Verlag: Heyne Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Winter eines Lebens E-Book

Jeffrey Archer  

4.51063829787234 (94)
Bestseller

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Winter eines Lebens - Jeffrey Archer

Für die Cliftons und Barringtons kommt die Zeit, in der sich die verschlungenen Wege der beiden Familien und vielen Generationen zum letzten Mal kreuzen. Während für Giles Barrington und seine Frau Karin das Glück auf Messers Schneide steht, scheinen Harry und Emma Clifton am Gipfel ihrer Karrieren zu stehen. Doch dann melden sich alte Feinde zurück und das Spiel des Schicksals kommt zum tragischen Finale ...

Meinungen über das E-Book Winter eines Lebens - Jeffrey Archer

E-Book-Leseprobe Winter eines Lebens - Jeffrey Archer

DAS BUCH

Für die Cliftons und Barringtons kommt die Zeit, in der sich die verschlungenen Wege der beiden Familien und vielen Generationen zum letzten Mal kreuzen. Während für Giles Barrington und seine Frau Karin das Glück auf Messers Schneide steht, scheinen Harry und Emma Clifton am Gipfel ihrer Karrieren zu stehen. Doch dann melden sich alte Feinde zurück und das Spiel des Schicksals kommt zum tragischen Finale …

DER AUTOR

Jeffrey Archer, geboren 1940 in London, verbrachte seine Kindheit in Weston-super-Mare und studierte in Oxford. Archer schlug eine bewegte Politiker-Karriere ein, die bis 2003 andauerte. Weltberühmt wurde er als Schriftsteller. Archer verfasste zahlreiche Bestseller und zählt heute zu den erfolgreichsten Autoren Englands. Sein historisches Familienepos »Die Clifton-Saga« stürmt auch die deutschen Bestsellerlisten und begeistert eine stetig wachsende Leserschar. Archer ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in London und Cambridge.

JEFFREY ARCHER

WINTER EINES LEBENS

DIE CLIFTON-SAGA 7

ROMAN

Aus dem Englischen

von Martin Ruf

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe THIS WAS A MAN

erschien 2016 bei Macmillan, London

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Vollständige deutsche Erstausgabe 01/2018

Copyright © 2016 by Jeffrey Archer

Copyright © 2018 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Thomas Brill

Umschlagillustration: Johannes Wiebel unter Verwendung

von Motiven von shutterstock.com

(Julia Shepeleva, forbis, mubus7, Aleshyn_Andrei)

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-20445-7V002

www.heyne.de

FÜR MEINE ERSTE ENKELIN

PROLOG

1978

Immer wenn Emma auffiel, dass die kanadische Flagge vom Heck eines Schiffes wehte, sah sie noch einmal hin. Und erst wenn sie dann den Namen am Rumpf des Schiffes gelesen hatte, schlug ihr Herz wieder normal.

Als sie diesmal hinsah, verdoppelte sich ihr Herzschlag beinahe, und fast wären ihr die Beine weggesackt. Sie überprüfte erneut, was ihr aufgefallen war: ein Name, den sie wohl niemals vergessen würde. Sie blieb stehen und beobachtete, wie zwei kleine Schlepper, aus deren Schornsteinen schwarzer Rauch stieg, das rostige alte Frachtschiff die Flussmündung hinauf zu seinem letzten Bestimmungsort lotsten.

Obwohl sie eigentlich nicht in diese Richtung hatte gehen wollen, drehte sie sich um, und als sie sich dem Abwrackplatz näherte, musste sie unwillkürlich an die Folgen denken, die es haben konnte, wenn sie versuchen würde, nach all den Jahren die Wahrheit herauszufinden. Zweifellos wäre es vernünftiger gewesen, zurück ins Büro zu gehen, als in der Vergangenheit herumzugraben … der fernen Vergangenheit.

Doch Emma ging nicht zurück, und als sie den Abwrackplatz erreicht hatte, begab sie sich direkt zum Büro des Vorarbeiters, als befinde sie sich auf einer ihrer üblichen Morgenrunden. Sie betrat den Eisenbahnwaggon und bemerkte erleichtert, dass Frank nicht hier war, sondern nur eine Sekretärin an ihrer Maschine tippte. Die Frau stand sofort auf, als sie die Vorstandsvorsitzende sah.

»Ich fürchte, Mr. Gibson ist nicht da, Mrs. Clifton. Soll ich ihn holen?«

»Nein, das wird nicht nötig sein«, sagte Emma. Sie warf einen Blick auf den großen Arbeitsplan an der Wand und fand ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Es war vorgesehen, dass das Abwracken der SSMaple Leaf am Dienstag in einer Woche beginnen sollte. Das verschaffte ihr wenigstens etwas Zeit, um zu entscheiden, ob sie Harry Bescheid geben oder, wie Admiral Nelson, nicht so genau hinsehen sollte. Sollte Harry jedoch herausfinden, dass die Maple Leaf an ihre letzte Ruhestätte zurückgekehrt war, und sie fragen, was sie darüber wusste, würde sie es nicht über sich bringen, ihn anzulügen.

»Ich bin sicher, dass Mr. Gibson in ein paar Minuten zurück sein wird, Mrs. Clifton.«

»Machen Sie sich keine Sorgen, es ist nicht so wichtig. Aber würden Sie ihn bitten, bei mir vorbeizuschauen, wenn er das nächste Mal etwas mit jemandem aus der Geschäftsleitung zu besprechen hat?«

»Soll ich ihm sagen, worum es geht?«

»Er wird Bescheid wissen.«

Karin sah aus dem Fenster auf die vorbeihuschende Landschaft, während der Zug seinem Weg nach Truro folgte. Doch ihre Gedanken waren anderswo, denn sie versuchte, den Tod der Baronin zu verarbeiten.

Seit mehreren Monaten hatte sie keinen Kontakt mehr zu Cynthia gehabt, und der MI6 hatte keinen Versuch unternommen, Karin einen anderen Führungsoffizier zuzuteilen. Hatten sie das Interesse an ihr verloren? Cynthia hatte ihr schon seit einiger Zeit nichts Bedeutendes mehr gegeben, das sie an Pengelly hätte weiterleiten können, und ihre Treffen im Tea Room waren immer seltener geworden.

Pengelly hatte angedeutet, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis man ihn in Moskau zurückerwartete. Für sie konnte seine Abberufung nicht schnell genug gehen. Es machte sie krank, Giles, den einzigen Mann, den sie jemals geliebt hatte, immer weiter zu täuschen, und sie hatte es satt, unter dem Vorwand, ihren Vater zu besuchen, nach Cornwall zu fahren. Pengelly war nicht ihr Vater, sondern ihr Stiefvater. Er widerte sie an, und sie hatte von Anfang an nur die Absicht gehabt, ihn dazu zu benutzen, vor einem Regime zu fliehen, das sie verachtete, damit sie mit dem Mann, in den sie sich verliebt hatte, zusammenleben konnte. Jenem Mann, der zunächst ihr Liebhaber und dann ihr Ehemann und bester Freund geworden war.

Karin hatte es gehasst, Giles den wahren Grund, warum sie sich mit der Baronin so oft im Oberhaus zum Tee traf, nicht verraten zu können. Jetzt, da Cynthia tot war, würde sie nicht länger eine Lüge leben müssen. Doch würde Giles, wenn er die Wahrheit erfuhr, ihr glauben, dass sie nur deshalb aus dem von Tyrannei geprägten Leben in Ost-Berlin geflohen war, weil sie mit ihm zusammen sein wollte? Oder hatte sie einmal zu oft gelogen?

Als der Zug in den Bahnhof von Truro rollte, betete sie, dass es für sie das letzte Mal sein würde.

»Wie viele Jahre arbeiten Sie schon für das Unternehmen, Frank?«, fragte Emma.

»Fast vierzig, Ma’am. Ich habe Ihrem Vater gedient und davor Ihrem Großvater.«

»Dann haben Sie doch sicher von der Geschichte der Maple Leaf gehört?«

»Das war vor meiner Zeit, Ma’am, aber die kennt jeder auf der Werft, obwohl nur wenige jemals darüber sprechen.«

»Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten, Frank. Könnten Sie eine kleine Truppe aus vertrauenswürdigen Arbeitern zusammenstellen?«

»Ich habe zwei Brüder und einen Cousin, die nie für irgendjemand anderen als für Barrington’s gearbeitet haben.«

»Sie müssen an einem Sonntag kommen, wenn die Werft geschlossen ist. Ich werde Ihnen und Ihren Leuten den doppelten Stundenlohn bezahlen, in bar. Und als zusätzlichen Anreiz wird es in zwölf Monaten einen Bonus in gleicher Höhe geben, aber nur, wenn ich bis dahin nichts von der Arbeit gehört habe, die Sie für mich erledigen sollen.«

»Das ist sehr großzügig von Ihnen, Ma’am«, sagte Frank und führte die Hand an seine Mütze.

»Wann können Sie anfangen?«

»Nächsten Sonntagnachmittag. Die Werft wird bis Dienstag geschlossen sein, weil Montag ein Bankfeiertag ist.«

»Ist Ihnen klar, dass Sie mich gar nicht gefragt haben, was Sie für mich tun sollen?«

»Das ist nicht nötig, Ma’am. Und wenn wir im doppelwandigen Rumpf finden, was Sie suchen – was dann?«

»Ich möchte nichts weiter, als dass die sterblichen Überreste von Arthur Clifton ein christliches Begräbnis bekommen.«

»Und wenn wir nichts finden?«

»Dann wird das ein Geheimnis bleiben, das wir fünf mit ins Grab nehmen.«

Karins Stiefvater öffnete die Eingangstür und begrüßte sie mit dem üblichen warmherzigen Lächeln.

»Ich habe einige gute Nachrichten für dich«, sagte er, als sie ins Haus kam. »Aber das wird bis später warten müssen.«

Konnte es tatsächlich sein, dachte Karin, dass dieser Albtraum ein Ende finden würde? Dann sah sie ein Exemplar der Times auf dem Küchentisch liegen, deren Seite mit den Nachrufen aufgeschlagen war. Sie starrte auf das vertraute Bild der Baronin Forbes-Watson und fragte sich, ob das nur ein Zufall war oder ob Pengelly die Zeitung offen hatte liegen lassen, um sie zu provozieren.

Beim Kaffee sprach er ausschließlich über belanglose Dinge, doch Karin konnte wohl kaum die drei Koffer übersehen, die neben der Tür standen und eine unmittelbar bevorstehende Abreise anzukündigen schienen. Zudem wurde sie immer besorgter, denn Pengelly blieb viel zu entspannt und viel zu freundlich für ihren Geschmack. Wie lautete der alte Militärausdruck dafür – »eine glückliche Demobilisierung«?

»Es wird Zeit, dass wir uns über ernstere Dinge unterhalten«, sagte er und legte einen Finger an die Lippen. Er ging in den Flur und nahm seinen schweren Mantel von einem Haken neben der Tür. Karin dachte kurz darüber nach davonzulaufen, doch wenn sie es tat und er eigentlich nur vorhatte, ihr von seiner Rückkehr nach Moskau zu berichten, würde ihre Tarnung auffliegen. Er half ihr mit ihrem Mantel und begleitete sie nach draußen.

Karin war überrascht, als er sie fest am Arm packte und sie fast die verlassene Straße entlangzerrte. Üblicherweise hakte sie sich bei ihm ein, damit jeder vorbeikommende Fremde annehmen musste, sie wären Vater und Tochter, die einen Spaziergang machten. Doch heute nicht. Sollten sie jemandem begegnen, so beschloss Karin, würde sie stehen bleiben und mit dem Betreffenden sprechen, selbst wenn es sich um den alten Colonel handelte, denn sie wusste, dass Pengelly es nicht riskieren würde, dass sie beide in Anwesenheit eines Zeugen enttarnt würden.

Pengelly setzte sein joviales Geplauder fort. Es passte so wenig zu ihm, dass Karin sogar noch besorgter wurde. Ihre Blicke huschten in alle Richtungen, doch an diesem trüben, grauen Tag schien niemand einen Spaziergang zu machen.

Als sie den Waldrand erreicht hatten, wandte sich Pengelly wie üblich um, weil er sehen wollte, ob sie verfolgt wurden. Wenn das früher der Fall gewesen war, waren die beiden immer zum Cottage zurückgegangen. Doch an diesem Nachmittag war niemand da.

Obwohl es erst vier Uhr war, begann das Licht bereits schwächer zu werden, und es wurde von Minute zu Minute dunkler. Als sie die Straße verließen und den Weg betraten, der in den Wald führte, packte er ihren Arm noch fester. Seine Stimme änderte sich; jetzt passte sie zu der kalten Luft.

»Ich weiß, du wirst dich sicher darüber freuen, Karin« – er hatte sie noch nie zuvor im Zusammenhang mit einer offiziellen Operation bei ihrem Vornamen genannt –, »dass ich befördert wurde und schon bald nach Moskau zurückkehren werde.«

»Herzlichen Glückwunsch, Genosse. Das hast du dir verdient.«

Er lockerte seinen Griff nicht. »Weshalb das heute unser letztes Treffen sein wird«, fuhr er fort. Durfte sie wirklich darauf hoffen, dass .… »Aber Marschall Koschewoi hat mir einen letzten Auftrag erteilt.« Pengelly erläuterte das nicht weiter; es war fast, als wolle er ihr Zeit geben, um darüber nachzudenken. Als sie tiefer in den Wald gingen, wurde es so dunkel, dass Karin kaum einen Meter weit sehen konnte. Pengelly schien jedoch genau zu wissen, wohin er ging, als habe er jeden Schritt eingeübt.

»Der Leiter der Gegenspionage«, sagte er mit ruhiger Stimme, »hat endlich den Verräter in unseren Reihen ausfindig gemacht, jenen Menschen, der unser Vaterland jahrelang hintergangen hat. Mich hat man ausgewählt, die angemessene Bestrafung durchzuführen.«

Sein fester Griff lockerte sich, und schließlich ließ er Karin los. Ihr erster Gedanke war wegzurennen, doch er hatte den Ort klug gewählt. Direkt hinter ihr befand sich eine dichte Baumgruppe, zu ihrer Rechten die verlassene Zinnmine und zu ihrer Linken ein schmaler Weg, den sie in der Dunkelheit kaum erkennen konnte. Und über ihr ragte Pengelly auf, der nie zuvor ruhiger und zugleich wachsamer gewirkt hatte.

Langsam zog er eine Pistole aus seiner Manteltasche und hielt sie drohend neben sich. Hoffte er, dass Karin zu fliehen versuchen würde, sodass mehr als eine Kugel nötig wäre, um sie zu töten? Doch sie rührte sich nicht von der Stelle.

»Du bist eine Verräterin«, sagte Pengelly, »die unserer Sache größeren Schaden zugefügt hat als jemals ein Agent zuvor. Deshalb wirst du den Tod eines Verräters sterben.« Er sah in Richtung des Minenschachts. »Ich werde längst wieder in Moskau sein, bevor sie deine Leiche entdecken. Wenn es überhaupt jemals dazu kommt.«

Langsam hob er die Waffe, bis sie auf der Höhe von Karins Augen war. Ihr letzter Gedanke, bevor er den Abzug drückte, galt Giles.

Das Dröhnen eines einzelnen Schusses hallte durch den Wald, und ein Schwarm Sperlinge flog hoch in die Luft, als Karins Körper auf dem Boden aufschlug.

HARRY UND EMMA CLIFTON

1978 – 1979

1

Nummer sechs drückte den Abzug. Die Kugel verließ den Lauf des Gewehrs mit einer Geschwindigkeit von zweihundertzwölf Meilen pro Stunde und traf ihr Ziel wenige Zentimeter unter dem linken Schlüsselbein, was den Mann augenblicklich tötete.

Die zweite Kugel grub sich in einen Baum, nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der beide Körper zu Boden gefallen waren. Einige Augenblicke später stürmten fünf Fallschirmjäger des SAS durch das Unterholz in der Nähe der aufgegebenen Zinnmine und traten an die beiden Körper heran. Wie perfekt ausgebildete Mechaniker während eines Boxenstopps bei einem Formel-1-Rennen erledigte jeder von ihnen seine Aufgabe, ohne darüber zu diskutieren oder Fragen zu stellen.

Nummer eins, der für die Einheit verantwortliche Lieutenant, nahm Pengellys Pistole an sich und legte sie in einen Plastikbeutel, während Nummer fünf, ein Arzt, neben der Frau auf dem Boden kniete und ihren Puls fühlte: Der Puls war schwach, aber sie lebte noch. Sie musste in Ohnmacht gefallen sein, als sie den ersten Schuss gehört hatte, was auch der Grund dafür ist, warum Menschen, die einem Erschießungskommando gegenüberstehen, oft an Pfosten gefesselt werden.

Nummer zwei und drei, beides Corporals, hoben die Unbekannte auf eine Trage und brachten sie zu einer mehrere hundert Meter weit entfernten Lichtung, wo ein Hubschrauber sie bereits mit eingeschaltetem Rotor erwartete. Sobald die Trage im Hubschrauber festgeschnallt war, kletterte Nummer fünf, der Arzt, an Bord zu seiner Patientin. Er hatte seinen Sicherheitsgurt kaum angelegt, als der Hubschrauber auch schon abhob. Der Arzt überprüfte den Puls noch einmal; dieser war bereits ein wenig kräftiger.

Am Boden packte Nummer vier, ein Sergeant und der Schwergewichts-Boxchampion des Regiments, den zweiten Körper und warf ihn sich über die Schulter, als handele es sich um einen Sack Kartoffeln. Der Sergeant trabte in seinem ganz eigenen Tempo davon, wobei er eine Richtung einschlug, die der seiner Kameraden entgegengesetzt war. Aber er wusste genau, was er tat.

Einen Augenblick später erschien ein zweiter Hubschrauber. Er kreiste über dem Wald und beleuchtete mit einem gewaltigen Scheinwerfer das Einsatzgebiet. Nachdem Nummer zwei und Nummer drei ihre Aufgabe mit der Trage erledigt hatten, kehrten sie rasch zu Nummer sechs, dem Scharfschützen, zurück. Dieser war inzwischen von seinem Baum geklettert und schloss sich, das Gewehr um die Schulter geschlungen, seinen Kameraden auf der Suche nach den beiden Kugeln an.

Die erste Kugel hatte sich nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der Pengelly zu Boden gegangen war, in die Erde gegraben. Nummer sechs, der mit seinen Blicken der Flugbahn gefolgt war, fand sie bereits nach kurzer Zeit. Obwohl jedes Mitglied der Einheit große Erfahrung darin hatte, Spuren von Querschlägern und Rückstände von Schießpulver zu erkennen, war die zweite Kugel etwas schwieriger zu finden. Einer der Corporals, der erst an seinem zweiten Einsatz teilnahm, hob die Hand, als er sie entdeckte. Er grub sie mit seinem Messer aus dem Baum und reichte sie Nummer eins, der die Kugel in einen weiteren Plastikbeutel fallen ließ: ein Souvenir, das in einer Offiziersmesse seinen Platz finden würde, in der man niemals Gäste von außerhalb empfing. Auftrag erledigt.

Die vier Männer eilten an der alten Zinnmine vorbei auf die Lichtung, die sie genau in dem Augenblick erreichten, als der zweite Hubschrauber landete. Der Lieutenant wartete, bis seine Männer an Bord geklettert waren, bevor er sich nach vorn neben den Piloten setzte und den Sicherheitsgurt umlegte. Als der Hubschrauber abhob, drückte er auf seine Stoppuhr.

»Neun Minuten und dreiundvierzig Sekunden. Gerade noch akzeptabel«, rief er über das Dröhnen der Rotorblätter hinweg. Er hatte seinem Vorgesetzten versichert, dass die Aktion nicht nur ein Erfolg sein, sondern auch in weniger als zehn Minuten über die Bühne gehen würde. Er warf einen Blick auf das Gelände unter ihnen, und bis auf ein paar Fußabdrücke, die mit dem nächsten Regenschauer verschwinden würden, gab es nichts, das darauf hingewiesen hätte, was gerade geschehen war. Sollte einer der Einheimischen zwei Hubschrauber beobachtet haben, die in verschiedene Richtungen davongeflogen waren, würde er wohl kaum einen Gedanken daran verschwenden. Schließlich lag der RAF-Stützpunkt Bodmin nur zwanzig Meilen entfernt, und tägliche Übungen gehörten längst zum Alltag der Menschen in dieser Gegend.

Ein Einheimischer wusste jedoch genau, was vor sich ging. Colonel Henson MC (a. D.) hatte sofort in Bodmin angerufen, als er sah, wie Pengelly das Cottage verließ und dabei den Arm seiner vermeintlichen Tochter fest umklammert hielt. Er hatte jene Nummer benutzt, die er, wie man ihm gesagt hatte, wählen sollte, wenn die junge Frau seiner Meinung nach in Gefahr war. Obwohl er nicht wusste, wer am anderen Ende der Leitung war, hatte er das eine erforderliche Wort ausgesprochen – »Tumbleweed« –, bevor die Verbindung sogleich wieder beendet wurde. Achtundvierzig Sekunden später waren zwei Hubschrauber in der Luft gewesen.

Der befehlshabende Offizier trat ans Fenster und sah den beiden Puma-Kampfhubschraubern nach, die über sein Büro hinweg in Richtung Süden flogen. Unruhig ging er im Zimmer auf und ab und sah dabei alle paar Minuten auf seine Uhr. Er war ein Mann der Tat und nicht dafür geschaffen, nur Zuschauer zu sein, auch wenn er inzwischen im Alter von neununddreißig Jahren widerwillig akzeptiert hatte, dass er zu alt für den direkten Einsatz bei verdeckten Operationen war. Auch jene dienen, die nur auf ihrem Posten ausharren.

Als die zehn Minuten endlich vorüber waren, trat er wieder ans Fenster, doch es dauerte weitere drei Minuten, bevor er einen einzelnen Hubschrauber sah, der durch die Wolken herabsank. Er wartete noch ein paar Sekunden, bis er sicher war, dass er seine gekreuzten Finger voneinander lösen konnte, denn wäre der zweite Hubschrauber jetzt ebenfalls am Himmel erschienen, hätte das bedeutet, dass die Operation misslungen war. Seine Anweisungen aus London hätten nicht eindeutiger sein können. Wenn die Frau tot war, sollte ihre Leiche nach Truro geflogen und in einen bestimmten Flügel eines privaten Krankenhauses gebracht werden, wo ein drittes Team, das seine eigenen Instruktionen hatte, sie bereits erwartete. Der befehlshabende Offizier wusste nicht, wie diese Instruktionen lauteten, und er hatte keine Ahnung, wer die Frau war; solche Informationen besaßen nur Angehörige der höheren Ränge.

Als der Hubschrauber landete, rührte sich der Offizier immer noch nicht von der Stelle. Eine Tür des Hubschraubers öffnete sich, und der Lieutenant sprang heraus, wobei er sich weit nach unten beugte, denn die Rotorblätter drehten sich noch. Er rannte ein paar Meter, bevor er sich aufrichtete, und als er den Colonel am Fenster stehen sah, reckte er beide Daumen in die Luft. Der befehlshabende Offizier stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, kehrte an seinen Schreibtisch zurück und wählte eine Nummer, die auf seinem Notizblock stand. Es wäre das zweite und letzte Mal, dass er mit dem Kabinettssekretär sprechen würde.

»Colonel Dawes, Sir.«

»Guten Abend, Colonel«, sagte Sir Alan.

»Operation Tumbleweed erfolgreich abgeschlossen, Sir. Puma eins zurück in der Basis, Puma zwei auf dem Weg nach Hause.«

»Vielen Dank«, sagte Sir Alan und legte den Hörer auf. Nun galt es, keinen Augenblick zu verschwenden. Der Mann, mit dem er seinen nächsten Termin hatte, konnte jeden Augenblick hier sein. Als könne er hellsehen, öffnete seine Sekretärin die Tür und erklärte: »Lord Barrington.«

»Giles«, sagte Sir Alan, erhob sich hinter seinem Schreibtisch und gab seinem Gast die Hand. »Kann ich Ihnen Tee oder Kaffee anbieten?«

»Nein, danke«, sagte Giles, den im Augenblick nur eines interessierte: Warum wollte ihn der Kabinettssekretär so dringend sprechen?

»Es tut mir leid, Sie so überstürzt aus Ihrer Sitzung zu holen, doch ich muss mit Ihnen über eine private Angelegenheit sprechen, und zwar unter strengster Geheimhaltung: im Rahmen der Schweigeverpflichtung des Privy Council.«

Giles hatte diese Wendung zuletzt gehört, als er Minister gewesen war, doch man musste ihn nicht daran erinnern, dass alles, worüber er und Sir Alan sich unterhalten würden, niemals wiederholt werden durfte, es sei denn in Anwesenheit eines anderen Mitglieds des Privy Council.

Giles nickte, und Sir Alan sagte: »Ich sollte Sie wohl am besten zuerst darüber informieren, dass Karin nicht Pengellys Tochter ist.«

Nachdem einer von ihnen das Fenster eingeschlagen hatte, dauerte es nur einen kurzen Moment, bis alle sechs im Haus waren. Sie wussten nicht genau, wonach sie suchen sollten, doch sobald sie es entdeckt hätten, würde kein Zweifel mehr darüber bestehen können, dass genau ein solcher Gegenstand schon immer ihr Ziel gewesen war. Der Major, der für die zweite Einheit, die sogenannten Müllsammler, verantwortlich war, trug keine Stoppuhr bei sich, denn er war nicht in Eile. Er und seine Männer waren dazu ausgebildet worden, sich Zeit zu lassen und darauf zu achten, dass sie nichts übersahen. Denn eine zweite Chance bekamen sie nicht.

Im Gegensatz zu ihren Kameraden aus der ersten Einheit trugen die Männer Trainingsanzüge und führten große schwarze Plastikmüllsäcke mit sich. Es gab eine Ausnahme – Nummer vier; doch dieser Mann war kein ständiges Mitglied ihrer Einheit. Bevor sie das Licht einschalteten, zogen sie die Vorhänge zu, dann konnte die Suche beginnen. Sorgfältig und zugleich rasch und methodisch nahmen die Männer jedes Zimmer auseinander, wobei sie nichts dem Zufall überließen. Zwei Stunden später hatten sie acht große Plastiksäcke gefüllt. Abgesehen davon, dass ein Mann die Taschen des Toten untersuchte, ignorierten sie die Leiche, die Nummer vier im vorderen Wohnzimmer abgelegt hatte.

Zuletzt sahen sie die drei Koffer durch, die im Flur neben der Eingangstür standen. Diese erwiesen sich als wahre Fundgrube. Ihr Inhalt füllte nur einen einzigen Sack, doch er enthielt mehr Informationen als alle anderen sieben zusammen: Tagebücher, Namen, Telefonnummern, Adressen und vertrauliche Akten, die Pengelly zweifellos mit zurück nach Moskau hatte nehmen wollen.

Die Einheit ließ sich eine weitere Stunde Zeit, um sich noch einmal jedes Zimmer vorzunehmen, doch die Männer fanden kaum noch etwas von Interesse, denn sie waren allesamt Profis, die darauf trainiert worden waren, ihre Sache bereits beim ersten Durchgang korrekt zu erledigen. Sobald der Kommandant der Einheit davon überzeugt war, dass es hier nichts mehr auszurichten gab, verließen die sechs Männer das Haus durch die Hintertür und schlugen verschiedene, zuvor sorgfältig überprüfte Wege zurück zu ihrer Basis ein. Nur Nummer vier blieb zurück. Aber er war ja auch kein Müllsammler, sondern ein Vernichter.

Als der Sergeant hörte, wie sich die Tür hinter ihm schloss, zündete er eine Zigarette an, nahm ein paar Züge und ließ dann den glühenden Stummel auf den Teppich neben der Leiche fallen. Danach spritzte er Benzin aus seinem Feuerzeug auf die fast schon erloschene Glut, und wenige Augenblicke später schoss eine blaue Flamme in die Höhe und setzte den Teppich in Brand. Er wusste, dass sich das Feuer in kürzester Zeit überall in dem aus Holz errichteten Cottage verbreiten würde, doch er wollte ganz sicher sein, weshalb er sich nicht von der Stelle rührte, bis er wegen des Rauchs husten musste. Dann verließ er rasch das Zimmer in Richtung Hintertür. Nachdem er aus dem Cottage getreten war, drehte er sich um und stellte zufrieden fest, dass das Feuer außer Kontrolle war. Schließlich begann er, zur Basis zurückzujoggen. Die Feuerwehr würde er nicht rufen.

Alle zwölf Männer erreichten die Garnison zu verschiedenen Zeiten. Sie wurden erst wieder zu einer einzigen Einheit, als sie sich später an jenem Abend auf einen Drink in der Messe trafen. Der Colonel schloss sich ihnen zum Abendessen an.

Der Kabinettssekretär stand am Fenster seines Büros im ersten Stock und verharrte dort, bis er sah, wie Giles Barrington das Gebäude mit der Hausnummer 10 verließ und entschlossenen Schrittes der Downing Street in Richtung Whitehall folgte. Dann kehrte er an seinen Schreibtisch zurück, setzte sich und dachte sorgfältig über seinen nächsten Anruf nach und darüber, wie viel er gegenüber seinem Gesprächspartner preisgeben würde.

Harry Clifton war in der Küche, als das Telefon klingelte. Er nahm ab, und als er die Worte »Hier ist Downing Street Nummer 10, bitte bleiben Sie am Apparat« hörte, nahm er an, dass es der Premierminister war, der Emma sprechen wollte. Er konnte sich nicht daran erinnern, ob seine Frau in der Klinik war oder eine Sitzung in Barrington House führte.

»Guten Morgen, Mr. Clifton. Hier ist Alan Redmayne. Passt es Ihnen gerade?«

Fast hätte Harry laut aufgelacht. Am liebsten hätte er gesagt: Nein, Sir Alan, im Moment passt es nicht so gut, ich bin in der Küche, will mir eine Tasse Tee machen und kann mich nicht entscheiden, ob ich ein oder zwei Stück Zucker nehmen soll, weshalb es vielleicht besser wäre, wenn Sie später noch einmal anrufen würden. Stattdessen nahm er den Kessel vom Herd und sagte: »Natürlich, Sir Alan, wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich wollte, dass Sie als Erster erfahren, dass John Pengelly kein Problem mehr darstellt. Und obwohl man Sie bisher darüber im Unklaren gelassen hat, sollen Sie nun wissen, dass Ihre Sorgen, Karin Brandt betreffend, zwar verständlich, aber unbegründet waren. Pengelly war nicht ihr Vater, und während der letzten fünf Jahre hat sie sich als eine unserer vertrauenswürdigsten Agentinnen erwiesen. Da Pengelly jetzt kein Thema mehr für uns ist, werden wir sie in den vorzeitigen Ruhestand schicken, und wir haben nicht vor, sie erneut für uns tätig werden zu lassen.«

Harry nahm an, dass »kein Thema mehr sein« ein Euphemismus war, der bedeuten sollte: »Pengelly wurde eliminiert.« Und obwohl es mehrere Fragen gab, die er dem Kabinettssekretär gerne gestellt hätte, äußerte er sich nicht dazu. Er wusste, dass der Mann, der sogar mehreren Premierministern gegenüber Geheimnisse zu bewahren verstand, ihm wohl kaum sagen würde, was er wissen wollte.

»Vielen Dank, Sir Alan. Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?«

»Ja. Auch Ihr Schwager hat gerade eben erst die Wahrheit über seine Frau erfahren, doch Lord Barrington weiß nicht, dass Sie es waren, der uns zuallererst auf Pengellys Spur gebracht hat. Offen gestanden würde ich es vorziehen, wenn er nie davon erfahren würde.«

»Aber was soll ich sagen, wenn er jemals auf dieses Thema zu sprechen kommt?«

»Es gibt keinen Anlass, überhaupt irgendetwas zu sagen. Schließlich hat er keinen Grund zu vermuten, dass Sie über den Namen Pengelly gestolpert sind, als Sie bei einer internationalen Autorenkonferenz in Moskau waren, und ich habe ihn ganz bestimmt nicht darüber aufgeklärt.«

»Vielen Dank, Sir Alan. Es war sehr freundlich von Ihnen, dass Sie mich informiert haben.«

»Nichts zu danken. Und übrigens, Mr. Clifton, herzlichen Glückwunsch. Das haben Sie wirklich verdient.«

Nachdem Giles Downing Street Nummer 10 verlassen hatte, lief er rasch zurück in seine Wohnung am Smith Square. Er war froh, dass heute Markhams freier Tag war, und kaum hatte er die Haustür geöffnet, ging er sofort nach oben ins Schlafzimmer. Er schaltete die Nachttischlampe an, zog die Vorhänge zu und schlug die Bettdecke zurück. Obwohl es erst kurz nach sechs war, brannten am Smith Square bereits die Straßenlampen.

Auf seinem Weg zurück nach unten hatte er gerade die Mitte der Treppe erreicht, als jemand läutete. Er eilte zur Tür, öffnete sie und sah sich einem jungen Mann gegenüber, der auf der Türschwelle stand. Hinter dem jungen Mann parkte ein schwarzer Van, dessen Hecktüren geöffnet waren. Der junge Mann reichte Giles die Hand. »Ich bin Dr. Weeden. Ich nehme an, dass Sie uns erwarten?«

»Ja«, sagte Giles, als zwei Männer aus dem Heck des Vans auftauchten und vorsichtig eine Trage ausluden.

»Folgen Sie mir«, sagte Giles und führte sie nach oben ins Schlafzimmer. Die beiden Sanitäter hoben die bewusstlose Person von der Trage und legten sie aufs Bett. Giles zog die Decke über seine Ehefrau, während die Sanitäter, ohne ein Wort zu verlieren, das Zimmer bereits wieder verließen.

Der Arzt überprüfte ihren Puls. »Ich habe ihr ein Beruhigungsmittel gegeben, weshalb sie ein paar Stunden schlafen wird. Wenn sie aufwacht, wird sie möglicherweise für einen kurzen Augenblick alles für einen Albtraum halten. Doch sobald sie erkennt, dass sie sich in einer vertrauten Umgebung befindet, wird sie sich schnell erholen und sich genau an das erinnern, was geschehen ist. Sie wird sich unweigerlich fragen, wie viel Sie wissen. Es bleibt Ihnen also noch ein wenig Zeit, um genau darüber nachzudenken.«

»Das habe ich bereits«, sagte Giles. Er begleitete Dr. Weeden nach unten und öffnete die Haustür. Noch einmal gaben sich die beiden Männer die Hand. Dann stieg der Arzt, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, nach vorne in den Van. Langsam umrundete das schwarze Fahrzeug den Smith Square, bevor es nach rechts abbog und sich in den dichten Abendverkehr einfädelte.

Sobald der Van außer Sichtweite war, schloss Giles die Tür und eilte wieder nach oben. Er zog einen Stuhl heran und setzte sich neben seine schlafende Frau.

Giles musste eingeschlafen sein, denn das Nächste, was er begriff, war, dass Karin sich im Bett aufgesetzt hatte und ihn anstarrte. Er blinzelte, lächelte und umarmte sie.

»Es ist alles vorbei, mein Liebling. Jetzt bist du in Sicherheit«, sagte er.

»Ich dachte, du würdest mir nie verzeihen, wenn du es herausfinden würdest«, sagte sie und drückte sich an ihn.

»Es gibt nichts zu verzeihen. Vergessen wir die Vergangenheit und konzentrieren uns auf die Zukunft.«

»Aber es ist wichtig, dass ich dir alles erzähle«, sagte Karin. »Keine Geheimnisse mehr.«

»Alan Redmayne hat mich bereits über alles informiert«, sagte Giles und versuchte, sie zu beruhigen.

»Nicht alles«, sagte Karin und löste sich von ihm. »Nicht einmal er weiß alles, und ich kann nicht damit weitermachen, eine Lüge zu leben.« Giles sah sie besorgt an. »Die Wahrheit ist, dass ich dich benutzt habe, um aus Deutschland herauszukommen. Ja, ich mochte dich, doch ich hatte die Absicht, sowohl dich als auch Pengelly hinter mir zu lassen und ein neues Leben zu beginnen, sobald ich sicher in England war. Und das hätte ich auch tatsächlich getan, hätte ich mich nicht in dich verliebt.« Giles nahm ihre Hand. »Aber um dich zu behalten, musste ich dafür sorgen, dass Pengelly auch weiterhin davon überzeugt war, dass ich für ihn arbeiten würde. Meine Rettung war Cynthia Forbes-Watson.«

»Meine auch«, sagte Giles. »Doch ich habe mich in dich verliebt nach der Nacht, die wir zusammen in Berlin verbracht hatten. Es war nicht mein Fehler, dass du etwas länger gebraucht hast, um zu begreifen, wie viel Glück du hattest.« Karin brach in schallendes Gelächter aus und schlang die Arme um ihn. Als sie ihn wieder losließ, sagte Giles: »Ich werde dann mal losgehen und dir eine Tasse Tee machen.«

Typisch britisch, dachte Karin.

2

»Wann sollen wir erscheinen, um an der Vergnügung Ihrer Majestät teilzunehmen?«, fragte Emma mit einem breiten Grinsen, denn sie wollte nicht zugeben, wie stolz sie auf ihren Mann war und wie sehr sie sich auf das Ereignis freute. Im Gegensatz zur Vorstandssitzung, die sie an einem späteren Tag der Woche leiten würde und die ihr nur selten ganz aus dem Kopf ging.

»Irgendwann zwischen zehn und elf«, sagte Harry und warf einen Blick auf seine Einladungskarte.

»Hast du daran gedacht, einen Wagen zu bestellen?«

»Gestern Nachmittag. Und heute Morgen habe ich als Erstes noch einmal nachgefragt, ob alles in Ordnung geht«, fügte er hinzu, als jemand an der Tür klingelte.

»Das wird Seb sein«, sagte Emma. Sie sah auf die Uhr. »Und ausnahmsweise ist er pünktlich.«

»Ich glaube nicht, dass er zu so einem Ereignis jemals zu spät kommen würde«, sagte Karin.

Giles stand vom Frühstückstisch auf, als Markham die Tür öffnete und beiseitetrat, damit Jessica, Sebastian und Samantha, die unverkennbar schwanger war, sich den anderen anschließen konnten.

»Habt ihr schon gefrühstückt?«, fragte Giles und küsste Samantha auf die Wange.

»Ja, vielen Dank«, antwortete Sebastian, als sich Jessica auf einen Stuhl am Frühstückstisch fallen ließ, eine Scheibe Toast mit Butter bestrich und nach dem Glas mit der Orangenmarmelade griff.

»Offensichtlich nicht jeder von euch«, sagte Harry und wandte sich grinsend an seine Enkelin.

»Wie viel Zeit habe ich noch?«, fragte Jessica zwischen zwei Bissen.

»Höchstens fünf Minuten«, sagte Emma in entschiedenem Ton. »Ich will spätestens um halb elf im Palast sein, junge Dame.« Jessica butterte eine weitere Scheibe Toast.

»Giles«, sagte Emma, indem sie sich an ihren Bruder wandte. »Es war sehr nett von dir, dass wir hier übernachten durften, und es tut mir wirklich leid, dass du nicht mit uns kommen kannst.«

»Nur direkte Familienangehörige, so lautet die Regel«, sagte Giles. »Und zwar zu Recht, denn sonst würden sie ein Fußballstadion brauchen, damit alle Platz haben, die gerne dabei wären.«

Von der Tür her erklang ein diskretes Klopfen.

»Das wird unser Fahrer sein«, sagte Emma. Noch einmal überprüfte sie, ob Harrys Seidenkrawatte wirklich gerade saß, und strich ein graues Haar von seinem Cutaway, bevor sie sagte: »Folgt mir.«

»Einmal Vorstandsvorsitzende, immer Vorstandsvorsitzende«, flüsterte Giles, während er seinen Schwager zur Tür begleitete. Sebastian und Samantha folgten ihm, und als Letzte kam Jessica, die inzwischen an ihrer dritten Scheibe Toast kaute.

Als Emma hinaus auf den Smith Square trat, öffnete ein Chauffeur die Hintertür einer schwarzen Limousine. Sie trieb ihre Schäfchen in den Wagen, bevor sie sich selbst zu Harry auf die Rückbank setzte. Samantha und Sebastian hatten auf den beiden Klappsitzen ihnen gegenüber Platz genommen.

»Bist du nervös, Grandpops?«, fragte Jessica, als der Wagen sich in Bewegung setzte und sich in den Vormittagsverkehr einfädelte.

»Nein«, sagte Harry. »Es sei denn, du planst einen Umsturz.«

»Bring sie bloß nicht auf Ideen«, sagte Sebastian, während sie am Unterhaus vorbei in Richtung Parliament Square fuhren. Sogar Jessica schwieg, als sie durch den Admiralty Arch rollten und der Buckingham Palace in Sicht kam. Langsam folgte der Chauffeur der Mall, umrundete die Statue von Königin Victoria und hielt vor den Palasttoren. Er kurbelte das Fenster herunter und sagte zu dem jungen Wachoffizier: »Mr. Harry Clifton und Familie.«

Der Lieutenant lächelte und hakte den Namen auf seinem Klemmbrett ab. »Fahren Sie durch den Torbogen zu Ihrer Linken. Danach wird Ihnen einer meiner Kollegen zeigen, wo Sie parken können.«

Der Chauffeur folgte den Anweisungen und fuhr auf einen großen Hof, wo bereits mehrere Reihen von Fahrzeugen geparkt waren.

»Bitte parken Sie neben dem blauen Ford auf der anderen Seite«, sagte ein weiterer Offizier und deutete über den Hof hinweg. »Danach dürfen sich Ihre Fahrgäste in den Palast begeben.«

Als Harry aus der Limousine gestiegen war, musterte Emma ihn ein letztes Mal mit prüfendem Blick.

»Ich weiß, dass du mir nicht glauben wirst«, flüsterte sie, »aber dein Reißverschluss ist offen.«

Harry wurde knallrot und zog den Reißverschluss hoch, bevor sie alle zusammen die Stufen hinauf und in den Palast gingen. Zwei Diener, welche die in Gold und Rot gehaltene Livree des königlichen Haushalts trugen, hatten am Fuß einer breiten, mit rotem Teppichboden bespannten Treppe Aufstellung genommen. Harry und Emma stiegen langsam die Stufen nach oben und versuchten, alles in sich aufzunehmen. Als sie das obere Ende der Treppe erreicht hatten, wurden sie dort von zwei weiteren Hofbeamten erwartet. Harry fiel auf, dass mit jedem Halt der Rang ihres Gegenübers stieg.

»Harry Clifton«, sagte er, bevor er nach seinem Namen gefragt wurde.

»Guten Morgen, Mr. Clifton«, sagte der höherrangige der beiden Hofbeamten. »Wären Sie so freundlich, mich zu begleiten. Mein Kollege wird Ihre Familie in den Thronsaal führen.«

»Viel Glück«, flüsterte Emma, als der Mann Harry in die andere Richtung führte.

Die Familie stieg eine weitere, nicht ganz so breite Treppe hinauf, die in eine lange Galerie führte. Emma blieb stehen, als sie den hohen Raum betrat, und betrachtete die vielen Reihen dicht an dicht hängender Gemälde, von denen sie zuvor nur Abbildungen in Kunstbüchern gesehen hatte. Sie wandte sich an Samantha. »Da man uns wahrscheinlich kein zweites Mal einladen wird, würde Jessica vermutlich gerne etwas mehr über die Königliche Sammlung erfahren.«

»Ich auch«, sagte Sebastian.

»Viele englische Könige und Königinnen waren Kunstkenner und Kunstsammler«, begann Samantha, »weshalb das hier nur eine winzige Auswahl der Royal Collection ist, die genau genommen nicht dem Monarchen, sondern der Nation gehört. Es wird euch wahrscheinlich aufgefallen sein, dass in der Gemäldegalerie hauptsächlich Werke von britischen Künstlern vom Anfang des 19. Jahrhunderts hängen. Eine bemerkenswerte Venedig-Darstellung von Turner befindet sich gegenüber einem exquisiten Bild, das die Lincoln Cathedral zeigt und von seinem alten Rivalen Constable stammt. Doch wie ihr sehen könnt, wird die Galerie von einem gewaltigen Porträt von Charles II. zu Pferd beherrscht. Es stammt von van Dyck, der damals der am Hof residierende Künstler war.«

Jessica war so hingerissen, dass sie fast vergaß, wo sie und die anderen sich befanden. Als sie den Thronsaal erreichten, bedauerte Emma, dass sie nicht früher aufgebrochen waren, denn die ersten zehn Stuhlreihen waren bereits besetzt. Rasch ging sie den Mittelgang hinab und belegte einen Platz in der ersten verfügbaren Reihe, wo sie wartete, bis die Familie ihr gefolgt war. Sobald sie alle saßen, begann Jessica, den Saal sorgfältig zu studieren.

Knapp über dreihundert zierliche goldene Stühle waren, durch einen breiten Gang in der Mitte getrennt, in Reihen zu je sechzehn Stück hier angeordnet worden. Im vorderen Bereich des Saals befand sich eine mit rotem Teppichboden bespannte Stufe, die zu einem großen, noch leeren Thron führte, der auf seine rechtmäßige Besitzerin wartete. Sechs Minuten vor elf verstummte das nervöse Geplauder, als ein hochgewachsener, eleganter Mann im Cutaway den Saal betrat, am Fuß der Stufe stehen blieb und sich den Anwesenden zuwandte.

»Guten Morgen, Ladys und Gentlemen«, begann er. »Willkommen im Buckingham Palace. Die heutige Verleihung der Auszeichnungen wird in fünf Minuten beginnen. Ich möchte Sie daran erinnern, dass es Ihnen nicht gestattet ist, Fotos zu machen, und Sie bitten, erst aufzubrechen, wenn die Zeremonie vorüber ist.« Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verschwand er ebenso diskret, wie er gekommen war.

Jessica öffnete ihre Handtasche und nahm einen kleinen Block und einen Bleistift heraus. »Von Zeichnen hat er nichts gesagt, Grandma«, flüsterte sie.

Als die Glocken elf Uhr schlugen, betrat Ihre Majestät Königin Elizabeth II. den Thronsaal, und alle Gäste erhoben sich. Die Königin nahm ihren Platz auf der Stufe vor dem Thron ein, sprach jedoch nicht. Auf das Nicken eines Hofbeamten hin betrat die erste Person, die heute geehrt werden sollte, von der anderen Seite her den Saal. Während der nächsten Stunde zeichnete die Monarchin Männer und Frauen aus, die von überall her aus dem Vereinigten Königreich und dem Commonwealth kamen, und führte mit jedem ein kurzes Gespräch, bevor der Hofbeamte erneut nickte und der nächste Auszuzeichnende dem Geehrten vor ihm folgte.

Jessicas Bleistift war erhoben und einsatzbereit, als ihr Großvater den Saal betrat. Während er auf die Königin zuging, stellte der Hofbeamte einen kleinen Hocker vor Ihre Majestät und reichte ihr dann ein Schwert. Jessicas Bleistift kam nicht einen einzigen Augenblick zur Ruhe, während sie die Szene einfing, wie Harry sich auf ein Knie sinken ließ und den Kopf senkte. Sanft berührte die Königin mit der Spitze des Schwerts seine rechte Schulter, hob es an und ließ es dann kurz auf seiner linken Schulter ruhen, bevor sie sagte: »Erheben Sie sich, Sir Harry.«

»Und was ist passiert, nachdem man euch alle in den Tower geführt hat?«, wollte Jessica wissen, als sie vom Palast weg über die Mall fuhren, um Harry zu einem feierlichen Lunch in sein Lieblingsrestaurant zu bringen, das nur ein paar hundert Meter entfernt lag.

»Zunächst wurden wir alle in einen Vorraum gebracht, wo ein Hofbeamter die Zeremonie mit uns durchging. Er war sehr höflich und empfahl uns, dass wir uns aus dem Nacken heraus verbeugen sollten, wenn wir die Queen treffen würden«, sagte Harry, indem er gleichzeitig demonstrierte, was er berichtete, »und nicht aus der Hüfte heraus wie ein Page. Er sagte uns, wir sollten ihr nicht die Hand geben, sie mit ›Eure Majestät‹ ansprechen und darauf warten, dass sie die Unterhaltung beginnt. Unter keinen Umständen war es uns gestattet, eine Frage an sie zu richten.«

»Wie langweilig«, sagte Jessica. »Es gibt so viele Fragen, die ich ihr gerne gestellt hätte.«

»Und wenn wir auf eine Frage antworten würden, die sie uns vielleicht stellen würde«, sagte Harry, der seine Enkelin ignorierte, »sollten wir sie mit Ma’am ansprechen, was sich auf jam reimt. Wenn die Audienz vorbei wäre, sollten wir uns noch einmal verbeugen.«

»Aus dem Nacken heraus«, sagte Jessica.

»Und dann gehen.«

»Aber was würde geschehen, wenn jemand nicht wieder gehen und anfangen würde, ihr Fragen zu stellen?«, sagte Jessica.

»Der Hofbeamte hat uns sehr höflich versichert, dass er die Anweisung hätte, uns den Kopf abzuschlagen, sollte jemand länger als die ihm zugemessene Zeit bleiben.« Alle außer Jessica lachten.

»Ich würde mich weigern, mich zu verbeugen und sie ›Eure Majestät‹ zu nennen«, sagte Jessica nachdrücklich.

»Ihre Majestät ist sehr tolerant gegenüber Rebellen«, sagte Sebastian, indem er versuchte, die Unterhaltung in sicherere Gefilde zu steuern. »Sie akzeptiert, dass die Amerikaner seit 1776 nicht mehr zu bändigen sind.«

»Worüber hat sie gesprochen?«, fragte Emma.

»Sie hat mir gesagt, wie sehr ihr meine Romane gefallen, und gefragt, ob es zu Weihnachten einen weiteren William Warwick geben würde. ›Ja, Ma’am‹, habe ich geantwortet, ›aber es könnte sein, dass Ihnen mein nächstes Buch nicht gefällt, denn ich habe die Absicht, William umzubringen.‹«

»Wie fand sie diese Idee?«, fragte Sebastian.

»Sie hat mich daran erinnert, was ihre Ururgroßmutter Königin Victoria zu Lewis Carroll gesagt hat, nachdem sie Alice im Wunderland gelesen hatte. Ich habe ihr jedoch versichert, dass mein nächstes Buch keine mathematische Abhandlung über Euklid wäre.«

»Wie hat sie reagiert?«, fragte Samantha.

»Sie hat gelächelt und mir damit zu verstehen gegeben, dass unsere Unterhaltung beendet war.«

»Wenn du William Warwick also tatsächlich umbringen wirst, was wird dann das Thema deines nächsten Buches sein?«, fragte Sebastian, als die Limousine vor dem Restaurant vorfuhr.

»Ich habe deiner Großmutter versprochen, Seb«, sagte Harry, als er aus dem Wagen stieg, »dass ich versuchen würde, etwas mit mehr Substanz zu schreiben, das sich, um ihre Worte zu benutzen, über jede Bestsellerliste hinaus behaupten und die Prüfung der Zeit bestehen wird. Ich werde nicht jünger, und sobald ich meinen aktuellen Vertrag erfüllt habe, möchte ich versuchen herauszufinden, ob ich ihren Ansprüchen gerecht werden kann.«

»Hast du schon eine Idee, ein Thema oder auch nur einen Titel?«, wollte Sebastian wissen, als sie das Le Caprice betraten.

»Ja, ja und ja«, sagte Harry, »aber das ist alles, was ich dir im Augenblick verraten möchte.«

»Aber du wirst es mir verraten, nicht wahr, Grandpops?«, sagte Jessica und reichte Harry ihre Bleistiftzeichnung, auf der zu sehen war, wie er vor der Königin kniete und das Schwert seine rechte Schulter berührte.

Harry schnappte nach Luft, während die anderen Mitglieder der Familie lächelten und applaudierten.

Er wollte gerade auf ihre Frage antworten, als der Oberkellner vortrat und ihn rettete.

»Ihr Tisch ist bereit, Sir Harry.«

3

»Niemals, niemals, niemals«, sagte Emma. »Muss ich dich erst daran erinnern, dass unser hochgeschätzter Sir Joshua 1839 Barrington Shipping gegründet hat und im ersten Jahr einen Gewinn von …«

»Dreiunddreißig Pfund, vier Shilling und zwei Pence erwirtschaften konnte. Das hast du mir zum ersten Mal erzählt, als ich fünf Jahre alt war«, sagte Sebastian. »Gewiss, Barrington’s hat es geschafft, für seine Aktionäre im letzten Jahr eine ordentliche Dividende zu erzielen. Doch die Wahrheit ist, dass es immer schwieriger für uns wird, uns auch in Zukunft neben den wirklich großen Mitspielern wie Cunard oder P & O zu behaupten.«

»Ich frage mich, was dein Großvater dazu gesagt hätte, dass Barrington’s eventuell von einem seiner schärfsten Konkurrenten übernommen wird.«

»Nach allem, was ich von diesem großen Mann gehört oder über ihn gelesen habe«, erwiderte Sebastian und sah zu dem Porträt von Sir Walter auf, das hinter seiner Mutter an der Wand hing, »hätte er seine Möglichkeiten abgewogen und sich die Frage gestellt, was für die Aktionäre und die Angestellten das Beste wäre, bevor er eine endgültige Entscheidung getroffen hätte.«

»Ich möchte diesen Familienstreit zwar nur ungern unterbrechen«, warf Admiral Summers ein, »aber wir sollten auf jeden Fall darüber sprechen, ob das Angebot von Cunard überhaupt irgendetwas taugt.«

»Es ist ein faires Angebot«, sagte Sebastian in sachlichem Ton, »aber ich bin davon überzeugt, dass wir von ihnen noch zehn oder vielleicht sogar fünfzehn Prozent mehr bekommen könnten, was, offen gestanden, jener Summe entspräche, auf die wir im besten Fall hoffen dürften. Wir müssen also vorerst nur darüber zu einer Entscheidung kommen, ob wir ihr Angebot ernst nehmen oder von vornherein ablehnen wollen.«

»Dann ist es vielleicht an der Zeit, dass wir uns die Ansichten unserer Direktorenkollegen anhören«, sagte Emma und sah sich am Vorstandstisch um.

»Natürlich könnten wir alle«, sagte Philip Webster, der Vorstandssekretär, »unsere Meinung zu einem Thema äußern, das zweifellos die wichtigste Entscheidung in der Geschichte des Unternehmens betrifft, Chairman. Doch da Ihre Familie Mehrheitsaktionär ist, können nur Sie über den einzuschlagenden Weg entscheiden.«

Die anderen Direktoren nickten zustimmend, doch das hinderte sie nicht daran, während der nächsten vierzig Minuten ihre Ansichten zu äußern. Danach begriff Emma, dass beide Optionen im Vorstand die gleiche Anzahl an Befürwortern fanden.

»Gut«, sagte sie, nachdem der eine oder andere Direktor sich zu wiederholen begann. »Clive, da Sie der Leiter unserer Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit sind, würde ich vorschlagen, dass Sie zwei Presseerklärungen zur Entscheidung des Vorstands vorbereiten. Die erste sollte kurz sein und sich auf das Wesentliche beschränken. Cunard muss darin unmissverständlich deutlich gemacht werden, dass wir uns durch das Angebot zwar geschmeichelt fühlen, Barrington Shipping jedoch ein Familienunternehmen ist, das nicht zum Verkauf steht.«

Der Admiral wirkte zufrieden, doch Sebastian blieb gelassen.

»Und die zweite?«, fragte Clive Bingham, nachdem er die Worte der Vorstandsvorsitzenden notiert hatte.

»Der Vorstand weist Cunards Angebot als vollkommen lächerlich zurück und hat die Absicht, die Geschäfte des Unternehmens wie gewohnt weiterzuführen.«

»Das könnte bei Cunard den Eindruck erwecken, dass du möglicherweise interessiert wärst, wenn der Preis stimmt«, warnte Sebastian.

»Und was würde dann geschehen?«, fragte der Admiral.

»Der Vorhang würde sich öffnen, und das Schauspiel würde beginnen«, sagte Sebastian. »Denn dem Vorstandsvorsitzenden von Cunard dürfte zweifellos bewusst sein, dass die Hauptdarstellerin noch nichts weiter getan hat, als ihr Taschentuch fallen zu lassen, in der Hoffnung, dass der Held es aufheben und mit jenem uralten Ritual des Umwerbens der Dame beginnen wird, welches vielleicht zu einem Antrag führen kann, den anzunehmen sie sich in der Lage sieht.«

»Wie viel Zeit haben wir?«

»Die Finanzleute der City wissen wahrscheinlich, dass wir eine Vorstandssitzung abhalten, um das Übernahmeangebot zu besprechen, und sie erwarten eine Reaktion auf Cunards Vorschlag bis zum Geschäftsschluss heute Abend. Der Markt kommt mit fast allem zurecht – einer Finanzschwäche, einer Hungersnot, einem unerwarteten Wahlergebnis und sogar einem Staatsstreich –, nur nicht mit Ungewissheit.«

Emma öffnete ihre Handtasche, nahm ein Taschentuch heraus und ließ es zu Boden fallen.

»Wie hat dir die Predigt gefallen?«, fragte Harry.

»Ich fand sie überaus interessant«, sagte Emma. »Aber eigentlich sind die Predigten von Reverend Dodswell immer ziemlich gut«, fügte sie hinzu, als die beiden den Kirchhof verließen und zum Manor House zurückgingen.

»Ich würde mit dir über seine Ansichten zum ungläubigen Thomas diskutieren, wenn ich den Eindruck hätte, dass du dir auch nur ein Wort von dem angehört hast, was er gesagt hat.«

»Ich fand es faszinierend, wie er das Thema angegangen ist«, protestierte Emma.

»Nein, das fandest du nicht. Er hat den ungläubigen Thomas kein einziges Mal erwähnt. Aber ich werde dich nicht noch mehr in Verlegenheit bringen, indem ich dich frage, worüber er denn nun wirklich gepredigt hat. Ich hoffe nur, unser Herr wird Verständnis dafür zeigen, dass dir die mögliche Übernahme nicht aus dem Kopf geht.«

Eine Weile gingen sie schweigend weiter, bis Emma schließlich sagte: »Es ist nicht die Übernahme, die mir Sorgen macht.«

»Was dann?«, sagte Harry. Er klang überrascht. Emma nahm seine Hand. »Ist es so schlimm?«, fragte er.

»Die Maple Leaf ist nach Bristol zurückgekehrt und wartet im Dock darauf, abgewrackt zu werden.« Sie hielt kurz inne. »Die Abwrackarbeiten sollen am Dienstag beginnen.«

Wieder gingen sie eine Zeitlang schweigend weiter, bis Harry sagte: »Was willst du in dieser Sache unternehmen?«

»Ich glaube nicht, dass wir eine Wahl haben, wenn wir uns nicht für den Rest unseres Lebens fragen wollen, ob …«

»Und wir könnten endlich eine Antwort auf die Frage bekommen, die unser Leben all die Jahre über so kompliziert gemacht hat. Warum versuchst du nicht einfach, so diskret wie möglich zu erfahren, ob sich noch irgendetwas in der Doppelwand des Schiffsrumpfs befindet?«

»Die Arbeit könnte sofort beginnen«, gestand Emma. »Aber ich wollte die endgültige Genehmigung dazu erst dann geben, wenn ich deinen Segen habe.«

Clive Bingham hatte sich über das Angebot, dem Vorstand von Barrington Shipping beizutreten, sehr gefreut, und obwohl es für ihn nicht leicht gewesen war, an die Stelle seines Vaters zu treten und einen Direktorenposten zu übernehmen, hatte er den Eindruck, dass das Unternehmen von seinem Sachverstand und seiner Erfahrung auf dem Gebiet der Öffentlichkeitsarbeit profitierte, das bis zu seiner Ernennung sträflich vernachlässigt worden war. Trotzdem hatte er keinen Zweifel daran, was Sir Walter Barrington davon gehalten hätte, einen PR-Mann in den Vorstand aufzunehmen: Es war, als würde man einen Lieferanten zum Familiendinner einladen.

Clive leitete seine eigene Werbeagentur in der City, und er und seine elf Mitarbeiter hatten bisher schon so manche Übernahmeschlacht miterlebt. Die neueste Übernahme jedoch, so gestand er Sebastian, raubte ihm den Schlaf.

»Warum? Es ist nicht besonders ungewöhnlich, wenn ein Familienunternehmen von einer anderen Firma übernommen wird. Das gab es in letzter Zeit ziemlich oft.«

»Stimmt«, sagte Clive. »Doch diesmal ist es etwas Persönliches. Deine Mutter hat mir gegenüber großes Vertrauen bewiesen, als sie mir anbot, nach dem Ausscheiden meines Vaters dem Vorstand beizutreten, und offen gestanden ist es nicht gerade so, als ob ich die Handelspresse über eine neue Schifffahrtsroute zu den Bahamas, über unsere Rabatte für Stammkunden oder meinetwegen auch über den Bau eines dritten Luxusliners informiere. Wenn ich das hier vermassele …«

»Deine Ausführungen gegenüber der Presse waren bisher absolut perfekt«, sagte Sebastian, »und Cunards jüngstes Angebot entspricht schon fast genau dem, was wir uns vorstellen. Wir wissen das, und sie wissen das auch, also könntest du deine Aufgabe gar nicht noch professioneller erledigt haben.«

»Es ist nett von dir, so etwas zu sagen, Seb, aber ich fühle mich wie ein Läufer auf der Zielgeraden. Ich kann das Band schon sehen, aber da ist noch eine Hürde, die ich nehmen muss.«

»Und du wirst das in perfekter Haltung tun.«

Clive zögerte einen Augenblick, bevor er weitersprach. »Ich bin nicht davon überzeugt, dass deine Mutter wirklich an einem Erfolg der Übernahmeverhandlungen interessiert ist.«

»Da könntest du recht haben«, sagte Sebastian. »Doch es gibt eine Kompensation für sie, die du möglicherweise noch nicht in Betracht gezogen hast.«

»Nämlich?«

»Ihre Arbeit als Vorsitzende eines Klinikbeirats nimmt sie mehr und mehr in Anspruch. Sie leitet eine Klinik, die über mehr Angestellte und über ein größeres Budget verfügt als Barrington Shipping und die, was vielleicht am wichtigsten ist, von niemandem übernommen werden kann.«

»Aber wie stehen Giles und Grace dazu? Schließlich sind sie die Mehrheitsaktionäre.«

»Sie haben ihr die letzte Entscheidung überlassen, was wahrscheinlich auch der Grund dafür ist, warum sie mich gefragt hat, wie ich die Sache sehe. Und ich habe sie nicht im Geringsten im Zweifel darüber gelassen, dass ich tief im Innersten ein Banker bin und kein Mann, der sich mit Schiffen beschäftigt, und dass ich lieber Vorstandsvorsitzender von Farthings Kaufman als von Barrington’s wäre. Es dürfte ihr nicht leichtgefallen sein, aber am Ende hat sie wohl eingesehen, dass ich nicht beides sein kann. Wenn ich nur einen jüngeren Bruder hätte.«

»Oder eine Schwester«, sagte Clive.

»Psst … sonst bringst du am Ende sogar noch Jessica auf Ideen.«

»Aber sie ist doch erst dreizehn.«

»Ich glaube nicht, dass sie das für ein Problem halten würde.«

»Wie kommt sie in ihrer neuen Schule zurecht?«

»Ihre Kunstlehrerin hat erklärt, sie möchte lieber selbst bekannt geben, dass eine Achtklässlerin auf die Schule geht, die bereits eine bessere Künstlerin ist als sie selbst. Und sie würde das gerne eingestehen, bevor es zu offensichtlich wird.«

Als Emma am späten Montagabend vom Abwrackplatz zurückkehrte, war ihr klar, dass sie Harry würde berichten müssen, was Frank Gibson und seine Leute gefunden hatten, nachdem der doppelwandige Schiffsrumpf der Maple Leaf aufgeschweißt worden war.

»Es war genau so, wie wir immer befürchtet hatten«, sagte sie, als sie sich Harry gegenübersetzte. »Sogar noch schlimmer.«

»Schlimmer?«, wiederholte Harry.

Sie senkte den Kopf. »Arthur hat eine Nachricht in die Wand geritzt.« Sie hielt inne, doch es gelang ihr nicht, die Worte auszusprechen.

»Du musst sie mir nicht sagen«, erwiderte Harry und nahm ihre Hand.

»Doch, das muss ich. Sonst werden wir für den Rest unseres Lebens eine Lüge leben.« Es dauerte eine Weile, bis sie weitersprechen konnte. »Er hat geschrieben: ›Stan hatte recht. Sir Hugo wusste, dass ich hier drin gefangen bin‹ … Also hat mein Vater deinen Vater ermordet«, sagte sie schluchzend.

Wieder schwiegen beide. Dann sagte Harry: »Das können wir nie mit Sicherheit wissen. Und vielleicht, mein Liebling, wäre es besser, wenn wir nicht …«

»Ich will es auch gar nicht mehr wissen. Aber der arme Mann sollte wenigstens ein christliches Begräbnis bekommen. Deine Mutter hätte nichts Geringeres erwartet.«

»Ich werde ein vertrauliches Gespräch mit dem Pfarrer führen.«

»Wer sollte sonst noch teilnehmen?«

»Nur wir zwei«, sagte Harry, ohne zu zögern. »Nichts wäre gewonnen, wenn wir Seb und Jessie denselben Schmerz zufügen würden, unter dem wir selbst so viele Jahre gelitten haben. Und wir wollen beten, dass dies das Ende dieser Angelegenheit ist.«

Emma sah auf zu ihrem Mann. »Offensichtlich hast du noch nichts von den Wissenschaftlern in Cambridge gehört, die an einer Sache arbeiten, die sich DNS nennt.«

BARRINGTON-SPRECHER:

WIR SIND FAST DURCH

»Verdammt«, knurrte Clive, als er die Überschrift in der Financial Times sah. »Wie konnte ich nur so dumm sein?«

»Hör auf, dich selbst schlecht zu machen«, erwiderte Sebastian. »Tatsache ist, dass wir wirklich fast durch sind.«

»Nun, wir beide wissen das, aber Cunard muss das nicht unbedingt herausfinden.«

»Sie wussten es bereits«, sagte Sebastian, »lange bevor sie die Überschrift gesehen haben. Ehrlich gesagt wäre es reines Glück, wenn wir bei diesem Geschäft noch mehr als ein zusätzliches Prozent herausholen würden. Ich vermute, dass sie bereits ihr Limit erreicht haben.«

»Trotzdem«, sagte Clive. »Deine Mutter wird nicht gerade begeistert sein, und wer wollte ihr das verübeln?«

»Sie wird annehmen, dass das alles zur Endphase der Verhandlungen gehört, und ich werde nicht derjenige sein, der sie über diesen Irrtum aufklärt.«

»Danke für deine Unterstützung, Seb. Ich weiß das wirklich zu schätzen.«

»Du hast mir mindestens ebenso sehr geholfen, als Sloane sich zum Vorstandsvorsitzenden wählen ließ und mich am nächsten Tag entlassen hat. Hast du etwa vergessen, dass Kaufmans die einzige Bank war, die mir eine Stelle angeboten hat? Aber wie auch immer, sie dürfte vielleicht sogar ganz zufrieden über die Schlagzeile sein.«

»Wie meinst du das?«

»Ich bin immer noch nicht davon überzeugt, dass sie will, dass die Übernahme gelingt.«

»Wird das der Übernahme schaden?«, fragte Emma, nachdem sie den Artikel gelesen hatte.

»Es könnte sein, dass wir um ein oder zwei Prozent nachgeben müssen«, sagte Sebastian. »Aber du solltest niemals Cedric Hardcastles kluge Worte zum Thema Übernahmen vergessen: Wenn du mehr bekommst, als du erwartet hast, während die andere Seite ihrerseits davon überzeugt ist, ein gutes Geschäft zu machen, verlassen alle zufrieden den Verhandlungstisch.«

»Wie werden wohl Giles und Grace reagieren? Was meinst du?«

»Onkel Giles verbringt den Großteil seiner freien Zeit damit, kreuz und quer durchs Land zu reisen und die Wahlkreise zu besuchen, in denen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zu erwarten ist, weil er hofft, dass Labour die nächste Wahl immer noch gewinnen kann. Denn es könnte sein, dass er als Politiker nie wieder ein Amt bekommt, wenn Margaret Thatcher die nächste Wahl gewinnt.«

»Und Grace?«

»Ich glaube nicht, dass sie in ihrem ganzen Leben jemals die Financial Times gelesen hat, und sie wüsste sicher nicht, was sie tun sollte, wenn du ihr einen Scheck über zwanzig Millionen Pfund gibst, wenn man bedenkt, dass ihr gegenwärtiges Gehalt etwa zwanzigtausend pro Jahr beträgt.«

»Sie wird deine Hilfe und deinen Rat brauchen, Seb.«

»Ich kann dir versichern, Mutter, dass Farthings Kaufman das Kapital von Dr. Barrington überaus umsichtig investieren und dabei vor allem im Auge behalten wird, dass sie in ein paar Jahren in Pension gehen will, wobei sie gewiss auf regelmäßige Einnahmen und einen angenehmen Wohnort hoffen dürfte.«

»Sie kann bei uns in Somerset wohnen«, sagte Emma. »Maisies altes Cottage wäre absolut passend für sie.«

»Dazu ist sie viel zu stolz, und das weißt du, Mutter«, sagte Sebastian. »Ehrlich gestanden hat sie mir bereits gesagt, dass sie sich nach etwas in Cambridge umsieht, damit sie in der Nähe ihrer Freunde bleiben kann.«

»Aber wenn die Übernahme erst durch ist, wird sie so viel Geld haben, dass sie sich ein Schloss kaufen kann.«

»Jede Wette«, sagte Sebastian, »dass sie in einem kleinen Reihenhaus nicht allzu weit von ihrem alten Cottage entfernt enden wird.«

»So langsam bewegst du dich gefährlich nah an einen Zustand heran, den man fast als weise bezeichnen könnte«, sagte Emma und fragte sich, ob sie auch ihr jüngstes Problem mit ihrem Sohn besprechen sollte.

4

»Sechs Monate?«, sagte Harry. »Man hätte diesen verdammten Kerl hängen, strecken und vierteilen sollen.«

»Du solltest dich da nicht so reinsteigern«, sagte Emma ruhig, während sie sich eine zweite Tasse Tee einschenkte.

»Dieser Gangster, der eine Schwester in der Notaufnahme geschlagen und dann einen Arzt angegriffen hat, hat nur sechs Monate bekommen.«

»Dr. Hands«, sagte Emma. »Ich verstehe deine Gefühle ja, aber es gab mildernde Umstände.«

»Welche?«, wollte Harry wissen.

»Die betroffene Schwester war nicht bereit auszusagen, als der Fall vor Gericht kam.«

»Warum nicht?«, fragte Harry und ließ die Zeitung sinken.

»Mehrere meiner besten Schwestern kommen aus Übersee, und sie wollen nicht gerne im Zeugenstand erscheinen, weil sie Angst haben, die Behörden könnten herausfinden, dass ihre Einwanderungspapiere nicht immer, sagen wir, in absolut makellosem Zustand sind.«

»Das ist kein Grund, in einem solchen Fall beide Augen zuzudrücken«, sagte Harry.

»Uns bleibt kaum etwas anderes übrig, wenn der Nationale Gesundheitsdienst nicht zusammenbrechen soll.«

»Das ändert nichts daran, dass dieser Gangster eine Schwester geschlagen hat, und zwar« – Harry warf noch einmal einen Blick auf den Artikel – »in einer Samstagnacht … und dass er dabei offensichtlich betrunken war.«

»Samstagnacht ist der entscheidende Hinweis«, sagte Emma. »Das hätte William Warwick bei einem Gespräch mit der leitenden Oberschwester sofort herausgefunden, und er hätte auch erfahren, warum die Oberschwester jeden Samstagnachmittag um fünf Uhr das Radio einschaltet.« Harry hob eine Augenbraue. »Dann hört sie nämlich, wie Bristol City oder die Bristol Rovers gespielt haben, je nachdem, welche der beiden Mannschaften an diesem Tag ein Heimspiel hatte.« Harry unterbrach seine Frau nicht. »Wenn eine der Mannschaften aus Bristol gewonnen hat, wird es eine ruhige Nacht in der Notaufnahme. Bei einem Unentschieden ist die Lage halbwegs erträglich. Aber wenn die Mannschaft verloren hat, wird das Ganze ein Albtraum, denn wir haben einfach nicht genügend Mitarbeiter, um damit zurechtzukommen.«

»Nur weil eine der Heimmannschaften ein Fußballspiel verloren hat?«

»Ja, denn unsere Fans werden garantiert irgendwo ihren Kummer ertränken und schließlich mit irgendwem Streit anfangen. Einige von ihnen werden – wie überraschend – in der Notaufnahme auftauchen, wo sie stundenlang warten müssen, bevor sich jemand um sie kümmern kann. Die Folge? Im Wartezimmer brechen noch mehr Streitereien aus, und manchmal versucht eine Schwester oder ein Arzt einzugreifen.«

»Gibt es kein Sicherheitspersonal, das sich darum kümmern kann?«

»Ich fürchte, wir haben nicht genügend Wachleute. Und die Klinik verfügt nicht über die nötigen Mittel, um etwas daran zu ändern, denn siebzig Prozent unseres jährlichen Budgets müssen für Löhne und Gehälter aufgewendet werden, und die Regierung besteht auf Einsparungen, anstatt irgendwelche Gelder zu verteilen. Deswegen kannst du sicher sein, dass wir in der nächsten Samstagnacht vor genau demselben Problem stehen, sollten die Rovers gegen Cardiff City verlieren.«

»Hat Mrs. Thatcher schon irgendwelche Ideen, wie das Problem gelöst werden soll?«

»Ich vermute, sie ist ganz deiner Ansicht, mein Liebling. Hängen, strecken und vierteilen wäre noch zu gut für solche Kerle. Aber ich glaube nicht, dass du zu diesem Punkt nähere Ausführungen im nächsten Parteiprogramm der Konservativen finden wirst.«

Dr. Richards hörte sich den Herzschlag seines Patienten an – zweiundsiebzig Schläge pro Minute – und setzte einen Haken in ein weiteres Kästchen.

»Da wäre zum Schluss noch eine Sache, Sir Harry«, sagte der Arzt und zog einen Latexhandschuh an. »Ich möchte Ihre Prostata untersuchen.«