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Bayern 1943. Anna und Rebecca sind beste Freundinnen. Während Annas Vater, ein überzeugter Nazi, in den Krieg zieht, ist Rebecca eines Tages spurlos verschwunden. Deportiert nach Ausschwitz. Anna erlebt einen Missbrauch durch den Liebhaber ihrer Mutter und flieht. Jahre später, Anna führt mittlerweile ein beschauliches Leben in den Bergen, taucht Rebecca unerwartet wieder auf. Sie hat überlebt und steht nun als Frau von Welt in Annas Almhütte. Als Rebecca Annas Ehemann verführt, wird ihre Freundschaft auf die Probe gestellt. Können die beiden Frauen nach all den Jahren wieder zueinander finden? Ein packendes Drama über das Schicksal zweier starker Frauen und einer tiefen Freundschaft allen Widrigkeiten zum Trotz.
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Seitenzahl: 406
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Inhaltsverzeichnis
WINTERMÄDCHEN
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II
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III
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IV
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6
Vollständige e-Book-Auflage 2024
Originalausgabe: »Wintermädchen«
© 2024 WOLFSTEIN VERLAG
ein Imprint der Spielberg Verlagsgruppe, Neumarkt
Lektorat: Kati Auerswald
Umschlaggestaltung: © Ria Raven, www.riaraven.de
Bildmaterial: © shutterstock.com
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
ISBN: 978-3-95452-130-2
www.spielberg-verlag.de
Dieter Weißbach, geboren in Erding, lernte Bankkaufmann, war Schankkellner, Gläserwäscher und Flugzeugreiniger, überführte Omnibusse nach Italien und Tanklastzüge nach Bagdad. Dreißig Jahre lang führte er eine Firma für Medizintechnik, die er 2013 verkaufte. Seitdem schrieb er vier Romane. Mit »Wintermädchen« legt er sein fünftes Buch vor.
Das Leben der Anna Winterfeld
Für Christine
WINTERMÄDCHEN
Der 18. April 1945 hätte ein schöner Tag werden können.
Die Luft war klar, aber schon so warm, dass ich mich ohne Strickjacke in den Laden stellen konnte. Im Hof entrollten die ersten Pfingstrosen ihre Blüten und unterm Dach reinigten die Schwalben ihre Nester vom letzten Jahr.
Dann gegen Mittag der erste Fliegeralarm.
Der betraf zwar nie uns, aber wirklich wissen tat man es ja immer erst hinterher. Wir also wieder mal ab in den Keller. Aber kaum waren die Bomber durch, kam direkt der zweite Alarm. Erst gegen drei Uhr Nachmittag gab das Radio dann endlich Entwarnung. Mit dem Dröhnen der abziehenden Bomber sind wir wieder rauf ins Geschäft.
Aber dann ist das Dröhnen zurückgekehrt.
Bis wir verstanden hatten, was los war, lag Erding schon unter einer gewaltigen Rauchwolke. Einhundertvierundvierzig Menschen hat es bei dem Angriff erwischt. Die meisten wurden von Splittern und herumfliegenden Gebäudeteilen getroffen, sind unter umstürzende Hauswände gekommen oder ihnen hat‘s die Lungen zerrissen vom Druck.
Wir in Langengeisling, einer Nachbargemeinde, hatten keine Verluste. Trotz einer einzelnen Fünfzig-Zentner-Bombe, die sich verspätet ausgeklinkt hat und direkt vor unserer Metzgerei auf die Straße gekracht ist. Aber statt in die Luft zu gehen und das halbe Dorf in Schutt und Asche zu legen, ist nur der kleine Klöppel aus der Türglocke gefallen. Die anwesenden Kundinnen sind zu Salzsäulen erstarrt und ich hab mich bereits in den Himmel aufsteigen sehen. Nur Mutter war wie immer die Ruhe selbst.
Sie sagte bloß: »Bedien du weiter. Ich ruf schnell das Räumkommando an.«
Dann ging sie nach hinten zum Telefon.
Ich weiß nicht, ob sie deshalb so nüchtern reagiert hat, weil dieser Krieg bereits ihr zweiter war, weil sie besonders gute Nerven gehabt hat oder einfach nur, weil sie nicht bei der Sache war. Sie und zwei Kundinnen hatten sich gerade darüber unterhalten, wer wohl als erster in der Tür stehen würde. Die Amerikaner, auf die alle hofften, die Russen, von deren Vorstellung für Vergeltung wir eine ziemlich klare Vorstellung hatten oder eines dieser fliegenden Standgerichte, die in der Gegend gerade ihr Unwesen trieben. Ein unüberlegter Witz, ein dummer Spruch, und man hing am nächsten Baum. Jetzt lag da eben ein olivlackiertes, rundliches, direkt gemütlich wirkendes Riesenbaby. So hat Mutter es einmal bezeichnet, als wir uns über jenen denkwürdigen Moment unterhielten. Und bevor das sein Kopperl machen würde, musste es weg. Und vorher musste natürlich auch das illegal geschlachtete Pferd vom letzten Flüchtlingstreck weg. Hätte man das bei uns gefunden, das hätte böse enden können. Wahrscheinlich war das sogar der eigentliche Grund dafür, dass sie es so eilig hatte.
Meine Mutter war übrigens keine Hiesige, also nicht gebürtig.
Luise Amalie, so hat sie geheißen, war das zweite Kind der Fleischerfamilie Sturmeisen und kam am 23. Dezember 1897 in Ratibor zur Welt. Das liegt in Schlesien und gehört heute zu Polen.
Wenn man die alten Bilder anschaut, war sie schon als Kind eine echte Schönheit. Das Problem mit ihr war nur ihr ausgeprägter Freiheitsdrang. Aber nicht deshalb hat Oma sie auf die höhere Töchterschule geschickt. Sondern weil sie unbedingt wollte, dass Mama nach oben heiratet, also in die bessere Gesellschaft. Aber die ist lieber wandern gegangen. Dementsprechend waren natürlich ihre Zeugnisse. Nachdem sie ihren Abschluss in der Tasche hatte, wollte sie immer noch nicht heiraten und ist ein Jahr durch die Metzgerei gefegt. Das war die Alternative, vor der Oma, die mittlerweile am Ende ihrer Nerven war, die Widerspenstige gestellt hatte: Heiraten oder arbeiten.
An ihrem siebzehnten Geburtstag hatte Oma endgültig genug von den Flausen ihrer Tochter und ließ ihr ein Kleid anmessen, das verdächtig nach Hochzeitsgewand aussah. Auf Mutters Nachfrage verwies sie auf weibliche Vergänglichkeit und forderte sie auf, sich endlich zu erklären.
Meine Mutter, die schon damals nicht auf den Mund gefallen war, antwortete, dass sie keine Brühwurst wäre. So schnell würde sie schon nicht ranzig werden. Oma konterte mit ›Früh gefreut hat nie gereut‹ und kam ihr mit ihrer eigenen Ehe, die sie als gelungenes Vorbild hinstellte. Worauf wiederum Mutter sagte, einen wie ihren Vater würde sie sofort zum Mann nehmen. Groß und stark und mit einem Herz aus Gold. Aber solche Männer würde es heutzutage nur noch in alten Sagen geben. Sie würde ja nicht einmal einen zum Wandern finden. Wenn das so weiter ginge, würde sie wohl noch als Jungfrau enden. Oma gab zurück, schön dass Luise wenigstens ihre Unschuld noch nicht verloren hätte, was man von ihrem Verstand wohl nicht behaupten könne. Sie solle nicht heiraten um zu wandern, sondern um eine Familie zu gründen. Dann rauschte sie nach unten zu Opa. Der wusste gut gelaunt Rat. Irgendwo werde sich so ein seltenes Gewächs, wie Luise es sich erträume, schon finden. Und er würde auch wissen, wo es zu finden wäre. Nach dem Abendessen setzte er eine entsprechende Anzeige auf und schickte sie an die Allgemeine Deutsche Fleischerzeitung.
Als die Anzeige drin war, knallte Oma die Zeitung auf den Tisch und erklärte, das hätte sie jetzt davon. Luise war stocksauer, musste aber einsehen, dass sie keine Wahl hatte. Unverheiratet zu bleiben war damals unmöglich. Aber wenigstens hatte Opa ihren Hochzeitszug auf das richtige Gleis gesetzt. Wenn sie schon heiraten musste, dann wenigstens einen richtigen Mann und kein verzogenes Adelssöhnchen.
Und da nicht nur sie annonciert hatte, konnte sie sich den sogar selbst aussuchen.
Einer der Inserenten war Alois Adlwarth, ein Jungmetzger aus Bayern.
Sofort dachte sie an die Berge und dass da vielleicht eins zum anderen käme. So hat sie es ihm blauäugig geschrieben. Alois schrieb ein paar ungelenke Zeilen zurück und bat um ein Foto, das sie ihm nicht verweigert hat. Zum Dank schickte er ihr eine Ansichtskarte mit Bergen drauf. Mit Worten blieb er weiter sparsam, aber er klang interessiert.
Ein paar Monate ging es so hin und her.
Mutter offenbarte Alois ihre Träumereien, er schickte Ansichtskarten. Immer mit Bergen drauf und der Versicherung, jede freie Minute zu kraxeln. Als sie irgendwann vorsichtig zu bedenken gab, dass sein Langengeisling hübsch weit weg läge vom nächsten Gipfel und auch, dass sie immer noch kein Foto von ihm hätte, erledigte er zwei Fliegen mit einer Klappe. Er dachte wohl, Frechheit siegt und klebte eine Aufnahme von sich und einer großen Metzgerwaage auf eine Ansicht der Werdenfelser Alpen. Mutter hat es anscheinend ähnlichgesehen und entschieden, dass es jetzt keinen Grund mehr geben würde, der Liebe nicht ihren Lauf zu lassen. Auch wenn ihr Alois nicht besonders groß war, fast ein wenig dicklich. Aber treuherzig schauen würde er. Und wenn Augen Fenster zur Seele wären, wie es so schön hieß, in diese würde sie gerne hinabsteigen.
Also ist sie mit dem Zug nach München und von dort mit der Vizinalbahn nach Erding. Hier hat Alois sie in seinen Einspänner geladen und ist mit ihr in ihr neues Heim gezuckelt. Und gerade noch, dass sie es ins Haus schafften, so groß war die Nähe, die sie sich mittlerweile herbeigeschrieben hatten. Luise stellte den Koffer ins Eck und im Handumdrehen war nicht mehr zu erkennen, wo die eine anfing und der andere aufhörte. Wochenlang war kein Hackstock vor ihnen sicher, kein Tisch, auf dem sie sich nicht die Seele aus dem Leib keuchten. So dass die Langengeislinger Ratschweiber es bald von ihren Fensterbänken pfiffen, das Rennen um den jungen Adlwarth war gelaufen. Eine Außenseiterin hatte sich, praktisch aus dem Nichts heraus, den Umschwärmten geschnappt. Die eigene Brut war leer ausgegangen, der Traum von einer Nabelschnur mitten hinein ins Paradies ausgeträumt. Um nichts anderes ging es ja den meisten. Ich mein, ein Metzger in der Familie, damals war das fast so was wie eine Lebensversicherung. Sogar das Aufgebot war schon bestellt. Nur nichts anbrennen lassen, war da wohl das Motto der alten Adlwarths, weil die natürlich genau wussten, dass ihr Sohn ein ortsbekannter Hallodri war. Die offizielle Version allerdings war eine andere: Die bäuerliche Verwandtschaft wäre bereits im Erntefieber; wenn nicht jetzt, wann dann.
Nach der Trauung, zu der Mutters Eltern angereist sind – ihr Bruder, Onkel Gustav, hütete derweil das Geschäft –, fuhr die Hochzeitsgesellschaft nach Garmisch und dort direkt ins Wirtshaus. Hier musste Alois gestehen, was Luise bereits ahnte: Dass er noch nie vorher in den Bergen war. Sie hat ihm großzügig verziehen und die gemeinsame Zukunft schon mal in groben Zügen in die verqualmte Luft gemalt. Erst einmal müsse sie sich ja sowieso in den Betrieb einarbeiten. Schließlich hätte er eine Metzgertochter geheiratet und keine Bergsteigerin. Und wenn erst die Kinder kämen, viel Freizeit würde man da eh nicht mehr haben. Und die Berge würden ihnen nicht davonlaufen. Dafür würde später noch genug Zeit bleiben.
Oma war glücklich und Opa auch. Schließlich hatte er die Idee gehabt mit der Anzeige ins Glück, von dem er sich gleich eine Scheibe abschnitt. Eine ganze Woche lang streifte er durch die Berge. Oma ging derweil Mutter auf die Nerven mit gut gemeinten Ratschlägen. Dann reisten sie zurück nach Ratibor. Großvater mit Tränen in den Augen, Oma mit der Aufforderung an ihre Tochter, regelmäßig zu schreiben.
Ein paar Wochen später begann der Erste Weltkrieg.
Wie alle Männer aus der Gegend, auch die verständigsten, behauptete Alois, es würde sich um einen Spaziergang handeln. Spätestens Weihnachten wäre er wieder zurück. Dazu muss man wissen, dass die Kriege bis dahin immer ähnlich abgelaufen sind. Zwei Heere trafen aufeinander und droschen solange aufeinander ein, bis eine Partei aufgab. Doch statt dem Feind stand man diesmal Maschinengewehren gegenüber, die einfach alles niedermähten, was sich näherte. Da blieb nur eins: sich eingraben und auf eine Chance warten. Und weil es dem Feind nicht besser ging, zog sich das dann eben.
Erst vier Jahre später ist Alois zurückgekehrt, und war nicht mehr derselbe. Die permanente Lebensgefahr hatte das was von ihm übrig war in eine freudlose Hülle gesperrt, die nur in der Gemeinschaft mit anderen Frontsoldaten aufgebrochen ist. Mit denen bastelte er dann oft bis in die frühen Morgenstunden an Erklärungen für den verlorenen Krieg. Nach einer Mütze Schlaf warf er sich dann wieder auf die Arbeit, und das trotz einem Splitter, der seine Laune natürlich nicht gerade verbessert hat. Die ließ er an Mutter aus, die zwar keinen Schützengraben nach dem anderen ausgehoben hatte, dafür vier lange Jahre einen Betrieb führte, trotz Handelsblockade und hungergrantiger Städter, die ihr das Leben zusätzlich schwer machten. Aber sie wollte nicht undankbar sein. Wenigstens hatte Alois das Arbeiten nicht verlernt, am Stück wiederbekommen hatte sie ihn auch und zum Säufer war er auch nicht geworden. Also hat sie stillgehalten. Auch deshalb, weil sie sich eingestehen musste, dass es nicht nur an ihm lag, wie ungut sie miteinander geworden waren.
Statt ihn zur Begrüßung einfach in den Arm zu nehmen, wie es auf Feldpostkarten dutzendfach abgebildet war, war sie so geschockt gewesen von dem Anblick dieses hohlwangigen Gespensts, dass sie erst einmal kein Wort herausgebracht hat. Nachdem sie sich erholt hatte, war es für ein spontanes Umarmen zu spät. Also hat sie ihn einfach bei der Hand genommen und erstmal durch den Betrieb geführt. Anstatt ins Schlafzimmer, wie er es erwartet hatte. Deshalb freute er sich auch nicht, als sie ihm das Elektrische vorführte, das ein halb verhungerter Ingenieur verlegt hatte.
»Und das nur für Kost und Logis.«
»Wer weiß was der sonst noch alles verlegt hat«, hat er darauf gegrummelt und dann ein schiefes Grinsen aufgesetzt, das er sich vielleicht gerne vom Gesicht hätte küssen lassen.
Aber da war der Zug bereits abgefahren, mit einer fassungslosen Mutter im Führerhäusl.
Alois hatte von heute auf morgen alles liegen und stehen lassen, dann ist er zurück und hatte immer noch eine Metzgerei, immer noch seine alten Eltern, die ohne Luises Hühnerbrühen den Hungerwinter 1916/17 nicht überlebt hätten und immer noch eine Frau, die blöd genug gewesen war, ihm die Treue zu halten. Deshalb war es ihr jetzt einfach zu dumm, auf so einen Mist überhaupt einzugehen. Und das war der zweite Fehler. Dass sie ihm diesen Verdacht nicht genommen hat. Darüber ist er lange nicht hinweggekommen. Hat sie immer wieder angespitzt deswegen.
Doch auf dem Ohr blieb sie taub.
Und weil jedes Gespräch, mochte es noch so harmlos beginnen, über kurz oder lang auf diesen Punkt hinauslief, gab sie ihm bald auf nichts mehr eine Antwort. Bis er sich eines Tages vor ihr aufbaute und mit bebender Stimme fragte, was sie, die Tochter eines galizischen Schächters sich einbilden würde, einige seiner Rezepte ohne Rücksprache verändert zu haben.
Sie wusste gleich, dass er sich den galizischen Schächter nicht selbst ausgedacht hatte. Aber dass er an ihre Berufsehre wollte, das war zu viel.
Diesmal hat er eine Antwort bekommen.
Ob er seinen Verstand im Krieg gelassen hätte, pfiff sie zurück. Ob er denn nicht sehen würde, dass die Wurst sich jetzt viel besser verkaufen würde. Worauf ihm nichts anderes eingefallen ist, als zuzuschlagen. Wenn sein Vater nicht plötzlich wie aus dem Boden gewachsen in der Tür gestanden wäre und ihn in letzter Sekunde davon abgehalten hätte. So ist er unverrichteter Dinge zurück in die Fleischerei und, wie Mutter einmal gesagt hat, eigentlich nie mehr richtig zurück.
Wenn er trotzdem seinen ehelichen Pflichten nachkam, dann weil er getrunken hatte.
Dreimal ist Mutter davon schwanger geworden.
Als erstes hat sich der Hans ins Leben geplärrt, dann Ludwig, als letztes ich.
Wie es damals üblich war, stand Mutter nach jeder Entbindung gleich wieder im Laden, während Oma auf uns aufpassen sollte. Aber die hat sich vom Krieg nie mehr richtig erholt und war hoffnungsvoll überfordert. Wir Kinder waren also mehr oder weniger uns selbst überlassen.
Und das in einer Metzgerei, wo überall Eimer mit Blut und Innereien herumstehen, Kessel voll kochendem Wasser und Messer und Beile auf Grapschhöhe. Und im Hof war das Schlachtvieh angebunden, nervös, weil es den Tod roch. Oder einmal hat sich der Hans im Kühlkeller versteckt, wo ihn der Lehrling versehentlich eingesperrt hat. Erst nach einer Stunde hat Mutter ihn gefunden. Halb erfroren, und von da an ein richtiges Schürzenkind.
Übrigens ganz im Gegensatz zu mir. Ich war immer schon die erwachsenere von uns dreien. Richtig Kind war ich eigentlich nie. Jedenfalls hat Mutter mich nie so behandelt. Aber ich hab ihr das nie nachgetragen. Frauen hatten damals einfach noch nicht den Stellenwert wie heute. Und ihr absoluter Liebling war sowieso der Ludwig, ein richtiger Träumer. Aber bei dem konnte man gar nicht anders, den musste man einfach gernhaben. Im Gegensatz zu unserem Vater, dem jeder aus dem Weg gegangen ist. Man wusste nie, wie er gerade aufgelegt war, meistens schlecht.
Bis er ein Buch in die Hand bekommen hat, das damals ein richtiger Bestseller war. Ein österreichischer Gefreiter hatte es geschrieben, nachdem er in München einen Putsch angezettelt hatte. Der ging zwar gründlich in die Hose, doch der Mann blieb und schrieb sogar noch ein zweites Buch. Dann ging er in die Politik. Und auch da war er ziemlich erfolgreich. In Bayern kannte ihn bald jedes Kind. Und je berühmter dieser Hitler wurde, um so mehr verbesserte sich die Laune meines Vaters. Ihren Höhepunkt erreichte sie mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, in den er zog trotz seinem Splitter, den er bei der Musterung einfach unterschlagen hat. So wichtig war es ihm, eine Scharte auszuwetzen, von der ich, damals knapp zehn Jahre alt, lange dachte, sie hätte etwas mit diesem Splitter zu tun. Aber dann hätten Vaters Freunde auch alle so einen Splitter. Weil die auch immer von dieser Scharte redeten.
Nur Mutter nicht, die hatte vom Krieg die Nase voll.
Aber erst einmal freute sie sich. Hatte der Vater doch endlich etwas, an das er glauben konnte. Richtig ansprechbar ist er wieder geworden, sagte sie einmal zu mir. Was er schamlos ausnutzte und ihr den Hans verzog. Kaum konnte der sich die Schuhe binden, steckte Vater ihn in die Hitlerjugend. Das fand Mutter dann wieder nicht so gut. Ich schon. Besonders am Sonntag. Hans, der sich zu einem richtigen Raufbold entwickelt hatte, musste zur HJ, Vater nach München, wo er half, den Krieg vorzubereiten, Mutter, Ludwig und ich, also der friedliebende Teil der Familie, fuhr in die Berge. Erst zum Abendessen waren wir wieder vereint.
Während Ludwig, der ewig hungrige, sich den Magen vollschlug, Hans immer neue Brutalitäten aus dem Mund quollen, die in meiner Vorstellung aussahen wie zu heiß geratenes Apfelmus, referierte Vater über die politische Lage.
Als ich einmal fragte, wann der Krieg denn endlich losgehen würde, von dem die beiden ständig reden würden, zog er die Hosenträger stramm und erklärte, dass das nicht von ihnen abhängen würde, sondern vom Gegner. Erst wenn der angreifen würde, müssten wir uns wehren. Worauf der Hans krakeelte, dass es schließlich Wehrmacht heißen würde und nicht Kriegsmacht. Der Vater grinste, weil er natürlich wusste, dass das ausgemachtes Zeug war, und der Hans auch. Ja, die beiden waren wirklich ein Herz und eine Seele.
Ludwig nicht, dem war der Krieg egal. Und seine Hausaufgaben auch. Die erledigte er immer erst in der Früh. Auch wenn die Zeit dazu überhaupt nicht reichte. Wie aus dem jemals was Vernünftiges werden sollte, war mir ein Rätsel. Aber das wollte er auch gar nicht. Ludwig wollte Dirigent werden.
Aber bei dem war immer schon alles anders. Der konnte sich solche Flausen erlauben.
Im Gegensatz zu mir. Ich durfte ja nicht einmal auf die BDM-Fahrten mit. Auf mich wartete immer eine Arbeit, die anscheinend nur von mir erledigt werden konnte. Und wenn ich der auskommen wollte, musste ich einen unbeobachteten Moment abwarten und rennen. Hinüber zum Haus vom Schuster Konrad, dann rechts zur Friedhofsmauer und links entlang, bis das Grünzeug anfing und mir irgendwann die Puste ausging. Dann warf ich mich ins Gras und schaute den Schmetterlingen zu, die sich an unsichtbaren Reckstangen hochzogen, aufgeregt von einer Blüte zur anderen flatterten und mal hier mal da ihren kleinen Rüssel hineinsteckten. Dabei fragte ich mich, wie es sich wohl anfühlt, geküsst zu werden. Also, so richtig. Mit Rüssel, also mit Zunge.
Einige aus meiner Klasse hatten diesbezüglich schon Erfahrung, und auch ich bin damals schon einmal geküsst worden. Von einem vorwitzigen Försterjungen aus den Bergen. Aber der hatte noch weniger Ahnung als ich. Sonst hätte er gewusst, dass man nicht freihändig küsst, sondern dass die Frau dabei in den Arm genommen wird. Die lehnt sich dann entspannt zurück und lässt sich küssen. Oder sie wirft den Kopf zurück und bietet ihm ihren Hals an. Natürlich hat sie dabei die Augen zu. Die Damen der besseren Gesellschaft ganz, die halbseidenen natürlich nur halb. Ich kannte mich aus. Zwar gab es damals zwar noch keinen Fernseher und ins Kino durften wir Kinder natürlich auch nicht, jedenfalls nicht in die Abendvorstellung. Aber an den Litfaßsäulen hingen immer irgendwelche Filmplakate. Und wie es danach weiterging, wusste wir auch alle. Langengeisling war damals ein reines Kuhdorf, und wenn ein Bauer einen Stier bestellt hat, wussten wir Kinder natürlich Bescheid. Das ging direkt reihum. So hatten wir genügend Zeit, uns einen guten Platz zu suchen, von dem aus wir heimlich zuschauen konnten. Und wenn uns doch mal ein Bauer beim Luren erwischt hat, hat er meistens so getan, als würde er uns nicht bemerken. Irgendwer musste uns schließlich aufklären. Warum nicht gleich Mutter Natur selbst. Außerdem, so viel zu sehen gab‘s da gar nicht. Das ging ja immer ziemlich fix. Aber das Grobe war dann wenigstens schon mal klar. Und den Rest hatten wir auch bald raus. Schließlich waren die Häuser damals noch nicht so isoliert wie heute. Da bekam man schon allerhand mit, nicht nur bei den eigenen Eltern.
Jedenfalls hab ich immer schnell ein paar Meter Getreide niedergetrampelt, mich darauf herumgewälzt und mir dabei vorgestellt, wie das wohl sein würde. Bis die ersten Herbststürme an den Kleidern der Mägde zerrten, Strohhüte flogen und das große Sensen begann, das, wie Vater vorausgesagt hatte, nicht die Deutschen anzettelten, sondern die Polen. So wurde es uns damals erzählt.
2
Die ersten drei Kriegswinter machten ihrem Namen alle Ehre.
Klohäusl froren ein, die Schule blieb oft wochenlang geschlossen und die Straßen und Wege waren glatt wie Rutschbahnen. Da half auch kein Salz. Wer sich kein Bein brechen wollte, blieb am besten immer da, wo er gerade war.
Das schienen sich irgendwann auch Vater und Hans zu sagen. Die standen an der Front.
Im ersten Jahr kamen sie immerhin noch für ganze vier Wochen nach Hause, im zweiten und dritten schneiten sie nur noch über die Feiertage herein. Was mich allerdings nicht wunderte. Sie waren immerhin dabei, ganz Europa niederzukämpfen. Nur der Russ machte noch Schwierigkeiten. Aber den würden sie auch noch kleinkriegen. Gegen die Wehrmacht war kein Kraut gewachsen. Und ihr zur Seite stand die halbe Welt. Wenn die sich auch nur halb so anstrengen würde wie die beiden, dürfte das jetzt nicht mehr lange dauern.
Es wurde aber auch höchste Zeit. Schon rein gesundheitlich.
Vater war von Besuch zu Besuch immer dünner geworden, zur dritten Kriegsweihnacht hatte er sich förmlich halbiert. Richtig abgekämpft sah er aus. Nur der Hans hatte noch sein altes Format. Aber der war ja auch ein gutes Stück jünger. Dafür brachte er jedes Mal ein anderes Souvenir mit, wie er sich ausdrückte. Wobei er genau genommen nichts mitbrachte, sondern ständig Teile verlor. Als erstes seine rechte Augenbraue und den linken Mittelfinger. Dann zwei Zehen. Zum dritten Weihnachtsfest schließlich ein Ohrläppchen, das ihm eine russische Partisanin abgebissen hatte. Wie genau es dazu kam, wollte er nicht sagen. Aber da sah man wieder mal, aus welchem Holz diese Untermenschen geschnitzt waren. Wenn die sogar Frauen in den Krieg schickten, die nichts anderes konnten als kratzen und beißen.
Das vierte Weihnachten feierten wir, also Ludwig, Mutter und ich, zum ersten Mal alleine. Dafür kam ein Brief. In dem stand angeberisches Zeug. Von einem geeinten Europa unter deutscher Führung, und dass sie dafür gerne ihr Leben hergeben würden. So was in der Art. Ich kann mich noch an meinen ersten Gedanken erinnern, nachdem Mutter mit Vorlesen fertig war. Dass die beiden wohl nur deshalb so übertrieben, um Weihnachten nicht nach Hause zu müssen. Weil sie keine Lust hatten, wieder tagelang Schnee zu schippen. Natürlich war das dummes Zeug. Ich wusste ja, wie ernst die Lage inzwischen war und dass es gerade ein wenig hapern würde mit dem Endsieg. Von Gebietsgewinnen hatte man jedenfalls schon länger nichts mehr gehört.
Also schippten wir eben wie immer selbst. Sogar Ludwig, der sonst nie was musste, schaufelte ein paarmal notgedrungen mit. Ich hielt nebenbei auch noch die Öfen in Gang. Und wenn sich Kundschaft näherte, bin ich schnell hinter die Theke geschlüpft. Die war groß, das Angebot klein. Der überständige Krieg hatte jetzt auch noch die Ernährungslage einkassiert. Lehrlinge hatten wir auch keinen mehr. Der letzte war bei der Wehrertüchtigung und würde nicht mehr zurückkommen. Nur der alte Meister metzgerte weiter vor sich hin. Der wiederum hätte gerne den Ludwig kassiert. Aber wie gesagt, der war zu nichts gebrauchen. Wenn jemals jemand mit zwei linken Händen auf die Welt gekommen ist, dann er.
Trotzdem hatte er ständig Angst um sie. Wie eine Diva.
Als ich einmal maulte, ich hätte auch ein Anrecht auf schöne Hände, schließlich wäre ich eine Frau, lachte Mutter schrill auf, ließ den Schöpflöffel auf Grund laufen und imitierte das überdrehte Bellen des Führers. Ich solle die Augen schließen, dann würde ich sehen, auf was ich ein Anrecht hätte. Außerdem, wurde sie schnell wieder ernst, wäre ich nicht auf feine Finger angewiesen. Und dass ich mich zu einem richtigen Trauerkloß entwickelt hätte. Ob es keine anderen netten Mädchen aus meiner Klasse geben würde, mit denen ich die Weihnachtsferien verbringen könne. Was denn aus Helga geworden wäre, der Tochter vom Bürgermeister? Die hätte ich schon lange nicht mehr mitgebracht. Oder aus Ursula oder Veronika, blätterte sie weitere Namen auf den Tisch. Oder wie wäre es mit Rohrmeiers Josepha und deren Schwestern? So schön hätten wir immer miteinander gespielt.
Ja, dachte ich genervt: Strickliesel.
»Soweit ich mich erinnere, hast du Rebecca früher immer für eine eingebildete Ziege gehalten«, nannte sie plötzlich Ross und Reiter, lüpfte den Deckel von den Dampfnudeln und schob den Topf zurück ins Rohr.
In der Luft blieb ein süßlicher Duft, der mich prompt an den Tag erinnerte, als Rebecca, die Tochter des Viehhändlers Isidor Lobenstein, plötzlich in der Tür der Fleischerei stand. Ausgerechnet jetzt war ich am Därme reinigen. Doch Rebecca, schick angezogen wie immer, rümpfte nicht die Nase, sondern schnappte sich eine Schürze und ließ sich zeigen, wie das ging.
Von da an waren wir Freundinnen.
Rebecca wusste viel und reden tat sie noch mehr. Sogar über Politik. Ich hatte von Politik keine Ahnung. Für mich war das Männersache. Dass sie sich dafür interessierte, kam wahrscheinlich daher, dass die Lobensteins keine Söhne hatten. Also bekam sie das eben alles ab. Bei uns daheim war es der Hans. Deshalb hatte der auch Nazi werden müssen. Nur dass Rebecca natürlich gegen die Nazis war. Ihr Vater war schließlich Jude. Ansonsten verstanden wir uns prima. Denn über die wirklich wichtigen Dinge waren wir uns einig. Dass die Lehrer alte Knacker wären, die Jungs in unserem Alter zu nichts zu gebrauchen und dass es praktisch war, dass Rebecca keinen Stern tragen musste. Ihre Mutter war Arierin. Angehörige privilegierter Mischehen waren befreit.
3
Den darauffolgenden Sommer fuhren Lobensteins wie immer nach Berlin.
Wir blieben wie immer zuhause. Wir konnten ja schlecht unseren Laden zusperren. Aber langweilig ist mir trotzdem nicht geworden. Dafür hat Mutter schon gesorgt. Wenn sie mich nicht im Laden gebraucht hat, musste ich dem Meister zur Hand gehen. Im Grunde war ich jedes Jahr froh, wenn die Sommerferien wieder vorbei waren.
Dann war es endlich soweit.
Ungeduldig stand ich vor der Metzgerei und wartete auf Rebecca, die einen guten Steinwurf weiter oben wohnte. Aber nicht sie kam die Straße herunter, sondern eine Fremde. Ich weiß noch wie heute, da waren Hüften, die gegen einen taillierten Rock drückten, eine weiße Bluse mit Inhalt, und eine richtige Frisur hatte sie auch.
Mit einem Wort, sie hatte die Ferien genutzt und war heimlich zur Frau geworden.
»Was ist? Was schaust du denn so?«
»Ich … Äh …«
»Ich weiß, die Wellen. Hat Papa mir spendiert. Süß, gell. Oder gefallen sie dir nicht?«
»Doch, doch«, versicherte ich schnell.
»Nein. Ich seh‘s dir an.« Rebecca seufzte und warf ihre Arme in die Luft wie eine Ausdruckstänzerin. »Ich hab ihm gleich gesagt, die sind unarisch.«
»Also mir gefallen sie«, versicherte ich noch einmal. »Aber du kannst dir ja jederzeit wieder einen Zopf flechten. Länge ist ja noch da.«
»Auch wieder wahr. Aber jetzt komm. Ich muss dir nämlich was erzählen. Ich sage dir, du machst dir keinen Begriff.«
»Von was?«, hechelte ich hinterher.
»Später. In der Pause.«
»Nein. Jetzt. Sonst kann ich mich nicht auf den Unterricht konzentrieren. Komm schon.«
»Also gut«, schnaufte Rebecca und rammte ihre Absätze in den Teer. »Ich hab geküsst. So richtig, mit Zunge.«
»Echt? Mit wem?«, flüsterte ich angestrengt zurück.
»Mit einem Pagen vom Hotel. Ein Gefühl war das, sage ich dir, unbeschreiblich.«
»So gut?«, fragte ich betont gelangweilt zurück.
»Ja«, stöhnte Rebecca und kniff ihre Knie zusammen, als müsste sie aufs Klo. »Aber kein Wunder, bei dem was da alles ein und ausgeht in so einem Hotel. Der tut wahrscheinlich den ganzen Tag nichts anderes als küssen. Soll ich dir zeigen wie es geht?«
»Jetzt?! Hier auf der Straße?«, fuhr ich erschrocken auf.
»Nein. Heute Nachmittag. Natürlich nur wenn du willst.«
»Ja. Gut. Warum nicht«, tat ich noch einmal möglichst gelangweilt. »Und wo?«
»Vielleicht hinter der kleinen Kapelle? Sagen wir um drei?«, schlug sie vor und trabte wieder an.
»Passt«, stieß ich hervor und stolperte hinterher.
Rebecca war nicht nur eine Frau geworden, sondern auch mit dem Thema Küssen war sie an mir vorbeigezogen. Trotzdem wollte sie immer noch meine Freundin sein, mir sogar zeigen, wie das ging. Und sogar mit Zunge, flüsterte eine Stimme, die sich normalerweise nur meldete, wenn ich in der Nacht in den Laden schlich und ein Paar Wiener abzweigte. Aber dabei lief es mir nie heiß und kalt den Rücken hinunter. Und das Gefühl, schreien zu müssen, hatte ich dabei auch nicht. Ich hatte aber auch noch nie vorgehabt, mich küssen zu lassen. Erst recht nicht von einem Mädchen. Vielleicht war das ja auch verboten. In dem Fall sogar Rassenschande. Andererseits war es nur eine Demonstration. Und natürlich mit Zunge. Sonst wäre es ja keine.
Entschlossen wandte ich mich wieder dem Unterricht zu.
Gerade noch rechtzeitig.
»Anna. Würdest du die Frage bitte wiederholen?«
»Ja, Herr Lehrer«, rief ich und sprang auf. »Wenn eine deutsche Infanteriedivision dreißig Kilometer am Tag zurücklegt, in wie vielen Monaten steht sie vor Moskau, wenn man eintausendachthundert Küsse zugrunde legt, dass sie in einem durchmarschieren und dass ein Monat dreißig Tage hat.«
»Anna?«
»Ja, Herr Lehrer?«
»Nicht Küsse. Kilometer.«
»Oh. Entschuldigung. Freilich, Kilometer.«
Natürlich haben alle gelacht. Aber der Lehrer hat mich nicht lange leiden lassen. Das könne schließlich jedem einmal passieren, sagte er. Selbst einer Schülerin wie Anna, an der die anderen sich gerne ein Beispiel nehmen könnten. Obwohl sie den Kopf wohl bei den erfreulicheren Dingen des Lebens hätte, müsste er sich schon sehr wundern, wenn sie die Lösung nicht parat hätte.
»Anna?«
»Zwei, Herr Lehrer«, antwortete ich ohne nachzudenken.
Dazu wäre ich auch gar nicht fähig gewesen.
Den Rest des Vormittags hatte ich nur noch Augen für meinen Retter. Wenn meine und Rebeccas Blicke sich trotzdem einmal trafen, tauchte ich schnell weg. Und als endlich die Schlussglocke ertönte, wäre ich am liebsten sitzengeblieben. Weil das nicht möglich war, konnte ich nur hoffen, dass Mutter mich zwingen würde, den ganzen Nachmittag im Laden zu stehen. Oder Därme auszuwaschen. Alle Därme dieser Welt hätte ich ausgewaschen. Oder den Laden gekehrt. Und den Hof dazu. Oder das ganze Haus von oben bis unten feucht durchgewischt. Damit wäre ich bis Ende der Woche beschäftigt. So lange würde ich auch nicht mehr zur Schule gehen.
An dem Punkt meiner Überlegungen stand ich bereits eine viertel Stunde hinter der Kapelle.
»Wartest du schon lange?«, keuchte Rebecca und schubste ihr Fahrrad ins Korn.
»Nein. Ich bin auch gerade erst gekommen. Und ich muss auch gleich wieder weg. Also, was machen wir?«, fragte ich möglichst beiläufig, während mir das Herz bis zum Hals klopfte.
»Ich dachte, du wolltest, dass ich dir zeige, wie man küsst«, staunte Rebecca.
»Wollte ich das?«, tat ich überrascht.
»Ja. Wolltest du«, bestätigte Rebecca mit zusammengezogenen Augenbrauen.
»Na gut. In Gotts Namen. Wenns sein muss«, seufzte ich.
Ungefähr so wie Mutter auf die Bitte einer Kundin, anschreiben zu dürfen.
»Wenns sein muss?«, verrutschte Rebecca die Stimme. »Du wolltest doch … Aber wenn du‘s dir anders überlegt hast …«
Mit zwei Schritten war sie an ihrem Rad.
»Nein!«, stieß ich hervor. »Äh. Das heißt … Ich meine, jetzt wo wir schon mal da sind.«
»Oder sollen wir vielleicht erst mal eine rauchen?«, bot Rebecca überraschend an, was meinen Puls wieder einigermaßen beruhigte.
Dafür meldete sich ausgerechnet jetzt mein Sinn fürs Praktische.
»Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Also vorher … Ich meine wegen dem Geschmack … im Mund.«
»Stimmt. Daran habe ich gar nicht gedacht», stellte Rebecca fest und schritt zur Tat. »Dann wollen wir mal. Bevor wir hier noch Moos ansetzen.«
»Was muss ich tun?«, schnaufte ich aus und schaltete einfach auf Schulbetrieb.
»Du? Nichts. Du machst das Mädchen und ich den Jungen.«
»Gleich mit oder erst einmal ohne Zunge?«
»Natürlich mit. Du willst ja schließlich lernen, wie das geht. Oder hast du Angst, dass du davon lesbisch wirst?«
»Nein!«, schrak ich auf.
Daran hatte ich noch gar nicht gedacht.
»Gut. Dann erkläre ich die Badesaison hiermit für eröffnet«, meckerte Rebecca wie Heinz Rühmann in ›Quax, der Bruchpilot‹, riss mich in ihre Arme und fing an, mein Gesicht abzugrasen.
Ich wunderte mich zwar, ließ sie aber erst mal machen. Ich sagte mir, eine die in Berlin mit Hotelpagen knutscht, wird schon wissen, was sie tut. Doch als sie einfach nicht auf den Punkt kam, dachte ich, sie hat wohl Schiss bekommen und will sich am Ohr vorbei in die Büsche schlagen. Ist vielleicht auch besser so. Zwei Frauen, die sich heimlich küssen, normal ist das jedenfalls nicht. Genauso wenig wie eine Zunge im Ohr.
»Iih. Das kitzelt. Lass das!«, jaulte ich auf, aber Rebecca tat als hätte sie nichts gehört. »Sag mal, spinnst du jetzt komplett«, wand ich mich aus ihrem Griff, warf sie rücklings ins Gras und setzte mich auf ihren Bauch. »Doch nicht ins Ohr! Da musst du gar nicht so blöd grinsen. Du und dein Hotelheini, ihr habt doch keine Ahnung. So geht das.«
Ohne nachzudenken griff ich in Rebeccas Angeberfrisur, bückte mich nach unten und wühlte ihr meine Zunge in den Mund. Und Rebecca wühlte zurück. Solange bis uns die Luft ausging. Dann warf ich mich rücklings ins Gras und dachte zufrieden: ›So. Das wär geschafft.‹
»Mein lieber Schwan«, murmelte Rebecca, kramte Feuerzeug und Zigaretten aus ihrer Jacke und zündete sich eine an. »Aber wetten, weiter traust du dich nicht.«
»Was meinst du?«
»Tu nicht so unschuldig. Du weißt genau, was ich meine. Jemand der so küsst.«
»Nein. Weiß ich nicht.«
»Soll ich es dir erklären?«, spöttelte Rebecca.
»Nein. Weil es da nichts zu erklären gibt.«
Ich hatte gerade geküsst, dass Rebecca Hören und Sehen vergangen war. Was denn noch?!
»Erzähl mir doch nichts«, blieb sie dran und steckte mir die angerauchte Zigarette zwischen die Lippen. »Aber ist schon recht, du Meisterküsserin. Ich muss eh los. Mama wartet mit den Vorhängen.«
Dann lag ich alleine im Gras, paffte Rebeccas Zigarette fertig und dachte nur: ›Zwei Fliegen mit einer Klappe. Erste Zigarette und erster Kuss. Nicht schlecht für den Anfang‹. Danach schwang ich mich in den Sattel und klapperte nach Hause.
Mutter hatte kaum den Mund aufgemacht, da stand ich schon hinter der Theke und schmetterte: »Die nächste bitte!«
Und nach Ladenschluss hab ich nicht nur wie üblich den Laden rausgewischt, sondern die Metzgerei gleich mit. Und wäre Mutter nicht eingeschritten, hätte ich wohl auch noch die Treppen geputzt und den Dachboden dazu, in dem hormonellen Zustand, in dem ich mich befand. Nach dem Abendessen bin ich dann direkt ins Bett, da war es noch nicht mal dunkel. Aber das war mir egal. Für heute hatte ich genug erlebt.
Um vier Uhr wachte ich zum ersten Mal auf. Von da an alle halbe Stunde. Aber als es endlich Zeit war, hätte ich am liebsten verschlafen. Weil man aber nicht absichtlich verschlafen kann, bin ich extra früh los und hab mich noch vor Schulbeginn in meine Bank gesetzt. Und da bin ich geblieben bis Schulschluss, nicht mal in den Pausen bin ich raus. Und die ganze Zeit hab ich Rebecca nicht einen Blick geschenkt. Doch Punkt drei Uhr war ich wieder an der Kapelle.
Und dabei sind wir geblieben.
Natürlich nicht jeden Tag. Meistens musste ich ja arbeiten. Im Gegensatz zu Rebecca. Lobensteins hatten eine Zugehfrau. Aber es gab ja auch noch die Sonntage. Wobei wir natürlich nicht nur rumgeschmust haben. Hauptsächlich haben wir geredet. Darüber, wer gerade ein Ritterkreuz verliehen bekommen hatte oder welcher U-Boot-Kommandant gerade tonnagemäßig vorne lag. Besonders die hatten es mir angetan. Das waren so verwegene Kerle mit zerknautschten Mützen, frechem Blick und Drei-Tage-Bart. Aber hauptsächlich interessierten wir uns natürlich für die aktuellen Stars, Mode, Frisuren, Schminktipps, was Mädchen in dem Alter ebenso interessiert.
Als dann die Bäume angefangen haben, uns mit Blättern zu bewerfen und die Mähdrescher kamen, verlegten wir unsere Aktivitäten in Rebeccas Kinderzimmer. Da mussten wir auch keine Angst mehr haben, dass uns jemand überraschen würde. Ich weiß nicht, ob ihre Eltern wussten, was wir da trieben, aber wenn, waren sie sehr diskret. Und es war ja auch nicht so, dass wir Sex gehabt hätten. Wir waren einfach nur neugierig. Wir betrachteten unsere pubertierenden Körper nicht als Sexualobjekte, eher wie Landkarten, die es zu erkunden galt. Und als wir damit durch waren, waren wir einfach beste Freundinnen.
Apropos Landkarten: Nicht so gut sah es auf der wirklichen Karte aus, die von damals bekannten Namen nur so wimmelte. Klingende wie Tobruk oder Bengasi, unaussprechliche wie Wschowa, Szprotawa oder Byczyna, und wieder andere, die nur geflüstert wurden.
4
Wie kommst du eigentlich darauf, dass ich Rebecca immer für eine eingebildete Ziege gehalten hab?«, fragte ich Mutter, wieder zurück aus dem Land meiner Erinnerungen.
»Stimmt das vielleicht nicht?«, fragte sie zurück.
»Also ›eingebildete Ziege‹ hab ich sicher nie gesagt. Und das tut ja auch gar nichts zur Sache. Ich verstehe nur nicht, wo die hin sind. Weihnachten waren Lobensteins noch nie weg.«
»Woher willst du denn das wissen?«, wich Mutter aus. »So lange seid ihr jetzt auch noch nicht befreundet.«
»Eineinhalb Jahre. Und letztes Jahr waren sie da. Wenn sie dieses Weihnachten wegfahren hätten wollen, hätte sie es mir bestimmt gesagt. Außerdem haben wir erst letzte Woche ihre Pyramide aufgebaut.«
Rebeccas Vater war zwar Jude, aber Weihnachten feierten sie nicht anders wie wir. Mit Baum, Pyramide und allem drum und dran. Und natürlich mit Geschenken, und das nicht zu knapp.
»Dann haben sie es sich eben anders überlegt. Soll vorkommen«, sagte Mutter leichthin.
Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie mir etwas verheimlichte.
»Und woher weißt du das?«
»Ich? Ich weiß gar nichts.«
»Klingt aber so. Jetzt komm schon, Mama. Du weißt doch was.«
»Also gut«, schnaufte Mutter und knallte das Besteck auf den Tisch. »Sie sind in Auschwitz.«
»Und wann kommen sie wieder?«, fragte ich nach und folgte ihr in den Laden.
Weg von den Dampfnudeln, die wahrscheinlich heilfroh waren. Dampfnudeln fürchten sich nämlich vor nichts mehr, als wenn man andauernd nachschaut. Die fallen dann zusammen, was sich natürlich auch auf den Geschmack schlägt. Außerdem, das Auge isst schließlich mit.
Aber lieber zusammengefallene Dampfnudeln als gar keine, sagte ich mir beim Blick über die Straße, hinüber zum Haus vom roten Konrad. Der war seit ein paar Jahren in Dachau, auch so ein Ortsname, den die Erwachsenen immer nur hinter vorgehaltener Hand aussprachen.
»Was weiß ich. Das Beste ist, du vergisst sie«, grollte Mutter hinter der Theke hervor, wo sie den kalten Braten schnitt fürs Rathaus.
»Aber warum denn?«
»Weil aus Auschwitz keiner mehr zurückkommt. Aber das behältst du für dich.«
»Warum?«, schluckte ich trocken.
»Weil wir sonst in Teufels Küche kommen.«
»Warum?«
»Warum, warum, warum!«, brauste Mutter auf und hob zum ersten Mal den Kopf. »Weil das als Hetze ausgelegt werden könnte.«
»Das verstehe ich nicht. Haben Lobensteins nur dir gesagt, dass sie weggehen?«
»Lobensteins haben gar nichts gesagt. Mir nicht und auch sonst keinem. Dazu hatten die gar keine Gelegenheit mehr. Aber das ist ja nur die eine Seite.«
»Und was ist die andere?«
»Also gut, alt genug bist du ja. Wer … Nein. Anders.« Mutter legte das Tranchiermesser weg und hielt kurz die Luft an, wie immer, wenn sie sich zu etwas durchgerungen hatte. »Wenn du in den Spiegel schaust, ist dir da eigentlich noch nie was aufgefallen?«
»Warum? Äh. Nein.«
»Ich meine, im Vergleich zu deinen Schulfreundinnen.«
»Was ist mit denen?«
»Mit denen?«, staunte Mutter.
»Ja. Du hast doch gerade gesagt …« Weiter kam ich nicht. Ihr Blick war eindeutig wie der unseres Lehrers, wenn er davon ausging, dass die Frage durch eigenes Nachdenken gelöst werden konnte. »Du meinst, weil wir auch Juden sind? Es weiß nur keiner?«
»Was? Nein! Um Gottes Willen. Es ist nur, weil der liebe Gott bei deinem Teint ein bisschen mehr Farbe in den Topf gegeben hat als bei deinen Brüdern. Und dein Gestrüpp geht auch nicht gerade in Richtung arisch blond.«
»Aber dafür kann ich doch nichts. Und außerdem, so viel arischer schaust du auch nicht aus.«
»Werd nicht frech, Fräulein. Aber wenigstens hast du verstanden, um was es mir geht. Und dabei ist das Aussehen noch nicht einmal alles. Wie oft hab ich dir zum Beispiel schon gesagt, dass du dich mehr um deine Stimme bemühen sollst. Für was meinst du, zahl ich deinen Stimmunterricht?«
Mutter brach ab, zog eine Schachtel Zigaretten aus ihrer Schürze und zündete sich eine an.
»Schau, Kind«, blies sie eine pfeilgerade Rauchfontäne Richtung Plafond. »Ich mein es doch bloß gut mit dir. Und deine Stimme, versteh mich nicht falsch, deine Stimme ist wunderbar. Aber viel zu dunkel für dein Alter. Schon beinahe wie die von der Leander.«
»Das sagt Rebecca auch immer«, stieß ich hervor und ließ mich auf die Fensterbank plumpsen.
»Dann weißt du ja, was ich meine. Schau … Und geh bitte vom Fenster weg, nicht dass noch jemand aufschnappt, über was wir uns hier unterhalten. Komm zu mir hinter die Theke … So, und jetzt lass dich in den Arm nehmen … Schau, Anna. Ich möchte doch nur nicht, dass du auffällst. Meine Leute kommen nun mal aus dem Osten. Und du kommst eben ganz nach ihnen. Und wie das so ist, wenn man etwas anders ausschaut wie die andern, ratzfatz kommen Gerüchte auf. Und dass du eine Stimme hast wie Zarah Leander ist da nicht gerade hilfreich. So hoch im Kurs steht die nämlich auch nicht mehr. Die ist seit letztem Jahr wieder in Schweden. Die hat den Braten gerochen und das sinkende Schiff verlassen. Sich jetzt noch mit der vergleichen zu wollen, ist nicht gerade hilfreich. Und dann der Name. Die heißt eigentlich gar nicht Zarah, sondern Sara. Und wenn das kein jüdischer Name ist.«
»Aber was redest du denn da. Das stimmt doch alles gar nicht. Alle lieben sie.«
Verärgert riss ich meinen Kopf aus ihren Händen.
Das wusste ich nun wirklich besser. Lobensteins hatten die ›Film-Bühne‹ abonniert, die Rebecca und ich regelmäßig durchackerten. Keine Ausgabe ohne Zarah Leander!
»Das kann schon sein«, griff Mutter nach meinem Zopf. »Aber nicht die, auf die es ankommt, die entscheiden, wer wegkommt und wer nicht. Ich kann dir den Artikel, den der Himmler über die Leander geschrieben hat, gerne vorlesen.«
»Was für einen Artikel?«
»Hab ich vom Bürgermeister bekommen. Letztes Jahr schon. Als er mir gesagt hat, dass ich dich Singstunden nehmen lassen soll. Er hat Papa versprochen, dass er ein Auge auf uns hat.«
»Aber davon weiß ich ja gar nichts. Ich hab gedacht, du wolltest, dass ich vielleicht mal eine Sängerin werde.«
»Das kannst du auch. Aber in erster Linie geht es darum, dass deine Stimme heller wird.«
»Und warum hast du mir das nicht gleich gesagt?«, gab ich beleidigt zurück.
»Weil ich dich nicht beunruhigen wollte. Weil du letztes Jahr noch ein kleines Mädchen warst. Und man ist schließlich nur einmal Kind.«
»Aber vielleicht habe ich ja nur deshalb so eine tiefe Stimme, weil wir doch Juden sind. Nur dass es eben keiner weiß«, sinnierte ich, hin und her gerissen zwischen Mutters ansteckender Panik und dem Wunsch, Rebecca auf der Stelle hinterher zu fahren nach Auschwitz.
»Ein für allemal, wir sind keine Juden. Weder Papa noch ich«, ließ Mutter meinen Zopf los und schaute mich streng an. »Wie willst du da eine sein. Aber damit du endlich Ruhe gibst«, wurde sie schnell wieder weich, »sollte sich tatsächlich ein Jude in unseren Stammbaum geschwindelt haben, dann ist das so lange her, dass das nicht mehr zählt. Oder hast du schon einmal von Sechzehnteljuden gehört? Oder von Zweiunddreißigsteljuden? … Eben. Also, zum letzten Mal: Wir sind keine Juden. Weder halb noch dreiviertel, noch sonst was. Haben wir uns verstanden …? Anna? Gib gefälligst Antwort, wenn ich dich was frage!«
»Ja. Ich habs verstanden«, maulte ich, drehte mich endgültig aus dem stürmischen Atem meiner Mutter, hin zum Fenster, um aus sicherer Distanz noch einmal Anlauf zu nehmen. »Aber auch wenn es so wäre, also dass Lobensteins jetzt in Auschwitz sind, so schlimm wie du tust, ist so ein KZ nun auch wieder nicht.«
»Sag mal, spinnst du jetzt komplett!?«, jaulte Mutter auf.
»Nein«, gab ich trotzig zurück. »Weil die Juden nämlich nicht in den Osten kommen, damit man ihnen dort was tut. Sie werden da hingeschickt, um das Land urbar zu machen. Damit das dann besiedelt werden kann. Irgendeiner muss ja den Anfang machen, und da schickt man eben die Juden. Weil die ja ursprünglich auch von da herkommen. Die haben da sogar eine eigene Stadt. Theresienstadt, wenn du es genau wissen willst. Die hat der Führer den Juden höchstpersönlich geschenkt. Mit Thermalbädern, Hotels und allem Pipapo. Und die müssen da auch nicht hin, die dürfen. Das kostet sogar richtig viel Geld, wenn man da hinwill. Deshalb kommen da auch nur Juden hin, weil sich das sonst keiner leisten kann. Sogar aus Holland, Frankreich, von überall her reisen die an.«
»Wer sagt denn so was?«, kam Mutter aus dem Staunen nicht mehr heraus.
»Herr Bareis. Unser Lehrer«, schmierte ich ihr genüsslich aufs Brot.
»Ja. Weil er muss«, blies Mutter eine weitere Fontäne Richtung Decke. Dann setzte sie wieder diesen Blick auf, bei dem man als Kind sofort weiß, dass man verloren hat. »So. Und jetzt sag ich dir mal was. Und hör gut zu. Ich sag das nämlich nur einmal. Die Juden kommen nach Auschwitz, weil man sie da unauffällig umbringen kann. Ich weiß ja nicht, was dein Lehrer weiß, aber ich weiß es von deinem Vater, und der weiß es von ganz oben.«
»Nein!«, gab ich entsetzt zurück.
»Doch.«
»Ich glaub das trotzdem nicht. Weißt du was? Da hat Papa sich bestimmt verhört. Das würd der Hitler doch nie zulassen. Der ist doch kein Unmensch.«
»Anna«, zehrte Mutter vom letzten Rest einer Geduld, für die sie nicht berühmt war. »Versteh mich nicht falsch. Ich bin die Letzte, die will, dass denen was passiert. Aber nur weil keiner darüber redet, heißt das nicht, dass es nicht so ist.«
»Mama. Bitte. Hör auf. Ich will das nicht hören«, wand ich mich wie der Hans, wenn Vater ihm eine Tracht Prügel verabreichte. »Und es macht ja auch überhaupt keinen Sinn. Die Rebecca hat doch keinem was getan. Warum soll man der denn was antun?«
»Ich sag ja schon nichts mehr. Aber du wolltest wissen, was mit Lobensteins passiert ist. Und ich wollte dich nicht anlügen. Lang genug habe ich das alles von dir fernhalten können. Aber jetzt bist du bald erwachsen. Und noch eins. Damit du mir glaubst. Auch wenn ich dir da noch einmal weh tun muss. Jeder der verreist, schreibt seinen Verwandten oder Freunden, dass er gut angekommen ist und wie es ihm geht. Oder ruft an. Ist doch so, oder?«
»Ja.«
»Von denen, die weggegangen sind, hat noch kein einziger einen Brief geschrieben oder angerufen.«
»Aber woher willst du denn das wissen?«
»Weil Lobensteins nicht die einzigen sind, die ich kenne, die weg sind. Und überhaupt, warum meinst du, hat Rebecca sich nicht von dir verabschiedet? Deine beste Freundin. Wenn das alles so normal ist, wie du tust? Weil die bei Nacht und Nebel abgeholt wurden. Ohne Vorwarnung. Weil sie sonst geflohen wären. Und das wären sie auch schon längst, wenn ihr Vater nicht gedacht hätte, er wäre was Besonderes. Bloß weil er mit dem Gauleiter einmal auf der Jagd war. Erst neulich hab ich ihm gesagt, er soll schauen, dass er weiterkommt. Aber er hat nur gelacht und gemeint, dass ich eine alte Schwarzseherin wäre. Und was deinen Lehrer betrifft, den Herrn Bareis haben sie auch abgeholt«, blies Mutter eine weitere Hiobsbotschaft in die Luft. »Der soll irgendwas im Unterricht gesagt haben. In der Art, dass es Erfreulicheres geben würde, als an der Front zu stehen.«
»Aber das stimmt doch gar nicht. Den habe ich letzte Woche noch gesehen.«
»Weil die nicht blöd sind und verhaften den aus dem Unterricht raus. Bei dem haben sie schön bis zu den Ferien gewartet. Damit sich keiner was dabei denken muss, wenn nach Heilig Drei König ein neuer Lehrer da ist. Muss er sich gerade jetzt verplappern. Jetzt wo das Blatt sich dreht.«
»Aber warum sagt der auch so was. Er muss doch wissen, dass man das nicht sagt. Ist der jetzt auch in Auschwitz?«
