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"Jahrhundert - Vier Generationen in Deutschland" Zum Inhalt: Das Leben in Deutschland im 20.Jahrhundert wurde wesentlich von den Männern im Land bestimmt und geprägt. Die unheilvolle Entwicklung, hin zu zwei Kriegen, die nicht nur Europa in großes Leid und Elend stürzten, belegt eindrücklich ihr Versagen. In Einzelbüchern wird die Familiengeschichte von vier Generationen beleuchtet. Zeitrahmen ist dabei jeweils ein neues Vierteljahrhundert. Die Geschichte spielt in einem fiktiven Dorf, mitten in Sachsen. Dabei werden die ersten Lebensjahre der Männer beschrieben, mit ihren Werten, Vorstellungen und Prägungen, die sie letztlich auch an die nächste Generation weitergeben. Wichtiges und Wertvolles, aber auch Irrungen und falsche Entscheidungen beeinflussen dadurch auch die Entwicklungen der nächsten Generation. Jedes einzelne Buch dieser Familiengeschichte trägt den Namen der zentralen Figur. Im ersten Buch wird der Weg des kleinen Wilhelm beschrieben, eingeschlossen in einer überschaubaren Welt und mit kaum hinterfragter Lebensweise. Dennoch wird seine Entwicklung von den großen Veränderungen in Europa beeinflusst, von einem Krieg, der 17 Millionen Menschen das Leben kostete und einer Entwicklung, die den Weg in eine neue Katastrophe ebnete.
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2017
Rainer Kraft
1. Band aus
Jahrhundert -
Vier Generationen in Deutschland
© Rainer Kraft
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: Paperback
978-3-7439-0725-6
ISBN: Hardcover
978-3-7439-0726-3
ISBN: e-Book
978-3-7439-0727-0
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Für Eva, der Liebe meines Lebens.
Der 2. Januar 1901 war ein nasskalter Mittwoch. Im kleinen Bauerndorf Trona hatte die Hebamme des Dorfes bei der Geburt eines Jungen geholfen. Es war fast so, als hätte das Kind übereilt den Mutterleib verlassen wollen. Anna, die noch recht junge Bäuerin, sie war erst vor dem letzten Weihnachtsfest 17 Jahre alt geworden, bekam von der resoluten Geburtshelferin das Kind in die Arme gelegt. In der Stube des Bauernhauses war es warm, denn der Hausherr hatte tüchtig den Ofen geschürt und mit knorrigen Holzstücken vollgepackt. Anna hielt den Jungen fest, schaute immer wieder in sein schrumpeliges Gesicht und fragte leise, ob er denn gesund sei und alles dran wäre. „Aber ja“, sagte die Hebamme, „von der Nase bis zu den Zehen ist alles da. Du wirst dich schnell erholen, denn die Geburt ging ja schneller als galoppierende Gäule.“
Leise klopfte es an der Tür. „Komm ruhig herein, Ernst, Dein Sohn ist da und wartet auf dich!“ Leise trat der Bauer durch die geöffnete Stubentür und ging auf Zehenspitzen zum Lager seiner jungen Frau. In zwei Schritten Entfernung blieb er stehen, sah auf Mutter und Kind und wandte sich wieder ab, um das Zimmer zu verlassen. „Willst du den Jungen gar nicht näher sehen?“ wollte Anna wissen. „Ist schon alles recht, aber jetzt muss ich die Kuh versorgen und die Schweine füttern. Ich hole noch schnell das Wasser von der Pumpe und wenn ich fertig bin, gibt es Brot und Eier. Bleibst Du noch so lange, Metha Schnell?“ Die Hebamme nickte und faltete die unbenutzten Betttücher zusammen.
Nun war er also da, der erste Sohn im Bauernhaus. Für Anna, die junge Mutter, war er das schönste Kind im Dorf. Der Vater hatte in einem geflochtenen Wäschekorb ein Kinderbett hergerichtet, aber er vermied es, das Kind aufzuheben und im Arm zu halten. Was für Gedanken beschäftigten Ihn? Machte er sich Sorgen, weil das bescheidene Leben nach dem Tod seiner Eltern so beschwerlich war? Ernst musste nun alles selbst entscheiden und bestimmen, was vorher von seinem Vater geregelt wurde. Er arbeitete vom Morgengrauen bis zum Anbruch der Nacht.
Die Tage im Januar waren zwar kurz, aber so vieles musste bedacht und versorgt werden. Die einzige Kuh gab nur wenig Milch. Sie hatte im letzten Ernteherbst manchen Leiterwagen mit Kartoffeln vom Feld ziehen müssen. Und Anna konnte vor ihrer Niederkunft kaum noch mit helfen, weil häufige Schmerzen zu Ruhepausen zwangen. Wie sollte es nun weiter gehen? Wie lange würde es dauern, bis sie wieder mit anpacken konnte und ihre Arbeiten erledigte? Vielleicht konnte sie ja schon bald die Kuh melken?
Inzwischen war es Sonnabend. Anna und Ernst hatten den ganzen Freitagabend zusammen über den Jungen gesprochen. Welcher Name war wohl angebracht? Sollte er Friedrich heißen, weil der Großvater auch diesen Namen trug? Anna wollte den Jungen auf Wilhelm taufen lassen, und schließlich einigten sich die beiden auf die Taufnahmen Wilhelm Friedrich Ernst. Morgen sollte die Taufe sein, so hatte es der Pfarrer bestimmt. Napfkuchen war gebacken und fünf Hühner hatten ihr Leben lassen müssen, um die Nachbarn, alles Kleinbauern, zum Fest zu bewirten. Ernst hatte noch vier Krüge mit Bier aus dem Wirtshaus geholt.
Der Sonntag war ein trüber Tag, es war windig und in der kalten Kirche rückten alle näher zusammen. Die Pfarrfrau hatte über dem Herd das Taufwasser etwas angewärmt, aber das schien den Täufling nicht zu beeindrucken. Vielleicht war es auch schon wieder zu kalt geworden, und so ertönte schon bei den ersten Tropfen auf seinem Kopf seine kräftige Stimme. „Wenn Wilhelm so weiterbrüllt, wird er bestimmt Offizier“, sagte der Pfarrer, an die Eltern gewandt.
Während der Tauffeier war das natürlich das ausführliche Gesprächsthema in der Bauernstube. Ernst protestierte leidenschaftlich, aber Anna blieb erstaunlich ruhig. Sie fand den Gedanken nicht übel, verbargen sich doch dahinter für den Jungen ungeahnte Möglichkeiten für die Zukunft.
Die Stunden vergingen im täglichen Allerlei. Die Tiere wurden versorgt, nur Ernst schaute immer sorgenvoller auf den stetig abnehmenden Heuhaufen in der kleinen Scheune. Es wurde langsam Zeit, den Tieren wieder frisches Gras zu füttern.
Wilhelm lag fast den ganzen Tag in seinem Korbbett in der Stube. Nur selten fand Anna Zeit, ihn auf den Arm zu nehmen und an das kleine Fenster zum Garten zu treten. Nur die Stillzeiten, wenn sie ihrem Willi die Brust gab, waren die wenigen Minuten, in denen sie sich auf der Ofenbank ausruhen konnte. Annas kleine Brüste gaben erstaunlich viel Milch, so dass Willi noch nichts Zusätzliches brauchte, um satt zu werden. Die Hebamme hatte vor wenigen Tagen noch einmal nach dem rechten gesehen und war zufrieden mit Wilhelms Entwicklung.
Ernst vermied es, seinem Sohn zu nahe zu kommen. Ihn beschäftigten zu viele Fragen. Warum hatte er sich nicht beherrschen können, als er Anna vor über einem Jahr in der Scheune seines Nachbarn sah? Er hatte damals einen ausgeliehenen Lederriemen zurückgebracht und sie dabei gesehen, wie sie sich im abgegrenzten Hühnerstall über die Legenester beugte, um die frischen Eier aufzusammeln. Anna war als Magd vor knapp zwei Jahren auf den Hof gekommen. Ernst trat hinter sie, packte sie an den Hüften und zog sie zu sich heran. Während sie sich dabei aufrichtete, suchten seine Lippen schon die ihren. Als er spürte, dass sein Kuss erwidert wurde, wanderten seine Lippen zum Hals und schließlich an den Brustansatz. Langsam glitten seine Hände vom Rücken über die Schulter, um schließlich von vorn beide Brüste zu umfassen. Anna wich einen kleinen Schritt zurück, aber dann gab sie sich seinen tastenden Händen hin. Plötzlich richtete sich der junge Bauer auf, sah Anna in das gerötete Gesicht und wandte sich stumm um. Mit schnellen Schritten lief er aus der Scheune. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken wild durcheinander. Was hatte er getan? War das richtig, sich einfach diese junge Frau zu greifen? Sollte er sich mehr zurückhalten und ihr aus dem Weg gehen? Was würde der Nachbarsbauer sagen, wenn er das erfahren sollte? Müsste Anna dann ihr Bündel packen und gehen? Aber es war doch eigentlich nur ein Kuss. Ernst grübelte die ganze Zeit, schmiedete Pläne, die er sofort wieder verwarf. Heiraten?
Erst spät am Abend trat er noch einmal auf den Hof, um die kalte Abendluft einzuatmen. Langsam ging er bis an den nahen Gartenzaun. Jetzt hatte er einen freien Blick auf das Nachbarhaus. Ernst sah das flackernde Licht einer Petroleumlaterne, die jemand in der Hand trug. Es war Anna, die zielstrebig zum nahen Misthaufen lief. Noch bevor Ernst richtig nachdenken konnte, hatte sie die Laterne abgestellt, hob den langen Rock nach oben und raffte ihn unter der Brust zusammen. Dann hockte sie sich hin und ein kräftiger Strahl bahnte sich seinen Weg aus einem dichten Busch schwarzer Haare. So schnell wie alles begann, war es auch wieder zu Ende. Ernst stand noch immer am Zaun, als Anna schon längst im Haus verschwunden war.
Die folgenden Tage waren angefüllt mit der täglichen Hofarbeit. Es war noch einmal kalt geworden. Ein eiskalter Wind fegte schon seit über einer Woche um die Häuser. Die Stube wurde nicht mehr richtig warm, auch wenn zusätzliches Holz verfeuert wurde. Trotz aller Arbeit musste Ernst immer wieder an Anna denken. Es war ihm so, als könnte er noch immer ihre weichen Lippen spüren. Gesehen hatte er sie nicht mehr und so blieb zunächst noch die Entscheidung aufgeschoben, wie er ihr begegnen sollte. Er wollte sie eigentlich fragen, ob sie zu ihm auf den Hof kommen würde. Aber was hatte er als junger Kleinbauer schon zu bieten? Wie sollte das überhaupt gehen, mit all der Arbeit und den viel zu geringen Erträgen?
Die Sonne schien schon recht kräftig, jetzt, Anfang März. Ernst hatte noch einiges auf dem Hof auszubessern. Einem Rechen fehlten mehrere Zinken, die er passgerecht nachschnitzen und einsetzen musste. Am Brunnenrand im Hof waren zwei Steine aus der gemauerten Rundung ausgebrochen. Der im Winter deutlich angewachsene Misthaufen musste endlich über die Felder verstreut werden. Die immer länger werdenden Tage brachten auch mehr Arbeit mit sich. Wenn es dann dunkel wurde, war Ernst so müde, dass er sich nur die Hände wusch, um noch schnell ein Stück Brot zu essen. Dann legte er sich in sein altes Kastenbett. Jeden Abend nahm er sich dabei vor, bestimmt am nächsten Tag das Stroh aus dem Bett zu nehmen und neues auf die Bodenbretter zu legen. Aber der Schlaf kam wie immer so schnell, dass er alle Gedanken darüber auslöschte.
Ein lauter Pfiff riss Ernst aus dem Schlaf. Was gab es denn so früh? Er stand auf, streifte sich die Hose über und stieg in die ausgetretenen Holzpantoffeln. Dann ging er aus dem Haus und sah sich um. Der Nachbar winkte ihm zu und rief: „Wir fahren dann mal. Bis übermorgen! Anna wird sich um alles kümmern, aber sieh mal nach dem Rechten, wenn wir nicht da sind.“ Dann fuhren er und die Bäuerin mit dem Pferdegespann los.
Ernst wandte sich wieder dem Haus zu. Er wollte erst etwas essen, bevor seine Arbeit ihn forderte. Später am Abend erinnerte er sich an die Worte des Nachbarn. Ob Anna wohl alles richtig gemacht hatte? Er musste unbedingt nach ihr sehen. Aber eigentlich ging es ihm nicht um die tägliche Arbeit. Vielmehr schlug sein Herz in einem Takt der bis in die Ohren hinein immer wieder „An – na“ klopfte.
Mit schnellen Schritten war er den Zaun entlang bis zum Hoftor des Nachbarn gelaufen. Laut klopfte er gegen die Haustür und trat ohne zu zögern ein. Mit wenigen Schritten den Hausflur durchquerend, betrat er nun die Küche. Anna stand vor ihm, und dann zeichnete sich ein Lächeln auf ihrem schönen Gesicht ab. Ohne zu zögern kam sie auf Ernst zu, legte ihre Arme um den Hals des wie erstarrten jungen Mannes und küsste ihn auf den Mund. Erst jetzt schien wieder Leben in den Bauern zu kommen. Er erwiderte den Kuss, dabei seine Zunge vorsichtig zwischen ihre weichen Lippen schiebend. Anna schien daran Freude zu haben, denn ihre Umarmung wurde immer fester.
Wie alles weitere geschah, blieb für die beiden wie von Nebel umhüllt. Erst als sich Ernst erhob und Anna frei gab, sah er ihre Brüste und ihren dicht bewachsenen Schoss. Sie hatte die Beine noch etwas gespreizt. Was habe ich getan, schoss es durch seinen Kopf. Was wird das noch werden? Anna setzte sich auf, denn sie hatten sich auf den harten Dielenbrettern der Küche geliebt. Lange sah sie in das Gesicht des Mannes, den sie schon seit ihrer ersten Begegnung begehrt hatte. Ernst wandte sich ab und trat zur Tür. Noch einmal drehte er sich um, sah auf die nackte junge Frau und sagte: „Komm auf meinen Hof. Wir gehören zusammen.“
Das war nun neun Monate her. Viel Aufregung herrschte, als Annas Schwangerschaft sichtbarer wurde. Sie hatte wie immer ihre Arbeiten gemacht, aber der dicker werdende Bauch bereitete ihr einige Mühe. Lautstark hatte der Bauer geflucht, als seine Frau ihm von der Vermutung erzählte, Anna sei in anderen Umständen.
Der Pfarrer bestellte die Sünder, so nannte er die beiden, ins Pfarrhaus. Seine Frau hatte Tee gebrüht und in drei zierlichen Porzellantassen auf den Tisch gestellt. Dann verließ sie das Arbeitszimmer. Es war eine gehörige Bußpredigt, die nun auf die beiden niederprasselte. Der Pfarrer mahnte und drohte, sprach von Sünde und Teufelswerk, beschimpfte die jungen Leute als Rammler, schlimmer als Karnickel. Dann stand er von seinem Stuhl auf, sah von oben auf die beiden herab, die mit gesenktem Kopf vor ihm saßen. „Ihr heiratet am 9. September!“, donnerte er auf sie herab. Dann zog er sie von den Stühlen und schob sie eilig aus der Tür. Es war der frische Kaffeeduft, der nun seine Aufmerksamkeit forderte.
Im letzten Jahr hatte es kurz vor Weihnachten Schnee gegeben. In der Kirche erzählte man sich von den Flugversuchen einiger Verrückter in Amerika. Sogar der Pfarrer sah sich genötigt, in seiner Predigt diese Dummheiten zu verurteilen. Er war sich nicht sicher, ob es in unserem guten deutschen Land auch solchen Spinner geben könnte. Wieso sollte ein Mensch auch fliegen. Hätte Gott das so gewollt, dann hätten wir alle auch Flügel. Aber das ist ja zum Glück, so meinte er, den Engeln vorbehalten.
Schnell war aber wieder Ruhe im Dorf eingekehrt. Es gab ja genug anderes zu besprechen. Da war vor allem die Rede von dem Reichen, seinen Namen wusste man noch nicht, der am Ortsrand ein großes Feld vom Fiedler-Bauer abgekauft hatte. Von viel Geld war da die Rede. Jeder, der von diesem Landkauf erzählte, schien der einzige Experte in Finanzfragen zu sein. Und so schaukelte sich der Kaufbetrag bei jedem neuen Erzählen in schier ungeahnte Höhen. Aber jetzt bestimmte noch immer die Winterruhe das Geschehen und auch Gerede im Dorf.
Die Stube war wohlig warm, der dreijährige Wilhelm stand vor seiner Mutter und wartete, dass sie ihm endlich die bunte Zuckerstange geben würde. Was Geburtstag bedeutet, konnte er noch nicht verstehen. Aber es musste etwas besonderes sein, denn es gab sonst nie so eine herrliche Süßigkeit.
Willi, so wurde er von seinen Eltern und allen Nachbarn genannt, war ein lebhafter kleiner Junge. Mit seinen kleinen Händen versuchte er alles zu ertasten und festzuhalten. Erst kürzlich hatte er im Stall zwischen den beiden Kühen gestanden, die ihn gleichmütig kauend nur kurz angesehen hatten. Zur alten Henni war vor gut einem Jahr noch Loni dazugekommen. Willi hatte an das Euter der jüngeren Loni gegriffen, wahrscheinlich um es seiner Mutter gleichzutun, der er beim Melken gern zusah. Bisher hielt er zwar immer respektvoll Abstand, aber jetzt wollte er es ausprobieren. Die Kuh reagierte mit einem Anheben ihres Beines um die kleine Hand abzustreifen. Dann trat sie kräftig zu. Ein rasender Schmerz verbreitete sich vom Fuß des kleinen Willi bis in die entferntesten Haarspitzen. Nach mehreren Sekunden Verzögerung brüllte er laut los. Da erfasste eine kräftige Hand den Jungen am Oberarm und zog ihn in die Höhe. Nun saß er, noch immer laut brüllend, in den starken Armen seines Vaters. Der eilte mit dem Jungen aus dem Stall und über den Flur in die Küche. Dort stand die Mutter mit weit aufgerissenen Augen und nahm das schreiende Bündel in ihre Arme. Die Wärme der Mutter und ihre leisen tröstenden Worte beruhigten das Kind. Dann sah sie sich den in Mitleidenschaft gezogenen kleinen Fuß an, der über und über mit Dreck und Blut beschmiert war. Mit Lappen, Wasser und immer wieder gut Zureden gelang es ihr, die wirklichen Ausmaße des Unglückes freizulegen. Sichtbar wurden nun eine Platzwunde auf dem Fußrücken und eine erhebliche Schwellung bis zum Zehenansatz. Der Vater kam noch einmal in die Küche, besah sich den kleinen Fuß und sagte nur: „Nun weist du´s. Also bleib weg von den Kühen.“ Er wandte sich der großen Emaillekanne zu, die mit lauwarmem Malzkaffee gefüllt war, goss sich seinen Blechtopf voll, ergriff den Henkel und trank in großen Zügen. Dann ging er wieder zu seiner Arbeit. Das also war die erste schmerzhafte Begegnung mit der viel größeren Kuh.
Aber heute war das fast vergessen, denn die Zuckerstange überdeckte mit ihrem Wohlgenuss alle Erinnerungen und alles bisher da gewesene. Die Nachbarn waren zum Kaffe gekommen. Sie hatten im Korb einen herrlich duftenden Kranzkuchen mitgebracht. Das war ein besonderer Tag, das spürte Willi.
Viel zu schnell war der Nachmittag vergangen. Es wurde dunkel und die Mutter musste sich beeilen, um die beiden Kühe noch zu melken. Für Willi gab es auf dem Tisch eine große Menge Holzbausteine. In unterschiedlichen Größen und Formen hatte der Vater diese im letzten Jahr aus gut getrocknetem Holz gesägt und bearbeitet. Willi stand auf der Ofenbank, vor sich auf dem Tisch lagen die vielen Bausteine. Er konnte sich, so stehend, gut darüber beugen. Der Turm, den er aufschichtete, wurde immer höher. Willi musste sich strecken, um die Spitze zu erreichen, aber plötzlich stürzte alles ein. Laut polternd fielen drei Bausteine unter den Tisch. Der Junge kletterte hinunter, kroch unter den Tisch und hielt bald alle drei mit seinen kleinen Händen vor der Brust fest. Hier unten war es schummrig, aber auch unsagbar interessant. Da lag sogar etwas Helles unter der Ofenbank. Willi lies die Bausteine achtlos auf den Boden fallen. Dann ging er, oder besser gesagt kroch er, unter dem Tisch entlang bis unter die Bank. Da zeigte es sich, dieses Ding. Es war ein heruntergefallener Würfelzucker. Für Willi eine willkommene Leckerei, die sofort in seinem Mund verschwand. Leider wurde der Genuss von einigen längeren Haaren geschmälert. Es dauerte eine ganze Weile, bis Willi seinen kleinen Mund haarfrei hatte. Das war ja auch schwierig genug, wenn man, aus Furcht, den Zuckerbrei zu verlieren, im Mund nur eingeschränkt herumfingern kann. Immer noch saß er mitten unter dem Tisch, seiner kleinen Insel der Glückseligkeit.
Die Tage vergingen für Willi, ohne dass er vom Geschehen um sich herum im Dorf oder gar von der entfernten großen Stadt irgendetwas mitbekommen hätte. Mit Vorliebe schichtete er jetzt seine Holzbausteine unter dem Tisch übereinander. Mit Neugier beobachtete er die Füße, die sich kurz vor dem Mittagessen in sein kleines Reich schoben. Dann wurde seitlich der Kopf des Vaters sichtbar, der den Jungen mit einer Hand ergreifen und unter dem Tisch hervor ziehen wollte. Es war ein tolles Spiel, der Hand auszuweichen. Wenn aber von oben dann ein „Wilhelm“ ertönte, war es ratsam, sofort die Deckung zu verlassen und sich an den Tisch zu setzen.
Vater und Sohn waren sich wenig ähnlich. Was Willi an Temperament hatte, ein Erbe der Mutter, war bei Ernst die bedächtige Ruhe. Ihn konnte nicht so schnell etwas aus der Fassung bringen. Und doch hatte es eine Situation gegeben, in der Ernst kräftig auf den Hintern seines Sohnes mit der rechten Handfläche geschlagen hatte.
Es trug sich so zu: Willi wurde für seinen Mittagsschlaf in das Bett der Eltern gelegt. Es war groß, mit riesigen dicken Federbetten, so dass nur noch die Haare des Kleinen zu sehen waren. Auf ein Nachthemd wurde unter diesem weichen Berg verzichtet.
Es war ein trüber Vormittag, und der Vater plagte sich schon seit dem Morgen mit Zahnschmerzen. Er war noch schweigsamer, als sonst. Nach dem Mittagessen, der Vater hatte nur wenig gegessen, wollte er sich mit seinem Jungen zur Mittagsruhe hinlegen. Vielleicht ließen ja auch die Schmerzen etwas nach... Der Vater zog seine Hose aus, streifte das Hemd über den Kopf und saß nun, angetan mit seinem Unterhemd mit fest angearbeiteter Unterhose, die am Gesäß einen aufknöpfbaren Latz hatte, auf der Bettkante. Mit einem Aufstöhnen legte er sich hin. Die Schmerzen schienen ihm sehr zu schaffen zu machen. So lagen die beiden nun, Rücken an Rücken, in dem großen Ehebett. Willi schlief schnell ein. Aber durch die unruhigen Bewegungen des Vaters war er bald wieder wach, vielleicht aber auch, weil es ihm ziemlich mulmig im Bauchbereich war. Aufzustehen traute er sich nicht, also verhielt er sich so still wie möglich. Doch dann überkam es ihn. Mit Gewalt drängte sein Darminhalt ins Freie. Er lag noch immer Rücken an Rücken mit dem Vater, als sich ein ziemlich dünnflüssiger Schwall zwischen die Beiden ergoss. „Was machst Du denn!“ schrie der Vater auf, bevor er aufsprang und das braun gefärbte Bett verließ.
Willi lag erschrocken und bewegungslos noch immer in dem Chaos. Erst seine Mutter erlöste ihn aus seiner misslichen Lage. Sie trug ihren Jungen in die Küche, dann nahm sie die weiße Emailleschüssel vom Tisch, die eigentlich zum Geschirrspülen benutzt wurde, und stellte diese auf den Fußboden, mitten in die Küche. Willi wurde in die Schüssel gesetzt, nur damit sich nicht noch mehr unkontrollierte Verschmutzungen ausbreiteten. Dann ging sie erst einmal in das Schlafzimmer, um die Betten abzuziehen. Die Feuchtigkeit hatte schon durchgeschlagen, und so wurden die Einzelteile am geöffneten Fenster zum auslüften und trocknen aufgestellt.
Inzwischen hatte der Vater mit genügend Wasser aus der Pumpe seine am Körper klebende Unterwäsche abgewaschen. Dann zog er sich aus, holte sich aus dem Wäscheschrank in der Stube ein neues Unterhemd, wie üblich mit langen Ärmeln und mindestens bis in die Kniekehle reichend. Bevor er in seine Hose fuhr, zog er die unteren Enden des Hemdes zwischen die Beine, sodass mit diesem einen Kleidungsstück mindestens zwei Funktionen erfüllt waren. Frisch gereinigt, mit noch immer heftigen Zahnschmerzen aber auch einer gehörigen Portion Zorn, betrat der Vater die Küche. Auf dem Fußboden stand ja die Abwaschschüssel und darin sitzend der kleine stinkende Willi. Der Vater ging auf ihn zu, packte ihn im Genick, zog ihn nach oben und platzierte ihn auf seinem rechten Oberschenkel, den er zum Abstützen etwas nach oben gehoben hatte. Dann klatschte die linke Hand auf den Po des Jungen. Die zwei Handschläge entlockten Willi keinen Ton. Das hatte er noch nie erlebt, dass Vater ihn so behandelt. Der ging, nach dem er Willi wieder in der Schüssel abgesetzt hatte, noch einmal in den Hof und wusch sich an der Pumpe die eben benutzte Hand.
Vater kam erst sehr spät am Abend nach Hause. Willi schlief schon, auch diesen Tag bald vergessend. Nur Anna, war noch wach. Sie hatte auf ihren Ernst gewartet. Als er in die Küche kam, roch sie, wo er den Abend verbracht hatte. Vor seinem Kneipengang hatte er aber noch den Zahnarzt aufgesucht, der den quälenden Bösewicht entfernte. Anna brachte ihren Mann ins frisch bezogene und gelüftete Bett, strich ihm noch einmal liebevoll über den Kopf und gab ihm einen Kuss auf den Mund. Das hatte sie lange nicht mehr gemacht. Der Alltag hatte vieles verdrängt und vergessen lassen, was ihr einmal wichtig war.
Wieder wurde Geburtstag gefeiert. Der 2. Januar 1906 fiel auf einen Dienstag. Gerade erst war Weihnachten vorbei. Noch am Silvesterabend saßen Ernst und Anna mit ihren Nachbarn zusammen. Sie sprachen darüber, dass der Kaiser Wilhelm II, Marokko besucht hatte. Natürlich musste das sein, um den Franzosen klar zu machen, wer das Sagen in der Welt hätte. Hans, der Nachbar, fragte Ernst: „Hast Du schon mal von Berta von Suttner gehört?“ „Wer soll denn das sein?“ „Na die ist aus Österreich, und die hat den Friedensnobelpreis bekommen.“ „Kenn´ ich nicht. Aber sag mal, der Fabrikant oben auf der Fiedler-Ecke hat ja mit Bauen begonnen. Sie sagen, dort wird eine Handschuhfabrik gebaut. Was wird das denn hier bringen? Kannst Du Dir vorstellen, Handschuhe zum Arbeiten zu tragen? Na vielleicht gefällt das den Kühen beim Melken.“
Aber zurück zum Geburtstag von Willi. Er feierte nun seinen fünften Geburtstag. Einen Tag vorher hatte die Mutter noch gefragt, was er sich denn wünschen würde. „Ich wünsche mir ein Pferd und darauf einen Reiter, einen Soldatenreiter in Uniform.“ „Wie kommst Du denn auf so was?“ fragte die Mutter ganz erstaunt. „Na der Heinz von Onkel Hans hat zwei solche Pferde mit Soldaten. Der wird bestimmt ein richtiger Reiter. Wir haben ja nur Kühe...“ Mutter und Sohn schwiegen, aber jeder hing seinen Gedanken nach. Willi sah nur das Bild eines stolzen Reiters vor sich, aber die Mutter bewegten ganz andere Fragen. Würde ihr Willi sein Glück finden? Vielleicht könnte er ja wirklich etwas lernen und in der Stadt leben. Das harte Leben als Kleinbauer wünschte sie ihm am wenigsten.
Dann war der Geburtstag da. Es gab Kuchen, für die Nachbarn sogar richtigen Kaffee und für Willi ein eingewickeltes Geschenk. Mehrere Schichten Papier lagen übereinander und verbargen die Form des Inhalts. Willi entblätterte eine Lage nach der anderen. Und dann lag das Geschenk vor ihm. Es war ein Holzpferd mit echten Haaren als Mähne. Dazu noch ein Leiterwagen, beladen mit einer rotweißen Zuckerstange. Willi wusste nicht, ob er sich freuen oder enttäuscht sein sollte. Es war ja wirklich ein schönes Geschenk – aber eben doch kein Soldat.
Die Zeit verging oft wie im Flug. Es war das letzte Jahr, bevor es zur Schule ging. Willi war ein lebhafter Junge, der immer wieder auf Entdeckungen ging, um den Alltag zu begreifen. Ja, begreifen im wörtlichen Sinne. Er hatte herausgefunden, dass sich Kuhscheiße anders anfühlt, als die von Schafen.
Ach ja, Schafe gab es ja jetzt auch auf dem Hof. Für die war Willi zuständig. Er führte sie ab dem Frühjahr täglich in den Garten. Dort gab es Eisenstangen von etwa 1 Meter Höhe. Die wurden vom Vater mit einem überaus großen Hammer in den Boden mitten auf der Wiese geschlagen. Dann bekam das Schaf einen Ledergurt um den Hals gebunden. Am Halsgurt befand sich ein Eisenring, an dem das Ende einer Eisenkette fest gemacht wurde, die wiederum wurde mit einer Öse an der Stange befestigt. So konnte das Schaf im Kreis, den die Länge der Kette diktierte, das Gras abfressen. Das sah nicht nur lustig aus, sondern dort fand Willi auch die ... (na, sie wissen schon) für seine Versuche. Die konnte man recht gut drücken und formen, vor allem waren sie gut geeignet, um als Wurfgeschosse zu dienen.
Wurfgeschosse, das war etwas ganz neues, was Willi vom Sohn des neuen Fabrikanten gelernt hatte. Auf einer Entdeckungstour auf dem neuen Fabrikgelände war ihm ein achtjähriger Junge aufgefallen. Der trug eine lange Hose, hatte ein Hemd und eine Jacke darüber und schwarze Schnürstiefel an. Willi wollte unbedingt wissen, wer das sei, und so hatte der andere sich als Aaron vorgestellt. Dieser Aaron nun kannte sich bestens aus mit dem Bau von Katapulten. Das war für Willi wie der Eintritt in eine andere, faszinierende Welt. Unter der Matratze in seinem Schlafzimmer lag inzwischen auch ein solches Ding. Damit ließen sich nun besonders gut die Schafsausscheidungen verschießen. Wenn man sie vorher noch etwas anfeuchtet, zur Not auch mit der Zunge, klebten die prima an der Hauswand.
Für Willi bestand die Welt aus allem, was der kleine Hof hergab. Die Kühe gaben ihre Milch, außer bei Henni wurde es zunehmend weniger. Dafür war Loni noch einmal trächtig und hatte ein gesundes Kalb geboren. Willi hatte zugeschaut, als der Bulle auf Loni stieg. Beim ersten Mal hatte es nicht funktioniert, und so musste sich der Knecht vom Fiedler-Bauern noch einmal auf den Weg mit dem Bullen machen, um Loni zu decken. Als dann das Kalb geboren wurde, schlief Willi bereits. Seine Enttäuschung, nun etwas Wichtiges verpasst zu haben, war am Morgen riesig groß. Als er aber im Stall dann das muntere Kälbchen sah, war alles vergessen.
Der Einschulungstag im Folgejahr rückte immer näher. Willi war aufgeregt und gespannt auf das Neue, was nun kommen würde. Immer wieder fragte er seine Mutter, wann und wie das sein würde, ob er dann auch gleich lesen könne. Was es mit dem Zuckertütenbaum auf sich hätte und ob denn auch Aaron mit zur Schule kommen würde. Die beiden Jungen hatten sich, trotz des Altersunterschiedes von drei Jahren, sofort gut verstanden. Aaron war einfühlsamer, als Heinz vom Nachbarhof.
Mitten im Sommer, die Getreideernte war in vollem Gange, kam Aaron auf den Hof. Sein Klopfen an der Haustür wurde zunächst nicht bemerkt. Alle waren irgendwie beschäftigt. Willi hatte sich im Garten auf einem knorrigen Apfelbaum verkrochen. Als er Aaron sah, der sich schon wieder zum Gehen anschickte, rief er seinen Freund zu und sprang behände vom Baum. „Ich habe hier eine Einladungskarte zu meinem Geburtstag. Kommst du?“ „Klar komme ich, ich freue mich, danke!“ Am Abend gab Willi die Einladung seiner Mutter. Er konnte ja noch nicht lesen, und so las sie ihm vor: „Lieber Wilhelm, ich lade Dich zu meiner Geburtstagsfeier am Sonntag, den 11. August, ein. Dein Freund Aaron.“ „Und was schenke ich ihm? Ich habe doch gar keine Zuckerstange.“ „Ach Willi, dafür sind die Himbeeren und Brombeeren reif, und davon nimmst Du eine große Schüssel mit.“
Endlich war es Sonntag, und der Geburtstagsbesuch versetzte Willi in eine aufgeregte Stimmung. Die Beeren standen bereit, mit einer kleinen weißen Heckenrose geschmückt, und Willi hatte seine beste Hose an. Immer wieder fragte er seine Mutter, ob er schon losgehen könne. Drei Mal konnte sie ihn noch vertrösten und zurückhalten, aber dann war es endlich soweit. Willi nahm sein Geschenk unter den linken Arm. Es war eine größere Holzstiege, angefüllt mit den frisch geernteten Beeren. Den Feldweg entlang hätte Willi das Wohnhaus seines Freundes in höchstens zehn Minuten erreicht. Aber es gab ja auch die Abkürzung über die Felder. Willi hatte nicht bedacht, dass ein Feld in der Sommerwärme sehr staubig ist. Jeder Schritt durch die Furchen wirbelte eine kleine Staubfontäne auf. Die Sonne tat noch ein Übriges. Der Schweiß floss über die Stirn, rann hinter den Ohren am Hals entlang und schuf so eine nicht zu übersehende Patina im Jungengesicht. Aber da, was bewegte sich da auf dem Feld? Das sah ja aus, wie ein Hamster. Und richtig! Das wäre noch ein perfekteres Geschenk, als die Beeren, dachte Willi. Mit Schwung warf er sich in die Furche, in der er das Tier entdeckt hatte. Nur leider vergaß er, sich vorher von der Last der Beerenstiege zu befreien. Also landete Willi nicht auf dem Hamster, sondern ganz unschön mitten in den Früchten. Der Brei, den er mit seinem Sturz erzeugte, färbte sofort sein frisch gewaschenes Hemd. Der Hamster war längst verschwunden, und Willi, nur wenige Meter vom Geburtstag entfernt, wusste nicht, was jetzt zu tun sei. Tränen rannen über sein Gesicht. Warum musste so etwas auch passieren? Mit seinem großen Kummer im Herzen wandte er sich trotzdem der Geburtstagfeier und damit seinem neuen Freund zu. Der musste zuerst über Willis Aussehen lachen, aber dann nahm er ihn mit zu seiner Mutter. Die saß in einem üppig mit Blumen und Blattpflanzen ausgestatteten Raum. So etwas Schönes hatte Willi noch nie gesehen. Große Glasfenster ließen Licht in den Blumenraum. Erst sehr viel später erfuhr er, dass das Zimmer Wintergarten hieß. „Komm Willi, zieh deine Sachen aus und nimm eine Hose von Aaron. Setz dich hier in diesen Lehnstuhl.“ Dann rief sie eine Hausangestellte, übergab ihr die beschmutzten Kleidungsstücke und beauftragte sie mit der Reinigung. Aaron stand die ganze Zeit neben Willi. Er setzte sich endlich in den rechts stehenden, freien Korbsessel. „Ach weißt du, Willi, mit meinen doofen Cousinen und Cousins will ich gar nicht feiern. Die beschäftigen sich mit allen meinen Spielsachen. Ich bleib´ bei dir und wir trinken hier unseren Kakao und essen Kuchen. Was möchtest du, braunen Schokoladenkuchen oder gelben mit Vanille?“
Es wurde ein unvergesslicher Nachmittag. Aaron hatte aus einem Buch vorgelesen, während Willi sich förmlich über den Kuchen und Kakao stürzte. So tolle Sachen kannte er noch nicht.
Als die Wäsche sauber und trocken war, begleitete Aaron seinen müden Freund Willi nach Hause.
War das ein Fest, die Einschulung am Sommerende. Willi hatte eine Zuckertüte, fast genau so groß, wie die vom Hans. Das beste aber war, dass drei, ja wirklich: drei! Zuckerstangen darin waren. Und dann, ganz unten und extra eingewickelt, gab es eine Soldaten mit geschultertem Gewehr. Der sah einfach perfekt aus, in seinem dunkelblauen Waffenrock mit den roten Umschlägen und Kragenspiegeln. Auf dem Kopf trug er die typische Pickelhaube. So konnte man dem Kaiser und dem Vaterland dienen.
