Winston Brothers Band 1 + 2 - Penny Reid - E-Book
Beschreibung

Zwei Winston Brothers in einem Band!

Die Zwillinge Beau und Duane Winston teilen zwar ihr verboten gutes Aussehen, ansonsten könnten sie jedoch verschiedener nicht sein. Wo Beau freundlich und zuvorkommend ist, ist Duane verschlossen und grüblerisch. Kein Wunder, dass Jessica James schon seit Jahren heimlich für Beau schwärmt, während Duane ihr nur Ablehnung entgegen bringt. Doch als Jessica nach dem College in ihre Heimat Green Valley, Tennessee, zurückkehrt, kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung (inklusive intensiven Knutschens) und Jessica befindet sich mitten im Gefühlschaos. Zumal ihre Rückkehr in die heimatliche Kleinstadt eigentlich sowieso nur kurzfristig sein soll. Aber Duane Winston ist nicht nur schwer zu verstehen, er ist noch schwerer hinter sich zu lassen.


***

Sienna Diaz ist Hollywoods Liebling. Sie ist witzig, clever und einfach anders als ihre mageren Schauspielkolleginnen. Ihr Problem ist nur, dass sie partout keine Straßenkarten lesen kann. Als ihr neuester Film sie also in den Great Smoky Mountains National Park in Tennessee verschlägt, kann sie nur froh sein, dass ein charmanter Park Ranger namens Jethro Winston sie aufgabelt und kein launischer Schwarzbär. Sienna ist aus Hollywood einiges an gutem Aussehen gewohnt, aber mit seinem Südstaatencharme, dem Dreitagebart und natürlichem Sexappeal, ist Jethro eine ganz andere Sorte Mann. Und bald schon verliert Sienna nicht nur die Orientierung rund um Green Valley, sondern auch ihr Herz.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:1316


Winston Brothers Band 1 + 2

Die Autorin

Penny Reid ist USA Today Bestseller-Autorin der Winston-Brothers-Serie und der Knitting-in-the-city-Serie. Früher hat sie als Biochemikerin hauptsächlich Anträge für Stipendien geschrieben, heute schreibt sie nur noch Bücher. Sie ist Vollzeitmutter von drei Fasterwachsenen, Ehefrau, Strickfan, Bastelqueen und Wortninja.

Das Buch

Die Zwillinge Beau und Duane Winston teilen zwar ihr verboten gutes Aussehen, ansonsten könnten sie jedoch verschiedener nicht sein. Wo Beau freundlich und zuvorkommend ist, ist Duane verschlossen und grüblerisch. Kein Wunder, dass Jessica James schon seit Jahren heimlich für Beau schwärmt, während Duane ihr nur Ablehnung entgegen bringt. Doch als Jessica nach dem College in ihre Heimat Green Valley, Tennessee, zurückkehrt, kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung (inklusive intensiven Knutschens) und Jessica befindet sich mitten im Gefühlschaos. Zumal ihre Rückkehr in die heimatliche Kleinstadt eigentlich sowieso nur kurzfristig sein soll. Aber Duane Winston ist nicht nur schwer zu verstehen, er ist noch schwerer hinter sich zu lassen.

***Sienna Diaz ist Hollywoods Liebling. Sie ist witzig, clever und einfach anders als ihre mageren Schauspielkolleginnen. Ihr Problem ist nur, dass sie partout keine Straßenkarten lesen kann. Als ihr neuester Film sie also in den Great Smoky Mountains National Park in Tennessee verschlägt, kann sie nur froh sein, dass ein charmanter Park Ranger namens Jethro Winston sie aufgabelt und kein launischer Schwarzbär. Sienna ist aus Hollywood einiges an gutem Aussehen gewohnt, aber mit seinem Südstaatencharme, dem Dreitagebart und natürlichem Sexappeal, ist Jethro eine ganz andere Sorte Mann. Und bald schon verliert Sienna nicht nur die Orientierung rund um Green Valley, sondern auch ihr Herz.

Von Penny Reid sind bei Forever erschienen:In der Winston-Brothers-Reihe:Wherever you goWhatever it takesWhatever you needWhatever you want

Penny Reid

Winston Brothers Band 1 + 2

Aus dem Amerikanischen von Sybille Uplegger

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

Sonderausgabe bei ForeverForever ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinApril 2019 (1)© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Autorenfoto: © privat

ISBN 978-3-95818-443-5

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Wherever you:Deutsche Erstausgabe bei Forever.Forever ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinJuli 2018 (1)© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018Copyright © 2015. Truth or Beard by Penny ReidTitel der amerikanischen Originalausgabe: Truth or Beard (Penny Reid 2015)Übersetzung: Sybille Uplegger

Whatever it takes:Deutsche Erstausgabe bei Forever.Forever ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinAugust 2018 (1)© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018Copyright © 2016. Grin and Beard It by Penny ReidTitel der amerikanischen Originalausgabe: Grin and Beard it (Penny Reid 2016)Übersetzung: Sybille Uplegger

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Inhalt

Titelei

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Wherever you go

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Whatever it takes

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

… einige Wochen später

Anhang

Danksagung

Empfehlungen

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Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Wherever you go

Wherever you go

Für alle, die reisen, ohne ein Ziel vor Augen zu haben. Auf dass ihr unterwegs nicht nur Nahrung für euren Geist, sondern auch für euer Herz findet.

Kapitel 1

Jessica

Ich bog auf den Parkplatz des Gemeindezentrums von Green Valley ein und erschreckte fünf Senioren fast zu Tode.

Zwar war es Halloween, trotzdem hatte ich nicht die Absicht, Teile der älteren Bevölkerung an den Rand des Herzinfarkts zu treiben. Dummerweise gab mein Truck – zum Leidwesen jeder sich in Hörweite befindenden Person – genau in diesem Moment ein schauderhaftes, schrilles Jaulen von sich. Das passierte andauernd, wenn der Motor im Leerlauf war.

Die fünf älteren Herrschaften zuckten zusammen und warfen mir bitterböse Blicke zu – die allerdings, sobald sie meiner Aufmachung gewahr wurden, in unverhohlene Verwirrung umschlugen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie mich erkannt hatten.

Eigentlich kannte mich jeder hier in Green Valley, Tennessee. Trotzdem hatten die fünf vermutlich nicht damit gerechnet, die zweiundzwanzigjährige Tochter des örtlichen Sheriffs Jeffrey James sowie Schwester des Deputy Sheriffs Jackson James hinter dem Steuer eines uralten Ford Super Duty F-250 XL zu sehen – noch dazu mit einem langen weißen Bart im Gesicht.

Zu meiner Verteidigung muss ich vorbringen, dass es nicht mein Truck war, sondern der meiner Mutter. Ich besaß gerade keinen eigenen fahrbaren Untersatz, und sie hatte sich vor Kurzem ein neueres, noch größeres und noch furchteinflößenderes Modell zugelegt. Eins, dessen Stoßstange sie mit Stickern zupflastern konnte, auf denen Sprüche prangten wie:

Heute schon den Sheriff geküsst?

Woher kommen Schwarze Löcher? Ist doch logisch: Gott hat versucht, durch null zu teilen!

oder

Esst mehr Steak! Der Westen wurde auch nicht mit Salat erobert.

Als Frau des Sheriffs, Mutter eines Polizisten (mein Bruder) sowie einer Mathelehrerin (meine Wenigkeit) und Tochter eines Rinderfarmers empfand sie es wohl als ihre Pflicht, die beachtliche Oberfläche ihres Trucks als mobile Pro-Polizei-, Pro-Mathematik- und Pro-Rindfleisch-Werbetafel zu verwenden.

Angestarrt zu werden störte mich nicht besonders. Ich wartete geduldig, bis die fünf Senioren sich sattgesehen hatten, und schenkte ihnen ein kleines Lächeln, das sie unter all dem Bart vermutlich gar nicht erkennen konnten. Sie standen noch eine Zeit lang da, ehe sie sich, einer Herde Schildkröten gleich, in Bewegung setzten und auf den Eingang des Gemeindezentrums zuschlurften, wobei sie mir noch hin und wieder zaghaft verwirrte Blicke über die Schulter zuwarfen.

So geschmeidig es die Lenkung zuließ, manövrierte ich mein Monstrum in eine freie Lücke ganz am Ende des Parkplatzes. Seit ich den Truck geerbt hatte, versuchte ich grundsätzlich am Rand zu parken, weil ich nicht einer dieser Egoisten sein wollte, die ein Riesenauto fahren und immer zwei Stellplätze besetzen.

Ich rückte meinen Rauschebart zurecht, warf mir das weiße, knapp einen Meter lange Ding über die Schulter und schnappte mir Umhang und Zauberhut. Dann versuchte ich, auf dem langen Weg vom Fahrersitz hinunter zum Erdboden nicht abzustürzen oder irgendjemandem meine nackten Körperteile zu präsentieren. Zum Glück gehörte zu dem Kostüm auch ein langer Stab, den ich als Abstiegshilfe benutzen konnte. Der Rest des Kostüms war eigentlich vernachlässigbar – es bestand lediglich aus einem gerade geschnittenen Minikleid mit tiefem Ausschnitt, das optimale Bewegungsfreiheit bot.

Ich hatte den Parkplatz ungefähr zur Hälfte überquert, da hörte ich hinter mir jemanden meinen Namen rufen.

»Jessica, warte!« Ich drehte mich um und winkte, als ich meine Kollegin und gute Freundin Claire im Laufschritt auf mich zukommen sah.

»Dachte ich’s mir doch, dass du es bist. Ich habe den Stab und den Umhang erkannt.« Im Näherkommen verlangsamte sie ihre Schritte, und ihr Blick glitt über den spärlichen Rest meines Kostüms. »Du hast aber … einiges verändert.«

»Ja.« Ich nickte stolz und schmunzelte über ihre halb kritische, halb belustigte Miene. Claire hatte sich nach der Schule nicht umgezogen; sie trug immer noch ihr niedliches Raggedy-Ann-Outfit. Sie hatte von Natur aus kupferrotes Haar und jede Menge Sommersprossen im Gesicht, deshalb hatte sie sich die langen Locken nur zu zwei Rattenschwänzen binden, eine Latzhose anziehen und eine weiße Haube aufsetzen müssen – fertig war das Kostüm.

»Gefällt’s dir?« Ich drehte mich erst zur einen, dann zur anderen Seite, um ihr mein modifiziertes Kostüm nebst hochhackigen Riemchensandalen zu präsentieren.

»Bist du immer noch Gandalf? Oder was soll das jetzt darstellen?«

»Klar bin ich noch Gandalf. Nur eben sexy Gandalf.« Ich wackelte vielsagend mit den Augenbrauen.

Claire schlug sich eine weiß behandschuhte Hand vor den Mund und prustete. »O Mann. Du bist so was von durchgeknallt.«

Ein teuflisches Kichern kam mir über die Lippen. Ich kicherte eigentlich nie, es sei denn, ich hatte etwas Teuflisches im Sinn. »In der Schule konnte ich es ja wohl kaum anziehen. Aber ich liebe es – als ironischen Kommentar, verstehst du? Überall sieht man für Frauen diese dämlichen Halloween-Kostüme – sexy Krankenschwester und sexy Hexe und sexy Biene … Nein, ganz im Ernst, ich habe wirklich schon mal ein sexy Bienenkostüm gesehen. Typisch Männer: Finden alles toll, was mit Bestäubung zu tun hat.«

»Du hast recht. In der Schule kannst du so einen Fummel definitiv nicht tragen. Erstens verstößt es gegen die Kleidervorschriften, und zweitens bist du als heiße Mathelehrerin sowieso schon der feuchte Traum all deiner männlichen Schüler. Wenn du dann noch als erotische Gandalf-Version gegangen wärst, hättest du die Armen in eine tiefe sexuelle Identitätskrise gestürzt.«

Ich schüttelte lachend den Kopf und musste daran denken, wie seltsam die letzten drei Monate gewesen waren.

Genau wie ich stammte auch Claire aus Green Valley; und genau wie ich war sie nach dem Studium in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Aber während mein Aufenthalt lediglich vorübergehender Natur war – ich wollte nur so lange bleiben, bis mein Studiendarlehen abbezahlt war –, hatte Claire sich für immer hier niedergelassen. Als ich in der Zwölften gewesen war, hatte sie an der Highschool als Lehrerin für Theater und Orchester angefangen, und jetzt waren wir Kolleginnen. Mit ihrer tollen roten Mähne, den hellblauen Augen und dem wunderschönen Gesicht war sie schon während meiner Schulzeit der Schwarm zahlreicher Schüler gewesen, und daran hatte sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.

Ich bibberte, als ein kalter Herbstwind meine nackte Haut streifte.

»Na, komm.« Claire hakte sich bei mir unter. »Lass uns reingehen, bevor du dir noch den Bart abfrierst.«

Ich folgte ihr zum ehemaligen Schulgebäude. Im Näherkommen hörten wir die vertrauten Klänge von Folkmusik, die durch die geöffneten Flügeltüren zu uns drangen.

Es war Freitagabend, und das bedeutete, dass fast jede Person im Umkreis von dreißig Meilen, die nicht bettlägerig war, für die allwöchentliche Jam Session ins Gemeindezentrum von Green Valley kam. Da es Halloween war, hatte man die Aula mit Papierskeletten, ausgehöhlten Kürbissen und orange-schwarzen Girlanden dekoriert. Die alte Schule war sieben Jahre zuvor umgebaut worden, und kurz danach hatten die Jam Sessions angefangen.

Jeder in Green Valley begann seinen Freitagabend hier. Und ob Halloween oder nicht, die verheirateten Paare mit Kindern gingen immer zuerst, gefolgt von den älteren Semestern. Als Nächstes verabschiedeten sich die Teenies, die im Anschluss noch zu Cooper’s Field rausfuhren, um dort am Lagerfeuer zu sitzen und heimlich Alkohol zu trinken. Die Erwachsenen, Unverheirateten und Kinderlosen gingen meistens zuletzt.

Ich war noch dabei, mich damit anzufreunden, dass ich nun auch zu dieser letzten Gruppe gehörte. Bevor ich Green Valley verlassen hatte, um aufs College zu gehen, war ich noch Teil der Teenager-Clique gewesen und hatte meine Freitagabende auf Cooper’s Field verbracht, auch wenn ich meistens nicht allzu lange geblieben war und mich nie betrunken hatte. Aber es war mir immer gelungen, einen Jungen zum Knutschen zu finden, ehe der Abend um war und ich nach Hause musste.

Wo die Erwachsenen (zu denen ich mich nun auch zählen durfte) ihren Abend beschlossen, hing stark von der Zielsetzung jedes Einzelnen ab. Wer einfach nur ein bisschen Spaß haben wollte, fuhr für gewöhnlich in Genie’s Country Western Bar, um zu tanzen und Darts zu spielen. War man auf Sex aus, zog es einen eher ins Wooden Plank, eine Biker-Kneipe am Ortsrand. Wollte man Sex und Ärger und danach vielleicht noch einmal Sex … dann entschied man sich für die Dragon Biker Bar, die einige Meilen außerhalb der Stadt lag und zugleich die Heimat des Iron Wraiths Motorradclubs war.

Und wenn man so tickte wie ich und kein von Existenzängsten geplagter, rebellischer Teenager mehr war, der um jeden Preis einen Jungen zum Küssen abschleppen musste, sondern sich einfach nur entspannen und die Mathehausaufgaben der letzten Woche korrigieren wollte, dann fuhr man nach Hause, zog sich einen Flanell-Pyjama an und schaltete im Fernsehen den Travel Channel ein, um bei der Arbeit ein paar Hintergrundgeräusche und inspirierende Bilder zu genießen.

Ich sah meinen Vater, der mich noch nicht entdeckt hatte. Er stand am Tisch kurz hinter dem Eingang, wo in einer großen Glasschüssel die Geldspenden des Abends gesammelt wurden, und unterhielt sich gerade lebhaft mit jemandem, den ich allerdings nicht sehen konnte, weil uns eine größere Menschenmenge die Sicht verdeckte. Er trug wie immer seine Uniform.

Claire stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte den Hals, um herauszufinden, was der Grund für die Menschenansammlung war. »Sieht so aus, als gäbe es hier Süßes oder Saures. Ich sehe ein paar Kinder in Kostümen, und da drüben steht ein Eimer mit Bonbons.«

Ich nickte, ehe ich erst den einen, dann den anderen der kurzen Flure hinabspähte, die vom Eingangsbereich abgingen. Bislang war nur aus einem der fünf ehemaligen Klassenzimmer Musik zu hören, dafür zog eine Horde Kinder von einem Raum zum nächsten. Jedes hatte entweder einen bemalten Kissenbezug oder einen orangefarbenen Plastikeimer in Kürbisform dabei, um die eingeheimsten Süßigkeiten zu transportieren.

Ich beugte mich zu Claire, um ihr vorzuschlagen, uns an der Schlange am Saaleingang vorbeizudrängeln und später zu spenden, als mein Blick auf einen rothaarigen Mann mit Bart fiel, der soeben aus einem der Klassenzimmer trat. Er hielt ein kleines Mädchen – es konnte höchstens sieben Jahre alt sein – an der Hand, das als Tinkerbell verkleidet war.

Ich verspürte ein Stechen in der Kehle, das mir über die Schlüsselbeine bis in die Fingerspitzen fuhr, ehe es sich durch meine Brust bis hinunter in meinen Bauch fortpflanzte. Unwillkürlich schnappte ich nach Luft. Auf das Stechen folgte eine Hitzewelle, gepaart mit einer schrecklichen Verlegenheit, wie ich sie seit Jahren nicht mehr empfunden hatte.

Gierig verschlang ich den Mann mit meinen Blicken. Er trug einen blauen Overall, hatte sich aber das Oberteil abgestreift und die langen Ärmel um die Hüften geknotet, damit ihm die Hose nicht herunterrutschte. Schenkel und Knie des Blaumanns waren voller Schmutz und Schmierölflecken. Dazu trug er ein strahlend weißes T-Shirt, das seinen gemeißelten Oberkörper zur Geltung brachte, und schwarze Arbeitsschuhe. Sein dichtes rotes Haar war ein wenig zerzaust, als wäre er … oder jemand anders … gerade mit den Fingern hindurchgefahren.

Beau Winston.

Ich wusste sofort, dass es Beau war, nicht sein Zwillingsbruder Duane, und zwar aus drei Gründen: Erstens lächelte er seine kleine Begleiterin an. Beau lächelte immer, Duane nie. Zweitens sah es so aus, als würde er ihr bei irgendetwas behilflich sein. Beau war ein hilfsbereiter, großzügiger und offenherziger Mensch. Duane hingegen war launisch, wortkarg und unhöflich.

Und zu guter Letzt: Mein Körper spürte den Unterschied. Bei Beaus Anblick hatten immer meine Hormone verrücktgespielt, und ich hatte vor lauter Verehrung kein Wort herausbekommen. Duane mochte seinem Bruder gleichen wie ein Ei dem anderen, aber das Einzige, was bei seinem Anblick in mir verrücktspielte, war mein Blutdruck, und wenn ich seinetwegen Sprachstörungen hatte, dann allenfalls vor Wut.

Das Objekt meiner jugendlichen Schwärmerei – eigentlich war es eher eine ausgewachsene Obsession – steuerte direkt auf uns zu, war allerdings noch immer ganz mit dem Mädchen beschäftigt. Er sah aus wie ein rothaariger James Dean, nur größer und kräftiger. Ich wusste plötzlich nicht mehr, wie man atmete. Der Mann war eine absolute Sahneschnitte. Er war so eine Sahneschnitte, dass ich sogar vergaß, wie sehr ich das Wort »Sahneschnitte« hasste.

»Jess.« Ich spürte, wie Claire mir ihren spitzen Ellbogen in die Seite bohrte. »Jessica, was ist denn los mit dir?«

Einige Kids verlieren bei Boybands, Rockstars oder irgendwelchen gut aussehenden Promis den Verstand. Ich verlor früher immer bei Beau Winston den Verstand. Angefangen hatte alles damit, dass er auf einen Baum geklettert war, um meine Katze zu retten. Ich war damals acht gewesen, er zehn. Er hatte mich auf die Wange geküsst. Er hatte mir die Tränen weggewischt. Er hatte meine Hand gehalten. Er hatte mich in den Arm genommen und mich gedrückt. Er war mein Held. Er hatte meine Katze vor dem sicheren Tod bewahrt.

Flüchtig fragte ich mich, ob mit mir irgendetwas nicht stimmte oder ob es noch andere Frauen jenseits der zwanzig gab, bei denen der Anblick ihrer ersten Jugendliebe akute Lähmungserscheinungen auslöste. Hätte ich solchen Albernheiten nicht längst entwachsen sein müssen?

Meine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern, und mein Mund war staubtrocken, als ich endlich auf Claires Frage antwortete und dabei mit einer fast unmerklichen Kopfbewegung in Richtung des Mannes und des kleinen Mädchens deutete. »Da ist Beau Winston.«

Eine kleine Pause trat ein, in der Claire an mir vorbeispähte.

»Nein.« Sie drückte meinen Arm. »Nein, das ist Duane Winston.«

Ich schüttelte den Kopf und zwang mich, den Blick von ihm loszureißen. »Nein, das ist Beau.«

Claire verzog den Mund, während sie mich forschend musterte. Meine Wangen brannten – eine natürlich Folgeerscheinung, wenn man helle Haut und Sommersprossen hatte und entgegen jeder Vernunft beharrlich für den nettesten, witzigsten und rundherum besten Mann der Welt schwärmte. Bestimmt war ich rot wie eine Tomate – nicht, dass mir das peinlich gewesen wäre. Früher war mir das andauernd passiert. Ich hatte mich nur im selben Raum aufhalten müssen wie Beau, schon hatte ich einen ganzen Schwarm Schmetterlinge im Bauch gehabt und in meinem Kopf Musik gehört, die gar nicht wirklich da war.

»Wenn ich es dir doch sage, das ist Duane. Beau hat kürzere Haare.«

»Nein.« Erneut schüttelte ich den Kopf, diesmal mit noch mehr Nachdruck, während ich gleichzeitig versuchte, meine Körpertemperatur und Atmung zu regulieren. »In Duanes Gegenwart drehe ich zwar auch durch, aber anders. Das muss Beau sein.«

Duane und ich kamen nicht besonders gut miteinander aus. Das Ereignis, das den Grundstein zu meiner lebenslangen Bewunderung für Beau gelegt hatte, war zugleich auch die Geburtsstunde meiner Aversion gegen seinen Zwillingsbruder gewesen. Denn während Beau auf den Baum gestiegen war, um meine Katze herunterzuholen, hatte Duane mit Steinen nach dem Ast geworfen, auf dem sie saß. Und während Beau mich auf die Wange geküsst hatte, hatte Duane mit den Augen gerollt.

Claire war anzusehen, dass sie sich das Lachen verkneifen musste. »O Mann, du hast echt nicht gelogen, als du mir gesagt hast, dass du in den Kerl verknallt bist. Ist es das erste Mal nach der Highschool, dass du einen der beiden wiedersiehst?«

»Nein. Ich habe Beau mal im Piggly Wiggly gesehen, als ich während des Studiums in den Winterferien zu Hause war. Er hat gerade Bacon und grüne Bohnen gekauft, und ich habe hinter ihm in der Schlange an der Kasse gestanden.«

Claire gab es auf, sich das Lachen verkneifen zu wollen, und feixte unverhohlen. »Es ist wirklich faszinierend, das zu beobachten.«

»Was?«

»Wie es dich erwischt hat. Ich meine – du bist Jessica James. Du hast einen Plan, der dir lebenslange Freiheit von jeglichen Verpflichtungen sichern soll. Du redest von nichts anderem als davon, dass du die Welt bereisen willst. Du bist nur nach Hause gekommen, um deine Schulden abzuzahlen und ein bisschen Berufserfahrung für deinen Lebenslauf zu sammeln. Und jetzt stehst du hier und schwelgst in Erinnerungen an eine Begegnung mit Beau Winston im Piggly Wiggly! Ich wette, du weißt noch Wort für Wort, was ihr zueinander gesagt habt.«

Ich starrte sie an. Wie gern hätte ich all das von mir gewiesen – aber ich wollte nicht lügen. Sie hatte recht: Ich erinnerte mich tatsächlich noch an jedes Wort, an jede Geste unserer Begegnung. Er hatte sich zu mir umgedreht und mich gefragt, ob ich so nett sein könne, ihm eine Packung Kaugummi zu reichen, weil er selbst nicht herankam. Ich hatte mich an einem lässigen Achselzucken versucht, das jedoch bestimmt eher nach einem mittelschweren Krampfanfall ausgesehen hatte. Dann hatte ich ungeschickt nach dem Kaugummi gegriffen und dabei aus Versehen den Aufsteller mit den Pfefferminzbonbons umgeworfen. Er war in die Hocke gegangen und hatte mir geholfen, die Bonbons vom Boden aufzusammeln. Dabei hatten sich unsere Hände berührt, woraufhin ich krebsrot angelaufen war und um ein Haar das Bewusstsein verloren hätte. Er hatte mich angelächelt, und ich war zum zweiten Mal haarscharf an einer Ohnmacht vorbeigeschrammt. Als er mir dann auch noch die Hand hingestreckt hatte, um mir aufzuhelfen, hätte ich beinahe einen Herzinfarkt bekommen.

»Hey, Jess … alles klar bei dir?«, hatte er daraufhin gefragt und sich zu mir gebeugt. Seine strahlenden blauen Augen hatten gefunkelt, und er hatte so unglaublich schön und besorgt ausgesehen.

Nicht in der Lage zu sprechen, weil seine Hände auf meinen Unterarmen lagen, hatte ich genickt und stumm zu ihm emporgeschaut. Die Schmetterlinge in meinem Bauch und die Musik in meinem Kopf – diesmal war es Eternal Flame von den Bangles – hatten den Klang seiner Stimme übertönt, sodass ich seine nächsten Worte gar nicht mehr richtig verstanden hatte. Ich hatte nur noch wahrgenommen, wie sich seine Lippen zum Anflug eines Lächelns verzogen, während er mich musterte.

Dann war mein Bruder Jackson aufgetaucht und hatte alles kaputtgemacht, indem er Beau sagte, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Beau hatte mit den Schultern gezuckt – bei ihm war es ein richtiges Schulterzucken, kein verkappter Krampfanfall – und sich wieder der Kasse zugewandt. Er hatte seinen Bacon, seine grünen Bohnen und seine Kaugummis bezahlt und war gegangen.

Die Sache war die: Ich war an sich kein schüchterner Mensch. Überhaupt nicht. Ich schätzte mich als selbstbewusst und vernünftig ein. Außerdem hatte ich einen Bruder, Jungs waren also weiß Gott kein Mysterium für mich. Aber in Beau Winstons Gegenwart war ich immer mit Stummheit geschlagen. Ein nervöses Wrack. Mit einem Wort: total peinlich.

Gut, das waren zwei Worte. Ich war so peinlich, dass ich sogar schon nicht mehr richtig zählen konnte.

»Jess, ernsthaft … Geht es dir gut? Dein Gesicht ist ganz rot geworden.« Claire drückte meinen Arm und lenkte mich vom Rauschen des Blutes in meinen Ohren ab.

»Ja.« Mir war bewusst, wie erbärmlich ich mich anhörte. »Sag mir einfach, wenn er weg ist.«

»Willst du nicht mit ihm reden?«

Ich schüttelte hektisch den Kopf.

Sie zog die Nase kraus; ihr Blick ging kurz über meine Schulter hinweg, vermutlich in Richtung des sich nähernden Beau. Dann drückte sie meinen Arm noch einmal. »So habe ich dich ja noch nie erlebt. Das ist nicht die Jessica James, die ich kenne.«

»Ich kann nicht anders. Wenn ich mit ihm reden muss, falle ich womöglich in Ohnmacht.«

Claire schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Als wir vor zwei Wochen in Nashville waren, da bist du vor dem Club zu diesem gut aussehenden Fremden hingegangen und hast ihn geküsst – einfach so.«

»Du hattest mit mir um zehn Dollar gewettet, dass ich mich nicht traue. Außerdem kann man das überhaupt nicht miteinander vergleichen. Der Typ hatte vorher mit mir geflirtet. Und ich küsse halt gern.«

»Wie meinst du das? Willst du Beau denn nicht küssen?«

In heller Panik wisperte ich: »Natürlich will ich ihn küssen, aber nur theoretisch. Stehst du auf irgendeinen Promi? Irgendeinen superheißen Hollywoodschauspieler oder so? Dann stell dir jetzt mal vor, der würde dich abschleppen und bei eingeschaltetem Licht mit dir Sex haben wollen. Was würdest du machen? Nicht in Gedanken, sondern im echten Leben – was würdest du tun?«

Claire sah mich lange an, dann fragte sie: »Wüsste ich ein paar Wochen im Voraus Bescheid? Damit ich eine Low-Carb-Diät und ein bisschen Sport machen könnte?«

»Nein.«

»Dann würde ich die Flucht ergreifen.«

»Sag ich doch! Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Das ist wie … Wenn er mich wirklich küssen wollte … ich glaube, dann würde ich vor lauter Verlegenheit sterben.«

»Für dich ist Beau also wie ein heißer Promi?«

»Das ist kompliziert. Ich habe ganz ähnliche – wenn auch nicht identische – Gefühle für Intrepid Inger, Gottfried Wilhelm Leibniz und Tina Fey.«

»Intrepid Inger? Ist das nicht diese Reisebloggerin, von der du andauernd erzählst?«

»Ja, genau die.«

»Und wer ist Gottfried Wilhelm Leibniz?«

»Der Vater der Analysis. Der ist aber schon tot.«

Erneut verzog Claire die Lippen. Sie sah aus, als müsste sie sich sehr anstrengen, um nicht zu lachen.

Ich zuckte hilflos mit den Schultern. »Ich weiß. Ich bin eben ein Mathe-Freak.«

»Ja, du bist ein Mathe-Freak. Aber es gibt weit und breit keinen Mathe-Freak, dem der sexy Gandalf so gut steht wie dir.«

»O mein Gott. Das habe ich total vergessen!« Meine Hand flog an meinen Bart. »Vielleicht erkennt er mich ja gar nicht.«

Claire sah mich ungläubig an. »Nur dass ich es richtig verstehe: Du hast kein Problem damit, irgendeinen dahergelaufenen Typen zu küssen, aber wenn du mit einem deiner Helden – einer berühmten Reisebloggerin, dem Vater der Analysis, der vermutlich witzigsten Frau der Welt oder Beau Winston – auch nur reden sollst, kriegst du Wortfindungsstörungen und fällst in Ohnmacht?«

Ich nickte.

»Süße, Beau Winston kocht auch nur mit Wasser. Er ist ein ganz normaler Mann. Warum vergötterst du ihn so? Geh einfach hin und sprich ihn an.«

»Jedes Mal, wenn ich ihn früher gesehen habe, hat er irgendwas Heldenhaftes, Mutiges oder unglaublich Selbstloses gemacht. Habe ich dir schon erzählt, dass er meine Katze vom Baum geholt hat? Und einmal habe ich gesehen, wie er zwei kleine Jungs vor einer Klapperschlange gerettet hat. Und einmal, da ist er –«

»Ich hab’s schon verstanden. Du hast Jahre damit verbracht, ihn auf ein Podest zu stellen.«

»Ich kann nicht mit ihm reden«, flüsterte ich heiser und verzweifelt. »Noch nicht. Vielleicht eines Tages, wenn ich mich mental gründlich darauf vorbereitet habe.«

»Klar kannst du mit ihm reden.«

»Nein. Wirklich. Das geht nicht.« Ich spürte, wie meine Augen sich bis auf ihren maximalen Durchmesser weiteten. »Ich habe noch nie eine erfolgreiche Unterhaltung mit Beau Winston geführt. Und das hat nicht nur mit meiner Heldenverehrung zu tun. Meine Gespräche mit ihm sind eine einzige Historie des Scheiterns. Jedes Mal, wenn ich was zu ihm sagen will, vergisst mein Gehirn, wie man Englisch spricht, und ich stammle irgendwas auf Swahili oder Schwedisch oder Schweizerisch. Er hält mich garantiert für die letzte Vollidiotin.«

»Die Einwohner der Schweiz sprechen nicht Schweizerisch. Die sprechen Schweizerdeutsch oder Französisch oder Italienisch oder Rätoromanisch.«

»Siehst du? Ich werde mit jeder Sekunde dümmer.«

Ich sog scharf die Luft ein, weil ich jetzt schon seine Stimme hören konnte; er unterhielt sich gerade mit dem kleinen Mädchen, und das klang so unfassbar liebenswert und entzückend, dass mein Magen einen Satz machte – erst nach oben, dann nach unten, als säße ich in einer kleinen Nussschale mitten auf dem Ozean. Ich legte mir die Hand auf den Bauch und stellte vorsichtshalber die Füße schulterbreit auseinander.

Als er mein Blickfeld betrat, wurde meine Aufmerksamkeit von ihm angezogen wie von einem Magneten. Er lächelte immer noch, allerdings war es jetzt ein eher verhaltenes, höfliches Lächeln. Er übergab das kleine Mädchen an eine Frau. Ich kannte sie, es war Mrs MacIntyre, die Leiterin der Stadtbücherei. Tinkerbell musste ihre Enkeltochter sein. Sie sagte etwas von einem Huhn oder einem Hahn, er antwortete ihr, und beide lachten. Ich starrte das kleine Grüppchen an und ließ mich von dem samtenen Klang seines Lachens einhüllen. Prompt erwischte mich in meinem kleinen Boot die nächste Woge. Einmal Magen rauf, einmal Magen runter.

Dann passierte es. Er sah sich um – wahrscheinlich fühlte er meinen Stalkerblick auf sich – und stutzte. Sein Blick traf meinen und hielt ihn fest. Ich schluckte trocken, und eine Hitzewelle ging durch meinen Körper. Seine Augen wurden schmal, während ich ihn weiterhin wie betäubt anstarrte. Gott, ich war so ein Creep.

Ich wollte wegsehen, aber es war mir eine physische Unmöglichkeit. Er sah mich so selten an. Ich hatte das Gefühl, als befände ich mich im freien Fall. Alles um mich herum verschwand – alles bis auf ihn und seine Güte und seine wundervolle Art und seine ach so blauen Augen.

Ärgerlicherweise setzte im nächsten Moment die Musik in meinem Kopf ein – wie immer, wenn er in der Nähe war. Diesmal war es Dreamweaver von Gary Wright. Deshalb hörte ich ihn auch nicht richtig, als er mich von Weitem mit »Hey, Jessica« begrüßte.

Ich musste mir aus seinen Lippenbewegungen zusammenreimen, was er gesagt hatte, und bemühte mich nach Kräften, die Lautstärke in meinem Kopf ein wenig herunterzudrehen. Statt einer Antwort nickte ich wortlos. Wegschauen konnte ich immer noch nicht.

Dann musste ich voller Entsetzen mit ansehen, wie er sich bei Mrs MacIntyre und Tinkerbell entschuldigte und zu uns kam. Ich schwankte ein wenig und machte instinktiv einen Schritt rückwärts. Claire hakte sich bei mir ein und zog mich eng an ihre Seite. Wahrscheinlich hatte sie Angst, ich könnte das Bewusstsein verlieren – oder die Flucht ergreifen.

Dummerweise gelang mir nichts von beidem, und kurz darauf war er bei uns.

»Hi … Beau«, sagte Claire mit hörbarem Zögern. »Du bist doch Beau, richtig? Oder bist du Duane?«

Er schenkte uns ein verschmitztes und absolut umwerfendes Grinsen. Sein Blick sprang zwischen mir und Claire hin und her. »Ihr könnt uns nicht auseinanderhalten?«

Claire antwortete auf sein Grinsen mit einem strahlenden Lächeln. Beaus Charme konnte sich niemand entziehen. Einmal hatte ich gehört, wie mein Daddy zu meiner Momma sagte, dass die sechs Winston-Brüder die Gabe besäßen, Schlangen, das Finanzamt und Frauen nach Belieben um ihren Finger zu wickeln – das hätten sie von ihrem Vater geerbt.

Ich lächelte ebenfalls, obwohl mein Lächeln vermutlich etwas benommen, wenn nicht gar gespenstisch aussah. Ich war dankbar für meinen langen weißen Bart. Hoffentlich verdeckte der meine weggetretene, in Ehrfurcht erstarrte Miene.

»Ich bin mir relativ sicher, dass du Duane bist«, sagte Claire, ehe sie mit einer Kopfbewegung auf mich deutete. »Aber Jess meinte, du bist Beau.«

Abermals ging sein Blick zu mir – und irgendwie war er noch intensiver, noch neugieriger, noch bohrender als zuvor. Er taxierte mich von oben bis unten und wieder zurück. Ich sah Anerkennung in seiner Miene, und in dem Moment wurde mir siedend heiß bewusst, dass ich mein Sexy-Gandalf-Kostüm trug, welches – bis auf Gesicht und Haare – praktisch nichts der Fantasie überließ.

Der eigentliche Zweck des Kostüms war es, meinen Vater und Jackson zu provozieren und mich an der cleveren Ironie zu erfreuen. Vielleicht war ich nicht mehr der freche Teenager, der vor vier Jahren von zu Hause ausgezogen war, trotzdem verspürte ich noch hin und wieder das Bedürfnis, gegen die überbehütenden Männer in meiner Familie aufzubegehren.

Bis zu diesem Moment war mir allerdings nicht der Gedanke gekommen, dass eine mir nahestehende Person mich in diesem Fetzchen sehen und nur die sexuelle, nicht aber die ironische Komponente daran wahrnehmen könnte.

»Was ist denn das für ein Kostüm, Jessica? Bist du ein Zauberer?« Er verzog leicht die Lippen, und seine Stimme wurde tiefer, als er hinzufügte: »Gefällt mir.«

Der Klang seiner Worte sandte einen Schauer durch meinen Körper. Allerdings war das Gefühl ein gänzlich anderes als früher. Dies hier war nicht die schmachtende Verlegenheit, die ich sonst immer in seiner Nähe verspürt hatte. Dieses Gefühl war … deutlich erwachsener.

Vor lauter Schreck umklammerte ich Claire fester.

»Sie ist sexy Gandalf. Eigentlich wollte sie als sexy Biene gehen, aber im Laden hatten sie keine Bestäuber-Kostüme mehr.«

Beau lachte – ein Geräusch, das aus unerfindlichen Gründen tief in meiner Gebärmutter widerhallte – und griff nach meinem Bart. Als er ihn etwa auf Höhe meines Nabels anfasste und hochhob, sodass mein mikroskopisch kleines Kleidchen vollends sichtbar wurde, streifte die Rückseite seiner Finger meinen Bauch.

»Der Bart verleiht dem Kostüm eine ganz spezielle Note …« Er zog sanft daran und zwinkerte mir zu.

Natürlich gab ich keine Antwort, sondern glotzte ihn lediglich an. Sein Grinsen in Kombination mit dem Zwinkern und der federleichten Berührung seiner Finger hatte mich völlig aus dem Konzept gebracht. Statt im Laufe der Jahre abzunehmen, schien sich meine Schwärmerei in eine andere, eindeutig nicht jugendfreie Richtung entwickelt zu haben. Ein winziges Areal meines Gehirns beschäftigte sich ganz kurz mit der Frage, ob es vielleicht praktikabel wäre, den langen weißen Bart von jetzt an jeden Tag zu tragen.

»Hey, wenn du an ihrem Bart zupfst, dann darf sie auch an deinem zupfen«, sagte Claire neckisch.

Sein Lächeln wurde breiter. Er trat vor – direkt in meinen persönlichen Distanzbereich hinein. Seine Lider waren halb geschlossen, und er sah mich mit blitzenden Augen an. »Nur zu, Jessica … Fass ihn ruhig an.«

Er sprach meinen Namen aus, als wäre er ein köstliches Geheimnis. Seine Aufforderung und seine plötzliche Nähe raubten mir den Atem.

Ich konnte ihn riechen, und ich wollte einfach nur noch … Ich wollte … Keine Ahnung, was ich wollte.

Natürlich hatte es schon Freunde in meinem Leben gegeben – Jungs und später Männer, zu denen ich mich hingezogen gefühlt hatte. Aber die Intensität und Bandbreite der lüsternen, schmutzigen Gedanken, die mir in diesem Moment durch den Kopf gingen, waren neu und überrumpelten mich völlig. Ich spürte eine heiße Woge der Konfusion und Panik in meiner Brust aufsteigen.

Beaus Augen schienen zu flackern und dann plötzlich heller zu leuchten, als könnte er meine Gedanken lesen; er senkte den Blick auf meine Lippen.

Wieder zog sich mein Magen zusammen, und das Gefühl war alles andere als keusche Heldenverehrung. Meine zutiefst weibliche Reaktion auf seine Männlichkeit ergab überhaupt keinen Sinn!

Na ja, ein bisschen vielleicht schon.

Beide Winston-Zwillinge waren ausgesprochen attraktiv. Es war mir nicht entgangen, wie sich seine Hüften beim Gehen bewegt hatten, wie das T-Shirt sich über seine breite Brust spannte und wie eng die Ärmel an den Oberarmen saßen.

»Das mit deiner Mutter tut mir so leid, Junge«, erklang in dem Moment eine Stimme neben uns und brachte unsere kleine Blase zum Platzen. Als wir uns umwandten, sahen wir Mr McClure, seines Zeichens Leiter der örtlichen Feuerwehr und Claires Schwiegervater, der mit zum Gruß ausgestreckter Hand vor uns stand. Beau erfasste die Situation, trat einen Schritt von mir zurück und ergriff die dargebotene Hand, während McClure fortfuhr: »Sie war eine gute Frau, und sie wird uns allen sehr fehlen.«

Ich gab mir einen Ruck, und die Klänge von Dreamweaver in meinem Kopf wurden allmählich leiser, als ich mich wieder auf die Wirklichkeit besann. Die Winstons hatten vier Wochen zuvor ihre Mutter verloren. Bethany Winston war erst siebenundvierzig Jahre alt gewesen, und ihr Tod war unfassbar traurig – umso mehr, als er sehr plötzlich gekommen war. Ich selbst hatte nicht zur Beerdigung gehen können, weil ich zu der Zeit krank gewesen war, aber anscheinend waren alle anderen Einwohner von Green Valley dort gewesen, um Mrs Winston die letzte Ehre zu erweisen und ihren sechs Söhnen sowie ihrer Tochter ihr Beileid auszusprechen.

»Danke, Sir.« Beau nickte. Die Glut in seinen Augen war verschwunden und hatte einem schmallippigen Lächeln Platz gemacht. Seine Miene wirkte verschlossen.

Mr McClure nickte ebenfalls, dann wandte er sich Claire und mir zu. Er begrüßte uns herzlich und trat dann zu Claire, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. Währenddessen spürte ich, wie Beau jede meiner Bewegungen aufmerksam verfolgte. Ich klopfte mir im Geiste lobend auf die Schulter, weil ich es nichtsdestotrotz schaffte, ausschließlich Claires Schwiegervater anzusehen.

Nachdem die Begrüßung erledigt war, wandte sich Mr McClure mit ernster Miene an Claire. »Hast du deinen Wagen abgeschlossen?«

Ich fand es süß, dass er sich um Claire wie um eine Tochter kümmerte; es wärmte mir das Herz. Claire hatte ihre Jugendliebe aus der Highschool geheiratet. Ben war bei den Marines gewesen und vor einigen Jahren bei einem Auslandseinsatz ums Leben gekommen.

Claire nickte, und ihre Lippen verzogen sich zu einem warmherzigen, geduldigen Lächeln. »Aber klar, Sir. Natürlich habe ich mein Auto abgeschlossen.«

Zu meiner großen Verwunderung wanderte der Blick von McClures blauen Augen als Nächstes zu mir. »Jessica, haben Sie Ihren Wagen auch abgeschlossen?«

Ich blinzelte ihn verdutzt an, dann schielte ich zu Claire.

»Es gab in letzter Zeit mehrere Diebstähle«, klärte diese mich auf. »Und nicht nur bei Touristen, so wie sonst. Erst letzte Woche wurde Jennifer Sylvesters nagelneuer BMW geklaut.«

»Ihre Mutter hat erzählt, sie hätte einen Bananenkuchen auf dem Beifahrersitz stehen gehabt.« Mr McClure schüttelte verständnislos den Kopf, als wäre das eigentliche Verbrechen die Entwendung dieses Bananenkuchens. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Beau. »Sind deine Brüder auch hier?«

»Ja, Sir. Alle bis auf … äh …« Sein Blick zuckte ganz kurz zu mir. »Alle bis auf meinen Zwillingsbruder.«

»Verstehe.« McClure nickte und blickte den Flur entlang in die Richtung, aus der die Musik kam. »Ich muss mich nämlich unbedingt noch mit Cletus über das Getriebe unterhalten, das er bei meinem Wagen repariert hat.«

Sofort stand Beau ein wenig aufrechter. »Stimmt was nicht damit?«

Beau, Duane und ihr älterer Bruder Cletus besaßen eine Automobilwerkstatt im Ort – daher auch der ölfleckige Blaumann, den er gegenwärtig trug.

Gerade wenn man neu in der Stadt war, hatte man oft Schwierigkeiten, die sechs Winston-Brüder voneinander zu unterscheiden. Ich selbst beschrieb die Familie Winston wie folgt:

Jethro hatte braune Haare und haselnussbraune Augen, die manchmal fast grau aussahen. Er war der Älteste der sechs Geschwister und derjenige, von dem man sich am ehesten ein freundliches Lächeln erhoffen konnte – während er einem den Wagen und/oder die Brieftasche stahl.

Billy war der Zweitälteste. Seine Haare waren etwas dunkler als die von Jethro, und seine Augen waren von einem ungewöhnlich intensiven Blau. Er war der ernsthafteste und vernünftigste (und, wie es der Zufall wollte, auch der jähzornigste) von allen Brüdern.

Dann kam die Nummer drei, Cletus. Er war der kleinste der Brüder, mit braunem Bart und grünbraunen Augen. Man konnte ihn leicht von Jethro unterscheiden, weil er nicht so oft lächelte und seinen Bart länger trug. Und er würde einem auch niemals den Wagen klauen. Stattdessen würde er einem den Toaster auseinandernehmen und erklären, wie er funktionierte. Cletus er war ein bisschen … verschroben. Nett, aber verschroben. Zum Beispiel war er vor zwei Monaten einfach so in meinem Leistungskurs Analysis aufgetaucht. Anscheinend hatte er mit dem Schulleiter abgesprochen, dass er für den Rest des Jahres an meinem Matheunterricht teilnehmen durfte.

Ashley war die Nummer vier. Sie war das einzige Mädchen und sah aus wie eine Schönheitsköniginnen-Version von Billy.

Dann kamen die eineiigen Zwillinge Beau und Duane mit ihren roten Bärten und blauen Augen. Sie auseinanderzuhalten war praktisch unmöglich – jedenfalls, bis sie den Mund aufmachten. Sobald sie anfingen zu reden, war es ganz leicht: Beau war der Freundlichere von beiden.

Zu guter Letzt kam Roscoe. Er war eine Mischung aus Jethro und Billys Lächeln, hinter dem sich aber eine durchaus ernsthafte Natur verbarg. Außerdem war er ein notorischer Aufreißer – zumindest war das noch so gewesen, als ich ihn zuletzt gesehen hatte.

Der Feuerwehrchef schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Es geht nicht um meinen Truck, Junge. Es ist wegen Red, unserem alten Spritzenwagen. Cletus hilft mir dabei, die alte Dame für den Weihnachtsumzug wieder flottzumachen.«

»Aha, verstehe. Ja, Cletus spielt heute Abend Banjo.« Beau deutete mit dem Daumen hinter sich. »Bisher wird ja erst in einem Raum gespielt; ich glaube, die anderen warten noch darauf, dass die Kinder mit dem Süßigkeitensammeln fertig sind.«

Mr McClure blickte in die Richtung, in die Beau gezeigt hatte. »Gut, dann höre ich mal zu und warte, bis sie eine Pause machen.« Er schenkte Claire und mir ein freundliches Lächeln. »Die Damen – es wäre mir eine Ehre, wenn Sie mich begleiten würden.«

Claire nickte bejahend für uns beide; doch ehe sie auf den Vorschlag antworten konnte, nahm Beau mich blitzschnell beim Arm.

»Geh du nur, Claire.« Beau zog mich in einer geschmeidigen Bewegung von meiner Freundin weg. »Ich würde mich gern noch ein bisschen mit Jess unterhalten. Bis nachher dann.«

Er wartete gar nicht erst ab, wie Claire oder ich darauf reagieren würden. Bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte er mich schon bei der Hand genommen, seine rauen Finger umschlossen meine, und er zog mich in Richtung der ehemaligen Cafeteria davon. Ich war derartig geschockt von dem Gefühl seiner Haut und dem elektrischen Kribbeln, das meinen Arm hinauffuhr, dass ich ihm widerstandslos folgte, weil ich mich nur auf diese eine Stelle konzentrieren konnte, an der unsere Handflächen sich berührten.

Seine Finger zu spüren war berauschend, und ich musste mich zusammenreißen, um nicht über ihn herzufallen. Ich wollte nichts so sehr wie ihm ganz nah sein, ihn anfassen, mich an ihn schmiegen. Er stellte eine Verlockung geradezu epischen Ausmaßes dar.

Wir bahnten uns einen Weg durch die Menge, während ich versuchte, mir das Gefühl seiner Hand in meiner ganz genau einzuprägen. Plötzlich hatte ich Mühe beim Atmen. In meinem Magen war ein Schwarm verdächtig liebeshungriger Schmetterlinge zum Leben erwacht. Verschiedene Leute grüßten uns, doch wir blieben bei niemandem stehen. Ich folgte Beau wie ein Schatten, während er mich zum Büfett führte. Mir graute bereits vor dem Zeitpunkt, wenn wir am Ziel ankamen, weil er mich dann höchstwahrscheinlich loslassen würde. Doch zu meiner großen Überraschung gingen wir immer weiter. Ohne mich anzusehen, umrundete er mit mir einen Tisch voller Limonade und Eistee, ehe er mich schließlich hinter einen Vorhang lotste, der vom Boden bis zur Decke reichte und eine Treppe verbarg, die wiederum zu einer kleinen Bühne hinaufführte. Sowohl Bühne als auch Treppe waren von der anderen Seite des Vorhangs aus nicht zu sehen.

Doch er blieb immer noch nicht stehen, stattdessen zog er mich weiter bis zur Hinterbühne und um eine Ecke herum. Hier war es dämmrig, und meine Augen brauchten mehrere Sekunden, um sich an die veränderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Auch mein Gehirn hinkte der Wirklichkeit ein bisschen hinterher und hatte noch nicht begriffen, wo wir uns befanden und wie wir hierhergekommen waren – ganz zu schweigen davon, mit wem ich hier war. Eine einzelne Deckenlampe tauchte den Bereich hinter der Bühne in gräuliches Zwielicht. Um ein Haar wäre ich über meine eigenen Füße gestolpert, als Beau sich plötzlich zu mir umdrehte, mir die Hände an die Hüften legte und mich gegen die Wand schob. Ich spürte den harten Beton im Rücken. Beau stand in all seiner heroischen Herrlichkeit vor mir. Nur wenige Zentimeter trennten uns. Der Blick seiner funkelnden Augen hielt mich gefangen. Erst jetzt ließ er mich los.

Ich war vollkommen verwirrt – oder nein: durch den Wind wäre wohl die passendere Beschreibung gewesen. Es war wie in einer meiner Musikvideo-Fantasien. (Habe ich schon erwähnt, dass meine Tagträume sich oftmals in Form von Musikvideos à la Paula Abduls Rush, Rush manifestierten, inklusive Weichzeichner?) Ich konnte nichts tun, außer schmachtend zu ihm aufzublicken.

Er beugte sich vor, bis seine Stirn gegen die Krempe meines Huts stieß. Stirnrunzelnd zog er mir den Hut samt Perücke und Bart vom Kopf und ließ alles auf den Boden fallen.

»Das Kostüm gefällt mir«, sagte er leise, während seine Hände erneut meine Hüften fanden. Seine Daumen rieben die Stellen oberhalb meiner Hüftknochen, ganz selbstverständlich, so als wäre es sein angestammtes Recht, meinen Körper anzufassen, wo und wie er wollte. Die Hitze seiner Handflächen löste ein Ziehen in meinem Bauchraum aus. »Aber den Hut braucht kein Mensch.«

Ich kannte Beau seit annähernd fünfzehn Jahren, doch nicht einmal in meinen wildesten Träumen hatte ich mir je eine Begegnung wie diese ausgemalt. Es war keine Lüge gewesen, als ich Claire gegenüber behauptet hatte, meine Gefühle für Beau seien kompliziert. Meine Tagträume handelten ausschließlich davon, wie wir als furchtloses Duo gemeinsam Menschen retteten – so wie die Episode mit der Klapperschlange. Er war mir immer so gut und geduldig, fast schon heilig vorgekommen, und im Grunde waren meine Fantasien über ihn nichts weiter als die platonische Schwärmerei eines jungen Mädchens mit stark ausgeprägtem Heldenkomplex.

In diesem Moment allerdings sah Beau kein bisschen geduldig oder gar heilig aus, und er fühlte sich auch nicht wie eine Fantasie an, sondern sehr, sehr echt. Selbst im Halbdunkel funkelten seine Augen wie Saphire, als würden sie von innen heraus leuchten. Wehmütig dachte ich an meine eigenen langweilig braunen Augen, und Spinnerin, die ich war, hoffte ich, dass unsere imaginären Kinder seine Augenfarbe erben würden.

Seine Hand glitt an meinem Körper hinauf, ehe er mir mit einer federleichten Berührung den Umhang von den Schultern streifte. Er nahm mir den Stab aus der Hand. Ich sah zu, wie er ihn behutsam gegen die Wand lehnte. Seine Schuhsohlen scharrten über den Holzboden.

»Jessica James, deine heißen Blicke sind sehr schwer zu ignorieren.« Seine Stimme war beinahe ein Knurren, und er beugte sich den Bruchteil eines Zentimeters dichter zu mir herab.

Ich reagierte nicht. Ich hatte keine Ahnung, was ein heißer Blick war, was er bedeutete oder wie man ihn zustande brachte. Dennoch waren meine heißen Blicke offenbar der Grund, weshalb wir uns auf einmal in trauter Zweisamkeit auf der Hinterbühne wiederfanden.

Mein Herz zog sich zusammen und machte dann einen Satz, als Beau seine volle Unterlippe mit der Zungenspitze befeuchtete, ehe er sie zwischen die Zähne sog und darauf biss.

Ja, so ist es gut. Beiß dir auf die Lippe.

Fast hätte ich gestöhnt. Ich war unfassbar erregt und verfügte nicht mal ansatzweise über das mentale Werkzeug oder die Lebenserfahrung, um halbwegs vernünftig damit umzugehen.

Das Jungfernhäutchen war mir schon mit dreizehn beim Reiten gerissen; zahlreiche Knutschorgien mit Jungs, sowohl aus Spaß als auch zur Übung, einige vernachlässigbare Fummeleien während meiner Highschoolzeit und am College sowie ein betrunkener, wenig denkwürdiger One-Night-Stand mit meinem Physiktutor im letzten Unijahr – das war die magere Bilanz meiner bisherigen sexuellen Erlebnisse. Ehrlich gesagt hatte der Ritt auf dem Pferd mehr Spaß gemacht als der Ritt auf dem Mann. Das Pferd war wenigstens ein richtiger Hengst gewesen. Rückblickend betrachtet war mein Tutor eher Typ Shetlandpony – klein und haarig.

Im Ernst. Ich hatte keinen Schimmer, was ich hier machte. Was wir hier machten. Die ganze Situation war jenseits von bizarr. Wenn der Vater der Analysis oder Intrepid Inger mich im Gemeindezentrum von Green Valley hinter die Bühne gezerrt hätten, wären mir höchstwahrscheinlich nicht so viele verschiedene Gedanken durch den Kopf gegangen. Mein Instinkt riet mir, die Gelegenheit zu ergreifen und über Beau herzufallen, ehe er seinen Fehler einsah und mir freundschaftlich durch die Haare strubbelte, als wäre ich immer noch zwölf. Dementsprechend hatte der unvernünftige Teil meines Gehirns bereits den Entschluss gefasst, irgendwie dafür zu sorgen, dass Beaus Mund sich weiter in Richtung meiner Brust bewegte. Meine Nippel hatten noch nie etwas wirklich Fantastisches erlebt, und ich war mir relativ sicher, dass Beau Winston dem Abhilfe schaffen und ich folglich als glückliche Frau sterben konnte. Apropos Nippel: Ich merkte erst, dass ich Beaus Hand von meiner Hüfte zu meinen Brüsten manövriert hatte, als heiße Funken der Begierde von dort in den Rest meines Körpers ausstrahlten. Das Einzige zwischen uns waren mein Spitzen-BH und der dünne Stoff meines Kleidchens.

Überrascht von meiner forschen Geste, öffnete Beau den Mund, und seine Augen wurden groß. Instinktiv bog ich mich ihm entgegen, um den Abstand zwischen uns noch weiter zu verringern. Ich wollte unbedingt seinen harten Körper an meinem weichen spüren.

Und dann erfuhr ich auch, was es mit diesen sogenannten heißen Blicken auf sich hatte. Denn Beau Winston warf mir einen ebensolchen Blick zu. Ich persönlich hätte ihn vermutlich eher als »brandstifterisch« bezeichnet, aber da es der erste heiße Blick war, mit dem mich je ein Mann bedacht hatte, mangelte es mir an Vergleichsmöglichkeiten. Also beschloss ich kurzerhand, ihn zur Messlatte aller anderen heißen Blicke zu machen, die im Laufe meines Lebens vielleicht noch kommen würden.

Ich hatte allerdings nicht mehr viel Zeit, um darüber nachzudenken, mit welcher Maßeinheit man heiße Blicke idealerweise messen würde. Grad Celsius? Kalorien? Watt? Volt? Oder Lumen? Denn Beau machte drei Dinge, die sämtliche Gedanken – ja, sogar die Fähigkeit zu denken an sich! – in meinem Kopf auslöschten.

Erstens begann er meine Brust zu kneten und zu massieren, während er mit dem Daumen meine Brustwarze streichelte. Seine Berührungen waren gierig und grob und … einfach fantastisch.

Zweitens packte seine andere Hand meinen Hintern und drückte zu, während er mich gleichzeitig an sich zog.

Und drittens küsste er mich.

Beau Winston konnte wirklich phänomenal gut küssen.

Und, o Gott, gewisse Körperteile von mir spannten sich an, zogen sich auf völlig unbekannte, mir unerklärliche Weise zusammen, sodass das liebeshungrige Flattern in meinem Bauch schnurstracks in meinen Unterleib wanderte. Jeder Atemzug brannte in meinen Lungen. Plötzlich war ich der Star im Musikvideo von Beyoncés Naughty Girl und dachte an nichts anderes mehr als an die Frage, wie ich Beau möglichst schnell die Kleider vom Leib reißen konnte.

Er hatte die Führung übernommen und drängte mich gegen die Wand. Ich spürte seine Hände unter meinem Kleid, auf der nackten Haut meiner Hüften, dann in meiner Spitzenunterwäsche. Er umfasste meinen nackten Arsch. Nichts an ihm war weich. Er war hart wie Granit, wo immer ich ihn berührte. Und ich berührte ihn. Ich berührte ihn mit geradezu fiebernder Hast, weil ich keinen blassen Schimmer hatte, was hier gerade vor sich ging oder wann es vorbei sein würde. Hoffentlich nie. Nur am Rande bekam ich mit, wie mein Gandalf-Stab zu Boden polterte.

Ich hatte Beau immer für einen netten, anständigen Kerl gehalten. Aber er küsste nicht wie ein netter Kerl. Von Heiligkeit keine Spur. Er küsste mich mit einem bedrohlichen, fast schmerzhaften Hunger, sein Mund war gierig und fordernd. Er biss mir in die Unterlippe, dann liebkoste er die Stelle mit der Zunge, während er gleichzeitig sein Becken an mir rieb, sodass ich seine Härte an meinem Bauch spüren konnte.

»Fuck, Jess …«, stieß er plötzlich hervor und ließ von meinem Mund ab. Er atmete schwer. Er senkte den Kopf, um an meinem Kiefer zu knabbern, mein Ohr zu lecken, meine weiche Haut zwischen seine heißen Lippen zu saugen. Mit einer Hand schob er mein graues Kleid hoch, um meine in Spitze gehüllten Brüste freizulegen, während die Finger seiner anderen den Saum meines Slips streiften, sich aber nicht weiter vorwagten. Ich spürte sein Zögern und krallte mich an ihm fest, grub die Fingernägel in seine Schultern und bäumte mich ihm instinktiv entgegen, so sehr sehnte ich mich nach seinen Berührungen.

Der vernünftige Teil meines Hirns prophezeite mir, dass mir mein Verhalten in baldiger Zukunft unsagbar peinlich sein würde, aber der unvernünftige Teil hatte die absolute Stimmenmehrheit errungen. Meine Vernunft hatte die Wahlen haushoch verloren.

In Reaktion auf mein Verhalten zog Beau mir den BH herunter, und gleich darauf spürte ich seinen feuchten Mund auf meiner Brust. Seine Zunge umkreiste meine Nippel, während ein gequältes Stöhnen aus seiner Kehle drang. Ich keuchte, denn es war einfach … fantastisch.

Ich griff nach seinem weißen T-Shirt, zog ihn an mich und versuchte ihm das Teil über den Kopf zu zerren. Er ließ es zu und half mir sogar dabei. Als Nächstes nestelten meine Finger am Bund seiner Boxershorts, ehe ich die Hand hineinschob. Das ging leicht, denn sein Blaumann wurde von den verknoteten Ärmeln nur lose gehalten. Meine Finger schlossen sich um seinen harten Schaft, und er schnappte vor Schreck nach Luft, die er dann zitternd wieder ausstieß, als ich ihn zu streicheln begann.

»O Gott«, hauchte er und fing meinen Blick ein. Ich hatte damit gerechnet, dass seine Augen vor Lust verschleiert wären, doch in Wahrheit sah er eher ein wenig geschockt aus – wenn nicht gar panisch. »Warte. Warte kurz.«

Er griff nach meinem Handgelenk, und ich merkte sofort, was er vorhatte. Es ging ihm zu schnell. Er wollte die Bremse anziehen. Das Problem war nur: Die Unvernunft wollte keine Bremsen. Die Unvernunft wollte Beschleunigung. Geschwindigkeit. Heftigen, leidenschaftlichen, komplett enthemmten Sex mit Beau Winston. Und zwar jetzt sofort, hier an dieser Wand, im Gemeindesaal von Green Valley, während die Kinder draußen Süßigkeiten sammelten und Mrs Sylvester Rezepte für Blaubeermuffins austauschte und keiner etwas von unserem erotischen Moment hinter dem Vorhang ahnte.

Ich fuhr fort, ihn zu streicheln. Ich schmiegte meine Brüste an seinen Oberkörper und stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihn in den Hals zu beißen. Er erschauerte, stöhnte und drängte sich unwillkürlich meiner Hand entgegen, obwohl er gleichzeitig die Finger fester um mein Handgelenk schloss und versuchte, mich sanft dazu zu bewegen, von ihm abzulassen.

Stattdessen rieb ich mich nur noch heftiger an ihm. Das Kleid war mir inzwischen bis unter die Achseln hochgerutscht. Mein Daumen umkreiste seine Eichel. Mit der anderen Hand führte ich seine Finger wieder zu meinem Slip und presste sie gegen meine Mitte, während ich gleichzeitig an seiner Unterlippe zu knabbern begann.

Erneut stöhnte er. Dann stieß er einen Fluch aus. Er hatte die Augen fest zugekniffen, als versuchte er verzweifelt, sich von dem, was hier gerade geschah, zu distanzieren, als nähme er all seine Willenskraft zusammen … weil er langsam die Kontrolle über sich verlor. Plötzlich riss er mit einem lauten Knurren meine Hand aus seiner Hose, fuhr herum und ging zehn Schritte auf Abstand.

Als Erstes spürte ich den Verlust seiner Körperwärme, dann den seiner Berührungen. Trotzdem folgte ich ihm nicht. Mir war schwindlig, ich war völlig durcheinander und außer Atem. Ich ließ mich gegen die Wand sinken und schloss die Augen. Mein ganzer Körper bebte aus Protest, weil ihm die in Aussicht gestellte Erfüllung verweigert wurde. Keine Ahnung, wie lange ich so dastand, nach Luft schnappte und mich fragte, was gerade passiert war und wieso es aufgehört hatte.

Irgendwann hörte ich Beau »Verdammt noch mal …« sagen. Auch diesmal klang es eher wie ein gepresstes Knurren. Seine Stimme war näher, als ich gedacht hatte.

Als ich die Augen aufschlug, stellte ich fest, dass er nur wenige Meter von mir entfernt stand – mit nacktem Oberkörper, die Hände in die Hüften gestemmt. Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig beim Atmen. Sein Blick streifte kurz meinen Körper, dann betrachtete er angestrengt den Bühnenboden. Währenddessen rückte ich wie betäubt meinen BH zurecht, um meine Brüste zu bedecken, und zog mir das winziges Kleid herunter, wobei ich gleichzeitig seinen muskulösen Oberkörper anstarrte, die Wölbung seines Sixpacks, seine harten Brustmuskeln. Der Drang, ihn anzufassen, war beinahe übermächtig.

»Jessica, du musst aufhören, mich so anzusehen.« Er klang verärgert und verzweifelt.

Ich erschrak und zwang mich, ihm ins Gesicht zu blicken.

Überrascht stellte ich fest, dass er die Zähne zusammengebissen hatte. Seine Augen blitzten, und obwohl er sich gerade erst darüber beschwert hatte, wie ich ihn ansah, war auch sein Blick in diesem Moment sehr heiß. Trotz seiner harschen Worte und der Tatsache, dass er derjenige gewesen war, der unsere heftige Fummel-Orgie abgebrochen hatte, wirkte er innerlich zerrissen. Er schien mit sich zu ringen.

Er wollte mich. Sehr sogar.

Diese Erkenntnis, gepaart mit dem, was in den letzten paar Minuten zwischen uns passiert war, traf mich wie ein Schlag. Wir sahen einander an. Mein Blick war auffordernd und ängstlich und erwartungsvoll; seiner pendelte zwischen nackter Begierde, gewürzt mit einer guten Prise Sehnsucht, einerseits und wütendem Frust andererseits. Ich wartete schweigend ab. Man konnte förmlich zusehen, wie seine Entschlossenheit ins Wanken geriet. Wie seine Augen sich verschleierten und etwas Flehentliches in seinen Blick trat. Er war immer noch nicht wieder ganz zu Atem gekommen.

Wie von einem unsichtbaren Faden gezogen, machte er einen Schritt auf mich zu. Er schwankte ein wenig, war wie in Trance, willenlos. »Jessica«, stieß er hervor. »Ich bin nicht der, für den du mich hältst und – Scheiße – ich will dich. Ich habe dich immer schon gewollt, aber ich kann das so nicht, du musst vorher wissen –«

»Duane, du Vollidiot! Bist du da hinten?«, rief plötzlich jemand zu meiner Linken. Gleich darauf hörte ich das Poltern von Schritten auf der Treppe zur Bühne.

Ich riss die Augen auf.

Meine Kinnlade fiel herunter.

Mir blieb die Luft weg.

Ich wirbelte in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.

Es ging mir nicht darum, dass es mir unangenehm gewesen wäre, in einer intimen Situation erwischt zu werden – überhaupt nicht. Nein, der Grund meiner Verwirrung war die Stimme selbst. Es war Beaus Stimme.

»Bist du hier irgendwo?« Die Schritte wurden langsamer und hielten schließlich inne. »Ich … brauchst du einen Moment für dich?«

Eine plötzliche Erkenntnis traf mich wie ein Fausthieb in die Magengrube, und ein Eimer voller Eiswasser namens Realität brachte alle heißen Blicke und heißen Gefühle jäh zum Erlöschen. Von jetzt auf gleich wurde mir kalt. Sehr, sehr kalt. Ich drehte mich zu dem Mann meiner Träume um.

Der nur leider gar nicht der Mann meiner Träume war. Er war definitiv nicht Beau Winston – Held, sympathischster Kerl der Welt.

Nein, nein, nein. Dieser Mann war nicht Beau. Dieser Mann war Duane. Und dieser Mann hatte gerade Fantastisches mit meinen Nippeln angestellt.

Kapitel 2

Jessica

Sobald unsere Blicke sich trafen, verzog Duane das Gesicht – fast, als hätte ich ihn geschlagen – und wandte sich ab. Ich sah, wie er tief einatmete, ehe er sein T-Shirt vom Fußboden auflas und es sich über den Kopf zog.

Er räusperte sich, dann rief er: »Ja, ein bisschen Privatsphäre wäre gut.«

»Wer ist denn mit dir da hinten? Tina?« Als Beaus tiefes, samtiges Lachen an mein Ohr drang, krampfte sich mein Magen schmerzhaft zusammen. Ich schloss die Augen und ließ den Hinterkopf gegen die Wand sinken. Die Brust wurde mir eng. Ich war so unfassbar dämlich. Ich wünschte mir, zu meinen Füßen würde sich ein schwarzes Loch auftun, mich einsaugen und am anderen Ende des Universums wieder ausspucken.

Mit Tina war natürlich Tina Patterson gemeint, Duanes Freundin. Oder Exfreundin. Im Ernst, mal waren sie zusammen, dann wieder getrennt – da kam kein Mensch mit. Außerdem war sie meine Cousine väterlicherseits, und während der Grund- und Mittelschule war sie meine beste Freundin gewesen. Danach hatten wir uns irgendwie auseinandergelebt.

»Geht dich nichts an, du Blödmann. Hau ab«, antwortete Duane seinem Zwillingsbruder. Seine Stimme klang belegt und rau, und ich spürte seine Blicke auf mir, obwohl ich nach wie vor die Augen geschlossen hatte.

»Ist ja schon gut. Kein Problem. Sag Tina einen schönen Gruß von mir. In zwanzig Minuten wollen wir los zum Bandit Lake.« Dann hörte man Schritte, die die Stufen wieder hinuntergingen und verschwanden.

Die ersten Takte eines neuen Songs ertönten in meinem Kopf. Creep von Radiohead. Mir war, als flösse Eis durch meine Adern, aber gleichzeitig brannten mein Hals, mein Gesicht, mein ganzer Kopf. Ich knirschte mit den Zähnen und öffnete endlich die Augen, um Duane Winston zornerfüllt anzufunkeln. Vorher hatte er meine Blicke heiß gefunden, aber jetzt waren sie hoffentlich das genaue Gegenteil. Mein Ziel ging jedenfalls in Richtung Mitternacht am Nordpol während der Wintersonnenwende.

Er hatte erneut die Hände in die Hüften gestemmt, und ich sah, wie er langsam auf seiner Unterlippe herumkaute, als wollte er sie schmecken. Als wollte er mich darauf schmecken. Sein Blick klebte am Bühnenboden. Seine Atmung hatte sich fast wieder beruhigt. Aber nur fast.

Mir kam ein seltsamer Gedanke, und prompt wurde mir ganz heiß vor Schuld und Scham: Ich hatte Beau betrogen, ihn auf irgendeine Weise hintergangen. Aber halt. Meine Fantasie ging schon wieder mit mir durch. Meine Schwärmerei für Beau war immer absolut einseitig gewesen. Ich mochte albern sein, aber unter Wahnvorstellungen litt ich noch nicht. Trotzdem wusste ich kaum, wohin mit mir vor lauter Schuldgefühlen, Verlegenheit und Wut. Noch nie in meinem ganzen Leben war mein Bedürfnis, jemanden zu erstechen und/oder zu verstümmeln, so groß gewesen wie in diesem Augenblick. Insofern wunderte es mich auch nicht, dass ich einfach aussprach, was ich dachte.

»Du bist so ein Arsch.«