandana, das sie immer als eine Art Schweißband verwendete. Dann lief sie die Treppe hinunter, über die Terrasse in den Garten und rannte Richtung Wald. Bei Tageslicht würde sie sich doch sicher nicht so schnell verirren.

Im Morgenlicht sah tatsächlich alles freundlicher aus. Sie hatte zwar auch dieses Mal schnell keine Ahnung mehr, wo sie sich eigentlich befand – aber dieses Mal machte ihr das keine Angst. Wenn sie immer die gleiche Richtung beibehielt, dann musste sie doch irgendwann auch wieder aus diesem Wald herauskommen, oder? Leider waren die Pfade, Wege und Schneisen alles andere als gerade …

Der Weg führte in einer weiten Biegung durch einen dichten Wald mit buschigem Unterholz auf eine große Lichtung, die mit saftig grünem Gras bewachsen war. Zaz traute ihren Augen nicht: Da standen Pferde! Sie grasten ganz ruhig und schienen ihre Anwesenheit nicht einmal zu bemerken. Nur ein schwarzes Pferd hob kurz den Kopf und blickte misstrauisch in ihre Richtung. Zaz hielt die Luft an – aber es senkte den Kopf wieder und fraß weiter.

Waren das die Tiere, die sie schon vom Bus aus gesehen hatte? Was machten die hier? Und vor allem: Warum gab es keinen Zaun? Die Pferde konnten jederzeit einfach wegrennen. Oder waren sie vielleicht doch wild? Unwillkürlich suchte Zaz nach dem Pferd, das sie gestern angesehen hatte. Das braune. Es stand etwas abseits von den anderen vieren im Schatten am Rand der Lichtung.

Zögernd nahm sie die Kopfhörer ab und lauschte. Es war unheimlich still. Die Pferde rupften beruhigend rhythmisch am Gras, ein Vogel sang sein Morgenlied. Eine Biene summte an ihrem Ohr vorbei.

Die Pferde wirkten so friedlich. So als ob sie sich von niemandem sagen lassen würden, was sie machen mussten.

Zaz beneidete die Tiere. Sie durften einfach nur da sein, ohne irgendeine Verpflichtung. Zaz hatte es nicht so leicht. Ihr wollte ja immer jeder sagen, was das Beste für sie war.

Der Frieden dauerte genau einen Atemzug lang.

Dann knackte es im Unterholz direkt neben Zaz, und ein dunkler Schatten flitzte aus dem Wald auf die Pferde zu.

Und noch einer.

Tiefe Bässe wummerten über die Lichtung.

Biker! Sie standen in den Pedalen ihrer Mountainbikes und fuhren, so schnell es irgend ging, auf die Tiere zu. Es sah aus, als hätten sie es auf einen Zusammenstoß angelegt.

Wie viele waren es?

Zaz zählte zehn, es konnten aber auch zwölf sein. Sie sahen alle gleich aus: schwarze Fahrräder, schwarze Schutzkleidung am Rücken, an den Beinen und den Armen. Schwarze Helme mit Gesichtsschutz, schwere Stiefel, Handschuhe. An den Fahrrädern waren Lautsprecher montiert – daher die Musik.

Die Pferde rissen die Köpfe hoch und wollten fliehen – aber die Biker hatten sich in zwei Gruppen geteilt und jagten jetzt in einem engen Kreis um die Pferde herum.

Das schwarze Pferd stieg und wieherte.

Klang das nach Angst? Rief es um Hilfe?

Zaz war entsetzt. Musste sie den Tieren helfen? Aber wie?

Wie gelähmt sah sie dem Spektakel zu. Den Pferden, die sich mit aufgerissenen Augen in der Mitte der Lichtung zusammendrängten. Sie keilten aus und stiegen, aber sie konnten nicht fliehen. Die Musik wurde immer lauter.

Da riss einer der schwarz gekleideten Biker eine Hand nach oben. Auf diesen Befehl hin schwenkten alle zur Seite und verschwanden auf einem schmalen Pfad am anderen Ende der Lichtung.

Kaum sahen die Pferde ihre Chance, warfen sie sich herum und rannten los. Direkt auf Zaz zu, die sich mit einem Sprung hinter einen Baum in Sicherheit brachte. Das schwarze Pferd schoss nur wenige Zentimeter entfernt an ihr vorbei, die anderen folgten ihm. Als sie an Zaz vorbeigaloppierten, konnte sie ihren Schweiß riechen und das Weiße in ihren Augen sehen.

Täuschte sie sich, oder wurde das braune Pferd für den Bruchteil einer Sekunde langsamer, als es an ihr vorbeirannte? Spürte es ihre Anwesenheit, erinnerte es sich an den Blickkontakt am Tag vorher? Aber dann rannte es weiter, folgte dem Schimmel. Als Letztes der Gruppe kam das dicke Pferd vorbei. Die Erde bebte.

Unwillkürlich rannte Zaz den Pferden hinterher. Wo wollten sie nur hin? Vielleicht hatten sie ja irgendwo einen Stall, in dem sie sich in Sicherheit bringen konnten? Menschen, die sich um die Tiere kümmerten?

Schon nach wenigen Hundert Metern musste Zaz sich eingestehen, dass sie mit ihrem Tempo bei den Pferden nicht einmal annähernd mithalten konnte. Sie hörte nur noch das entfernte Trommeln der Hufe und sah die frischen Hufabdrücke in dem weichen Waldboden vor sich. Aber sie rannte weiter. Es konnte doch nicht so weit zu dem Zuhause der Pferde sein!

Sie war so sehr auf die Spuren auf dem Weg konzentriert, dass sie ihre Verfolger erst in dem Augenblick bemerkte, als sie ihr vor die Füße sprangen.

Ein Junge mit einer Unmenge schwarzer Locken und ebenso dunklen Augen, die vor Wut sprühten, breitete seine Arme aus. Zaz blieb erschrocken stehen und duckte sich. Dieser Wald war voller Wahnsinniger.

„Lass unsere Pferde in Ruhe! Sofort! Warum verfolgst du sie? Sie rennen durch den Wald, als wären alle Hunde der Hölle hinter ihnen her.“ Der Junge musterte sie und schnaubte leise. „Dabei ist es nur eine ganz normale Joggerin.“

Zaz spürte, wie sie unter seinen Blicken kleiner wurde. Ganz normal! Das war genau das, was sie sah, wenn sie in den Spiegel blickte. Aschblonde Haare, die ihr über den halben Rücken fielen und die heute wieder einmal nur in einem schlampigen Pferdeschwanz-Knoten zusammengebunden waren. Ein schmales Gesicht mit einer etwas zu großen Nase, graugrüne Augen und ein Mund, der selten lächelte. Alles der perfekte Durchschnitt.