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Beschreibung

Diese Anthologie enthält eine Auswahl von Werken einiger Autorinnen und Autoren, die ihre Kurzprosa in den letzten zehn Jahren in der vom Verlag LUD Literatura herausgegebenen Reihe Prišleki veröffentlicht haben. Das Buch stellt einen Querschnitt dar, der durch die gewählten Beispiele die Besonderheit und Einzigartigkeit des allgemeinen Geschehens in der slowenischen Literaturszene zeigt. Mit Texten von Andrej Blatnik, Jasmin B. Frelih, Marko Golja, Andrej Hočevar, Nataša Kramberger, Mirana Likar, Jedrt Maležič, Franci Novak, Tomo Podstenšek, Arjan Pregl, Veronika Simoniti, Ana Svetel, Andrej Tomažin, Urban Vovk und Ajda Bračič. Übersetzungen aus dem Slowenischen von Ann Catrin Apstein‐Müller, Daniela Kocmut, Marjeta Wakounig, Boštjan Dvořák, Tamara Kerschbaumer, Felix Kohl, Urška P. Černe und Hendrik Jackson.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Winzige Anomalien

Anthologie slowenischer Kurzprosa

Winzige Anomalien

Anthologie slowenischer Kurzprosa

LUD Literatura — Klingenberg

Winzige Anomalien: Anthologie slowenischer Kurzprosa

Drobne anomalije: Antologija slovenske kratke proze

© Übersetzungen / za prevode: Übersetzer:innen / prevajalci_ke

© diese Ausgabe / za to izdajo: LUD Literatura

Autor:innen und Originaltitel / Avtorji_ce in naslovi izvirnikov:

Andrej Blatnik (Besede so pomembne; In ker nisem mogla spati; Recimo: da; Razpoke; Dan, ko sem te ljubila) — Jasmin B. Frelih (Rotko) — Marko Golja (Žrtvice in žrtev) — Andrej Hočevar (Novo leto) — Nataša Kramberger (Tri zgodbe o mestih) — Mirana Likar (Elí, Elí, lemá sabahtháni?) — Jedrt Maležič (Tudi oni imajo obraze) — Franci Novak (Obvoz) — Tomo Podstenšek (Glas te najprej izda; Poklicna etika; Vse, kar moraš vedeti) — Arjan Pregl (O ženski, ki ni hotela z balkona; Dan potem; Konec; Dolga zgodba; Veliki lovec; Rojstni dan) — Veronika Simoniti (Papirnata hiša) — Ana Svetel (Kam?) — Andrej Tomažin (Noli me tangere) — Urban Vovk (Svingerji)

Übersetzungen ins Deutsche / Prevodi v nemščino: Ann Catrin Apstein-Müller, Daniela Kocmut, Marjeta Wakounig, Boštjan Dvořák, Tamara Kerschbaumer, Urška P. Černe & Hendrik Jackson, Felix Kohl, Barbara Anderlič

Vertrieb / Distribucija: Vertrieb im deutschsprachigen Raum in Kooperation mit Verlag Klingenberg, Färbergasse 6, 8010 Graz. Bestellungen unter www.klingenbergverlag.at

Erstausgabe, Erstdruck / Prva izdaja, prvi natis — Herausgeber / Izdajatelj: LUD Literatura, Tomšičeva 1, 1000 Ljubljana — Für den Herausgeber / Zanj: Tina Kozin — Co-Herausgeber / Soizdajatelj: Verlag Klingenberg, Färbergasse 6, 8010 Graz — Für den Co-Herausgeber / Zanj: Paul Klingenberg — Chefredakteurin / Izvršna urednica: Ajda Bračič — Grafische Gestaltung und Satz / Oblikovanje in prelom:pikavejica.com — Lektorat / Lektura: Silvia Stecher & Eva Kainrad — Druck / Tisk: Cicero Begunje — Auflage / Naklada: 500 — Ort und Jahr der Erstausgabe / Kraj in leto izida: Ljubljana 2022.

Veröffentlicht im Rahmen des Buchprogramms, das von der Slowenischen Buchagentur JAK kofinanziert wird. / Knjižno delo je izšlo v okviru knjižnega programa, ki ga sofinancira Javna agencija za knjigo Republike Slovenije.

Inhaltsverzeichnis

Andrej Blatnik

Übersetzt von Klaus Detlef Olof

Die Macht des Wortes

Weil ich nicht schlafen konnte

Nehmen wir an, dass

Risse

Der Tag, an dem ich dich geliebt habe

Jasmin B. Frelih

Übersetzt von Ann Catrin Apstein-Müller

Rothko

Marko Golja

Übersetzt von Ann Catrin Apstein-Müller

Opferchen und Opfer

Andrej Hočevar

Übersetzt von Barbara Anderlič

Neujahr

Nataša Kramberger

Übersetzt von Ann Catrin Apstein-Müller

Drei Geschichten über Städte

Mirana Likar

Übersetzt von Ann Catrin Apstein-Müller

Elí, Elí, lemá sabachtháni?

Jedrt Maležič

Übersetzt von Boštjan Dvořák

Auch sie haben Gesichter

Franci Novak

Übersetzt von Ann Catrin Apstein-Müller

Die Umleitung

Tomo Podstenšek

Übersetzt von Marjeta Wakounig

Die Stimme verrät dich zuerst

Berufsethos

Alles, was man wissen muss

Arjan Pregl

Übersetzt von Daniela Kocmut

Von der Frau, die nicht vom Balkon wollte

Der Tag danach

Es ist vorbei

Eine lange Geschichte

Der große Jäger

Geburtstag

Veronika Simoniti

Übersetzt von Tamara Kerschbaumer

Das Haus aus Papier

Ana Svetel

Übersetzt von Felix Kohl

Wohin?

Andrej Tomažin

Übersetzt von Ann Catrin Apstein-Müller

Noli me tangere

Urban Vovk

Übersetzt von Urška P. Černe & Hendrik Jackson

Die Swinger

Ajda Bračič

Übersetzt von Daniela Kocmut

Nachwort

Biographien

Andrej Blatnik

Übersetzt von Klaus Detlef Olof

Die Macht des Wortes

Es heißt: Nicht der Tiger ist schuld, wenn er die Antilope frisst. Das Fressen von Antilopen liegt in seiner Natur. Es ist schön, ein Tiger zu sein, unendliche Steppen, viele Antilopen, die auf deinen Hunger warten. Der Abend senkt sich, du wirst einschlafen, schlaf ein und träume, dass du ein Tiger bist. Und jetzt erprobe deine Macht auf andere Weise: Erkläre einem anderen Tiger, dass die Antilope ein lebendiges, fühlendes Wesen ist. Stell dir vor, du sagst zu ihm: Du bist kein Tiger mehr, du bist jetzt eine Antilope, die vor dem Tiger flüchtet, dich verlässt die Kraft, aber du läufst, läufst, der Tiger kommt immer näher, du denkst, du müsstest in die andere Richtung laufen, aber jetzt ist es zu spät, aus der Richtung kommt der Tiger. Und als du einbrichst und dich der Tiger endlich erreicht, anders ist es nicht möglich, sagst du, die Antilope, zu ihm: »Du willst mich doch wohl nicht fressen? Fleisch ist Mord. Dein Schnitzel hat Gefühle.« Und der Tiger hält inne. Denkt nach. Die Macht des Wortes.

Weil ich nicht schlafen konnte,

bin ich gegangen. Ich weiß, dass ich dir eine Nachricht hätte dalassen müssen. Ich weiß, es gehört sich nicht, dass ein Mädchen einfach so geht, nachdem du es zum Abendessen ausgeführt hast, nachdem ihr schon drei Monate lang zu gemeinsamen Abendessen gegangen seid, genau genommen fast jeden Abend, und dazu noch, nachdem sie zum ersten Mal nach diesen fast hundert Abendessen gesagt hat, dass sie heute auf einen Gute-Nacht-Trunk mitkommt. Ich weiß, es ist schwer, wenn du morgens aufwachst und das Bett leer ist und du am Abend davor schon überzeugt warst, dass es am Morgen nicht leer sein würde, und wenn auch die Wohnung leer ist, du aber gedacht hast, dass sie es nicht sein würde. Aber ich musste gehen, ich konnte nicht schlafen, du verstehst doch.

Was soll ich dir sagen? Dass es ein schöner Abend war? Das weißt du doch. Das habe ich dir doch immer gesagt. Das war es doch immer. Dass ich nicht bleiben konnte? Das weißt du doch. Du siehst doch, dass ich nicht mehr da bin. Alle diese Abendessen – du weißt, dass ich nie sehr hungrig war. Aber schön war es danach, wenn sie schon abgeräumt hatten und wir einfach dagesessen sind und geplaudert haben. Mir hat gefallen, wie du immer genickt hast, wenn ich gesagt habe, jetzt werde ich aber einmal zahlen. Weißt du, das könntest du doch eigentlich immer, nicht nur einmal, aber gefallen hat mir deine langsame Kopfbewegung. Dein Haar ist in Wellen gefallen.

Ja, ich weiß ja, dass wir schon viel zu viel gegessen hatten und dass es schon Zeit für andere Dinge war. Deshalb habe ich gesagt, dass wir zu dir gehen können. Aber schon, als wir durch die Tür kamen, habe ich gewusst, dass ich das nicht hätte tun dürfen. Alle diese Dinge in deiner Wohnung! Da war kein Platz für mich. Wenn wir zu Abend aßen, war es weniger – weniger persönlich. Aber hier – ich weiß nicht, vielleicht hätten wir in ein Hotelzimmer gehen müssen, vielleicht wäre es dann gegangen. Wie im Restaurant, du kommst und gehst. Das aber war deine Wohnung. All die Dinge an den Wänden, die ihr, du und deine Frau, von euren Reisen mitgebracht habt. Und sogar das Kinderzimmer hast du mir gezeigt. Ja, das war ein Fehler, das weißt du wahrscheinlich. Ich weiß, dass sie schon erwachsen sind und auf eigenen Beinen stehen. Aber ein Zimmer haben sie immer noch bei dir. Sie können zurückkehren, jederzeit. Und was würde ich dann tun?

Schlimm war es für mich, als du geweint hast. Ich hätte dich gern getröstet, aber ich konnte nicht. Ja, ich weiß, dass du mich gern hast. Ich habe dich doch auch gern. Und es tut mir wirklich leid, weil du ein netter Kerl bist. Ein anderer hätte mir nicht das Bett im Wohnzimmer gemacht. Aber ich konnte wirklich nicht. Schlafen. Zu viele Dinge. Bücher, die sicher nicht deine sind. Musik, die nicht du hörst. Zu viel für mich, entschuldige.

Weißt du was? Ich bin sehr satt. Ich glaube, dass ich nicht mehr werde essen können, wenigstens eine Zeit lang nicht. Und was sollten wir anderes tun? Du bist mir doch nicht böse? Du verstehst doch?

Nehmen wir an, dass

Nehmen wir an, dass du ein unbekanntes Mädchen küsst. Ja, auch so etwas kommt vor. Nehmen wir an, dass du in ein Lokal kommst, nehmen wir an, dass du mehr als gewöhnlich getrunken hast, nehmen wir an, dass du diesmal nicht mit den Kollegen unterwegs bist, du hast dich erinnert, wie deine Frau, als du den Koffer nahmst, abschätzig zu dir sagte: »Müssen diese Kongresse eigentlich immer in einer Stripteasebar enden? Könnt ihr nicht mal, was weiß ich, im Bahnhofsviertel Nadeln einsammeln gehen?« Und so hast du an sie gedacht und zu den Kollegen gesagt, du würdest heute nicht mitgehen, und bist in diesem Lokal gelandet. Und als sich das Mädchen dazusetzt, weil anderswo nichts frei ist, findest du nichts dabei. Und als du die Runde zahlst und sie sich bedankt und dich berührt, findest du nichts dabei. Und als du dich zu ihr beugst und ihr ins Ohr sprichst, weil der Lärm immer größer wird, und ihre Haut immer näher kommt, findest du nichts dabei. Du denkst: Wenn du in den Abgrund blickst, ist da eine Macht, die dich hineinzieht, du kannst nicht anders, es ist nichts dabei. Aber als du ihr wie zufällig mit der Hand über das Knie fährst und dann immer höher, scheint es dir, dass da doch etwas sei, dass doch etwas dabei sei. Dass die Dinge möglicherweise nicht so sind, wie es den Anschein hat.

Natürlich hast du kluge Ratgeber gelesen. Wie das Geschlecht der Person bestimmen, mit der Sie ein Rendezvous haben? Bei Männern ist der Ringfinger länger als der Zeigefinger, Behaarung der Fingerglieder, Adamsapfel, Schultern breiter als Hüften. Solche Sachen. Allerdings ist es in dem Lokal dunkel. Zu dunkel. Und du weißt nicht, ob die Sache nicht total falsch läuft.

Sie können passieren, Dinge, die total falsch laufen. Deine Frau, überlegst du, mag nicht, dass du in Stripteasebars gehst. Aber dort sind die Dinge klar. Sie sind so, wie sie sich den Anschein geben. Alles übersichtlich. An der Bar nennen sie die Tarife. Was aber jetzt? Was soll man jetzt machen? Du tastest nach dem Handy. Nein, die Kollegen werden dir keine Ratschläge geben, sie werden dich auslachen, sie werden sagen: »Mach schon, zieh es durch. Wenn du keinen Unterschied bemerkst, ist es sowieso egal.« Aber es ist nicht egal. Es gibt einen Unterschied. Wen sollst du anrufen? Was würde deine Frau sagen, würdest du sie anrufen und sagen: »Ich bin in keiner Stripteasebar, ich sammle auch keine Nadeln ein, ich knutsche mit einer, aber ich bin mir nicht sicher –«

Nein, so geht es nicht. Deshalb überkommt dich, als dir die warmen Lippen über den Nacken wandern, das Grauen: Bald kommt die letzte Runde, vielleicht machen sie überhaupt kein Licht mehr, vielleicht bleibt ihr allein, um zusammen wegzugehen, wahrscheinlich wird es dann zu der Frage kommen: »Kommst du mit?« Und was wirst du dann sagen? Es gibt wie immer zwei Möglichkeiten. Aber welche ist die richtige? Du wünschst dir, du wärest bei deinen Freunden in der Stripteasebar, wo du wüsstest, was du sagen würdest, du würdest sagen »Die Rechnung!« und gehen, alles wäre in Ordnung. Als sie dich gefragt haben, ob du mitgehst, hättest du sagen müssen: Ja. Jetzt kommt vielleicht bald dieselbe Frage. Was wirst du jetzt sagen?

Risse

Viele Geschichten sind passiert. Diese ist eine von ihnen. Du hast eine Frau, du hast Kinder, du hast einen Job, du hast ein Auto, du hast ein Haus in der Vorstadt. Es sieht aus, als würdest du glücklich sterben, als würden deine Kinder an deinem Grab weinen und als würde es deinen Nachbarn leidtun, dass es dich nicht mehr gibt. Dann, eines Abends, als die letzten Fasern Tageslicht verfliegen und du nach Hause fährst, nicht schneller als gewöhnlich, knallt etwas, triffst du etwas. Du hast nichts gesehen, nur dieser dumpfe Schlag gegen das Auto. Du hältst an, steigst aus, siehst nach, was passiert ist. Unter deinem Auto liegt ein Kind, sieben, acht Jahre alt, eines, wie es zu Hause auf dich wartet, es könnte deines sein. Es bewegt sich nicht. Unter seinem Kopf breitet sich eine Blutlache aus.

Du schreist auf, beugst dich nieder, fühlst nach seinem Puls, du fühlst nichts. Du siehst dich um, nirgends jemand zu sehen, die Straße ist leer. Jeden Tag fährst du sie entlang, aber du kennst niemanden, eine Wohnsiedlung, grau und gedrückt. Niemand schaut heraus, alle Lichter sind erloschen.

Was jetzt? Was macht man, wenn einem so etwas passiert? Du weißt – würde das Kind stöhnen, wäre es einfach. Du würdest es ins Auto packen und ins Krankenhaus fahren. Oder die Rettung rufen. Aber jetzt siehst du, dass es nichts zu retten gibt. Als du dich ein wenig beruhigt hast, siehst du, dass die Straßenlaternen nicht brennen. Du siehst, dass es kein einziges Auto auf der Straße gibt. Du spähst um dich, ob jemand kommt, ob sich jemand hinter den Müllcontainern versteckt und heimlich zusieht. Nirgends ein Mensch.

Gern würdest du jemanden anrufen, aber wen? Überhaupt ist dein Telefon plötzlich völlig leer, und dir wird klar, dass dir niemand antworten würde, auch wenn es noch funktionierte. Noch einmal siehst du zu dem Kind. Dir scheint, dass es dort schon Stunden liegt, dass sein Gesicht bleich geworden ist, dass das Blut unter seinem Kopf schon getrocknet ist. Wieder siehst du dich um, und dir scheint, dass die Häuser am Straßenrand schartig werden, dass der Asphalt aufplatzt, dass der nächtliche Himmel große Risse zeigt, durch die jeden Moment die Leere kriechen wird. In der Hand hältst du noch immer den Autoschlüssel, du siehst ihn an, du siehst dein Auto an und weißt, dass es sich nie mehr bewegen wird. Du lässt den Schlüssel los, langsam fällt er ins Dunkel unter dir, und du wunderst dich überhaupt nicht, dass du den Aufprall des Metalls auf dem Asphalt nicht hörst. Nirgends ein einziger Laut. Die Hunde bellen nicht, die Fernseher brummen nicht, die Telefone läuten nicht. Noch einmal beugst du dich zu dem Kind. Es wird immer kleiner und vertrockneter, du besiehst deine Hände und wartest, dass sich auf ihnen Risse zeigen. Du denkst: Ich hatte eine Frau, ich hatte Kinder, es sah so aus, als würde ich glücklich sterben. Jetzt wird es anders kommen. Viele Geschichten enden nicht glücklich. Diese ist eine von ihnen.

Der Tag, an dem ich dich geliebt habe

Ich liege mit geschlossenen Augen und warte auf meinen Mann, damit er seine Hälfte des Bettes leer macht. Er wird zum Dienst gehen, versteht sich. Sein Sandwich wird er sich an der Ecke kaufen. Kaffee wird er während der ersten Sitzung trinken. Dann wird er zu Haus anrufen. Er vergewissert sich, ob ich noch da bin, ob ich noch nicht weggelaufen bin. Das werde ich nicht. Ich werde wieder diese Schachtel mit den alten Fotos öffnen, früher hatten wir noch keine Festplatten. Ich werde die Bilder von einem Haufen auf den anderen legen und bei jedem einzelnen denken: Das war der Tag, an dem ich dich geliebt habe.

Jasmin B. Frelih

Übersetzt von Ann Catrin Apstein-Müller

Rothko

Nachtflug Paris–New York. Es ist … keine Ahnung, ich weiß nicht, wie viel Uhr es ist. Wir sind hoch oben in der Luft, wir sind um neun Uhr abends abgeflogen und werden auch um neun Uhr abends landen, wenn ich das richtig verstanden habe. Also ist keine Uhrzeit, oder es ist eben die Zeit, die gerade in Grönland ist, das wir angeblich im Moment überfliegen. »Angeblich« sage ich deshalb, weil draußen die Erde von Landschaften flämischer Meister verborgen ist – Sie verstehen schon, Wolken –, die im Licht der Sonne, reflektiert vom weißen Mond, wie verknittertes Aluminium wirken. Ich würde ja Silber sagen – und ich wäre vermutlich nicht der Erste –, aber die bläuliche Dämmerung und die zufällige Zerrissenheit der feuchten Tropfen erinnern mich nicht an Silber, sondern mehr an eine Art Hightech-Friedhof, gefangen im Eis.

Darüber gleiten wir hinweg. Das Brummen der Motoren ist dicht und gedämpft, die Luft schmeckt nach konserviertem Sauerstoff. Die Lichter sind ausgeschaltet und die meisten Passagiere schlafen. Auch sie schläft, oder sie tut nur so, damit sie sich nicht mit mir unterhalten muss. Wir haben uns schon alles gesagt, drei Mal, vier Mal, sagt sie, und weil ihrem Unglück durch ein Gespräch nicht abzuhelfen ist, hat sie mir mehrmals vorgeworfen, ich würde nur sprechen, um mich meines Anteils an der ganzen Sache zu entledigen. Das stimmt natürlich nicht, aber ich finde keine Möglichkeit, den Vorwurf so zu widerlegen, dass es für sie akzeptabel wäre, deshalb zucke ich nur mit den Schultern und kaue auf dem Inneren meiner Wangen herum. Die Wahrheit ist etwas für die Gesunden und die Glücklichen, uns beiden bleibt nur das Schweigen und die Überzeugung, mit den besten Absichten geschwiegen zu haben.

Ich sitze in einem Flugzeug aus Pixeln, das Grönland überquert. Ich sitze irgendwo im hinteren Teil und nehme auf diesem Bildschirm nicht einmal ein Tausendstel Pixel Raum ein. Eine leichte Klaustrophobie packt mich. Um sie zu lindern, versuche ich die Blicke der Stewardessen einzufangen. Sie sind nicht übermäßig attraktiv, aber professionell: jede von ihnen hält meinen Blick gerade so lange fest, dass wir beide wissen, dass wir einen Blick getauscht haben, jedoch nicht so lange, dass es jemandem – bei der offensichtlichen Sinnlosigkeit eines Blickwechsels, der nirgendwohin führen kann – peinlich werden könnte. Vermutlich würde es, wenn wir den Blickkontakt zu lange aufrechterhielten, zuerst mir peinlich, aber nur für einen Moment, dann würden mich Männerfantasien überschwemmen und ich würde in hastig ausgedachte Geschichten abtauchen, die auf möglichst glaubhafte Weise zu meiner Hand an ihrem Hals und feuchten Stößen Haut an Haut führen, zu Flecken und Parfum, aber damit wäre schnell Schluss, da ich mir selbst in meinen eigenen Fantasien keine wirkliche Freiheit lasse und sie deshalb immer alle automatisch in ungewöhnliche Szenarien mit einem unangenehmen Ende oder Impotenz oder Störungen ausweichen – vermutlich ein Abwehrmechanismus, mit dem ich vor mir selbst die Tatsache rechtfertige, dass ich meine Fantasien nie in die Tat umsetze. Deshalb würde meine Fantasie zweifellos in dem klaren Bewusstsein enden, dass es in diesem Moment unmöglich wäre, einem Menschen Genuss zu verschaffen, von dessen Existenz ich ein paar Stunden zuvor noch gar nichts gewusst habe, und ich hätte bezüglich der Tatsache, dass ich es nicht einmal versucht habe, ein reineres Gewissen. Höchstwahrscheinlich wäre ich eine Weile danach frei von den Fantasien, die dieser zu lange Blickkontakt hervorrufen würde, bis zu einem unbedeutenden Abend – vielleicht hätte ich ein wenig zu viel oder zu wenig getrunken –, an dem die Erinnerung an den Moment unseres Blickkontakts wieder in mir hochkäme, und dann wüsste ich, dass ich ein Mensch bin, der vom wirklichen Leben immer entschieden zu wenig fordert.

Aber das ist eigentlich nicht meine Geschichte, deshalb werde ich mich bemühen, so wenig wie möglich über mich selbst zu erzählen. Bei all dem geht es nämlich letztendlich nur um sie.

Ich sehe sie von der Seite an. Sie ist noch immer unglaublich schön. Das hört sich vermutlich dämlich an – noch immer –, sie ist schließlich Ende zwanzig und es gibt keinen Grund, warum sie nicht schön sein sollte, wo sie doch das unerhörte Glück hatte, schon mit fünfzehn die Aufmerksamkeit von Männern aller Altersklassen auf sich zu ziehen, als sie allen noch zu jung schien, um Geschmack und einen gesunden Menschenverstand und eine Wahlmöglichkeit zu haben, als ihre Schönheit noch nicht von allgemeiner Niedlichkeit – obwohl damals ihre Niedlichkeit nicht die Niedlichkeit eines kleinen Mädchens oder Lieblings war, sondern mehr die Niedlichkeit einer Disney-Prinzessin, also keine zufällige, sympathische Niedlichkeit, sondern eine strenge, geplante, mit einer Tonne Marktforschung untermauerte, beinahe militante Niedlichkeit – zu ihrer jetzigen glühenden Schönheit der reinen, vollkommenen Züge übergegangen war, vor der die Männer meistens fliehen, da sie ihr Leben nicht in dem Bewusstsein verbringen möchten, dass sie für einen Augenblick etwas unvorstellbar Schöneres in den Armen gehalten haben als jenes Wesen, mit dem sie einst zweifellos, umständehalber, zusammenbleiben müssen. Damals aber – als sie noch nur niedlich war – versuchten es fast alle bei ihr, Mitschüler, Lehrer, der Schuldirektor, Briefträger, Nachbarn, die örtlichen Säufer und der Bürgermeister, bis hin zu mindestens drei Cousins und sogar einem Onkel, was natürlich für einen Teenager, dessen Inneres nicht so außergewöhnlich und einzigartig und niedlich war wie sein Äußeres – es war mehr oder weniger das eines ganz gewöhnlichen Teenagers –, peinlich und kompliziert und zutiefst besorgniserregend war, und all das umso mehr, weil alle diese betörten Männer in dem Moment, in dem es ihr endlich gelang, sich mit ihrem Aussehen abzufinden und ihre Persönlichkeit einen Hauch selbstbewusster in den Vordergrund zu stellen, vor ihr flohen. Sie wurde zu schön.

Als wir uns kennenlernten, wäre vermutlich auch ich geflohen, doch mein Blick war damals in der Galerie auf eine Leinwand gerichtet, und als ich neben mir die Anwesenheit einer starken Energie spürte, verfiel ich, inspiriert von der Hauptattraktion aller Ausstellungseröffnungen (billigem Rotwein), in eine Art verdorbenen Bewusstseinsstrom und überraschte mich in den nächsten fünf Minuten mit jedem neuen Satz selbst. Ich erinnere mich nicht mehr daran, was ich gesagt habe – und dafür bin ich ziemlich dankbar –, aber als ich mich schließlich zu ihr wandte und mir das Herz buchstäblich in die Hose rutschte und meine Knie weich wurden und mir die Luft wegblieb und welche Floskeln sonst noch die allgemeine Aktivität des sympathischen Nervensystems beschreiben, die Reaktion Flucht oder Kampf, wurde mein Blick von ihren Augen gebannt, in denen keine Spur von den Dingen lag, die man von den Augen einer so schönen Frau erwarten würde – gelangweilte Verachtung der vorhersehbaren Geilheit der männlichen Rasse, vorweggenommener Genuss in Erwartung der sofortigen Abwehr des ersten sabbernden Angriffs und nichtige, leicht unsichere Forderungen, ihre Schönheit zu ehren und in dem Moment, in dem ich das akzeptiere, ihre Unzugänglichkeit noch mehr zu ehren –, sondern ihre waren von einer verzweifelten Zerbrechlichkeit erfüllt, die von wer weiß welchen Niederlagen bereits so sehr angegriffen war, dass sie offen zusammenzubrechen drohte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte – die Vision von scharfem Porzellanstaub, der aus ihren Augen über mich hereinbrechen würde, wenn ich mich ungeschickt anstellte, ließ mich wie angenagelt auf der Stelle stehen –, daher schob ich mein Gesicht sanft, aber entschieden nach vorne (oder war das vielleicht nur ein momentaner Verlust des Gleichgewichts aufgrund von Trunkenheit, ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen), setzte es ihr quasi aus, gab ihr zu verstehen, dass ich ihre Not spürte und dass ich keine Angst vor dem hatte, was folgen würde. Ich entschied mich für Kampf.

Den Nachtflug habe ich vorsätzlich und mit einer ganz bestimmten Absicht ausgesucht, obwohl es sehr viel praktischer ist, um die Mittagszeit herum zu landen, in Ruhe zum Hotel zu gelangen und noch ein spätes Mittagessen zu erwischen, als Taxifahrern in Nachtschichten zu vertrauen (die wegen der gefährlichen Natur ihres Berufs ausnahmslos grober, nervöser und misstrauischer sind als die, die tagsüber fahren) und zu riskieren, dass der Rezeptionist im Schlaf die Klingel nicht hört, die erst drei Mal in vernünftigen zeitlichen Abständen klingelt und dann, wenn sich draußen um das Paar herum bereits der Geruch von Müdigkeit und Angst vor den stets wachsamen nächtlichen Bestien zu sammeln beginnt, immer schneller klingelt, immer panischer und schließlich ununterbrochen, bis sie schließlich wie abgehackt schweigt. Auch deshalb freue ich mich aufrichtig, als ich aus dem Fenster schaue und sehe, dass ich es nicht umsonst riskiert habe.

Sie schläft am Fenster. Ich fasse sie an der Schulter und schüttele sie sanft. Sie schläft fest oder sie stellt sich fest schlafend. Mich überrascht nichts mehr. Ich beuge mich zu ihr, zu ihrem Hals, und fange ihren warmen Duft ein, eine Zeitkapsel von allem, was uns gehört. Ist die Nostalgie, in die ich mich immer hülle, wenn ich diesen Duft einfange, die Erinnerung der Liebe an die Verliebtheit oder die Erinnerung an die Liebe selbst? Ich küsse die Haut unter ihrem Kinn – sie zuckt, bewegt den Kopf nach hinten und blickt mich stirnrunzelnd mit geröteten Augen an (sie hat wirklich geschlafen) – und ich sage zu ihr:

»Schau.«

Draußen über den Wolken, über dem Horizont, in den hellgrünen Wellen tanzt die Erdatmosphäre.