Wintermorgen - László Darvasi - E-Book

Wintermorgen E-Book

Laszlo Darvasi

0,0
21,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Orchester kommt bei einem Busunglück um, nur der Schlagzeuger überlebt und erfüllt den Auftrag allein: die Insassen einer Nervenklinik mit dem kollektiven Erlebnis der Musik aus dem individuellen Wahnsinn zu erlösen. Ein Mädchen steht am Fenster und beobachtet auf der Straße zwei Küssende, den Stein in der Hand, mit dem es die beiden zerschmettern will. Ein Unglück, auf das die Betroffenen nicht reagieren; kryptische Geschehnisse, in deren Zentrum das hinterrücks hereinfahrende Böse steht; Töten, ohne zu wissen, warum: um diese unheimlichen Erfahrungen kreisen die 27 kurzen Prosastücke des Bandes. Die Normalität, in der wir leben, erscheint als Insel in einem Meer aus Hass, Brutalität und Paranoia. László Darvasi, der Erkunder des Unbegreiflichen, hat früh die Novelle als Form entdeckt, in der seine Kunst der Verrätselung und Verdichtung ihren stärksten Ausdruck findet. Unbeirrt nimmt sein Erzähler den Menschen in den Blick, der seine Wünsche und Handlungen selbst nicht versteht. Darvasis Geschöpfe wirken wie Verzauberte, die zur schönsten, verrücktesten Liebestat und zum entsetzlichsten Verbrechen fähig sind. Es ist die Sprachmacht des Autors, seine buchstäblich bodenlose Phantasie, die aus den abwegigsten, albtraumhaften Szenerien Texte erstehen lässt, die mit ihrer Lakonie und berückenden Schönheit fesseln.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2016

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Eine Militärkapelle kommt bei einem Busunglück um, nur der Schlagzeuger überlebt und erfüllt den Auftrag: für die Insassen einer Nervenklinik zu spielen. Allein die Musik könne den Wahn des Einzelnen in den Wahn des Kollektivs einpassen. Doch ein Liebespaar rebelliert und flieht.

Die Liebe oder ihr Gegenpol, die Kälte, beherrscht viele Figuren, von denen hier erzählt wird – konkret und allegorisch zugleich. Da ist die Frau, die ihre seit Wochen zwischen Leben und Tod dahindämmernde alte Mutter schminkt und feinmacht, damit sie »ihm« endlich vor die Augen treten kann. Oder der Sohn, der seinen gelähmten Vater auf dem Markt verkauft, weil die Familie die Pflege nicht länger übernehmen will.

László Darvasi, der Erkunder des Unbegreiflichen, hat früh die Novelle als Form entdeckt, in der seine Kunst der Verrätselung und Verdichtung ihren stärksten Ausdruck findet. Unbeirrt nimmt er die Menschen und ihre Tragik in den Blick. Radikaler als je zuvor thematisiert er die soziale Realität seines Landes: Armut, Kriminalität, Fremdenhass und skrupellose Kommerzialisierung. Er erzählt vom Unglück, auf das es keine Antwort gibt, nur die böse Tat – oder das Erbarmen, das in der Finsternis seiner Geschichten aufglüht.

László Darvasi, 1962 in Törökszentmiklós geboren, gilt spätestens seit seinem Roman Die Legende von den Tränengauklern (1999; dt. 2001) als einer der originellsten und produktivsten Schriftsteller seiner Generation. Auf Deutsch erschien zuletzt der Roman Blumenfresser (2013). Darvasi, der in Ungarn auch für seine Kolumne in der Wochenzeitung Élet és Irodalom berühmt ist, lebt in Budapest.

László Darvasi

Wintermorgen

(Gott. Heimat. Familie)

Novellen

Aus dem Ungarischenvon Heinrich Eisterer

Die Originalausgabe erschien 2015 u. ‌d. ‌T. Isten. Haza. Csal. im Verlag Magvető, Budapest.

Die deutsche Ausgabe wurde vom Autor geringfügig verändert und um die Texte »Tips für Hundehalter«, »Der Tod des Nachbarn«, »Der Baum« erweitert. »Stell es dir vor, János!« und »Das Gebiss« wurden nicht aufgenommen. Abweichungen der Übersetzung vom Original sind mit dem Autor abgestimmt.

eBook Suhrkamp Verlag 2016

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2016.

© Suhrkamp Verlag Berlin 2016

© Darvasi László 2016

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr.

Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Umschlagfoto: Nico Krijno

Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner

Wintermorgen

Gott

Die Blume

»Mein Junge, das ist die Erde.«

Der junge Mann nickte mit seinem schweren Kopf.

»Dort ist der Himmel. Wolken. Vögel. Wind. Die Winde sehen wir nicht. Aber wir spüren sie. Heb mal das Gesicht. Spürst du es? Das ist der Wind. Das dort ist ein Flugzeug. Da sitzen Menschen drin. Sie reisen irgendwohin. Sie fahren fort, kommen an. Wie der Rumpf glänzt.«

Der Junge nickte. »Ich sehe es. Es glänzt. Wir fahren nicht fort?«

»Wir fahren nicht fort«, sagte der Mann.

»Mutter ist gegangen«, sagte der Junge.

»Sieh dich nur um«, fing der Mann nach kurzem Schweigen wieder an und drehte sich in alle Richtungen. »Tiere. Kühe. Schafe. Ein Seeadler. Er fliegt. Der Hund. Er ist bei uns. Es ist unserer.«

Der Junge lächelte.

»Es ist unser Hund. Meiner. Bleibt er hier?«

»Ja, er bleibt hier.«

»Warum bleibt er hier?«

»Er hat uns lieb.«

Jenseits des Zauns konnte man oft nichts mehr erkennen, das Grau verschluckte sogar den verdorrten Nussbaum. Der Mann saß am Küchenfenster und starrte in die nasse Landschaft. Das war ein Regen, bei dem die Luft sich nicht bewegte. Zwischen der grauen Erde und dem grauen Himmel spannten sich graue Angelschnüre.

»Siehst du, das ist Regen«, sagte er.

»Ja«, antwortete der Junge. »Er ist kalt.«

»Noch kälter als Regen ist der Schnee«, erklärte der Mann. »Der fällt im Winter. Anstelle von Schnee fällt jetzt Regen. Erinnerst du dich an den Schnee?«

Der Junge schüttelte den Kopf.

»Ich erinnere mich nicht an den Schnee. Und an den Winter erinnere ich mich auch nicht.«

»Schnee ist weiß und weich wie Flaum. Auch er kommt vom Himmel.«

Der Junge sah vor sich hin. Sein Kinn glänzte.

»Ich weiß nicht. Ich erinnere mich nicht.«

Der Mann streichelte ihm die Schulter.

»Macht nichts, mein Kind. Dann im Winter. Da zeige ich dir das Ganze.«

Das war ihm ungewollt herausgerutscht, trotzdem horchte der Junge auf.

»Das Ganze?«

»Nicht das Ganze. Den Winter«, sagte der Mann.

»Wenn nicht Winter ist, dann kann man den Winter nicht zeigen?«

»Ich kann ihn dir zeigen, nur siehst du ihn nicht so gut, glaube ich.«

»Wo ist der Winter jetzt? Ist er gegangen?«

Der Mann überlegte und fuhr in die Gummistiefel. Er warf sich die Pelerine um. Zeit für die Fütterung.

»Das Ganze kann ich nie zeigen. Vielleicht gibt es so was gar nicht.« In der Tür drehte er sich um: »Und man darf Gott nicht vergessen.«

»Gott«, sagte der Junge. »Ich weiß nicht.« Er zuckte die Achseln. »Ich erinnere mich nicht.«

»Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist«, erklärte der Mann.

»Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist«, wiederholte der Junge. Und er lächelte gezwungen.

Der Mann ging in den Regen hinaus. Wie mit Fingern trommelte das Wasser auf seinen Rücken. Er versorgte die Tiere, trug Holz ins Haus. Das hackten sie gemeinsam, der Junge half, doch bald hatte er keine Lust mehr. Längere Zeit machte er gar nichts. Aber er konnte ja den ganzen Tag durchschlafen, um dann in der Nacht nur umherzuwandern, den Mond ansehen und die Sterne, Radio zu hören oder zu essen.

Die verregneten, kalten Tage gingen vorüber. Langsam wurde das Wetter milder, die Wärme bestreute die Wiesen rund ums Haus mit den kleinen gelben Sonnen der Wolfsmilch. Das Grün reifte und wurde tiefer. Die Gegend war voller Storchennester. Der Mann nahm den Jungen beim Arm.

»Frühling. Es ist Frühling, das weißt du.«

Der Junge nickte. »Frühling.«

Eines Tages stand er ungewohnt früh auf. Noch vor dem Mittagessen kam er aus seinem Schlupfwinkel. Der Mann gab ihm ein Schmalzbrot. Er begann zu kauen, schließlich ging er hinaus vor das Anwesen und setzte sich an den Graben. Er ließ den Blick schweifen, spuckte hin und wieder aus. Auf einmal begann er zu rufen.

»Komm! Komm!«

Der Mann ging zu ihm, er hatte gerade Zwiebeln geschnitten und wischte sich die Hände ab.

»Ich bin dein Vater. Vater. Verstehst du?«

Der Junge nickte. »Vater.« Nun begann er zwischen Gräsern und Blumen den Grabenrand zu erforschen. Seine dicken Finger strichen über die Erde, fegten Störendes beiseite, geschickt und mit Gefühl. Plötzlich hielt er inne. Der Mann beugte sich über ihn. Der Junge zeigte ihm ein blassrotes, bläuliches Blümchen mit kleinen gelben Streifen in den Blüten. Seine Augen leuchteten.

»Kesstölzesömöhze.«

Der Mann wunderte sich. Dieses Wort hat er noch nie gehört. Er ist hier aufgewachsen, zwischen den weißen Gehöften, die in der Gegend verstreut waren und Wurzeln geschlagen hatten, neben Feimen, in abgelegenen Winkeln von Gärten, er kennt jeden Busch, jeden Baum und jeden Wasserlauf.

»Kesstölzesömöhze?«

»Ja«, sagte der Junge. »Eine Blume, siehst du?«

»Ich sehe«, sagte der Mann.

»Wir pflücken welche für Mutter, falls sie zurückkommt.«

»Wir pflücken welche«, sagte der Mann.

Der Junge ging ins Haus. Er schlang noch etwas herunter und legte sich hin, eine Zeitlang knarrten die Bettfedern rhythmisch. In der Nacht stand er auf, um zu essen, der Mann hörte ihn herumtappen. Es war noch ein bisschen Bier da, er trank es aus. Sicher hatte er schon alle seine Zigaretten verbraucht.

Am Morgen ging der Mann zum Graben hinaus, nach dem Wasserlassen suchte er die Blume. Mehrmals ging er gebückt hin und her. Das Kreuz tat ihm weh, wie beim Holzhacken. Er fand die Blume nicht.

»Kesstölzesömöhze«, sagte er zu dem Jungen, als der am Nachmittag aufstand, weil er hungrig geworden war.

»Was?«, fragte der Junge.

»Kesstölzesömöhze«, wiederholte der Mann.

Der Junge blinzelte und rieb sich die Stirn.

»Ich erinnere mich nicht.« Er zuckte die Achseln und begann, aus dem Topf zu löffeln. Er aß. Dass die Paprikakartoffeln kalt waren, schien ihn nicht zu stören.

Die Steintreppe

Oberhalb des Wassers verlief eine Straße. Noch weiter oben färbten Oleanderblüten die Gärten weiß und tiefrot, dazwischen grünten Feigenbäume. Die weiße Reihe übereinandergeschachtelter, jahrhundertealter Steinhäuser hatte man auf den Felsen des Berges erbaut, wie die Kirche und das längliche, moderne Gebäude des Krankenhauses. Die Villen waren blendend weiß, auf einigen blähte sich die Nationalflagge im Wind, der vom Wasser her wehte. Kleider, Matrosenjacken, lokale Uniformen, Frauenröcke und Blusen, Kindersachen trockneten auf den Balkonen. Da und dort hing gespenstisch eine schwarze Soutane, wie zur Warnung, dass hier ein Diener Gottes wohnte. Der Strand war schmal, mit gezackten Felsen gesäumt. Ein gelber Sandstreifen schlängelte sich auf den Hafen zu. Der Mann rauchte, in einer karierten Papiertüte hatte er Bier und Sandwiches dabei. Das Mädchen saß am Rand des Wassers, die Wellen leckten an ihren gewaltigen Schenkeln. Ihr Kopf bewegte sich unablässig auf und ab, als wollte sie die Stirn aufs Wasser klatschen. Der Mann blies Rauch in die Luft, zog die Tüte zu sich und kramte nach seinem Bier. Er machte eine Flasche auf und trank. Sein Hemd hatte er schon auf einen Felsen gelegt, die schwarze Hose behielt er an. Gestern und vorgestern waren sie auch schon hier gewesen.

Aus der schattigen Kühle kamen die Jungen zum Wasser gelaufen, mager, sehnig und braun. Sie hatten nichts dabei, höchstens ihre Schuhe oder eine Flasche Limonade, sonst nichts, keinen Ball, keinen Stock, Wasser und Strand gaben ihnen alles. Sie liefen barfuß, in enganliegenden schwarzen Badehosen. Die braune Haut spannte über ihrem Rücken. Keine Erbse hätte unter die Haut gepasst. Sie waren laut und wild, rauften, balgten miteinander, sprangen vom Felsen ins Wasser, das war ein Hechtsprung, das ein Klappmesser, und das nur eine Bombe, begleitet von Gelächter. Um sie herum schäumte das Wasser, sie kickten den Sand, bewarfen einander mit scharfen Muscheln. Wenn sie sich am Rücken oder Schenkel verletzten, lachten sie, leckten sich das Blut ab, spülten es weg.

Der Mann trank und rauchte. Das Mädchen saß im seichten Wasser und nickte. Hin und wieder murmelte es etwas. Der Mann winkte ihm zu.

»Schon gut, ein andermal.«

Oder er sagte nur, es gehe nicht. Morgen dann.

Einer der Jungen war ein Blonder mit mädchenhaftem Gesicht, auf seinen Wimpern hätte er die größten Oleanderblätter balancieren können. Die Locken fielen ihm auf die Schultern. Einmal kam er an, schielte nach dem Mädchen.

»Fehlt ihr etwas?«

»Sie ist krank«, antwortete der Mann.

»Was ist mit ihr passiert?«

»Sie ist schon so geboren.«

Der Junge lief zu den anderen zurück, schrie laut auf, er war über etwas gestolpert. Sein Gesicht war voll Sand. Sie lachten. Dann tauchten sie. Bei einem verrieten die Blasen, wo er sich gerade befand, fast zwanzig Meter weiter kam er an die Oberfläche, prustete, drehte sich im Kreis, spielte den Ertrinkenden. Als sie ausruhten und sich auf den glühend heißen Felsen räkelten, kam der Junge wieder angelaufen.

»Kann ich eine Zigarette haben?«

Der Mann gab sie ihm.

Der Junge rauchte im Stehen und beobachtete das Mädchen. Das eine Bein hatte er wie ein Wasservogel über das andere gekreuzt. Er stand sicher, er war ganz eins mit Wasser, Wind und Sand. Sein blondes Haar glänzte, er kniff die Augen zusammen.

»Wie heißt sie?«

»Marica.«

»Ein schöner Name. Sitzt sie die ganze Zeit nur da?«

Der Mann deutete nach hinten. »Sie kann sogar die Treppe hinaufgehen.«

»Versteht sie, was ich zu ihr sage?«

»Nicht alles«, antwortete der Mann. »Sie versteht einiges.«

»Die anderen sagen, dass sie euch schon gesehen haben.« Der Junge deutete mit der Stirn auf die Villenzeile. »Ihr seid in der Messe gewesen. Und im Krankenhaus. Auf den Markt geht ihr auch oft.«

Der Mann zuckte mit den Achseln. »Wir sind öfter unterwegs. Ihr seid nur im Sommer hier, nicht wahr?«

Der Junge nickte, dann trat er näher an das Mädchen heran, beugte sich ein wenig vor und betrachtete ihren Körper.

»Sie kann nicht schwimmen.«

Der Mann schüttelte den Kopf:

»Sie kann schwimmen.«

Der Junge schnippte den Zigarettenstummel weg, er lächelte: »Darf sie mit uns mitkommen?«

In der Frage lag kein Spott. Eher Interesse. Sie klang ganz selbstverständlich. Der Mann sah das Mädchen an:

»Willst du mit ihnen schwimmen gehen, Marica?«

Das Mädchen nickte entschieden.

»Gut, bleibt aber in Ufernähe. Hörst du?«

Der Junge lief davon, rief seine Kameraden, sie kamen, umringten das Mädchen, gestikulierten und tuschelten, kicherten hinter vorgehaltener Hand. Sie hatte einen riesigen Kopf und einen tonnenförmigen Leib. Unter dem dünnen, schütteren Haar sah man das Rosa der Kopfhaut. Die Brüste hingen wie zwei Kissen. Ihre Haut war weiß. Sie nickte immer noch. Sie watete ins Wasser und legte sich vorsichtig darauf, sie konnte tatsächlich schwimmen. Die Jungen nahmen sie in die Mitte, planschten vergnügt um sie herum, schwammen unter ihr durch, und wenn sie vor ihr auftauchten, lachten sie ihr ins Gesicht. Sie spritzten sie an, schrien und kreischten. Sie schwammen mit ihr bis zum großen Felsen, bespritzten ihn von allen Seiten, dann kehrten sie um. Auf der Spitze des Felsens saß eine dicke Möwe. Sie betrachtete sie, als hätte sie so etwas noch nicht gesehen. Die Möwe flog nicht weg.

»Das war fein«, keuchte der Junge, als sie zurück waren.

»Gut habt ihr das gemacht, sehr gut«, sagte der Mann.

Das Mädchen saß schon wieder am Ufer, mit blauen Lippen. Sie nickte.

»Kommt ihr auch morgen her?«

»Ja, sicher«, sagte der Mann, er öffnete ein Bier, dann warf er den Kopf hoch und sah dem Jungen in die Augen.

»Darf ich dein Haar berühren?«

Das Kind war überrascht, es verzog den Mund.

»Mein Haar, warum?«

»Ich weiß nicht. Solches Haar habe ich noch nie gesehen.«

Der Junge lachte auf und neigte den Kopf. Über seiner Schulter spannte sich die Haut. Das kräftige Haar war nass und klebte in Büscheln zusammen. Behutsam berührte der Mann eine Strähne. Dann lief der Junge zurück.

Der Mann saß am Strand, er trank und rauchte, warf Kieselsteine ins Wasser, wackelte mit den Zehen. Er trat zu dem Mädchen und betrachtete ihr Haar. Sie nickte.

Am nächsten Tag kamen sie wieder, und die Jungen nahmen das Mädchen wieder mit zum Schwimmen. Sie spielten mit ihr, nun spritzten sie sie nicht mehr an, sie testeten aus, wofür sie zu haben war. Ob sie auf dem Rücken schwimmen konnte. Sie konnte es. Oder unter Wasser schwimmen. Auch das konnte sie. Das Seltsame war, wenn sie mit ihr untertauchten, sahen sie, dass sie auch unter Wasser nickte. Und sie nickte auch, wenn sie auf dem Rücken schwamm.

»Ihr habt euch zu weit rausgewagt«, sagte der Mann, als sie zurückkamen. Eine weiße, träge Tonne zwischen sehnigen, braunen Körpern. Sie keuchten mit blauen Mündern, und auch ihre Augen waren vom Blau des Wassers voll.

»Sie kann ja schwimmen!«, lachten die Jungen.

»Sie kann besser schwimmen als wir«, lachten sie noch lauter.

»Ihr wart zu weit draußen«, wiederholte der Mann.

Die Jungen lachten und liefen davon.

Der Mann und das Mädchen waren auch am nächsten Tag am Strand. Es blies ein schwacher Wind. Ein schiefes Bäumchen neben der Steintreppe nickte ihnen zu. Der Mülleimer an der Straße war überfüllt. Der Mann begann wieder zu rauchen und trank. Mit dem Glockenläuten tauchten die Jungen wieder auf, alle fünf, sie liefen mit klatschenden Sohlen die Steintreppe hinab. Zwischen den Felsen am Ufer spielten sie Fangen, barfuß sprangen sie auf den scharfkantigen Steinen herum. An den gewagtesten Stellen machten sie Handstand. Sie begruben einander mit Steinen und Sand. Unter Gejohle liefen sie ins Wasser. Sie tauchten unter, kamen prustend wieder hoch, schrien und pfiffen. Sie sammelten Seeigel, warfen sie ans Land, die Tiere bewegten sich unsicher, das Sonnenlicht bemalte ihre aufragenden Stacheln blau. Einer der Jungen fing mit einem angespitzten Stock Fische. Er durchbohrte sie unterhalb der Kiemen, so schnell, dass man der Bewegung kaum folgen konnte, doch sein Blick war verträumt. Das Mädchen nickte. Die Jungen machten Feuer und brieten ihren Fang. Sie brachten dem Mädchen ein Stück, es aß nickend. Sie wollten nochmals schwimmen. Der kleine Blonde hatte einen fettigen Mund. Das Mädchen nickte immerzu, auch ihr Mund war fettig.

Der Mann tat einen Zug aus der Bierflasche.

»Aber bleibt in der Nähe.«

»Wir bleiben in der Nähe.« Die Jungen lachten und zwinkerten.

»Aber klar doch!«

Sie schwammen hinaus, wie sonst auch. Sie tummelten sich um den langsamen, weißen Wal herum, die glücklichen kleinen Delphine tauchten auf und unter. Sie schwammen über den großen Felsen hinaus. Die Möwe starrte sie an. Sie flog nicht weg. Der Mann blinzelte ihnen nach und blies Rauch aus. Er zündete sich die nächste Zigarette an und sog an seiner Bierflasche, schüttelte den Kopf. Dann setzte er sich nicht mehr hin, sondern blickte nur noch über das Wasser. Doch er sah nichts als die Endlosigkeit. Neben seinen Füßen sammelten sich leere Flaschen. Von der Kirche hallten Glockenschläge herüber. Eine Sirene war zu hören. Irgendwo am Berghang begann ein Betonmischer zu dröhnen. Die Sonne wandte sich gegen Westen und sank. Er begann zu frieren. Endlich sah er einen Punkt im Wasser, der wuchs und näher kam. Er beschattete seine Augen und setzte sich, seufzte wie erleichtert.

Das Mädchen erreichte das Ufer, sie keuchte nicht, sie nickte. Sie streckte sich im seichten Wasser aus, schien zu träumen. Der Mann strich ihr Seegras von der Schulter.

»Ich habe es ja gesagt, ihr schwimmt zu weit raus.«

Das Mädchen nickte.

»Nächstes Mal bleibt ihr in Ufernähe, okay?«

Das Mädchen nickte.

»Na dann, gehen wir.«

Der Mann griff unter ihren Körper, stellte sie auf die Beine. Er nahm sie bei der Hand und führte sie auf die Steintreppe zu, die sich zum Ufer herabsenkte. Sie zitterte, er musste sie ziehen. Er fasste ihre Hand fester, die Adern an seinem Arm traten hervor.

»Hab keine Angst, du wirst nicht hinfallen«, sagte er. »Du brauchst keine Angst vor Treppen zu haben, mein Töchterchen.«

Sie nickte und ließ sich mitziehen.

Immer dunkler dehnte sich das von der Dämmerung beruhigte, gewaltige Wasser hinter ihnen aus, auch morgen und auch übermorgen würden sie wieder hingehen. Und während sie die noch warme Treppe nach oben stiegen, leckte das Meer ein paar herrenlose Fußspuren im Ufersand weg.

Der Papagei

Wie gewöhnlich legte er sich am Nachmittag hin, obwohl in der Nachbarschaft an der Kirche gebaut wurde. Es wurde gebohrt, gemeißelt und gehämmert, sodass er in einem fort aufschreckte. Auf unsicheren Beinen ging er in die Küche, kippte zwei Anisschnäpse, ließ sich in den Lehnstuhl plumpsen und starrte die Zimmerdecke an. Dort bewegte sich das Licht, erzeugte Streifen und Flecken, fraß sich selbst auf. In der Nachbarschaft wurde gebohrt und gemeißelt, und ihm fiel ein, dass der Bauleiter zu den Arbeitern gesagt hatte, nicht jeder werde die Vollendung der Kirche erleben. Es war ein magerer, drahtiger Mann, der beim Reden unaufhörlich rauchte. Er beobachtete ihn vom Balkon aus und griff schließlich auch nach einer Zigarette. Die Arbeiter, hatte der Bauleiter erklärt, sollten daran denken, dass es Kultstätten und Kirchen gebe, deren Fertigstellung bis zu fünfhundert Jahre gedauert habe. Sie mögen daran denken, wie viele Kirchen auf der Welt niemals fertig geworden seien. Sie seien noch nicht fertig, aber es würden bereits Gottesdienste darin abgehalten. Die Arbeiter mögen darüber nachdenken, ob eine Kirche wirklich fertig werden könne. Und falls sie fertig werde, ob dann auch jeder hineinkomme. Nein. Nein, nicht jeder komme in die Kirche, in die er wolle. Denn unterwegs verirre er sich, finde eine andere Kirche, schlage einen anderen Weg ein, werde krank, sterbe.

Da begannen die Arbeiter, Fragen zu stellen.

»Wozu dann überhaupt bauen?«

»Ich weiß nicht«, antwortete der Bauleiter. »Es wird dafür gezahlt, nicht?«

Es wurde gezahlt. Das war richtig. Würde nicht gezahlt, würden sie sicher kündigen. Doch weil gezahlt wurde, arbeiteten sie.

Nun stellte einer der Arbeiter eine merkwürdige Frage:

»Kann denn ein Gebet fertig werden?!«

»Vielleicht, wenn es erhört wird«, sagte der Bauleiter und bereute es sogleich.

Der Mann dachte, auch er werde, wenn bereits Gottesdienste stattfänden, zum Beten hinübergehen, vielleicht niederknien und den Herrn bitten, nicht zuzulassen, dass der Vogel wieder in sein Fenster flog. Doch wollte er das wirklich? Auch jetzt war das Fenster offen, denn würde er die Läden schließen, würde er ersticken. So groß war die Hitze. Aber so bewegte sich wenigstens die Luft. Er erhob sich, blickte hinter sich und betrachtete den Abdruck, den sein Körper im Lehnstuhl hinterlassen hatte. Er machte das Radio an, das Knistern beim Drehen des Knopfes war wie ein Gebet. Er hörte Nachrichten. Irgendwo war wieder ein Grubenunglück passiert. Die Hitze dauerte an. Es würde eine Demonstration geben. Der Mann machte das Radio aus. Er trank einen weiteren Anis, nahm sich ein Bier und betrachtete den langsam zusammensinkenden, schmutzigen Schaum, da trippelte auch schon der Vogel auf dem Fensterbrett hin und her. Kein Zweifel, in der Regel war er es, der es vollschiss, gerade kackte er wieder hin.

Unten wurde gebohrt und gemeißelt.

Es war der städtische Papagei, er flog von Fenster zu Fenster, niemand wusste, wem er gehörte, aus wessen Käfig er entflohen war. Vielleicht hatte man ihn freigelassen, weg mit dir, wir brauchen dich nicht, Vogel. Der Mann dachte, er sei wegen des Kirchenbaus in der Gegend geblieben, diese Geräusche interessierten ihn, der Lärm des Bohrens, des Meißelns, des Hämmerns. Es war so heiß, dass der Schweiß siedete, der einem die Schläfen hinunterlief. Die Stadt rang nach Atem, überall standen die Fenster offen, sie glichen Menschenmündern. Großen, hungrigen Mündern, sie atmen die Hitze ein und hauchen den Menschendunst zurück, den Duft des Staubes auf den Blättern der Zimmerpflanzen, den muffigen Geruch der Möbel. Die Vorhänge flatterten wie nach Befreiung lechzende Seelen.

Der Papagei war ein ungewöhnlich intelligentes Geschöpf.

Sein kleiner, bunter Kopf kippte hin und her, er beobachtete, lauschte. Er nahm das Flüstern und die Rufe auf, die aus den Wohnungen drangen, und flog weiter. Und dann trug er in anderen Fenstern vor, was er gehört hatte. Manchmal sagte der Papagei zu dem Mann, er solle bei ihm bleiben.

»Bleib bei mir.«

»Geh weg.«

»Du bist mir zu gering.«

»Du bist mir zu viel.«

Der Papagei flüsterte, sei schön, sei schön.

»Tanzen wir, mein Liebling.«

Der Vogel spielte, wie die Kirche gebaut wurde. Er spielte das Bohren, das Meißeln, das wilde Gehämmer. Es hörte sich an wie ein Echo. Nach einer Weile flog er fort, der Mann wischte die gelbe Kacke vom Fensterbrett und trank einen weiteren Anis. Er setzte sich, betrachtete die Zimmerdecke, gab den Rissen Namen. Sein Blick fiel auf eine Spinne. Vielleicht war er gerade eingeschlafen, als es läutete. In der Tür stand der Bauleiter, eine Zigarette qualmte in seinem Mund. Wie angegriffen er aussah. Zu Beginn des Baus hatten sie ein, zwei Mal ein paar Worte gewechselt. Jetzt hatte er eine Papiertüte in der Hand, er grüßte und sagte, er würde gerne einen Moment hereinkommen. Er habe etwas mitzuteilen. Der Mann nickte, aber natürlich, und trat zur Seite. Der Bauleiter nahm das Schnapsglas entgegen und steckte sich eine neue Zigarette an.

»Das ist die Art, wie wir beten«, sagte er dann, »während des Bauens. Wir kommen an kein Ende damit, aber wenigstens beten wir.«

Die Papiertüte hielt er immer noch in der Hand.

Der Mann nickte. »Ich verstehe.«

»Ist der Papagei auch immer zu Ihnen gekommen?«

»Ich habe ihn nie fortgescheucht. Vielleicht habe ich manchmal auf ihn gewartet.«

»Wissen Sie, was einer meiner Arbeiter gesagt hat? Er hat gesagt, dass der Vogel die Stimme der Geschichte ist.«

»Das ist vielleicht eine Übertreibung«, sagte der Mann und schenkte ein. Sie stießen mit den kleinen, dickwandigen Gläsern an.

»Während des Bauens«, sagte der Bauleiter, »hat der Vogel ständig einen Frauennamen wiederholt. Mit Ihrer Stimme. Wir konnten nicht arbeiten deswegen.«

»Wegen eines Namens?«

Der Bauleiter schwieg einen Moment.

»Es war so witzig. Die jungen Burschen, die jüngeren Arbeiter haben sich halb totgelacht.« Er rieb sich die Stirn. »Seien Sie nicht böse, aber so konnte das nicht weitergehen.«

Der Mann nickte. »Ich verstehe. Entschuldigen Sie.«

»Hier«, sagte der Bauleiter und ließ die Papiertüte auf den Tisch sinken. Er kippte noch einen Anis und ging. Er sagte nicht auf Wiedersehen, seine Schritte hallten im Treppenhaus, obwohl dort die Geräusche bei solcher Hitze gedämpft klingen. Auf der Hörnchentüte schlugen Blutflecken durch. Wahrscheinlich hatten sie ihn mit der Hand gefangen und ihm den Hals umgedreht. Der Mann legte den Kadaver auf das Fensterbrett, genau dorthin, wo er vor einigen Stunden hingekackt hatte, dann begann er, wie er es sich neuerdings angewöhnt hatte, zu ihm zu sprechen.

Witzige Dinge, kuriose Fälle

»Kennst du den, wo das Häschen scharf auf die Tochter des Bären ist?«, doch er hörte gleich wieder auf. Weil er den schon erzählt hatte. Mehr als einmal. Er hatte ihr alle Witze erzählt, ohne Erfolg. Doch er würde sie garantiert noch zum Lachen bringen. Koste es, was es wolle. Das Gesicht des Mädchens sah aus, als wäre es hinter Glas. Als könne man dranklopfen. Sie blieben stehen, dem Mädchen lief die Nase. Während er sich über sie beugte und sie ihr abwischte, nahm er ihren Körpergeruch wahr. Seltsam, sie konnte nicht stinken. Wenn er sie zwei Tage nicht wusch, denn wer sonst hätte sie gewaschen, seit seine Frau sie im Stich gelassen hatte, selbst dann roch sie nicht anders. Einmal hatte er ein Stück Räucherschinken auf den mit Zucker bestreuten Pfannkuchen fallen lassen. Das roch dann so. Sie kamen an der Kirche vorbei, dort war es am steilsten, es war immer mühsam gewesen, sie dort hinaufzuschieben. Doch mit dem neuen Rollstuhl ging es leicht, ein Kinderspiel. So sagt man, ein Kinderspiel. Quatsch. Wieso soll ein Kinderspiel leicht sein? Sie waren bereits oben, er schaute zurück, Richtung Stadt, wo verschilfte und von mannshohem Gras überwachsene Flächen sich zwischen die Gassen zwängten. Bei diesem Licht konnte er die Marienseide fliegen sehen. Tag für Tag nahmen sie diesen Weg, ob es regnete oder der Wind blies, hin und wieder zurück, im Frühling und im Herbst. Ganz am Anfang, etwa vor zwei Jahren, hatte er sich um Abwechslung bemüht und versucht, die Destille auf anderen Wegen zu erreichen, doch das Mädchen war unruhig geworden. Als wollte es keine neuen Bäume, keine neuen Häuser, weil es Angst vor ihnen hatte. Andere Hundestimmen kläfften sie an. Aus dem unbewegten Gesicht pfiff und ächzte es. Sie furzte fortwährend, trompetete buchstäblich. Ein aufgeregter Mensch furzt mehr. Kinder kreischten im Kirchgarten, er kannte sie. Die Karakas-Zwillinge, und die anderen. Mistkerle, beschissene. Wozu müssen die kreischen. Er hatte das Gefühl, das Mädchen wäre am liebsten mit ihnen zusammen. Aber sie würden es verspotten. Mistkerle, beschissene, sie haben Scheiße unter den Nägeln, Scheiße auf der Zunge, sie wühlen in jedem Misthaufen und stehlen Fahrräder. Keine Zigeuner, aber irgendwie doch. Er erreichte den Markt, man musste aufpassen, wegen der vielen Schlaglöcher. Natürlich kannte er sie schon und umkurvte sie geschickt. Es machte ihn richtig stolz, wie gut er manövrierte.

»Formel 1! Formel 1, Katika!«

Er grüßte den Gemüseverkäufer.

»Kennst du keinen neuen Witz, Bandi?«

Sorgfältig wischte der Gemüseverkäufer eine Birne ab und hielt sie ihr hin.

»Du weißt doch, dass sie die nicht isst.«

»Versuch es nur«, sagte der Gemüseverkäufer und sortierte weiter die Tomaten aus, die verfaulten warf er in eine separate Kiste. Eine Tomate zerklatschte, die Spritzer hinterließen rote Flecken auf dem Schuh des Mädchens. Natürlich spuckte sie die Birne aus, wie sie auch Äpfel und Bananen ausgespuckt hatte. Einmal wäre sie fast an einer Orange erstickt, seither bekam sie keine mehr. Doch der Gemüsehändler gab ihr trotzdem Obst. Jedes Mal. Könnte ja sein. Könnte ja sein, dass sie es einmal nicht ausspuckt und auch nicht daran erstickt.

Er schob das Mädchen über den Markt, es gab viele Schlaglöcher, doch er passte auf, grüßte nach allen Seiten, die Chinesen winkten, manchmal kaufte er bei ihnen. Beim Bäcker wand sich eine Menschenschlange, lauter Frauen. Die Hörnchen vom Vortag wurden gerade ausgegeben. Er schob den Rollstuhl zu den Fahrrädern, zog die Bremse an, auch die gab es, eine gute kleine Bremse, unterdessen zählte sein Mund, siehst du, alle sind da. Er schüttelte den Kopf, nein, der Bana fehlt. Er putzte sich noch die Nase und drehte das Mädchen zur Straße, soll sie den Autos zusehen können. Er strich ihr über das starre Gesicht.

»Ich bin gleich wieder da, Töchterchen. Pass auf dich auf. Schau ein bisschen herum.«

Als er in die Kneipe kam, beschlich ihn ein mulmiges Gefühl. Dabei kannte er jeden hier. Es war die Vormittagsschicht. Am Nachmittag wurde gewechselt, das heißt, nicht alle, denn einige waren den ganzen Tag da. Wo sollten sie auch sonst sein? Wozu daheim hocken? Vielleicht passierte hier ja was. Nein, hier passierte nie was, höchstens sagte jemand irgendwas, und das war dann schon so, als würde etwas passieren. Im übrigen musste nichts passieren, das war die Hauptsache, dass nichts passierte. Gut war das noch lange nicht, doch sicher besser, als würde irgendeine Scheiße passieren. Der Wirt stellte das Bier und den Schnaps auf die Theke.

»Wie geht's euch denn heute?«

»Wie immer«, antwortete er. Das sagte er jedes Mal, seit zwei Jahren. Tag für Tag.

»Warum bringst du sie nicht mal mit rein?«, fragte jemand am anderen Ende des Ausschanks.

»Hier nicht.«

»Verdammt, wir beißen doch nicht.«

»Du könntest ihr den Apparat zeigen. Der blitzt und glänzt, vielleicht interessiert sie das.«

»Ich würde ihr eine Nummer reintippen, wonn weih tiket, wonn weih tiket!«

»Lasst mich in Ruhe«, sagte er mit lauter Stimme, er hatte immer noch diese Anspannung in sich, er gab dem Wirt ein Zeichen, bitte noch einen Schnaps. Bier hatte er auch noch. Dann bestellte er zur Sicherheit noch eins.

»Und wenn ihr was passiert?«

»Wird schon gutgehen«, brummte er, seine Frau fiel ihm ein. Das war ständig von ihr zu hören gewesen, wird schon gutgehen. Als würde sie beten. Sie sagte nicht, lieber Gott, gib uns deinen Segen, sondern wird schon gutgehen. Als das Mädchen immer langsamer wurde und nicht antwortete oder man ihre Antworten nicht verstand, auch da wiederholte sie ständig, wird schon gutgehen. Und er war bereits wie von Sinnen. Was heißt, wird schon gutgehen, überhaupt nichts geht gut! Sieh sie doch an, verdammt noch mal, sie hat in die Hose gemacht! Einen Arzt nach dem anderen suchten sie auf, und auf dem Nachhauseweg streichelte sie dem Mädchen den Arm und sagte, wird schon gutgehen. Seine Frau starb, als er den ersten Rollstuhl kaufte. In ihrem Blut hatte sich ein Klumpen gebildet. Als hätte sie es nicht ausgehalten. Als wollte sie nicht mehr. Wie konnte sie sich unterstehen, es nicht auszuhalten?! Er trauerte nicht, er war wütend. Beim Begräbnis wäre das Mädchen fast in die Grube gerollt. Er hatte sie zu dicht herangeschoben. Oder einer der Totengräber, die waren ja immer stockbesoffen, hatte sie geschubst. Wird schon gutgehen, sagte er, nachdem er sie vom Grubenrand zurückgerissen hatte. Seitdem hatte er es nie mehr gesagt. Nur jetzt war es ihm herausgerutscht.

»Noch einen?«, fragte der Wirt.

Er nickte.

»Einmal wird man sie stehlen. János, verdammt noch mal, du weißt, dass alles gestohlen wird. Mir haben sie die Hundehütte gestohlen, und der Hund ist dageblieben, verdammt. Sie kommen von hinten, von der Gartenseite.«

»Du hast keinen Hund gehabt, Zolika. Denn das war kein Hund.«

»Was denn sonst, verdammt noch mal. Er hat gebellt, oder?«

»Eben nicht. Er hat nur gewinselt.«

»Eher hätte ich ihn gebissen als er mich!«

Er musste lächeln. Fast hätte er gelacht. Denn es geschah zwar tatsächlich nichts, aber immerhin wurden Witze gemacht. Sie klagten nicht nur oder schimpften, weil sie eben meistens schimpften. Doch hin und wieder kam auch etwas Witziges zur Sprache, so kuriose Fälle, wie der mit dem Hund von Zolika.

»Hast du gehört, dass Bana sich schon wieder einen Finger abgeschnitten hat?«, fragte jemand.

Darüber musste er nun wirklich lachen. Das war der vierte Finger von Bana, weil er immer betrunken mit der Säge hantierte. Die neuen Maschinen mögen keine Betrunkenen. Auch Bana hatte eine neue Säge gekauft, eine ausländische, obwohl es auch mit der alten gegangen wäre, natürlich auf Kredit, wie er den Rollstuhl, und damit säbelte er sich innerhalb eines Jahres vier Finger ab. Vier, verdammt. In jeder Jahreszeit einen! Mit dem alten Gerät war es auch betrunken gegangen. Aber mit dem! Er wischte sich die Tränen ab.

»Ein Huhn ist mit dem Finger von Bana abgehauen!«

Seine Tränen trocknend, taumelte er aus der Kneipe. Mit einem Schlag gefror sein Gesicht. Das Mädchen war nirgends zu sehen. Weder gegenüber, weiter vorne noch die Straße hinunter, wo die Allee der krummen Robinien begann. Er drehte den Kopf in alle Richtungen, der Schweiß brach ihm aus.

»Katika!«, brüllte er.

Er rannte bis zum Bäcker. Die Schlange der Frauen hatte sich bereits aufgelöst, auf der Straße war alles still, vor der Eisdiele saßen Schwangere. Im Nu war sein Mund völlig ausgetrocknet. Der Markt, fiel ihm ein, der Markt! Er rannte in die andere Richtung, röchelte dem Gemüseverkäufer zu, die Kati ist weg, die Kati ist weg, der stand nur da, einen faulen Apfel in der Hand. Er tanzte zwischen den Marktleuten herum, verhedderte sich in chinesischen Kleidern, trampelte über einen Bücherhaufen hinweg, dann sah er ihn bei den Containern. Es war einer der Karakas-Jungen, er erwischte ihn von hinten, wirbelte ihn herum. Er packte ihn an der Gurgel, doch nur mit einer Hand, mit der anderen schlug er zu.

»Wo ist sie, verdammt noch mal?«

»Wo ist was, bitte, ich weiß es doch nicht!«, winselte das Kind, Blut lief ihm aus der Nase.

»Wo habt ihr sie hingebracht, ich mach dich kalt!«

»Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, ich weiß gar nichts!«

In seinen Fäusten krachte etwas. Er ließ los, das Kind sank zwischen die Mülltonnen, lag zuckend auf dem Boden. Er versetzte ihm noch einen Tritt und lief brüllend weiter. In der Nähe der Kirche hörte er den Lärm. Das Gekreische. In das sich ein Gegurgel mischte. Dann sah er sie. Der Rollstuhl stand ganz oben, gerade ließen sie ihn los. Eines der Kinder lief nebenher und hielt die Armlehne, der Stuhl hüpfte gefährlich. Unten angekommen, kippte er beinahe um, doch unter großem Gelächter hielten ihn die Jungen fest. Sie wendeten ihn und schoben ihn hinauf, um ihn von neuem hinabrollen zu lassen. Und aus dem Gesicht des Mädchens sprudelte das Gelächter, als würde es jetzt immer so bleiben.

Gutes Benehmen

Sie hieß Gizi, doch das war ihr Künstlername. Der Agent hatte sie anstelle von Berta empfohlen, in deren Familie es einen Trauerfall gegeben hatte, ihr Vater war gestorben, wenn ich richtig verstanden habe, und natürlich akzeptierte ich den Tausch. Der Termin war um sieben Uhr abends, spärlicher Lampenschein erleuchtete das Motel. Ich komme einmal die Woche hierher und kann behaupten, dass ich mich wie zu Hause fühle. Jemand musste lange beim Eingang gewartet haben, Haselnussschalen lagen auf dem Gehsteig. Und Kippen. Keine einzige war ausgetreten. Das gab mir zu denken. Wie jemand gleichzeitig essen und rauchen konnte. Der Rezeptionist gab mir keinen Schlüssel, denn das Mädchen namens Gizi wartete schon auf Zimmer 42. Ich kannte Jack den Gerissenen, er war kein Neuer. Oft habe ich ihn Kreuzworträtsel lösen sehen, die Zeitung lag eine Woche später immer noch auf dem Pult, jeden fragte er etwas, ich glaube, auch einen Taxifahrer, der vor dem Regen ins Foyer geflüchtet war, und zuletzt hatte er alles rausbekommen. Ich ging zu Zimmer 42, also in den vierten Stock. Einen Fahrstuhl hat es hier noch nie gegeben, und das Geländer war von den Händen weißgewetzt. Ich klopfte, das Mädchen öffnete sofort, vielleicht hatte sie hinter der Tür gewartet. Sie war groß, ziemlich mager, ihr Haar blond gefärbt. Ich sah eine gewisse Zerstreutheit auf ihrem Gesicht, wie bei einer, die lange gegen den Wind gestemmt dagestanden hat. Auf dem Bett lag ihre offene Tasche. Ein paar weibliche Utensilien waren herausgefallen, Zettel, Lippenstift, das kleine Handy in der rosa Hülle, das aparte Pfefferspray. Ich sagte, ich würde mir die Hände waschen, mich ein bisschen frisch machen, und dass ich mich freue. Ich trat ins Badezimmer. Die Fliesen waren mit Blumen verziert. In der Nummer 41 und der Nummer 37 schwammen Fische an den Wänden. Es gab entweder Fische oder Blumen, und in einem Zimmer im Erdgeschoss trugen kleine Chinesen mit diesen komischen, dachförmigen Hüten Reissäcke. Die Fische gefielen mir besser. Es gab auch Delphine, Seepferdchen, vielleicht Haie. Einmal hatte ich während des Pinkelns acht identische Seepferdchen gezählt. Ich kam aus dem Badezimmer zurück. Das Mädchen saß auf dem Bettrand, sie war blass. Oder traurig. Nach Arbeitseifer sah das jedenfalls nicht aus.

»Geht's dir nicht gut?«

Sie schüttelte den Kopf, ihr gehe es gut.

»Aber irgendetwas stimmt nicht«, beharrte ich. »Das kannst du nicht leugnen, Gizi.«

Als sie ihren Namen hörte, warf sie den Kopf hoch.

»Das tu ich auch nicht«, sagte sie feindselig.

»Was ist los?«

Sie fuhr sich durch das blonde Haar, der Armreif klirrte.

»Ich habe keinen Gummi«, sagte sie leise und räusperte sich.

»Nicht doch«, brachte ich leise hervor, mir wurde irgendwie mulmig.

»Wirklich nicht. Sie sind alle.«

Bei Berta waren sie nie alle, und es galt die Regel, dass immer die Mädchen dafür sorgten. Da haben wir's, ein neues Mädchen, und schon gibt es Komplikationen. Eine Neue oder eine Ungeschickte macht gleich Fisimatenten. So sind sie. Die Neuen. Die Reserve oder was immer. Man kommt nicht klar mit ihnen. Gizi, als hätte sie meine Gedanken gelesen, begann hastig zu sprechen. Die kleinen, weißen Zähne schien es nicht mehr in dem roten Mund zu halten.

Sie sei stets darauf bedacht, was sie brauche, welche Vorrichtungen, Requisiten, Hilfsmittel, ich solle so gut sein, ihr zu glauben, dass ihr eine solche Panne noch nicht passiert sei. Sie habe noch nie einen Reservegummi benötigt, wie Berta oder dieses andere, ukrainische Mädchen, momentan falle ihr der Name nicht ein, bei ihr habe es noch nie Probleme gegeben, sie sei dafür bekannt, für ihre Zuverlässigkeit, ihre Pünktlichkeit und Präzision, das sei ihr Markenzeichen, und nun sei beim vorherigen Kunden doch einer gerissen. Der Gummi sei saumäßig gerissen. Doch sie könne nichts dafür, so viel stehe außer Zweifel. Ich sei heute ihr letzter Kunde, und ausgerechnet jetzt habe sie keinen mehr. Weil sie beim vorherigen zwei verbraucht habe. Sie habe keine Zeit gehabt, sich einen neuen zu besorgen. Sie gebe zu, das sei verdammt peinlich, und bitte um Entschuldigung. Und wir sollten das Problem irgendwie lösen. Ich sah auf meine Uhr, für einen Moment blieb die Zeit stehen. Dann ruckte der Sekundenzeiger weiter.

»In der Nähe wird es kaum etwas geben«, sagte Gizi leise. »Der Non-stop-Laden ist vergangene Woche ausgeraubt worden und hat noch nicht wieder auf. Sie haben den Inhaber böse verprügelt, er hat mehrere Rippenbrüche. Ein Ohr ist abgerissen. Er kann noch nicht wieder öffnen.«

Ich wollte etwas sagen, doch sie kam mir zuvor.

»Bei der Tankstelle gibt es auch keinen, ich habe angerufen.«

»Bei der Tankstelle?«

»Dort haben sie normalerweise alles. Von Krampfadernsalbe bis zu Vaseline«, sagte Gizi und dass das noch eine Möglichkeit gewesen wäre. Gar keine so abwegige. »Ich habe gefragt, ob sie Milchreis mit Schokolade und Kondome haben, denn ich wollte nicht mit der Tür ins Haus fallen. Milchreis gab es. In drei verschiedenen Geschmacksrichtungen, Orange, Heidelbeere und Brombeere. Kondome gab es keine. Da habe ich aufgelegt.« Sie geriet kurz ins Grübeln und strich sich über ihr Haar. Jetzt war sie nicht mehr so blass.

»Aber rechts und links sind Kirchen, ganz in der Nähe. Nur ein paar Minuten zu gehen. Große Kirchen. Ich weiß nicht, zu welcher Konfession sie gehören, davon verstehe ich nichts, aber dass es Kirchen sind, ist sicher. Dafür habe ich ein untrügliches Gefühl. Die Priester verwenden mit Sicherheit Kondome.«

In diesem Punkt stimmte ich ihr zu, ja natürlich, doch um diese Zeit bei einem Pfarrhaus, in einem Gemeindebüro oder wo auch immer zu klingeln und um einen Gummi zu bitten, wäre dennoch ein kühnes Unterfangen.

»Genau das wäre es«, sagte sie, »kühn, und deswegen würde ich mich allein nicht hinwagen. Der Priester würde mir vielleicht mit irgendwelchem Blödsinn in den Ohren liegen. Man kann ja nie wissen. Wie ich gehört habe, sind heute auch die Priester nicht mehr, was sie mal waren. Sie mischen sich mehr ein. Wenn wir uns also für einen Versuch entscheiden, würde ich Sie begleiten.«

Ich glaube, das Angebot verstimmte mich ein bisschen, wenn ich auch nicht leugnen konnte, dass Gizi alles tat, um eine Lösung zu finden. Sie wog die Möglichkeiten gegeneinander ab, auch wenn die Idee mit dem Priester ganz schön verwegen war. Ich sagte, vielleicht könne sie ein anderes Mädchen bitten.

»Das geht nicht, weil die dann eine Meldung machen muss. Dann bekomme ich Schwierigkeiten. Wenn sie es nicht meldet, bekommt sie Schwierigkeiten, denn es wird herauskommen, solche Dinge kommen gewöhnlich heraus, warum sollte dergleichen nicht herauskommen.«

Ihre Arbeit sei streng, doch im Rahmen gerechter, vernünftiger Regeln. Die müssten eingehalten werden. Sie könne keine andere darum bitten. Leider nicht.

Sie saß da und schwieg. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn ihr plötzlich Flügel gewachsen wären, sie zu flattern begonnen und im Zimmer eine Runde gedreht hätte.

»Ich könnte Ihnen natürlich einen blasen«, sagte sie leise und zuckte mit den Schultern.

»Das mag ich nicht immer«, antwortete ich, »ich habe oft keine Lust, und auch jetzt ist es nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Ich habe an was anderes gedacht.«

»Natürlich kommt es vor, dass auch dabei ein Gummi verwendet wird«, bemerkte sie.

Ich sagte, damit hätte ich wirklich kein Problem. Doch ein Gesicht zum Beispiel, ich meine, das Gesicht des anderen, es sollte nah sein. Das sei gutes Benehmen.

»Und wenn Sie sich an mich schmiegen?«, fragte sie. »Dann wäre Ihr Gesicht nah.«

»Aber das wäre … so traurig«, antwortete ich.

»Geht es wirklich nicht ohne Gummi?«

Ich sah ihr direkt ins Gesicht. »Gizi, können Sie garantieren, dass nichts passiert?«

»Leider kann ich das nicht garantieren. Das liegt außerhalb meiner Möglichkeiten. Ich war zwar vor einem Monat bei der Kontrolle, aber ein Monat ist ein Monat. Seither hat es dies und das gegeben. Und wenn wir es in Kleidern machen?«

Das war eine Überlegung wert. Gizi zündete sich eine Zigarette an, ihre Hand zitterte. Sie blies den Rauch zur Seite, ohne den Kopf zu bewegen, und plötzlich sah sie schön aus. In den Mundwinkeln hatte sie zwei Grübchen. Wie so eine magere Lunge den Qualm in sich einlässt. Und wie der blaue Schal aus ihr herauskommt, er wand sich vor ihrem Mund. Ein Poltern war zu hören, irgendwer eilte durch den Korridor. Es klopfte. Ärgerlich drückte Gizi die Zigarette aus, fächelte ein paarmal und ging zur Tür, um zu öffnen. Es war der Rezeptionist.

»Das geht nicht, Jack, so einfach reinplatzen, wie stellen Sie sich das vor?«

Das wisse er, rechtfertigte sich der Rezeptionist mit ungespielter Verlegenheit, doch Herr Marius hätte längst unten sein müssen. Er sei schon am Telefon verlangt worden. Er mache nicht auf.

»Er schläft noch«, sagte sie. »Man sollte ihn nicht stören.«

Der Rezeptionist geriet in noch größere Verlegenheit. Schließlich sagte er nur, okay, aber wer bezahle es ihm, wenn Herr Marius noch eine Stunde schlafe. Oder zwei.

»Meiner Meinung nach Herr Marius«, mischte ich mich ins Gespräch ein. Das wäre logisch. Der Rezeptionist schüttelte den Kopf, Herr Marius sei nicht so einer. Fürs Schlafen habe er noch nie bezahlt.

»Ist er denn schon mal eingeschlafen?«

»Das ist schon vorgekommen. So sind die Menschen. Danach schlafen sie gerne. Und manchmal sinken sie sofort in den Tiefschlaf.«

Jack wandte sich zum Gehen. Ich stand auf, denn ich dachte, es sei einen Versuch wert.

»Verzeihen Sie, Jack, haben Sie nicht zufällig einen Gummi? Ich meine, ich würde ihn bezahlen.«

Er war nicht überrascht, warf nur einen Blick auf Gizi und überlegte.

»In der Toilette des Restaurants gibt es einen Automaten. Vor einem Jahr ist er aus Montenegro geliefert worden. Oder vor zwei? Sind Sie schon mal in Montenegro gewesen? Wäre schade, wenn nicht. Dort ist die Küste am schönsten, mit Steinen, Felsen, Kies und Sand. Irgendwann ist der Kondomautomat kaputtgegangen. Irgendein Rindvieh hat ausländische Münzen hineingeworfen. Spielgeld. Damit experimentieren sie immer, und dann passiert es. Fertig ist der Schlamassel.«

Er gab mir mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass ich trotzdem mitkommen solle. Er werde in seiner allwissenden Schublade nachsehen. Und er zwinkerte mir zu. Ich folgte ihm. Ich wusste nicht, ob ich ein Kreuzworträtsel auf der Theke sehen wollte. Und bingo! Da lag es neben dem Telefon und der abgenutzten Handglocke, ein schwedisches, zweiseitiges. Pedantisch ausgebreitet. Einige Kästchen waren bereits ausgefüllt.

»Darf ich es mir ansehen?«, fragte ich und beugte mich darüber.

»Natürlich, solange gehe ich der Sache nach.« Jack begann in den Schubladen unter der Theke herumzukramen, eine nach der anderen zog er heraus. Er machte zuviel Lärm. Ich betrachtete die Karikatur, die zu dem Rätsel gehörte. Ein Mädchen saß auf einem Bett, sie redete auf einen Mann ein, der die Hose bereits heruntergezogen hatte. Das Mädchen war natürlich eine Hure. Jack der Gerissene räusperte sich, ich konnte sehen, dass er verlegen war, er sagte, er verstehe das nicht. Denn er habe nur noch den einen, er zeigte mir die Tüte. Mehr habe er nicht gefunden. Er sei heute schon mal um einen gebeten worden, seine Miene wurde sorgenschwer. Ich nahm die kleine blaue Tüte in die Hand, befühlte ihre Weichheit, dann fragte ich, wieviel ich ihm schuldig sei, worauf mir Jack nur zuzwinkerte, natürlich nichts, doch sollte ich zufällig Herrn Marius begegnen, möge ich ihm bitte sagen, dass er vor dem Gebäude erwartet werde.

»Gefällt Ihnen das Bild?«

»Es ist interessant«, sagte ich.

»Möchten Sie die Auflösung wissen?«

»Ja, natürlich.«

»Dann werde ich Sie verständigen, wenn ich sie habe.«

Ich bedankte mich und ging die vier Etagen hinauf, das abgegriffene weiße Geländer und die beschmierten, fleckigen Wände warteten auf mich. Gizi saß am Bettrand, wie ich sie zurückgelassen hatte, zusammengekrümmt, mit ein wenig hängenden Brüsten. Wie jemand, der alle Hoffnung hat fahren lassen. Doch nach wie vor zerbrach sie sich über irgendetwas den Kopf, das konnte ich sehen.