Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Auf den Spuren der Sage führt das Buch den Leser in die Vergangenheit der Lungauer Winkel, erzählt von Wildfrauen, unheimlichen Gestalten und Begegnungen mit dem Gut und Böse. Die Landschaft des Lungaus wird durch seine Täler bestimmt, die vom Taurach- und Murboden sternförmig ausstrahlen. Durch die Jahrhunderte waren diese Winkel, wie sie nach ihrer ursprünglichen Bezeichnung hießen, in sich abgeschlossene Orte, die sich durch besondere Eigenarten hinsichtlich ihrer Sprache und Tradition auszeichneten. Als Sagenwanderung angelegt, unternimmt dieser Band einen Streifzug durch die Mythenwelt dieser Winkel, erzählt von Wildfrauen, Venediger, Mandln, verborgenen Schätzen und Begegnungen mit dem Kasmandl. Damit wird eine Lebenswelt Iebendig, wo menschliches Maß und ominöse Kräfte, profaner Alltag und Übersinnliches, Wirklichkeit und unfassbarer Zauber nebeneinander stehen und mehr noch - einander begegnen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vorwort
Literaturverzeichnis, Bildnachweis, Copyright
Radstädter Tauern - Die Felswand am Ende der Welt
Die Zederhauser Umkehr
Die Sage vom Brotrräger
Der Hofmetzger Perner und das Lungauer Brot
Verbotenes Wildbret imTäuernhaus
Der ewige Jude geht über den Tauern
Tweng, Tauernhaus und Lantschfelder Almleben
Die verzauberten Wildfrauen in der Satanswand
Die Lanrschleldhexen
Loabtoifen und Loabhexen
Pudldumandum
Mauterndorf - Eine Burg mit Wunschtürl
Die Lanze des feindlichen Kriegers
Das verlorene Kind
Die Wettersteinhexe
Steindorf- Eine Diana aus dem heidnischen Tempel
Die Staudingerhexe fliegt nach Salzburg
Wettermacher und Wolfsmann
Schloss Moosham und sein Sagenzimmer
Die feindlichen Brüder
Die Blutschande von Moosham
Siegmund von Moosheim
Schörgentonis Höllenfahrt
Die Verbannung des Schörgentoni in den Rotgüldensee
St.Michael - Schellgaden - Oberweißburg
Das Gespenst in der Almhütte
Das Marterl
De siem Sau
Die Teufelsbeschwörung
Zederhaus - Die Heiligen Johannes, Hans-Wurst und die Zederhauser »Hansei«
Das Geisterzimmer im Rothenwänderhof
Die starken Zederhauser
Der Teufel und der Joggasser
Der Weißeckhund
Der Teufelsstein
Das Waldmanntrögl
Das Sonn-Eineführ‘n
lm Murwinkel
Die eiserne Henne der Ruepenbäuerin
Die Hexe in der Glockenstube zu Muhr
ln den norischen Nockbergen
Der Fotznkineg im Großen Königstuhl
Das Freimannsloch
Hala Lonka - der alte Wasserdrachen
Rast bei der Kalten Kandl
Thomatal - Die alte Welt
Der Schatz im Burgstall
Der Schatz beim Kocherbauern in Gruben
St. Margarethen und Pichlern
Der Pfleger von Moosheim und die Kreuzsäule von St. Margarethen
Die Warnung der Bergmännlein im Leißnitzgraben
Unternberg - Zwischen Himmel und Erd
Die Schwarzenberghexen
Der Teufel als Baumeister
Das verlassene Greilgut am Mitterberg
Die zwei kämplenden Böcke
Agath
Markt Tamsweg und St. Leonhard
Ochsenloch und Drachenspur
Der Meistersprung
Goldschätze im Preber
Die Wöltinger bekommen den Samson verliehen
Lasaberg und Frauenhöhle
Das Überreitergrab
Das Geisterzimmer beim Langerbauer
Der letzte Ketzer des Landes Salzburg
Die Hogglgoaß
Ramingstein - Silberschatz und Seefenster
Die Bergmännlein verlassen Burg Finstergrün
Das Hanehaus
Die verirrte Burgfrau und die Quelle am Hohlen Stein
Das Seefenster
Der Siglstein
Der Lindwurm vom Lachtal
Seetal mit dem Siebenstern
Die versunkene Stadt
Geister auf Burg Klauseck
Der Grabhügel der Margarete Maultasch
Lessach, Ruine Turnschall und Kasmandl
Das Turnschallweibl hütet den Burgschatz
Das Kasmandl und der Jäger
Der Geiger am Blasbacherhof
St. Andrä - Lasa
Der Teufel als Liebhaber
Göriach - Kaswurm und Höllenottern
Die Kaswurmschlange beim Kaserstoa
Der Schlangenbanner vom Piendlhof
Der Klopfgeist beim Easeibauer
Die Klag fährt über den Weinberg
Gensgitsch - Lignitz - Granitzl
Der Teufelssitz über der Samstatt
Die gebannten Fische im Lignitzsee
Die Hagerer Mürhen
Der Wildfrauenstein am Granitzl
Mariapfarr und der Ritter mit der Greifenklaue
Ritter Konrad im Babylonischen Turm
Weißpriach: Zwerge, Mandln und Venediger
Das Futtermandl beim Granglergut
Der Frimlgeist
Der Venediger im Granierkar
Die vier Wölfe
Glossar
Richard Benno Adam - Der Maler des Mooshamer Sagenzimmers
Anton Kenner - Der Lungauer Sagenillustrator, Schöpfer des Christophorus-Freskos in Mauterndorf
Gertraud Steiner - Kulturpublizistin
Jörg Krogull - Journalist, Dozent, Kulturpublizist
Seit ich in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts im Lungau meine Ferien verbrachte, fühle ich mich mit Almen, Wäldern, Bergen, Seen, Landschaft und Leuten des Lungau auf unterschiedliche Art und Weise verbunden.
Ich erinnere mich an waldbeschattete Spaziergänge, anstrengende Bergwanderungen und spannende Klettertouren, an überwältigende Ausblicke von erklommenen Gipfeln.
In meinem Geschmacksedächtnis abgespeichert sind Jausen mit Speck, Käse und kümmelgewürztem Brot, selbstgemachte Limonaden und Almdudler.
Lessach war der Ausgangspunkt für Wildbeobachtungen, fürs Fischen und Pilzesammeln, bei dem wir solche Mengen anhäuften, dass wir die Pfifferlinge auf Leinen spannten, sie trockneten und mit nach Hause nahmen.
Ein schmackhaftes Andenken, das wir dann an so mancher Tafel in kleinen Portionen wieder aufleben lassen konnten.
Ich erinnere mich an abendliche Samson-Umzüge in Tamsweg, an den glitzernden Prebersee im Morgennebel und Sonnenschein, an Forellen, Rotwild und Gams, an Kaiserschmarrn und Lungauer Rahmkoch, Schafbratl und Eachtling mit Eierschwammerln und den Schilling als Währung.
Vor allem aber erinnere ich mich an Lessach. Ein Ort und Platz im Lungau den ich immer wieder gern besuche.
Quartier finde ich bei der Lessacher Familie Sagmeister, auch bekannt als Lenzbauer, der ich für ihre Herzlichkeit und Gastfreundschaft danke und die mich mit den schönen Sagen der Lungauer Winkelwelt bekannt machte.
Dabei handelt es sich um Sagen, Aberglauben und Überlieferungen von kulturhistorischer, sozio- und mythologischer Bedeutung, die es zu wahren und zu erhalten gilt.
Aus den vorgenannten Gründen habe ich mich entschlossen, die ursprüngliche Winkelwelt Sagensammlung publiztisch erneut zu beleben und stets zugriffsbereit in verschiedenen Formaten zu archivieren und zu katalogisieren.
Ein literarischer Schatz, gefunden im Lungau. Ein Schatz, den der Leser dieses Buches, in welcher Form auch immer, in Händen hält.
Bedanken möchte ich mich für die Unterstützung durch den Tamsweger w. pfeifenberger verlag, ohne die dieses Buchprojekt nicht möglich gewesen wäre.
Jörg Krogull
A.D. XII MMXIV
Um das Jahr 1000 erwarb das Salzburger Domkapitel erste Güter im Lungau. Damit war der Grundstein für dessen Einbindung in das spätere Fürsterzbistum gelegt, die 1213 rechtsgültig wurde. Ein maßgeblicher Verbindungsweg nach Süden war so für Salzburg gewonnen. Der Radstädter Tauern, schon zur Römerzeit eine Verkehrsader mit enormer Schlüsselstellung, sollte in der Folge Wirtschaft und Geschichte des Lungaus entscheidend mitbestimmen.
Auf dieser Straße, die für ihre Wetterumstürze, Lawinengefährlichkeit und Höhe gefürchtet war, bewegten sich Handelsgüter, Frachten aus dem Lungauer Bergbau, Holzfuhrwerke, Viehtriebe, Wanderer sowie Reisende in Kutschen. Unter den Erzbischöfen Leonhard von Keutschach (l495-1519) und Matthäus Lang von Wellenburg (1519-1540) war die alte Römerstraße, die im Mittelalter nur als Saumweg nutzbar gewesen war, wieder für Wagen fahrbar gemacht worden. Zur selben Zeit begann im Seekar der Kupferabbau.
Durch Jahrhunderte wurden Ochsen für die Vorspanndienste eingesetzt. Denn mit Pferdestärken war dieser Pass nur bei leichter Belastung zu bewältigen. Fuhrwerke wie Kutschen und Postwagen wurden in Untertauern und Tweng mit einer Vorspann von Zugochsen versehen. Die Lungauer Ochsenzucht erhielt damit einen krisenfesten Absatzmarkt. Aber auch die Vorspanndienste waren einträglich, das Tauernfahren lohnte den Einsatz.
1707 erschien die erste behördliche Vorspann-Ordnung, ein Verteilungsschlüssel der einzusetzenden Zugtiere, die auch Rechte und Pflichten, die damit verbunden waren, festlegte. Alois Kohlmayr schilderte die Aufgaben des Ansagers für diese Vorspanndienste im Distrikt Untertauern: »Trafen die Fuhrleute abends in Untertauern ein, so war es vorerst Aufgabe des Ansagers, das Ladegewicht der einzelnen Fuhrwagen festzustellen; nach diesem Ladegewicht musste er die Anzahl der erforderlichen Vorspanntiere einteilen, um sie dann bei den einzelnen Besitzern der Reihenfolge nach anfordern zu können. Spät abends ging der Ansager seinen nachtwächterartigen Gang und rief in die mit Kienspänen düster erleuchteten Stuben hinein: »Zwoa für morg‘n - Viere für morg‘no - ‚Sechse für morg‘no« usw. Die Leute wussten, was dies zu bedeuten hatte. So war der Ansager Vermittler zwischen Bauern und Fuhrleuten, er hatte dafür zu sorgen, dass bei den Vorspannen alles in Ordnung ging.
Erst die moderne Motorisierung hat diese Ochsentouren entbehrlich gemacht. Tweng wie Untertauern verloren damit ihre einstige Stellung als Umspannstationen. Das Tauernfahren wurde zur übergangslosen Streckenbewältigung. Aber die Zederhauser Umkehr an der Hauskoppenwand, die als mächtige Felsenenge den Weg zu versperren scheint, ist den Lungauern bis heute ein Begriff. Sie erinnert an die alten Zeiten, als die Passstraße solche Wendepunkte und Umkehrorte einschloss.
Nach einer Sage, schreibt lgnaz Kürsinger, wollte einstmals ein Zederhauser nach Salzburg gehen; und als er an diese Schlucht kam, kehrte er wieder um und ging heim, da er glaubte, dass hier das Ende der Welt sei. Einige Jahrzehnte davor, bei den Publizisten der Aufklärung, ist der Sagenort der »Zederhauser Umkehr« noch kein Begriff. Aber Notiz genommen hat man von diesem düster imposanten Felsenkessel am Einstieg in den Tauernpass von Anfang an. Schon Joseph Benedikt Hueber, der erste Topograph des Lungaus, versäumt nicht die Erwähnung: »Dem Reisenden wird gleich beim Eintritte des Berges (von Radstadter Seite) sehr bange. Er muss in eine gräuliche Klippe hinein, aus der man kaum hinaus zu kommen glaubt. Er hat ein bisschen Himmel über sich, auf beiden Seiten hohe Felsenwände mit drohenden Marmorbrüchen, und nebenher schäumt die wilde Tauerach über die häufigen Steine hinunter.«
Moritz Schleifer, Schöpfer des Lungau-Epithetons Sibirien von Österreich, Notar und Dichter, schreibt dann 1874 ganz ähnlich über sein Tauernerlebnis: »Die Verhältnisse der Tauernstraße sind anfangs beengend und drückend. Da muss vorerst die vorspringende Koppenwand umgangen werden, dann ein Kessel, etwas unheimlich. Lieblich dagegen ist nach etwa viertelstündigem Aufsteigen der Rückblick nach Untertauern in das heitere Ennstal, hinter dem die Donnerkögel, der Thorstein und ein Theil des Dachstein aufragen. Wir aber steigen rüstig aufwärts, den Poschacherfall (Kesselfall) zur Seite, dann fort zum Kreuzbühel, wo wir an eine Stelle gelangen, die Zederhauser Umkehr genannt. Da ist dann durch eine Wendung des Weges der Rückblick abgeschlossen, und es heißt, ein Zederhauser, der einst ausgezogen war, die Welt zu sehen, sei hier wieder umgekehrt, weil er am Ende der Welt zu sein glaubte. Es sind aber die Zederhauser, was anderwärts die Schild- oder Callenbürger sind.«
Es war einmal ein junger Zederhauser, dem es in dem Talwinkel, wo er aufgewachsen war, zu eng wurde. Sowie das Heu in Tenn und Stadel eingebracht war, packte er eines Sommertags seinen Ranzen und wünschte den Seinen „Pfiat enk God!“, um die schmale Landstraße talauswärts, den Zederhauser Bach entlang, in den Markt nach St. Michael zu wandern.
Beim Wastlwirt kehrte er auf eine Jause ein und machte sich dann auf den Weg über den Thogberg nach Mauterndorf. Dort ließ er sich beim Mühlthaler ein Seidl Bier bringen, rastete ab, denn es war schon nach Mittag und brach schließlich auf, um noch bei Tageslicht durch die Wenger Au hinauf auf den Tauern zu gehen.
Der prächtige Julitag ging schon in eine blaue, klare Nacht über, als er endlich beim Tauernwirt am Schaidberg einlangte. Im Winter war das Haus oft bis zum Rauchfang im Schnee vergraben. Aber die Wastlwirttochter, die dort die Wirtschaft führte, blieb auch über die Wintermonate auf dem Tauern. Schlittenzieher, Postbotendienste und Viehtreiber hätten ohne diese Einkehr den Passweg schwerlich bewältigt. Die Wirtin wollte den jungen Wanderer zuerst auf eine der Almhütten verweisen, wo er neben dem Hütebuben sein Nachtlager aufschlagen sollte. Aber dann hatte sie mit dem erschöpften Burschen doch ein Einsehen, versorgte ihn mit Brot und Suppe und wies ihm eine Strohschütte als Nachtlager zu. Früh am Morgen wurde er geweckt, weil ein Postwagen abzufertigen war. Er erhob sich vom Lager erhielt noch einen Teller Milchsuppe vorgesetzt, sagte schließlich sein „Vergelt‘s Gott!“ und setze den Marsch fort.
Die Strahlen der Morgensonne leuchteten die Seekarspitze an, als er am Tauernfriedhof vorüber wanderte. Der Scheitel des Passes war erreicht, hier neigte sich die Straße wieder abwärts, über den Kirchbühel hinunter auf das Tauernhaus Wiesenegg zu. Viehtreiber kamen ihm entgegen, eine vornehme schwarze Staatskutsche, der Ochsen vorgespannt waren, dann Handwerker auf der Stea, Boten, Hausierer und Bettler. Elegante Vierspänner manövrierten an Fuhrwerken vorbei, die im Schritttempo bergaufwärts zogen. Ausweichen waren erforderlich, es wurde überholt und geschrien, mit Peitschen geknallt und erbärmlich geflucht.
Von fern her mischte sich das leise Tosen der Wasserfälle in das geschäftige Treiben auf der Passstraße. Vorbei an Latschen, Almrausch und Weidevieh gingen da feine Kutschen und einfache Fuhrwerke, wanderte Eisen, Vieh und Holz von hüben nach drüben.
In langen, ermüdenden Kehren führte der Weg in die Tiefe und lief schließlich auf eine Felsenenge zu, die wie eine gewaltige Talsperre aufragte. Rechts lag eine Felsenwand, von der sich schäumend ein Wasserfall ergoss. Links toste der Tauernbach in seinem schmalen Felsenbett. Da konnte selbst einem Zederhauser die Reiselust vergehen. Ein heftiges Heimweh packte ihn und der elterliche Hof daheim, mitten zwischen Wiesen und Wald, stand ihm wie ein kleines Paradies vor Augen.
„Die Welt, die hab‘ ich gesehen!“, sagte er sich, machte kehrt und wanderte heimzu. Dort freilich schilderte er jedem, der es hören wollte, aber auch allen andern, die es schon einmal und noch einmal gehört harten, wortreich und mit Witz nicht sparend, wie er einst aus dem Zederhauser Tal aufgebrochen und hinausgewandert ist - bis ans Ende der Welt.
Zwei Beweggründe gab es für die einstigen Zederhauser, ihren schönen Winkel zu verlassen, den Viehtrieb und die Sauschneiderei. Eine drohende Felsenenge hätte sie aber gewiss nicht abhalten können, ihren Weg zu machen, zählten sie doch nach Sage wie Geschichte zu den besonders bewanderten, also welterfahrenen Lungauern.
Der Sagenort der Zederhauser Umkehr, wo die Welt »wie mit Brettern verschlagen scheint«, ist vielmehr den alten Gepflogenheiten des Tauernfahrens ein Andenken. Hier endete der Lungauer Vieh- und Ochsentrieb, aber auch für die Fuhrleute, die Vorspanndienste leisteten, war die Zederhauser Umkehr ein einprägsamer Wendepunkt ihrer Tauernfahrten.
Der Volkskundler und Sagensammler Michael Dengg hat in seiner Jugend einen solchen Viehtrieb über den winterlich verschneiten Tauern, wo Lahn und Almsturm drohten, mitgemacht und seinen Erlebnisbericht 1924 in »Der Volksbote« veröffentlicht. Dieses Dokument über ein Stück Wirtschaftsgeschichte des Lungaus ist hier auszugsweise wiedergegeben.
ElN WINTERLICHER VIEHTRIEB ÜBER DEN RADSTÄDTER TAUERN
Es war an einem klaren Wintertag, als der Viehhändler David zu mir kam und mich bat, ihm bei einem Viehtrieb über den Tauern zu helfen. Da ich anderes zu tun hatte und den wetterwendischen Tauern mit seinen winterlichen Gefahren nur zu gut kannte, so wollte ich anfangs nichts davon wissen. Da er aber nicht nachgab und auch gerade nicht schlecht zahlte, so sagte ich endlich zu. Wir brachen mit dem Vieh am Nachmittag von Mauterndorf auf nach Tweng, wo wir gegen Abend ankamen und, da wir hier zu nächtigen gedachten, die Tiere in den Stall trieben. Nach uns kamen noch mehrere Händler mit ihrem Vieh hier an, so dass in den Stallungen des Postgasthofes bei 80 Stück Vieh eingestellt waren, die am andern Tag über den Tauern gehen sollten. Das Wetter war an diesem Tag schön und der Himmel fast wolkenlos, so dass man für den kommenden Tag gutes Wetter erhoffte. Aber es sollte anders kommen. Als wir am anderen Morgen gegen vier Uhr früh uns zur Fütterung des Viehs in den Stall begaben und vor das Tor des Wirtshauses traten, sahen wir zu unserem Schrecken, dass es über Nacht einen fast metertiefen Neuschnee gemacht hatte, und dazu schneite es noch darauf los, als wenn der Himmel offen wäre, so dass die Schneeflocken nur so um unsere Köpfe wirbelten.
»Nun, das kann schön wer‘n heut‘ übern Tauern!«, hieß es allgemein, und aus den besorgten Mienen der Händler erkannte man, dass sie nichts Gutes erwarteten. Gegen sechs Uhr früh erfolgte der Austrieb. Es wurde von den Händlern vereinbart, gemeinsam aufzubrechen. Und so folgte in langer ununterbrochener Kette ein Viehtrieb dem andern. Die stärksten Tiere, die großen, schweren Zugochsen, eröffneten den Zug. sie mussten den schwächeren Tieren, dem Jungvieh und den trächtigen Kühen und Kälbern durch den tiefen Schnee den Weg bahnen. Zwei Handwerksburschen, die ebenfalls über den Tauern wollten, wurden als Viehtreiber gedungen. In dieser langen Kette von Rindern waren die Treiber so eingeteilt, dass jeder von ihnen eine Anzahl Rinder vor sich herzutreiben hatte. Ich befand mich so ziemlich an der Spitze des Zuges. Infolge des vielen Schnees gingen die Tiere meistens eins hinter dem andern her, sodass sich der Viehtrieb ins Endlose hinzog.
Hinter dem Dorfe Tweng beginnt der Aufstieg auf den Tauern, wo die Straße sich stetig emporschlängelt. Langsam ging es nun dieselbe hinan. Da wir zeitig aufgebrochen, so mussten wir anfangs noch in völliger Dunkelheit dahinschreiten. Doch nach und nach hellte sich das Dunkel immer mehr auf. Ein trüber, unfreundlicher Morgen brach an. graues, düsteres Gewölk, aus dem der Schnee unablässig hernieder flockte und alles umhüllte.
Sonst war es ruhig. Nur die Rufe der Viehtreiber, welche die Tiere zu schnellerem Gange anspornten, waren bald vorne und bald hinten zu hören. Endlich ward es Tag. Nun konnte man die Schneemassen sehen, die sich während der Nacht angesammelt. An den Berghängen und an den Felswänden, auf den Ästen der Bäume und auf den Dächern der Almhütten, überall lag massenhaft viel Schnee. Die Niederungen und Talmulden waren fast ganz von ihm angefüllt.
Langsam, aber stetig geht es voran. Immer wieder ertönen die Rufe der Viehtreiber, vom Peitschenknallen untermischt.
Da erschallt plötzlich von vorne her ein lauter Ruf: „Still sein, sonst kommt der Lahn!“ Die Tauernwegmacher, die voraus den Weg bahnen durch den Schnee, sind es die rufen: „Der Lahn!“
Wie ein Echo trug sich dieser Ruf nach hinten. Und es ward Stille. Kein Ruf, kein Peitschenknall war mehr zu hören, kein Mensch rührte sich mehr, denn alle fürchteten den Lahn. Und lahngefährlich war‘s hier. Wir befanden uns am sogenannten Breiten Lahn. Ein lauter Ruf, ein Peitschenknall konnte genügen, um den Lahn zu lockern, und er war da. Doch in der nun eingetretenen Ruhe konnte man etwas anderes hören, das zwar kein Lahn, aber nicht minder gefürchtet war als dieser. Es war der Almsturm.
Wie das Rauschen einer Meeresbrandung drang es von fern her zu uns. Schon sah man, wie er sich in Gestalt einer finsteren Wolke hernieder senkte von den Höhen des Tauern. Erst kamen vereinzelte Windstöße, wirbelten dort und da Schnee auf und führten ihn mit sich fort. Doch bald wurde es ärger. Die Windstöße wiederholten sich in immer kürzeren Zwischenräumen, der Menge des aufgewirbelten Schnees wurde immer mehr, bis schließlich ein regelrechtes Schneetreiben begann.
Doch dies war nicht so schlimm, solange wir uns im Gehölz befanden. Schlimmer wurde es, als wir hinauf zum Schaidberg, einem unterhalb der Tauernhöhe gelegenen Gasthaus, kamen. Hier, wo das Gehölz uns verlässt und die Hochfläche des Tauernkares sich auftut, fing der grimmige Almsturm an, uns mit einer Wut anzupacken, als wolle er seinen ganzen Zorn an uns auslassen.
Beim Schaidbergwirt wurde ein wenig angehalten und jeder, der wollte, konnte eine Erfrischung zu sich nehmen. Auch musste man hier die Post, die uns mittlerweile von Tweng aus eingeholt hatte, vorbeilassen, da dies später wegen des vielen Schnees nicht mehr möglich gewesen wäre.
Das Postgefährt bestand aus dem mit einem Pferd bespannten Schlitten, dem Postillion und zwei sie begleitenden Tauernwegmachern. Der tägliche Postverkehr über den Radstädter Tauern, der den Lungau mit Salzburg verbindet, ist zugleich das einzige und unentbehrlichste Verkehrsmittel, um den Tauern über Winter offen zu halten.
Von Schaidberg bis zum Tauernwirt in Wiesenegg ist die gefährlichste Strecke des Tauernübergangs, weil zwischen beiden Asylen der höchste Punkt des Tauernpasses, die Tauernhöhe, liegt.
Bisher hatte das Schneewehen noch zuweilen ausgesetzt und man konnte, wenn auch nur auf Augenblicke, einen Ausblick auf die nächste Umgebung gewinnen. Aber damit war es von nun an zu Ende. Wir wurden immer mehr in die uns umgebende Schneewolke hineinversetzt und je weiter wir vordrangen, desto fester verdichtete und verfinsterte sich diese Wolke. Dazu kam das unaufhörliche Brausen des Sturmwindes.
Endlich hatten wir mit viel Mühe den steilen Petersbühel erklommen und befanden uns auf der Höhe des Tauernpass. Die Tiere, die unter dem Schneesturm nicht weniger als wir zu leiden hatten, griffen nun wieder besser aus. Schnelleren Schritts ging es nun dahin. Und als es an dem auf der Tauernhöhe gelegenen Friedhof vorbei den Kehrbühel hinunterging, da wurde das Gedränge der hinterher gehenden Tiere gegen die vorderen so groß, dass manche von ihnen beiseite geschoben wurden, wo sie abseits vom Pfad im tiefen Schnee versanken, aus dem sie sich nur mit harter Mühe, oft nur unter Mithilfe der Viehtreiber und Tauernwegmacher, die mit ihren Schneehauen den Schnee beiseite schafften, herauszuarbeiten vermochten. Hierbei geschah es, dass einer von den als Viehtreiber mitgehenden Handwerksburschen von den mit Ungestüm nachdrängenden Tieren erfasst und zu Boden getreten wurde, sodass ein Großteil des Viehs über den armen Mann hinwegging.
Unter vielen Mühen und unter Mithilfe der Tauernwegmacher gelang es endlich, uns durch Sturm und Schneewehen zum Tauernhaus durchzuarbeiten. Dabei war das durch das schreckliche Unwetter ganz zaghaft gewordene Vieh in solche Unordnung geraten, dass es mit wildem Ungestüm zu den Stallungen stürmte, wo die armen, von Hunger und Kälte geplagten Tiere, in dichtem Knäuel zitternd und frierend beisammen standen.
Nachdem es so zur Notdurft untergebracht war, wurde eine Zählung vorgenommen. Kein Stück war abgängig.
Nach kurzer Rast brachen wir wieder auf, und der Viehtrieb setzte sich unter Mithilfe der Tauernwegmacher und der Knechte des Tauernwirtes wieder in Bewegung.
Als wir vom Tauernwirtshaus aufbrachen, wütete zwar der Sturmwind noch immer mit unverminderter Heftigkeit fort, doch konnte man mit zunehmender Entfernung ein allmähliches Nachlassen desselben bemerken. Der Wind nahm an Stärke ab und auch das Schneetreiben war nicht mehr so arg als vorhin. Mit jenem Gefühl des Wohlbehagens, das man nach überstandener Mühe und Gefahr empfindet, ging es die Straße abwärts, Untertauern zu. Von hier noch eine Gehstunde und wir waren in der Ortschaft Hammer angelangt.
Das Vieh wurde in den Stall gebracht und gefüttert. Dann begab ich mich zu dem Haus des Viehhändlers David, das in nächster Nähe lag, um zu übernachten und wurde freundlich aufgenommen.
In der Nacht erwachte ich plötzlich. Der heulende Nachtsturm hatte mich geweckt. Stoßweise überfiel er das Haus, dass die Holzwände ächzten. »Nun, dachte ich mir, »wenn es schon hier in diesem sonst windstillen Tal so arg ist, wie wird es wohl droben am Tauern sein?« Und morgen sollte ich ihn wieder passieren, sollte zurück, wieder heimwärts gehen. Und noch dazu allein, ohne Reisegefährten. Am nächsten Morgen stand ich beizeiten auf. Es war noch ziemlich dunkel. Es hatte während der Nacht nicht unbedeutend geschneit, und da noch niemand gegangen, noch gefahren war, so musste ich mir durch den Neuschnee den Weg bahnen. »Das hebt schön an!«, dachte ich mir, »wenn schon hier unten der Weg so schlecht ist, wie wird es erst droben am Tauern sein?«
Endlich kamen mehrere mit Holz beladene Fuhrwerke daher und diese ebneten etwas den Weg, so dass mir das Gehen bis Untertauern erleichtert wurde. Beim Wirt in Untertauern hielt ich Einkehr und ließ mir ein Viertel Wein mit Zucker geben. Nach kurzer Rast brach ich wieder auf, denn mir war darum zu tun, möglichst rasch voran zu kommen. Ich hoffte, die Tauernwegmacher einzuholen, was mir aber nicht gelang. Bei den Wetterlöchern holte mich die Post ein. Zwei Pferde hintereinander gespannt zogen den Schlitten, auf dem diesmal nur der Postillion saß.
Je mehr ich den gewaltigen Bergrücken des Tauern hinan klomm, desto mehr verschlimmerte sich das Wetter. Und als ich mich dem unheilvollen Kehrbühel näherte, da war der Sturm wieder da. Hier war es auch, wo ich die Post, die mich bis heran überflügelt hatte, wieder einholte. Beim Wegmacherhaus am Fuße des Kehrbühels stand sie stille. Vorne arbeiteten ein Dutzend Schneeschaufler, die Tauernwegmacher mit den Knechten des Tauernwirtes, um der Post einen Weg zu bahnen.
»No, wirst wohl steck‘n bleib‘n im Schnee!«, meinten die Schaufler, als ich vorging. »S‘wird nit so g‘fährlich sein, und wenn schon, so müsst‘s mi halt ausgrab‘n «, lachte ich und ging weiter. Aber das Vorwärtskommen war doch nicht so leicht. Stellenweise steckte ich bis zur Brust im Schnee, aber ich wühlte mich mit Händen und Füßen durch.
Wenn ich nur den Kehrbühel einmal droben bin, dann werde ich es bis zum Tauernhaus auch noch weiter machen, dachte ich, und es ging. Nach einiger Anstrengung langte ich glücklich und wohlbehalten beim Tauernhause an, wo ich mir‘s in der Gaststube beim warmen Ofen gemütlich machte. Ich saß schon längere Zeit in der Wirtsstube, als endlich auch die Post, nämlich die von Untertauern, anlangte. Die von Tweng war noch ausständig. Hier beim Tauernwirt findet nämlich der Postwechsel statt.
Ich hatte nun wohl Lust zu gehen, aber ich ging nicht. Denn ich dachte mir also: Solange von der Lungauer Seite weder die Post noch ein Wegmacher hier anlangt, ist es auch für mich ausgeschlossen, hinüber zu kommen. Und mein Verstand gab mir recht. Es dauerte noch eine geraume Weile, bis die Post von Tweng hier eintraf, aber ohne Gefährte, sondern der Postillon in Begleitung zweier Wegmacher, zu Fuß. Das Fahren, hieß es, sei heute von Schaidberg weg unmöglich gewesen. Nun, da hatte ich die Bescherung! Also weglos! Da wäre ich, allein fortgegangen, meinem sicheren Verderben entgegen gerannt.
Als der Postillion mit den zwei Wegmachern nach einiger Zeit wieder aufbrach, schloss ich mich ihnen an. Es musste ein neuer Pfad ausgetreten werden. Da das Durchwaten des Schnees besonders für den Vorgeher äußerst mühsam und beschwerlich ist, so wurde gewechselt, so dass bald der eine, bald der andere von uns Vieren vorausging.«
LEGENDÄRE WETTERLÖCHER
Im Nahbereich der Zederhauser Umkehr, bergwärts Richtung Kreuzbühel gelegen, waren zu Zeiten, als noch nicht das Auto den Straßenverkehr beherrschte, zwei Vertiefungen im Felsen als sogenannte Wetterlöcher im Gebrauch. Es handelt sich dabei um Windröhren, also feine Felskanäle, die auf meteorologische Umschwünge reagieren.
Schon lgnaz Kürsinger hat sie gekannt und auch Heinrich Wallmann, der zusammen mit Franz V. Zillner seine »Culturhistorische Streifzüge durch Pongau und Lungau« verfasste, hielt dieses Naturphänomen einer Erwähnung wert. »Weiter aufwärts sahen wir zur Linken an der Straße die Felswand ausgehöhlt. Daher heißt diese Partie die Hohlwand. Zur Rechten stürzt ein Katarakt über die Felswand. Tauernwanderer pflegen bei der Hohlwand die Hände in die Aushöhlungen zu stecken, welche als sogenannte Wetterlöcher gelten. Geht kalte Luft heraus, so deutet das auf Schönwetter; der warme Luftzug prophezeit Regen. Bewundernd stiegen wir die Tauernstraße hinan... «
Dieser Wetteranzeiger war nicht nur Wanderern nützlich. Auch Passagiere der Post blieben beim Tauernfahren vielfach Wind und Wetter ausgesetzt, denn die Wagen und Vehikel mit Personenbeförderung waren oftmals unbedacht, dazu schwerfällig und langsam. J. Gugg berichtet über die Postbotenfahrten, die seit 1877 als kostengünstiger Ersatz für die vornehmeren Malle-Posten über den Tauern eingesetzt waren: »lm Winter stand ein sogenannter Zigeunerschlitten in Verwendung, auf dem die Postpassagiere ihre Sitze auf den Postpaketen einrichten mussten. Im Sommer waren dann die berüchtigten Gratlwagl im Gebrauch, mit denen die Fahrgäste besondere Annehmlichkeiten erlebten, denn sie hatten ihre Plätze mitten unter dem Frachtgut. Bei Geldabfuhren des Steueramtes Tamsweg an das Landeszahlamt Salzburg wurde der Postbotenfahrt von Tamsweg bis Mauterndorf ein Gendarm als Sicherheitswache mitgegeben. Aber kein Mensch machte sich etwas daraus, dass von Mauterndorf bis Radstadt diese Wertsendungen wohl im Postbeutel verwahrt, aber für gewöhnlich in unversperrten Sitztruhen untergebracht waren und oft unterwegs überladen werden mussten, und das alles ohne Gendarmerie-Assistenz.«
ElN VERLORENES MARTERL
Die längste Zeit haben Fußreisende das Straßenbild über den Radstädter Tauern geprägt - Boten, Träger, wandernde Handwerker, Viehtreiber, Almleute, Hausierer, Bettler und schließlich Alpinisten. Sie behaupteten neben den Fuhrwerken, Kutschen und Karren ihren Platz. Wie gefährlich gerade den Wanderern eine Überquerung des Tauern werden konnte, bezeugt der Friedhof der Namenlosen auf der Scheitelhöhe des Passes. An einen dieser Unbekannten, der durch einen komischen Zufall dem Tod entrinnen konnte, erinnerte ein Marterl, das später abhanden gekommen ist.
Am Nesselgraben bei der Gnadenalm, nicht mehr weit vom Johanniswasserfall, wo die Tauernreisenden über die Weiße Lahn genannte winterliche Gefahrenstelle auf den Kehrbühel zuwanderten, führte eine Brücke über den tiefen Graben. Hier zog einst ein Brotträger mit schwer beladener Kraxe seines Weges. Der weite steile Passweg hatte ihn schon arg mitgenommen, denn hart und schwer drückte der Korb auf seinen Rücken. Absetzen wollte er seine Last erst beim Tauernhaus in Wiesenegg, aber bis dorthin war es noch eine gute Stunde Wegzeit. Ein bisschen Verschnaufen musste er aber doch, also schob er hier seine Kraxe auf das Brückengeländer und stützte sie darauf ab. So ans Geländer gelehnt, ruhte er ein wenig, aber da wurden ihm die Augen schwer und er nickte ein.
Die Brotkraxe rutschte hintüber und zog den Brotträger mit sich, so dass er kopfüber in den tiefen Graben stürzte. »Um Himmelswillen! Da hat sich einer Hals und Bein gebrochen!,« dachte ein zweiter Wanderer, der so schnell er konnte, herzu eilte. Aber da sah er, wie sich der Totgeglaubte in dem steinigen Bachbett des Nesselgrabens aufrappelte, seine Kleider ausschüttelte und die Semmeln wieder in den Korb einsammelte.
Lange Zeit stand ein Marterl an der Stelle, um an dieses Glück im Unglück zu erinnern. Darauf war die sagenhafte Begebenheit nicht nur bildlich, sondern dazu mit einem Gedicht festgehalten:
Ein Brotträger kam einst hier durch;
hatte schwer zu tragen
und setzte sich ermüdet ans Straßengelander,
schlief ein und stürzte in den Abgrund tief.
Doch beschützte ihn der liebe Gott!
Er fiel auf seinen Korb, fand nicht den Tod,
Wohl aber seine Semmeln wieder
Und acht Laib Brot!
Sagen vermischen das Wunderbare mit dem Alltäglichen. Was diesen Brotträger betrifft, bleibt zu fragen: Konnte der Lungau seinen Brotbedarf nicht aus eigenem Anbau decken? Offensichtlich nicht. Die Landwirtschaft war in der Hauptsache auf Vieh und Holz abgestellt. Der Getreideanbau konnte in dieser Höhenlage nur eine untergeordnete Rolle spielen. Bohnen und andere Hülsenfrüchte ersetzten auf dem Lungauer Speisezettel das nobler eingeschätzte Korn, voran den begehrten Weizen.
Um 1800 zeichnete Franz Michael Vierthaler dieses Bild vom Küchenleben der Lungauer: »Die Höfe und Geuschen, heißt es da, sind nämlich von hohen Gerüsten umstellt, auf welchen Puff-, Pferd- und Saubohnen - die gewöhnliche, beinahe einzige Mittagskost der Maurer, Zimmerleute und Taglöhner - an der Luft und Sonne getrocknet werden.«
Klagen über das schlechte Lungauer Brot sind weniger aus dem Redwerk der Sage, denn aus sachlichen Darstellungen überliefert. Der Mattseer Arzr und Lungauwanderer Heinrich Wallmann schrieb 1863: »Das Brod besteht häufig nur aus Gerstenmehl mit Bohnenmehl und Kleien untermengt und ist zu einem unförmlichen Klumpen gebacken.«
Der sagenhafte »Brotträger vom Nesselgraben« erinnert an diese Mangelzeiten, als ein Korb voll köstlich frischer Semmeln, gebacken aus Weizenmehl, für die meisten Lungauer einen so gut wie unerschwinglichen Luxus darstellte. Das Verlangen nach gutem, bekömmlichem Brot spricht noch ein zweites Mal aus einer Lungauer Sage.
Der Salzburger Hofmetzger Perner hatte häufig im Lungau zu tun, wo er für die erzbischöfliche Tafel und anderes wählerisches Stadtpublikum Mastochsen, junge Rinder und gelegentlich Kälber einkaufte. Gern hielt er deswegen auch im Zederhaustal Umschau.
Dort hatte er einmal in einem Bauernhaus seinen Einkauf mit Handschlag abgemacht und hernach führten ihn die Bauersleute auf einen Imbiss in ihre gute Stube. Nicht mehr als Brot und Butter wurde ihm da zum Zirbenschnaps aufgetragen, denn das Leben in Zederhaus war bescheiden und der Hofmetzger ein arger Rechner, der einen jeden unter den Tisch handelte.
Er aß die Butter und trank den Schnaps, das Brot aber steckte er ein und bemerkte dazu: „Das ist mir zu schlecht, ich nehm‘es mit, damit die Herren draußen sehen, was für ein schlechtes Brot ihr habt.“
Auf dem Heimweg überfiel ihn auf dem Tappenkar ein Unwetter mit Eis und Schneetreiben. Bald kämpfte er mit jedem Schritt gegen den Sturm und wurde so kraftlos, dass er bei einem Unterstand hinsank vor Erschöpfung und nicht mehr weiterkonnte. Wie ein Geschenk des Himmels erschien ihm nun das verachtete Lungauer Brot in seiner Tasche. Vorsichtig zog er es heraus, damit er kein Krümelchen abstreifte und aß es mit kleinen, bedächtigen Bissen. So köstlich hatte ihm noch kein feines Salzburger Weizenbrot gemundet.
Sowie der Himmel aufriss, setzte er seinen Weg fort, kam wohlbehalten heim, vergaß jedoch nicht das Erlebte. In Dankbarkeit fur die Rettung aus der Not stiftete er der Kirche Zederhaus einen silbernen Kreuzpartikel, der dort noch heute gezeigt wird.
DAS TAUERNHAUS WIESENEGG
Auf der Höhe des Erzherzog-Johann-Wasserfalls tritt der Passweg in das den Winden preisgegebene Tauernkar ein. ln einer geschützten Mulde vor dieser letzten Steigung liegt das ehemalige Tauernhaus Wiesenegg mit dem Vikariat und der Kirche. Bereits 1198 stand ein Hospiz in Wiesenegg und in einer Urkunde von 1517 ist von »zween Wirten am Tauern« die Rede, die den Weg freihalten sollten. Gemeint waren die Tauernwirte von Wiesenegg und Schaidberg. Erzbischof Johann Jakob Khun von Belasy, der das Anwesen 1562 renovierte, ließ über dem Hauseingang sein Wappen anbringen. Die Maut auf der Tauernstraße ist bereits 1143 urkundlich erwähnt und wurde 1899 aufgehoben. Von 1558 an führte die Familie der Wiesenegger hier über 260 Jahre die Wirtschaft.
1764 ließ Erzbischof Siegismund Graf Schrattenbach eine Poststation einrichten. Der besondere Stellenwert, der Wiesenegg über das Tauernhaus Schaidberg sowie die Wirte in Untertauern und Tweng heraushob, ist durch das Vikariat und Kirchlein, das 1759 eingeweiht wurde, unterstrichen. Nach 1818 gab es etliche Besitzerwechsel, bis Sektionschef Karl Wurmb, der legendäre Erbauer der Tauernbahnen, die Anlage zu einem zeitgemäßen Alpenhotel umgestaltete. Es wurde nach dem Ersten Weltkrieg durch einen Brand verwüstet.
Der Kapuziner Josef Hackl, vulgo Tauernsepp, 1830 in diese Einsamkeit versetzt, soll von der kaiserlichen Familie bei ihrem Besuch 1844 ein Geldgeschenk von 50 Gulden erhalten haben. Die Lungauer werden ihm die gut 3.500 Euro nach heutiger Rechnung kaum geneidet haben. Sie wussten um den harten Posten, auf dem der Vikar ausharrte, musste doch dieser, wie der Volkswitz behauptete, bis zum Jakobitag (25. Juli) heizen und an St. Anna (26. Juli) wieder neu beginnen. Sein Gärtchen brachte dementsprechend nichts weiter hervor als Schnittlauch und weiße Rüben.
Die Hauschronik von Wiesenegg meldet auch noch weitere hochgestellte Besucherschaft. 1844 fuhren Kaiser Ferdinand mit Gemahlin und den Erzherzögen Ludwig und Franz Josef, dem späteren Monarchen, über den Tauern. Der Reisekutsche waren, zum Entzücken der kaiserlichen Passagiere, die landesüblichen Ochsen vorgespannt.
Wohl wahrscheinlich, aber doch in das Reich der Sage zu verweisen ist die Überlieferung, dass Wiesenegg einmal überraschenden Besuch von einem Erzbischof erhalten habe.
Bei einem alten Wiesenegger stellte sich einmal ohne Vorankündigung höchster Besuch aus Salzburg ein. Die schwarze Kutsche, die vor dem Tauernhaus ausgespannt wurde, zeigte zu beiden Seiten des Wagenschlags die aufgeprägten Wappen des Erzbischofs. Dieser selbst nahm ohne weitere Umstände in der guten Stube des Wieseneggers Platz und wartete auf angemessene Bewirtung. Die rauhe Tauernluft kann auch einen Bischof hungrig machen.
In der Küche aber brach einige Bestürzung aus, denn das Beste, was die Fleischkammer zu bieten hatte, war ein frisch geschossener Hirsch. Einen Jagdschein besaß der Tauernwirt aber nicht. Der Wiesenegger konnte sich nun aussuchen, womit er den Erzbischof verärgern wollte. Mit altem Brot und einem harten Stück Käse oder mit einem köstlichen Wildbraten von nicht ganz lauterer Herkunft. Wie alle Wirtsleute war auch dieser Wiesenegger ein Menschenkenner und entschied sich für Zweiteres. Das servierte Wildbret mundete denn auch vortrefflich. Der Erzbischof und seine Begleitung griffen herzhaft zu und ließen sich mehrfach nachreichen.
Aber zuletzt, nachdem die feine Tischrunde noch ein Weilchen bei einem die Verdauung fördernden Enzianschnaps beisammensaß, musste der Wiesenegger doch noch das Geheimnis seiner Speisekammer offenlegen. Woher er das Wild habe? Durch diese Frage in die Enge getrieben, fiel der Wiesenegger vor dem Erzbischof auf die Knie und bat reumütigst um Gnade.
Wie weiter überliefert ist, ließ sich der hohe Landesherr von der sichtbaren Zerknirschung des Wieseneggers rühren, und er verzieh ihm nicht nur den Wilddiebstahl, er verlieh dem Wiesenegger dazu das Recht auf die Reisjagd.
AHASVERUS UND DIE EISENBAHN
Der Passweg über den Tauern bedingte von Anfang an die begleitende Einrichtung von Tauernhäusern zum Schutz der Reisenden. Je eins lag im geschützteren Terrain unterhalb der Scheitelhöhe, Wiesenegg und Schaidberg. Seit dem Ausbau des Saumweges zur fahrbaren Straße am Beginn des 16. Jahrhunderts kam ihnen zudem die Versorgung des wachsenden Frachenverkehrs mit Futter und Unterstand für die Zugtiere sowie etwaigem Ersatz zu.
Mit der Organisation der innereuropäischen Fernverbindungen zu einem Poststraßennetz im 18. Jahrhundert wurde die Strecke zu einem Teilstück der Mallepoststraße Salzburg - Triest. 1760 wurde in Mauterndorf und 1790 in St. Michael eine sogenannte Postexpedition eingerichtet. Diese Malle-Posten, die zwei bis drei Mal die Woche auf dem Weg nach Villach durchkamen, waren das schnellste und auch kostspieligste öffentliche Verkehrsmittel von damals. An den übrigen Tagen entschädigte eine Postbotenfahrt, im Volksmund Stafette geheißen, den Ausfall. Im Sommer verkehrten zahlreiche Extraposten, dazu Postfuhrwerke und private Frächter.
Mit dem Ausbau der Eisenbahn, die rund um den Gebirgsstock der Tauern ihre Schienen legte, büßte diese traditionsreiche Nord-Süd-Passage über den Radstädter Tauern ab 1875 ihre frühere Bedeutung ein und wurde zur vernachlässigten Nebenlinie. 1875 und 1876 war die Kursordnung der Mallepost so eingeteilt, dass die Wagen zur Mitternachtszeit den Lungau durchfuhren. Dabei waren die hohen Fahrpreise (Mauterndorf - Radstadt 5 Gulden, 22 Kr.) für die einheimische Bevölkerung ohnedies kaum erschwinglich. Die Postverwaltung nutzte die Gelegenheit für eine Kosten sparende Umstellung, indem sie die eleganten Malleposten aufließ und durch Postbotenfahrten ersetzte, die so primitiv ausgestattet waren, dass für die Personenbeförderung in keiner Weise gesorgt war. Postpakete wie Briefpost waren Wind und Wetter ausgesetzt, und die Kurszeiten bestimmte die Wirtshausuhr der Poststationen.
Ab 1872 verkehrte der Postwagen über den Tauern zwar täglich, statt wie bisher dreimal die Woche und ab 1875 sogar zweimal am Tag, aber diese Einrichtung bezweckte nur noch die Anbindung eines entlegenen Gebiets und war entsprechend dürftig ausgestattet. Der wachsende Fremdenverkehr eröffnete jedoch im Gegenzug neue Chancen und Hoffnungen.
»Um 1890«, so fasste Alois Kohlmayr, Bürgermeister von Untertauern, diese Entwicklung im Rückblick zusammen, »kamen die ersten Radfahrer. 1899 führte der Train, der zu den Kaisermanövern nach Kärnten durchzog, ein schweres Lasten-Auto mit sich und dieses neue Fahrzeug wurde allgemein angestaunt.
1902 kamen die ersten Skifahrer auf den Tauern, durch welchen Sport in den folgenden Jahren der Tauern immer mehr belebt wurde, bis durch den Ausbruch des Weltkrieges der gesamte Fremdenverkehr zum Stillstand kam. Während des Krieges war die Tauernstraße noch viel von Militär durchzogen.« Der Erbauer der Alpenbahnen, Sektionschef Wurmb, dessen Schienenlegung rund um den Tauernstock den Lungau in einen toten Winkel drängte, setzte seinerseits auf die Erschließung des Tauern für den Fremdenverkehr, kaufte sich hier an und baute das ehemalige Tauernhaus Wiesenegg zu einem eleganten Alpenhotel um. Insgesamt erwiesen sich diese Hoffnungen auf den Tourismus aber doch als verfrüht.
Eine neue Weichenstellung bedingte die Eröffnung der Murtalbahn 1895. Damit wurde die Lastenbeförderung auf den Schienenstrang Tamsweg - Unzmarkt verlagert und die wirtschaftliche Orientierung neigte sich zwangsläufig zur Steiermark. Die Lungauer nahmen diese Entwicklung skeptisch bis ablehnend auf. An einem deswegen einberufenen Volkstag am 25. Juli 1909 erklärte die Bevölkerung »einmütig und feierlich, dass die Schaffung einer Eisenbahnverbindung Lungau - Pongau unerlässlich ist, sollten nicht die Bewohner des Lungau gänzlich verarmen und von dem geliebten Stammland Salzburg abgetrennt werden.«
Ein Eisenbahnkomitee wurde ins Leben gerufen, aber alle Versprechen auf einen Schienenstrang Mauterndorf - Radstadt blieben leer. Das Eisenbahnministerium lehnte mit Rücksicht auf die zu erwartenden Kosten das Projekt ab. Nach den bei dem Bau der neuen Alpenbahnen gemachten Erfahrungen hätte sich eine Schienenverbindung Radstadt - Tweng - Mauterndorf bei einer Linie mit eingleisigem Scheiteltunnel auf 35 Millionen, bei Ausführung eines zweigleisigen Scheiteltunnels auf 43 Millionen Kronen belaufen.
Dazu gab die katastrophale Wirtschaftslage im und nach dem Ersten Weltkrieg keine Hoffnung auf einen Wandel der Verhältnisse. Nach mehrheitlicher Meinung der Bevölkerung war die schmalspurige Eisenbahnverbindung der Murtalbahn »eine derart mangelhafte, dass die Benützung der Post über den Radstädter Tauern noch immer vorteilhafter erscheint als die Eisenbahnfahrt. Sie währt unter den gegenwärtigen Verhältnissen von Salzburg nach Mauterndorf 15, von Mauterndorf nach Salzburg sogar 22 Stunden, eine Leistung, die in der Geschichte des modernen Verkehrs ohne Zweifel unerreicht dasteht. «
Ab November 1920 lag der Tauern drei Winter lang überhaupt zu. Nur über die Sommermonate verkehrte ein Postautomobildienst mit 13 bis 18 Sitzplätzen. Der Lungau war damit ausgerechnet zu Beginn der modernen Motorisierung und Verkehrserschließung auf einen Zustand der Isolation zurückgeworfen, der viele Ängste und auch Verbitterung weckte. Denn seiner geopolitischen Lage nach war die Region durch Jahrhunderte ein maßgebliches Verbindungsstück nach dem Süden gewesen.
Vor diesem Hintergrund ist die Entstehung einer Sage zu sehen, die bei dem Lungauer Sagensammler Michael Dengg, der als Gewährsfrau eine Dienstmagd vom Tauernwirt im Hospiz am Radstädtertauern nennt, erstmalig aufscheint. Die Historiker und Sagensammler des 19. Jahrhunderts, Ignaz Kürsinger, Franz V. Zillner oder Moritz Schleifer wissen noch nichts von dem »Ewigen Juden, der über das Gebirge geht.« Alt und traditionsreich ist das Motiv trotzdem.
Der jüdische Wanderer Ahasverus ist bereits im deutschen Volksbuch des 17. Jahrhunderts nachweisbar. Von dort hat dieser Schuster in Jerusalem, wie es in der Vorlage heißt, der Christus auf seinem Kreuzweg nach Golgatha eine Rast in seinem Haus verweigerte und daher dazu verurteilt wurde, auf ewig zu wandern, seinen eigentümlichen Weg in die Volkssage genommen und fand auch in der Erzählkultur des Lungaus seine Aufnahme.
Durch die erwähnte Mischung aus fehlgeschlagener Verkehrserschließung über einen Eisenbahntunnel Lungau - Radstadt, Wirtschaftskrise und wild bewegten Zukunftsträumen war der Boden für so eine Geschichte bestens aufbereitet. »Der wandernde Ahasverus«, in dem sich gleich mehrfach Mythen und Gedankenmuster überkreuzen, wurde zum Träger von Ängsten und Träumen, die in einer Prophezeiung über die Zukunft des Tauern und das Ende der Welt gipfelten.
Meine Großmutter war noch ein junges Mädchen und stand beim Tauernwirt im Hospiz im Dienst. Eines Tages machte sie dort eine seltsame Bekanntschaft. Unter den vielen Reisenden, die dort einkehrten, um zu rasten oder über Nacht ein geschütztes, warmes Dach zu finden, war dieses der allerseltsamste Gast, der ihr je vor Augen gekommen ist.
Der zarte, vom Alter gebeugte Mann war ihr gleich beim Eintreten aufgefallen. Angetan mit einem fremdartigen dunklen Anzug, mit großem Wanderstab und breitkrempigem Hut war er still in die Stube gekommen und hatte auf der Ofenbank seinen bescheidenen Platz abseits von den übrigen Gästen genommen. Das Gespräch an den großen Tischen war für einen Augenblick verstummt, um dann mit gedämpftem Murmeln neuerdings einzusetzen.
Kurz vor der Nachtruhe, als meine Großmutter die Arbeit mit Küche und Bewirtung beenden konnte, rief sie der rätselhafte Alte noch einmal zu sich, lud sie ein, sich zu setzen und knüpfte ein Gespräch an. Ein Glas Wein und die Wärme am Kachelofen hatten den einsilbigen Wanderer gesprächig gemacht und er vertraute sich nun meiner Großmutter mit diesen Worten an:
»Es ist jetzt das zweite Mal, dass ich über den Radstädter Tauern wandere. Lange ist es her, dass ich zum ersten Mal diesen Weg übers Gebirge machte. Damals herrschte hier rauhe Wildnis, nur ein schmaler Steig führte durch die Einöde über den Pass. Nun ich das zweite Mal diesen Weg ziehe, ist alles voll Leben. Mit Ochsen bespannte Fuhrwerke ziehen ihre Lasten über den Berg. Vieh wird getrieben und die Postkutsche bringt Reisende ins Land. Wenn ich zum dritten Mal meinen Weg über den Tauern machen werde, dann wird das Land wieder verödet und verlassen sein, die Straße verfallen, das Hospiz geräumt. Denn die Menschen werden sich einen Weg durch den Berg graben und mit Wagen fahren, die kein Zugtier brauchen. Das Ende der Welt ist dann nicht mehr fern.«
DER FRIEDHOF DER NAMENLOSEN
Auf dem Scheitel des Passes liegt der Friedhof der Namenlosen. Die Unglücksopfer der Passstraße, deren Identität sich nicht immer ermitteln ließ, fanden hier ihr einsames Grab. 1924 erfolgte auf Initiative der Gräfin Szápáry der Aufruf zu einer Geldsammlung, um mit dem Erlös die Gräber mit Kreuzen zu schmücken und mit den Eintragungen aus dem Tauernsterbebuch zu versehen. Im Jahr darauf würdigte die Tauernpost die Neugestaltung mit einem längeren Beitrag. Dort heißt es zur Geschichte dieses Totenackers, der in Wien am Praterspitz, wo die Toten aus dem Wasser der Donaubegraben sind, ein Gegenstück hat:
»Mehr als 400 Jahre sind seit jenem Marientage vergangen, da der Erzbischof Berthold von Chiemsee das nahe Tauernkirchlein und zur selben Zeit wohl auch den Tauernfriedhof unter großer Kälte, Schnee und Winden weihte. In der Schutzkapelle für das Friedhofskreuz sind die Grabsteine der damaligen Tauernwirte eingemauert: Gruenbald (1537) und Wiesenegger. Diese in den Tauern weitbekannten Namen finden wir noch öfters auf den Kreuzen der kleinen Hügel, wo denn überhaupt die Tauernwirte und Vikare, die oft ein Menschenleben auf den Tauern wirkten, hier auch zur ewigen Ruhe gingen. Und sie blieben nicht allein.«
Wenn im Winter Tag für Tag die weißen Flaumen niederfielen, Straßen und Almen in Schnee versanken, wenn nach den ersten warmen Frühlingstagen eisige Stürme über die Höhen brausten oder dichte Nebel um die Berge brauten, da kam es wohl des öfteren vor, dass mancher von den Tauernwanderern seine Kräfte schwinden fühlte, erschöpft zusammenbrach, lautlos niedersank und erfror oder den Weg verlor und irgendwo zu Tode stürzte. Und hatten ihn dann die Leute gefunden, sie hatten nicht gefragt, wer er sei, wes Standes und wes Glaubens, sie hatten den Leichnam mit sich genommen, hatten aus Brettern den einfachen Sarg gezimmert, den armen Erdenpilger hineingelegt und ihn aufgebahrt. Am nächsten Tag oder, in strengen Wintern, wenn der Tauern zulag, oft nach Wochen erst, war dann der Vikar gekommen und hatte den Leichnam in der Kirche eingesegnet.
Dann hatte der kleine, traurige Zug seinen Weg über die Almen genommen, hinauf zum Tauernfriedhof. Dem Sarg waren die zwei Tauernwirte gefolgt, von Schaidberg und von Wiesenegg, ihre Dienstleute und, war es Alpzeit, auch die Sennerinnen und Hütebuben, durchwegs Leute, die den Toten vielleicht nie in ihrem Leben gesehen hatten. Aber in solcher Höhe sind die Menschen näher zueinander, sie stehen und halten zusammen, jeder, dem sie begegnen, ist ihnen Freund. Denn alle sind sie in den Bergen von den gleichen Gefahren bedroht, keiner weiß, ob er nicht im nächsten Augenblick der Hilfe des andern bedarf, und so nehmen sie auch viel tieferen Anteil an allem, was denen, die unter ihnen weilen, an Leid und Unglück widerfährt.
EINE SAGENHAFTE MANSIO AUS DER RÖMERZEIT
Am 8. Mai 1515, unmittelbar nach dem Ausbau des Passweges zur Fahrstraße, wurde der einsame Friedhof auf der Passhöhe eingeweiht. Zu seiner Einfassung mit einer Mauer sollen Fundamente aus der Römerzeit verwendet worden sein. Denn auf der Scheitelhöhe des Tauern stand angeblich die Mansio In Alpe, eine römische Raststation. Die römischen Kuriere und Legionssoldaten, die hier beritten und mit Packpferden durchkamen, waren auf diesem wohl gefahrenreichsten Teilstück der Heer- und Handelsstraße von Aquileia nach Juvavum ganz sicher auf Unterkunft und Verpflegung angewiesen. Wo genau aber diese Station In Alpe wirklich stand, ist nicht mit Gewissheit zu ermitteln. In größerer Anzahl erhalten sind die Meilensteine, die damals zur Orientierung dienten. Im Gebirge waren sie in größeren Abständen gesetzt als in der Ebene. Die Römer verwendeten dazu folgende Maßeinheiten: Seit Septimius Severus (193-211 ) wurden die Distanzen zwischen den Stationen nach Doppelschritten (von jeweils 5 Fuß, 33 cm je Fuß) berechnet. Nach jeweils tausend Schritten, der Römer nannte diese Einheit millia passum, war ein Meilenstein gesetzt. Das galt aber nur im dichteren Wegnetz des Flachlandes. Im Gebirge galt der Doppelschritt von 71,5 Fuß als Maßeinheit, das entsprach einer sogenannten leuge nach keltischer Tradition. Nach jeweils tausend solchen Doppelschritten war ein Meilenstein gesetzt. Aus den Inschriften, mit denen diese Meilensteine versehen wurden, ist zu erfahren, dass sich die römischen Kaiser Septimius Severus, Caracalla (211-217) und Philipp Arab (244 - 249) für die Erhaltung und den Ausbau dieser Gebirgsstraße von Virunum (St. Veit a. d. Glan) nach Juvavum (Salzburg) besonders eingesetzt haben.
Eine römische Mansio besaß gewöhnlich einen Innenhof, der auch den Zugang bildete. Dieser war von kleineren Räumlichkeiten umschlossen, die zur Aufnahme und Verpflegung der Reisenden und ihrer Reittiere dienten. Daneben gab es magazinartige Vorratslager und mitunter war auch ein Heiligtum eingerichtet, wo man sich um Schutz für die Weiterreise an eine der römischen Gottheiten wenden konnte.
Welche kulinarischen Freuden erwarteten nun so einen vom Tauernwind durchgeschüttelten römischen Reiter? Die Verpflegung in dieser Höhe war damals gewiss nicht weniger spartanisch als in einer Almhütte von heute. Leichter bestimmen lässt sich, wovon diese römischen Soldaten träumten. Darüber kann das Kochbuch des Apicius, das aus dem 4. Jahrhundert überliefert ist, Auskunft geben.
SPANFERKEL MIT LORBEETRPORCELLUM LAUREATUM
Beine das Ferkel aus und, dressiere es wie für Spanferkel in oenogarum, Brate es an. Brich reichlich grünen Lorbeer, garniere damit, oder gib ihn in das ausgebeinte Ferkel und brate das Ferkel im Backofen. Gib Pfeffer, Liebstöckel, Kümmel, Selleriesamen, Laserwurzel und Lorbeer-Beeren, in den Mörser, stampfe, befeuchte die Mischung mit Liquamen und mische sie mit Wein oder Passum. Gib dies in einen Topf mit ein wenig Öl, lasse es kochen und binden. Nimm das Ferkel aus dem Lorbeer (oder: nimm den Lorbeer aus dem Ferkel), gieße die Sauce darüber und serviere.
Die genannten Kräuter kamen großteils durch die römische Zivilisation in die unterworfenen Alpenländer. Liquamen war eine Fischsauce, die fast jedem Gericht, vergleichbar einer Sojasauce von heute, beigefügt wurde. Das griechische Wort dafür war Garum. Mit Wasser oder Wein gemischt, ergibt das Oenogarum. Hinter Passum verbirgt sich ein spezieller Kochwein.
Mit dem Untergang des Römischen Imperiums ist dieser Passweg über den Radstädter Tauern, dessen Unterbaue stellenweise bis heute im Gelände sichtbar sind, langsam verfallen.
Im Jahr 772 erlagen die Slawen den Bajuwaren. In Alpe lag wohl in Ruinen, und die Straße wurde nach dem Weißpriach- und Forstautal verlegt. Aber bald muss der alte Übergang über den Radstädter Tauern wieder hergestellt worden sein. Ansonsten hätte ein Hospiz zur Beherbergung der Reisenden, wie es 1198 erwähnt wird, keinen Sinn gehabt.
Das historische Wissen um diese Fernstraße ist alt. Bereits 1818 erschien in der Zeitschrift »Der Aufmerksame« (Ausgabe 24. Februar) ein Artikel über »Die Römerstraße an der steyermärkisch-salzburgischen Gränze« mit einer Beschreibung der dort aufgefundenen Meilensteine und Gedenktafeln mit Inschriften.
Im Jahr 1825, gelegentlich einer Ausbesserung der Friedhofsmauer, machte der damalige Tauernwirt Steger aufsehenerregende Bodenfunde: Eine Beißzange, die sich noch öffnen und schließen ließ, ein kurzes, breites Schwert mit Eisengriff, einen mit Silber belegten Pferdezaum, eine Lanzenspitze mit Widerhaken, Steigbügel, römische Münzen und einige Kleinigkeiten, die an Altertumsfreunde verkauft wurden. Bergabwärts, auf der Straße nach Tweng und Mauterndorf, wo an der heute verbauten Breitlahn eine besonders lawinenreiche Gefahrenstelle zu passieren war, bezeugen noch weitere römerzeitliche Entfernungsmesser das geschichtliche Alter dieses Passübergangs.
Rechere & Quellen
»Unser Tauern«, Tauern-Post 17 (1924)
Lungau, 29
Topographische Beschreibung der Landschaft Lungau, 3
Eine Wanderung durch den Lungau, 293
Walter Aumayr, Heimat Zederhaus, 179
Alois Kohlmayr, Heimatweiser durch das Taurachtal, 2T
Der Volksbote, Jan./Feb. 1924
Salzburger Zeitung Nr. 253, 254 (1862)
Tauern-Post 24 (1911)
Wanderungen 1, 124
Lungaus Land und Leute, 25
Tauern-Post 17 (1924)
J.Cugg, Dreißig Jahre Posteilfahrt im Lungau. Tauernpost Nr. 24-28 (1911)
Salzburger Volksblatt, 22.) uni 1918
Tauern-Post, 26. September 1925
Kirche und Postwirt beherrschen das Ortsbild dieser höchstgelegenen Gemeinde des Lungaus (1.235 m), die vor der touristischen Erschließung von Obertauern auch dessen kleinste war. Die Ochsenvorspann über den Tauern, Wegmacherdienste und etwas Landwirtschaft sicherten den Bewohnern ihren Lebensunterhalt. Aber bis heute blieb der Tauern, nun als Wintersportregion, bestimmend für die wirtschaftliche Existenz dieser einstigen Passstraßenstation, deren Anlage bis auf die Römerzeit zurückgeht. Eine Viertelstunde vor dem Ortseingang besichtigte noch lgnaz Kürsinger die Ruine einer römischen Mansio, einer Raststation also, deren massive Gewölbe seinerzeit als Kraut- und Rübenkeller in Verwendung standen. Dieses alte Schloss im oberen Küstenfeld ist längst verschwunden. Auch die zweite Baulichkeit, über die sich die historische Reichweite des Ortes dokumentieren ließe, besteht nicht mehr. Die achteckige Kapelle, wohl ein Karner aus romanischer Zeit, wurde 1664 durch die heutige Kirche (1729 erweitert) überbaut. Erhalten blieben die zwei römischen Meilensteine aus der Zeit des Kaisers Septimius Severus, der die norische Reichsstraße erneuerte und dabei auch den Übergang über die Leißnitzhöhe nach St. Peter im Holz errichten ließ.
Aus einem alten Tauernhaus ging der traditionsreiche Postwirt hervor. Er hatte später zudem als Post- und Telegraphenstation Bedeutung. Insgesamt waren es also vier Stationen, die in der Vergangenheit das Verkehrsgeschehen über den Pass mit Vorspanndiensten, Wegmachern und Schneeschauflern betreut und abgewickelt haben - die Poststation Untertauern, die Tauernhäuser Wiesenegg und Schaidberg sowie die Post in Tweng, die als domkapitlicher Besitz an Tauernenwirte vergeben wurde. 1548 scheint sie in Zusammenhang mit einem Kriminalfall auf. Die Einrichtung selbst war sicher dazumals schon uralt. Der Wirt Stoff Lecker hatte einen Raubmord begangen und war am Passeggen hingerichtet worden. »Seine Leute« aber wurden angewiesen, sich bis Lichtmess um einen tauglichen Wirt zu schauen.
Eine Tauernwirtschaft zu führen, verlangte einen umsichtigen, verantwortungsbewussten und integren Charakter, denn die Sicherheit der Straße wie der Reisenden hing von seinem Einsatz und Entscheidungsvermögen ab. Wegmacherdienste und Ochsenvorspannen, dazu die Bereitstellung von Schlitten und Schlittenuntersätzen in den Wintermonaten, schließlich die Unterbringung von Reisenden und die Suche nach Vermissten zählten zu seinen Aufgaben.
Diese umfassende Sorge für Tauernfahrer und Tauerngeher war gewiss einträglich, umgekehrt strapazierten aber mittellose Wanderer, die hier strandeten, weil ihre Ausrüstung und die Witterung ein rasches Weiterkommen verhinderten, immer wieder die Hauskasse.
1690 wurde Hanns Müllpacher, damals Postwirt in Tweng, zu hinterißt im Winkl hausent, persönlich bei der fürstlichen Hofkammer in Salzburg vorstellig und führte Klage, dass er, »viel der armen leith, welche von Tweng wegen Weite des Weges, auch Ungewitter und spatter Zeit nit fortkhomen mögen, unterkommen lassen und behalten müsse«. Zur Entschädigung seines Aufwands für diese Mittellosen ersuchte er um »ain Traidl aus dem Amzkasten zu Moßhamb«, also um ein Getreidedeputat, wie es auch andere Tauernwirte in Anspruch nahmen.
Nach dieser Familie Mühlbacher waren die Seemann und Kendler als Wirtsfamilien im Twenger Posthof tätig. 1889, mit dem Niedergang des Frachtenverkehrs über den Tauern, übernahm Peter Genser das Anwesen und gestaltete den Ort zu einer beliebten Sommerfrische um. 1921 vernichtete ein Brand den größeren Teil von Haus und Stallungen.
Der wildromantische, ernste Charakter des Landschaftsbildes von Tweng ist durch die einsame Lage wie durch die steil abfallende Felswand an seiner Ostseite gegeben.
Diese Satanswand, von den Einheimischen selbst kurz der Satan genannt, zieht sich als zerklüftete felsengraue Sperrmauer bis über den Rauchkogel die Passstraße hinauf und gab so den Tauernfahrern vergangener Zeiten einen Vorgeschmack auf den Gefahrenreichtum dieser Passstrecke. Die Bezeichnung selbst könnte sich freilich von »seitan« (sitzen, Sitz, Ansitz) herleiten und irrtümlich auf den christlichen Teufel übergegangen sein.
Den dämonischen Charakter dieses steil abstürzenden Felsenzuges belegt und überliefert aber auch eine bekannte Sage. In einer Höhle, genau über dem Ort, wo nur um Johannis, wenn die Sonnenlaufbahn ihren Zenit erreicht, Licht einfällt, soll der Teufel drei Wildfrauen gefangen halten und damit dieser zerklüfteten Steinwand den Namen gegeben haben.
Beim Postwirt in Tweng, wo sich Fuhrleute und Wegmacher, Bauern und Reisende einfanden, so dass ein stetes Kommen und Gehen herrschte, gab es früher so manche ausgelassene Tanzunterhaltung. Denn wer mit der Gefahr lebt, der braucht auch die Zerstreuung. Damals lebten aber in dem Gebirgszug, der das Twengertal von Weißpriach trennt, noch die wilden Frauen.
In der einsamen Bergwelt zwischen Karneitschenhöhe, Gurpitschek und Golitschspitz, wo der Kernsee, der Karnersee, der Rupaninsee und Mirpitschsee in Felsenkare und geschützte Kessel eingelassen sind, hatten sie ihren Aufenthalt in kleinen Höhlen und Felsenunterständen.
Sie beschützten Vieh und Hütten vor Unglück und durch ihr stilles Wohlwollen verlief auf den Almen alles sicher, gut behütet und gedeihlich. Da sie aber die Musik und den Tanz über alles liebten, kamen sie auf einem Steig entlang dem tosend zu Tal stürzenden Weitschenbach, den keine Menschenseele zu betreten wagte, herab nach Tweng, sooft beim Postwirt, das dazumals noch ein einfaches Tauernhaus war, Musikanten zum Tanz aufspielten.
Die kirchliche Aufsicht, die diese Vergnügen gerne eingeschränkt und unterbunden hätte, war weit. Ein Vikar kam von Mauterndorf zum Messelesen herein, hatte aber seine Wohnung nicht im Ort. Daher zogen sich die Twenger Winkeltänze oft spät in die Nacht hinein, und erst im Morgengrauen tappten die jungen Leute zur Tür hinaus und zerstreuten sich zusammen mit den Fuhrwerken und Wagen, die nun frisch ihres Weges zogen. Bei keinem Kirchenwirt, hieß es, ging es so hoch und lustig her, wie nur im Twenger Tauernhaus.
Die Schönsten unter den Tänzerinnen waren jedesmal die Wildfräulein. Wie Holunderblüten im Maiwind flogen sie über den Tanzboden. Fein und weiß war ihre Haut, die Augen blau wie ein Bergsee, ihr langes Haar aber das allerschönste. Denn es schien wie die Morgensonne, wenn sie mit ihrem ersten Licht über die Berggipfel steigt.
Tänzer hatten sie immer genug bei der Hand, an jedem Finger wenigstens einen, und mitunter konnten sie deshalb recht wählerisch sein. Sah es doch jeder der Mannsleute, Bauernburschen, Jäger, Tauernfahrer und Reisende, als eine Auszeichnung an, wenn ihnen eine der drei geheimnisvollen Schönheiten den Arm reichte, damit er sie zum Tanz führe.
Da war an einem Prangtag wieder Tanz angesagt, seit Mittag schon wirbelten die Paare über den mit Sägespänen bestreuten Holzboden, und mitten in dem ausgelassenen Treiben, zu dem die Musikanten immer schneller und mitreißender aufspielten, drehten sich wieder die Wildfrauen, als trüge sie der Wind, und ihr blondes Haar tanzte wie Schaumkronen unter einem Wasserfall.
Plötzlich stand ein Fremder in der Tür, ging mit schleifenden Schritten herein, als hinke er, und sein Aussehen hatte etwas Heimtückisches und Unheimliches, so dass er gleich allen auffiel. Er steckte im grünen Lodengewand eines Jägers und auf seinem Hut prangte trotzig die Spielhahnfeder. Auch sein derbes Schuhwerk war für den Tanzboden nicht eben das tauglichste, aber der sakrische Lotter machte sich nichts daraus und holte die drei schönen Wildfrauen nacheinander zum Tanz.
Dabei stellte er sich an wie ein Bär, fiel aus dem Takt, trat den Mädchen auf die Füße, dass sie hätten schreien mögen und fasste sie so grob um die Mitte, dass keine mehr etwas von ihm wissen wollte. „Magst du ihn nehmen?“, fragte die älteste der drei ihre Schwester. Aber die ließ sich von so einem Platschfuß nicht den schönen Prangtag verderben und meinte daher kurz angebunden: „Lieber lass ich´s Tanzen gleich bleiben, als dass mich der da noch einmal traktiert! Aber vielleicht hat unsere Jüngste noch ein Erbarmen.“ Die aber war die Schlagfertigste von den dreien und schüttelte unwillig ihren blonden Lockenkopf „Soll mich der Teufel holen, bevor mir der noch einmal auf die Zehen steigt!“
Es war aber der Teufel, der sich in dieser Verkleidung unters Volk gemischt hatte, und der ist bekanntlich rachsüchtig und verschlagen. Wütend zog er davon, um den Wildfrauen auf ihrem Heimweg aufzulauern. In sternglänzender Nacht hörte er endlich ihre fröhlichen Stimmen den Weitschenbachgraben heraufsteigen. Die weite Wanderung ins hohe Gebirge hinauf schien die leichtsinnigen Menschen, so maulte grimmig der Satan, nicht zu verdrießen und nicht zu schrecken. Aber er würde ihnen das Fürchten gleich beibringen!
