Verlag: Heyne Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Willow in Deutschland - Stefan Rensch

Ich heiße Willow. Und ich bin außerirdisch. Klug, schön, gewissenhaft und wagemutig. Der Körper, in dem ich stecke, ist Tarnung. Meine Spezies besucht die Erde zum ersten Mal. Denn die Menschheit steht kurz davor, intelligent zu werden. Um sie artgerecht erforschen zu können, weiß ich nur das Allernotwendigste über diese merkwürdig aussehenden Tiere. Meine Untersuchungen fangen also bei null an. Das erste Land, das ich besuche, heißt Deutschland. Dies sind meine Aufzeichnungen. Schockierend, ich weiß.

Meinungen über das E-Book Willow in Deutschland - Stefan Rensch

E-Book-Leseprobe Willow in Deutschland - Stefan Rensch

Das Buch

Ich heiße Willow. Und ich bin außerirdisch. Klug, schön, gewissenhaft und wagemutig. Der Körper, in dem ich stecke, ist Tarnung. Meine Spezies besucht die Erde zum ersten Mal. Denn die Menschheit steht kurz davor, intelligent zu werden. Um sie artgerecht erforschen zu können, weiß ich nur das Allernotwendigste über diese merkwürdig aussehenden Tiere. Meine Untersuchungen fangen also bei null an. Das erste Land, das ich besuche, heißt Deutschland. Dies sind meine Aufzeichnungen. Schockierend, ich weiß.

Der Autor

Stefan Rensch wurde 1979 Landesmeister im Ringen in der Klasse bis 25 Kilogramm. Freistil. Danach keine nennenswerten Erfolge mehr. Als Biograf eines Außerirdischen nun aber wieder Treppchen.

STEFAN RENSCH

WILLOW

IN DEUTSCHLAND

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Die Protagonisten dieser Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright © 2018 by Stefan Rensch

Copyright © 2018 der deutschsprachigen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Gabriele Monjau

Umschlaggestaltung:Nele Schütz Design / Margit Memminger, München,unter Verwendung eines Motivs von Katja Früh

Innenbilder: Katja Früh, instagram.com/fruehkatja/

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN: 978-3-641-23065-4V001

Name und Beruf?

Kenny Rogers, Nobelpreisträger.

Was?

Für.

Was?

Für Literatur.

1. Januar

O mein Gott. Wie sehe ich denn aus? Das Schaufenster spiegelt mich in voller Größe wider. Musste das sein? Ich dachte Durchschnitt. Ich drehe mich im Kreis, betrachte mich von allen Seiten und komme trotz wohlwollender Empathie nur zu einem Ergebnis: Mängelexemplar. Als ich die Straße hinaufblicke, bin ich beruhigt. Es hätte schlimmer kommen können.

Vier Grad Celsius bedeuten für diesen Körper offensichtlich das Todesurteil, denn ich erfriere. Warum ich nur einen Bademantel mit Schäfchen darauf trage, ist mir ein Rätsel. Zudem wird mir schwindelig, ich drohe umzufallen, halte mich an einer Laterne fest, bis mir glücklicherweise einfällt, dass dieser Organismus Sauerstoff benötigt, dass ich atmen muss. Meine Güte. Die Fortbewegung zu Fuß ergibt auch keinen Sinn. Die Geschwindigkeit dürfte knapp über Stillstand liegen. Ich gehe ums Eck und sehe das weiße Mehrfamilienhaus. Ein Jahr lang wird die Wohnung im zweiten Stock meine Basis sein. Ein Jahr ist für mich nur ein Wimpernschlag. Ich hoffe, er geht schnell vorbei.

2. Januar

Habe mit Bravour die erste Prüfung bestanden: Schlaf. Körper und Geist sind schon nach wenigen Stunden erschöpft und müssen neu aufgeladen werden. Sie fallen dann in eine Art Trance und sind völlig nutzlos. Zudem träumte ich von fliegenden rosa Elefanten. Warum? Keine Ahnung, ich habe länger darüber nachgedacht, konnte aber zu keiner logischen Erklärung gelangen. Das kommt davon, dass meine Intelligenz im Dienste der Forschung der menschlichen angepasst wurde. Ein schwieriges Unterfangen, da sie nach unseren Maßstäben nahezu nicht messbar ist. Ich gehe instinktiv ins Bad, reinige den Körper mit fließendem Wasser und putze mir die Zähne. Als mein Blick auf die Toilette fällt, überkommen mich Zweifel. Ich ahne, was passieren wird, darüber berichten aber werde ich nicht. Nur so viel: Ich werde nie wieder eine Toilette besuchen, nie wieder!

3. Januar

Es ist irritierend, in einer Wohnung zu sein. Sechzig Quadratmeter, auf zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad verteilt, haben meiner Meinung nach nichts mit dem Begriff Freiheit gemein. Zudem scheinen Menschen Angst vor anderen Menschen zu haben, denn die Wohnungstür lässt sich nur mit einem Schlüssel öffnen. Mein Lieblingsort ist die Küche, mein Lieblingsgegenstand der Kühlschrank. Instinktiv. Mein Körper sendet immerzu Signale, ihn zu öffnen und von den wundersamen Köstlichkeiten, die dort lagern, zu kosten.

4. Januar

Als Erstes möchte ich die Nachbarn etwas besser kennenlernen.

Ich klingle gegenüber. Die Tür geht auf, und eine junge Frau mit verfilzten blonden Haaren und einem T-Shirt, auf dem Der goldene Schuß steht, starrt mich an. Ich sage: »Hallo.« Die junge Frau antwortet: »Und?« – »Ich wollte nur mal Hallo sagen.« – »Gut.« Die Tür geht wieder zu.

Als Erstes möchte ich die Busfahrer etwas besser kennenlernen.

5. Januar

Habe mich den ganzen Tag mit einem Kasten beschäftigt, der Fernseher heißt. Bin völlig verwirrt. Angeblich sitzen Menschen drei Stunden vor diesem Kasten. Die Gründe dafür sind mir ein Rätsel. Werde meine Studien diesbezüglich ausweiten müssen.

6. Januar

Habe heute Mathilde Molenbach aus der Ersten kennengelernt. Mathilde Molenbach ist 81 Jahre alt. Ich hätte sie auf 120 geschätzt. Ich darf Mathilde Molenbach MM nennen. Sie habe die gleichen Initialen wie eine gewisse Marilyn Monroe, und auch ansonsten, sagt sie, seien die Parallelen erschreckend. Wir plauderten über das Wetter. Ich weiß nicht, warum.

7. Januar

Der Kühlschrank füllt sich merkwürdigerweise nicht von alleine wieder auf. Zum Glück gibt es Supermärkte. Ich entscheide mich für Edeka, die Lebensmittel lieben. Sie müssen Brüder und Schwestern im Geiste sein! Am Eingang erwarten mich Boskop, Braeburn und Granny Smith, Melonen, die Tonnen wiegen, Paprika in Grün, Gelb und Rot, Zucchini, Gurken, Tomaten, Salate und Nüsse aller Art. Im Innern geht die wunderbare Schau weiter, eine große Auswahl an Broten und Kuchen, eine Süßwarenabteilung voller Lakritze, Gummibärchen und Schokolade, Konserven, die mexikanische, japanische und italienische Zutaten preisen. Begeistert fülle ich den Einkaufswagen mit all den zauberhaften Köstlichkeiten. Ich bin in ausgelassener, ich möchte fast sagen euphorischer Stimmung, bis ich die Regale mit den Nudeln passiere und wie vom Blitz getroffen erstarre.

Leichenteile.

So weit das Auge reicht. Eine ganze Auslage voller Beine, Rippen, Hüften, sogar Innereien wie Lebern und Herzen werden feilgeboten. Es riecht nach Tod, nach Verwesung, nach Spülmittel. Für die Angehörigen muss es ein Schock sein, ihre Liebsten dort lagern zu sehen. Doch niemand sonst scheint sich an diesem Exitus zu stören, ganz im Gegenteil: Freundlich aussehende Menschen legen die Leichenteile in ihre Einkaufswagen. Ich habe keine Ahnung, was sie damit anstellen werden, zu Hause, in ihren vier Wänden. Ich möchte es auch gar nicht wissen. Meine Fantasie aber spielt mir Bilder zu, die ich auf dem schnellsten Wege zu vergessen trachte.

8. Januar

Ich stehe auf dem Marktplatz, als der Regen einsetzt. Wie schön. Mein erster Regen! Tropfen platschen auf den Bordstein, vereinzelt landen sie auf meinem Kopf oder meinem Körper, es werden mehr, immer mehr, und lauter wird es, ein plitschplatschendes Konzert, die Luft reinigt sich, die Menschen um mich herum holen Schirme hervor oder suchen einen Unterschlupf, ich aber begrüße dieses grandiose Naturereignis mit offenen Armen und bleibe wie angewurzelt stehen. Eine Stunde lang vergesse ich Zeit und Raum, bis ich klitschnass bin, friere und das sonnige Gemüt wolkig wird. Das nächste Mal sage ich nur kurz Hallo.

9. Januar

Zum ersten Mal Schokolade probiert. Liebe!

10. Januar

Habe heute wieder die junge Frau von gegenüber im Treppenhaus getroffen. Diesmal trug sie ein T-Shirt mit der Aufschrift Dalli Dalli. Die Wiedersehensfreude war groß, und so begrüßte ich sie mit gebührendem Enthusiasmus: »Was für ein Zufall! Was für eine Freude! Hosianna!« Das Wort Hosianna habe ich gestern zum ersten Mal gehört, in diesem Fernseher, es wird wohl benutzt, wenn ein Mensch auf einem Esel in eine Stadt reitet, und gilt als Zeichen großer Begeisterung. Seine Wirkung hat es jedenfalls nicht verfehlt. Sogar ohne Palmwedel! Sie sah mich zwar ein wenig merkwürdig an, sie sagte auch nichts, dafür aber kommunizierte sie nonverbal, ein Anfang, ein Fortschritt, ein Hoffnungsschimmer auf dem steinigen Weg, die besten Nachbarn der Welt zu werden, wenngleich ich unbedingt mal nachschlagen muss, welche Bedeutung ein ausgestreckter Mittelfinger hat. Liebe? Frieden? Schokolade?

11. Januar

Ich gehe nach unten in den Kiosk. Hamid steht hinter dem Tresen und begrüßt mich überschwänglich. Ich begrüße ihn genauso überschwänglich zurück. Es ist zwar erst das zweite Mal, dass ich den Kiosk betrete, aber ich werde das wundersame Gefühl nicht los, dass wir bereits beste Freunde sind. Hamid ist der CEO des Kiosks, so jedenfalls hat er sich mir vorgestellt, und bisher ist mir noch niemand begegnet, der eine positivere Ausstrahlung hat. Hamid ist zudem ein Alleswisser, er weiß über jeden im Viertel Bescheid und hat auf jede Frage eine passende Antwort. Ich halte ihn für einen Gelehrten. Ich bestelle eine Tüte Gemischtes mit extra vielen sauren Gurken, als mein Blick auf die Auslage mit den Zeitschriften fällt. Ich frage Hamid, welche er mir empfehlen würde, wenn ich Frauen, dieses andere Geschlecht, näher kennenlernen möchte. Er beglückwünscht mich zu meiner Wahl, einen besseren Experten hätte ich nicht finden können, sagt er. Dann bekommt sein fröhliches Gesicht ernsthafte Züge, er spricht von einem heiklen Thema, einer Lebensaufgabe, einem Studium, das hohe Ansprüche stelle und bei dem Anfänger schon bei der Wahl der einschlägigen Literatur schmerzhafte Fehler begingen. Er legt seinen rechten Arm um meine Schulter, wir betrachten gemeinsam die Auslage, in aller Stille und voller Konzentration, bis Hamid plötzlich loslegt und mir ein umfangreiches Paket zusammenstellt: Joy, Laura, Lisa, Maxi, Petra, Tina, Donna, Madame, Glamour und Das Goldene Blatt. Ich bin gespannt.

12. Januar

Habe die spannende Lektüre beendet und bin unsicher, ob es unbedingt notwendig ist, Frauen näher kennenzulernen. Etwas Gutes aber hat es auch: Ich bin nun ein Experte für europäische Königshäuser, kenne mich sehr gut im Bereich Feuchtigkeitscremes aus und weiß, dass Cellulite und Diäten zu den wichtigsten Themen überhaupt gehören.

13. Januar

Packte die Gelegenheit beim Schopf, um beim Bäcker etwas Feldforschung zu betreiben. Fragte die Dame vor mir, welche Feuchtigkeitscreme sie benutze und was sie gegen ihre Cellulite zu tun gedenke. Sie hat sich einfach umgedreht und mich ignoriert. Wahrscheinlich eine Ausländerin, die der hiesigen Sprache noch nicht mächtig ist.

14. Januar

Was mir auffällt: Menschen sind unbeschreiblich unschön. Die schönen Tiere haben Fell: Katzen, Hunde, Pferde. Bei den hässlichen sieht man vor allem Haut: Nacktmulle, Schweine, Menschen. Warum? Bin auch unsicher, ob die Bewohner dieses Hauses tatsächlich den Durchschnitt repräsentieren. Die eiserne Jungfrau in der Dritten ist nur eine der zahlreichen Irritationen. Sie ist Mitte 50, hat lange, lockige, schwarz-graue Haare, einen wild wuchernden Vollbart, einen Bierbauch und hört auf den Namen Klaus. Sie trägt immer nur T-Shirts mit dem Schriftzug Iron Maiden, darunter ein totenköpfiges Monster, das eine Sense oder einen Hammer in seiner blutverschmierten Hand hält.

15. Januar

Das erste Mal Pizza probiert. Liebe! Und das Beste: Sie liefern die Pizza nach Hause! Nur der junge, nach Schweiß riechende Lieferant tat mir ein wenig leid, in seiner pinkfarbenen Uniform, die seinen pompösen Bauch nur notdürftig bekleidete.

16. Januar

Ich weiß, dass der menschliche Körper sterben kann. Ich hörte von Schmerzen. Und nun bin ich voller Bewunderung für diese Spezies. Es ist mir ein Rätsel, wie man so etwas ertragen kann. Welche Stärke, welche Größe muss diesen merkwürdigen Geschöpfen innewohnen? Wie glühende Lavabrocken trafen mich die pochenden Schläge, als ich mir den rechten Arm an einer Ampel stieß. Eine Stelle in Größe eines Hosenknopfes wurde blau, es war nur eine Frage der Zeit, bis das Blaue sich ausbreiten und der Arm abfallen würde. Zu gerne nur hätte ich diesen Todeskampf abgekürzt, aber nein, ich muss ja warten, bis er komplett kaputt ist, dieser Körper, bevor ich ihn wieder erneuern kann. Erfahrungen sammeln, heißt es, die guten und die schlechten, leicht gesagt, wenn es einen selbst nicht trifft. Doch das Jammern ist meiner nicht würdig, ich bin hier, um eine Aufgabe zu erfüllen, also schleppte ich mich nach oben, legte mich ins Bett und wartete auf den Tod.

ENDE DER LESEPROBE