Wilde Horde 3: Seelenpferde - Katrin Tempel - E-Book

Wilde Horde 3: Seelenpferde E-Book

Katrin Tempel

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Beschreibung

*** Frei und wild und schnell wie der Wind – fünf Freunde, fünf Pferde und ein großes, wildes Abenteuer! *** BAND 3: Zaz liebt nichts mehr, als mit der Wilden Horde durch den Wald zu galoppieren. Doch dann droht alles auseinanderzubrechen – denn Fee soll ins Internat und ihr wildes Pferd in einen Stall! Die Freunde sind verzweifelt: Was können sie tun, damit die beiden bleiben? Fieberhaft schmieden die fünf Pläne. Und übersehen dabei fast, dass nicht nur die Wilde Horde, sondern der ganze Wald in Gefahr ist ... Ein warmherziges Mädchenbuch ab 10 Jahren über Freundschaft, Freiheit und Pferde! *** Von Bestseller-Autorin Katrin Tempel ***

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Katrin Tempel

Wilde Horde

Seelenpferde

Frei und wild und schnell wie der Wind – fünf Freunde, fünf Pferde und ein großes, wildes Abenteuer!

Zaz liebt nichts mehr, als mit der Wilden Horde durch den Wald zu galoppieren. Doch dann droht alles auseinanderzubrechen – denn Fee soll ins Internat und ihr wildes Pferd in einen Reitstall! Die Freunde sind verzweifelt: Was können sie tun, damit die beiden bleiben? Sich im Wald verstecken? Weglaufen? Fieberhaft schmieden die fünf Pläne. Und übersehen dabei fast, dass nicht nur die Wilde Horde, sondern der ganze Wald in Gefahr ist …

Dies ist der dritte Band der Reihe „Wilde Horde“.

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Vita

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Leseprobe

Für Emma – immer meine erste Leserin. Wild auch ohne Horde.

Vorsichtig legte Zaz die rot-weiße Stange in die Auflage. Kritisch sah sie den Sprung an. Er reichte ihr bis unter die Arme – und sah aus der Nähe ganz schön hoch aus. Es war ihr ein Rätsel, wie Ann-Sophie es wagen konnte, auf solche Hindernisse drauflos zu galoppieren. Zaz rüttelte stirnrunzelnd an der Stange. So leicht fiel die gar nicht runter. Taten sich die Pferde da nicht weh, wenn sie einen Fehler machten? Zaz wusste es nicht. Wieder einmal musste sie einsehen, dass sie nur wenig Ahnung vom Pferdesport hatte. Bis zu diesem Sommer waren ihr die Reitermädchen mit ihrem Gerede über „ihre“ Pferde ja auch immer auf den Geist gegangen. Und jetzt saß Zaz plötzlich selber auf einem Pferd! Aber nicht im Sattel: Die Horde hier im Wald verzichtete bei allen Ausritten auf Sattel, Zaumzeug, Zügel oder gar Sporen.

Zaz winkte Ann-Sophie zu, um ihr zu zeigen, dass das Hindernis fertig aufgebaut war. Dann setzte sie sich zu den anderen Reitern der Horde: dem bedächtigen Lukas, dem langhaarigen Arpad, der immer so schnell sauer wurde, und Fee, die meistens etwas abwesend wirkte, weil sie irgendwo in den Himmel sah. Sie war blind und achtete vor allem auf die Geräusche, die sie umgaben.

Als Zaz sich niedergelassen hatte, fing Ann-Sophie mit ihrem Training an. Die Hufe ihres riesigen Fuchses Kronos trommelten im Galopp auf den Boden. Er drückte sich kraftvoll vor einem hohen rot-weißen Sprung ab. Seine Reiterin legte sich weit nach vorne, um ihn möglichst wenig in der Bewegung zu stören.

Die oberste Stange fiel klappernd auf den Boden.

Ann-Sophie ließ sich davon nicht stören, wendete nach rechts auf eine Mauer ab. Der Fuchs schüttelte unwillig den Kopf, als sie versuchte, ihn zu zügeln. „Brrrr!“, rief sie, aber er kam in viel zu hohem Tempo an die Mauer und sprang ab. Die leichten Holzkisten, aus denen sie gebaut worden war, flogen in alle Richtungen.

Mit einem leisen Fluch parierte Ann-Sophie Kronos durch. „Ich bin so lange nicht mit Sattel und Zaumzeug geritten, dass Kronos keine Ahnung mehr hat, was ich von ihm will.“ Sie schüttelte den Kopf. „Und das muss ich nur benutzen, weil meine Eltern mich mal wieder auf einem Turnier sehen wollen. Was für ein Schwachsinn! Als ob eine Schleife am Kopf irgendetwas zu bedeuten hätte.“

Ihre Freunde sahen ihr vom Rand des Springplatzes aus zu, während ihre Pferde einige Meter entfernt auf einer Wiese grasten.

„Das wird schon“, rief Lukas. „Kronos braucht eben ein paar Tage, um sich wieder daran zu gewöhnen. Und dann zeigst du es allen! Wo ist das Turnier denn?“

„Im Reitverein einen Ort weiter. Zum Glück ganz in der Nähe, ich spare Kronos also diesmal den Stress mit dem Pferdeanhänger. Wir können einfach hinüberreiten …“ Entschlossen nahm sie die Zügel wieder auf. „Und jetzt muss ich das noch einmal besser hinkriegen. Könntet ihr mir bitte die Hindernisse wieder aufbauen?“ Sie nickte in Richtung der Holzkisten und Stangen, die Kronos bei seinem ersten Versuch abgeräumt hatte. „Wenn ihr mir alles bitte ein bisschen niedriger aufbauen könntet? Vielleicht sollten wir erst einmal mit einem einfacheren Parcours üben.“

Alle sprangen auf und liefen zu den Hindernissen auf der kleinen Wiese.

„Wie oft muss Ann-Sophie denn auf Turniere?“, fragte Zaz Lukas, mit dem sie gemeinsam die Mauer wieder aufrichtete.

Er zuckte mit den Schultern. „Das ist unterschiedlich. Vier- oder fünfmal im Jahr, würde ich sagen.“ Er sah zu Ann-Sophie hinüber, die im Trab große Achten zwischen den Hindernissen ritt. Laut rief er ihr zu: „Wann bist du das letzte Mal mit Kronos um die Goldene Ananas geritten?“

Das blonde Mädchen lachte. „Mach dich nur lustig. Meine Eltern drohen mir immer wieder, dass sie mein teures Turnierpferd verkaufen, wenn ich nicht ab und an auch mal bei einem Turnier mitmache. Weißt du doch. Und der letzte Kampf um die Goldene Ananas waren die Vereinsmeisterschaften kurz vor den Sommerferien.“ Sie streckte ihm die Zunge heraus. „Du redest mit der amtierenden Vereinsmeisterin, benimm dich also.“

Arpad, der die letzte Stange auf einen Steilsprung gelegt hatte, trat ein paar Schritte zurück und sah den Sprung prüfend an. „Ist das jetzt niedrig genug?“

„Klar“, nickte Ann-Sophie. „Jetzt kämen sogar eure Pferde drüber. Perfekt, um Kronos wieder an den Ernst des Lebens zu gewöhnen.“

„Was meinst du mit sogar eure Pferde?“ Arpad sah sie mit gespieltem Zorn an. „Unsere Horde macht das mit links!“

„Zeig doch mal!“ Ann-Sophie lachte, galoppierte an und ritt den ganzen Parcours ohne einen einzigen Fehler. Dann parierte sie ihren Kohlfuchs. „Und jetzt ihr! Kommt schon, zusammen macht es mehr Spaß!“

Lukas schwang sich auf sein Kaltblut Herr Müller. „Aber nur, weil du es bist. Müllers Talente liegen nun einmal nicht im Parcours.“ Der schwere Braunschimmel mit der dicken Mähne galoppierte an, bremste vor einem der niedrigen Sprünge ab, hob ein Bein und kickte die Stange aus der Halterung. Dann stieg er umständlich im Schritt über die Stange am Boden. Mit einem lauten Lachen klopfte Lukas seinem Pferd den Hals. „Seht ihr? Müller ist viel zu klug, als dass er über so ein Hindernis springen würde! Er verwendet seine Energie lieber darauf, schlaue Lösungen zu finden. Offensichtlich mein Pferd!“

Alle lachten.

Jetzt wollte Zaz ihr Glück versuchen. Sie setzte sich auf ihre zierliche Vollblutstute Monsun und sah Ann-Sophie Hilfe suchend an. „Wie geht es weiter?“

„Einfach antraben und dann der Reihe nach über die Hindernisse. Hast du doch schon einmal gemacht. Erinnerst du dich? Als wir für das Rennen gegen die Biker trainiert haben?“

Das erschien Zaz eine Ewigkeit her. Sie lenkte ihre schmale braune Stute im Trab auf das erste Hindernis zu, dann fingen sie an zu galoppieren und Monsun setzte mit einem kleinen Hüpfer darüber. Das machte Spaß! Aber dann wurde Monsun von Hindernis zu Hindernis schneller. Die lange schwarze Mähne flatterte im Wind – bis die beiden endlich in einem weiten Bogen den Springplatz verließen. Zaz richtete sich auf und brachte die Stute zum Halten. Sie grinste. „Wir sind die Schnellsten, aber leider finden wir dann die Hindernisse nicht mehr. Ich fürchte, du bleibst mit deinem Sport alleine …“

„Was meint ihr? Findet Luna die Hindernisse?“ Jetzt hatte sich Fee auf ihre schneeweiße Stute gesetzt. Das blinde Mädchen ließ ihr Pferd antraben. Inzwischen wusste Zaz, dass Luna ein Araber war – eine besonders feine Pferderasse, die einst in der Wüste gezüchtet worden war. Sie hatte dunkle Augen, die in dem schmalen Pferdekopf wie Kohlestücke aussahen.

Gehorsam lief Luna zwischen den Hindernissen herum, ohne auch nur über ein einziges zu springen. Offenbar sah sie keinen Grund, über Stangen zu springen, wenn sie auch an ihnen vorbeilaufen konnte. Fee drehte ihren Kopf in Richtung ihrer Freunde. „Und ihr seid euch sicher, dass hier Hindernisse stehen? Luna findet keine!“

Jetzt mussten alle lachen.

„Dein Pferd macht ja auch lieber einen Stangenslalom als einen einzigen Sprung“, rief Arpad. „Komm, Feuertanz, wir zeigen den anderen, wie das geht!“ Er schwang sich auf seinen kohlschwarzen Hengst, dessen Mähne sich im Galopp mit den langen Haaren von Arpad vermischte. Dieses Paar sah immer aus wie eine der Sagenfiguren, von denen Zaz früher mal gelesen hatte: halb Pferd, halb Mensch.

Tatsächlich galoppierte Feuertanz gehorsam an und nahm ohne Zögern einen Sprung nach dem anderen. „So geht das!“, erklärte Arpad nach dem letzten Hindernis zufrieden. Er klopfte seinem Pferd den Hals und sprang ab.

„Nicht schlecht!“, rief Ann-Sophie. „Aber du musst dich auch nicht mit Sattel und Zaumzeug herumärgern. Ich glaube, mein Kronos hat keine Lust auf dieses Lederzeug.“

„Und ohne darfst du nicht auf das Turnier?“, wollte Zaz wissen. Sie hatte wirklich keine Ahnung vom Reitsport.

„Leider nein.“ Ann-Sophie schüttelte den Kopf. Sie war eine echte Schönheit – blonde Locken, blaue Augen. Das hatte Zaz schon bei ihrer ersten Begegnung gedacht. „Die Regeln besagen, dass man ganz genau die vorgeschriebene Ausrüstung verwenden muss. Gebiss, Zaumzeug – da wird nichts dem Zufall überlassen. Wenn ich Kronos die Startnummer in die Mähne flechte oder auf den Hintern male und ansonsten im Hordenstil auftauche, dann werde ich noch vor dem ersten Hindernis abgeklingelt.“

„Abgeklingelt?“ Zaz sah Ann-Sophie fragend an.

„Das bedeutet: disqualifiziert. Rausgeschmissen. So mache ich meine Eltern nicht glücklich …“ Ann-Sophie zuckte mit den Schultern. „Ist nicht schlimm. Ein paarmal im Jahr muss ich den Preis dafür zahlen, dass ich so ein tolles Pferd habe. Und solange ich bei Turnieren erfolgreich bin, erlauben mir meine Eltern die Sache mit der Horde.“ Auffordernd sah sie in die Runde. „Wer kommt mit zum Dressurplatz? Ich muss für die Springerei auch noch ein bisschen an den Grundlagen arbeiten, damit Kronos sich wieder an die Befehle mit den Zügeln gewöhnt. Ohne ein paar Dressurübungen geht es nicht, fürchte ich.“

„Wir kommen alle mit!“, sagte Arpad.

Nur wenige Meter vom Springplatz entfernt lag das sandige Dressurviereck, umrahmt von einem niedrigen weißen Zaun. Zaz wusste inzwischen, dass das alles von ihrem Großvater angelegt worden war. Seit seinem Tod pflegte die Horde den Spring- und den Dressurplatz – benutzt wurden sie allerdings nur von Ann-Sophie, wenn sie sich auf ein Turnier vorbereiten musste.

Sie drehte einige Runden auf dem Viereck, bevor sie mit einem Mal anfing, seitlich zu traben. Zaz sah fasziniert zu. Sie hatte bis zu diesem Urlaub nicht geahnt, dass Pferde solche Bewegungen konnten. Kronos kreuzte im Trab sogar die Beine! „Wie machst du das?“, rief sie.

„Gar nicht so schwer“, erklärte Ann-Sophie, während sie weiter ihre Runden drehten. „Die Übung heißt Traversale und funktioniert am besten auf der Diagonalen. Kronos soll sich dabei in die Bewegungsrichtung biegen – wenn es also nach rechts geht, dann biege ich ihn mit dem linken Schenkel um mein rechtes Bein. Und dann soll er unter mein Gewicht laufen. Ich belaste also meine rechte Hälfte, nehme den linken Zügel an –“

„Hör auf!“ Zaz winkte ab. „Das klingt wie höhere Mathematik für mich. Mir reicht es, wenn Monsun weiß, ob ich nach rechts oder links will – und wenn sie das im richtigen Tempo macht!“

Arpad hatte aufmerksam zugehört. Er trabte an und legte seinem Feuertanz eine Hand auf den Hals. Als der Hengst unter ihm anfing, seitwärts zu laufen, sah Arpad überrascht auf. „Das funktioniert ja!“

„Was hast du denn gedacht? Dass Reiten mit Hexerei zu tun hat?“ Ann-Sophie lachte.

„Na ja, wenn du die Hexe bist …“ Lukas grinste.

„Pass nur auf!“ Ann-Sophie legte sich auf Kronos’ Hals und jagte auf Lukas los.

Der ließ sein Kaltblut Müller in letzter Sekunde ein paar Schritte machen und Kronos jagte an ihnen vorbei. Ann-Sophie wendete und startete eine zweite Attacke auf Lukas. Der ließ Müller dieses Mal einfach stehen und zwang Ann-Sophie dazu, direkt vor dem schweren Pferd abzubremsen.

Sie winkte ab. „Sich mit euch beiden anzulegen, ist wie eine Diskussion mit einer Mauer. Kann man machen, bringt aber nichts.“

Mit zufriedenem Lächeln klopfte Lukas seinem gewaltigen Pferd den Hals. „Müller ist halt nicht so ein nervöses Hemd wie eure Pferde.“

Ann-Sophie kehrte auf den Dressurplatz zurück und übte weiter an Seitwärtsgängen, Pirouetten und sogar an einer Art Trab auf der Stelle. Zaz sah fasziniert zu, bis sie neben sich eine Stimme hörte.

„Was machen die denn?“ Fee. Für das blinde Mädchen musste dieser Vormittag unglaublich langweilig sein.

„Ann-Sophie übt mit Kronos Dressur“, erklärte sie. „Ich bin mir sicher, dass es für jede dieser Übungen einen coolen Namen gibt. Aber ich habe einfach keinen Plan. Auf jeden Fall sieht es aus, als würde Kronos tanzen. Und ich weiß wirklich nicht, wie Ann-Sophie es anstellt, dass er all diese Dinge für sie tut.“

„Das würde ich gerne sehen“, sagte Fee leise.

Überrascht sah Zaz sie an. Es war selten, dass Fee sich über ihre Sehbehinderung ärgerte. Oder überhaupt darüber redete. Und in diesem Fall war es wirklich schwierig, ihr zu beschreiben, was da auf dem Dressurviereck vor sich ging. Hilflos legte Zaz ihr eine Hand auf den Rücken. „Das glaube ich dir. Geht dir das oft so?“

Ein lautloses Schulterzucken war die Antwort. „Normalerweise denke ich nicht darüber nach. Ich kann seit meiner Geburt nicht sehen, ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie das wäre. Aber an Tagen wie heute …“ Ihre Stimme wurde leiser und erstarb dann ganz.

Ratlos streichelte Zaz ihr über den Rücken. Hier half kein Wird schon wieder! – das wurde nicht mehr. Nie.

Ann-Sophie trainierte noch ein Weilchen. Dann ließ sie die Zügel lang, lobte ihren Kronos ausgiebig und rief: „Reiten wir nach Donneracker? Ich würde jetzt alles für eine kalte Saftschorle geben!“

Der Rest der Horde jubelte. „Super Idee! Los!“

In der Sommersonne war es inzwischen ganz schön heiß geworden und sie alle hatten Durst. Damit Kronos sich nicht noch mehr anstrengen musste, machten sie sich in gemütlichem Tempo auf den Weg. Die Pension lag ohnehin nur knapp zehn Minuten entfernt, wenn man langsam lief.

„Bis wann musst du denn fit sein für das Turnier?“, wollte Zaz von Ann-Sophie wissen.

„Das ist am letzten Wochenende in den Sommerferien, sind also noch zwei Wochen“, erklärte sie.

Das Ende der Sommerferien. Zaz fühlte sich, als hätte sie Eiswürfel verschluckt. Wie ging es nach dem Sommer weiter? An der langweiligen Schule, ohne die Horde? Und vor allem: weit weg von Monsun?

Sie streichelte ihrer Stute über den Hals. Erst seit vier Wochen kannten sie sich – und schon fühlte es sich an, als wären sie eine Einheit. Etwas, was man nicht trennen durfte. Zaz schüttelte den Kopf. Es hatte keinen Sinn, über die Zukunft nachzudenken. Jetzt galt es, jeden einzelnen Moment zu genießen und auszukosten. Noch hatten sie und Monsun zwei Wochen.

Die Sonnenstrahlen fielen durch die Bäume auf den Boden und malten einzelne Lichtpunkte ins Moos. Vögel sangen und dazwischen schnaubte immer wieder eines der Pferde. Der dumpfe Klang der Hufe auf dem Waldboden war wie Musik in Zaz’ Ohren.

Neben ihr richtete sich Fee fast unmerklich auf dem Rücken ihrer Luna auf. Sie drehte den Kopf ein wenig. Wie ein Tier, das Witterung aufnimmt. „Riecht ihr das auch?“, fragte sie schließlich. „Hier brennt es doch irgendwo … Das Feuer muss weit entfernt sein. Oder nicht groß. Aber es riecht eindeutig nach Feuer!“

Zaz schnupperte. Pilze, Harz, Holz. Ratlos sah sie die anderen an. „Ich rieche nichts!“

Lukas schüttelte den Kopf, während Arpad Fee erklärte: „Das bildest du dir nur ein! Wäre ja auch eine Katastrophe, es hat doch seit Wochen nicht geregnet …“

Ann-Sophie hielt ihre Nase in den Wind. „Nein, tut mir leid. Bei mir ist auch Fehlanzeige!“

„Aber ich bin mir ganz sicher.“ Fee runzelte die Stirn. „Das kann ich mir doch nicht einbilden!“

„Vielleicht grillt ja jemand am Waldrand? Bei deinen Supersinnen wäre es kein Wunder, wenn du das riechen könntest!“ Lukas versuchte wie immer, eine vernünftige Erklärung zu finden.

„Grillen ist anders …“ Fee sah immer noch nicht überzeugt aus. „Aber es wird auch schwächer. Vielleicht habe ich mich doch geirrt. Wäre auch wirklich Wahnsinn, wenn jetzt jemand ein Feuer machen würde.“

Nur wenig später erreichten sie Donneracker. Die Pension von Tine, Zaz’ Großmutter, stand mitten auf einer großen Lichtung: ein Fachwerkhaus, an dem Rosen emporrankten, davor eine große Terrasse für die Gäste. Zu wenig Gäste. Deswegen musste Tine sich ständig Sorgen um den Fortbestand ihres kleinen Paradieses machen.

Als sie absteigen wollten, sah Arpad zu der etwas abseits gelegenen Scheune hin. Die Fenster standen offen und man hörte lautes Hämmern. „Ich sehe mal nach Ben!“, erklärte er, wendete Feuertanz ab und verschwand in Richtung der Scheune.

Die anderen sahen sich vielsagend an. Ben war Arpads Vater, der erst vor ein paar Tagen wieder aufgetaucht war – und das, nachdem Arpad ihn seit über zehn Jahren nicht getroffen hatte. Jetzt arbeitete Ben in Donneracker und renovierte eine alte Wohnung in der Scheune. Arpad half ihm dabei und so lernten Vater und Sohn sich langsam wieder kennen. Das klang einfach und friedlich – aber so war es nicht von Anfang an gewesen …

Die restliche Horde ließ sich auf der Terrasse nieder. Zaz holte schnell Apfelschorle für alle aus der Küche. Nachdem sie ihren Durst gelöscht hatten, machten Fee und Ann-Sophie sich auf den Nachhauseweg, während Lukas und Zaz sich mal wieder an die Nachhilfe machten.

Das Ziel war klar: Zaz musste möglichst fit für die Schule werden, damit ihre Eltern sie auch nach den Sommerferien regelmäßig nach Donneracker ließen. Wenn die Noten nicht stimmten, dann wusste Zaz, was ihr blühte: Ihre Eltern würden sie an den Wochenenden zum Lernen verdonnern. Und zwar unter Aufsicht – und auf keinen Fall in Donneracker. Sie musste also unbedingt besser in der Schule werden, sonst würde sie Monsun vor Weihnachten bestimmt nicht mehr sehen.

Gemeinsam beugten Lukas und Zaz sich über das Onlineseminar, das Zaz besuchen musste, bis Tine zwei Teller mit Apfelkuchen zwischen sie stellte.

„Ihr habt genug getan! Es sind schließlich Sommerferien. Esst jetzt erst einmal etwas!“, sagte sie.

Erleichtert schaltete Zaz den Laptop aus. Sie sah zwar ein, dass sie dringend Hilfe benötigte. Und es gab keinen besseren Nachhilfelehrer als Lukas. Aber deswegen machte ihr die Lernerei noch lange keinen Spaß …

Nachdem sie den Kuchen gegessen hatten, verschwand auch Lukas wieder in den Wald, um nach Hause zu reiten. Nur wenig später rollte das Auto von Zaz’ Mutter auf den Hof.

Überrascht sprang Zaz auf und umarmte sie. „Mum! Was machst du denn hier?“

„Ich bin mit Tine verabredet. Wir müssen noch etwas genauer über das neue Konzept für Donneracker reden.“ Sie sah suchend auf die Terrasse. „Wo ist sie denn?“

„Ich wette, die holt nur eben einen frischen Kuchen aus der Küche. Es gibt Apfelkuchen! So lecker, da wirst sogar du ein Stück essen!“, fragte Zaz.

Ihre Mutter lachte. „Willst du dich zu uns setzen? Vielleicht hast du ja auch die eine oder andere Idee, wie wir Donneracker aufmöbeln können.“

„Ach …“ Zaz sah sich um. „Ich mag es hier so, wie es ist. Was sollte man schon ändern? Das ist das Paradies!“

Ihre Mutter sah sie aufmerksam an. „Und warum?“

„Ich denke, der Wald drum herum ist was Besonderes.“ Zaz dachte nach. „Und hier ist alles langsamer als in der Stadt. Nicht so hektisch.“

Tine kam mit Kuchen und Kaffee und setzte sich dazu. Sie begrüßte ihre Schwiegertochter und sah sie fragend an. „Ihr arbeitet schon, Alexandra?“

„Ich will nur wissen, was Zaz hier so toll findet. Immerhin gibt es nur langsames Internet, man kann nichts streamen und Handyempfang gibt es auch nicht. Das könnte doch tierisch nerven, oder etwa nicht?“

„Aber genau das ist ja das Coole!“, rief Zaz. „Hier gibt es vielleicht kaum Internet – aber wenn ich im Wald unterwegs bin, kannst du mir auch keine Nachrichten schicken und fragen, ob ich genug lerne! Überhaupt: Das Handy gibt Ruhe, ich habe es nicht einmal mehr dabei. Da draußen gibt’s ja sowieso kein Netz.“ Mit einer Grimasse redete sie weiter. „Aber vielleicht sehe ich das nur so, weil ich zu Hause keine Freunde habe. Und den Klassenchat kann einfach niemand vermissen, die dissen sich eh nur die ganze Zeit.“

Nachdenklich malte ihre Mutter Kringel auf ein Blatt Papier. „Daraus müssen wir etwas ganz Besonderes machen. Donneracker als Oase der Ruhe. Der Natur. Irgendwas mit Seinen eigenen Rhythmus finden.“ Sie sah auf. „Was haltet ihr von dieser Richtung?“

„Wenn es bedeutet, dass ich keinen teureren und besseren Internetanschluss hier in den Wald legen muss, dann bin ich dabei!“, erklärte Tine.

„Ja. Aber wir müssen lernen, dass wir das nicht als Mangel möglichst verschweigen – sondern lieber als etwas ganz Besonderes verkaufen. Digital Detox und so.“ Alexandra schien sich für die Idee immer mehr zu begeistern. „Dazu dein selbst gebackenes Brot, die Marmeladen und das Essen hier aus der Region – das könnte etwas werden.“

Zaz hörte noch ein paar Minuten lang zu, dann lächelte sie entschuldigend und stand auf. „Ich glaube, da kann ich euch nicht mehr helfen. Ich gehe hoch. Bis später!“

Ihre Mutter hob die Hand, aber sie war offensichtlich mit ihren Gedanken nur noch bei dem neuen Konzept von Donneracker. „Bis später, Liebling.“

Während Zaz die steilen Stiegen nach oben zu ihrem kleinen Zimmer unter dem Dach lief, fiel ihr plötzlich auf, dass in diesen Ferien immer nur ihre Mutter hier auf dem Hof vorbeikam. Warum nur hatte ihr Vater sich noch nie blicken lassen?

Dabei war er der Sohn von Tine. Und er musste reiten können – immerhin trug Zaz seinen alten Samthelm, wenn sie mit Monsun unterwegs war.

Hatte er vielleicht Streit mit seiner Mutter? Oder gab es da etwa ein Geheimnis? Nachdenklich zog Zaz die Gardine zur Seite und sah auf die große Wiese, die sich um die Pension erstreckte. Sie musste unbedingt ihre Mutter fragen, warum Dad hier nie zu sehen war. Aber jetzt nahm sie sich erst einmal ein Buch und legte sich aufs Bett. Bis zum Abendessen wollte sie ein wenig lesen.

Zaz musste eingenickt sein, denn sie schreckte auf, als plötzlich die Tür aufflog und ihre Mutter neben dem Bett stand. „Ich muss leider schon wieder nach Hause – aber das nächste Mal haben wir mehr Zeit füreinander. Versprochen.“ Damit umarmte Mum sie ein wenig hektisch und verschwand.

Verwirrt sah Zaz ihr hinterher. Jetzt hatte sie es nicht einmal geschafft, nach dem rätselhaften Fernbleiben ihres Vaters zu fragen. Sie nahm sich fest vor, das beim nächsten Besuch ihrer Mutter gleich als Erstes herauszukriegen.

Später am Abend sah Zaz aus dem Fenster über die Lichtung. Am Waldrand stand Monsun und blickte aufmerksam zu ihr herüber. Lächelnd lief Zaz die Treppe hinunter und besuchte Monsun. Zur Begrüßung rieb sie ihr über die Nase, dann setzte sie sich zwischen die Vorderbeine ihrer Stute und sah zu, wie der Mond allmählich aufging. Lächerlich, wenn ihre Mutter Donneracker als große Besonderheit verkaufen wollte. Es war ganz normal. Und das Schönste auf der Welt.

Am nächsten Morgen steckte Zaz sich nach einem gemütlichen Frühstück ein paar Äpfel und Bananen vom Buffet in die Tasche – so bekam Monsun auch ein Frühstück, das sie mit großer Begeisterung verspeiste. Vor allem die geschälten Bananen hatten es der Stute angetan.

Dann machten sie sich auf den Weg zum Schäferkarren. Die Horde hatte sich an ihrem Treffpunkt verabredet – und als Zaz näher kam, konnte sie sehen, dass fast alle anderen längst hier waren: Feuertanz, Herr Müller und Kronos grasten schon bei dem schwarzen Wagen, auf dessen Seite ein Pferdekopf gemalt war. Da fehlten also nur noch Fee und Luna. Die anderen saßen auf der Treppe zum Eingang des Karrens und hatten es sich mit einer Handvoll Kekse bequem gemacht.

„Was haben wir heute vor?“, begrüßte Zaz alle und nahm sich einen Keks.

„Ich muss ein bisschen trainieren“, erklärte Ann-Sophie. „Aber was haltet ihr hinterher von einem kleinen Ausritt? Wir sollten unbedingt mal wieder zum See, bevor der Sommer vorbei ist.“

„Jetzt male nicht den Herbst an die Wand!“, murmelte Arpad. „An den will ich nicht einmal denken … Dann wird es wieder ungemütlich hier im Wald.“

„Was macht ihr dann eigentlich?“, wollte Zaz wissen. „Ich meine, ich war letzten Herbst ja noch nicht da.“

„Das Gleiche wie jetzt. Nur wärmer angezogen.“ Lukas zuckte mit den Schultern. „Sehr viel wärmer angezogen. Und wir feuern den Ofen hier im Karren an.“

„Und die Sache mit dem Schwimmen lassen wir dann auch“, ergänzte Arpad.

In diesem Augenblick hörten sie Hufgeklapper. „Fee! Wir haben schon auf dich gewartet“, rief Ann-Sophie.

Fee ließ sich von Lunas Rücken gleiten und kam näher. Erst jetzt sahen die anderen ihr Gesicht: noch blasser als sonst, mit tiefen Augenringen und ohne auch nur die Andeutung eines Lächelns. Sie sah zum Fürchten aus.

„Was ist passiert? Um Himmels willen, was ist denn los?“ Arpad war aufgesprungen und sah die Freundin entsetzt an.

„Ach, es ist …“, setzte Fee an – um plötzlich in Schluchzen auszubrechen. Sie sank zusammen und hielt sich die Hände vors Gesicht. Die anderen scharten sich um das verzweifelte Mädchen, klopften ihr den Rücken und versuchten, sie irgendwie zu trösten.

Lukas nahm sie in den Arm, aber Fee schien ihn überhaupt nicht zu bemerken. „So schlimm kann es gar nicht sein“, sagte er immer wieder hilflos. „Jetzt sag doch, was los ist!“

Zaz hatte das Gefühl, dass es eine Ewigkeit dauerte, bis Fee sich etwas beruhigt hatte und endlich reden konnte.

Sie wischte sich über das Gesicht. „Ich muss weg!“, platzte sie heraus. Um sofort wieder loszuheulen.

„Wie meinst du das: weg?“, wollte Arpad wissen, während er ihr unbeholfen über den Rücken strich.