Wir, die wir jung sind - Preti Taneja - E-Book

Wir, die wir jung sind E-Book

Preti Taneja

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Beschreibung

Eine dramatische Familiengeschichte, die zugleich die Geschichte eines Firmenimperiums und eines Landes, die brutale, letztlich scheiternde Machtübergabe von den Alten zu den Jungen darstellt, von den Männern zu den Frauen - das erzählt Preti Taneja in ihrem preisgekrönten, spannenden und gewaltigen Debütroman.
Der alte Devraj, ehemaliger Maharadscha und Chef eines mächtigen indischen Mischkonzerns, der nur ehrfürchtig "The Company" genannt wird, ist alt geworden und will sein Erbe verteilen. Er hat drei Töchter, Ranjit Singh, sein Berater, Teilhaber und Wegbegleiter, hat zwei Söhne, die ebenfalls mit bedacht werden sollen.Wer wird sich durchsetzen in diesem umfassenden Machtkampf, der auch ein Geschlechterkampf ist?
Mit hoher Präzision und Intensität, nah an den Figuren entlang, erzählt Preti Taneja in diesem unerschrockenen, ergreifenden, aber auch sarkastischen Familienepos, dicht angelehnt an Shakespeares "King Lear", eine brisante und düstere, universelle Geschichte von Macht, Verrat, Untergang und Überleben.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Preti Taneja

Wir, die wir jung sind

Roman

Aus dem Englischen von Claudia Wenner

C.H.Beck

Über das Buch

Eine dramatische Familiengeschichte, die zugleich die Geschichte einer Firma und eines Landes darstellt, den scheiternden und brutalen Übergang von den Alten zu den Jungen, den Männern zu den Frauen – das erzählt Preti Taneja in ihrem preisgekrönten, spannenden und gewaltigen Debütroman.

Der alte Devraj, ehemaliger Maharadscha und Chef eines mächtigen indischen Mischkonzerns, der nur ehrfürchtig «The Company» genannt wird, ist alt geworden und will sein Erbe verteilen. Er hat drei Töchter – Gargi, Radha und Sita –, Ranjit Singh, sein Berater, Teilhaber und Wegbegleiter, hat zwei Söhne – Jivan und Jeet –, die ebenfalls mit bedacht werden sollen. Jivan allerdings ist unehelich, mit der Mutter nach Amerika abgeschoben worden und kehrt nun nach deren Tod nach Indien zurück. Das Land ist, wie so oft, in Aufruhr, neben den ethnischen, religiösen, politischen Konflikten, dem Kampf zwischen Tradition und rasanter Gegenwart, kommt es immer wieder zu Aufständen gegen die grassierende Korruption, in die auch «The Company» tief verstrickt ist.

Der alte Devraj, dessen uralte Mutter Nanu immer noch eisern die Familie regiert, verliert allmählich den Verstand, Gargi und Radha stürzen sich in ihre neuen Aufgaben im Unternehmen und wollen vieles verändern, was ihrem Vater, genannt «Bapuji», plötzlich gar nicht mehr recht ist. Auf einmal verwandelt sich der einst gierige und brutale Boss in eine Art neuen Gandhi, der sich gegen seine eigene frühere Unternehmenskultur wendet und vor allem gegen die eigenen Töchter, von denen die jüngste allerdings verschwunden ist.

Der zurückgekehrte, gut aussehende, aber deklassierte Jivan wittert seine Chance, während sein Bruder Jeet einiges zu verbergen hat. Wer wird sich durchsetzen in diesem umfassenden Machtkampf, der auch ein Geschlechterkampf ist?

Mit hoher Präzision und Intensität, nah an den Figuren entlang, hier und da durchsetzt mit Hindi und Sanskrit, die wie Musik fungieren, erzählt Preti Taneja in diesem unerschrockenen, ergreifenden, aber auch sarkastischen Familienepos, dicht angelehnt an Shakespeares «König Lear», eine brisante und düstere, farbige und universelle Geschichte von Macht, Verrat, Ränkespielen, Rivalität, Untergang und Überleben.

Über die Autoren

Preti Taneja, aus einer indischen Familie stammend und in Großbritannien geboren und aufgewachsen, hat als Menschenrechtsaktivistin und Journalistin aus Krisengebieten berichtet, schreibt über Literatur und Kunst für verschiedene Medien, unterrichtet an der Warwick University, ist Mitbegründerin von ERA Films und Herausgeberin von VISUAL VERSE. Für ihre Novelle «Kumkum Malhotra» erhielt sie den Gatehouse Press New Fictions Prize 2014, für «We that are young» den wichtigen britischen Desmond Elliot Prize für das beste Romandebüt.

Claudia Wenner lebt als Schriftstellerin, Publizistin und Übersetzerin in Frankfurt und Pondicherry. Sie übersetzte u.a. Werke von Virginia Woolf und gab eine Anthologie indischer Literatur heraus, «Die Geister Indiens» (2006). Für C.H.Beck übersetzte sie den Roman «Das verbotene Glück der anderen» von Manu Joseph (2012), «Aron und der König der Kinder» von Jim Shepard (2016) und «Golden Boy» von Aravind Adiga (2016).

Inhalt

I: Jivan

Eins

§

Zwei

§

Drei

§

II: Gargi

Eins

§

Zwei

§

III: R A D H A

Eins

§

Zwei

§

IV: J E E T

Eins

§

Zwei

§

Drei

§

Vier

§

V: SITA

Eins

§

§

§

VI: Wir, die wir jung sind

Eins

Zwei

Drei

Danksagung

Zum Roman und zur Übersetzung

Glossar

Fußnoten

Für Meera Taneja    das Licht

Wovon handelt diese unsägliche Geschichte?

Die Menschenfresserin und der Hund blicken durch Schlafzimmeraugen;

Die Großkatze durchstreift den Dschungel;

In meiner fünfköpfigen Familie ist der Teufel los.

Unter der Führung trommelschlagender Kaninchen rüstet sich

Eine Antilopenherde zum Angriff;

Der Jäger ist in der Nähe, auch wenn er nur zusieht.

Das Meer steht in Flammen, die Wälder werden zu Asche,

Doch die Fische sind draußen und suchen Beute.

Der wahre Pandit wird die Geschichte kapieren, sagt Kabir.

Er ist mein Guru. Er wird sich retten und mich dazu.

Kabir, 138 nach der Übersetzung von Arvind Krishna Mehrotra

I

Jivan

Eins

Es geht nicht um Land, es geht um Geld. Während die Welt ringsumher in Pendelschwüngen wegsackt, flüstert er sein Mantra. Das glitzernde Band der Themse, die offiziellen Stempel der königlichen Parks, eine kahle, weiße Kuppel mit gelber Kronenähre, verschluckt das tiefe Dämmerlicht des Sommers. Das Flugzeug hebt sich über die wattige Wolkendecke, unter der England behaglich eingepackt von besseren Zeiten träumen kann. Auf seiner Uhr ist es immer noch gestern. Er stellt die Uhr vor: Jetzt ist es morgen, nur noch acht Stunden Flug.

Er hat den Fensterplatz mit dem kaputten Touchscreen bekommen: Bordansagen oder Slumdog Millionaire, der letzte Film, den er mit Ma im Kino gesehen hat – an dem Wochenende, als Filmpremiere war. Die Leute, die Schlange standen, waren allesamt braun, daher duckte sich Ma ausnahmsweise nicht in seinem Schatten, so als könnten seine Jeans und sein Kamelhaarmantel sie beschützen und erklären. Stattdessen stritten sie wieder einmal über Iris, und als er Karamellpopcorn besorgen ging, fing sie an zu schniefen: Sie sagte, eine Erkältung sei im Anmarsch. Als der Abspann über die gesamte Besetzung lief, die in dichten Reihen auf einem indischen Bahnhof tanzte, schniefte sie immer noch. Als sie aus dem Kino kamen, dachte er, sie hätte geweint – er legte den Arm um sie: Ihr Kopf war für ihn die perfekte Kinnstütze. Auf seine Frage, ob ihr der Film gefallen habe, sagte sie, nein, kein bisschen. Abgesehen von den Songs sei das nicht das echte Indien gewesen.

Der Flug vom JFK bis zur Zwischenlandung in LHR hatte sich in die Länge gezogen. Er ist wohlig beschwipst vom Johnnie Walker, den er schätzt, auch wenn er weiß, dass es bessere Marken gibt. Er hat das Gefühl, dieser Whisky sei genau auf ihn zugeschnitten, so als hätte ein Kind in einem Geschenkartikelshop einen Becher mit seinem eigenen Namen gefunden. In Amerika hatte kein solcher Shop einen JIVAN-Becher, deshalb borgte er sich JON und war dabei geblieben, seit er dieselbe Reise in umgekehrter Richtung angetreten hatte. Als Dreizehnjähriger. Begeistert, aus Indien fortzugehen, weil man ihm den ersten Flug seines Lebens versprochen hatte.

Vorwärts, vorwärts, befiehlt er dem Flugzeug und trommelt dabei auf seinen Klapptisch, was ihm einen kurzen Seitenblick von seiner Nachbarin beschert, die neben ihm eingekeilt sitzt. Sie fotografiert die Rückseite des Bordmagazins mit ihrem iPhone (4): Ambika Gupta offeriert Ihnen das Wunder höherer Numerologie: eine Ziffer für Ihre Zukunft. Sie stößt den Mann an, der rechts neben ihr sitzt: ein Sardarji mit blauem Turban und farblich passendem Trikotpullover, der über seinem Bauch spannt und auf den in Weiß die Zahl 5 gestickt ist. Der Typ sieht aus, als erwarte er Fünflinge. Sie lächelt ihn an und lehnt sich wieder zurück. Ihre Hände sind über und über mit dünnen roten Linien in verblassendem Hochzeitshenna verziert, so als hätte man sie nach links gedreht: ein einziges Paisleymuster, von qualvoller Schönheit. Sie trägt einen Platinring mit einem viereckigen, weißen Brillanten und hat eine Handtasche von Longchamp wie alle wunderhübschen Mädchen; wasserfestes Marineblau mit Lederbesatz, aber klein, das billigste Modell. Weißt du denn nicht, hübsches Kind, dass keine Tasche besser ist als alles allzu Bemühte? Sie blättert das Magazin durch: Reklame für Marc Jacobs und Charlize Theron, blättert zu den technischen Schnickschnacks, den Filmen, klimper-klingeling machen die roten Glasreifen an ihren Handgelenken.

Es klingt wie das Vorspiel von Mas Übungsmusik. Wenn sie mit Akkuratesse Kathak tanzte und Jivan den Takt schlug. Erst auf seinem Handteller, Dha-din-din-dha. Seine Erinnerungen haben die Farbe ihrer letzten Monate: Ma, deren Braun zu Gelb verblasste, ein blauer Fleck, der vor dem Krankenhausweiß nicht heilen wollte. Dha-din-din-dha klopften ihre Finger sacht an seine Schläfen – und verrauschten gegen Ende mit ihrem Röcheln – dem Hintergrundbrummen der Flugzeugmotoren in seinen Ohren. Sie fliegen, wer weiß wo, hoch über den Bergen.

Er holt sein Bordmagazin heraus. Auf dem Titelbild ist eine Karikatur – ein kleiner, brauner Körper mit einem übergroßen Kopf. Unter einem weißen Haarkranz pusten zwei aufgeblähte Backen die Kerzen einer riesenhaften, euterförmigen Geburtstagstorte aus. Indien, aus dem die Türmchen der Heritage Hotels und Fabrikschornsteine wie Pilze aus dem Boden schießen. Autos rasen entlang, Stoffbündel öffnen sich, Tiger jagen Ziegen über spritzende Bohrinseln. Die orangefarbene Schlagzeile brüllt: Herzlichen Glückwunsch zum 75., Devraj Bapuji! Das Spotlight fällt auf ein gerissenes, altes Gesicht. Dieser Mann auf dem Titelblatt, auf diesem Flug – das hätte Ma als Zeichen erachtet.

– Etwas zu trinken, Sir?

Die Flugbegleiterin ist: Weißbrot mit Pflaumenmus und zum Anbeißen; ihr Lächeln verheißt Getränke, Upgrades, Händehalten, wenn das Flugzeug abstürzt. Jon will ihr das Bordmagazin zeigen und sagen: Hey, in Wirklichkeit heiße ich Jivan! Als Kind hab ich diesen Typen gekannt! Das ist Bapuji, der Pate meines Halbbruders. Er ist wie ein Onkel für mich, wenn auch nicht blutsverwandt, Sie wissen schon. Ich bin mit seinen Töchtern aufgewachsen, mit Gargi und Radha, und ich weiß noch, wie Sita, die Jüngste, auf die Welt kam. Er könnte sogar die verbotenen[1] Worte sagen: Haben Sie von Ranjit Singh gehört, Bapujis stellvertretendem Kommandeur? Der ist eigentlich mein Pa! Er sollte ihr einfach die gesamte Besetzung samt Stammbaum aufmalen.

«Nein danke», sagt er. «Ich möchte nichts.»

Das Flugzeug dreht nach Osten. Auf dem Monitor schiebt sich ein winziges Ebenbild langsam vorwärts und streicht die halbe Welt mit einer dünnen, roten Linie aus. Damit sein Hemd und sein Anzug nicht verknittern, wechselt er wieder die Stellung. Auf seiner Krawatte ist ein Streifen, der auf eine gewisse Universität verweist (Harvard); er trägt englische, maßgeschusterte Schuhe (Lobbs). Mit diesen Errungenschaften kehrt er zurück. Nach fünfzehn Jahren. Nach Delhi, der Stadt seiner Kindheit, auf der Karte eine Raute in einer Raute.

Die Kabinenlichter gehen aus. Die Passagiere lehnen sich zurück, steif wie Schaufensterpuppen, die Augen voreinander maskiert. Er schlägt das Magazin auf.

Geburtstagsgrüße, von Barun J. Bharat.

J. J. J. Vielleicht, überlegt Jivan, gehört Barun zu denen, die solche Zusatzinitialen nötig haben, so wie manche Männer Krawattennadeln brauchen, um sich sicher zu fühlen. Oder vielleicht hat er einen Bruder, der berühmter ist als er.

Das Zeitalter von Devraj, schreibt Barun. Wir salutieren vor ihm, dem Gründer der Devraj Company, einem der beliebtesten indischen Tycoons, der gerade sein fünfundsiebzigstes Lebensjahr vollendet hat.

Devraj. In Safarianzug und Safarihut grinst er von einer Doppelseite. Bis zu den Knien im Wasser der fragilen Sunderbans, ein Tigerbaby in den Armen. Geschäftsmann mit visionärem Weitblick, für Millionen ein Guru, Arbeitgeber für Tausende, Oberhaupt eines Hotelunternehmens mit hundert Häusern, Vater von Gargi, Radha und Sita, drei bezaubernden Töchtern, lautet die Bildunterschrift. Adoptivvater von Tipu Sultan, einem zweijährigen Tigerbaby, aufgezogen von Devraj Bapuji, dem Tierfreund und Umweltheroen, im Privatzoo der Company.

Und außerdem – außerdem – Pate eines Glückspilzbruders namens Jeet. Wie konnte Barun J. Bharat, der Bordmagazinjournalist, das auslassen? Und was ist mit den Textilfabriken, die vom Punjab bis Trivandrum Seide zu Gold spinnen? Oder mit den Ziegel-und-Zement-Bauten in echten Backwaters? Husten und prusten, sagte der große, böse Wolf, aré, natürlich wird das Haus nicht niedergepustet. Nicht zu vergessen die Transportbranche, die auf Fertigteile aus den Fabriken der Company angewiesen ist, die wiederum aus dem Stahl bestehen, der in Unternehmen der Company gewonnen und verhüttet wird. Barun braucht Nachhilfe in richtiger Recherche: jenes tiefschürfende Googlen, das man vielleicht betreibt, wenn man in sehr ferne Galaxien verbannt worden ist und im Exil wartend überleben will.

Es gibt ein paar Neuigkeiten: Die Company stellt jetzt auch Autos her. Sie wird im Namen von Devrajs jüngster, heiß geliebter Tochter Sita und in Anerkennung ihres vielfältigen Engagements, insbesondere dem für Mutter Natur, Indiens ersten Hybriden produzieren, das kleinste Fahrzeug der Welt, das auf den kleinen Mann zielt. Jetzt, wo Indien Anspruch auf seinen rechtmäßigen Platz auf der Weltbühne erhebe, wachse der Aktionsradius der Company zunehmend, schreibt Barun. Geschaffen wurde all dies von Devraj Bapujis schierer Zielstrebigkeit und seinem Weitblick. Einer unserer am meisten bewunderten Wirtschaftsbosse, dessen Spiritualität sein sagenhaftes Geschäftsethos speist sowie seinen Einsatz für die Schulbildung der Mädchen, für den er mit einer besonderen «Auszeichnung für Unternehmen mit karitativen Bestrebungen» geehrt wurde, und zwar von unserem ehrenwerten Minister für Personalentwicklung sowie vom indischen Präsidenten. Da er eng mit Linken und Rechten befreundet ist und sie finanzpolitisch berät, werden seine Grillkünste bei Familienbarbecues sehr geschätzt. Die Furchtlosigkeit dieses Geschäftsmannes hat sich von den einfachen Anfängen über Luxushotels bis hin zu Indiens führenden Markennamen entwickelt, und doch ist er bescheiden geblieben.

Wow, Barun könnte etwas Unterricht in weißem Schreiben gebrauchen. Seine Prosa ist widerlich klebrig wie Diwalisüßigkeiten, die einem im Hals stecken bleiben. Jalebi-Sprache, voller Schleifen und Windungen, triefend vor Straßenöl, in dem es frittiert wurde. Und doch kann Jon in den Wörtern sein ersehntes Delhi erkennen. Ob er Barun sprechen könnte, wenn er es versuchen würde? Er verfügt über die Grundkenntnisse. Bevor man ihn nach Amerika schickte, hatte sein Vater ihn beauftragt, sich die überregionalen Tageszeitungen vorzunehmen und alle Artikel zu suchen und auszuschneiden und laut vorzulesen, in denen Devraj, Ranjit oder die Company erwähnt wurden. Er war ein gehorsamer Neunjähriger: und erwähnte nur die guten Artikel. Damals gab es anscheinend keine anderen. Und es sieht ganz so aus, als hätte sich daran nichts geändert.

Er lächelt. Wie sollte man aufgrund dieses Berichts erraten, dass Devraj früher jeden Tag eigens für ihn safrangelb gefärbte Herrenslips trug? Dass irgendein Guru dem alten Herrn gesagt hatte, er würde, wenn er die trüge, über hundert Jahre alt werden? Ungelogen. Als er noch Jivan hieß und ungefähr zehn war, spielte er einmal mit Radha (es war ihre Idee) an einem Ort, wo sie nicht hätten sein dürfen (Devrajs begehbarem Kleiderschrank), ‹Reich und Schön›. In einer Schublade unter den Kurta Pyjamas, den handgewebten Schultertüchern, den Krawatten, die schlaff von einem Ständer hingen, sah er die orange Unterwäsche mit eigenen Augen. Radha erzählte ihm, was der Guru gesagt hatte: Für die Langlebigkeit von Körper und Namen müsse man jeden Tag Safrangelb tragen, und zwar direkt auf der kostbarsten Haut. Hatte Radha ihm damals zum ersten Mal ihre Unterhosen gezeigt? Sie waren rosa, mit Rüschen. Danach hatte sie geweint, weil er seine nicht zeigen wollte.

Er überfliegt die Seiten, bis ihm plötzlich eine kleine Schlagzeile ins Auge springt. Devraj feiert den Vorstoß der Company nach Kaschmir. Das hatte er nicht gewusst. Laut Barun J. Bharat wird der anspruchsvolle Tourist dank der Company bald Urlaub im Sieben-Sterne-Luxus machen können, am coolsten und kühlsten neuen Reiseziel für einheimische und internationale Reisende, und sich so die weltweit schönste Erinnerung an die Liebe sichern. Wo der neueste Iterationsschritt des CultCompany Mukti Wellnesscenter Ihnen ein ‹Ahh› entlocken wird.

Neues Automodell, neues Hotel. Der einheimische Touristikmarkt wächst in einer für die Übernahme reifen Stadt. Die ganze Welt in einer Rezession, bis auf die Devraj Company in der Main Street, Neu-Indien. Er lehnt sich in den Sitz zurück, das Magazin wie einen Schlagstock in der Hand.

Es geht nicht um Land, es geht um Geld.

*

Der Artikel endet mit einem Liebesbrief an Sita. Eine von Delhis jungen, intelligenten Topschönheiten: elegant, versiert, Bapuji so treu ergeben, dass sie seit ihrer Rückkehr aus dem Vereinigten Königreich bei jedem öffentlichen Auftritt an seiner Seite ist. Mit 22 und immer noch ledig, ist sie Indiens begehrteste Junggesellin, schreibt Barun.

In der Zeitschrift ist ein Bild von Devraj in weißem Kurta Pyjama und braunem Schultertuch. Er blickt auf Sita hinunter, die mit dem Rücken zur Kamera steht – ihre Saribluse ist wie ein Korsett alter Schule geschnürt und die Schnüre hinterlassen Rauten auf ihrer Haut. Auf dem letzten Foto stehen die beiden mit dem Tourismusminister unter einem Transparent: Grünes Delhi Sauberes Delhi! Er hat den Arm um Sita gelegt und ist auf dem Trip seines Lebens. Sie hält sich die Hand auf den Mund, als würde sie gähnen oder lachen, das ist nicht ganz klar. Jivan inspiziert das Bild. Da ist er, an ihrem dritten Finger – Gargi, Radha und Jeet haben alle solch einen Ring – Devrajs Initiale, jeweils verbunden mit ihrer eigenen, in abgeflachtes Gold graviert.

Die Bildunterschrift lautet Devrajji, Sita Devrajkumari. Besondere VVIP-Gäste beim Galadinner anlässlich des Indischen Tourismus-und-Heritage-Jahrestreffens im Company Delhi Grand Hotel und Mukti Wellnesscenter.

Mukti. Schon wieder. Mukti. Jivan weiß nicht mehr, was das Wort bedeutet. Er macht die Augen zu. Befreiung. Als er fortging, war Sita fünf. Er erinnert sich nur noch an eine kleine Prinzessin, die an ihrer Lottie hing und nie draußen spielen durfte. In den Himmel gehoben und die Welt dreht sich. Vielleicht ist er immer hier gewesen und in diesem Flugzeug älter geworden. Vielleicht sind die letzten Jahre in Amerika nichts als Disneyträume gewesen.

Draußen: nichts. Er verlangt noch einen Whisky.

– Tut mir leid, Sir, unbegrenzte Getränke gibt es nur in der ersten Klasse.

Die Stewardess geht weg. Ihr Haar ist ebenso picobello wie ihr Make-up: Sie könnte ein ferngesteuertes Company-Produkt sein. Sie rauscht hinter den roten Vorhang, der die Reichen von den weniger Reichen trennt. Hinter diesem Vorhang ist das Wunderland: Getränke und Beinraum; Stewardessen, die nie Nein sagen.

Die Gefangenen der Economy umzingeln einander. Ein Knäuel aus Saris, Decken, Strickjacken, Sandalen mit hohen Absätzen in Dunkin-Donuts-Schachteln, zerrissene Glamour-Zeitschriften. Die Männer liegen ausgestreckt über den Sitzen, die Frauen halten die Kinder an sich gedrückt; die Kinder lassen ihre Nintendo DS nicht mal im Schlaf los. Das Abendessen wird ausgeteilt, nicht serviert: braune Plastikklumpen in Makhanisoße, Reis und Pickles. Oder stattdessen weiße Plastikklumpen mit Kräutersoße. Er nimmt das indische Essen, dann das westliche, bekommt aber nichts herunter. Die Frischverheirateten neben ihm versuchen Essen, Tütchen und Besteck auf dem Tablett zu behalten und zu essen, ohne sich gegenseitig mit den Ellenbogen zu stoßen. Die Gabel der Braut zerbricht: Sie isst den Reis mit den Fingern. Es riecht nach rehydriertem Fleisch, Toiletten und Füßen.

Jon sieht sein Gesicht im Touchscreen. Es sieht verzerrt aus, als sei er plötzlich gealtert. Ranjit Kumar Singh, der Leiter der Company New Business, der ein Faible für leuchtende Socken und passende Hemdenbrusttaschentücher hat. Maßgeschneiderte Anzüge von Heritage, Stoffe direkt aus den Beständen der Company.

Die Braut neben ihm hat fertig gegessen und wischt die Plastikschale mit den Fingern aus. Er rückt weg, damit keine Reiskörner auf ihn fallen. Bei dieser Art der Reise kann man unmöglich sauber bleiben.

Vor sechs Wochen hat er diesen Anzug während der Besuchszeiten getragen. Ma im Bett, wo sie immer stiller und dünner wurde. Er dachte, sie würde sich auflösen. Vom Plastiklaken rutschen und vom Krankenpfleger fortgewischt werden. Doch wenn sie sah, dass ihr Jivan sich fein gemacht hatte, lächelte sie. Wenn sie bei klarem Verstand war, sagte sie mit ihrer trällernden Sängerinnenstimme:

– Geh so zu deinem Vater. Dann sieht er, dass du mein Junge bist. Und bitte gieß meine Blumenkästen in Nizamuddin. Vergiss es nicht.

Nizamuddin. Das Haus, in dem er aufgewachsen war, als Sohn von Ranjit und einer Ma, die so leicht war, dass sie beim Tanzen vom Boden abzuheben schien. Sie kam aus einer Musikerfamilie aus dem Punjab. Sie sagte immer, Roshan Kumari, der für Satyajit Ray tanzte, sei ein entfernter Cousin von ihr. Helle Haut, den Kopf in eine Seidendupatta gehüllt, ihre Augen für die besten Zeitschriften fotografiert. Als Bapuji und Ranjit sie in Chandigarh tanzen sahen, war sie siebzehn. Sie ließen sie nach Delhi kommen, wo sie nur für die beiden singen sollte. Beide Männer waren bereits verheiratet, beide waren flott, sagte Ma, mit goldenen Ray-Ban-Brillen und Seitenscheiteln. Ihre Hemden mit Kragen hatten sie in ihre Hosen gesteckt, die Bügelfalten hatten, äußerst stilvoll. Dann kam die Liebe und in den frühen 80ern der Sex. Ranjit ward ein zweiter Sohn geboren.

Hunderte von Meilen entfernt irgendwo im Punjab kam Ranjits richtiger Ehefrau das Getuschel darüber zu Ohren. Anscheinend gab sie weder ihm noch Ma die Schuld, sondern sperrte sich aus lauter Scham selbst ein. Es heißt, sie sei im Obergeschoss ihres Elternhauses verrückt geworden. Doch bevor es dazu kam, schickte sie ihren Schatz Jeet, Ranjits richtigen Sohn, zu seinem Vater in dessen schönes Haus in Nizamuddin. Es gehörte einst einem Armeeoffizier und hatte sogar Stallungen und einen Hof, in dem die eisernen Ringe zum Festmachen der Pferde noch aus der Wand ragten. Der Hof war perfekt. Er hatte genau die richtige Größe zum Marschieren und Exerzieren, wenn Jeet aus der Schule kam und sie Soldaten und Offiziere spielten. Falls Jeet nicht gerade Nachhilfe in Sanskrit oder Mathe hatte – oder einem anderen Fach, das Bapuji und Ranjit für wichtig hielten –, blieben sie draußen, bis Jeets Ayah ihn abholte.

In Jivans Erinnerung war Jeet immer dort, er gehörte zum Haus wie das Klingeln der Türglocke, die tief und erregend klang, wie die Mitternachtsglockenschläge des BBC World Service. Die gebohnerten Böden voller Seidenteppiche, die den ganzen Sommer aufgerollt waren, manchmal mit einem der beiden darin. Das Haupthaus gehörte Jeet und Ranjit; Jivan wohnte mit Ma in den umgebauten Stallungen. Einer im Vorderhaus, der andere hinter den Kulissen, erklärte Ma. In den zwei Zimmern lebte Jivan in der Geborgenheit von Mas Schönheit und dem Klang ihrer Stimme. Sie hatten auch eine kleine Küche mit Gasherd und Kühlschrank. Außerdem eine weiß geflieste Hocktoilette mit Eimer und Schöpfbecher zum Duschen. Zwei Zahnbürsten im Zahnbecher. Dass sie so lebten, habe sie sich selbst ausgesucht, hatte Ma immer wieder beteuert.

Gegen Ende der 80er-Jahre veränderte sich Delhi. Mehr und mehr Zungen zischten beschämenden Zinnober. Mitte der 90er-Jahre befand Devraj, dass das Maß voll sei. Ranjit erhob keine Einwände, und Jivan und Ma mussten gehen. Es gab einen älteren Cousin zweiten Grades, der in Amerika lebte – ein verwitweter Bankdirektor, der eine Frau suchte. Es folgte ein Flug nach Boston: amerikanischer Pass, Haus mit Doppelgarage, Geschirrspülmaschine, Tiefkühltruhe, einem Rasenkarree, das gemäht werden musste. Ma, die damals kaum älter war als Jon heute, rang jeden Abend mit dem Urdu-Englisch-Wörterbuch, während im Fernsehen Martha Stewart lief. In Amerika ist Sprache Macht, Jon-Beta, sagte Vivek Uncle. Mom und Jon machen Frühstück und Mittagessen und finden Freunde. Treiben Sport, streiten, kaufen ein. Bekommen Highschool-Abschlusszeugnisse, eines für Jon, eines für Mom, Fernsehen zur Belohnung, aber nur auf Englisch (außer sonntags, wenn Vivek Uncle Golf spielte). Jivans Zunge machte sich langsam von der Vergangenheit frei. Nicht mehr verwendete Wörter sedimentierten schnell. Jivan wurde vierzehn, fünfzehn, sechzehn – und bemerkte es kaum, noch scherte er sich darum. Die alte Welt erkundete er in Filmsätzen – hum aapke hain koun – und in Songfetzen. Rupien wurden zu Dollars, die er in Dienstleistungsjobs verdiente – nicht aus Notwendigkeit, sondern weil Vivek Uncle es so wollte. Später ging Jon nur mit weißen Mädchen aus: eine Entscheidung, die sein Stiefvater guthieß.

Ma weigerte sich, wie die anderen braunen Moms in einem Immobilienmaklerbüro oder Besucherinfocenter zu arbeiten. Sie wollte auch keine Yoga- oder Bollywoodtanzlehrerin werden wie die weißen Moms. Sie arbeitete lieber als Rezeptionistin beim kommunalen Wasserwirtschaftsamt. Nach Vivek Uncles Tod (Herzinfarkt, zu viel Golf mit zu viel Piña-Colada-Schuss) wurde Ma zur Probenkollektorin befördert: Sie stieß ihre Geräte tief in den vorgesehenen Boden, um zu prüfen, ob er verunreinigt war. Von schlechtem Wasser bekommt man Brustkrebs, sagte sie.

Jon spürt immer noch ihre weichen, faltigen Hände in seinen Händen. Sie hatte stets perfekt manikürte, dunkelrote Fingernägel. Vor fünf Wochen stand er in der Chapel of Peace (einer Rumpelkammer neben dem Krematoriumsofen) und versuchte die einzige Zeile eines Gebets zu rezitieren, an die er sich erinnern konnte. Om Bhur Bhuvah svaha. Ein grünes Ausgangsschild mit einem zur Tür rennenden weißen Mann erhellte den Ort. Ganz allein wartete er auf die Urne in einfacher Ausstattung und brachte Ma dann nach Boston in ein Banksafe. Etwas anderes fiel ihm nicht ein.

Eine Woche später rief er Jeet an.

Gott sei Dank gab es Jeet, der Jons Briefe aus Amerika im ersten Jahr auf Mickey-Mouse-Prägepapier mit Mitteilungen auf Ranjits dickem Company-Briefpapier mit Company-Briefkopf beantwortete. Als dann das Internet kam, schrieben sie sich E-Mails, manchmal auch SMS und kommunizierten dann über Viber. In seinem letzten Jahr auf dem College fingen sie an, WhatsApp zu verwenden, schrieben sich aber nur alle paar Monate. Ab und zu dachte Jon an Skypen, erwähnte es dann aber ebenso wenig wie Jeet.

Gargi schrieb ihm im ersten Jahr dreimal und im zweiten Jahr zweimal: Kümmer Dich um Ma und vergiss uns nicht!, schrieb sie. Radha schrieb nie. Einst waren ihm Radhas Launen, ihre großen Füße und ihr Aufstampfen, damit sie ihren Willen bekam, vertrauter als seine eigenen Marotten. Er brachte es nicht über sich, Jeet nach den Mädchen zu fragen.

Mit seinem Halbbruder hatte er bald nur noch an Geburtstagen Kontakt. Manchmal tauchte eine Liedzeile in einem Text auf, die ihm seine Kindheit in Erinnerung rief. Selfies von durchfeierten Nächten, abgeschickt, wenn der eine aufstand und der andere zu Bett ging. Wenn sie sich unterhielten, dann über Filme, Musik, Verabredungen, Börsenberichte und Jons Leben in Amerika.

Das jetzt vorbei ist. Ma ist im Safe, das Haus ist verkauft, und das Geld haben Hypothek und Gebühren verschlungen. Er ist hier wegen Jeet, der ihm versprochen hat, ihn nach Hause zu holen.

«Wozu hat man einen großen Bruder?», fragte Jeet. «Wie lange bleibst du?»

«Das muss ich sehen. Es kommt drauf an.»

«Gut», sagte Jeet. «Warte, bis ich dich anrufe. Ich muss erst mit Dad sprechen. Radha kann ihn sicher überzeugen. Dann hol ich dich am Indira Gandhi International ab, mit einer Blumengirlande, einer Schachtel Suji ke ladoo und einem ordentlichen Namaste. Du bekommst ein traditionelles VIP-Willkommen-zu-Hause.»

Jon isst keine indischen Süßigkeiten. Das sagte er Jeet aber nicht. Wenn es so weit war, würde er alles essen, was man ihm anbot, und es herunterschlucken.

In nur drei Wochen war Jon mit Amerika fertig. Iris erklärte er, dass er sie liebe, und ignorierte alles, was darauf hindeutete, dass sie mitkommen würde, wenn er sie darum bat. Iris, sein blauäugiges Mädchen mit dem Anwaltspapa und einer Mom, die nicht arbeiten ging, und gut genug abgesichert, um Vergleichende Literaturwissenschaft zu studieren. Die gelenkige Iris, die so gerne Caffè mocha mochte und ihn immer dazu bringen wollte, Orwell oder Baldwin oder Morrison oder Lahiri zu lesen, Namen, die sie um sich verstreute wie Vogelfutter im Park. Iris, die von rassenspezifischen Prosastilen sprach und von postpoetischem Realismus, während sie sich mit den Fingern durchs butterblonde Haar fuhr, und die glaubt, dass Jon bald zu ihr zurückkommt. (Das wird er nicht tun, hat er beschlossen, selbst wenn Indien nicht klappen sollte. Es geht nicht um ihre Haare oder um ihre kostbaren Korla-Pandit-Schallplatten [ein Geschenk ihrer Mutter], oder darum, dass sie die generische Nina Simone den spezifischen Rolling Stones vorzieht. Ist es wegen ihres Landes? Nein. Es ist, weil sie sich nichts aus Geld macht.)

Noch eine Woche verging. Jeet rief nicht an. Noch drei Tage. Jon hatte in Mas leerer Küche gestanden, barfuß, in Unterhose und Unterhemd, und auf die sich drehende Scheibe im Mikrowellenherd gestarrt, während er die letzte tiefgefrorene Mahlzeit warm machte, die Ma für ihn vorgekocht hatte, als sie ins Krankenhaus kam. Alle seine Leibgerichte, mit Großbuchstaben beschriftet. Er hatte vorgehabt, die KAALI DAAL direkt aus der Packung zu löffeln, den Black Label auszugraben und dann seinen Lebenslauf für Pierce & Pierce zu schreiben – er hatte gehört, dass sie im Fernen Osten Leute einstellten. Da klingelte sein Handy. Auslandsgespräch.

Es war Ranjit persönlich. Die unverkennbare, zigarrenrauchige Stimme seines Vaters fragte ohne lange Worte:

«Wer will Crorepati werden? Jivan Singh, jetzt bist du an der Reihe. Ticket ist gebucht. Wird Zeit, dass du heimkommst.»

Es war das erste Gespräch seit zehn Jahren. Mütter, lebendige oder tote, wurden nicht erwähnt.

Das Flugzeug geht in den Sinkflug, die Blenden werden nach oben geschoben. Mit dem Sonnenlicht, das die Kabine überflutet, stürzt ihm ganz Delhi entgegen. Die Stadt unter ihm fesselt ihn. Sein Mantra stimmt: Aus der Luft ist keine Erde zu sehen. Nur meilenweit Wellblechdächer, unfertige Backsteinbauten. Statt des Erdbodens eine Müllhalde, so weit das Auge reicht.

Er sieht sie durch, blickt hinein, stattet sie mit Leben aus, stellt sich all die Beine, Arme, Köpfe und Augen vor: ohne die geringste Ahnung zu haben, wie groß das Ganze ist, oder sich Gedanken darüber zu machen, wie wenig davon ihnen gehört. Zusammengequetscht atmen sie alle ein und aus und wieder ein. Leiber bedecken das Land, Kinder hocken im Matsch: bedürftig. Arbeiten, um zu überleben und dann, um reich zu werden. Kein einziges freies Fleckchen Erde.

Er kann Überführungen ausmachen, die wie Halsketten über die Stadt verstreut sind, kostbar geschmückt mit Reklametafeln, die eine Wiedergeburt in diesem Leben versprechen, samt der nötigen Mittel zu ihrer Erlangung, denn sie ereignet sich nicht von selbst. Es gibt Reklame für neue Autos, Handys, Milchderivate für starke Kinderknochen und Eiweißpulver für Waschbrettbäuche; romanzengetränkte Reklame für die Hotels der Company, Reklame für neue Waschmittel und Waschmaschinen. Für Mehl, das Chapatis perfekt macht: Bilder von dicken, jungen Führungskräften und braven indischen Mädchen, die mit ihrem selbst gemachten Brot heißen ehelichen Sex versprechen.

Die Maschine fliegt jetzt langsam über weite Flächen weißer, mit Satellitenschüsseln gesprenkelter Flachdächer, Hunderte von Ohren, die alle auf seine Ankunft horchen. Die Braut auf dem Platz neben ihm schminkt sich die Lippen rosa, ihr Mund ist ein stummes O.

«Da wären wir wieder, humare apne Indien», sagt Nummer 5 lächelnd.

Meint er das ernst? Bingo, Mann. Dann korrigiert sich Jon und sagt Yaar; gleich wird er landen und sein Gerede ist eine bewährte Methode, Vertrauen zu gewinnen. Er denkt über Amerika nach, wo das Land König ist, wo alles funktioniert und alles getan wird, es zu verschönern oder den Ertrag zu steigern. In Amerika reden die Pandits über India Rising – das aufstrebende Indien –, so wie man früher davon gesprochen hat, dass die Russen kommen. Hier redet man über India Shining – das strahlende Indien. Kommen Sie nach Incredible India! Aufstreben, strahlen, wachen, schlafen. Er kennt die Gepflogenheiten wirklich. In Amerika konnte er als normaler Fernseh-Asiat eine Nebenrolle spielen: gute Schulen, Sinn für Humor und eine Ma-Fixierung. Hier wird man natürlich sein amerikanisches Lächeln bemerken, seinen Anzug mit Krawatte, erstklassig, reines Gold. In Wirklichkeit ist er Jivan Singh, der Halbbruder von Jeet Singh, Sohn von Ranjit Singh. Er kam auf indischer Erde zur Welt und hat die ganze Zeit darauf gewartet, zurückzukehren.

«Hari Om», murmelt die Nummer 5.

Das Flugzeug landet mit Wucht.

Ein nicht unterdrückbares Lächeln spaltet sein Gesicht. Jon hat das Gebäude verlassen. Höchste Zeit für Jivan, die Massen zu begrüßen.

Er geht mit den anderen Passagieren den Korridor entlang. Es ist zwölf Uhr mittags und über 38°C. Auf der Fluggastbrücke kann Jivan Indien riechen: Treibstoff, Staub, die Luft zum Ersticken. Dieser Tag hat ihn erwartet wie seine Mutter, wenn sie ihn von der Grundschule abholen kam, mit ausgebreiteten Armen, mit denen sie sein Gesicht an ihre feuchte Brust drückte. Er will rufen: Wo ist mein Milky-doodh? (lässt es dann aber).

Er rechnet schon fast damit, dass Jeet die Sicherheitskontrolle passiert hat. Um hier zu sein, direkt am Flugzeug. Als sie noch Kinder waren, hatten bewaffnete Polizisten sie nachts immer bis hierher begleitet. Während sie auf die Landung des Jets warteten, spielten sie, ihre Company-Cola-Flaschen fest umklammert, mit ihren biegsamen Strohhalmen (Jivans war rot, Jeets gelb). Devraj und Ranjit tauchten dann mit ihren dunklen Sonnenbrillen auf, die sie sogar nachts trugen, die Aktenmappen an die Brust geschmiegt. Dann lief er immer den ganzen Weg über hinter Devraj, Ranjit und Jeet her, durch die Sicherheitskontrolle bis zur Ankunftshalle. Wo sich streichholzdünne Männer aneinanderlehnten und die weißen Mädchen und die reichen Söhne der Sahibs beäugten, als seien die Mädchen Markknochen und die Jungen Soße. Das Company-Gefolge schritt weiter durch die Halle und Blütenblätter tröpfelten von den Willkommensgirlanden auf den schmutzigen Boden wie leuchtend orange Tränen.

Kein Jeet. Jivan muss durch die Passkontrolle. Möglicherweise muss er die Gepäckträger und Kofferkuli-Leute allein abwimmeln. Wenn Jeet nicht da ist (aber er kommt natürlich noch), dann wechselt Jivan seine letzten Dollars in ein Bündel Rupien, geht nach draußen und sucht sich ein schwarz-gelbes Käfertaxi mit möglichst sauberen Sitzen. Und dann? Zum Mittagessen nach Nizamuddin, in das Haus.

Er hat den Flughafen noch nicht verlassen. Statt der alten, luftleeren Passkontrollenhalle mit den grau gesprenkelten Fliesen erstreckt sich dort jetzt für jedermann ein Boden, der in einen Maharajapalast gehört – jeder kann auf ihm laufen. Riesige Bronzeskulpturen hängen über jeder Kabine und segnen die Ankommenden, die dort durchgehen. Die Halle ist klimatisiert.

Nur die Fluglinien sind noch dieselben. Die Sklaven aus den Emiraten nehmen ihre Bündel hoch, Männer mittleren Alters mit Samsonite-Imitaten beäugen das junge Blut mit den Wochenendledertaschen; dann sind da die Juicy-Couture-Ehefrauen, alle in Anfassen-verboten-Velours und penibel frisiert. Und schließlich die Weißen, die versuchen, Abstand zu den Einheimischen zu wahren, ohne jemanden wegzudrängen, und dabei höflich in Panik geraten. Er gehört nicht zu ihnen. Er hat das Gefühl, selbst überprüft zu werden; er weiß nicht, ob man ihn dabei bewundert oder nicht. Ist sein Anzug daran schuld? Ist er übertrieben? Er zieht sein Jackett aus. Er lockert die Harvardkrawatte. In Amerika hätte er gern seine Haut ausgezogen, genau wie er Zwiebeln im Restaurant seines Stiefvaters geschält hatte, als er zum ersten Mal jobbte. Als Junge in Indien war er ein Außenseiter, weil er unehelich war, und manchmal kam es ihm vor, als könnten alle sein uneheliches Blut sehen.

Der Beamte an der Passkontrolle hat die ganze Brust voller Medaillen und tiefe Stirnfalten. Er wirkt erschöpft von seinem Einsatz, gelangweilt, weil er die Grenze vor Kleinkriminellen und Dieben schützen muss; er blättert alle leeren Seiten von Jons Pass durch, bis ein einsames indisches Touristenvisum auftaucht. Zum Bild, zum Visum, zum Bild.

«Main Jivan hoon», sagt Jon (lächelt der Passbeamte?). «Main bahut saal ke baad ghar aaya hoon.»

«Gut gemacht! Willkommen zurück, Foreign Return – aus der Fremde Heimgekehrter», sagt der Beamte. Er rollt das R, ‹Foe-reign*› und betont beide Silben gleich stark.

«Vielen Dank, Sir.»

Jivan hat seinen Stempel und kann die Ankunftshalle betreten. Dort verzweifachen und verdreifachen sich die Visionen: An den Wänden verspotten ihn Werbeplakate für HSBC, auf denen immer wieder derselbe stoppelbärtige Typ gezeigt wird, grinsend, mit erhobenen Händen. Erst in Jeans, dann im Anzug, dann wieder in Jeans, dann wieder im Anzug. Führer steht unter dem ersten Plakat, unter dem zweiten Follower. Führer/Follower/Führer/Follower: Können Sie den Unterschied zwischen beiden erkennen? Welcher bist du, Jivan? Alles hat aufgeholt, ist ohne ihn erwachsen geworden.

Er richtet den Blick auf einen Haufen Männer, die draußen stehen. Die sich keine Schuhe leisten können, geschweige denn richtige Anzüge. Sie haben die hohlen Hände an die Köpfe gelegt und versuchen, in die Halle zu blicken. Egal wie viel sich geändert hat, diese armen Kerle hängen dort immer noch rum. Er hat plötzlich das Verlangen, sich zu verbeugen.

Wo ist Jeet? Da sind Familien, die über Louis Vuittons aufeinanderzustürzen, Fahrer, die Schilder hochhalten, Leute in Stehcafés und an Verkaufsständen wie weltweit an allen großen Flughäfen. Kein Jeet. Nach-Hause-Kommen. Pah. Er will ausspucken (lässt es dann aber). Sein Blick folgt einem Arbeiter, der Dienstkleidung im Grau einer heruntergebrannten Zigarette trägt und eine Bodenpoliermaschine bedient. Er steht regungslos da und lässt die Bürste immer wieder über derselben Stelle kreisen, immer und immer wieder.

Vorwärts, Jivan!

Ein dünner roter Teppich führt ihn aus dem Flughafengebäude ins grelle Tageslicht.

Eine seltsame Sekunde lang fragt er sich, ob er in der richtigen Stadt gelandet ist. Die Menschenmenge ist nicht sehr dicht. Die hupenden, blökenden, schwarz-gelben Ambassadors, die er noch in Erinnerung hat, sind verschwunden und stattdessen wartet eine Reihe glänzender weißer Limousinen höflich auf Fahrgäste. Ein paar Leute stehen ruhig in kleinen Gruppen da. Und Jivan ist ein Nichts. Nichts als ein gut rasierter junger Mann, der als Kind gehänselt wurde, weil er so helle Haut hatte. Wie ein Mädchen, witzelte sein Vater immer. Dann schickte er ihn nach Amerika, wo seine blassen Wangen und dunklen Augen ihm halfen, sein Braunsein im College und auf der Uni durchzustehen, während er sämtliche Dienstleistungsjobs vom Türsteher bis zum technischen Kundenbetreuer verrichtete. Und jetzt, da er mit seinem amerikanischen Akzent und seiner gehorsam besorgten Flasche Black Label in der Duty-free-Tüte wunschgemäß wieder da ist, wie soll er jetzt sprechen? Barun würde es wissen. Er geht einen Schritt, merkt, dass ihm der Schweiß an beiden Seiten unter dem Jackett hinabrinnt. Die Aufmerksamkeit der Menschenmenge hat nachgelassen, so als sei er nur Vorprogramm, als warteten alle ungeduldig auf das Hauptspektakel.

Dann ist es so weit. Hinter der Taxireihe, den Geländewagen und Taschen und Leibern schiebt ein waschblauer Bentley vorsichtig alles aus dem Weg. Er will so tun, als habe er ihn nicht gesehen – aber der Wagen ist unübersehbar. Auch die Passagiere in den Flugzeugen, die am Himmel über dem Flughafen kreisen, sehen ihn wahrscheinlich – trotz Smog.

Jeet, denkt er. Was treibst du da?

Jeder Junge kann sich einen schönen Anzug kaufen, eine Aktenmappe und ein Paar gute Schuhe. So jemand kann dann auch mit einem Taxi in ein Hotel in der Stadt fahren. Doch sehen Sie nur die funkelnde Schönheit dieses seltenen und erlesenen Wagens; wie er an den Bordstein heranfährt und neben diesem müde aussehenden Foreign Return hält! Sehen Sie, wie der Fahrer geschniegelt, als bügelte ihn seine Frau jeden Morgen, aus dem Wagen springt und beim Öffnen der Autotüren salutiert. Die zwei Passagiere auf dem Rücksitz steigen aus, der eine das Spiegelbild des anderen – schwarze Leinenanzüge mit Nehrukragen, versilbertes Haar, wie zwei Dominospielsteine. So kann man nur geboren werden, wenn frühere Leben es so wollen und Gott einen liebt. Und sehen Sie mal – der eine hat einen wunderschönen knochenbeschichteten Spazierstock dabei. Sehr stilvoll! Wirklich anbetungswürdig, man muss sich dies für sein nächstes Leben erbeten. Wer sind die beiden?

Es ist nicht Jeet, der herumalbert. Es ist sein Vater, Ranjit Singh, der Direktor des Devraj-Konzerns. Mit einem Mann, den Jivan über zwanzig Jahre nicht gesehen hat. Kritik Sahib, Vizepräsident, Interner Geheimer Nachrichtendienst und Forschung – Schattenwolf aus Kindertagen. Die rechte und die linke Hand holen Jivan direkt am Flugzeug ab. Wo bleibt bloß Barun, denkt Jivan, wenn man ihn mal braucht? Und wo verdammt bleibt Jeet?

«Herzlich willkommen, Jivan», sagt Ranjit.

Vor Amerika hatte Jivan eine Kathputli-Marionette gehabt, die ein bisschen wie Ranjit aussah. Gesicht aus Holz, ovale Augen, spöttisch gekräuseltes Lächeln. In Kinnnähe ein weißer aufgemalter Bart. Er konnte sie bewegen, indem er ihr einen Arm hochhob; er konnte sie auch nicken oder winken lassen. Wenn man sie schüttelte, blinzelte sie.

«Wah, Ranjitji, wah», sagt Kritik Sahib. «Welch einen Mann hast du da aus Amerika geholt!»

Kritik Sahib hat sich besser gehalten als Ranjit. Er ist größer, sein Brustkorb ist breiter, seine Arme sind dicker. Er ist mindestens eins fünfundsiebzig und Ranjit nur eins siebzig. Er ist muskulöser, und während Ranjit Farbkleckse trägt, hat Kritik Sahib immer ein ruhiges, zurückhaltendes Benehmen kultiviert, als höre er zu, ohne ein Urteil zu fällen, als nehme er jeden Ton wahr. Wenn man ihn so sah, hielt man ihn für jemanden, der ein bequemes Leben führte, seine Mitmenschen liebte und keinem etwas zuleide tat. Doch Jivan erinnert sich noch genau daran, dass Kritik Sahib etwas Stahlhartes um Mund und Augen hatte. Seltsam weiße Zähne. Immer wenn Ma Jivan oder auch Jeet, Gargi oder Radha verwarnte, drohte sie mit Kritik Sahib. Jetzt lächelt er. Und wartet, dass Jivan oder Ranjit den ersten Schritt tun.

Ranjit. Den Gehstock um die Finger gehakt, hat er die Arme in einem Winkel von genau fünfundvierzig Grad geöffnet. Etwas schmal für eine Umarmung.

«Jivan, Beta … Komm, begrüß deinen Vater.»

Knie nieder. Er will, dass ich niederknie. All die neugierigen Blicke rings um Jivan werden zu einem einzigen wilden Starren. Die Hitze ist erbarmungslos. Er sieht nur noch verschwommen, seine Oberlippe wird zu Salzwasser; das kommt von den vielen Stunden im Flugzeug, ohne genügend zu essen. Mein Gott. Ausgeschlossen. Er ist Amerikaner, er war fünfzehn Jahre lang in Amerika. Ranjit hat ihn nie besucht. Oder zumindest geschrieben. Oder angerufen. Oder gemailt. Oder gesimst. Oder auch nur an ihn gedacht, von ihm gesprochen, von ihm geträumt.

Ranjit wartet auf dem Bordstein. Die Arme ausgestreckt, die Handteller nach oben gedreht.

Wir rühren uns nicht; nur die Erde dreht sich.

Jivan stellt seine Duty-free-Tüte ab. Der Fahrer sieht ihm durch die Wagenscheibe zu, und Kritik Sahib sagt:

«Ja, genau.»

Jivan bückt sich zur Erde, die so heiß ist wie die mörderische Sonne. Mit nach unten gerichtetem Handteller und ausgestreckten Fingern will er die Füße seines Vaters berühren.

«Aré nahin, beta, nahin», sagt Ranjit. Lachend umfasst er seine Schultern und richtet ihn auf. Komm her. Zum Wagen. Chalo.

Jivan setzt sich mit Ranjit nach hinten, Kritik Sahib nach vorne. Der Fahrer lässt den Motor aufheulen. Ohne in den Rückspiegel oder nach rechts und links zu sehen, fädelt er sich in den Verkehr ein. Die Gepäckträger und die Passagiere und alle Familien blicken ihnen nach und widmen sich dann wieder ihren eigenen Angelegenheiten. Im Flughafen poliert der Putzmann weiter den Boden. Die Show ist vorbei, denkt er. Er will ausspucken (lässt es aber). Zeit, sich wieder an die Arbeit zu machen.

Wie der Bentley lief: die Stille bewahrend. Als sei Jivan wieder im Krematorium und sähe den Sarg noch einmal zum Verbrennungsofen gleiten. Er hat einen kurzen, brutalen Kampf mit dem Kloß in seinem Hals auszufechten. Von der kalten Luft muss er schniefen. Nur Mädchen werden krank. Das waren Ranjits letzte Worte, als er ihn winkend nach Amerika schickte. Jivan schnieft nochmals. Sein Vater und Kritik Sahib sehen ihn nicht an.

Die Straßengeräusche sind gedämpft, die Autofensterscheiben samt Rahmen und allem sind sepiafarben. Szenen aus dem früheren Indien spulen sich vor ihm ab, ein Trost nach dem Flughafen und genau das, was er sehen will. Ein Sabziwalla schlurft die Gasse entlang, den Karren mit verschrumpeltem Wurzelgemüse beladen, das vor Jahrhunderten ausgegraben worden ist, und ganze Familien stapeln sich auf Mopeds, an denen acht Beine herunterhängen. Frauen gehen barfuß auf kaputten Gehwegen und balancieren Backsteine und Bündel. Halb nackte Kinder säubern sich die Zähne mit schmutzigen Fingern und grinsen sich dabei an, die Haare wie Helme von Wahnwitzigen um die Köpfe gewickelt. All dies wie aus ganz weiter Ferne, untermalt von Mercedeswagen und Geländelimousinen, Toyota, Honda, alle Großen. Jivan sieht all diese strahlenden Biester als Traumbilder aus einer durchaus realistischen Zukunft; gleichzeitig hätte er am liebsten gerufen: Standbild! Er denkt: Wie lange läuft die Party schon? Warum habt ihr mich nicht eingeladen? Es gibt sogar neue Busse mit Türen, die vollständig schließen. Doch auf den Lastwagen steht immer noch in verblichenen Gelb- und Rosatönen Horn Please! – Bitte hupen!, und alle fahren immer noch, als seien Augen im Kopf völlig überflüssig. Immer noch stehen ein paar weiße Kühe stumm wie Tempelgemälde vor roten Mauern – das zumindest ist gleich geblieben.

Das grelle Licht im Juli und August, Monate, die so glühend heiß sind, dass jede Erinnerung an den Monsun verlischt: Dass er einst kam, jetzt im Kommen ist und zukünftig wiederkommt, ist vergessen; in Sommern wie diesem warteten Jeet und er tagelang von morgens bis abends und steigerten sich dabei in eine Erregung hinein, die den Himmel aufbrach. Das Entzücken, wenn endlich die ersten dicken Tropfen fielen; die schmerzliche Freude, wenn sie ‹Sinken oder Schwimmen› spielten und Papierboote um die Wette schwimmen ließen, während der Regen den Horizont verschluckte und die Erde in ein Meer aus Matsch verwandelte. Einmal war Ranjit sogar Schiedsrichter – und ausgerechnet bei diesem Spiel schlug sein Boot zum ersten Mal das von Jeet. Die Erinnerung ergießt sich über ihn wie das Wasser aus dem als Dusche dienenden Zu-heiß-zu-kalt-Eimer-mit-Schöpfer, den er seitdem nicht mehr benutzt hat. Beinah hätte er gesagt Papaji, weißt du noch, beißt sich aber auf die Zunge und atmet in der kalten klimatisierten Wagenluft tief durch.

Zwar rennen immer noch klapperdürre Hunde auf den Seitenstreifen entlang, doch finden sich überall Zeichen dafür, dass die Zukunft ohne ihn stattfindet. Apple, Nokia; sogar eine U-Bahn, die sich wie ein riesiges Spinnennetz hoch über die Stadt spinnt. Der Wagen verfängt sich darin, fährt darunter hindurch und daran entlang; er ist nicht überrascht, dass D. C., das Logo der Company, auf dem Beton prangt, der am Himmel kratzt.

Er lässt den Kopf herunterhängen und nimmt Kritik Sahibs Nacken in Augenschein.

«Na, beta ghar aa gaaya! Das ist dein Sohn.»

Kritik Sahib dreht sich um und streckt den Arm nach hinten. Er hat polierte Nägel. Seine Fingerknöchel und Altersflecken sind wie edles antikes Holz, wie das in den Büros der Harvarddozenten, auf dem man bei Einladungen nicht aus Versehen sein Glas abstellen darf.

Kritik Sahib lächelt, schlägt ein-, zweimal auf Jivans Knie.

«Er ist sicher ein guter Junge, Ranjit. Genau wie sein Vater.»

«Aré nahin», sagt Ranjit. «Du bist zu nett, Kritik Sahib. Aber neun, zehn Jahre war er nicht da, das ist lang, oder? Seine Mutter wollte ihn bei sich haben, was blieb mir da anderes übrig?»

Es sind fünfzehn Jahre. Jivan sagt nichts und schaut aus dem Fenster. Eine junge Frau auf einem Moped überholt sie. Ihre hautengen Jeans hat sie in blassblaue Schlangenleder-Cowboystiefel gestopft. Ihre Haare quellen unter ihrem Helm hervor. Ma hätte chi-chi dazu gesagt. Oder etwa nicht?

«Kritik Sahib, erinnerst du dich noch an seine Ma?», sagt Ranjit. «Sie war eine Schönheit. Der tief empfundene Irrtum eines jungen Mannes. Aber in Wirklichkeit bin ich verführt worden. Es waren meine ersten Jahre mit Devraj, und ich war nichts als ein ungehobelter Junge aus Amritsar. Diese alten Künstlerfamilien hatten unglaubliche Eleganz. Wer konnte da widerstehen? In unserer Jugend sind wir Toren der Liebe. Aré, wer kann einem Mann Vorwürfe machen, weil er sich von einer Veshya bezirzen lässt, die sich wie eine Prinzessin präsentiert? Und ihre Stimme! Was für ein seltener, schöner Vogel. Ein Bulbul-e-Punjab.»

Dann Pause.

Kritik Sahib nimmt seine Hand von Jivans Knie, zieht auch seinen Arm zurück und wischt sich die Hand sorgfältig am Hosenbein ab.

«Nun ja», sagt er lächelnd, und zeigt dabei seine Zähne, die immer noch sehr weiß sind und genauso gepflegt wie seine Nägel. «Egal. Das Leben hat dir einen prächtigen Sohn beschert, wen kümmert es da, in welchem Glas er gemixt wurde? Nicht die Schwelgereien, denen sich die Mutter eines Mannes letzte Nacht hingegeben hat, machen den Mann, sondern das, was dem Namen seines Vaters zur Ehre gereicht! Aré, flöß unserem Foreign Return keine falschen Vorstellungen ein. Schließlich haben wir jetzt das Neue Indien.»

«Da hast du natürlich recht», sagt Ranjit.

Die beiden nicken sich zu: Marionetten, die einander an den Fäden führen und ihre Beziehungen spielen lassen. Dann sagt Ranjit:

«Jivan, hast du Kritik Sahib auch ordentlich begrüßt? Erinnerst du dich noch an ihn?»

Er erinnert sich, dass man ihm, als er klein war, gesagt hatte, er solle Kritik Sahib aus dem Weg gehen. Devrajs Schatten. Ärgere ihn nicht. Sei immer respektvoll. Selbst Ma nahm sich vor Kritik Sahib in Acht. Steig aus, halt eine Autorikscha an. Nichts wie phata-phat zurück nach Boston, denkt Jivan. Dann fällt es ihm wieder ein: Er hat keine Rupien.

«Ja, schon, Papaji.»

Tut mir leid, Ma. Tut mir wirklich leid, denkt er. Ich hab mir geschworen, ihn nie ‹Papaji› zu nennen. Da bin ich nun, und du bist nicht mehr da.

Ranjit runzelt die Stirn.

«Kritik Sahib ist ein sehr wichtiger Mann. Du solltest ihn lieben wie einen Vater. Wenn du seinen Erwartungen entsprichst, kann er dich vielleicht im Ressort ‹Interner Geheimer Nachrichtendienst zu Sicherheitszwecken› unterbringen – kurz ‹Security-Intelligence›.»

«Ja, warum eigentlich nicht?» Kritik Sahibs Stimme klingt warmherzig. «Einen Job für einen Berufsanfänger, dann sehen wir, wie du dich anstellst. Schließlich haben wir eine Menge Zeit, uns kennenzulernen. Interessiert dich das? Natürlich. Ranjits Sohn ist absolut willkommen. Für Jungs mit Initiative hat die Company Security Intelligence immer Platz. Und Initiative hast du doch, oder? Sonst wärst du nicht hier.»

«Danke, Kritik Sahib. Das wäre toll. Aber – brauch ich da nicht ein anderes Visum? Eine Genehmigung?»

«Sehr rechtschaffen», sagt Kritik Sahib. «So gefällst du mir. Mach dir keine Sorgen, Jivan, alles zu seiner Zeit.»

«Verwöhn ihn nicht, lieber Freund», sagt Ranjit. «Er muss es sich verdienen. Wir sollten ihn in den Norden schicken, damit er die Company richtig kennenlernt und das Gelände* sieht. Yeh Foreign Return kuch nahin janta hai.»

Die beiden Männer lachen synchron auf.

Jivan wacht auf, ohne zu wissen, wie viel Zeit vergangen ist. Der Wagen schlängelt sich um eine hohe, rote Backsteinmauer herum; dahinter sieht er Baumwipfel und einen kunstvoll verzierten Turm aus ähnlichen rostbraunen Backsteinen. Sie werden langsamer, weil ein Touristenbus eine Ladung unförmiger, weißer Damen in Scholl-Sandalen und Blumenröcken auslädt. Er sieht sie durch einen Torbogen gehen, auf dem UNESCOWeltkulturerbestätte steht.

«Wo sind wir?», will er fragen.

Sein Mund ist so trocken, dass er die Lippen nicht bewegen kann. Er sieht die Straße breiter werden und die Schatten spendenden, staubalten Bäume zahlreicher. Der Verkehr lässt nach, es gibt kaum noch Häuser – sie sind gar nicht in Süd-Delhi.

«Chalo», sagt Kritik, «wir sind da.»

Sie biegen von der Autobahn ab. Streifen ein Wirrwarr aus Hütten, die am Straßenrand stehen, und tauchen hinein. In ein Labyrinth hoher, weißer Mauern. Keine Graffiti, keine Flugreklame: nur schimmerndes Weiß, selbst durch die getönten Wagenscheiben. Die Straße wird zu einem Weg voller Schlaglöcher; der Bentley rumpelt dahin wie bei einer großartigen Prozession. Dann und wann ein kurzer Blick durch ein Tor: gepflegter Rasen. Das Gefühl, dass sich dahinter Paläste verbergen. Gab es, als ich wegging, so viele Mauern? Jivan konnte damals gerade eben aus dem Fenster sehen: Bis zum fünfzehnten Lebensjahr war er klein, und erst, als er zwei Jahre lang Dairy Pure getrunken hatte, fing er an zu wachsen. Jetzt weiß er, wohin sie fahren: zur Farm.

Als er Devraj, die Company, die Mädchen googelte, fand er nie ein Foto der Farm. Er richtet den Blick nach vorne. Sie schieben sich um einen Krater herum und gelangen zu einer Reihe kunstvoll geschnitzter Holztore. Löwen und Tiger und Bären. Ein dunkelhäutiger Mann in weißgoldener Uniform stellt sein Gewehr ab und winkt den Wagen salutierend durch. Jetzt öffnet er sein Fenster. Statt Sepia eine lange Einstellung herzerquickender Farbenpracht: Es ist ein strahlend blauer Tag, frisch und wie geschaffen für Werbefilmer. Eingesunkene Palmen umrahmen die blasse Backsteinauffahrt wie Riesenananas, Zitronen- und Orangensorbetkugeln aus Tagetes umsäumen den Platz, eine Girlande für einen lange erwarteten Bräutigam. In jeder Ecke des Rasens stehen zuckergussartige Riesengänseblümchen. Mit leicht geöffnetem Mund hält er das Gesicht in die Luft, um festzustellen, ob sie auch süß schmeckt, nicht nur süß riecht. Eine grüne Kletterpflanze windet sich an der nächsten Palme empor, mit weißen Blumen, die wie winzige Sterne über den ganzen Stamm verstreut sind. Er atmet ein.

«Chameli. Für dich Jasmin», sagt Kritik Sahib. «Der Erkennungsduft der Company. Den verkaufen wir nur in unseren exklusivsten Boutiquen. Der Jahresumsatz beträgt fast hundert Lakhs. Nicht schlecht für ein Parfum, das aus einer wild wachsenden Kletterpflanze gewonnen wird.»

Der Ort war einmal ein wildes Königreich gewesen, in dem Radha und Jivan nach Schätzen gruben, Jäger und Chiru spielten, oder was sie sonst so spielen wollte.

Gargi und Jeet ließen sie bei ihren Erkundungen mitmachen, während die Schweine gewaltsam vertrieben wurden, man für die Grundsteinlegungen Felder umgrub und trockenlegte. Die Bauherren stellten Bambusgerüste auf, und kletterten auf ihnen herum: Er erinnert sich daran, wie die lange halbrunde Säulenfassade gebaut wurde. Am Ende der Auffahrt ist das Haus vollständig zu sehen: ein großzügiger, eleganter Bau, der das Licht einsaugt und es dann über die Rasenflächen strömen lässt.

Er steigt aus. Nach dem Gestank im Flugzeug, dem Staub am Flughafen, den gnadenlosen Straßen umflutet ihn nun eine sanfte Brise. Limettengrüne Papageien wischen über ihm hinweg, er will auf sie zeigen (lässt es aber) und sagen Seht mal! Ein Papagei! Sogar ein feister Pfau kommt pickend über den Rasen, um ihn zu beäugen: Er legt den Kopf schief und mustert ihn: Jivan Beta! Bist du aber groß geworden. Wie geht’s deiner Ma? Warum hast du sie nicht mitgebracht?

«Mach dir keine Sorgen, das wird schon», sagt Kritik Sahib. «Akklimatisieren toh karna hai. Stell deine Uhr um. Auf indische Zeit.»

«Das hab ich schon», sagt er. «Ich bin bereit.»

Kritik Sahib wirkt nicht überrascht. Er faltet die Hände unter dem Kinn und erteilt seine erste Lektion: Warum das Haus als ‹Farm› bezeichnet wird. Jivan hat tatsächlich nicht gewusst, dass die Grundstücksverträge nur unter der Bedingung verkauft werden, dass achtzig Prozent davon für den Anbau von Feldfrüchten genutzt werden. Was wird hier produziert? Kritik Sahib sagt, er solle mal raten, und fügt dann hinzu:

«Niedere Materie zu Gold. Wir drucken Geld für das ganze Land, da können uns die Regierungswallas von der Bürde entbinden, Sabziwallas zu sein. The Farm. Englische Wörter, indische Bedeutung – ein Bastardwort, was, Jivan?»

Kritik Sahib lacht. Damit endet die erste Lektion.

«Oh, zieh ihn nicht zu sehr auf», sagt Ranjit. «Nicht nur Dollarscheine sind grün. Grün ist auch die Farbe der Leichtgläubigkeit. Aber sag danke zu Kritik Sahib, für die Zeit, die er dir widmet, und für sein Verständnis.»

«Vielen Dank, Sir», sagt Jivan. Er streckt sich. Tut beide mit einem Achselzucken ab. Kritik Sahib und Ranjit. Er will hinters Haus rennen und die Straßenwelpen wiederfinden, mit denen er immer Fangen spielte: Welpen mit wilden, zutraulichen Augen, hektisch wedelnden Schwänzen und Körpern, die sich heftig wanden; wenn man sie packte, zitterten sie und bissen um sich. Und selbst im zarten Alter von zwölf spürte er eine wirre Sehnsucht – Liebe mit Schmerz gemischt – und wusste, als er sie im Arm hielt, dass es sich ungefähr so anfühlen musste, wenn man eines Tages ein eigenes Kind hatte. Warum bevorzugte Ranjit Jeet, wo er doch Jivan hatte? Bei diesem Gedanken zog er sich Schuhe und Jacke aus und wälzte sich mit den Hündchen im Matsch und jagte Gargi und Jeet hinterher, mit schmutzigen Händen und schmutzigem Gesicht. Fast rechnet er damit, dass sie da sind: die kleinen Hunde und die Kinder, die ermahnt worden waren, sich die Kleider nicht schmutzig zu machen, und die nicht gehorchen konnten.

Er hört auf, sich zu strecken. Der Schmerz, den das Reisen verursacht hat, setzt sich wieder in seinen Knochen fest. Die Straßenhunde sind nicht mehr da; stattdessen salutiert ein weiterer dunkelhäutiger Türhüter in weißer Livree. Ranjit drückt ihm die Hand sacht auf den Rücken, die einzige Berührung, die er je gewährt: um seinen Sohn vorwärtszuschieben oder ihn zurückzuhalten. Jivan merkt, wie sein Erwachsensein verdampft. Wie soll er sich anpassen? Erst einmal wird er Ranjit den Black Label aus dem nicht sonderlich zollfreien Duty-free-Shop offerieren.

Der Innenhof ist so hässlich, dass Jivan fast losprustet. In jeder Ecke reich verzierte Tische, und an den Wänden hängen Teppiche und goldgerahmte Bilder; der Fußboden ist kreisrund und mit Karofliesen ausgelegt, ein endloses Spiel aus Quadraten, die sich irgendwie biegen: Ihm wird wieder schwindelig und er versucht, Halt zu finden, indem er den Arm nach einer Sockelplatte ausstreckt, auf der eine Vase mit lachenden, rosa Lilien steht. Sie duften nicht. Er blickt nach oben. Ein mit Perlen und Diamanten behängter Kronleuchter schwebt an einem bestialischen Haken über seinem Kopf. Ein Mann in zerrissenem Hemd und abgeschnittenen Hosen liegt mit gespreizten Beinen draußen über der Kuppel, Shit, ob er tot ist? Nein, er hat einen Lumpen in der Hand und poliert die Scheiben. Es sieht aus, als winkte er. Jivan hätte beinah die Hand gehoben und zurückgewinkt. Es ist erst kurz nach zwölf Uhr. Der Typ muss ganz schön brutzeln da draußen. Jivans Magen knurrt.

Er klammert sich an die Außenwelt, an die Sonne auf dem Rasen, den leichten Wind, den Jasmin. Er fühlt sich wieder, als braue sich etwas um ihn zusammen, als hätte das Haus die ganze Zeit auf ihn gewartet – genau wie Gargi und Radha – und wie Jeet, sein großer Bruder. Sie müssen hier irgendwo sein. Und Verstecken spielen. Möglicherweise wollte Ranjit zum Flughafen kommen und hat Jeet gebeten, hier auf ihn zu warten. Möglicherweise versammeln sie sich alle zu einem Willkommenslunch um den Tisch. Der opulente, nussige Duft von Daal und Ghee vermengt mit Gewürzen steigt ihm in die Nase, von Fleisch, das in einem echten Tandoorofen gebraten wird. Gott sei Dank. Er schüttelt die Hand seines Vaters von seinem Rücken ab.

«Komm mit, Jivan. Willst du das Haus sehen?» Kritik Sahib schlägt ihm auf die Schulter.

«Ja. Geh mit Kritik Sahib, Jivan», sagt Ranjit. Er schnippt mit dem Handgelenk, als wollte er Fliegen vor seinem Gesicht verscheuchen.

Jivan setzt seine Sonnenbrille auf (eine klassische Ray-Ban). Er lässt Ranjit stehen und folgt Kritik Sahib um die Beete mit Lilien, die sehr weiß und sehr spitz sind, klassische Trauerblumen. Konzentrier dich. Aufs Positive. Denk an was Schönes. Nicht schlecht, Jon: ein Jobangebot und eine Privatführung bereits drei Stunden nach der Landung. Sie gehen durch die Verandatür in den Garten, der sich vor dem gesamten Haus erstreckt. Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel. Sein Anzug hängt schlaff an ihm herab. Hinter Kritik Sahibs Rücken zieht er sich die Krawatte aus und stopft sie in die Hosentasche. Bevor die Mädchen da sind, will er duschen und sich umziehen. Dann fällt ihm an der Seite des Hauses ein Innenhof auf, auf dem Arbeiter über eine Tribüne kriechen und ein kindliches Transparent anbringen oder herunternehmen, auf dem in roten Buchstaben ‹Willkommen zu Hause› steht. Ja, denkt er. Da ist es ja!

«Das ist für Sita», sagt Kritik Sahib. «Weißt du, sie ist gerade von ihrem Wirtschaftsstudium in Cambridge aus England zurückgekommen. Sie hat am Trinity College studiert, genau wie Pandit Nehruji und unser Professor Amartya Sen.»

Stimmt. Sita. Redet irgendjemand noch so über ihn, jetzt, wo Ma nicht mehr da ist? Sagt irgendwer Jivan Singh, Harvardabsolvent und Selfmademan, ist heimgekehrt? Wo zum Teufel ist Jeet?

«Weißt du, wer Professor Sen ist, Beta?», fragt Kritik Sahib.

«Ich hab in Harvard studiert, Kritik Sahib. Business School. Ich war dabei, als er einen Vortrag über Wohlfahrtsökonomie hielt, mitten in der Finanzkrise. Er hat einen Beifallssturm ausgelöst. Ungefähr zehn Jahre davor hat er den Nobelpreis bekommen.»

«Nobel toh achcha hai, doch was er über Indien schreibt, ist irgendwie … wie soll ich sagen … ohne Liebe zu unserem Land», sagt Kritik Sahib. «Kritik ist ja schön und gut, aber man muss auch anerkennen, dass wir einiges zum Fortschritt beigetragen haben, oder?»

«Hm, ja natürlich. Das hab ich damals auch gedacht.»

Keine Antwort. Als sie den Garten durchqueren, glitzert es blau durch die Lücke in der gepflegten, hohen Hecke. Der Swimmingpool. Er kämpft gegen das Verlangen, loszurennen, sich nackt auszuziehen, vom Beckenrand ins Wasser zu kippen, auf den Grund zu sinken und sich dann an die Oberfläche tragen zu lassen, dahinzutreiben und Toter Mann zu spielen.

Sie kommen an eine Einfriedung, in der rosa und rote Rosen schamlos in die Sonne starren. Kein einziges Blütenblatt ist ins Gras gefallen; auch hier duften die Blumen nicht. Er sieht Arbeiter in steifen, weißen Anzügen und roten Baumwollturbanen, die die Hecken stutzen, obwohl bereits jedes Blatt in Habtachtstellung dasteht. Weitere Männer hocken auf dem Weg: Einen Moment lang glaubt er, sie würden kacken, auf indische Art.

«Der Anblick dieser Typen fesselt Ausländer immer», sagt Kritik Sahib. «Sie tun nichts anderes, als Unkraut zwischen den Steinen zu jäten. Manche Arbeiten muss man per Hand verrichten, oder?»

«Bis wohin geht das Grundstück denn, Kritik Sahib?»

«Wenn du eine Führung möchtest, dann kann ich das für später arrangieren. Oder Gargi übernimmt das, dann kannst du sie alles fragen, okay?»

«Ist sie denn da? Ich meine, glaubst du, sie würde das tun?»

«Natürlich! Ich erteile dir jetzt Lektion Nummer zwei. Mehr brauchst du nicht. Unsere indischen Frauen sind weltweit einzigartig. Wie schöne Phools blühen sie im Beet am besten, wenn man sich gut um sie kümmert. Sie haben einen starken Willen, jedoch nur bei drei Dingen. Erstens: in der häuslichen Politik. Soll heißen, wer sagt wann was und zu wem. Zweitens: im häuslichen Wirtschaften. Soll heißen, der Ehemann verdient das Geld, von dem sie etwas zur Seite legt und den Rest weise ausgibt. Drittens: in der häuslichen Ernährung. Soll heißen, beim Essen, das die Familie ernährt und das vorzugsweise zu Hause gekocht wird, außer an Sonntagen. Dann geht sie lieber aus, in Restaurants, die gerade den neuesten Mode-Khaana servieren. Momentan sind es Royal China Dim Sum und Pekingente, laut unserer weisen Radha Beta. Im Jahr 2012 giert Indien nur nach Chinesischem. Und als Gegenleistung? Muss man ihr mit Qualitätsdiamanten huldigen. Solitäre – mindestens zwei an der Zahl. Und schlussendlich: Ganz gleich, was sie sagen, und das ist das Allerwichtigste, also pass gut auf: Sag ihr einfach, was du willst, und sie wird nie Nein sagen. Zumindest dir nicht ins Gesicht. (Kritik Sahib grinst.) Von diesen natürlichen weiblichen Überlebensstrategien könnten wir uns alle eine Scheibe abschneiden. Komm mit. Wir sind fast da.»

Jivan versucht sich vorzustellen, wie Gargi Diamanten trägt, Dim Sum isst und Nein sagt, wenn sie Ja