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Um sich über die Runden zu bringen, hat Svenja einen Job auf dem mittelalterlichen Weihnachtsmarkt angenommen. Doch von Weihnachtsstimmung ist sie meilenweit entfernt, denn es wird das erste Weihnachtsfest sein, das sie in Einsamkeit verbringt. Svenjas einzigen Lichtblicke sind die täglichen Auftritte eines Musikers, der ihr jedoch partout nicht verraten will, wie er heißt. Sie genießt ihr tägliches Ratespiel und das Flirten mit ihm, doch dann wird sie krank und plötzlich erkennt sie überrascht, dass sie nicht allein ist. Eine Geschichte über Freundschaft, Familie und die Liebe, die uns findet, wenn es an der Zeit ist – ganz besonders zu Weihnachten. Dieses Buch wurde ursprünglich von Heidi Troi veröffentlicht. Für Liebesromane nutzt die Autorin nun das Pseudonym Mira Frey.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Copyright © by Heidi Troi
c/o Theaterpädagogisches Zentrum Brixen
Köstlaner Straße 28
39042 Brixen (BZ) – Italien
Lektorat und Korrektorat: Birgit van Troyen
Covergestaltung: Traumstoff Buchdesign traumstoff.at
Covermotive: Mama Belle and the kids, grynold und majivecka shutterstock.com
Bildnachweis: Sviatoslav Torn; Irynad Danyliuk
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne die Zustimmung der Autorin unzulässig. Das gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Dies ist eine Kurzgeschichte. Orte, Events, Markennamen und Organisationen werden in fiktivem Zusammenhang verwendet. Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Donnerstag vor dem ersten Advent
Svenja
Ben
1. Dezember
Svenja
Ben
Svenja
Ben
5. Dezember
Svenja
Ben
Svenja
6. Dezember
Ben
Svenja
Ben
Svenja
Ben
7. Dezember
Ben
Svenja
Ben
Epilog
Nachwort
Der kleine Weihnachtsmarkt in den Bergen
Noch mehr Südtirol?
Noch mehr Weihnachtsknistern?
Komm mit nach Sweet Valentine
Über die Autorin
Rezept für Südtiroler Lebkuchen
Um sich über die Runden zu bringen, hat Svenja einen Job auf dem mittelalterlichen Weihnachtsmarkt angenommen. Doch von Weihnachtsstimmung ist sie meilenweit entfernt, denn es wird das erste Weihnachtsfest sein, das sie in Einsamkeit verbringt.
Svenjas einzigen Lichtblicke sind die täglichen Auftritte eines Musikers, der ihr jedoch partout nicht verraten will, wie er heißt. Sie genießt ihr tägliches Ratespiel und das Flirten mit ihm, doch dann wird sie krank und plötzlich erkennt sie überrascht, dass sie nicht allein ist.
Eine Geschichte über Freundschaft, Familie und die Liebe, die uns findet, wenn es an der Zeit ist – ganz besonders zu Weihnachten.
»So heiß ich nicht! So heiß ich nicht.«
Svenja lernt Nicht-Rumpelstilzchen kennen und friert.
Svenja zog die Schultern hoch und führte ihre Hände zum Mund, um sie mit ihrem Atem zu wärmen. Der Blick einer Passantin fiel auf sie und Svenja bemühte sich um ein einladendes Lächeln. »Eine Kostprobe gefällig?« Sie wies auf die liebevoll drapierten Häppchen des Südtiroler Lebkuchens, der vor ihr auf der Budentheke lag.
Die Frau schüttelte den Kopf. »Lebkuchenherzerl hobma fei selber gnug.«
Svenja nickte nur. Auch wenn ihr Boss Erwin Kruselburger, der wohl selbst sein bester Kunde war, sie beschworen hatte, in solchen Fällen darauf zu bestehen, dass Südtiroler Lebkuchen nicht mit den 08/15-Lebkuchenherzen vergleichbar waren, die man auf bayrischen Christkindlmärkten kaufen konnte. Mental betete Svenja die Vorzüge herunter, auf die Kruselburger stolz hingewiesen hatte: kein Fett, keine Milch, feinster Südtiroler Bergbienenhonig, oder wie Kruselburger sagen würde: »Früher ein Kuchen für arme Leute und heute einer für figurbewusste Leckermäuler. Außerdem kann man mit den bayrischen Dingern einen Mann erschlagen – da nutzt auch die Herzerlform nichts, um die bösen Absichten dahinter zu verbergen. Unsere Lebkuchen sind so weich, dass sie fast im Mund zergehen.«
Doch Svenja hatte nicht vor, die abgedroschenen Werbeslogans ihres Bosses zu wiederholen. Entweder die Frau kaufte die Lebkuchen oder sie kaufte sie eben nicht. Tatsächlich war Svenja lieber, sie kaufte sie nicht, denn dann konnte sie selbst ihre klammen Hände in der Tasche des mittelalterlichen Rocks lassen, wo der Handwärmer noch etwas Restwärme abgab.
Kruselburger durfte davon nichts wissen. Auf dem mittelalterlichen Weihnachtsmarkt in dem kleinen Städtchen Klausen gab es keine Musikbeschallung aus der Dose, kein Plastik und kaum elektrisches Licht. Dafür Mittelalterromantik, was in Svenjas Fall bedeutete: Sie fror. Damit die Besucher des Weihnachtsmarktes nicht um ihr Erlebnis gebracht wurden, steckte jeder der etwa fünfzig Handwerker und Krämer in mittelalterlichen Klamotten. Grundsätzlich eine nette Idee, wenn man es nicht selbst war, der diese Klamotten tragen musste. Svenja fror wie ein Hund und lugte sehnsuchtsvoll zu dem Stand mit dem Glühwein hinüber, der in hübschen Tonkrügen angeboten wurde.
»Kein Alkohol bei der Arbeit«, hatte Kruselburger betont.
Svenja seufzte. Dann blies sie wieder warme Luft auf ihre Hände. Weiter oben gab es ein nichtalkoholisches Heißgetränk, aber dazu hätte sie ihren Platz am Stand verlassen müssen, was strengstens verboten war. Also hieß es wohl weiterfrieren.
Die Passantin war längst weitergegangen und Svenja ließ ihren Blick über die enge Gasse gleiten. Alles war voller Buden. Wenn man sich die Besucher des Weihnachtsmarktes wegdachte, konnte man wirklich das Gefühl haben, dass man durch irgendeinen Zauber ins Mittelalter zurückkatapultiert worden war. Eigentlich nett. Zumindest für jemanden, der etwas mit dem Konzept Weihnachten anfangen konnte. Also nicht für Svenja.
Obwohl es rein gar nichts brachte, blies sie wieder warme Luft auf ihre Hände. Weihnachten war die Zeit im Jahr, die sie am meisten hasste. Wie von selbst gingen ihre Gedanken zu den schlimmsten Weihnachtsfesten ihres Lebens zurück. Das, als sie fünf war, an dem ihre geliebte Oma gestorben war. Das, an dem sie mit neun Jahren zugesehen hatte, wie ihr Vater mit zwei vollgepackten Koffern zur Tür hinaus verschwand. Seit jenem Tag war er aus ihrem Leben verschwunden. Und Weihnachten vor einem Jahr. Eine Woche vorher war ihre Mutter gestorben.
Svenjas Augen füllten sich mit Tränen. Es fühlte sich an, als wäre es gestern gewesen, dass ihre Mutter ihre Augen schloss und mit einem seltsam klingenden Atemzug das Leben aus ihrem Körper wich.
Nein, Weihnachten hatte Svenja noch nie Gutes gebracht. Umso falscher fühlte es sich an, nun auf diesem Markt zu stehen und all die Menschen in Weihnachtslaune dabei zu beobachten, wie sie durch die Straßen flanierten und Geschenke für ihre Lieben aussuchten.
Aber Svenja brauchte Geld, um sich ihr Studium zu finanzieren. Und dieser Job brachte gutes Geld.
Gegenüber von ihr baute gerade einer der Musiker seine Instrumente auf. Er hatte langes kastanienbraunes Haar und war etwa in ihrem Alter. Froh über die Ablenkung beobachtete sie, wie er ein Ding aus einer Ledertasche holte, das wie eine Kreuzung aus einem Akkordeon und einer Zigarrenschachtel aussah.
Er bemerkte ihren Blick. »Das ist eine Shruti-Box«, sagte er. »Nicht wirklich mittelalterlich, aber damit kennt sich eh keiner aus.«
»Aha.« Svenja nickte nur.
»Magst du Musik?«
»Wer mag keine Musik?«
Er lächelte. »Stimmt auch wieder. Was magst du für Musik?«
»Keine Weihnachtslieder.«
Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Da hast du dir ja den perfekten Platz ausgesucht, um keine Weihnachtslieder zu hören.«
»Tja.« Svenja zog ihre Schultern noch höher. »Kommt von dir jetzt auch Jingle-Bells-Gedudel?«
Er schüttelte den Kopf. »Das hat’s zu meiner Zeit noch nicht gegeben.«
»Zu deiner Zeit? Wie alt bist du denn?«
»Dreißig Winter alt.«
»Oh. Ach so.« Er war also einer von der Sorte, die dieses Mittelalterding toll fanden. »Na dann. Was spielst du?«
»Lass dich überraschen.« Er wies mit dem Kinn auf seine herumliegenden Musikinstrumente. Eine Laute, Rohre, die möglicherweise Flöten waren, Schlaginstrumente … eine bunte Mischung aus allen möglichen und unmöglichen Musikinstrumenten. Viele davon, wie diese Shruti-Box, hatte Svenja noch nie gesehen.
»Kannst du mal auf mein Zeug aufpassen? Ich muss noch kurz weg.«
Svenja nickte. »Geh ruhig.«
»Danke.« Er ging Richtung Ausgang und bald war sein brauner Haarschopf in der Menschenmenge verschwunden. Er hatte noch nicht einmal verraten, wie er hieß.
Doch Svenja kam nicht dazu, darüber nachzudenken. Eine Schar Asiaten machte an ihrem Stand halt, wild gestikulierend deuteten sie auf die verschiedenen Waren und sie hatte alle Hände voll damit zu tun, die Kunden davon abzuhalten, die Leckereien nicht zu betatschen. Natürlich mit dem freundlichen Lächeln im Gesicht, das von ihr zu dieser Jahreszeit erwartet wurde. Immer wieder warf sie einen Blick zu den Instrumenten gegenüber, doch der Musiker war noch nicht wieder aufgetaucht.
Schließlich stellte sich einer der Asiaten als Übersetzer für seine Begleiter zur Verfügung, der in gebrochenem Deutsch allen dabei half, ihre Einkäufe zu tätigen. Bis sie endlich zufrieden von dannen zogen, war Svenja in kaltem Schweiß gebadet.
»Hey. Danke fürs Achtgeben.« Die warme Stimme des Musikers holte Svenja wieder zurück in die Gegenwart. In ihrem Blickfeld erschien ein Tonbecher, aus dem dampfende Schwaden hochstiegen. Der Duft nach heißem Apfelsaft stieg in ihre Nase.
»Für dich. Fürs Aufpassen.«
Mit schlechtem Gewissen dachte Svenja daran, dass sie seinen Instrumenten kaum Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Für den warmen Saft war sie trotzdem dankbar. »Du bist ein Schatz! Woher wusstest du, dass ich mir die ganze Zeit überlegt habe, wie ich an was Warmes komme?«
»Na, das ist nicht schwer zu erraten. Übrigens gefällt es mir, wenn du mich Schatz nennst.« Er zwinkerte ihr zu.
Svenjas Wangen wurden heiß. »Ich würde dich ja gern anders nennen, wenn ich wüsste, wie.«
Er grinste. »Machen wir doch ein Spiel draus. Wenn du meinen Namen errätst …«, er suchte nach einem passenden Preis, doch es schien ihm keiner einzufallen, »dann bringst du mir jeden Tag so einen heißen Apfelsaft. Bis der Markt vorbei ist. Oder wir machen es umgekehrt: Ich bringe dir jeden Tag so einen heißen Apfelsaft und höre erst damit auf, wenn du meinen Namen erraten hast.«
»Da habe ich ja gar keine Motivation, herumzuraten.«
»Aber ich habe einen Grund, jeden Tag an deinen Stand zu kommen und mit dir zu quatschen.«
»Auch wieder wahr.« Svenja nippte von dem Getränk und verbrannte sich prompt die Zunge. »Heißt du vielleicht Rumpelstilzchen?«
Er lachte übermütig. »Du denkst, du kannst einfach die Abkürzung nehmen?«
»Man weiß ja nie.«
»Du denkst wirklich, dass ich Rumpelstilzchen heiße?«
»Na ja, so ging das Märchen doch aus, in dem die junge Königin den Namen ihres Retters erraten muss, nicht?«
»Die Frage ist nur, ob wir uns in einem Märchen befinden.«
Svenja sah in seine tiefblauen Augen und dachte bei sich, dass es unbedingt so sein musste. Wann hatte sie das letzte Mal so viel Freundlichkeit von einem Menschen erfahren? Das war mindestens ein Jahr her. Nicht, weil die Menschen um Svenja herum besonders unfreundlich waren, sondern weil sie sich nach dem Tod ihrer Mutter stark zurückgezogen, mit niemandem gesprochen und keine Kontakte gepflegt hatte. Heute war das erste Mal, dass jemand auf sie zuging und dass sie diesen Austausch auch zuließ. Und es fühlte sich gut an.
Nicht-Rumpelstilzchen sah auf die Uhr. »Ich sollte anfangen. Sonst ziehen sie mir was vom Lohn ab.« Er lächelte Svenja noch einmal an. »Hörst du mir zu?«
»Ich denke mal, dass es gar nicht anders gehen wird. Auf die Distanz kann ich nicht weghören. Außer du flüsterst beim Singen.«
»Tu ich nicht.«
»Also dann. Ich freu mich auf die Weihnachtslieder aus unserer Zeit. Rock die Charts, Nicht-Rumpelstilzchen!«
»So heiß ich nicht! So heiß ich nicht.« Kichernd überquerte er die schmale Gasse und betrat die überdachte Bühne. Dann setzte er sich eine mittelalterliche Haube auf, griff nach einer Laute und begann zu spielen.
»Under der Linden auf der Heide …«
Ben trifft seine Traumfrau.
Er ging normalerweise nicht so offensiv auf die Frauen zu. Eigentlich war er der zurückhaltende Typ. So zurückhaltend, dass er mit einer Ausnahme, die sich schnell als Fehlgriff erwiesen hatte, noch keine Beziehungen eingegangen war. Er wusste, dass seine Freunde hinter vorgehaltener Hand munkelten, dass er möglicherweise homosexuell wäre, doch hätten sie genau hingeschaut, wäre ihnen nicht entgangen, dass er auch nicht auf Männer zuging.
Er mochte das einfach nicht. Und auch wenn er sich nach einer Frau sehnte, an deren Seite er das Leben genießen konnte, hatte er bisher nur dieses eine Mal den Wunsch verspürt, sie näher kennenzulernen. Bis heute.
Er hatte sie schon bemerkt, als er den Markt mit der ersten Ladung seiner Instrumente betrat. Ihren verlorenen Blick aus den großen dunklen Augen, mit dem sie über den Markt schaute. Ihre klammen Finger, die sie verzweifelt mit ihrem Atem zu wärmen versuchte. Ihr sehnsüchtiger Blick auf die Krüge mit Glühwein, der ihr als Verkäuferin an einem der Stände sicher verboten war.
Sie strahlte eine große Einsamkeit aus, die einen Kontrast bildete zu diesem Gewimmel von Menschen, die lachten, scherzten, staunten und das Bild der Weihnachtsidylle vervollständigten, das auf diesem historischen Weihnachtsmarkt in Klausen gezeichnet wurde.
Einsam sah sie aus und … traurig. Und sie berührte etwas in ihm.
Er beobachtete sie aus dem Augenwinkel, während er seine Instrumente auspackte. Wie sie da stand, völlig in ihren Gedanken versunken, er bemerkte, wie sich die Trauer in ihrem Blick intensivierte und eine Träne sich löste und über ihre vor Kälte roten Wangen lief.
Dann endlich kreuzten sich ihre Blicke. Das war der Moment gewesen, in dem Ben klar wurde: Das ist meine Frau fürs Leben.
Doch die Frau ahnte noch nichts davon und Ben fürchtete, dass er sich ihr langsam annähern musste, dass er sie nicht verschrecken durfte mit allzu offensivem Verhalten.
»Das ist eine Shruti-Box«, erklärte er und tat so, als gelte sein Interesse ausschließlich seinen Instrumenten. Laberte belangloses Zeug daher über Musik und über das Mittelalter. Und dann vertraute er ihr seine Instrumente an. Als er gegangen war, spürte er ihren Blick im Rücken und wusste, dass er verloren war.
Als er mit den letzten Instrumenten wieder an seinem Platz stand, war sie in das Gespräch mit einer Gruppe Asiaten vertieft und er nutzte die Zeit, um ihr heißen Apfelsaft zu kaufen. Bei dieser Kälte sehnte sie sich bestimmt am meisten danach.
Und nun stand sie da und nippte an dem Saft, während er seine Laute hochhob, um mit seinem Programm zu beginnen.
