Wolfram - Rainer Kraft - E-Book

Wolfram E-Book

Rainer Kraft

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Beschreibung

Wilhelm und Werner, zwei Generationen in der Familiengeschichte der Starkes, leben mit den Zwängen von Diktatur und Gewalt. Als dann Wolfram geboren wird, versuchen die Menschen in Deutschland eine neue Zukunft zu gestalten. Was hoffnungsvoll begann, mündet ein in die "Diktatur des Proletariats", eigentlich aber in die Bevormundung durch die neuen Machthaber. Die nach dem Krieg noch aktuellen Einheitsbestrebungen und die Vereinigung Deutschlands werden den Interessen der Sowjetunion und ihrer Vasallen geopfert. Deutschland erlebt die schmerzliche Spaltung und nachfolgend ganz gegensätzliche Entwicklungen. Während die Westmächte die junge Bundesrepublik in ihrer freien Entfaltung unterstützen, werden die Fesseln für die junge DDR und ihre Entwicklung immer enger. Kann sich Wolfram unter diesen Umständen frei entwickeln? Wird er Entscheidungen und Lebensrichtungen bestimmen können? Nach ungewissen und zweifelhaften Wegen gibt ihm seine Ehefrau Halt und Sicherheit. Endlich erlebt er Glück und persönliche Freiheit. Gehen Sie auf die Reise in eine Zeit, die noch so nah, aber inzwischen unsagbar weit entfernt scheint. Wissen Sie noch, wie es damals war?

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Seitenzahl: 261

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Rainer Kraft

Wolfram

3. Band aus

Jahrhundert - Vier Generationen in Deutschland

© 2017 Rainer Kraft

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: Paperback

978-3-7439-2713-1

ISBN: Hardcover

978-3-7439-2714-8

ISBN: e-Book

978-3-7439-2715-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Rückblick

In den beiden bisherigen Bänden der Familiengeschichte wird von Wilhelm, einem Bauernsohn aus Sachsen, und dessen Sohn Werner erzählt. Einblicke und Zusammenhänge von der Kaiserzeit bis zum Ende des 2. Weltkrieges erweitern den Blick in die deutsche Geschichte. Nach dem Zusammenbruch der zerstörerischen und menschenverachtenden Naziherrschaft muss der schwere Neuanfang bewältigt werden. Der Einheitsgedanke im Land wird schnell verdrängt, und bald gibt es zwei unterschiedliche Entwicklungen in Deutschland. Unspektakulär und bodenständig meistern die sächsischen Bewohner den Alltag und bauen neu auf. Wolfram, Sohn von Werner, bleiben zwar Chancen und Möglichkeiten versperrt, und doch gelingt auch sein Leben.

Der schreckliche Krieg war endlich vorbei. In Großtrona marschierten zunächst amerikanische Soldaten ein, aber schon wenige Tage später zogen sie wieder ab. Das Erstaunen darüber währte nicht lange, denn Einheiten der Roten Armee besetzten den Ort. Das Leben hatte sich grundlegend geändert. Zusätzlich zu den alteingesessenen Bewohnern gab es eine große Anzahl Flüchtlinge, die in den letzten Kriegsmonaten ihre schlesische Heimat verlassen mussten und nun in Großtrona unter beengenden Verhältnissen wohnten. Auch im Bauernhaus der Starkes wurde eine Familie, Mutter und Großmutter mit drei kleinen Kindern, untergebracht. Sie lebten nun in der Wohnung im Erdgeschoss, die viele Jahre für Fritz und seine Familie als Zuhause gedient hatte. Großmutter Anna half der Flüchtlingsfamilie wo sie nur konnte.

Fritz und seine Lina bewirtschafteten seit dem Wegzug von Willi sehr erfolgreich den Hof. Hungern musste deshalb niemand, denn der gut geführte Bauernhof war ertragreich. Die drei kleinen Flüchtlingskinder saßen oft im Stall, wenn Lina zum Melken der Kühe dort war. Nach dem Abgießen der frischen Milch in bereitstehende Milchkannen, die mit einem Leinentuch bespannt waren, bekamen sie immer einen Becher der noch lauwarmen Milch aus der großen Kanne geschöpft, die sie dann langsam tranken.

Die Großmütter saßen an manchen Nachmittagen zusammen und erzählten sich gegenseitig aus vergangenen Zeiten.

In Schlesien gab es einen recht großen Bauernhof. Dort wohnte und arbeitete die Familie Rimkus. Als der Familienvater zum Kriegsdienst befohlen wurde, sorgte der deutsche Bürgermeister für einen Helfer für die täglichen Arbeiten. Ein zwangsdeportierter Weißrusse wurde täglich zum Arbeiten auf den Hof gebracht, abends wieder abgeholt und in einem Lager eingesperrt. Die Bauersfrau konnte in einem längeren Gespräch den Bürgermeister überzeugen, dass der junge Mann auf dem Hof wohnen müsse, denn gerade in der Milchviehzucht gab es auch nachts ungeplante Ereignisse, die kräftige Männerhände erforderten. Wenn eine Kuh ihr erstes Kalb gebar, war das oft mit Schwierigkeiten verbunden. Nach der Genehmigung des Bürgermeisters wohnte der junge Weißrusse auf dem Hof. Er bekam ein kleines Zimmer und saß mit den Bauersleuten am Tisch. Durch seine fürsorgliche Art mit den Kindern umzugehen, gewann er bald die Herzen der beiden Frauen. Wassili, so hieß er, erlernte schnell die deutsche Sprache und bald erzählte er von seinem Zuhause, von den recht alten Eltern, den acht Geschwistern und der weiten und schönen Landschaft, mit einem Flüsschen, Wäldern und Wiesen. Über die Umstände, weshalb er nach Schlesien gebracht wurde, konnte und wollte er offensichtlich nicht sprechen.

Dann kam die Zeit, als die deutschen Wehrmachtsverbände zurückgedrängt wurden und bald auch Schlesien aufgeben mussten. Der Bürgermeister hatte die Flucht in das Reichsgebiet angeordnet und befohlen, nichts zurückzulassen, was die Wehrkraft der Russen stärken könnte. Er befahl, die Gebäude und Gerätschaften niederzubrennen, aber der Widerstand dagegen war größer, als er erwartet hatte. Von ihm angeforderte SS - Truppen wurden in anderen Regionen eingesetzt, und so blieben die Höfe vor der Vernichtung verschont. Als die gefangenen Russen, Weißrussen und Ukrainer von den umliegenden land- und forstwirtschaftlichen Gütern abgeholt wurden, um sie mit einem Sammeltransport in eines der deutschen Konzentrationslager zu bringen, versteckten die Rimkus - Frauen ihren Wassili. Als sie sich dem Rückzug anschließen mussten baten sie ihn, auf den Hof aufzupassen. Sie hofften, möglichst bald zurückkehren zu können. Großmutter Rimkus war sich inzwischen längst nicht mehr sicher, ihre Heimat wiedersehen zu können. Ihre Befürchtung, nicht mehr zurück zu kehren, bestätigte sich schon bald.

Werner begann noch während der letzten Kriegsmonate wieder in der Schreinerei bei Meister Esche seine Arbeit. In der näheren Umgebung gab es kaum Kampfhandlungen, und so blieben die Häuser und kleinen Ortschaften in der ganzen Region vor Zerstörungen verschont. Neuanfertigungen gleich welcher Art wurden nicht in Auftrag gegeben, aber es gab doch einige Reparaturen von Mobiliar, Türen und Fenstern. In vielen Häusern fehlten die Männer, die zum Kriegsdienst befohlen waren. Viele von ihnen starben im Krieg oder wurden vermisst. Deshalb waren die Dienste der Handwerker bei sehr vielen Frauen und Witwen erforderlich und gefragt.

Seit einigen Wochen waren russische Truppen in Großtrona. In der ehemaligen Schreitervilla wurde die Kommandantur eingerichtet, und der Befehlshaber hatte sein Büro im ehemaligen NSDAP-Parteibüro bezogen. Im Ort gab es Übergriffe auf Zivilpersonen, und russische Soldaten hatten einige Frauen vergewaltigt. Der Kommandant griff rigoros durch, er ließ die Vergewaltiger standrechtlich erschießen. Nun war eine gespannte Ruhe im Ort. Wie würde sich die Situation weiter entwickeln? Würde bald ein wenig Normalität einziehen und das Verhältnis zwischen der Bevölkerung und der Besatzungsmacht entspannen? Wenige Tage später kam ein neuer Bürgermeister, den die sowjetische Administration aus der Großstadt hatte kommen lassen. Es war ein ehemaliger KZ - Häftling, ein Kommunist, der in Buchenwald inhaftiert gewesen war, und nun den Auftrag hatte, eine neue Verwaltungsstruktur aufzubauen. Der neue Bürgermeister, er stellte sich im Ort als Herr Kreis vor, ging von Haus zu Haus und bat um Unterstützung für den Neuaufbau. Werner hatte schon bald die Gelegenheit, ihn näher kennen zu lernen, denn in der Schreinerei wurde dringend eine neue Lieferung Holz benötigt. Im Auftrag seines Meisters bat er um die Zuteilung von Bauholz. Aber die alten und abgelagerten Vorräte für die holzverarbeitenden Handwerker waren für Kriegseinsätze nahezu aufgebraucht. Auch ein Transport hätte zunächst nicht organisiert werden können. Es fehlte an Zubehör und Material, an Transportmöglichkeiten und Fuhrwerken. Herr Kreis konnte nur empfehlen, selbst im oberen Erzgebirge auf die Suche nach Material zu gehen.

Werner und Hilde wohnten bei seinen Eltern. Das Haus bot einigermaßen Platz für alle. Renate, die jüngere Schwester, hatte sich mit einem Kriegsheimkehrer angefreundet und war von ihm schwanger. Nun planten sie ihre Verlobung, um möglichst bald zu heiraten. Die ganze Familie überlegte, wie sie das Wohnungsproblem für alle befriedigend lösen könnten. Werner kam an einem Abend aus der Schreinerei und berichtete von einem Angebot, was ihm am Vormittag unterbreitet wurde. Eine Witwe aus dem Ort, sie bewohnte ein ehemaliges Bauernhaus gleich hinter der Kirche, wollte ihr Grundstück mit Wohnhaus und Nebengebäude abgeben. Bei ihr waren noch Schlesier untergebracht, die sich aber bereits für einen Wegzug nach Leipzig entschieden hatten. Dort besaßen ihre Verwandten ein großes Haus, in das sie einziehen sollten. Der Umzug war für den Frühsommer 1946 geplant. Dann wäre genug Platz im Haus für Werner und Hilde und auch einmal für Kinder. Zwei Tage später besuchten die beiden die Witwe Fischer in ihrem Haus. Auch die noch belegte Wohnung in der ersten Etage wurde ihnen von den freundlichen Bewohnern bereitwillig gezeigt. Werner konnte sich nicht so schnell entscheiden, wie Hilde es sich gewünscht hätte, also ging sie nach zwei Tagen allein zu Frau Fischer und vereinbarte mit ihr den Kauf des Hauses. Am Abend berichtete sie während des Abendessens von ihrer Entscheidung. Willi und Inge hatten viel Verständnis, aber Werner reagierte zunächst nicht auf Hildes Bericht, dann stand er wortlos auf und verließ die Küche. Wenig später ging Hilde ihm nach in das gemeinsame Zimmer. Lange sah sie ihren Mann an, der stumm auf einem Stuhl saß. Nun wollte sie wissen, wie denn seine Meinung sei, und so bat sie um Antwort. Werner saß noch immer reglos und starrte auf den Fußboden. Dann sprach er leise aber mit deutlich bewegter Stimme. „Wie kannst du nur eine Entscheidung treffen, wenn ich nicht mit dabei bin. Ich bin der Mann und trage die Verantwortung in unserer Ehe. Es ist Gottes Wille, dass die Frau sich unterzuordnen hat. Und du gehst hinter meinem Rücken einfach hin, und entscheidest? Das geht so nicht, und ich dulde auch keine solchen Alleingänge.“ Dann schwieg er wieder, jetzt sah er aber mit zornigen Augen in Hildes Gesicht. Sie wollte gerade zu Erklärungen ansetzen, aber mit einer abwehrenden Handbewegung schnitt er förmlich die ungesagten Worte ab. „Geh, ich will jetzt allein sein“, sagte er zu seiner Frau. Hilde wandte sich zur Tür, griff noch ihren Mantel und verließ das Zimmer, um kurz darauf in die klare Abendluft hinauszugehen. Werner war seit dem Krieg und seiner Verwundung nicht mehr der Mann, den sie immer gekannt hatte. Ihr machte es manchmal Angst, wenn er abends über seiner aufgeschlagenen Bibel brütete und an sie nur noch Forderungen, Verbote und Regeln stellte. Seit der Hochzeit Ende 1944 hatte er sie nur einmal angerührt und mit ihr geschlafen. Hilde suchte in den folgenden Wochen immer wieder seine Nähe, aber Werner wehrte regelmäßig ab. Er begründete seine Ablehnung damit, dass die körperliche Liebe von Gott nur für die Zeugung neuen Lebens vorgesehen sei. Es machte Hilde unsicher aber auch ängstlich, denn wie wollten sie denn ihre Ehe in Harmonie und Freude führen, wenn Werner sich gegen alles Schöne sperrte?

Fast eine Woche gab es zwischen den Beiden keine wirklichen Gespräche. Willi sah die Barriere, die sein Sohn aufgerichtet hatte, und als es immer eisiger zwischen den jungen Eheleuten wurde, sprach er deutliche Worte mit ihm. Dann endlich schien sich alles wieder einzurenken. Werner ging wenig später mit seiner Frau noch einmal in das Haus, das ja vertraglich ihnen gehören sollte. Ausgerüstet mit Stift und Papier notierte er die nötigen Baumaßnahmen, skizzierte den Grundriss der zukünftigen Wohnung und begann in Gedanken das neue Zuhause einzurichten. Meister Esche hatte gut abgelagertes Holz besorgt und ermunterte Werner, endlich mit dem Bau von drei Stühlen zu beginnen. Tisch und Stuhl von seiner Gesellenprüfung standen noch immer auf dem Dachboden, es fehlten nur noch drei Stühle für die ersten Stücke der eigenen Wohnungseinrichtung.

Werner verbrachte einige Abende in der Schreinerei, bis er seine neuen Stühle fertig hatte. Auch ein Sofagestell stand bald bereit, um in der Polsterei des Nachbarortes fertiggestellt zu werden. Willi konnte Stoff besorgen, und so entstanden die ersten eigenen Möbel für das neue Zuhause.

Im Ort hatten sich drei Kriegsheimkehrer und acht Frauen zusammengefunden, um zusätzlich zu den Sonntagsgottesdiensten an einem Abend in der Woche gemeinsam in der Bibel zu lesen und darüber zu sprechen. Werner hatte diese Zusammenkünfte angeregt und wurde einstimmig zum Sprecher des Bibelkreises bestimmt. Er fühlte sich nun als ein von Gott berufener und beauftragter Verkünder des Evangeliums. Sorgsam bereitete er sich an mindestens drei Abenden zu Hause auf dieses Treffen vor. Er saß dann im gemeinsamen Zimmer an einem Tisch, den er in eine Zimmerecke geschoben hatte. Bei Dunkelheit schaltete er eine Tischlampe ein, deren Lampenschirm er zusätzlich mit einem Tuch bedeckte, und die nur die Tischplatte ausleuchtete. Von seiner Frau verlangte er Rücksicht und Verständnis, und vormals noch zaghafte Berührungen und Küsse vor dem Zubettgehen unterblieben ganz. Wenn er zu sehr später Stunde endlich in das Ehebett kam, um sich zur Nachtruhe zu legen, war Hilde schon längst eingeschlafen.

Werner war während seiner Arbeit in der Schreinerei und abends am Küchentisch, während des Abendessens mit der ganzen Familie, schweigsam und in sich gekehrt. Während der Bibelstunden, die im Gemeindesaal des Pfarrhauses stattfanden, schien er dagegen richtig aufzublühen. Er konnte freundlich zuhören und reden, machte Mut für die Alltagsaufgaben und schien für alle Probleme eine Lösung zu kennen.

Es war inzwischen Ende April. In Berlin hatten sich die KPD und die SPD in der sowjetischen Besatzungszone zur SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, zusammengeschlossen. Der Bürgermeister von Großtrona warb für den Beitritt zur neuen Partei, aber es gab nur wenige Interessierte, alles ehemalige Kommunisten, die Mitglieder wurden. Mühsam kam die Produktion in der Textilfabrik in Gang. Es gab kaum Stoffe, und so nähte man aus alten Wehrmachtsbeständen Wintermäntel. Die Textilfirma wurde in einer angesetzten Betriebsversammlung in einen volkseigenen Betrieb umbenannt und direkt der Kreisleitung der SED unterstellt. Die weitere Entwicklung und damit zusammenhängende Leitungsfragen sollten im Laufe des Jahres geklärt werden. Wilhelm Starke erhielt den Auftrag, kommissarisch die Firmenleitung wahrzunehmen.

Für alle Veränderungen im Ort hatte Werner kaum Interesse. Er plante für Großtrona eine Glaubensoffensive. Dazu sollte ein Pfarrer kommen und an acht aufeinanderfolgenden Abenden über christliche Lebensfragen sprechen. Eigentlich war der Umzug in das eigene Haus geplant, aber Werner verschob kurzerhand alle Termine. Hilde konnte nicht verstehen, weshalb ihr Ehemann immer weniger Rücksicht auf sie nahm. Der Umzug hätte nicht nur für sie mehr Freiraum und Platz gebracht, sondern auch für Werners Schwester ein zusätzliches Zimmer im Elternhaus. Sie hatte inzwischen einen gesunden Jungen geboren und wollte möglichst bald heiraten. Immer wenn Hilde den kleinen Jungen im Haus sah, krampfte sich ihr Herz zusammen. Wie sehr sehnte sie sich nach einem Kind, aber wie sollte es denn geboren werden, wenn ihr Werner nicht einmal zur Zeugung bereit war.

Seit einigen Tagen beschäftigte sich Hilde mit einer Anfrage, die ein ehemaliger Schulkamerad an sie gestellt hatte. Sie waren sich in der nahen Stadt begegnet, als Hilde auf der Suche nach Schürzenstoff unterwegs war. Unerwartet stand sie in einem Geschäft plötzlich Roland gegenüber. Er ging als Kind mit ihr in die gleiche Schulklasse. Durch seinen Umzug hatten sie sich aus den Augen verloren, und nun sahen sie sich nach Jahren das erste Mal wieder. Roland berichtete, er sei auf der Suche nach einer Sekretärin. Er sei von seiner Partei, der SED, als Leiter des Schulamtes eingesetzt. Spontan fragte er Hilde, ob sie diese Stelle in seinem Amt übernehmen würde. Die Anfrage kam so überraschend, dass Hilde erst einmal schwieg. Dann erklärte sie ihm, dass sie nicht allein entscheiden könne, aber bereit sei, mit ihrem Mann darüber zu sprechen. Sie bat um ein paar Tage Bedenkzeit und versprach, spätestens in einer Woche bei ihm vorzusprechen. Ort und Zeit für das Treffen wurden vereinbart, dann verabschiedeten sie sich voneinander.

Hilde hatte nun schon zu lange gewartet, aber heute musste sie mit Werner über diese Anfrage sprechen, denn in zwei Tagen war der vereinbarte Termin mit Roland. Am Abend saßen alle in der großen Wohnküche und sprachen über die Neuigkeiten des Tages. Der Tisch war nach dem Essen schon abgeräumt, nur noch die Teegläser standen vor ihnen. Hilde nahm allen Mut zusammen und berichtete in großer Runde von der Begegnung mit Roland. Dann kam sie auf das Arbeitsangebot zu sprechen und fragte zaghaft, was denn Werner dazu meine. Von ihr unerwartet nickte er mit dem Kopf und sprach: „Das ist ja ein gutes Angebot. Wir werden im Haus einige Veränderungen und Umbauten machen müssen. Da ist es gut, wenn du mit dazuverdienen kannst. Wenn du das gerne tun möchtest, dann nimm diese Arbeit ruhig an. Außerdem kenne ich Roland noch aus seiner Zeit hier im Ort. Er war immer ein feiner und anständiger Kerl. Du könntest ja mit der neuen Busverbindung in die Stadt fahren und abends wieder zurück.“ Hilde freute sich über diese positive Antwort. Sie hatte es sich gewünscht, endlich eine Aufgabe für sich zu finden, um vielleicht auch so den vielen Ungewissheiten ihrer Ehe zu entkommen. Am Ende des Abends, sie lag schon wieder allein im Bett, fragte sie sich, ob Werner wieder einen Schritt auf sie zugegangen sei. Aber warum hatte er sie dann doch wieder ignoriert, als sie ihm eine gute Nacht wünschte? Werner hatte von seinem Schreibpapier und der aufgeschlagenen Bibel nur kurz aufgesehen und ihr zugenickt.

Für Hilde begann eine neue Lebensphase. Mit ihrer neuen Arbeit ergaben sich unzählige neue Kontakte. Es gab neben Schreibarbeiten auch viele Außentermine, um die Schulen im gesamten Kreis zu besuchen und deren Ausstattung mit Lehrmitteln zu überprüfen. Altes musste radikal entfernt werden, Schulbücher und Lehrtafeln aus den vergangenen Jahren wurden vernichtet. Auch die Personalfrage war ungeklärt, es gab viel zu wenige Lehrkräfte. Neulehrer und unerfahrene Kriegsheimkehrer wurden auf Intensivlehrgänge geschickt, bevor sie dann, nur spärlich mit Lehrmaterial ausgerüstet, in den Schuldienst übernommen wurden. Hilde arbeitete oft länger, als vertraglich vereinbart. Aber es gab auch zu viel zu tun, und Verbesserungen für die Schüler griffen nur sehr langsam. Werner hatte stillschweigend zur Kenntnis genommen, dass seine Frau ihre Arbeit mit großer Hingabe tat. Sie fand keine Zeit, ihn in den Vorbereitungen für die Evangelisation in Großtrona zu unterstützen. Aber eigentlich erwartete er auch nichts von ihr. Werner hatte seine Aufgabe und Berufung gefunden, und seine Hilde hatte eigentlich keinen Platz dabei. Er musste sich so auch nicht mehr ihren kritischen Fragen stellen. Im Kreis der Gemeinschaft gab es keinen Widerspruch, und er war der anerkannte Leiter der Gruppe.

Endlich fand der erste Abend im Gemeindehaus statt. Nach intensivem Einladen und Bekanntmachen der Bibelabende waren am ersten Abend fast einhundert Gäste im Raum zusammengekommen. Der Redner der Abende verstand es, ansprechend und lebensnah zu sprechen. Aus der Stadt war ein Kirchenchor gekommen, der nun für den richtigen Rahmen der Versammlungen sorgte. Werner hatte für die ganze Woche Urlaub genommen, so dass er auch tagsüber für Anfragen und Gespräche zur Verfügung stand. Das Ende der acht Abende, man hatte an einem Samstag begonnen und endete in der Folgewoche wieder am Samstag, bescherte dem Bibelkreis noch einmal eine gut besuchte Veranstaltung. Am darauffolgenden Sonntag gab es im Rahmen des Gottesdienstes in der Kirche noch einen besonderen Höhepunkt. Die neuen Gemeindeglieder wurden vorgestellt. Es waren immerhin 36 Männer und Frauen, die sich für einen Mitgliedschaft in der Gemeinschaft entschieden hatten, und das im Gottesdienst öffentlich bekundeten. Werner empfand so etwas wie befriedigende Glücksgefühle. Er fühlte sich auf seinem Weg in der Nachfolge Christi, so nannte er es selbst, bestätigt. Bedauerlich war nur für ihn, dass seine Hilde so wenig Interesse an seinem entschiedenen Christsein hatte. Intensiver über seine Ehe und ihre Beziehung dachte er kaum nach, dazu fanden sich für ihn ohnehin wenige Gelegenheiten. Entweder arbeitete er in der Schreinerei, oder er saß am Abend über seinen Vorbereitungen für die kommenden Bibelstunden.

Der bevorstehende Umzug in das eigene Haus war schon mehrfach verschoben worden, aber jetzt endlich sollte gemeinsam mit allen männlichen Verwandten das Möbel aufgestellt werden. Die Wohnung hatte Renates Mann, er war Maler und arbeitete in der Stadt, inzwischen frisch gestrichen und renoviert. Im Haus gab es in der ersten Etage vom Treppenhaus aus vier Zimmer. Zwei Räume hatten jeweils zwei Sprossenfenster, die in den hinter dem Haus liegenden Garten zeigten, die anderen beiden Räume, zur Straße gelegen, besaßen zu ihren einfach verglasten Sprossenfenstern noch von außen vorgehangene Doppelfenster. Nach vorn lagen Wohnzimmer und Küche, hinten, jeweils mit separatem Zugang, befanden sich das Schlafzimmer der Eheleute und ein späteres Kinderzimmer. Dieser Raum war noch nicht möbliert, und es war auch nicht abzusehen, wie schnell dort ein Kinderzimmer eingerichtet werden sollte. Im Erdgeschoß, neben der nach oben führenden breiten Holztreppe, gab es einen Zugang zu den unteren Räumen. Aus einem ehemals als Wohnküche eingerichteten Zimmer war nach umfangreichem Renovieren ein Bad entstanden. Die schwere, freistehende und weiß emaillierte Badewanne stand an einer Zimmerwand. Daneben hatten Werner und sein Schwager den zylinderförmigen Badeofen aufgestellt. Von unten mit Kohle beheizt, sammelte sich das erwärmte Wasser im großen runden Aufsatz. Es reichte gut für eine randvolle Badewanne heißen Wassers. Im Badezimmer war der Fußboden mit braunem Linoleum ausgelegt, nur unter dem Badeofen lag noch zusätzlich ein silberfarbenes Ofenblech. Die Wände, mit einer hellblauen Ölfarbe gestrichen, glänzten im Schein der hellen Lampe. Gegenüber vom Bad gab es zwei Zimmer. Eines davon, das Kleinere, hatte nur ein kleines Kippfenster. Es war der kühlste Raum des Hauses, und so sollte es zukünftig als Vorratsraum und Speisekammer dienen. Holzregale boten Platz für Konserven und in mehreren Holzkisten mit Deckel konnten Zwiebeln und Kartoffeln aufbewahrt werden. Das andere Zimmer, mit zwei Fenstern auf die Straße zeigend, war als Gästezimmer vorgesehen. Es war frisch gestrichen und mit einer Gummiwalze mit bunten Mustern versehen. Nötige Möbel sollten aber erst in absehbarer Zeit angeschafft werden. Die Toilette des Hauses lag im Quergebäude. Man musste den Hof durch den Hinterausgang überqueren, um in das mit einer einfachen Holztür verschlossene Plumpsklo zu gelangen.

Hilde war zufrieden, denn endlich konnte sie ihr eigenes Zuhause einrichten. Sämtliche Gardinen hatte Schwiegermutter Inge in der Fabrik nähen lassen, und nun war alles soweit vorbereitet, dass Werner und seine Frau die erste Nacht im neuen Heim schlafen konnten. Die weiße Bettwäsche roch angenehm frisch, und als sich Hilde über ihren Mann beugte, um ihm einen Kuss zur Nacht zu geben, umfasste er mit beiden Händen ihre Schulter. Dann richtete er sich etwas auf, küsste seine Frau lange auf den Mund und legte sie sanft neben sich in das Ehebett. Dann öffnete er die Knöpfe ihres Nachthemdes, während er mit der anderen Hand gleichzeitig den unteren Teil der Nachtwäsche nach oben schob. Tastend schoben sich seine Finger über die Brust, langsam die Brustwarzen umkreisend. Erneut beugte er sich über seine Frau und küsste sie lange und zärtlich. Hilde konnte es zunächst gar nicht richtig fassen, dass ihr Werner sie sexuell stimulierte. Aber dann gab sie sich einfach hin und genoss die angefachten Gefühle. Als Werner nach seinem Samenerguss noch auf ihr ruhend liegen blieb, gingen Hildes Gedanken und Hoffnungen nur noch in eine Richtung: Ob heute ein lange ersehntes Kind gezeugt wurde? Die erste gemeinsame Nacht im neuen Zuhause, und dann nach unendlich lange erscheinender Zeit wieder körperliche Nähe und sexuelle Vereinigung, waren das nicht gute Zeichen für einen Neuanfang zwischen den Eheleuten? Hilde war glücklich, auch wenn sie selbst keinen Höhepunkt erlebt hatte, dazu war Werner viel zu schnell in ihr gekommen. Werner schlief schon tief und fest, während Hilde noch immer nachdenklich neben ihm im Ehebett lag.

Am darauffolgenden Wochenende trafen nach und nach einige Gäste ein, um zum Einzug in das eigene Heim zu gratulieren. Werner hatte in seinem Gebetskreis eingeladen, und nun saßen am Sonnabendnachmittag vierzehn Männer und Frauen um den großen Küchentisch. Hilde stellte drei Kannen mit frisch gefiltertem Kaffee auf den Tisch. Auch der Streuselkuchen fand noch zwischen Kaffeegeschirr und Bibeln einen Platz. Nach dem Tischgebet erhob sich eine ältere Frau, sie war die stellvertretende Gemeinschaftsleiterin, und bat um Ruhe. Dann sprach sie Werner direkt an: „Wir sind so froh, dass du unsere Gemeinschaft mit Weisheit und von Gott gesegnet leitest. Zu eurem Einzug in euer schönes Heim haben wir ein Geschenk mitgebracht. Es wird euch hier unter diesem Dach begleiten und stärken. Gottes Segen für dich und deine Frau.“ Damit überreichte sie einen länglichen flachen eingewickelten Gegenstand. Als Werner das Geschenkpapier entfernte, kam ein flacher Holzgegenstand zum Vorschein. Es war ein Spruch, der in großen künstlerisch gestalteten Buchstaben auf einem Holzbrett eingeschnitzt war. Hilde nahm den Spruch aus Werners Händen und las laut: „Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen. Josua 24, 15.“ Stumm reichte sie das Geschenk an Werner zurück, bevor sie ihre Tasse hoch hob und einen kräftigen Schluck daraus trank. Nun setzte wieder das Stimmengewirr ein, alle redeten wie wild durcheinander, und jeder versuchte den anderen zu übertönen. Hilde saß auf ihrem Stuhl und ahnte, dass es mit ihrem Werner noch viele ungewisse Situationen geben würde. Sie selbst fühlte sich nicht zu einem besonders religiösen Leben berufen, und deshalb würde sie wohl nicht in der strengen Lebensweise mittun können. Auch die schon jetzt seltenen Gemeinsamkeiten mit ihrem Mann würden wahrscheinlich noch mehr schrumpfen. Sollte sie sich dagegen auflehnen, dass Werner offenbar seinen Platz und seine Berufung gefunden hatte? War es nicht einfacher, ihn freizugeben und möglichst wenig von ihm zu erwarten? Er sorgte vorbildlich in seinem Beruf für die finanzielle Sicherheit, aber das war ja ohnehin kein Problem für sie. Hilde selbst verdiente im Schulamt gut, und blieb so in allen finanziellen Dingen unabhängig.

Am Abend gingen alle Gäste, mit Werner in ihrer Mitte, gemeinsam zur Gemeinschaftsstunde in das Pfarrhaus. Hilde spülte das Geschirr, legte den restlichen Kuchen auf einen flachen Teller und stellte diesen in die Speisekammer neben der Küche. Eine Porzellanschüssel wurde noch auf den Kuchenteller gestülpt, bevor sie die Tür wieder schloss. Dann setzte sie sich in einen Sessel im Wohnzimmer, schaltete das Radio ein, es war ein alter Volksempfänger, und lauschte der Musikübertragung mit Mozartklängen. Die beschwingten Töne konnten sie nicht aufmuntern, denn Hildes Gedanken drehten sich noch immer um die Bibelgruppe, die ihr Werner leitete. Was würde die Zukunft bringen? Ob sie endlich ein Kind haben würde? Wie könnte in ihrer Ehe wieder mehr Freude einziehen? Es waren viele Fragen, die auch an diesem Abend ohne Antwort blieben. Hilde schaltete das Radiogerät aus und bereitete sich auf die Nachtruhe vor. Werner würde nicht vor elf Uhr in der Nacht nach Hause kommen, und so lange wollte sie nicht warten. Am anderen Morgen gab es viel zu viel Arbeit im Schulamt, wie immer, wenn eine neue Woche begann.

Hilde war sich sicher, dass sie nicht schwanger sei, denn in der Nacht hatte ihre Regelblutung eingesetzt. Schade, dachte sie, schade, denn wer weiß, wann sie wieder mit Werner schlafen würde. Er war in seinem gewohnten Rhythmus gefangen. Drei Abende Vorbereitungen für die Bibeltreffen, die jeden Mittwoch und Sonntag stattfanden. An diesen Abenden kam er ohnehin nicht vor Mitternacht nach Hause. Auch die Familientreffen wurden immer weniger. Hilde ging manchmal allein zu ihren Schwiegereltern. Inge nahm sie dann oft in die Arme und hielt die traurige junge Frau einfach nur fest. Sie litt mit unter der Veränderung, die ihr Sohn vollzogen hatte. Werner hatte sich einmal leidenschaftlich darüber beschwert, dass seine eigene Familie nicht an den Bibeltreffen teilnahm. Großmutter Anna hatte nur mit dem Kopf geschüttelt und ihrem Enkel über den Kopf gestrichen. „Ach Werner, wir sind regelmäßig in der Kirche. Meinst du, man wird besser, wenn man mit der Bibel argumentiert, aber den Alltag versäumt? Die vielen Treffen machen aus dir keinen anderen Menschen. Du brauchst, genauso wie ich, jeden Tag die Gnade Gottes. Du kannst dich darauf verlassen, wir bleiben Christen.“ Werner wusste darauf nichts zu erwidern, und so verabschiedete er sich bald darauf und verließ das Haus.

Das erste Nachkriegsjahr ging zu Ende. Das Leben in Großtrona hatte sich in diesem Jahr nicht wesentlich verändert. Die vielen Flüchtlingsfamilien versuchten ihren Alltag so normal wie möglich zu gestalten. An die Lebensmittelkarten hatten sich alle gewöhnt. Hungern musste niemand, denn die Bauern versorgten an den Markttagen die Käufer mit allem, was nötig war. Hilde arbeitete gern im Schulamt. Abends fuhr sie nach Hause, aber sie wusste nie, ob Werner da war, oder schon wieder unterwegs, um seine Bibelgruppe zu betreuen.

Es war der Mittwoch vor dem vierten Advent, als Hilde gerade ihre Einkäufe aus der Stadt auspackte und wegräumte. Ob Werner noch arbeitete, wusste sie nicht, als es an der Haustür klopfte. Sie ging die Treppe hinunter, öffnete die große Tür und stand einem Mann gegenüber, der sie lachend ansah. Dann sagte er: „Hallo Hilde“, kam einen Schritt auf sie zu, umarmte sie und hob sie einfach nach oben. Dann drehte er sich um seine eigene Achse und rief dabei: „Wie schön, dich zu sehen, Hilde!“ Als er sie wieder auf den Boden gestellt hatte, sah sie endlich in sein Gesicht, es war Gerhard. Nun war es Hilde, die ihre Arme um seinen Hals legte und ihn herzlich umarmte. Dann zog sie den Jugendfreund in das Haus und führte ihn in die Wohnung im ersten Stock. Schnell setzte sie Wasser auf den Herd, den sie gerade erst eingeheizt hatte, legte noch ein paar Stücke Holz in den Feuerraum, bevor sie sich am Waschbecken die Hände wusch. Es dauerte nicht lange, und der duftende Kaffee stand auf dem Tisch. Hilde drängte: „Gerhard, nun erzähl, was machst du hier? Wo kommst du her? Wir dachten, du wärst im Krieg gefallen.“ Die Worte und Sätze sprudelten aus der jungen Frau heraus, bis sie selbst merkte, dass Gerhard ja gar nichts sagen konnte, weil sie ununterbrochen gesprochen hatte. Als sie sich etwas beruhigt hatte, erzählte Gerhard seine Geschichte.

„Als der Krieg begann, musste ich auch zur Musterung. Weil ich nur bedingt kriegstauglich war, kam ich zum Bodenpersonal der Luftwaffe. Im Dezember 1940 bekamen wir den Befehl zur Verlegung nach Sizilien. Für uns war der Krieg eigentlich weit weg, und dadurch hatten wir relativ oft die Möglichkeit, von unserem Standort, das war das kleine Dorf Buseto Palizzolo, in die nahegelegene Hafenstadt Marsala zu gehen. Wir hatten schon nach kurzer Zeit eine kleine Hafenkneipe entdeckt, in der es immer fangfrischen Fisch gab. Dazu wurde ein Landwein aus der westsizilianischen Region ausgeschenkt. Zum Abschied gab es dann immer noch einen Marsalawein, ein Likörwein mit einem Geschmack, dass man sich in einer himmlischen Region wähnte. In den Wochen, die wir dort waren, hatten wir mit jungen Fischern einen guten Kontakt aufgebaut. Wir redeten, lachten, aßen und tranken zusammen. Es war einmalig schön und von allem Elend so weit weg, dass man es fast vergessen konnte. Im Februar 1941 besetzten deutsche Truppen Tripolis, die Hauptstadt Libyens. Anfang März kam der Befehl für unsere Einheit, im Libyschen Bengasi einen Luftstützpunkt zu errichten. Wenige Tage später war das Schiff im Hafen von Marsala beladen und für die Überfahrt bereit. Etwa eine halbe Stunde nach dem Auslaufen lief unser Schiff auf eine Mine und wurde schwer zerstört. Es sank sehr schnell, und neben einer großen Anzahl Geretteter in den Rettungsbooten und in eilig herbeigekommenen kleineren Schiffen, gab es leider auch viele Tote zu beklagen. Mit zwei Kameraden wurde ich aus dem Wasser gefischt und landete auf einem kleinen Fischkutter. Wir staunten nicht schlecht, als wir unseren Rettern danken wollten und einigen Fischern aus unserer kleinen Fischerkneipe gegenüber standen. Wir umarmten sie und bekamen eine Decke um die Schulter gelegt, bevor wir uns im Boot hinhockten. Luigi, einer von ihnen und offensichtlich auch noch der Schiffsführer, setzte sich zu uns. Dann machte er uns ein Angebot, was uns fast umhaute. Er bot uns an, uns nicht zurück nach Marsala zu bringen, sondern nach Santa Croce Camerina in der Provinz Ragusa. Wir hatten diesen Namen noch nie gehört und wollten näheres wissen. Also erklärte uns Luigi, diese kleine Stadt liege an der Südküste der Insel, etwa 50 Kilometer südwestlich von Syrakus. Von dort würden uns Kuriere in das Innenland begleiten. Wir könnten eine andere Identität annehmen, untertauchen und so dem Krieg und dem Zugriff der Deutschen entgehen. Aber, so betonte Luigi, es gibt keine Bedenkzeit. Wir können hier in der Nähe des Schiffsunglückes nicht lange bleiben. Also ja oder nein! Wir mussten nicht überlegen, sondern nahmen dankbar diese Hilfe an. Eine Nacht verbrachten wir noch auf dem Schiff. Am nächsten Morgen landeten wir noch vor fünf Uhr im kleinen Hafen von Santa Croce Camerina, wo uns schon zwei junge Männer erwarteten. Wir gingen gemeinsam aus dem Ort und wurden in die Monti Iblei, auch die Hybläischen Berge genannt, geführt. Was uns dort erwartete, hatten wir nicht vermutet und auch vorher noch nie gesehen. Im kleinen Ort Palazzolo Acreide angekommen, vermuteten wir, dort in