Ein Single bleibt selten allein - Mira Frey - E-Book

Ein Single bleibt selten allein E-Book

Mira Frey

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Beschreibung

Clementine liebt ihr unabhängiges Leben – und sie liebt Brody Chandler. Doch als er ihr einen Heiratsantrag macht, bricht ihre Welt zusammen. Die Vorstellung, sich festzubinden, lässt sie in Panik geraten. Überzeugt, dass sie für die Liebe nicht gemacht ist, flüchtet sie nach Valentine – eine charmante Kleinstadt, in der sie sich neu erfinden will. Doch das Schicksal hat andere Pläne: Kaum hat Clementine ihr neues Leben begonnen, taucht Brody wieder auf – und bewirbt sich ausgerechnet um denselben Job. Gleichzeitig setzt er alles daran, ihr Herz zurückzugewinnen. Ohne Erfolg. Clementine will weiterhin nichts von der Liebe wissen. Zum Glück gibt es die Rentnergang von Valentine, die es liebt, Amor zu spielen. Eine humorvolle und berührende Geschichte über zweite Chancen, die Angst vor der Liebe und die Magie einer Kleinstadt. Dieses Buch erschien ursprünglich unter dem Namen Heidi Troi. Für Liebesromane nutzt die Autorin nun das Pseudonym Mira Frey.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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EIN SINGLE BLEIBT SELTEN ALLEIN

FRÜHLINGSGEFÜHLE IN VALENTINE

FLOWERS OF VALENTINE

BUCH 2

MIRA FREY

INHALT

Ein Single bleibt selten allein

Vorwort

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Danke!

Komm mit nach Sweet Valentine

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Mira Frey

IMPRESSUM

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de/ abrufbar.

© Januar 2025 – Copyright Mira Frey, Neuauflage des Buches „Ein Single bleibt selten allein“, das 2025 unter dem Namen von Heidi Troi erschienen ist

c/o Theaterpädagogisches Zentrum Brixen,

Köstlaner Straße 28, 39042 Brixen (BZ), Italien

Lektorat: Bianca Kober

Korrektorat: Christian Scholte

https://bumblebook.de/

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise –

nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Covergestaltung: Coverdesign: Renate Felderer, tintenheld.eu (Grafikelemente von Freepik, macrovector;)

Ornamente: @graphixmania, @tamawuku (Canva)

EIN SINGLE BLEIBT SELTEN ALLEIN

Ein Rezept gegen Liebeskummer?

Gibt es. Verliebe dich einfach nicht.

(Tipps für ein erfülltes Singleleben von Clementine Miller)

Clementine liebt ihr unabhängiges Leben – und sie liebt Brody Chandler. Doch als er ihr einen Heiratsantrag macht, bricht ihre Welt zusammen. Die Vorstellung, sich festzubinden, lässt sie in Panik geraten. Überzeugt, dass sie für die Liebe nicht gemacht ist, flüchtet sie nach Valentine – eine charmante Kleinstadt, in der sie sich neu erfinden will.

Doch das Schicksal hat andere Pläne: Kaum hat Clementine ihr neues Leben begonnen, taucht Brody wieder auf – und bewirbt sich ausgerechnet um denselben Job. Gleichzeitig setzt er alles daran, ihr Herz zurückzugewinnen. Ohne Erfolg. Clementine will weiterhin nichts von der Liebe wissen. Zum Glück gibt es die Rentnergang von Valentine, die es liebt, Amor zu spielen.

Eine humorvolle und berührende Geschichte über zweite Chancen, die Angst vor der Liebe und die Magie einer Kleinstadt. Kann Clementine ihre Zweifel überwinden und das Glück finden, das sie nie gesucht hat?

Die Fortsetzung der beliebten Sweet-Valentine-Reihe von Heidi Troi.

VORWORT

Liebe Leserin, lieber Leser,

manchmal muss man neue Wege einschlagen. Nicht immer tut man das mit leichtem Herzen. Auch mir ging es so, als ich die Entscheidung traf, meine Liebesromane ab sofort unter einem Pseudonym zu veröffentlichen.

Aber es musste sein und jetzt fühlt sich die Entscheidung gut an.

Diesen Roman habe ich ursprünglich unter dem Namen Heidi Troi veröffentlicht – als Geschichte voller Gefühl, Wärme und leiser Töne und als Fortsetzung der Sweet-Valentine-Reihe, die im Empire Verlag erschienen ist.

Heute darf er unter meinem neuen Pseudonym Mira Frey ein zweites Leben beginnen. Wie auch immer: Die Geschichte bleibt dieselbe. Nur der Name auf dem Cover hat sich verändert.

Danke, dass du hier bist.

Ich schicke dir ganz liebe Grüße,

Mira Frey

(auch bekannt als Heidi Troi)

PROLOG

Männer sind ein notwendiges Übel. Ohne sie macht Sex nur halb so viel Spaß. Also genehmigt euch von Zeit zu Zeit einen. Das ist erlaubt.

Clementine Millers Tipps für ein erfülltes Singleleben

»Du darfst zuerst ins Bad.« Ich lächle meinen zukünftigen Ex an, der gerade mit einem wenig verführerischen Grunzen von mir heruntergerollt ist. Die Nacht war okay. Larry – oder heißt er Leroy? – hat nicht nur an sich selbst gedacht und mir auch ein paar schöne Stunden beschert. Das bringt ihn in der Rangliste meiner ständig wechselnden Sexpartner ziemlich weit nach oben – wovon er sich allerdings nichts kaufen kann, denn es wird bei diesem One-Night-Stand bleiben.

Er nähert sich mir, will mich küssen, doch ich drehe mich weg. »Morgenatem!«, sage ich.

Eine faule Ausrede. Ich habe keine Lust auf Zärtlichkeiten.

Er sieht enttäuscht aus, aber ich bleibe hart. Keine Gefühle. Keine Zugeständnisse. Sonst ende ich am Ende so, wie meine Mutter sich das für mich wünscht. Verheiratet, sechs Kinder – ja, sie hat tatsächlich sechs Kinder in diese Welt gesetzt – und mit einer unsichtbaren Fessel an einen Kerl gebunden, der mir noch nie etwas bedeutet hat. Würg!

Ich warte, bis er im Bad verschwunden ist, dann schlüpfe ich blitzschnell in meine Kleider und haue ab. Als die Wohnungstür mit einem leisen Klicken ins Schloss fällt, atme ich erleichtert auf und renne los.

1

Ein Rezept gegen Liebeskummer?

Gibt es. Verliebe dich einfach nicht.

Clementine Millers Tipps für ein erfülltes Singleleben

Clementine

»Hallo, Familie! Ich bin wieder da!« Fröhlich zu klingen, wo alles in mir danach schreit, ein paar Teller – oder alternativ meinen Kopf – gegen die Wand zu schmettern, verlangt mir meine ganze Kraft ab. Aber ich weiß, dass meine Fröhlichkeit überzeugend sein muss, sonst hagelt es Fragen, und Fragen kann ich momentan nicht gebrauchen. Nicht, wenn ich meine Würde bewahren und nicht losheulen will. Also strahle ich – so sehr, dass man, wenn man mich an ein E-Werk anschließen könnte, wahrscheinlich Strom für den ganzen Staat Vermont gewinnen würde.

Wie erwartet richten sich alle Augen auf mich. Uuuups! Es sind sogar noch ein paar Augen mehr, als ich erwartet habe. Da sitzen nicht nur Mom, Dad und meine Schwestern Ivy, Rosemary und Melissa, sondern auch noch der ganze Montgomery-Clan, mit denen meine Eltern früher ganz dicke waren: Tristan und Sylvie und ihre Eltern. Das ist schon mal seltsam, denn über diese Familie durfte man das ganze letzte Jahrzehnt nicht einmal sprechen. Sie zu unserem Sonntagskaffee einzuladen, wäre undenkbar gewesen. Was ist da passiert?

Dann ist da Ethan ›der Streber‹ Foster, der Händchen mit meiner Schwester Ivy hält. Ich weiß natürlich, dass die beiden inzwischen ein Paar sind – schließlich war ich auch auf der Hochzeit –, aber ist es echt notwendig, dass sie ihre Liebe so zur Schau stellen? Irgendwann sollte dieses Herumturteln doch aufhören, oder?

Und natürlich Tante Ethel, der alte Kotzbrocken, die aussieht, als würde ihr eine Bemerkung über meine Rastas auf der Zunge liegen.

Ich verkneife mir ein Grinsen und tue so, als würde ich von all den Blicken nichts mitbekommen. Stattdessen fixiere ich den Kuchen auf der Tafel, ziehe mir einen Stuhl heran und sage: »Oha … da komme ich wohl gerade richtig! Moms berühmter Orangenkuchen!« Ich schaufle ein Kuchenstück auf meine Hand, ignoriere den Teller, den Mom mir geistesgegenwärtig zuschiebt, und rede kauend weiter. »Ich wäre übrigens beinahe über die überdimensionale Glaskugel gestolpert, die draußen vor der Tür steht. Liegt sie da, damit sich jemand die Beine bricht?«

»Wie wäre es damit, zuerst einmal zu grüßen?«, gestikuliert Tante Ethel. Die alte Hexe haust seit etwa zwölf Jahren in unserem Haus und macht allen das Leben schwer. Gott wollte uns etwas Gutes tun und hat ihr die Fähigkeit zu sprechen genommen – damit will ich sagen, dass sie taubstumm ist. Daher kann ich wunderbar ignorieren, wenn sie wieder einmal an mir herummeckert, bis …

»Aua!« Sie hat mich an den Haaren gezogen, als wäre ich eine Rotzgöre und wir befänden uns im vorvorigen Jahrhundert. Ich starre sie vorwurfsvoll an, worauf sie ihre Rüge wiederholt.

»Ich verstehe das Herumgefuchtel nicht. Das solltest du inzwischen wissen.« Gemeint ist die Gebärdensprache, und natürlich kann ich verstehen, was sie sagt. Ich bin angehende Ärztin, und da gehört es dazu, dass ich über Grundkenntnisse in der Gebärdensprache verfüge. Aber ich will Dads alte Tante nicht verstehen. Wollte ich noch nie. Sie hat unsere Familie vergiftet, hat mit ihrer Anwesenheit dafür gesorgt, dass der Unfrieden in unser Haus eingezogen ist und jeder jeden zu hassen begonnen hat.

»Du verstehst mich genau, du kleine Hexe.«

»Du hast da was auf der Nase, Tante Ethel … oh, sorry, das ist ja nur deine Hexenwarze.« Ich lächle sie allerliebst an und sie setzt bereits zu einer Tirade an, als sich die Tür öffnet und meine Schwester den Raum betritt. Vor sich her trägt sie die überdimensionale Glaskugel, über die ich vorhin beinahe gestolpert bin.

Diesmal mit dem dazugehörigen Sockel. Eine überdimensionale Schneekugel. Und vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um euch etwas über meine Familie zu erzählen. Mein Dad, Daniel Miller, hat zusammen mit seinem besten Freund eine Schneekugelmanufaktur aufgebaut – ihr wisst schon, die Dinger, die man schüttelt, und irgendein kitschiges Motiv wird beschneit. Diese Schneekugeln haben meine Kindheit verzaubert, und wenn ich zurückdenke an Klein Clementine, sehe ich ganz viel magischen Schnee, der jedes Problem unter einer glitzernden Decke verbarg – bis die Probleme irgendwann so groß wurden, dass kein Schnee der Welt sie mehr hätte verbergen können. Tja. Das war der Zeitpunkt, an dem ich aus meiner Fantasiewelt aufgewacht bin und beschlossen habe, einen vernünftigen Beruf zu ergreifen. Ich bin Ärztin – oder sagen wir mal: auf dem Weg dorthin.

Die Schneekugel, die Melissa gerade mit ehrfürchtiger Miene vor sich herträgt, erkenne ich natürlich sofort. Wie auch nicht! Tante Ethel hat jedes Mal zu Weihnachten den besten Platz für ihre Kugel beansprucht. Sie hatte sie in jungen Jahren – also ungefähr zu der Zeit, als die Dinosaurier noch das Land bevölkerten – von ihrem Mann Sebastian geschenkt bekommen. Bla, bla, bla … Ich will euch nicht mit ihrer Geschichte langweilen.

Der Anblick ihrer geliebten Schneekugel macht sie jedenfalls überglücklich, und ich muss sagen, dieses Glück steht ihr gut zu Gesicht. All die Boshaftigkeit, die sonst aus jeder ihrer Poren spritzt, ist plötzlich wie weggewischt. Ihre Augen leuchten. Sie lächelt sogar.

»Meine Kugel!«, gestikuliert sie. »Danke! Danke! Danke!«

Alle betrachten rührselig, wie Dads alte Tante ihre Kugel umarmt und damit in Richtung ihres Zimmers rollt. Das habe ich noch nicht erwähnt: Sie sitzt auch noch im Rollstuhl. Und ja, ich weiß, ich höre mich an wie ein richtiges Miststück, weil ich einer alten Frau, der das Schicksal so hart mitgespielt hat, so wenig Respekt entgegenbringe, aber ihr wisst nicht, wie sehr wir alle unter ihr gelitten haben.

Ein leises Klingeln lenkt meine Aufmerksamkeit wieder auf die Tafel. Dad ist aufgestanden und klopft mit dem Löffel gegen seine Kaffeetasse.

»Liebe Anwesende, ich möchte um Ruhe bitten.«

Alle Gespräche verstummen und jeder schaut zu ihm. Ich kneife die Augen zusammen. Irgendwas ist im Busch. Die Augen von Tristan Montgomery glänzen so seltsam, sein Dad sieht aus, als würde er gleich platzen, Melissa ist hibbelig. Wieso verhalten sich alle so seltsam? Ich setze mich zurecht, um nichts zu verpassen, und höre zu, während Dad schon weiterspricht.

»Heute schließt sich ein Kreis. Zwölf Jahre des Schweigens sind zu Ende gegangen und unsere beiden Familien haben wieder zueinandergefunden. Fergus und ich haben uns daher etwas ausgedacht.«

»Was ist passiert?«, flüstere ich Melissa zu.

»Lange Geschichte. Erzähle ich dir später«, kommt es zurück. Sie sieht mich nicht einmal an, sondern schaut gespannt zur Tür, hinter der Fergus nun verschwindet.

Hä? Noch seltsamer. Oder kommt nur mir das so vor?

Dann kommt er mit einem Karton wieder, stellt ihn auf seinem Stuhl ab und schlägt den Deckel zurück. Die neben ihm Sitzenden brechen bereits in Ah- und Oh-Rufe aus. Neugierig recke ich den Hals, doch das ist nicht nötig.

Fergus greift in den Karton und fördert eine Schneekugel zutage. Weitere Laute der Bewunderung ertönen. Ich kneife die Augen zusammen, um besser erkennen zu können, was darin abgebildet ist.

Da hält Fergus schon das nächste Stück hoch. »Es gibt für jeden eine. Bitte gebt sie weiter.«

Die Kugel wandert und kommt endlich bei mir an. In der Schneekugel sind alle Mitglieder der Familie Miller und der Familie Montgomery abgebildet – sogar ich. Wir sitzen an einer Tafel, die sich vor leckeren Speisen nur so biegt, und halten uns an den Händen. Alle Gesichter sind glücklich – selbst Tante Ethel lächelt.

In meiner Brust breitet sich ein warmes Gefühl aus, gegen das ich mich nicht wehren kann. Ich bin beinahe froh, als plötzlich Sylvie, die Schwester von Tristan, einen empörten Schrei ausstößt.

»Das ist doch … Ihr habt mir einen Hühnerschenkel auf den Teller gelegt?« Sylvie steht erzürnt auf. »Wie oft soll ich euch noch sagen, dass ich kein …?!«

»Das ist doch ein Biohühnchen«, sagt ihre Mom.

»Aber es ist aus Fleisch, oder?«

»Na ja, aber Biofleisch.« Ihre Mutter schaut unsicher um sich. »Ist das auch nicht richtig?«

Alle anderen brechen in Lachen aus, nur Sylvie schüttelt fassungslos den Kopf. »Ich. Esse. Kein. Fleisch. Nichts, was irgendwann mal geatmet hat. Wie schwer ist denn das zu verstehen?«

Tristan grinst. »Schwesterherz, Mom hat das falsch ausgedrückt. Man kann doch eindeutig erkennen, dass das ein Fleischersatz-Hühnchen ist. Aus Tofu. Also mach mal halblang und genieß einfach das, was die Kugel eigentlich sagen will: Wir haben uns wieder. Das feiern wir.«

Tja, und das ist der eigentliche Punkt. Was ist geschehen? Was hat diese jahrelange Fehde beendet? Ich verstehe es immer noch nicht. Nicht, dass ich etwas dagegen habe. Die Montgomerys waren lange Zeit so etwas wie eine erweiterte Familie. Melissa und Tristan waren ein Herz und eine Seele und …

»Das ist aber nicht die einzige Kugel, die heute verschenkt wird«, sagt Fergus. Dann nickt er seinem Sohn zu.

Tristans Wangen werden noch dunkler, doch er steht auf und nimmt eine weitere Kugel aus dem Karton. »Melissa«, sagt er mit belegter Stimme, während er auf meine Schwester zugeht. Oh, oh! Da bin ich wohl gerade zur rechten Zeit gekommen.

»O nein!« Ivy klopft Melissa aufgeregt auf den Oberschenkel. »Er macht dir einen Antrag! Wie romantisch ist das denn!«

Romantisch und … dumm! Ich will schon aufspringen, Melissa wachrütteln und sie daran erinnern, was wir uns all die Jahre über geschworen haben – nämlich dass wir niemals in die Spuren unserer Eltern treten wollen. Keine Hochzeit, das haben wir uns geschworen! Kein Ehemann! Nie und nimmer würden wir uns an einen Mann ketten, nur um ihn dann für den langen Rest unseres Lebens anzuschweigen, wie Mom das bei Dad gemacht hat! Wir wollten frei sein!

Melissa steht auf, ich tue es ihr langsam nach, doch dann fange ich den Blick meiner ältesten Schwester auf. Rosemary. Sie schüttelt beschwörend den Kopf.

Ich kann sie doch nicht ins offene Messer rennen lassen, denke ich. Aber Rosemary sendet mir eindeutige Signale zu, dass es mir nicht zusteht, mich einzumischen.

»Wir wollten es langsam angehen«, sagt da Tristan.

Melissa nickt und starrt ihn an wie ein hypnotisiertes Kaninchen.

»Und ich weiß, wir sind erst dreiundzwanzig Jahre alt. Das bedeutet, wir haben eigentlich noch alle Zeit der Welt, aber … Das ist mein erster Versuch. Sei nicht so streng mit mir, wenn du sie begutachtest, ja?«

Er bleibt stehen und hält ihr eine Schneekugel hin.

Mit zitternden Fingern nimmt sie sie entgegen. Ich recke meinen Kopf, um zu sehen, was darin abgebildet ist. Aber die Kugel ist leer bis auf einen Zettel, der am Boden liegt. Darauf steht: »Ich wünsche mir, dass die letzten zwölf Jahre die letzten sind, die wir getrennt verbracht haben. Wünschst du dir das auch?«

Melissas Mund öffnet sich schon zum Ja, und ich will schreien, dass sie es sich gut überlegen soll, da sagt er: »Schüttle die Kugel.«

Das tut sie. Als statt Schneeflocken lauter silberne und goldene »Ja!« vom Himmel zu Boden schweben, weiß ich, dass es verlorene Liebesmüh sein wird, sie vom Leben als Single zu überzeugen.

Ich spare euch den Rest. Sie hat auch eine Schneekugel für ihn, in der eine genauso kitschige Botschaft versteckt ist, sie verloben und küssen sich. Alle klatschen Beifall und ich könnte kotzen. Aber natürlich kann ich mich beherrschen.

Um nicht loszuheulen, kichere ich und reiße sie damit aus ihrer Knutscherei. Melissa schaut mich fragend an.

»Schwesterherz – dafür, dass du bisher wie eine Klosterfrau gelebt hast, legst du hier ganz schön Tempo vor. Das hier ist nicht mehr jugendfrei!« Und dann widme ich mich mit gespielter Gleichgültigkeit dem Orangenkuchen.

Tja, nach diesem Schock werde ich dann endlich auf den neuesten Stand gebracht. Ich erfahre, dass alles ein großes Missverständnis war, dass die Montgomerys und die Millers sich wieder ganz doll lieb haben und dass – großer Gott! – Ivy schwanger ist. Die Freude meiner Mom ist so groß, dass ich ihr nicht sage, dass ich die Neuigkeit schon lange zuvor erfahren habe.

Und dann kommt der Moment, den ich die ganze Zeit über gefürchtet habe.

»Was bringt dich nach Valentine?« Es ist Mom, die das fragt.

Ihr müsst euch die folgende Szene vorstellen wie in einem dieser Filme. Alle Geräusche ersterben, du siehst, wie sich alle Augenpaare – eines nach dem anderen – auf die Person – mich – richten, und das Licht verändert sich irgendwie. In einem einzelnen Sonnenstrahl tanzen ein paar Staubkörner und dann …

Ich schlucke trocken, mache den Versuch, meine Antwort mit einem Grinsen zu überspielen. Es gelingt mir nicht. Ich räuspere mich.

»Clementine?« Wieder Mom.

»Ich … Ich habe die Stelle als Assistenzärztin bei Doc Macintosh angenommen.«

Und es ist heraus.

Ein Moment der Stille folgt. Noch einer. Und dann jubeln sie los. Alle gleichzeitig. Mom springt von ihrem Platz auf und zu mir. Sie umarmt mich, drückt mir beinahe die Luft ab. Melissa tut es ihr gleich. Ivy lächelt mir glücklich zu.

Und ich? Ich habe das Gefühl, dass etwas in mir abgestorben ist. Tja … willkommen in Valentine, irgendwo im Nirgendwo in der herrlichen Natur von Vermont, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen – und wo jeder alles daransetzen wird, mich unter die Haube zu bringen …

Brody

»Die Antwort ist Nein.«

Ich lese die vier Worte zum millionsten Mal, als könnte ich ihnen einen anderen Sinn entlocken. Zum millionsten Mal gelingt es mir nicht. Es gibt keine Interpretationsmöglichkeiten. Die Aussage ist klar. Ich werde ihre Entscheidung akzeptieren müssen, auch wenn es wehtut.

Verstehen kann ich sie nicht.

Das zwischen uns war etwas Besonderes. Es war keine schnelle Affäre, wo man mal schnell miteinander ins Bett springt und dann einen Schlussstrich zieht. Es war … mehr. Es war alles. Und ich bin sicher, dass ich mir das nicht nur eingebildet habe.

Wieder lese ich ihre Abschiedsbotschaft.

Abschiedsbotschaft … dass ich nicht lache! Welcher Abschied?Hätte sie wenigstens den Mumm gehabt, sich zu verabschieden! Aber nicht einmal den hatte sie. Stattdessen hat sie sich Bedenkzeit erbeten – das hätte mich schon stutzig machen sollen – und dann ist sie sang- und klanglos verschwunden und hat mich mit diesem Brief abgespeist.

Ihr Kittel hängt noch hinter der Tür, in ihrem Spind steht eine angefangene Packung Schoko-Cookies, ihre Lieblingssorte, die sie mit niemandem teilt, auch mit mir nicht – auch das hätte mir eventuell eine Warnung sein können. Mit deinem Lieblingsmenschen teilst du doch alles, oder?

Der ganze Raum riecht noch nach ihr. Ich atme meinen Lieblingsduft ein. Süß. Das Aroma soll wohl an irgendwelche Zitrusfrüchte erinnern. Man kann den Duft nach der Woche, die sie jetzt schon fort ist, unter dem für eine Arztpraxis so typischen Geruch nach Desinfektionsmittel, Chlor und Kampfer mittlerweile jedoch kaum mehr wahrnehmen. Wie lange wird es wohl dauern, bis auch ich ihn nicht mehr riechen kann?

Ein Klopfen reißt mich aus meinen Gedanken.

Mom streckt ihren Kopf zur Tür herein. »Mrs. Albright wäre da, Schatz. Darf ich sie reinschicken?« Mom ist kurzfristig für Clementine eingesprungen, obwohl sie schon längst im Ruhestand ist.

»Gib mir noch drei Minuten.«

Sie nickt. »Ich mache dann Feierabend. Kommst du zurecht?«

»Natürlich.« Ich schenke ihr ein Lächeln.

Wie dieses Lächeln ausfällt, sehe ich an Moms mitleidiger Miene. Sie tritt ganz in den Raum und schließt die Tür hinter sich. »Hat sie sich noch nicht wieder gemeldet?«

Ich schüttle den Kopf. »Wird sie auch nicht.«

»Sag niemals nie.«

»In dem Fall …« Ich atme durch. »Lassen wir das. Mach Feierabend, Mom. Ich kümmere mich noch um Mrs. Albright und dann schließe ich auch ab.«

»Vielleicht will sie bloß, dass du um sie kämpfst?«

»Mrs. Albright?«

Mom belohnt meinen schwachen Versuch, einen Scherz zu machen, mit einem Klaps auf meinen Oberarm. »Du weißt, von wem ich spreche.«

»Sie hat ihre Meinung klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, Mom. Sie will nicht, dass ich um sie kämpfe. Und ich muss verstehen, dass ich mehr in der Sache gesehen habe, als da war. Das passiert. Das Beste wird sein, wir sprechen nicht mehr darüber. Je schneller ich sie vergessen kann, desto besser.«

Ich lächle noch einmal. Diesmal scheint die Grimasse überzeugender zu sein, denn Mom legt den Kopf schief und mustert mich prüfend. Dann nickt sie. »Vielleicht hast du recht.«

»Hab ich.«

Sie streicht mir über den Oberarm, nickt, dann geht sie Richtung Tür. Bevor sie sie öffnet, sagt sie noch: »Schade. Ich dachte, sie wäre die Richtige für dich. Sie war … ist ein nettes Mädel.«

Ja, denke ich. Das dachte ich auch. Aber wir haben wohl beide falsch gedacht.

»In einer halben Stunde bin ich zu Hause.«

»Es gibt schwedische Fleischklößchen. Dads …« Mom bricht ab.

Ich weiß, wie der Satz hätte enden sollen. »Dads Lieblingsgericht.« Nach wie vor kocht sie seine Lieblingsgerichte, auch wenn er sie nicht mehr essen kann.

Dad ist vor beinahe einem Jahr gestorben. Ich war gerade mit meiner Ausbildung fertig und konnte seine Arztpraxis in Brattleboro übernehmen. Seine Arztpraxis und seine Assistenzärztin Clementine Miller, eine vielversprechende Jungärztin, die die Uni in Rekordzeit abgeschlossen hatte und in die ich mich auf den ersten Blick verliebt habe. Sie war … ist so anders als jede andere Ärztin, die ich kenne. Allein ihre Rastas, die ihr fast bis zu den Hüften reichen. Dazu hat es mich wie magisch angezogen, dass sie so unbeschwert und unbekümmert ist. Frech, wenn man so will. So selbstbewusst und so eigenständig.

Zu eigenständig.

Sie hat immer gesagt, dass sie nichts von der Ehe hält. »Ich will frei wie ein Vogel sein – mein ganzes Leben lang.«

Und ich wusste auch von ihrem Blog ›Clementine Millers Tipps für ein erfülltes Singleleben‹, aber ich hielt das für einen Spleen.

Wie ferngesteuert öffne ich ihren Blog.

In den Schoß der Familie zurückzukehren, ist im Grunde dasselbe, wie zu heiraten. Eine Niederlage für jeden überzeugten Single. Denkt daran, bevor ihr heim zu Mami geht.

Ist das ein Hinweis? Ist sie wieder nach Hause gekrochen? Zurück zu ihrer Familie, in der keiner mit dem anderen redet?

In der Hoffnung, dass sie mit ihren Followern interagiert hat, scrolle ich durch die Kommentare.

@singeline: O ja, wem sagst du das! Einen Mann sucht man sich wenigstens selbst aus!

@missy1207: Mann! Immer diese Verherrlichung des Singletums! Ich bin auch Single. Aber würde ich Ja sagen, wenn mich einer fragen würde, ob ich mit ihm zusammen sein will? Ja! Ich glaube, du lügst dich selbst an.

Ich pflichte @missy1207 bei, bin damit jedoch der Einzige, wie eine ganze Flut von Hasskommentaren unter ihrer Antwort beweist. Es gibt wohl mehr von diesen überzeugten Singles, als ich dachte.

Clementine ist keine von denen, denke ich verzweifelt, muss mir aber gleich selbst die Illusion nehmen: Warum hätte sie dann so einen Blog ins Leben gerufen, wenn sie nicht wirklich überzeugt wäre von einem Leben allein?

Allein … Keiner kann wirklich allein sein wollen, oder? Der Mensch will in einer Beziehung leben. Man möchte jemanden lieben, geliebt werden, sich an jemanden kuscheln, ein gutes Wort hören … Das will man doch, oder?

Nun, Clementine nicht. Ich schließe die App. Sie will Single sein.

Nur ich Trottel dachte, dass der Umstand, dass wir so lange ein Paar waren – zumindest in meinen Augen – bedeutete, dass sie diesen Single-Unsinn vergessen hat. Ich habe sie meiner Mutter vorgestellt, verdammt! Na ja, die kannte sie zwar schon, aber ihr wisst schon, was ich meine. Ich habe sie ihr als meine Freundin vorgestellt. Da hat sie sich nicht gewehrt. Und dann …

»Brody?«

Ich komme aus meiner Gedankenwelt zurück in die Realität. Mom steht immer noch abwartend an der Tür.

»Darf ich Mrs. Albright hereinlassen?«

»Eine Minute.« Endlich stehe ich auf und bereite alles für meine letzte Patientin an diesem Tag vor. Eine frische Papierauflage für die Liege, ich öffne ihre Patientenakte am Computer.

Dann stehe ich auf und öffne die Tür. Die alte Dame steht bereits mit erhobener Faust dort, bereit zu klopfen.

»Mr. Chandler.«

»Mrs. Albright. Was für eine Freude, Sie gesund und munter wiederzusehen! Wie war es in der Reha?« Meine Patientin hatte vor Kurzem einen Herzinfarkt.

»Langweilig.«

»Damit Sie sich entspannen können.«

»Ich kann mich nicht entspannen, wenn ich mich langweile.«

Ich lächle. »Also?«

»Also messen Sie meinen Blutdruck und machen Sie, was Sie machen müssen, und dann verschreiben Sie mir diese rosa Tabletten. Die sind bald alle.«

Ich nicke, aber so leicht werde ich es ihr nicht machen. Statt sie schnell abzufertigen, wie sie das verlangt hat, frage ich sie nach ihren Schlafgewohnheiten, nach den letzten Mahlzeiten, ich teste den Blutzucker, frage sie ganz nebenbei Dinge, mit denen ich ihr Gedächtnis teste, und als ich mich vergewissert habe, dass alles in Ordnung ist, verschreibe ich ihr die Medikamente, die sie braucht – und noch ein paar dazu.

»Sie sind genauso lästig, wie Ihr Vater es war«, sagt sie zum Abschluss genervt. Wahrscheinlich hat sie es nicht als Kompliment gemeint, aber ich nehme es als solches an.

»Danke! Beehren Sie mich bald wieder.«

»Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig.«

Ich lächle und begleite sie nach draußen. Als ich die Haustür hinter ihr geschlossen habe, sperre ich ab, dann räume ich die Praxis auf und bereite alles für morgen vor. Zum Schluss hänge ich meinen Arztkittel hinter der Tür neben den von Clementine. Ein ganz leichter Duft nach Zitrusfrüchten geht von ihm aus und ich sauge ihn genießerisch in meine Lungen.

Wann wird diese Sehnsucht nach ihr aufhören?

2

Macht euch nichts draus, wenn die Leute euch mit Verachtung begegnen. Unsere Gesellschaft muss erst lernen, dass nicht nur Männer das Recht haben, sich zu nehmen, worauf sie gerade Lust haben. Ihr seid Pionierinnen. Eigenständige Frauen, die sich nicht über Männer definieren. Seid stolz darauf.

Clementine Millers Tipps für ein erfülltes Singleleben

Clementine

Ich lasse mein Handy sinken. Ich sitze an der Theke eines Pubs irgendwo in Newport und langweile mich. Ich habe mir das Auto meiner Eltern ausgeliehen und bin losgefahren. All das Glück, all diese Liebe und Romantik bei dieser Sonntagsfeier haben mich dermaßen aufgeregt, dass ich kurz davor war zu platzen. Dad hat das zum Glück erkannt, mir seinen Autoschlüssel zugeworfen und ich bin losgebrettert. Nach Newport. Das ist die nächstgelegene größere Stadt, die man in etwa fünfundvierzig Minuten von Valentine aus erreicht und die mir zumindest ein bisschen der Anonymität verschafft, die ich brauche – obwohl es den Namen Stadt nicht einmal verdient. Aber hey, wir sind in Vermont und hier ist alles über tausend Einwohnern eine Stadt. Newport hat jedenfalls ein Pub mit ein paar Billardtischen, einem Tresen mit den obligatorischen Barhockern und schlechter Musik aus dem Lautsprecher.

Gerade habe ich – aus purer Langeweile – wieder einen Beitrag veröffentlicht. Ich war ein böses Mädchen und habe ein Foto von Tante Ethel durch eine künstliche Intelligenz gejagt, mit dem Auftrag: Alte, verbitterte Frau, mit der Verachtung der ganzen Welt in ihrem Blick, ähnlich wie auf dem Foto.

Das Ergebnis ist verblüffend. Es ist Tante Ethel, aber dann doch nicht sie, die mir von meinem Blog entgegenlacht … Äh, nein, lachen tut sie definitiv nicht. Eher sieht sie aus, als würde sie mir am liebsten ins Gesicht spucken – etwas, was ich mir bei Dads alter Tante durchaus vorstellen kann. Auf jeden Fall passt das Bild perfekt zum Text und bereits ein paar Sekunden nach dem Posten trifft auch schon der erste Kommentar ein.

@liliththeonlyone: Geiles Bild! Könnte meine Nachbarin sein, die jedes Mal, wenn sie mich trifft, etwas murmelt wie: »Wahrscheinlich ist sie lesbisch.« Nein, ist sie nicht. Sie ist einfach nur Single! Danke für deinen Blog, @singlebychoice! Ich liebe ihn!

Ich lächle, schreibe einen Kommentar, in dem ich noch einmal betone, dass sie sich nichts aus der Verachtung machen soll. Dann mache ich ein Herzchen an einen Kommentar, der sich auf ein paar Emojis beschränkt. Schließlich lasse ich das Handy wieder sinken und sehe mich um.

Ich bin nicht bis nach Newport gefahren, um meinen Social-Media-Account zu bedienen. Ich wollte Sex, um die Gedanken zu löschen, die sich die ganze Zeit in meinem Kopf drehen. Heißen Sex mit einem heißen Fremden … Okay, ich korrigiere: Sex mit einem Fremden. Schraube deine Erwartungen nicht zu hoch und du wirst nicht allzu sehr enttäuscht.

Ich grinse. Der Satz würde perfekt in den Blog passen. Ich setze ihn auf meine mentale Liste, dann checke ich weiter die Männer ab.

In dem Pub gibt es gleich zwei Stück davon … Drei, wenn man den Alten mitrechnet, der den Tresen bohnert, als wolle er davon essen. Einer der beiden anderen hat sich in sein Bierglas verliebt, soweit ich das beurteilen kann, denn er trinkt nicht nur daraus, sondern lutscht irgendwie daran, was voll eklig aussieht. Der andere ist passabel. Blondes Haar, ein sympathisches Lächeln … alle Zähne.

»Bist du neu hier?«, fragt er, als er bemerkt, wie ich ihn anstarre.

»Willst du mit mir schlafen?«, frage ich zurück.

Ich grinse, als ich sehe, wie meine Antwort zu ihm durchdringt. Wie sein Hirn die Botschaft versteht, Dopamin und Serotonin ausschüttet, was sich in Begeisterung äußert. Er steht auf – wäre er ein Hund, würde er jetzt begeistert mit dem Schwanz wedeln, und ich bin mir gerade nicht sicher, dass er das nicht tatsächlich tut – und kommt näher. »Ich habe verstanden, dass du mit mir schlafen willst«, sagt er.

»Du hast echt gute Ohren. Bist du Musiker?«

Er runzelt die Stirn. »Woher weißt du das?«

Gott … Volltreffer! Und das, obwohl ich das vollkommen ironisch gemeint habe. »Egal. Willst du?«

»Ist das eine Falle?« Er sieht sich um, als würde er erwarten, dass gleich ein Kamerateam aus einer Ecke springt und »Achtung, Kamera!« ruft.

»Wozu sollte das gut sein?«

»Weiß auch nicht.«

»Na, dann …? Wo ist dein Bett?«

»Ich wohne noch zu Hause.«

»Ein Muttersöhnchen?« Ich grinse. Dass ich selbst auch noch zu Hause wohne – oder wieder –, verschweige ich ihm.

»Sicher nicht. Aber wenn ich dich mit nach Hause nehme, platzt sicher meine Mom in mein Zimmer.«

»Dann auf der Toilette?«

Er nickt. »Heiß.«

Oder völlig bescheuert. Aber das behalte ich ebenfalls für mich. Ich stehe auf, ziehe ihn hinter mir her Richtung Damenklo. Einmal Druck abbauen für große Mädchen, denke ich. Doch kaum haben wir uns in einer Kabine verbarrikadiert, klopft jemand gegen die Tür.

»Ihr macht da drin jetzt nicht das, was ich denke, dass ihr macht, oder?« Es ist der Kerl, der vorhin den Tresen gebohnert hat. Vermutlich der Inhaber.

»Was denkst du denn?«, frage ich frech zurück.

»Dass ihr in meiner Toilette Sex habt.«

»Ich gehe bloß aufs Klo. Groß. Soll ich es dir danach zum Beweis zeigen?« Ich grinse meinen Begleiter an.

»Ich verzichte. Aber damit du Ruhe bei deinem Geschäft hast, sollte Malcolm herauskommen.«

Die Wangen des Blondhaarigen färben sich tiefrot.

»Malcolm …«, die Stimme des Kneipenbesitzers wird drängender. »Komm schon, Buddy. Erstens wird dein Bier warm und zweitens willst du wegen einer schnellen Nummer nicht deine Beziehung zu Pru aufs Spiel setzen. Hab ich recht oder hab ich recht?«

»Du hast eine Freundin?«, zische ich ihn an.

Er schneidet eine Grimasse, die ich nur als Zustimmung verstehen kann.

»Du bist ein Arsch!«

»Sie lässt mich nicht ran, bevor ich sie nicht geheiratet habe.«

»Ach, und das rechtfertigt, dass du mit einer anderen schläfst?«

Er zuckt mit den Schultern.

»Geh mir aus den Augen, Malcolm!«, zische ich. »Du bist ein Versager!« Dann ziehe ich einen wasserfesten Marker aus meiner Jackeninnentasche und schreibe etwas an die Trennwand zwischen den beiden Kabinen.

»Pru soll wissen, dass Malcolm sie in diesem Klo mit einer anderen betrügen wollte«, lese ich laut vor, während ich die Buchstaben an die Wand male.

»Spinnst du?«, brüllt er mich an.

»Nein. Du spinnst.« Ich öffne die Tür und spaziere hinaus, an dem Barkeeper vorbei in den Schankraum. Und dann verlasse ich die Kneipe.

»Hey, du musst noch bezahlen!«, ruft mir der Barkeeper nach.

»Setz es Malcolm auf die Rechnung«, sage ich über die Schulter zurück. »Lehrgeld. Man hat nicht mit fremden Frauen Sex auf der Toilette, wenn man in einer Beziehung ist.«

Und dann bin ich weg. Ich laufe bis ans Ufer des Lake Memphremagog, dort setze ich mich auf eine Bank und starre in die Fluten. Der Abend war ein voller Erfolg, würde ich sagen. In der Kneipe brauche ich mich nie mehr sehen zu lassen und Sex hatte ich auch nicht.

Als ich in mich gehe, bemerke ich, dass mir Letzteres eigentlich egal ist. So nötig hatte ich es nicht einmal. Dass ich jetzt keinen Geschlechtsverkehr haben werde, lässt mich kalt. Und ich frage mich, ob das so ist, weil ich noch nicht über ihn hinweg bin.

---ENDE DER LESEPROBE---