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Winter in Deutschland.Kein Märchen. Sachlich und analysierend, durchaus mit Gefühl, auch mit Zorn geschrieben ist dieses Buch. Und immer wieder kommt in über 400 Versen scharfe Satire zum Vorschein, mit welcher der frühere Eulenspiegel-Autor deutsches Wesen und deutsche Schande - vorgestern, gestern und heute - geißelt. Das stilistische Mittel Hein`scher Dichtung benutzend ("Deutschland, ein Wintermärchen"), schuf der Autor ein Werk, welches nicht nur literarisches Lesevergnügen bereitet (mit originellen Illustrationen vom Autor), sondern gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland beleuchtet und gegenwärtige Politik kritisiert. Im Mittelpunkt steht dabei durchaus der unbewältigte deutsche Einigungsprozeß mitsamt den nicht wegzuredenden Befindlichkeiten des ostdeutschen Menschen. LESEPROBE: Im traurigen Monat November war`s, neunzehnhundertachtzigundneun, da wollten die Leute im östlichen Lande gern westliche Leute sein. Schon hundertfünfzig Jahre lang hatten sie Revolutionen geübt, doch es klappte nie, die Obrigkeit hat Revolutionen nicht richtig geliebt.
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Seitenzahl: 40
Veröffentlichungsjahr: 1997
Manfred Kubowsky
Winter in Deutschland. Kein Märchen.
oder Die Freiheit ist eine teure Hure
ISBN 978-3-931646-77-6 (E-Book)
EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern
Tel.: 03860-505 788 Fax: 03860-505 789 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.com
Im traurigen Monat November war’s,
Neunzehnhunderachtzigundneun,
da wollten die Leute im östlichen Lande
gern westliche Leute sein.
Schon hundertfünfzig Jahre lang
hatten die Deutschen Revolutionen geübt,
doch es klappte nie, die Obrigkeit
hat Revolutionen nicht richtig geliebt.
Dann versuchten sie es Dreiunddreißig
mit ihrem schnauzbärtigen Führer,
auch der hat sie betrogen, am Ende
waren sie erneut die Verlierer.
Da saßen sie wieder links und rechts
der Elbe im treudeutschen Garten.
Sie schauten verliebt auf die Obrigkeit
und schienen auf etwas zu warten.
Zum Zweck der Abgrenzung teilte man
die schönen deutschen Täler.
Die einen bekamen das Trümmerfeld,
Bananen die westlichen Wähler.
Die einen wollten aus Dreck und Schweiß
ein neues Deutschland bauen,
die anderen konnten der Deutschen Bank
und der Marshallplanhilfe vertrauen.
So gingen sie völlig getrennte Wege,
die Schafe hier, dort die Kälber.
Sie vergaßen bald: Verursacht hatten
den deutschen Jammer sie selber.
In jenem Monat November war’s,
als rings die Mauern krachten.
Sie nannten sich Brüder, umarmten sich,
und sie weinten, und sie lachten.
Generös beschenkte der reiche Bruder
den armen Bruder vom Osten:
"Hier hast du Bananen und Schokolade,
du musst sie unbedingt kosten!"
Im Innersten dachte der Schenkende sich:
Die Schätze sollen sie haben.
Ich werde derweilen in Altakten schon
nach Altimmobilien graben;
und meine Karriere ist längst vorbei,
doch ich will einen höheren Posten.
Vielleicht, wenn es gut geht, finde ich den
nach kurzer Zeit schon im Osten.
Dann werde ich diesen Ungebildeten
mal zeigen, was Demokratie ist, dass
man sich nach dem Klogang wäscht
und auch nicht wie ein Vieh frisst.
Ich bin ganz eins mit der Politik,
da wird erobert, und nicht vereint.
Und es mag kommen, wie es immer war:
Der eine lacht, der andere weint.
Die Politiker predigten väterlich,
die Medien schwollen vor Jubel,
doch graue Wolken schimmerten schon
hinter dem Einheitstrubel.
Ich stand zu Berlin mit staunendem Blick
am Brandenburger Tore,
und ich hörte die Massen rings um mich
rufen im schallenden Chore:
"Helmut, Helmut, wir lieben dich
und Hans-Dietrich wirklich abgöttisch!"
Es hörte sich an wie "Führer befiehl!",
so dachte ich bei mir spöttisch.
Wie kann man sich nach dem Geschrei
vor des Generalsekretärs Tribünen
so plötzlich wenden, um einem andren,
beleibteren Herrn zu dienen?
Ist alles vergessen, was einmal war,
vor allen die besseren Sachen?
Sie lassen sich wie die Schafe treiben,
das können nur Deutsche machen.
Ich ging über den Alexanderplatz
nach Hause mit Sorgen und Fragen,
und dachte, wie einst an dieser Stelle
nur Ruinen und Trümmer lagen,
wie Mütter und Kinder an diesem Ort,
nur Wassersuppe in den Töpfen,
mit frostroten Händen Ziegel geputzt,
war das alles raus aus den Köpfen?
Zuhause in meinem behaglichen Heim
saß ich vor der Fernsehkiste,
doch sie erklärte mir nichts von dem,
was ich nur allzu gern wüsste.
Wach lag ich dann in meinem Bett
mit Sorgen und mit Kummer,
und erst nach vielen Stunden kam
der alles mildernde Schlummer.
Da träumte mir wieder der alte Traum;
wir lebten schon hundert Jahr’ weiter,
wir zogen zum ZOO beim Lindenbaum,
der Tag war sonnig und heiter.
Wir gingen so viele grüne Wege,
und es war sehr friedvoll, ganz ehrlich.
Nur in einem weit entfernten Gehege,
da brüllte und jault’ es gefährlich.
Und wie sie uns zum Gehege führten,
da sahen wir ganz seltsame Wesen,
die in Freiheit längst nicht mehr existierten:
Es sind deutsche Politiker gewesen.
Ihr Deutschen, dacht’ ich beim Erwachen,
man erspart euch gar nichts, leider –
denn deutsche Politiker aller Couleurs
politisieren munter weiter.
Sie werden Parteien, Vereine, Gruppen
und Hirne und Hände rühren,
um euch, ihr revolutionären Ochsen,
zu führen und zu verführen.
Es rührten auch Hirne und Hände
die Menschen zu ihrem Besten.
Sie bauten Häuser, doch besser
lebten die Leute im Westen.
Ich weiß noch, wie meine Mutter
am Prenzlauer Berg mit Sorgen
die Lebensmittelmarken gezählt,
das tat sie an jedem Morgen.
Zu mir aber sagte sie: Mein Sohn,
du sollst etwas Besseres werden,
eines Tages hast du bestimmt
das Paradies auf Erden.
Dann wurde ich wie die andren
in den Trichter der Arbeit gezogen.
Wir schufteten wie Ackergäule
und fühlten uns gar nicht betrogen,
es erblühte das Land und das Leben
bei niedrigen Mieten und Preisen.
Und hatten wir Ferien, dann konnten
wir sogar ein wenig verreisen.
Doch als ich einmal fragte
nach dem schönen Lande Spanien,
da winkten sie ab, die Genossen:
Da gibt es doch nur Kastanien!
Im herrlichen Ungarlande,
am platten Balaton,
da lebst du auch wie ein Grande,
das verstehst du sicherlich schon.
Im Westen, so stand in der Zeitung,
sind alle nur Tagelöhner,
mit Ausnahme der Wirtschaftsbosse,
