Verlag: Forever Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Winston Brothers - Penny Reid

Einmal die große Liebe, Reifenwechsel inklusive!

Beau Winston ist wirklich der netteste und charmanteste Typ der Welt. Normalerweise. Denn obwohl er der beliebteste Winston in Green Valley ist, ist sein Leben neuerdings ein Spießrutenlauf. Und das liegt nur an der Frau, die sein Bruder als neue Mechanikerin in der gemeinsamen Autowerkstatt eingestellt hat. Shelly Sullivan ist niemals nett und schon gar nicht charmant. Sie beendet keineUnterhaltung ohne bissige Bemerkung und ist sowieso eher ein Tier- als Menschenfreund. Beau will sie raus seinem Laden, raus aus Tennessee und raus aus seinem Leben haben. Aber bald merkt er, dass sich unter dieser harten Schale ein wunderschöner, todunglücklicher und verführerischer Kern verbirgt. Und einmal hinter die Fassade geblickt, kann Beau nicht mehr wegschauen.

Von Penny Reid sind bei Forever erschienen:
In der Winston-Brothers-Reihe:
Wherever you go
Whatever it takes
Whatever you need
Whatever you want


Meinungen über das E-Book Winston Brothers - Penny Reid

E-Book-Leseprobe Winston Brothers - Penny Reid

Winston Brothers

Die Autorin

Penny Reid ist USA Today Bestseller-Autorin der Winston-Brothers-Serie und der Knitting-in-the-city-Serie. Früher hat sie als Biochemikerin hauptsächlich Anträge für Stipendien geschrieben, heute schreibt sie nur noch Bücher. Sie ist Vollzeitmutter von drei Fasterwachsenen, Ehefrau, Strickfan, Bastelqueen und Wortninja.

Das Buch

Einmal die große Liebe, Reifenwechsel inklusive!

Beau Winston ist wirklich der netteste und charmanteste Typ der Welt. Normalerweise. Denn obwohl er der beliebteste Winston in Green Valley ist, ist sein Leben neuerdings ein Spießrutenlauf. Und das liegt nur an der Frau, die sein Bruder als neue Mechanikerin in der gemeinsamen Autowerkstatt eingestellt hat. Shelly Sullivan ist niemals nett und schon gar nicht charmant. Sie beendet keine Unterhaltung ohne bissige Bemerkung und ist sowieso eher ein Tier- als Menschenfreund. Beau will sie raus seinem Laden, raus aus Tennessee und raus aus seinem Leben haben. Aber bald merkt er, dass sich unter dieser harten Schale ein wunderschöner, todunglücklicher und verführerischer Kern verbirgt. Und einmal hinter die Fassade geblickt, kann Beau nicht mehr wegschauen.

Von Penny Reid sind bei Forever erschienen:In der Winston-Brothers-Reihe:Wherever you goWhatever it takesWhatever you needWhatever you want

Penny Reid

Winston Brothers

Whatever you want

Aus dem Amerikanischen von Sybille Uplegger

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

Deutsche Erstausgabe bei ForeverForever ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinOktober 2018 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018Copyright © Beard in Mind 2017 by Penny ReidTitel der amerikanischen Originalausgabe: Beard in Mind (Penny Reid 2017)Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Autorenfoto: © privatE-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95818-273-8

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Kapitel 1

Widmung

Für meine Familie.

Kapitel 1

Beau

Jeder Mensch wird von Zeit zu Zeit zum Opfer seiner eigenen Erwartungen. Das ist mir bewusst.

Je ausgeprägter das Anspruchsdenken und je größer das Ego, desto leichter ist jemand zu blenden und hinters Licht zu führen. Mein Vater hat mir nicht viel Nennenswertes beigebracht, aber das habe ich immerhin von ihm gelernt. Doch obwohl ich es weiß, bin auch ich nicht immer davor gefeit.

So wie heute, zum Beispiel.

Klar, ich hätte das Missverständnis auch auf meine Müdigkeit schieben können. Ich hatte drei Stunden hinter dem Steuer gesessen und war seit Sonnenaufgang auf den Beinen. In der Nacht zuvor hatte ich kaum geschlafen, auch wenn der Grund meiner Schlaflosigkeit ein durchaus angenehmer gewesen war.

Aber nein, letzten Endes war nicht die Müdigkeit schuld, sondern einzig und allein meine blödsinnigen Erwartungen.

»Du hast was gut bei mir.«

Ich hörte das Klirren von Gläsern am anderen Ende der Leitung. Es verriet mir, dass Hank im Pink Pony war und dort die Spuren der letzten Nacht beseitigte.

»Red keinen Quatsch.« Ich zog die Brauen hoch und rieb mir ein Auge, um die Müdigkeit zu vertreiben. Vielleicht war es keine gute Idee, beim Fahren über die Freisprechanlage zu telefonieren. Andererseits kannte ich diese Straßen gut. Wahrscheinlich hätte ich mich sogar mit verbundenen Augen zurechtgefunden.

»Doch, doch.« Das Gläserklirren verstummte, und Hanks Tonfall nahm eine feierliche Note an. »Du weißt, dass ich das niemandem außer dir hätte anvertrauen können. Also – ich schulde dir was.«

Hank Weller, ein guter Freund seit der Grundschule und Inhaber des örtlichen Stripclubs, achtete darauf, sich für jeden Gefallen, den man ihm tat, möglichst zeitnah zu revanchieren. Und ich hatte ihm gerade einen Gefallen getan. Er hatte in Nashville einen 1956er XK 140 Jaguar mit Originalmotor und -karosserie aufgetan, den er unbedingt haben wollte. Ich hatte ihn für ihn abgeholt und nach Green Valley transportiert.

Für mich war das eine Selbstverständlichkeit gewesen. Hank war, abgesehen von meinem Zwillingsbruder, mein engster Freund. Der Trip nach Nashville hatte mir die Möglichkeit gegeben, eine gewisse Frau zu besuchen, die ich schon länger nicht mehr gesehen hatte, und außerdem vollbrachte ich gerne gute Taten für gute Menschen. Kein Ding.

»Lass mich einfach am Mittwoch die dicksten Fische fangen, dann sind wir quitt«, sagte ich mit einem lautlosen Gähnen.

»Ich mache sogar noch mehr als das. Als Zeichen meiner Dankbarkeit habe ich da was arrangiert. In der Werkstatt wartet eine Kleinigkeit auf dich.«

Bei diesen Worten schrillten umgehend meine inneren Alarmglocken.

»Was für eine Kleinigkeit?«

»Wirst schon sehen.«

Ich hörte das Grinsen in seiner Stimme. Der Mann konnte sich einfach kein Grinsen verkneifen, das hatte er schon als Kind nicht gekonnt, selbst wenn ihm dieses Grinsen einen Heidenärger eingebracht hatte.

»Wird Cletus sich darüber aufregen?«

Cletus war mein älterer Bruder, Mitinhaber des Winston Brothers Auto Shop und der Drittälteste von insgesamt sieben Geschwistern. Ich selbst war Nummer fünf und die Hälfte eines eineiigen Zwillingspaars. Laut Aussagen meiner Mutter war ich wenige Sekunden vor meinem Bruder Duane geboren worden – mit einem Lächeln im Gesicht, wohingegen Duane seine Ankunft auf der Welt mit empörtem Geschrei kundgetan hatte.

Normalerweise hatte ich kein Problem damit, wenn Hank Cletus wütend machte. Normalerweise hatte ich kein Problem damit, wenn irgendwer Cletus wütend machte – solange ich es nicht selbst war. Cletus konnte sehr unterhaltsam sein, wenn er wütend war. Aber an diesem Morgen stand mir nicht der Sinn nach einem wütenden Cletus. Jedenfalls nicht, ehe ich ein Nickerchen gemacht und einen Happen gegessen hatte. Ich konnte mich gar nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt etwas zwischen die Zähne bekommen hatte …

»Nein, eigentlich dürfte es Cletus nicht weiter stören. Jedenfalls nicht direkt.«

Nicht direkt. Wie ist das denn bitte zu verstehen?

Ein Rascheln drang aus der Leitung, als hätte sich Hank das Telefon zwischen Kopf und Schulter geklemmt, wo es nun gegen seinen Bart rieb. »Wenn du sie siehst, wirst du es schon verstehen.«

»Sie?« Fast hätte ich mich verschluckt. »Oh nein, nicht schon wieder.«

»Viel Spaß«, wünschte er mir mit diebischer Freude. Der Mistkerl.

»Was hast du getan?« In meinem Kopf lief augenblicklich das Gedankenkarussell an. Eine leise Hoffnung keimte in mir auf, dicht gefolgt von Unbehagen.

Vielleicht war er ja hinter mein Geheimnis gekommen. Vielleicht hatte er dafür gesorgt, dass Darlene mich hier besuchte. Andererseits: Sie hatte gestern Abend nichts davon erwähnt, und als ich gegangen war, hatte sie tief und fest geschlafen.

Nein. Sie konnte es unmöglich vor mir nach Green Valley geschafft haben.

Außerdem wusste Hank nichts von Darlene. Glaubte ich wenigstens. Ja, ich war mir ziemlich sicher, dass er nichts von ihr wusste. Zu zweiundachtzig Prozent sicher.

Die Sie, von der er gesprochen hatte, musste also jemand anders sein.

»Bye«, war alles, was er noch sagte, ehe er auflegte.

»Scheiße.« Ich schlug mit den flachen Händen auf das Lenkrad und knirschte mit den Zähnen.

Das konnte nur eins bedeuten.

Na ja, letztendlich ist eine Stripperin doch nicht so schlimm. Er hätte auch wieder versuchen können, dir ein Boot zu schenken.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mochte Hanks Angestellte, zumindest die meisten. Aber ich versuchte, dieses Kapitel meines Lebens hinter mir zu lassen. Ich wollte mich Darlene gegenüber würdig erweisen und ihr zeigen, dass ich der Mann war, den sie sich wünschte – ein Mann, mit dem sie sich eine feste Beziehung vorstellen konnte.

Es ging auch nicht darum, dass ich Angst hatte, sie könnte auf Umwegen herausfinden, dass Hank mir eine Stripperin in die Werkstatt geschickt hatte. Es reichte vollkommen aus, dass ich von dieser Stripperin wusste. Ich würde mich verpflichtet fühlen, es ihr zu beichten. Und ich konnte mir weiß Gott angenehmere Unterhaltungen vorstellen.

Noch etwa eine Meile bis zur Werkstatt. Ich war nervös und verunsichert. Darlene gefiel es ohnehin nicht, dass ich mich mit Hank abgab. Oder mit seinen weiblichen Angestellten.

Aber Hank war ein guter Freund. Zugegeben: ein guter Freund, der zum Exzess neigte. Einmal hatte er versucht, mir eine Jacht zu schenken. Ich hatte diesem Wahnsinn gleich ein Ende gesetzt, indem ich mich weigerte, die entsprechenden Papiere zu unterschreiben. Vor zwei Jahren hatte er mir eine Rolex gegeben, die bestimmt mehr gekostet hatte als alle meine irdischen Besitztümer zusammengenommen. Ich hatte das Ding nie getragen. Gold besaß hervorragende elektrische Leitfähigkeiten, das war mir zu heikel.

Sosehr ich mich auch bemühte, ich konnte ihn nicht davon abbringen, mir immer wieder aufs Neue Geschenke zu machen. Das war jetzt mittlerweile das fünfte Mal, dass er mir zum Dank eine Sie vorbeischickte. Vor drei Jahren hatte er mich das erste Mal beglückt. Ich war von einem Trip nach Nashville zurückgekommen, und bei meiner Ankunft auf dem Werkstatthof hatten mich vier Stripperinnen in Bikinis begrüßt, die unter vollem Körpereinsatz Autos wuschen. Damals war ich einundzwanzig Jahre alt und Single gewesen, deshalb hatte mich diese nette Geste nicht weiter gestört.

Aber das war jetzt anders. Mir war so flau, dass mir sogar das Atmen schwerfiel.

Sobald ich den Truck mitsamt Autoanhänger auf dem Werkstatthof abgestellt hatte, hielt ich Ausschau nach Hanks Geschenk. Ich konnte nichts Ungewöhnliches entdecken – außer ein paar neuen Autos, von denen das auffälligste ein 1958er Plymouth Fury war. Ich kannte niemanden hier im Tal oder in Maryville, der ein solches Auto besaß, deshalb nahm ich mir vor, Duane bei nächster Gelegenheit danach zu fragen. Ich stieg aus dem Truck und schloss so leise wie möglich die Fahrertür.

Ich kannte alle Frauen, die im Pink Pony arbeiteten. Früher, vor Darlene, hatte ich vielen von ihnen hin und wieder mit kleineren Arbeiten in Haus oder Wohnung geholfen. Als ich nun meine verspannten Muskeln dehnte und auf die Werkstatt zuging, überlegte ich, wen er mir geschickt haben könnte.

Tina Patterson kam schon mal nicht infrage. Tina war lange Zeit die Quasi-Freundin meines Zwillingsbruders Duane gewesen, ehe er letztes Jahr mit Jessica James zusammengekommen war. Mae, Roxy und Hannah schloss ich ebenfalls aus. Hank wusste, dass ich – in Bezug auf Körperbau und auch Charakter – reifere Frauen bevorzugte.

Ich verlangsamte meine Schritte und spähte um einen Ford herum, der kurz hinter dem Eingang zur Werkstatthalle stand, während ich nervös den Schlüsselring am Zeigefinger drehte. Es war ein klarer, sonniger Spätsommermorgen, und als ich ins Halbdunkel der Halle trat, konnte ich im ersten Moment nichts sehen. Aber ich hörte das Scharren von Schuhen auf Zement, gefolgt von einem kurzen Aufstöhnen.

»Cletus?«, rief ich zaghaft, in der Hoffnung, dass mein Bruder der Verursacher der Geräusche war, auch wenn mein Instinkt mir sagte, dass das Stöhnen nicht von einem Mann gekommen sein konnte.

Ich atmete einmal tief durch, um mich zu sammeln, und überlegte, was die beste Methode wäre, die Stripperin von ihrem Vorhaben abzubringen. Vielleicht würde ich ihr einen Zwanziger anbieten, unter der Bedingung, dass sie sich nicht auszog. Die dadurch gewonnene Zeit konnten wir bei einem Kaffee und Donuts in Daisy’s Nut House verbringen.

Ja, ein Donut wäre jetzt genau das Richtige.

Im nächsten Moment fiel mein Blick auf eine Gestalt im Blaumann, die sich gerade über den Motor von Deveron Stokes’ Chevy beugte. Trotz des weit geschnittenen Overalls war es unmöglich, ihre weibliche Körperform zu übersehen. Als ich näherkam, griff sie nach einem Lappen in ihrer Tasche und wischte sich die Hände daran ab. Dann richtete sie sich auf, drehte sich in aller Ruhe zu mir um und sah mich an.

BÄM.

Mir blieb die Spucke weg.

Zur Salzsäule erstarrt und mit weit aufgerissenen Augen stand ich da, denn heilige Muttergottes, diese Frau war das schönste Wesen, das ich je im Leben gesehen hatte.

Und ich hatte wirklich schon viele schöne Menschen gesehen. Aber diese Frau bewegte sich in völlig anderen Sphären. Ihre Schönheit ließ sich gar nicht in Worte fassen. Umwerfend beschrieb sie nicht einmal ansatzweise. Sie war so umwerfend, dass selbst ihr Anblick in einem verschmierten Blaumann mir die Luft zum Atmen nahm, als hätte ich einen Faustschlag gegen die Rippen bekommen.

Und als sie den Kopf hob und ihr Blick mich traf, war es endgültig um mich geschehen.

Ich tastete nach dem Truck links von mir, um mich an irgendetwas festzuhalten, während ich sie wie vom Donner gerührt anstarrte.

Sie war groß. Sehr groß. Vermutlich über eins achtzig. Ihre Beine wollten gar nicht mehr aufhören. Sie hatte braune Haare mit vereinzelten blonden Strähnen darin, als würde sie viel Zeit draußen in der Sonne verbringen. Sie waren zu einem langen, dicken Zopf geflochten, der ihr über die Schulter nach vorne hing. Ich schluckte. Mein Blick wanderte aufwärts zu ihrem Hals – lang und schlank und sonnengebräunt – und dann weiter in Richtung Kinn. Pralle rosige Lippen. Scharfe Wangenknochen. Große Augen, umrahmt von unglaublich dunklen Wimpern, in einem perfekt geschnittenen ovalen Gesicht.

Es war eine physische Vollkommenheit, die beinahe wehtat, wenn man sie zu lange ansah. Ich war wie geblendet von ihrer Schönheit.

Und dazu noch dieser harte Blick, der ihr eine Aura des Unnahbaren verlieh, als wäre der ganze Rest der Welt nichts weiter als Scheiße unter ihrem Schuh.

Ich war unfähig, mich zu beherrschen. »Großer Gott«, entschlüpfte es mir, ehe ich meine Zunge im Zaum halten konnte. Aber verdammt noch mal.

Verdammt noch mal.

»Hallo«, sagte sie heiser. Die Begrüßung war genauso frostig wie ihr Blick.

Ich ließ die Luft aus meinen Lungen entweichen, versuchte meine Schockstarre abzuschütteln und zwang mich zu einem freundlichen Lächeln, während ich krampfhaft überlegte, was ich zu ihr sagen sollte.

Oh Mann, Hank. Er war wirklich ein toller Freund, aber das … diese Frau hier … wow. Das war einfach zu viel des Guten. Wo hat er die bloß aufgetrieben?

Ich räusperte mich, verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte mich auf meine guten Manieren zu besinnen. »Äh … also … Wo ist denn deine Torte?«

Stille senkte sich über uns. Ihr Blick wurde schneidend, als wollte sie mir damit das Fleisch von den Knochen schälen. Es war ziemlich beunruhigend. Ich war immer noch geblendet.

Verdammt.

»Was?« Das einzelne Wort knallte wie ein Peitschenhieb durch die Werkstatt.

»Deine Torte?« Ich wagte mich einen Schritt weiter vor und lehnte mich mit der Schulter gegen den Ford. Um nicht ihrem forschenden Blick standhalten zu müssen, fuhr ich fort, ihren Körper zu betrachten. Viel konnte ich nicht erkennen, aber das Wenige, was sich unter dem Blaumann abzeichnete, reichte absolut aus.

Ich würde meinen GTO darauf verwetten, dass sie Wahnsinnsbeine hat.

Aber letzten Endes spielte ihre Schönheit keine Rolle. Ja, sie war mir aufgefallen – alles andere wäre auch schlichtweg unmöglich gewesen –, aber mehr nicht.

Ich kam gerade von Darlene in Nashville. Und obwohl sie sich bislang noch nicht dazu geäußert hatte, betrachtete ich uns beide als Paar. Ich wollte eine langfristige Beziehung mit einer klugen, erfolgreichen Frau, und zwei Wahnsinnsbeine am schönsten Geschöpf von ganz Tennessee würden mich nicht von meinem Weg abbringen.

Einige Sekunden verstrichen, ehe ich den Blick erneut auf ihr Gesicht richtete. Sie starrte mich noch immer mit ihren großen Eisaugen an. Mannomann, dieser Blick war wirklich krass. Wenn sie ab jetzt regelmäßig im Pink Pony strippte, würde Hank den Eintritt erhöhen müssen.

Ich musterte sie durch zusammengekniffene Augen. Es war unmöglich zu schätzen, wie alt sie war. Sie wirkte älter als ich. Irgendwie reif. Schön auf eine frauliche Art. Vielleicht lag es an ihrer Körpergröße, denn zugleich hatte sie auch etwas Junges, fast Naives an sich. Ich legte den Kopf schief. Ihr Kiefer war angespannt, und ich kam zu dem Schluss, dass der stahlharte Blick höchstwahrscheinlich nur eine Fassade war, um ihre Unsicherheit zu kaschieren.

Vielleicht strippte sie zum ersten Mal und war nervös. Hoffentlich bedeutete das, dass sie sich leichter davon abbringen lassen würde.

Ich schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. »Keine Torte?«

Ihr Kiefer zuckte. Sie senkte die Lider auf Halbmast, schwieg jedoch hartnäckig.

»Hmm …« Ich kratzte mich am Kinn und wägte meine nächsten Worte sorgfältig ab. Ich beschloss, meinen Charme spielen zu lassen. »Pass auf, meine Liebe, ich bin mir sicher, dass das, was du unter dem Blaumann zu bieten hast, ungeheuer scharf ist. Aber ich habe eine feste Freundin, und die möchte ich nicht vor den Kopf stoßen. Was immer Hank dir bezahlt hat, damit du dich für mich ausziehst, ich bin bereit, es zu verdoppeln, wenn du dafür deine Klamotten anlässt.«

Nach meiner Erfahrung war nichts schlimmer für eine Stripperin als ein uninteressierter Kunde – außer vielleicht ein Kunde, der zu interessiert war. Ich wollte sie nicht kränken und hoffte sehr, dass sie mir mein Angebot nicht übel nehmen würde.

Wie in Zeitlupe machte sie die Augen einmal zu und wieder auf. »Sie sind Beau.«

Ich wartete kurz. Mein Lächeln verrutschte ein wenig, aber ich nickte. »Ja, das ist richtig.« Warte mal – hat sie mich etwa für Duane gehalten?

»Ich hätte es wissen müssen.« Sie verlagerte das Gewicht auf einen Fuß, knickte die Hüfte ab und vergrub die Hände in den hinteren Taschen ihres Blaumanns.

Jetzt war ich vollends verwirrt. Wieso hat Hank eine Stripperin für Duane bestellt? »Du dachtest …«

»Ich dachte zuerst, Sie wären Duane. Aber jetzt ist mir klar, dass das nicht sein kann.«

»Jetzt ist dir klar …?« Mein durch Müdigkeit und Hunger träges Gehirn kam nicht mehr mit.

»Duanes Gesichtszüge sind symmetrisch. Ihr rechtes Auge ist höher als Ihr linkes«, erklärte sie emotionslos und deutete auf mein Gesicht.

»Wie bitte?« Ich stieß mich von dem Ford ab und betastete mit den Fingern meine Augen.

»Und Ihre Nase ist krumm. Sie ist ein bisschen nach links gebogen.«

Was?

Jetzt war mir das Lächeln endgültig vergangen. Ich fasste mir an die Nase. »Meine Nase?«

Sie zuckte die Achseln und warf mir noch einen letzten kühlen Blick zu, ehe sie sich wieder Deveron Stokes‘ Chevy widmete.

Fassungslos starrte ich sie an, während ich wie der letzte Trottel an meiner Nase herumfummelte.

Ihre Nase ist krumm.

Wer sagt so etwas zu jemandem, den er gerade erst kennengelernt hat?

Und als wäre es noch nicht schlimm genug, unhöfliche Bemerkungen über mein Gesicht zu machen, fügte sie halblaut hinzu: »Und ganz offensichtlich sind Sie auch ein Idiot.«

Was.

Für.

Eine.

Blöde.

Kuh.

Ein indignierter Laut drang aus meiner Kehle. Immerhin machte mir die aufsteigende Wut das Atmen wieder etwas leichter.

»Ich bin ganz offensichtlich ein Idiot?«

»Sie klingen wie ein Papagei«, murmelte sie.

Vorbei war meine Sorge, ich könnte diese Frau kränken. Ihre gehässigen Bemerkungen und mein Schlafdefizit ließen keinen Platz mehr für Rücksichtnahme.

Ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf, stemmte die Hände in die Hüften und funkelte sie an. »Wer zum Teufel sind Sie eigentlich?«

Es war ein denkwürdiger Moment. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wann ich zum letzten Mal wütend gewesen war. Und ich konnte mich auch nicht mehr erinnern, wann sich zuletzt eine Frau über mein Aussehen beschwert oder mich als Idioten bezeichnet hatte.

Außer meiner Schwester, aber die zählt nicht.

Ohne mich eines Blickes zu würdigen, antwortete sie: »Shelly.«

»Shelly wer?« Mein Blick ging zu ihren Händen. »Und warum schrauben Sie an Deveron Stokes’ Chevy herum?«

»Ich baue das Getriebe aus, weil es im Eimer ist«, sagte sie mit einer Spur Ungeduld in der Stimme, als würde ich ihr wertvolle Zeit stehlen.

Tief aus meiner Brust kam ein frustriertes Knurren. Ich hatte genug von dieser unhöflichen Frau und ihren Antworten, die keine waren.

»Jetzt hören Sie mal gut zu, Lady. Wenn Sie wissen, dass ich Beau bin, dann wissen Sie ja wohl auch, dass dieser Laden mir gehört. Also noch mal: Wer sind Sie? Und wieso arbeiten Sie an diesem Wagen? Und wer hat Sie überhaupt reingelassen?«

Endlich bequemte sie sich wieder, mich anzusehen. Und genau wie beim ersten Mal war ich einen Moment lang mit Stummheit geschlagen – nur dass diesmal meine Wut recht schnell wieder die Oberhand gewann.

Sie richtete sich auf und kniff ihre Lippen zusammen. Sie waren zu groß, als dass sie sie zu einem Strich hätte pressen können. Sie wurden lediglich ein wenig dünner.

»Ich habe zu tun. Wenn Sie Antworten wollen, reden Sie mit Cletus.« Sie sprach langsam und betont, als hielte sie mich wirklich für einen Idioten.

Cletus. Verdammter Mist.

Wenn er jemanden eingestellt hat, ohne mich vorher zu fragen, dann …

»Das werde ich«, fauchte ich, ehe ich dieser unsäglichen Person den Rücken zukehrte, um meinen Bruder zu suchen und ihm die Meinung zu sagen.

Ausgeschlossen.

Auf. Gar. Keinen. Fall.

Unter keinen Umständen würde diese Frau bei uns in der Werkstatt arbeiten.

Niemals.

Nicht in tausend Jahren.

Kapitel 2

Beau

»Wer zum Geier ist diese Frau, und wieso benutzt sie meinen Steckschlüssel?«, fragte ich laut, als ich durch die Tür zum Werkstattbüro im ersten Stock gestürmt kam. Cletus saß am Schreibtisch und starrte auf den Computerbildschirm. Ohne aufzusehen, antwortete er in einem geduldigen Ton, der mich fast zur Raserei brachte: »Es ist nicht dein Steckschlüssel. Er gehört der Werkstatt.«

Obwohl ich innerlich kochte, senkte ich die Stimme. »Wer ist sie?«

»Sie ist unsere neue Mechanikerin. Hat gestern angefangen.«

Unsere neue … Sie … Was?

»Was?«

Cletus drehte sich mitsamt seinem Stuhl zu mir herum, legte die Hände wie einen Schalltrichter an seinen Mund und brüllte: »Sie ist unsere neue Mechanikerin, und sie hat gestern angefangen!«

»Verdammt noch mal, Cletus, hör auf, so zu schreien. Ich bin ja nicht taub. Ich kapiere nur nicht, wieso wir auf einmal eine neue Mechanikerin haben, ohne dass ich in die Entscheidung mit einbezogen wurde.«

Er musterte mich mit gerunzelter Stirn. »Du warst nicht da.«

»Na und?«

»Beau. Ich kann dich schlecht um deine Meinung fragen, wenn du nicht anwesend bist.«

»So ein Blödsinn!« Wieder packte mich die Wut. »Die Werkstatt gehört mir genauso wie dir.«

»Duane ist bald weg, Beau. Im November gehen er und Jess auf ihre große Abenteuerreise.«

»Das weiß ich.« Und ich brauchte gewiss niemanden, der mir das auch noch unter die Nase rieb. Ich hatte Verständnis für Duanes Entscheidung, auch wenn ich alles andere als glücklich darüber war.

Aber das bedeutete noch lange nicht, dass dieser Albtraum auf zwei Beinen ihn ersetzen würde. Nur über meine Leiche.

»Dann weißt du ja auch, dass wir dringend einen neuen Mechaniker brauchen. Selbst zu dritt können wir die Arbeit kaum bewältigen. Was glaubst du, wie es wäre, wenn wir versuchen würden, den Laden zu zweit am Laufen zu halten? Die Magie der Mathematik verrät mir, dass das unmöglich ist.«

»Du kannst nicht einfach jemanden einstellen, ohne dass ich dabei ein Wörtchen mitzureden habe.«

Cletus schnaubte und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Fangen wir noch mal ganz von vorne an. Guten Morgen, Beau. Du siehst müde aus.«

»Hast du gehört, was ich gesagt habe?«

»Warum siehst du so müde aus? Hast du letzte Nacht etwa nicht geschlafen? Hast du denn wenigstens gegessen?«

Ich knirschte mit den Zähnen und atmete durch die Nase aus.

Mein Bruder zeigte mit dem Finger auf mich. »Hast du eine Frau in Nashville, die dich vom Schlafen abhält und dir nichts zu essen gibt? Oder vielleicht hast du ihr nichts zu essen gegeben?«

Er konnte im Nebel stochern, so lange er wollte, ich würde kein Wort über Darlene sagen, weder zu ihm noch zu sonst jemandem. Nicht, bis unser Beziehungsstatus geklärt war.

Duane hatte seine Jessica James. Und ich hatte jetzt wohl meine Darlene Simmons.

Duane war schon mit fünfzehn oder sechzehn in Jessica verliebt gewesen – vielleicht nicht ganz so lange, ich erinnerte mich nicht mehr genau. Jedenfalls hatte ich seine Haltung damals als sehr kurzsichtig empfunden. Was um alles in der Welt sollte an einem einzigen Mädchen so besonders sein? Sie verfügten doch alle über die gleichen Bauteile, oder nicht?

Aber seit die beiden ein Paar waren, hatte sich meine Einstellung geändert. Das Ergebnis war, dass ich mich bei Darlene zum ersten Mal wirklich bemühte. Ich wollte etwas Ernstes mit ihr, eine feste Beziehung, und ich war überzeugt davon, dass ich, wenn ich nur genug Zeit und Mühe investierte, irgendwann dasselbe für sie empfinden würde wie Duane für Jess. Aber das würde ich Cletus gegenüber ganz sicher nicht zugeben. Das ging diesen hinterhältigen Schuft nichts an.

»Ob ich geschlafen habe oder nicht beziehungsweise wer alles dabei war, steht hier überhaupt nicht zur Debatte.«

»Wer reicht völlig aus – es sei denn, du hast eine Orgie gefeiert. Im Übrigen steht es sehr wohl zur Debatte, weil du nämlich gerade mit Schaum vor dem Mund in mein Büro geplatzt bist. Ich kenne dich schon dein ganzes Leben, und ich habe bisher nur siebenmal erlebt, dass du richtig wütend warst. Und in den meisten Fällen hatte es damit zu tun, dass du müde warst und nicht genug gegessen hattest.«

Cletus langte in eine Aktenschublade auf der linken Seite seines Schreibtischs, holte einen Proteinriegel hervor und hielt ihn mir hin. »Du weißt genau, dass du unleidlich wirst, wenn du Hunger hast.«

Ich funkelte erst ihn an, dann den Riegel, dann wieder ihn. Er hatte recht. Ich hatte wirklich Hunger. In vier großen Schritten war ich bei ihm und riss ihm den Riegel aus der Hand.

»Kann gut sein, dass ich müde und hungrig bin, aber das ist nicht der Grund für meine schlechte Laune. Diese Frau da …« Ich deutete mit dem Proteinriegel in Richtung Tür. »… kann hier nicht arbeiten. Das erlaube ich nicht.«

Der Bart meines Bruders zuckte, als er die Mundwinkel verzog. »Sie ist eine erstklassige Mechanikerin.«

»Und wenn sie die Urgroßnichte von Henry Ford wäre – sie kann nicht bleiben.«

»Meines Wissens ist sie nicht mit Henry Ford verwandt. Shelly ist Quinns Schwester.«

»Wer?« Ich wickelte den Proteinriegel aus, und im selben Moment gab mein Magen ein unüberhörbares Knurren von sich. Ich hätte lieber einen Donut von Daisy gegessen, aber fürs Erste war der Riegel besser als nichts.

»Shelly – die talentierte Mechanikerin, die du unten kennenlernen durftest – ist die Schwester von Quinn. Erinnerst du dich an Janie, Ashleys großgewachsene Freundin aus Chicago? Mit den roten Haaren und dem alarmierend umfassenden Allgemeinwissen?«

Janie war eine Bekannte unserer Schwester Ashley aus deren Strickkreis. Sie war mit Quinn Sullivan, dem Inhaber einer Sicherheitsfirma, verheiratet. Als die Frauen aus Ashleys Strickgruppe letztes Jahr zur Beerdigung unserer Mutter nach Tennessee gekommen waren, hatte Quinn seine Frau begleitet.

Aber das war fast ein Jahr her, außerdem dachte ich nicht gerne an diese Zeit zurück. In etwas mehr als zwei Wochen würde sich der Todestag unserer Mutter zum ersten Mal jähren. Mir graute jetzt schon davor.

Wie dem auch sei. Shelly, die gerade unten mit meinem Steckschlüssel herumhantierte, war also Quinns Schwester. Ich biss erneut von meinem Riegel ab und ließ mir diese Information durch den Kopf gehen. Ich war Quinn nur ein paarmal kurz begegnet, aber nun, da ich über ihre Verwandtschaftsbeziehung Bescheid wusste, war die Ähnlichkeit zwischen ihm und Shelly wirklich unverkennbar.

Quinn war eins fünfundneunzig groß und seine Schwester mindestens eins achtzig. Sie hatten beide dieselbe Augenfarbe – eisblau – und ähnlich markante Gesichtszüge. Quinn hatte eine wachsame, reservierte Art, als trüge er Geheimnisse mit sich herum, und er sah die Menschen an, als würde er auch alle ihre Geheimnisse kennen.

»Na super«, brummte ich, missmutig an meinem Riegel kauend.

»Finde ich auch«, sagte Cletus heiter und nickte dabei, als wäre alles geklärt. »Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest? Ich habe zu tun, und du brauchst dringend eine Mütze Schlaf.«

»Nein, ich entschuldige dich nicht.« Ich baute mich vor dem Computerbildschirm auf, so dass mein Bruder nicht weiterarbeiten konnte. »Nur weil sie mit einem Bekannten von Ashley verwandt ist, heißt das noch lange nicht, dass sie hier machen kann, was sie will.«

Mein Bruder ließ sich gegen die Lehne seines Sitzes fallen, verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich mit strenger Miene an.

»Beau, was ist los mit dir? Warum magst du Miss Shelly Sullivan nicht?«

»Sie ist unfreundlich.« Ich sagte das lauter als beabsichtigt, weil ich immer noch frustriert war.

»Sie ist schweigsam und ein bisschen kühl, das gebe ich zu. Aber mir gefällt ihre ökonomische Ausdrucksweise.«

»Also, bei mir war sie nicht schweigsam. Sie war sehr unhöflich.«

»Was hat sie denn zu dir gesagt?«

»Sie …« Ich knirschte mit den Zähnen, weil ich nicht zugeben wollte, dass sie eine Bemerkung über mein rechtes Auge und meine angeblich krumme Nase gemacht hatte.

Es hat keinen Sinn, um den heißen Brei herumzureden: Ich sehe gut aus und bin mir dessen auch bewusst. Sicher, ich bin nicht so attraktiv wie Shelly Sullivan, aber ich habe ein einnehmendes Lächeln und verstehe es, meinen Charme einzusetzen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Ich habe mich nie für sonderlich eitel gehalten. Ich bin kein Typ, der stundenlang vor dem Spiegel steht. Für gewöhnlich investiere ich nicht mehr als fünf Minuten pro Tag in mein Aussehen – die Zeit, die es dauert, mir die Zähne zu putzen, meinen Bart zu trimmen und mir etwas zum Anziehen herauszusuchen, wobei Letzteres nicht weiter schwer ist, da ich fünf Tage die Woche in der Werkstatt arbeite und einen Blaumann trage.

Diese Frau kannte mich überhaupt nicht, und trotzdem nahm sie sich das Recht heraus, mich auf meine Makel hinzuweisen.

Total unhöflich.

Wie es ihr wohl schmecken würde, wenn ich dasselbe bei ihr machte?

Nur dass … Ich schluckte. Diese Frau hatte keine Makel. Na ja, jedenfalls keine äußerlichen.

»Was hat sie zu dir gesagt?«, wiederholte Cletus in einem leidgeprüften Ton, der mir signalisieren sollte, wie sehr ich seine Geduld strapazierte.

»Sie hat mich als Idioten bezeichnet.«

Cletus stutzte. »Das hat sie gesagt?«

»Ja. Hat sie.«

Daraufhin sah er mich zunächst eindringlich an. »Und was hast du gemacht, bevor sie dich als Idioten bezeichnet hat?«

Ich rieb mir den Nacken, wich den Blicken meines Bruders aus und schluckte erneut, in der Hoffnung, irgendwie um eine Antwort herumzukommen.

»Beauford Fitzgerald Winston«, sagte er mit tiefer Stimme. »Was hast du zu der Dame gesagt?«

Ich stieß einen Seufzer aus, wandte mich ab und ging zur Tür. »Es war ein Missverständnis.«

»Lauter, bitte. Ich bin nicht Duane. Ich verstehe dich nicht, wenn du nuschelst, und ich kann auch nicht deine Gedanken lesen.«

»Es war ein Missverständnis. Du weißt doch, dass ich für Hank das Auto abgeholt habe? Den Jaguar? Also, Hank meinte, er hätte ein Geschenk für mich in der Werkstatt, eine … Sie.«

»Allmächtiger.« Aus dem Augenwinkel registrierte ich, wie Cletus die Hände rang und sich dann aus seinem Sessel erhob. »Du dachtest, er hätte eine seiner Mitarbeiterinnen geschickt, um dich mit einem Striptease zu überraschen? Tja, damit lagst du wohl falsch.« Mein Bruder nahm einen langen Gegenstand, der in einer Ecke des Büros lehnte, und präsentierte ihn mir. »Er hat dir eine Angel gekauft. Eine sehr schöne Angel – eins von diesen dreitausend Dollar teuren Dingern aus Bambus. Damit wirst du am Mittwoch sicher ein paar schöne Fische aus dem Wasser ziehen – vorausgesetzt, du hast bis dahin rausgefunden, wie man sie bedient. Allerdings kann sie dir nicht dabei helfen, dich – noch heute – bei unserer neuen Mechanikerin zu entschuldigen, weil du sie fälschlicherweise für eine Stripperin gehalten hast.« Er machte eine kurze Pause. »Und du wirst dich bei ihr entschuldigen. Wehe dir, wenn du es nicht tust.«

»Und? Hast du dich entschuldigt?«

Ich musste mich zügeln, um meinen guten Freund nicht anzupflaumen. Stattdessen nippte ich an meinem Bier, ehe ich antwortete. »Ich hab’s versucht.«

Hank schielte grinsend zu Duane. Der grinste ebenfalls. Na ja, was bei Duane eben so als Grinsen durchging. Eigentlich war es nur ein kaum wahrnehmbares Zucken der Lippen.

Sie amüsierten sich auf meine Kosten. Normalerweise wäre das nicht so schlimm gewesen, und ehrlich gesagt hatte ich auch nichts anderes erwartet. Aber sie hätten mich wenigstens in meiner Auffassung bestätigen können, dass diese Frau eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellte.

Fehlanzeige.

»Er hat wirklich versucht, sich zu entschuldigen. Ich war dabei.« Duanes Grinsen wurde breiter. »Sie hat ihn komplett ignoriert. Hat so getan, als hätte er gar nichts gesagt.«

Die Erinnerung daran ließ meinen Zorn erneut aufflammen. Das Bier schmeckte plötzlich schal. »Ich habe von vornherein nicht verstanden, weshalb ich mich bei ihr entschuldigen soll. Was ist so schlimm daran, eine Stripperin zu sein?«

»Zunächst mal sollten wir festhalten, wie ungewöhnlich die ganze Situation ist.« Hank, der neben mir auf der Bank saß, machte eine Handbewegung in meine Richtung.

Wir saßen in Genie’s Country Western Bar. Es war der Mittwoch nach meiner ersten Begegnung mit Miss Shelly Sullivan. Genie’s war der ideale Ort im Tal, wenn man Bier trinken, ein bisschen tanzen und keinen Ärger haben wollte.

Die Rockergangs machten normalerweise einen Bogen um Genie’s. Sie hatten ihre eigenen Kneipen. Genie’s war gewissermaßen die Schweiz von Green Valley und Umgebung: neutrales Territorium. Wenn doch mal Biker auftauchten, waren es immer nur einzelne, keine ganze Horde, die darauf aus war, eine Schlägerei anzufangen.

»Bin absolut deiner Meinung.« Duane reckte den Hals und spähte in Richtung Eingang. »Aber an Shelly Sullivan ist eben nichts gewöhnlich.«

Ich wusste, dass Duane ständig zur Tür schaute, weil er auf Jess wartete. Sie hatte sich nicht verspätet, aber mein Zwillingsbruder saß immer wie auf heißen Kohlen, wenn er mit ihr verabredet war.

Ich lächelte, auch wenn es ein frustriertes Lächeln war. »Wovon redet ihr?«

»Also. Beginnen wir mit der Tatsache, dass diese Frau nicht sofort deiner charmanten Masche erlegen ist.«

Ich schnaubte und sah Hank kopfschüttelnd an. Er beklagte sich ständig über mich und Jethro. Mit uns könne man nicht ausgehen, behauptete er, und daran sei besagte »charmante Masche« schuld.

Ehe ich etwas entgegnen konnte, sagte Duane: »Nein, du verstehst das falsch. Beaus Charme ist keine Masche. Das ist einfach sein Naturell. Und den Frauen kann man auch keinen Vorwurf machen. Im Mutterleib hat er nicht nur seinen, sondern auch meinen Anteil an guter Laune abgekriegt.«

»Ist doch praktisch für dich.« Ich warf meinem Bruder einen vielsagenden Blick zu. Ich wusste, dass er meine Gedanken erraten hatte, denn auf einmal wirkte er schuldbewusst.

Er hatte recht und zugleich unrecht: Es mochte sein, dass ich meistens gute Laune versprühte, aber das lag nur daran, dass einer von uns Zwillingen ja die Fahne hochhalten musste. Wir konnten nicht beide als chronische Grübler und Miesepeter durchs Leben gehen. Nettigkeit ist wie alles andere, das man über einen langen Zeitraum hinweg regelmäßig praktiziert: Sie wird irgendwann zur festen Angewohnheit.

Hank, der von unserer wortlosen Kommunikation nichts mitbekommen hatte, deutete mit dem Kinn in Duanes Richtung. »Und was hast du im Mutterleib abgekriegt?«

»Die Gemeinheit, den Egoismus und den Leichtsinn, würde ich mal sagen«, gab er unbekümmert zurück, ehe er ohne eine Spur Boshaftigkeit oder Bitternis hinzufügte: »Was auch der Grund ist, weshalb ich Hank in seiner Einschätzung zustimme, dass es sich hierbei um eine noch nie dagewesene Situation handelt. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der mich lieber mag als dich – zumindest nicht gleich nach der ersten Begegnung, und schon gar nicht, wenn es sich um eine Frau handelt. Und ich habe noch nie erlebt, dass du so nachtragend bist.« Er zuckte mit den Schultern, ehe sein Blick erneut zur Tür wanderte.

Mit seiner ersten Beobachtung lag er richtig: Die meisten Frauen mochten mich tatsächlich lieber als ihn. Vermutlich lag das daran, dass es schwer ist, jemanden zu mögen, der nie den Mund aufmacht, genauso wie es relativ leicht ist, jemanden zu mögen, der immer lächelt.

»Ja, das ist der andere Teil des Mysteriums. Diese Frau hat dich richtig wütend gemacht.« Hank spähte in Richtung Bar, vermutlich wollte er noch eine Runde bestellen. »Ich habe noch nie gesehen, dass du so lange sauer auf jemanden bist. Es ist jetzt zwei Tage her, und du schleppst es immer noch mit dir herum. Du hast mit keiner Wimper gezuckt, als Mrs Townsen auf dem Kirchenparkplatz mit dem alten Oldsmobile ihrer Tochter in deinen GTO reingefahren ist.«

»Das war ein Unfall.«

Ich winkte ab. Mrs Townsen hatte eigentlich nichts hinter dem Steuer eines Wagens zu suchen. Seit sie vor einigen Jahren bei einem schweren Verkehrsunfall ihren Cadillac zu Schrott gefahren hatte, war sie nicht mehr fahrtüchtig. Aber sie hatte sich nichts Böses dabei gedacht.

»Dass eine senile alte Frau deinem ganzen Stolz eine Delle verpasst, kratzt dich nicht, aber es ist ein Schwerverbrechen, deine schiefe Nase zu erwähnen? Gut zu wissen. Hey, Patty!« Hank reichte die leeren Flaschen an unsere Kellnerin, Genies Tochter Patty, weiter und nahm den Nachschub mit einem auffordernden Lächeln entgegen.

Patty ignorierte seinen Flirtversuch.

Stattdessen zwinkerte sie mir zu. »Hey, Beau. Ich soll dir von meiner Momma ausrichten, dass die Runde hier aufs Haus geht.«

»Was? Wieso denn das?«, fragte Duane hörbar irritiert. Ich musste mir das Lachen verkneifen. Nur mein Zwillingsbruder konnte es krumm nehmen, wenn ihm jemand etwas zu trinken spendieren wollte.

»Weil dein Bruder ein Engel ist – darum«, antwortete Patty, ohne den Blick von mir abzuwenden.

»Er ist kein Engel«, grummelte Hank, nahm die Freigetränke jedoch widerspruchslos entgegen.

»Danke noch mal für deine Hilfe, Beau.« Patty klemmte sich das Tablett unters Kinn und drückte es an ihre Brust.

»Keine Ursache.« Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. »Jederzeit gerne wieder.«

»Kann sein, dass ich darauf zurückkomme.« Ihre Stimme rutschte eine halbe Oktave in die Tiefe, und ihr Lächeln wurde verführerisch. Sie zog noch bedeutungsvoll eine Augenbraue hoch, dann drehte sie sich um und ging.

Kaum war sie außer Hörweite, versetzte Hank mir unter dem Tisch einen Fußtritt. »Patty? Ist das dein Ernst?«

Ich trank mein Bier und weidete mich eine Weile schweigend an seinem Leid.

Erstens war mir bekannt, dass er seit gut einem Jahr für Patty schwärmte. Zweitens wusste ich, dass Patty – jedenfalls Darlenes Aussagen zufolge – sich niemals auf Hank einlassen würde, solange er einen Stripclub betrieb. Und drittens und letztens wusste ich, dass Pattys Gefühle für mich rein platonischer Natur waren. Sie war eng mit Darlene befreundet und wusste von unserer Beziehung, auch wenn Darlene und ich noch nichts offiziell gemacht hatten.

»Ich schaffe es kaum, ihr zwei Wörter am Stück zu entlocken, und dir macht sie solche Angebote – die dich auch noch völlig kaltlassen«, klagte er tonlos. »Was hast du überhaupt für sie getan? Ihre Katze gerettet?«

»Nein, das war Jess«, brummte Duane.

Darüber musste ich lachen. »Sie war damals acht Jahre alt, Duane. Acht. Ich bin einfach nur auf einen Baum gestiegen und habe ihre Katze runtergeholt.« Außerdem gehört sie doch jetzt zu dir, was beschwerst du dich also?

»Stimmt ja!« Hank schnippte mit den Fingern, dann zeigte er auf Duane. »Das hatte ich völlig vergessen. War sie nicht in Beau verknallt, ehe ihr beide miteinander ins Bett gestiegen seid?«

»Wir sind nicht miteinander ins Bett gestiegen, Hank«, fauchte Duane ihn an.

Hank hob beschwichtigend die Hand. »Schon gut, wie auch immer. Bevor ihr einander ewige Treue geschworen habt. Besser?«

Duane knurrte etwas, das ich nicht verstand, dann zuckte er die Achseln. »Ja. Na und? Das ist Ewigkeiten her.« Er sah mich finster an.

»Ach, jetzt mach dich doch mal locker, Duane. Was hätte ich denn tun sollen? Die Katze da oben sitzen lassen? Du mochtest Jess damals gar nicht. Du hast sie immer wegen ihrer Sommersprossen aufgezogen, weißt du nicht mehr?«

»Ich ziehe sie immer noch wegen ihrer Sommersprossen auf.«

»Nein, tust du nicht. Du nennst sie deine Prinzessin«, sagte ich. Ich ließ keine Gelegenheit aus, meinem Bruder unter die Nase zu reiben, dass eine Frau ihn domestiziert hatte – in erster Linie, weil ich neidisch auf ihn war.

Hank deutete mit seiner Bierflasche auf mich. »Also, nur damit ich es richtig verstehe. Du hast Jessicas Katze gerettet, als sie acht war, und seitdem war sie in dich verknallt?« Bevor ich entscheiden konnte, wie ich darauf reagieren wollte, wandte er sich an Duane. »Und du hast kein Problem damit?«

»Hank, ich verrate dir jetzt mal was.« Duanes Stimme hatte einen belehrenden Ton angenommen. Es war zum Totlachen, weil er wie unser Bruder Cletus klang.

»Falls du auch mal vorhast, irgendeiner Frau im Umkreis von sechzig Meilen ewige Treue zu schwören, kannst du fest davon ausgehen, dass sie zu einem gewissen Zeitpunkt ihres Lebens auf meinen Bruder gestanden hat.« Duane stieß mit Hank an. »Willkommen im Club.«

»Ich bin Gründungsmitglied dieses Clubs, Duane«, sagte Hank leicht angesäuert.

»Welcher Club wäre das?« Ich stieß ebenfalls mit den beiden an, einfach nur, um sie zu ärgern.

»Der Beau-kriegt-alle-Frauen-Club. Und wo wir gerade dabei sind: Du hast immer noch nicht gesagt, was du getan hast, damit Patty dir Drinks ausgibt.« Hank maß mich mit einem bohrenden Blick.

»Gar nichts. Jedenfalls nicht direkt. Genie wollte zwei alte Kühlschränke loswerden, fand aber niemanden, der sie abholt. Also habe ich sie ihr letzte Woche abgenommen. Es war nicht der Rede wert.«

Was ich nicht extra erwähnte, weil es keiner Erwähnung bedurfte, war, dass Patty so nett und lieb und hübsch sein konnte, wie sie wollte – ab dem Moment, in dem Hank sein Interesse an ihr bekundet hatte, war sie für mich tabu. Genau wie Jess für mich tabu gewesen war, sobald ich erfahren hatte, was Duane für sie empfand.

Wir hatten zwar nie darüber gesprochen, aber ich erwartete dasselbe von ihnen in Bezug auf Darlene – wenn sie erst einmal über uns Bescheid wussten. Und das galt natürlich auch für andere Frauen, sollte aus mir und Darlene wider Erwarten nichts werden.

Falls es überhaupt noch eine andere geben wird … Ich runzelte die Stirn, weil mich dieser Gedanke irgendwie beunruhigte. Natürlich wird es eine andere geben, falls das mit Darlene nicht klappt. Andere Mütter haben auch schöne Töchter.

»Und was hast du mit den Kühlschränken gemacht? Wie bist du sie wieder losgeworden?«

»Ah, ich weiß«, antwortete Duane, als wäre ihm soeben etwas aufgegangen. »Das waren die Kühlschränke, die du heute Morgen Reverend Seymour vorbeigebracht hast, stimmt’s? Du hast sie in der Werkstatt repariert.«

Ich nickte, erstaunt, dass er etwas davon mitbekommen hatte. Er war so sehr mit Jess und den Vorbereitungen für ihre gemeinsame Weltreise beschäftigt, dass ich ihn die ganze Woche kaum zu Gesicht bekommen hatte.

Als ich an meinem Bruder vorbei in Richtung Tanzfläche spähte, streifte mein Blick einen roten Haarschopf, und mein Herz schlug höher. Doch schon im nächsten Moment wurde mir klar, dass es nicht Darlene sein konnte. Ich hob meine Flasche an die Lippen und spülte meine Enttäuschung mit einem Schluck Bier hinunter.

Wie meistens an lauen Sommerabenden war die Kneipe voll mit Einheimischen. Duane und ich waren nach der Arbeit zusammen hergefahren. Cletus und Shelly hatten heute die Spätschicht und würden die Werkstatt zumachen.

Ursprünglich hatte ich gehofft, dass Darlene dieses Wochenende Zeit haben würde, um nach Green Valley zu kommen und mich zu besuchen, aber dann hatte sie mir eine SMS geschickt, in der sie mir mitteilte, dass sie zu viel zu tun habe. Sie war zwei Jahre älter als ich, studierte Medizin und musste unglaublich viel lernen.

Ich hatte vollstes Verständnis dafür. Trotzdem konnte ich meine Enttäuschung über die Absage nicht verhehlen.

Dass Shelly sich geweigert hatte, auf mein Friedensangebot einzugehen, hatte auch nicht gerade zur Verbesserung meiner Laune beigetragen. Zu sagen, dass ich mich mittlerweile an sie gewöhnt hatte, wäre übertrieben gewesen. Es war eher so, dass ich sie langsam – sehr langsam – zu tolerieren lernte. In den letzten zwei Tagen hatte sie insgesamt nicht mehr als drei Worte mit mir gewechselt. Immerhin: Dass sie mir die kalte Schulter zeigte, bedeutete, dass ich keine weiteren Bemerkungen über mein groteskes Erscheinungsbild oder meine niedrige Intelligenz von ihr zu hören bekam.

Mein Blick ruhte immer noch auf der Frau mit den roten Haaren. Sie war größer als Darlene, und ihre Locken waren kupferrot, nicht erdbeerblond. Sie schien zu spüren, dass sie beobachtet wurde, denn auf einmal drehte sie sich um. Als ich sah, dass es sich um Christine St. Claire handelte – die Old Lady von Razor Dennings, dem Präsidenten des Iron Wraiths Motorcycle Clubs –, wandte ich sofort den Blick ab. Ich wollte mir keinen Ärger einhandeln.

»Du weißt, dass man das von der Steuer absetzen kann, oder? Spenden an die Kirche? Ich hoffe, du hast dir eine Quittung geben lassen.« Was Steuervorteile anging, wusste Hank bestens Bescheid. Er hatte sogar sein Boot als Betriebsausgabe deklariert, weil er manchmal mit Kunden auf den Bandit Lake rausfuhr.

»Ja, habe ich. Und ich habe sie Genie gegeben, als wir vorhin gekommen sind«, sagte ich, an Hank gewandt, während sich ein kleines unangenehmes Kribbeln in meinem Nacken ausbreitete.

Ich spürte, dass Christine St. Claire mich fixierte, und machte mich auf das Schlimmste gefasst. Die Frau war gefährlich und unberechenbar. Wenigstens hatte mein Vater das früher immer behauptet – und er musste es wissen, denn er war genauso.

Meine Mutter und mein Vater waren nur selten einer Meinung gewesen, aber ich wusste, dass auch Momma Christine nie hatte ausstehen können. Bei den Familientreffen oder Picknicks der Iron Wraiths hatte sie Duane und mich nie aus den Augen gelassen und alles getan, um Christine und Razor aus dem Weg zu gehen.

»Egal, was sie zu dir sagt, geh niemals mit ihr mit, hörst du? Und pass immer gut auf Duane auf«, hatte sie mir oft eingeschärft. »Du bist der Ältere, du trägst die Verantwortung für ihn. Hab ein Auge auf ihn. Achte darauf, dass er dieser Frau nicht zu nahe kommt.«

»Du hast Genie die Spendenquittung für die Steuer gegeben?« Hank hatte gerade seine Bierflasche an den Mund setzen wollen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne, als verstünde er die Welt nicht mehr.

»Sicher. Es waren ja auch ihre Kühlschränke.« Ich rieb mir den Nacken.

»Aber du hast sie repariert.« Hank stellte seine Flasche zurück auf den Tisch. »Du hast dir die Mühe gemacht, sie abzuholen, sie wieder flottzumachen und sie danach zur Kirche zu transportieren. Und dann gibst du ihr die Spendenquittung?«

»Genau so ist es.« Ich ignorierte Hanks verständnislosen Blick und suchte nach einem anderen Gesprächsthema. »Fahren wir nächsten Mittwoch eigentlich wieder zum Angeln raus? Cletus würde diesmal auch gerne mitkommen.«

»Wir fahren jeden Mittwoch zum Angeln raus. Der einzige Grund, weshalb wir diesen Mittwoch nicht rausgefahren sind, war, dass ich einen Termin in der Stadt hatte. Und hör auf, mir auszuweichen.« Hank schüttelte den Kopf. Seine Stimme und seine Miene verrieten, dass er das Thema höchst amüsant fand. »Du hast soeben bewiesen, dass ich recht habe.«

»Womit denn? Wovon reden wir hier eigentlich?« Ich seufzte erschöpft, schielte zur Seite und stellte erleichtert fest, dass Christine und ihr Gefolge im Begriff waren, die Bar zu verlassen.

»Es wundert mich nicht, dass du Genie einen Gefallen getan hast. Aber umso erstaunlicher ist es, dass du immer noch sauer auf diese Mechanikerin bist. Wieso?«

»Weil sie so irre hübsch ist.« Duane kratzte sich am Kinn und sah mich nachdenklich an.

Ich öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen – nicht weil ich Shelly nicht hübsch fand, sondern weil das nicht der Grund für meinen Ärger war –, aber Hank kam mir zuvor. »Was heißt das, irre hübsch? Wie hübsch ist sie denn?«

»Sieht aus wie ein Supermodel.«

»Oh Mann, dann muss ich mir das Mädel unbedingt mal angucken.«

»Und was ist mit Patty?« Ich sah Hank vielsagend an.

»Man wird sich ja wohl noch umschauen dürfen, Beauford.« Er schmunzelte hinter seinem Bier.

»Sie ist kein Mädel.« Duane trank einen tiefen Zug, dann setzte er hinzu: »Sie ist älter als wir. Mindestens dreißig, glaube ich.«

»Juckt mich nicht, und Beau ganz sicher auch nicht.« Hank deutete mit dem Kinn auf mich. »Ich weiß, dass er auf ältere Frauen steht.«

»Du kannst sie gerne haben.« Ich winkte ab. »Viel Glück.«

Duanes Blick wurde glasig, als wälzte er einige sehr tiefsinnige Gedanken in seinem Kopf. »Sie ist fast schon zu hübsch, wisst ihr, was ich meine?«

»Zu hübsch?« Hank schüttelte den Kopf, und sein Blick ging von mir zu Duane. »Gibt’s nicht.«

»Doch, gibt es«, entgegnete ich tonlos. »Das ist wie bei jemandem, der ein ganz besonderes Talent hat, zum Beispiel wahnsinnig gut Fußball spielt oder unglaublich intelligent ist. Bei diesem Menschen dreht sich dann alles nur noch darum, er hat nichts anderes zu bieten. Dasselbe gilt für Leute, die zu schön sind. Das ist dann alles, was sie ausmacht: ihre Schönheit.«

»Sie kann aber auch ziemlich gut Autos reparieren«, warf Duane ein, ehe er einen Schluck von seinem Bier trank.

»Dann ist sie also sehr eitel?«, fragte Hank, an mich gewandt.

Duane kam mir zuvor. »Nein, gar nicht«, sagte er – und schien ob dieser Erkenntnis selbst ein wenig überrascht. »Meines Wissens nicht. Sie ist nach der Arbeit genauso dreckig und verschwitzt wie wir und scheint kein Problem damit zu haben. Sie ist einfach nur … zu hübsch. So hübsch, dass man manchmal kaum hinsehen kann.«

Ich wusste genau, was Duane meinte. Es war wirklich schwer, sie länger anzusehen. Man wurde fast erschlagen von ihrer Schönheit. Obwohl ich die Frau nicht leiden konnte, setzte bei ihrem Anblick jedes Mal mein Verstand aus.

Hank machte weiterhin ein verwirrtes Gesicht. »Und wie ist sie sonst so? Nett?«

Duane zuckte mit den Schultern. »Nicht besonders. Eher spröde, kurz angebunden. Cletus bezeichnet sie als effizient.«

»Duane und Cletus müssen es ja wissen.« Ich deutete mit meinem Bier auf meinen Bruder. »Mit ihnen redet sie. Mit mir wechselt sie immer noch kein Wort.«

»Und dass diese zu hübsche Frau ausgerechnet dir die kalte Schulter zeigt, das geht dir so richtig gegen den Strich, was?« Hank sah so aus, als müsste er sich mühsam ein Lächeln verkneifen.

»Wie gesagt, es geht mir nicht um ihr Aussehen. Und von mir aus kann sie mir gerne weiterhin die kalte Schulter zeigen, das ist mir egal. Aber du würdest dich auch ärgern, wenn ein Wildfremder dir sagt, dass du ein schiefes Gesicht hast.«

»Sie hat nicht gesagt, dass du ein schiefes Gesicht hast, du Blödmann.« Duane rollte mit den Augen.

Ich zeigte auf meinen Bruder. »Sie hat behauptet, dein Gesicht sei symmetrisch und meins sei schief und daran könne sie uns auseinanderhalten. Und weil ich ein Idiot bin.«

Hank lachte bellend.

Ich sah meinen Freund vorwurfsvoll an. »Und ich soll mich entschuldigen?«

»Ich finde nicht, dass du dich entschuldigen musst, weil du sie fälschlicherweise für eine Stripperin gehalten hast. Ich finde, du musst dich bei ihr entschuldigen, weil du ihr gesagt hast, sie soll sich ausziehen. Das ist ein entscheidender Unterschied.« Duane nickte über seine weisen Worte.

»Wenn man es genau nimmt, habe ich ihr gar nicht gesagt, dass sie sich ausziehen soll. Im Gegenteil: Ich wollte ihr nahelegen, ihre Klamotten anzulassen.«

Hank rieb sich das Kinn. »Du hättest überhaupt nichts über ihre Klamotten sagen dürfen. Immerhin wirst du bis auf Weiteres mit ihr zusammenarbeiten. So ein Verhalten ist einfach unprofessionell.«

»Unprofessionell?« Ich konnte nicht glauben, was mein Freund da sagte – ausgerechnet er.

»Schau mich nicht so an. Ich arbeite in einem Stripclub; du arbeitest in einer Autowerkstatt. Ich muss notgedrungen mit meinen Angestellten über ihre Klamotten reden – Kostüme und so weiter …« Hank maß mich mit einem scharfen Blick, als er seine Flasche an die Lippen hob. Bevor er trank, fügte er noch hinzu: »Du solltest mit dieser Frau nicht mal über Ausziehtische sprechen.«

Kapitel 3

Beau

»Hey, ich bin’s. Beau.« Ich ließ den Blick über den Parkplatz hinter der Werkstatt schweifen, rieb mir den Nacken und überlegte, was ich sonst noch sagen sollte. Schließlich entschied ich mich für: »Wenn du das abhörst, ruf mich doch zurück … Bye.«

Ich ließ das Handy sinken und betrachtete noch eine Weile unschlüssig den Bildschirm. Abgesehen von der SMS gestern, in der sie mir mitgeteilt hatte, dass sie es dieses Wochenende wider Erwarten nicht nach Hause schaffen würde, hatte ich nichts weiter von Darlene gehört.

Ich war kein Freund von Unsicherheit. Ich mochte auch keine Überraschungen, weder schlechte noch gute. Und jetzt musste ich feststellen, dass eine feste Beziehung – ja, selbst eine potenzielle feste Beziehung – jede Menge Unsicherheit barg.

Ein seltsames, hartnäckiges Ziehen in meiner Lunge veranlasste mich dazu, tief Luft zu holen, während ich das Handy in meine hintere Hosentasche steckte. Ohne auf meine Umgebung zu achten, ging ich zurück in die Werkstatt, um mich wieder Mrs McClures Honda Accord zu widmen. Sie hatte ihn wie immer pünktlich zur Inspektion vorbeigebracht, und ich war gerade dabei gewesen, den Zahnriemen auszuwechseln.

Sobald das erledigt war, würde ich mir die Klimaanlage von Naomi Winters’ Corolla vornehmen, dann Mae Evans’ verbogenes Schwungrad, danach Joseph Fletchers Lüftung … und so weiter und so weiter.

Und irgendwann, wenn die Arbeit getan war, würde ich hoffentlich noch Zeit haben, um mich mit dem 1958er Plymouth Fury zu beschäftigen, den ich bei meiner Rückkehr aus Nashville auf dem Parkplatz hatte stehen sehen. Duane hatte mir erzählt, dass jemand aus Knoxville vorbeigekommen sei und ihn der Werkstatt verkauft habe, weil er dringend Bargeld brauchte.

Der Wagen war ein Klassiker, in dem ausschließlich Original-Ersatzteile verbaut waren – eine echte Schönheit. Ich konnte es gar nicht erwarten, sie mir endlich vorzunehmen. Solche Autos waren extrem selten und unter Sammlern heiß begehrt, vor allem wenn es sich um sechzig Jahre alte Plymouths handelte, die nicht mal sechzigtausend Meilen auf dem Tacho hatten. Ich hatte bereits einige Ideen, wie ich ihn wieder flottmachen konnte, ohne neue Ersatzteile zu verwenden.

Weil ich so in Gedanken versunken war, hörte ich die Stimmen erst, als eine von ihnen laut wurde. Ich richtete mich auf, spähte an der geöffneten Motorhaube des Hondas vorbei und sah mich suchend im vorderen Bereich der Werkstatt um. Als Erstes entdeckte ich Shelly, die kerzengerade, mit vor der Brust verschränkten Armen und herausfordernd vorgerecktem Kinn, am Eingang stand. Vor ihr stand Drill, ein altgedientes Mitglied der Iron Wraiths, und brüllte so laut, dass sein Gesicht rot anlief.

»… glaubst du eigentlich, wer du bist, du durchgeknallte Schlampe? Hast du ‘ne Ahnung, mit wem du hier redest?«

Bei meiner ersten Begegnung mit Shelly Sullivan waren mir am Montag ganz ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen. Aber da war ich übermüdet und hungrig gewesen – meine Schuld. Sie war meine Arbeitskollegin, meine Angestellte. Und mehr noch: Sie war ein Mensch.

Außerdem war es eine Sache, jemanden aufgrund von Schlaf- und Nahrungsmangel in Gedanken zu beleidigen. Ihn an seinem Arbeitsplatz lauthals zu beschimpfen war absolut indiskutabel.

Während ich mit raschen Schritten Kurs auf die beiden nahm, hörte ich Shelly sagen: »Ich muss nicht wissen, wer Sie sind, um zu erkennen, dass Sie eine Verschwendung von Biomaterial darstellen. Sie haben eindeutig mehr Haare als Hirnzellen.«

»Was? Haare?«

»Sie wissen schon – weil Sie eine Glatze haben«, erklärte sie aufreizend langsam und überdeutlich, als wäre Drill dümmer als eine Tüte Mücken.

Ich musste mir das Lachen verkneifen. Es war zugegebenermaßen eine sehr lustige Beleidigung gewesen. Die Frau war ebenso wortgewandt wie eiskalt. Aber das bedeutete nicht, dass sie sich von Drill belästigen lassen musste.

»Moment mal«, schaltete ich mich ein, trat zwischen die beiden und versuchte sie auseinanderzuschieben. Drill machte drei Schritte zurück. An seiner Stirn pochte eine Ader.

Shelly allerdings bewegte sich keinen Zentimeter von der Stelle. Ich spürte sie dicht hinter mir, wo sie hartnäckig ihre Position behauptete.

Drill war ein Bulle von einem Kerl und als solcher nicht unbedingt jemand, mit dem ich mich anlegen wollte. Aber ich wusste auch, dass er – normalerweise – ein einsichtiger Mensch war. Insofern hatte ich die begründete Hoffnung, dass es mir gelingen würde, die Situation zu entschärfen.

»Hey, Drill.« Ich bot ihm die Hand zum Gruß und stellte mich so vor Shelly hin, dass ich ihm den Blick auf sie versperrte.

Der Hüne blinzelte, als brauchte er einen Moment, um seine Wut in den Griff zu bekommen und sich auf mich einzustellen. Immerhin schüttelte er meine Hand.

»Beau«, knirschte er.

Ich ließ ihn los und stemmte beide Hände in die Hüften. »Was kann ich für dich tun, Drill?«

Er schielte an mir vorbei, und seine Miene umwölkte sich. »Erstens möchte ich mal wissen, wieso ihr diese verfickte Schl-«

»Moment, Moment, Moment.« Ich hob abwehrend die Hände und schüttelte den Kopf. Shelly stand immer noch unmittelbar hinter mir. Als sie tief ein- und ausatmete, spürte ich den Luftzug im Nacken, und ihre Brust streifte meinen Rücken. »Immer langsam. Ich weiß ja nicht, was die Lady hier …«

»Lady?«, schnaubte Drill und knurrte durch zusammengebissene Zähne: »Das ist keine Lady.«

»Okay, okay. Ich glaube, an der Stelle redest du lieber nicht weiter.« Ich schenkte Drill das routinierte Lächeln, das ich immer bei Cletus zum Einsatz brachte, wenn er sich über irgendetwas aufregte. Dann drehte ich mich zu Shelly um. Sie hatte sich nach wie vor nicht von der Stelle gerührt, und ich war gezwungen, einen Schritt zur Seite auszuweichen, damit ich ihr nicht auf die Zehen trat.

»Äh, Miss Sullivan? Könnten Sie uns vielleicht kurz allein lassen?«

Ihr stechender Blick – von dem mein Hirn wie üblich einen kurzen Schluckauf bekam – sprach Bände. Halb fürchtete ich, Drill könne hinter mir in Flammen aufgehen.

Ganz langsam wanderte ihr Blick von ihm zu mir, und ein Großteil ihrer Wut schien zu verrauchen – zum Glück. Hätte ich es nicht besser gewusst, wäre ich versucht gewesen zu sagen, dass ihre Miene sanfter wurde.

Sie blinzelte mich an und schluckte. Dann nickte sie knapp.

Ohne ein Wort, und ohne Drill noch eines Blickes zu würdigen, machte sie kehrt und verschwand gemächlichen Schrittes in den Tiefen der Werkstatt.

Ich wartete, bis sie etwa zehn Meter weit gekommen war, ehe ich mich wieder an Drill wandte. »Also gut. Magst du mir vielleicht erklären, was da gerade los war?«

»Dieses Mist-«

Ich kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und hob abermals die Hand – diesmal mit mehr Nachdruck.

»Hör mir gut zu. Die Lady arbeitet hier. Sie ist meine Angestellte, und ich dulde nicht, dass du so über sie sprichst – übrigens auch nicht über Duane oder Cletus.« Ich machte eine kleine Kunstpause und fügte mit einem Achselzucken hinzu: »Na ja, über Cletus vielleicht schon.«

Der kleine Scherz verfehlte seine Wirkung nicht. Drill lachte kurz auf und rieb sich mit seiner fleischigen Hand das Gesicht. »Mann, Beau. Wo hast du die bloß aufgegabelt?«

»Was ist denn passiert?«, versuchte ich es erneut, etwas versöhnlicher.

Drill und ich waren nicht gerade beste Freunde, eher so etwas wie gute Bekannte. Meine Familie und die Wraiths verband eine lange, wechselhafte Geschichte, und manchmal, sofern es nicht um Leben oder Tod ging, mussten wir um des lieben Friedens willen unseren Stolz herunterschlucken und gute Miene zum bösen Spiel machen.

Er zögerte und warf mir einen undurchsichtigen Blick zu, ehe er brummte: »Spielt keine Rolle.«

»Doch, das tut es«, sagte ich in ruhigem Ton, wobei ich mich wunderte, weshalb ich die Sache nicht einfach auf sich beruhen ließ. Aus unerfindlichen Gründen hatte ich das Bedürfnis, Miss Shelly Sullivan in Schutz zu nehmen. »Für mich jedenfalls. Ich will nicht hoffen, dass du durch die Gegend läufst und wahllos Frauen vulgäre Beleidigungen an den Kopf wirfst.«

Drill schürzte verächtlich die Oberlippe. »Du kannst eine Frau, die so aussieht wie die da, nicht in einer Autowerkstatt arbeiten lassen und verlangen, dass sie keinem auffällt.«

»Was. Hast. Du. Gemacht?«

»Schon gut, schon gut. Kann sein, dass ich sie ein bisschen erschreckt hab.« Er machte eine ausladende Handbewegung. »Sie hat sich über das Motorrad gebeugt und … Mann, Beau, hast du ihre Beine gesehen? Scheiße. Und dieser Arsch. Und, guter Gott, diese Augen! Mir ist noch nie –«