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Obwohl Caitlin, Marie und Melissa zu Schulzeiten die besten Freundinnen waren, haben sie schon lange keinen Kontakt mehr. Als sie sich endlich wiedersehen, hat der Winter die Stadt fest im Griff und die drei Frauen lernen sich neu kennen. Jede hadert auf gewisse Weise mit ihrem Leben, gleichwohl nach außen betrachtet alles in Ordnung ist. Als das gemeinsame Wochenende endet, sind die Bande wieder fest und Melissas Ehemann ist tot.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Anna Kosak
Winterkinder
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Winterkinder
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Impressum neobooks
Lana del Rey, “This is what makes us Girls”:
Remember how we used to party up all night
Sneakin’ out and lookin’ for a taste of real life
Drinkin’ in the small town firelight
Pabst Blue Ribbon on ice
Sweet sixteen and we had arrived
Walkin’ down the street as they whistle, "Hi, hi!"
Stealin' police cars with the senior guys
Teachers said we'd never make it out alive
There she was, my new best friend
High heels in her hands, swayin' in the wind
Oh she starts to cry, mascara running down her little Bambi eyes:
"Lana, how I hate those guys."
This is what makes us girls
We all look for heaven and we put love first
Don't you know we'd die for it? It's a curse
Don't cry about it, don't cry about it
This is what makes us girls
We all stick together 'cause we put love first
Don't cry about him
It's all going to happen
And that's where the beginning of the end began
Everybody knew that we had too much fun
We were skippin' school and drinkin' on the job
With the boss
Sweet sixteen and we had arrived
Baby's table-dancing at the local dive
Cheerin’ our names in the pink spotlight
Drinkin' cherry schnapps in the velvet night
Yeah we used to go break into the hotel pool
glimmering we'd swim
Runnin' from the cops in our black bikini tops
Screamin’ "Get us while we're hot"
"We don’t give a whaaat?"
This is what makes us girls
We all look for heaven and we put love first
Don't cry about him, don't cry about him
It's all going to happen
The prettiest in-crowd that you had ever seen
Ribbons in our hair and our eyes gleamed mean
A freshmen generation of degenerate beauty queens
And you know something?
They were the only friends I ever had
We got into trouble and when stuff got bad
I got sent away, I was wavin’ on the train platform
Cryin’ 'cause I know I'm never comin' back.
This is what makes us girls
We all look for heaven and we put love first
Don't you know we'd die for it? It's a curse
Don't cry about it, don't cry about it
This is what makes us girls
To all the little queens, do you know what you're worth?
I'll tell you every day ‘till you get it, girl
It's all going to happen
All Rights reserved to: Lana del Rey/Universal Music Group
Was sie nun dazu brachte, an die beiden anderen zu denken, war etwas ganz Profanes, etwas so Unauffälliges und Alltägliches, dass man ihm eigentlich keine große Bedeutung zugemessen hätte. Marie-Luise stutzte dennoch. Vor ihr, auf dem Bürgersteig, lag ein Bonbonpapier. Es war ein bisschen schmutzig, aber die Alufolie glänzte noch schwach golden. In weißer Schnörkelschrift stand der Produktname auf dem blass violetten Papier geschrieben: Mirabella.
Flüchtig blinkt eine Erinnerung in ihrem Kopf auf – Nachmittage voller Lachanfälle, essen in der Mensa, Pyjamapartys mit giggelnden Mädchen unter dicken Bettdecken. Und nebenbei immer Karamellbonbons.
Aber nur die von Mirabella. Das waren die Prinzessinnen-Bonbons.
Es schneite. Melissa saß am Fenster und kaute an ihrem Daumennagel. Seit Stunden schon schneite es und es schien, als gebe es so bald kein Ende. Alles war von einer weißen Schicht zugedeckt und nur hier und da lugte die Spitze eines Busches hervor. Die Schubkarre stand noch draußen und wurde langsam eingeschneit. Melissa konnte sich jedoch nicht motivieren, sie ins Gartenhäuschen zu bringen.
Halb acht. Robert wollte schon seit anderthalb Stunden zu Hause sein. Wo blieb er nur? Sie suchte die Einfahrt mit ihren Augen ab, aber natürlich versteckte sich ihr Ehemann nicht irgendwo im Gebüsch.
Um sich abzulenken, begann sie die Küche zu wischen, auch wenn sie heute noch nicht gekocht hatte und die Küche sehr sauber war. Robert würde das natürlich nicht nachvollziehen können. Wie er überhaupt ihren Tag nicht nachvollziehen können würde. Sie war schließlich nicht die erfolgreiche Geschäftsfrau, die sich abends mit ihrem ebenfalls berufstätigen Ehemann über den Job unterhalten konnte.
Gerade wusch sie sich die Hände, als der Schlüssel in der Haustür gedreht wurde. Kurz darauf kam Robert herein.
„Bis du etwa schon wieder am Putzen?“
Melissa trocknete sich die Hände an einem Küchentuch.
„Hast du noch Hunger? Ich könnte Putenbrust mit Salat machen.“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich habe schon mit den Kollegen was gegessen. Ich bin dann oben, duschen.“
Sie hörte seine Schritte auf der Treppe. Melissa spürte einen Kloß im Hals.
*
Als sie am nächsten Morgen aufwachte, wurde es bereits hell. Durch die Vorhänge drangen die ersten Sonnenstrahlen.
Sie hatte die Vorhänge beim Einzug ausgesucht. Grau melierter Stoff, der gut zu der rot gestrichenen Wand passte, dazu das weiße Bett und der weiße Teppich.
Neben ihr schnarchte Robert. Er hatte den Kopf tief im Kissen vergraben, der verwuschelte Haarschopf lugte ein bisschen hervor. Gähnend warf Melissa einen Blick auf den Wecker. Zehn Uhr. Sonntag. Robert grunzte etwas im Schlaf und drehte sich auf die andere Seite.
Was er wohl zu ihrem Vorschlag sagen würde, heute einen ausgedehnten Schneespaziergang zu machen? Oder auch ins Museum zu gehen? Oder würde er nur wieder abwesend nicken, sie vertrösten, sich herausreden? So wie er es immer machte. Falsch, korrigierte Melissa sich. Nicht schon immer. Erst seit einem Jahr. Oder war es sogar noch länger?
Jedenfalls war es nicht immer so gewesen zwischen ihnen. Diese Distanz, die sich immer mehr ausbreitete. Hatte Melissa sich immer als im Team mit ihm begriffen, als eingeschworenes Paar, das alles meisterte, entglitt er ihr nun mehr und mehr. Sie konnte nur hilflos dabei zusehen, wie er sich stetig von ihr entfernte.
Melissa merkte, dass sie Kopfschmerzen hatte. Nach der Dusche war Robert gestern Abend recht schnell ins Bett gegangen, er sei müde und habe einen anstrengenden Tag hinter sich, sie könne aber ruhig noch etwas aufbleiben. Melissa hatte die Whiskeyflasche genommen und sich ein großes Glas eingeschenkt. Dann hatte sie lange im dunklen Wohnzimmer gesessen, auf den Schnee draußen gestarrt und sich am Glas festgehalten.
Robert griff nach der Zeitung. Kurz darauf war er ganz hinter dahinter verschwunden, nur ab und zu streckte er den Arm nach der Teetasse aus. Melissa starrte auf die Seiten, bis die Druckerschwärze vor ihren Augen verschwamm. Ihr Kopf dröhnte. Abrupt stand sie auf und holte eine Kopfschmerztablette aus dem Schrank. Morgen sollte sie zur Apotheke gehen und neue kaufen, in der Packung waren nur noch zwei Tabletten.
„Du denkst daran, dass meine Schwester heute Nachmittag zu Besuch kommt!?“
„Davon wusste ich gar nichts.“
Er schlug ungeduldig die Zeitung zusammen und faltete sie, dann legte er sie ordentlich neben seinen Teller.
„Natürlich wusstest du davon! Sie hat doch vor ein paar Tagen angerufen und wir haben sie und Lizzy zum Kaffee eingeladen.“ Als er Melissas erstauntes Gesicht sah, runzelte er die Stirn. „Ich bin mir sicher, dass ich dir davon erzählt habe.“
Sie setzte sich wieder an den Küchentisch und schenkte sich noch ein Glas Wasser ein. Sie trank es in langsamen Schlucken. Wartete darauf, dass die Tablette wirkte.
Robert schien für sich alles geklärt zu haben. Er räumte seine Tasse in die Spülmaschine. Kritisch betrachtete er dabei die weiße Pracht, die sich draußen vor dem Fenster ausbreitete.
„Ich sollte lieber die Schneepause nutzen und die Auffahrt freischippen“, sagte er und verließ die Küche.
Melissa konnte ihn oben rumoren hören, dann Schritte auf der Treppe, Rumpeln in der Diele beim Schuheanziehen. Rums. Die Haustür fiel ins Schloss. Melissa stand ebenfalls auf.
Sie konnte Roberts Schwester Aissa nicht leiden. Vor allem nicht, wenn sie ihre kleine Tochter Letizia, genannt Lizzy, mitbrachte. Auch wenn Lizzy ein eher dümmliches Kind war, das schnell quengelte und viel Aufmerksamkeit benötigte – zu sehr erinnerte sie Melissa daran, kein eigenes Kind zu haben. Am Anfang ihrer Ehe hatten sie und Robert es natürlich intensiv versucht. Ganze Wochenenden konnten sie damals im Bett verbringen. Aber sie war einfach nicht schwanger geworden. Nach und nach war die Enttäuschung echtem Frust gewichen. Inzwischen war Sex zwischen ihnen selten geworden.
Sie seufzte und ging ins Bad. Das würde ja ein schöner Sonntagnachmittag werden!
„Tante Melli? Tante Melli!“ Lizzy reckte ihre kleinen Hände vor. Stolz präsentierte sie den roten Nagellack, den ihr wohl ihre Mutter aufgepinselt hatte. „Ich habe auch Farbe auf den Nägeln. So wie die großen Frauen!“, krähte sie vergnügt.
Aissa gab ihr perlendes Lachen von sich. Sie hob Lizzy auf den Schoß und gab ihr noch ein Glas Saft zu trinken.
„Ja, sie wollte unbedingt auch mal meinen Nagellack ausprobieren“, lachte sie, „stolz wie Oskar ist sie seitdem. Ich durfte sie gestern nur noch mit ‚Prinzessin‘ ansprechen.“
Melissa warf einen Blick auf Aissas perfekt manikürte Hände und dann auf ihre eigenen abkauten, stumpfen Nägel. Schnell versteckte sie sie unter dem Tisch, doch wohl nicht schnell genug. So als hätte sie ihre Gedanken erraten, sagte Aissa:
„Du kannst ja mal mit zu meiner Maniküre kommen. Das Mädchen da macht die wirklich ganz fantastisch und ich kann bestimmt einen kleinen Rabatt für dich rausschlagen.“
Das letzte was Melissa wollte, war mit ihrer Schwägerin zum Nägelmachen zu gehen. Schon jetzt langweilte sie sich zu Tode. Momentan drehten sich die Gespräche über Urlaubsorte, das neue Handy, den letzten Fernsehkrimi. Daher lächelte sie nur unverbindlich und aß schnell noch eine Gabel Kuchen. Robert kam mit einer frischen Kanne Kaffee ins Wohnzimmer und schenkte ihnen ein.
„Bäh! Ich mag keinen Kaffee!“, rief Lizzy. „Der riecht so eklig!“
Ihre Mutter bot ihr noch etwas Saft an, doch Lizzy zappelte bereits unruhig hin und her. Lieber wollte sie zurück zu ihren Spielsachen.
„Wie geht es deinem Mann?“, fragte Robert. „Wie laufen seine Geschäfte?“
„Oh, Jürgen hat erfolgreich ein Kundenprojekt beendet“, trällerte Aissa, „alles läuft super momentan! Aber das kann er dir auch nochmal detailliert auf unserer Party erzählen, die wir zu unserem Hochzeitstag geben wollen.“
„Ihr habt schon wieder Hochzeitstag?“
„Jedes Jahr aufs Neue, Bruderherz. Im Januar ist unser fünfjähriges Jubiläum. Ihr zwei seid also herzlich eingeladen! Wir wollen eine kleine Feier ausrichten, nichts allzu Großes, aber doch genügend, um zusammen anzustoßen. Und ein Buffet gibt es natürlich auch!“
Melissa stöhnte innerlich auf. Sie langweilte sich immer schrecklich auf diesen Partys. Mit kaum jemandem konnte sie sich unterhalten, weder mit ihrer Schwägerin, noch mit deren Ehemann, und ganz bestimmt nicht mit den anderen Gästen.
Vor einigen Jahren noch hatte Melissa auf Jürgens Geburtstagsfeier eine nette Frau kennengelernt. Doris und sie waren etwa im gleichen Alter gewesen und sie hatten sich den ganzen Abend über gut unterhalten. Doch bei den nächsten Treffen war Doris nicht mehr eingeladen. Als Melissa nachfragte, erhielt sie nur kryptische Antworten. Wahrscheinlich war die junge Frau durch irgendetwas in Ungnade gefallen oder hatte selbst beschlossen, nicht mehr zu erscheinen. Seitdem stand Melissa meist stumm daneben und hörte zu.
Zwei Stunden später verabschiedeten sich Lizzy und Aissa. Robert winkte den beiden vom Tor aus nach, dann hastete er zurück ins Haus.
„Verdammt kalt draußen! Und dunkel ist es auch schon wieder!“
Er schüttelte sich und schloss schnell die Haustür. Melissa blickte sehnsüchtig nach draußen. Der Schnee leuchtete im Dunklen.
„Wir könnten einen schönen Spaziergang machen“, schlug sie vor. „und auf dem Rückweg irgendwo in einem Restaurant was essen.“
Robert schüttelte sich erneut und schlüpfte in einen wärmeren Pullover.
„Da willst du freiwillig hinaus? Nein danke, das ist mir echt zu kalt! Setzen wir uns doch lieber vor den Kamin und machen es uns im Warmen gemütlich.“
Sie versuchte noch, ihn zu überreden, doch Robert wollte partout nicht das Haus verlassen. Er wirkte genervt. Auf einmal erschien Melissa die Dunkelheit bedrohlich und sie war froh um die dichten Vorhänge vor den Fenstern.
Sie ging in die Küche, um das feine Kaffeegeschirr zu spülen. Sie ließ Wasser in die Spüle ein, nahm den gelben Schwamm und begann mechanisch die Teller zu säubern.
Natürlich war es zuletzt wieder um ihren Arbeitsplatz gegangen. Aissa hatte angeboten, sich im Freundeskreis einmal umzuhören, denn schließlich – wie hatte Robert es formuliert? – könne Melissa ja nicht ewig hinter Büchern sitzen und versauern. Zurzeit arbeitete sie halbtags in der Uni-Bibliothek. Dass das auf Dauer keine Lösung sein konnte, war Melissa durchaus bewusst. Nicht nur in Bezug auf Geld, sondern auch für das Berufsleben insgesamt.
Sie stellte Teller und Tassen zum Abtropfen auf ein Geschirrhandtuch. Im Wohnzimmer hatte Robert den Fernseher angemacht.
Die Bibliotheksstelle wäre natürlich perfekt, wenn sie ein Kind hätten! So wäre sie nachmittags immer zu Hause und hätte genügend Zeit, um sich um alles zu kümmern. Mit diesem Argument hatte sie sich auch lange Robert entgegengestellt. Wobei, er hatte es von Anfang an nicht wirklich nachvollziehen können. So sehr er sich auch über eine Schwangerschaft freuen würde, so sehr war es ihm gleichermaßen wichtig, dass Melissa beruflich „gefestigt“ war. Dass sie etwas vorzuzeigen hatte.
Sie wünschte sich so sehr ein kleines Mädchen. Oder einen Jungen, das war ihr eigentlich doch egal. Sie wollte doch nur so ein kleines süßes Wesen im Arm halten, dieses unschuldige und zauberhaft duftende Baby! Warum nur wurde sie nicht schwanger!?
Marie-Luise seufzte leise. Der Typ mühte sich jetzt schon seit circa zehn Minuten auf ihr ab und langsam wurde es langweilig. Zum Orgasmus würde sie bei der Veranstaltung hier sowieso nicht kommen. Marie beschloss das Ganze etwas abzukürzen. Sie bewegte ihr Becken ein bisschen mehr, atmete stoßweise und gab ein paar kleine erotische Stöhner von sich. Das schien ihn zu befriedigen und gleichzeitig anzuspornen. Es dauerte nicht mehr lange und er bäumte sich auf, gab einen gutturalen Laut von sich, um dann auf ihr zusammenzusinken. Sein warmer Atem pustete ihr ins Ohr. Angewidert schob Marie ihn von sich. Der Mann grunzte nur und rollte sich auf die andere Bettseite. Warm konnte sie es zwischen ihren Beinen hinauslaufen fühlen. Eilig stand sie auf und tappte ins Bad.
Im schummrigen Licht des Badezimmers entdeckte sie das Blut zwischen ihren Beinen. Schon wieder! Ihr schwindelte. Das Wasserlassen tat weh. Marie fand einen Waschlappen und säuberte sich notdürftig.
Alles tat ihr weh. Die Hüfte, der Bauch, der Hintern. Alles. Alles schmerzte und sie fühlte sich einfach nur wund. Wieso hatte sie vorhin nicht doch abgewehrt? Wieso hatte sie wieder einmal nicht auf ein Kondom bestanden? Verhütung vor einer Schwangerschaft war nicht das Problem, sie nahm die Pille. Doch zunehmend wurde sie sich der Gefahr von Geschlechtskrankheiten bewusst. Er hatte zwar gesagt, er sei gesund und würde ihr sicherlich nichts anhängen. Aber sicher sein konnte sie ja schließlich nicht!
Marie war wütend auf sich selbst. Immer wieder gab sie dem Drängen nach und verzichtete auf ein Kondom. Selber Kondome kaufen tat sowieso kein Mann, die musste sie schon selbst mitbringen.
Sie betrachtete sich im Spiegel. Blonde Locken, jetzt sehr zerzaust und wirr. Darunter große blaue Augen und eine kleine Nase. Die Schminke war verschmiert und die Mascara hatte hässliche Spuren auf den Wangen hinterlassen.
Seit einem Jahr spielte Marie nun schon mit dem Gedanken, einen AIDS-Test zu machen. Doch nie fand sie den nötigen Mut, tatsächlich zum Arzt zu gehen. Wollte sie es überhaupt wissen? Heutige Behandlungen und Heilungschancen schön und gut – aber die Gewissheit zu haben, mit Anfang dreißig HIV-positiv zu sein? Vielleicht war es da sogar besser, arglos wie bisher zu leben und sich erst Gedanken zu machen, wenn es soweit war.
Es klopfte an der Tür. Marie fuhr zusammen.
„Brauchst du noch lange?“, kam es von draußen.
„Bin fertig!“, rief sie zurück und öffnete die Tür.
Er stand vor ihr und grinste.
„Ich mache mich grad frisch und dann geht’s weiter. Bereit für die zweite Runde?“
*
„Entschuldigen Sie!? Ich suche dieses Buch hier!“
Der pickelige Junge hielt ihr einen Zettel unter die Nase. Melissa entzifferte das Gekrakel.
„Dritter Gang, ganz hinten links.“
Er bedankte sich und durchquerte den großen Bibliotheksraum. Dabei kam er an einem Tisch mit zwei Mädchen vorbei, offensichtlich seine Kommilitoninnen, denn sie unterhielten sich kurz und der Junge ließ seinen Rucksack bei ihnen stehen, um das Buch suchen zu gehen.
Melissa beobachtete die beiden Studentinnen. Sie waren Freundinnen und kamen oft gemeinsam zum Lernen hierher. Die eine hatte nicht zu bändigende dunkle Locken, die auf und ab wippten, wenn sie lachte. Ein paar Mal hatte Melissa die beiden schon zur Ruhe mahnen müssen, doch nicht allzu streng. Insgeheim bewunderte sie die zwei für den ungezwungenen und liebevollen Umgang miteinander.
Ihr fiel wieder einmal auf, dass sie keine engen Freundinnen mehr hatte. Sie fühlte sich plötzlich sehr einsam. Mit den Kolleginnen verstand sie sich zwar gut, ab und zu traf man sich mal abends zu einem Wein in einer Bar. Auch ihre Nachbarin war sehr nett. Im Sommer hatten sie, über die niedrige Hecke gebeugt und Gartenscheren in der Hand, schon so manche Minuten verplaudert. Dann waren da noch ein paar alte Klassenkameraden, die sie jedoch nie alleine, immer in einer größeren Gruppe traf. Eine allerbeste Freundin, oder gar eine Mädchenclique, hatte sie nicht.
*
Dass sich ihr Leben bald schon verändern würde, wusste Melissa Garner zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Bald schon würde sie auf Personen treffen, die es ihr unmöglich machen würden, ihr bisheriges Leben fortzuführen. Personen aus der Vergangenheit und solche, die sie erst neu kennen lernen sollte. Dieser Donnerstagnachmittag in der Bibliothek sollte einer der letzten ihres alten Lebens sein.
*
In einer viele Kilometer nordöstlich liegenden Stadt stand Caitlin Fog vor dem Spiegel und musterte sich kritisch. Als Kind leicht dicklich, mit rundem Gesicht und fusseligem braunen Haar, lebte Caitlin in ständiger Angst, zuzunehmen. Daher achtete sie nicht nur genau darauf, was und wieviel sie aß, sondern ging dazu noch vier Mal die Woche joggen und montagabends, ließ es sich zeitlich einrichten, zum Yoga.
Michael kam herein und entdeckte seine Frau, wie sie sich vor dem Spiegel hin und her drehte. Ein zärtliches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er legte von hinten die Arme um sie.
„Du siehst wunderbar aus, Cat!“
Sie seufzte.
„Findest du? Ich bin nicht so ganz zufrieden.“
„Das Kleid steht dir ausgezeichnet“, beruhigte er sie, „wirklich.“
„Danke.“
Er schmiegte sich enger an sie und küsste ihren Hals. Caitlin wand sich ungeduldig aus seiner Umarmung.
„Mick, ich habe jetzt echt keine Zeit. In zehn Minuten muss ich los zur Galerieeröffnung.“
Er zog sich wieder zurück und setzte sich auf die Bettkante.
„Bist du schon aufgeregt?“
Caitlin griff nach einem Paar Ohrringe, die mit der silbernen Einfassung und dem dunkelblauen Stein in der Mitte. Michael hatte sie ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt, nun passten sie gut zu ihrem Cocktailkleid. Caitlin legte den Kopf schief und stützte die Arme in die Seiten.
„Ja, ein bisschen aufgeregt bin ich schon. Wobei Maja und Lauri bestimmt noch viel nervöser sind!“
Maja Kristin war die Galeristin, mit der Caitlin zusammen einen aufstrebenden jungen Künstler aus England promotete. Beim letzten Familienbesuch in London hatte Caitlin zufällig Bekanntschaft mit Lauri McEvan gemacht und ihn umgehend ihrer Freundin und Geschäftspartnerin Maja vorgestellt. Die zwei hatten sich auf Anhieb gut verstanden. Sehr schnell mietete Lauri ein Atelier von Maja und begann unter ihrer musischen Begleitung zu malen. Caitlin wiederum trieb mit ihrer Art-Consulting-Agentur die Öffentlichkeitsarbeit um den Künstler voran. Für die heutige Eröffnungsfeier hatten sie manch namenhaften Journalisten, Kunstkenner und -händler sowie weitere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens eingeladen.
„Es tut mir wirklich leid, dass ich heute Abend nicht dabei sein kann!“, sagte Michael.
Er musste selbst zu einem wichtigen Geschäftstermin, den er nicht hatte absagen können. Caitlin grinste ihn im Spiegelbild an.
„Mein Abend wird sicherlich auch spannender als dein blödes Get-Together.“
„Ja, mit lauter Leuten, die sich für ach so wichtig halten, herumstehen und an ihrem Sekt nippen, während sie über das neueste Kunstwerk diskutieren, das in Wahrheit nur Dreck auf Leinwand ist“, frotzelte Michael.
Sie warf ihm einen gespielt drohenden Blick zu. Er lachte und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Caitlin und Maja prosteten sich zu.
„Auf einen erfolgreichen Abend!“, rief Maja und setzte das Glas Champagner an die Lippen.
Es war halb acht. In dreißig Minuten würde es losgehen. Caitlin trank ihr Glas leer und atmete tief durch.
„Ich bin ja so gespannt, wer alles kommt!“, sagte Maja und schritt nervös auf und ab. „Vor allem, ob der Eisner auftaucht. Oder Marianne Westernhagen! Oh Gott, so viele Leute!“
Sie steckte sich eine Zigarette an und inhalierte tief. Dann fragte sie:
„Dein Mann kommt nicht heute Abend?“
