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Als Paula Becker 1899 den wesentlich älteren Otto Modersohn kennenlernt, ist sie eine junge, ehrgeizige Künstlerin, die um jeden Preis malen will, er dagegen ist längst anerkannt, einer der Gründer der Künstlerkolonie in Worpswede und außerdem verheiratet. Trotz dieser Widrigkeiten ist die gegenseitige Anziehung unübersehbar, und ein Jahr später werden die beiden ein Paar. Schon die ersten Briefe, die sie während Paula Beckers Reisen nach Berlin und Paris wechseln, zeugen von der großen Zuneigung der beiden, aber auch von ihrer tiefen Verbundenheit im künstlerischen Schaffen. In den späteren Jahren dient der schriftliche Austausch immer wieder dazu, sich über Malerei und das Formulieren der künstlerischen Ziele auseinanderzusetzen. Und nicht zuletzt gibt es Anekdoten aus dem Worpsweder Freundeskreis zu erzählen, und Paula Becker berichtet amüsiert vom Ehevorbereitungskurs in Berlin.
Der überraschende Fund eines Großteils der Briefe Otto Modersohns an Paula Modersohn-Becker, die lange Jahre als verschollen galten, macht es hier erstmals möglich, diesen lebendigen Austausch ausführlich zu beleuchten.
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Seitenzahl: 592
Veröffentlichungsjahr: 2017
Otto, Elsbeth und Paula Modersohn im Garten von Heinrich Vogelers Barkenhoff, um 1904
Paula Modersohn-BeckerOtto Modersohn
Der Briefwechsel
Herausgegeben von Antje Modersohn und Wolfgang Werner
Bearbeitet von Rebecca Duckwitz und Katrin Rascher-Friesenhausen
Paula Modersohn-Becker, Otto Modersohn, am Tisch lesend, um 1904
Gisela Götte»In der Grundanschauung verwandt – in den Äußerungen verschieden«
Editorische Notiz
DER BRIEFWECHSEL
Biographien
Anmerkungen
Literatur
Abbildungsverzeichnis
Personenregister
Otto Modersohn, Paula Becker, am Tisch schreibend, um 1900
Mit dieser Edition des Briefwechsels zwischen Paula Modersohn-Becker (1876-1907) und Otto Modersohn (1865-1943) werden erstmals bisher unveröffentlichte Briefe, Karten und Tagebucheinträge Otto Modersohns mit den 2007 in einer erweiterten Ausgabe erschienenen Briefen und Tagebüchern Paula Modersohn-Beckers in eine dialogische Form gebracht. Zum besseren Verständnis der jeweiligen Zusammenhänge sind diese Zwiegespräche und Selbstzeugnisse mit einigen Texten an andere Briefpartner verknüpft. Die hier vorliegende Publikation füllt mit ihren erstveröffentlichten Texten eine Lücke in der Primärliteratur und soll für die stetig zunehmende Sekundärliteratur zu beiden Künstlern ein weiterführender, substantieller Beitrag sein.
Die vorliegende Ausgabe umfasst den Zeitraum von 1895, dem Jahr der ersten Begegnung Paula Beckers mit der Malerei Otto Modersohns in einer Ausstellung der Kunsthalle Bremen, bis zum Jahr 1908, in dem die Erschütterung der Familie und Freunde nach dem Tod Paula Modersohn-Beckers im November 1907 schriftlichen Ausdruck findet.
Der Briefwechsel belegt die Tage, Wochen und Monate, in denen die Ehepartner räumlich voneinander getrennt waren. Die vier Aufenthalte Paula Modersohn-Beckers in der damaligen Kunstmetropole Paris von insgesamt fast 16 Monaten der Jahre 1900, 1903, 1905 und 1906 nehmen den breitesten Raum der Korrespondenz ein. Die Zeit zwischen Anfang Oktober 1906 bis zur gemeinsamen Rückkehr nach Worpswede Ende März 1907 verbrachte Otto Modersohn in Paris. Lediglich ein knapper Rückblick in seinem »Reisetagebuch« und drei Briefe Modersohns an seine Schwägerin Herma Becker geben über diesen korrespondenzfreien Pariser Winter eine spärliche Auskunft. Gerade in den Monaten der selbst gewählten Abwesenheit Paula Modersohn-Beckers von Worpswede enthalten die Briefe der Künstlerin und die Antwortbriefe Otto Modersohns reichhaltiges Material an maltechnischen, kunsttheoretischen und malereigeschichtlichen Überlegungen, die durch die intensive Auseinandersetzung Paula Modersohn-Beckers mit der Pariser Kunstszene und Museumslandschaft ausgelöst worden sind. Zeitgeschichtliches mischt sich mit der jeweiligen Tagesaktualität, persönliche Erlebnisse und Stimmungsbilder wechseln mit der nüchternen Bestandsaufnahme äußerer Ereignisse.
Die Brieftexte sind weit mehr als nur die Korrespondenz zwischen zwei bildenden Künstlern, die die deutsche Malerei des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts jeder auf seine Weise entscheidend mitgestaltet und geprägt haben. Sie spiegeln vielmehr die facettenreiche Gemeinschaft zweier sehr unterschiedlicher Künstlerpersönlichkeiten wider, die das jeweils eigene Profil auch während ihrer Ehe zu bewahren wussten.
Bereits am 8. Dezember 1900, in der Verlobungszeit mit Paula Becker, notierte Otto Modersohn in sein Tagebuch: »Man muß sich in der Liebe als verschieden empfinden, nicht ineinander aufgehen wollen, nur innig, liebreich berühren. Auf dem Wege bin ich bei meiner Paula. Ihre Art ist von meiner durchaus verschieden. Das (ist) das Beste. Ihr Temperament leichter, freier, heiterer – und das liebe und verehre ich sosehr. Ihr Urtheil in der Kunst selbständig, eigenartig – schätze ich sosehr. Sie bildet ein glückliches Gegengewicht zu mir, und ich zu ihr. So muß es sein. In der Grundanschauung verwandt – kunstdurchglühtes Leben – in den Äußerungen verschieden. Sonst langweilig.« Diese Passage, aus der das Motto vorliegender Publikation stammt, hat bei wechselseitiger, konstruktiver Kritik und mannigfachen Schwankungen im Urteil der Kunst des Anderen ihre Gültigkeit behalten. Bindend waren die gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung im Künstlerischen und Menschlichen trotz zeitweiser Entfremdung zwischen den Partnern.
Der vorliegende Textkorpus zeichnet den gemeinsamen Lebensweg von Paula Modersohn-Becker, der Wegbereiterin der Moderne, mit dem um eine halbe Generation älteren Otto Modersohn nach, dem Mitbegründer der Worpsweder Künstlerkolonie und Hauptvertreter des Worpsweder Naturlyrismus. Zugleich gibt die Publikation neue Auskünfte über das Leben in der Künstlervereinigung in Worpswede der Jahre 1900 bis 1907. Angesprochen werden die Querelen und das wiederum Verbindende zwischen den Gründern der Künstlerkolonie, aus der sich um 1900 auf Heinrich Vogelers Barkenhoff ein Freundeskreis bildete, die sogenannte »Familie«. Paula Becker schilderte diese Gemeinschaft in einem Brief an Marie Hill vom 30. Dezember 1900: »Draußen leben wir eine stille Gemeinde: Vogeler und seine kleine Braut, Otto Modersohn und ich, und Clara Westhoff. Wir nennen uns: die Familie. Wir sind immer sonntags beieinander und freuen uns aneinander, und teilen viel miteinander. So mein ganzes Leben zu leben ist wunderbar.« Zu diesem Freundschaftskreis gehörten auch Paula Beckers Schwester Milly, Rainer Maria Rilke, Carl Hauptmann und Marie Bock. Einblicke in die schon bald ambivalente Beziehung der Modersohns zu dem Ehepaar Rilke, deren wirtschaftlich prekäre Situation zur Selbststilisierung und Abschottung geführt hatte, fügen dem Bild des Worpsweder Künstlerkreises neue Facetten hinzu.
Paula Becker, die nach ihrer zweijährigen professionellen Ausbildung im Berliner Verein der Künstlerinnen 1898 als Anfängerin zur Korrektur bei Fritz Mackensen nach Worpswede kam, heiratete 1901 den damals weithin bekannten Maler Otto Modersohn, der in seiner Kunst seinen Weg bereits gefunden hatte. Mit den gänzlich verschiedenen Voraussetzungen der Biographie und Entwicklung glich diese Verbindung keineswegs dem Lebensmodus der berühmten Künstlerpaare Wassily Kandinsky und Gabriele Münter oder Robert und Sonia Delaunay, die gemeinsam und sich gegenseitig stützend in einem Kreis gleichgesinnter Künstler nach einer neuen Bildsprache suchten.
Es ist deshalb bemerkenswert, dass Paula Modersohn-Becker die Worpsweder Stimmungsmalerei weit hinter sich zurückließ und in einem kurzen Jahrzehnt ein Lebenswerk von europäischem Rang schuf. Ihr Durchsetzungsvermögen und Selbstbewusstsein sprechen aus nahezu allen schriftlichen Selbstzeugnissen der Malerin. Ihre berühmt gewordenen Sätze, die sie am 17. Februar 1906 kurz vor ihrer Abreise nach Paris an den zurückgewonnenen Freund Rainer Maria Rilke schrieb, machten sie zu einer Identifikationsfigur für bildende Künstlerinnen bis heute: »Und nun weiß ich garnicht wie ich mich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker. Ich bin Ich, und hoffe es immer mehr zu werden. Das ist wohl das Endziel von allem unsern Ringen.«
Paula Becker orientierte sich zunächst in Berlin sowie auf Reisen nach München, Leipzig und Dresden an der Kunst in den Museen und den Ausstellungen der Galerien. Mit ihrem Aufbruch nach Paris in der Silvesternacht 1899/1900 erfüllte sie sich ihren sehnlichen Wunsch, nun auch die Kunst der dortigen Museumssammlungen sowie insbesondere die französische Malerei der Moderne kennenzulernen. Überdies nahm sie Unterricht an privaten Akademien, um ihre Ausbildung voranzutreiben. Die an den Bruder Kurt gerichteten Worte vom April 1900 lesen sich wie das Bekenntnis ihrer eigenen Pariser Befindlichkeit: »Siehst Du, das habe ich für Dich gewünscht, daß Du mit Deiner Zeit lebst (…). Dein Nervensystem ist eins unserer Generation.« Offen gegenüber neuen künstlerischen Strömungen, entdeckte sie 1900 in der Galerie Vollard die Bilder des zu dieser Zeit einem breiten Publikum noch weitgehend unbekannten Malers Paul Cézanne und fand in ihm einen ihrem Streben wahlverwandten Künstler. Die späteren Begegnungen mit der Malerei von Maurice Denis, Paul Gauguin, Vincent van Gogh, des Zöllners Henri Rousseau und vermutlich auch Pablo Picassos waren für die nach neuen Bildkonzepten suchende Malerin von wegweisender Bedeutung. Während ihrer Parisaufenthalte setzte sich Paula Modersohn-Becker mit der Kunst der Impressionisten, Pointillisten und Nabis auseinander und sah im März 1905 bei den Indépendants erstmals Werke von Henri Matisse und André Derain. Sie äußerte sich über Gustave Courbet, Edgar Degas, Odilon Redon und Charles Cottet, zeichnete im Louvre nach Gemälden u. a. von Ingres, Cranach und Rembrandt, fertigte Skizzen nach ägyptischen Skulpturen und schulte ihr Formempfinden an den Mumienporträts aus Fayum. Von den Deutschen interessierten sie Anselm Feuerbach, Hans von Marées und vor allem Arnold Böcklin, dessen Tagebuchaufzeichnungen sie gemeinsam mit Modersohn noch während ihrer Verlobungszeit gelesen hatte. Im Januar 1906 besuchte sie zusammen mit Otto Modersohn in Berlin die große Jahrhundertausstellung deutscher Kunst noch vor deren Eröffnung.
Zu ihren Lebzeiten fand die Kunst Paula Modersohn-Beckers kaum öffentliche Anerkennung. Erst 1913, sechs Jahre nach ihrem Tod, setzte mit einer Ausstellung ihrer Werke in dem von Karl Ernst Osthaus gegründeten Folkwang Museum in Hagen ihr Nachruhm ein. Dieser gipfelte 2016, 140 Jahre nach ihrer Geburt, in einer umfassenden Retrospektive in Paris, der ersten in Frankreich.
Otto Modersohn hingegen war schon zu Lebzeiten ein hoch anerkannter, an der Düsseldorfer Kunstakademie ausgebildeter Landschaftsmaler. Als Mitbegründer der Künstlerkolonie feierte er zusammen mit den Worpswedern in der Kunsthalle Bremen und kurz darauf im Münchener Glaspalast 1895 seine ersten künstlerischen Erfolge. Modersohns Malerei stand in der Tradition der französischen Schule von Barbizon, deren Vertreter die Freilichtmalerei propagierten und realistische Stimmungslandschaften schufen, in Abkehr von der klassisch-idealistischen Landschaftskomposition, wie sie auf den Akademien gelehrt wurde. Zu den von Modersohn häufig genannten Künstlern gehörten neben Rembrandt die Barbizon-Maler Millet, Daubigny, Dupré, Rousseau und Corot. Diesen begegnete Modersohn bereits 1888 auf der III. Internationalen Kunstausstellung im Münchener Glaspalast sowie 1889 bei seinem Besuch der Pariser Weltausstellung. Die Auseinandersetzung mit der Malerei Arnold Böcklins, die Modersohn in der Münchner Schackgalerie zur gleichen Zeit sah, führte mehrfach zu kunsttheoretischen Reflexionen in seinen Tagebüchern.
Trotz dieser grundlegend unterschiedlichen Voraussetzungen stellte sich schon frühzeitig, noch zu Lebzeiten von Modersohns erster Frau, ein rasches, künstlerisches Einvernehmen zwischen Paula Becker und ihm ein. Die bei allen ihren Selbstzweifeln kritische Anfängerin und der bereits Arrivierte fanden sich wie selbstverständlich in ihren Sacherörterungen, Empfindungen und Urteilen. Die später in ihrer Ehe häufig gemeinsame Lektüre kunsthistorischer Abhandlungen der damals maßgeblichen Autoren Julius Meier-Graefe und Richard Muther sowie die Rezeption von Künstlermonographien und gegenseitig empfohlener Beiträge in Kunstzeitschriften vertieften den fachlichen Gedankenaustausch zwischen beiden. Nicht zuletzt waren es die gemeinsamen Besuche großer Museumssammlungen, welche kollegiale Gespräche auslösten.
Die Ehe der Modersohns war von gegenseitigem Respekt und Anerkennung getragen. Das Paar gewährte einander Freiräume, wobei die Großzügigkeit Modersohns seiner Frau gegenüber, deren Parisaufenthalte er akzeptierte und finanziell unterstützte, in dieser Zeit keineswegs selbstverständlich war. Die zahlreichen, meist dem Tagebuch anvertrauten Äußerungen Otto Modersohns zur Kunst Paula Modersohn-Beckers schwankten zwischen Wertschätzung und Kritik. »Wie ich ihr von dem Intimen geben kann – so sie mir vom Großen, Freien, Lapidaren. (…) Wundervoll ist dies wechselseitige Geben und Nehmen; ich fühle wie ich lerne an ihr und mit ihr. (…) Sie ist eine echte Künstlerin, wie es wenige gibt in der Welt, sie hat etwas ganz Seltenes. (…) Keiner kennt sie, keiner schätzt sie – das wird anders werden«, notierte der Maler am 15. Juni 1902 in sein Tagebuch. Doch nur wenige Tage später, am 28. Juni, klagte er: »Egoismus, Rücksichtslosigkeit ist die moderne Krankheit. Nietzsche der Vater. (…) Leider ist Paula auch sehr von diesen modernen Ideen angekränkelt. (…) Ob wohl alle begabten Frauenzimmer so sind? Begabt in der Kunst ist Paula ja sehr, ich bin erstaunt über ihre Fortschritte. Wenn sich damit doch mehr menschliche Tugenden verbänden.« Und wiederum wenige Tage später, am 7. Juli 1902, gestand sich Otto Modersohn ein, dass er mit seiner Frau zurzeit nicht »mitkomme«. Er rühmt ihren Farbensinn und ist »einfach paff« darüber: »Das rüttelt mich auf. Diese kleine Deern soll besser malen wie du, der Deubel, das wäre doch! (…) Mir sind die Augen offen. Das wird ein Wettlauf.«
»Ein Kunstwerk ist ein Stück Natur, gesehen durch ein Temperament«, diesen berühmten Satz Emile Zolas machte sich Otto Modersohn einen Tag nachdem ihm seine Frau mit ihren Arbeiten die Augen geöffnet hatte, am 8. Juli 1902, zu eigen. In Abwandlung dieser Maxime bekennt der Maler: »Nur das Gefühl schafft gute, echte Kunst. Nur im Furor, in der Leidenschaft kann etwas Feines, Lebensvolles, echt Künstlerisches entstehen. (…) Denn alle meine Franzosen zeigen dies Temperament, diese Leidenschaft: Natur gesehen durch eigenes Temperament.« Mit dieser Feststellung verabschiedete sich Modersohn nach »7jährigem Schlafe« von einer Bildauffassung, die allein die Natur als große Lehrmeisterin beschwört und der er 1895 seinen ersten großen Erfolg schuldete.
Für Paula Modersohn hingegen war die Natur gleichsam nur ein Vorwand bei ihrer Suche nach einem neuen, bildkünstlerischen Wortschatz. Der Bildauffassung der Nabis entsprechend, deren Malerei sie in Paris kennengelernt hatte, erachtete sie den Bildwert gegenüber dem Darstellungswert als vorrangig: »Ich glaube, man müßte beim Bildermalen gar nicht so an die Natur denken, wenigstens nicht bei der Konzeption des Bildes. Die Farbenskizze ganz so machen, wie man einst etwas in der Natur empfunden hat. Aber meine persönliche Empfindung ist die Hauptsache. Wenn ich die erst festgelegt habe, klar in Form und Farbe, dann muß ich von der Natur das hineinbringen, wodurch mein Bild natürlich wirkt, daß ein Laie gar nicht anders glaubt, als ich habe mein Bild vor der Natur gemalt«, schrieb sie am 1. Oktober 1902. Wenige Monate später, im Februar 1903, notierte sie in ihr Pariser Tagebuch: »Die große Einfachheit der Form, das ist etwas Wunderbares.«
Beide Künstler trafen sich freilich in einer Kunstanschauung, deren Devise lautete: »Das Ding an sich – in Stimmung«, eine Formulierung, mit der Otto Modersohn im April 1902 das »alte Thema« seiner Bilder »nicht im Sinne des gewöhnlichen Naturalismus« deutete und hinzufügte, dass er diese früher mit »Paula« oft gebraucht habe. Bereits im Juli 1901 notierte Modersohn in sein Tagebuch: »Das Ding an sich ist mein Ziel, das Ding an sich in Stimmung. Daß das merkwürdige Einzelne da ist und gesehen wird – mein Ziel.« Damit übertrug Otto Modersohn den von Descartes über Immanuel Kant zum philosophischen Modewort gewordenen Begriff »Das Ding an sich« auf die Gattung der Malerei und apostrophierte eine Wirklichkeit, die unabhängig für sich besteht. Gegenstände der Sinnenwelt sind Erscheinungen jenseits der Art, wie der Künstler sie anschaut. Sowohl Paula wie Otto Modersohn hatten mit der bildnerischen Auswertung dieser Maxime einen breiten Spielraum.
Ein immer wiederkehrendes Thema, insbesondere in den Tagebucheinträgen von Otto Modersohn, waren Überlegungen zu Farbe, Form, Technik und Malmittel: »Ich will in Zukunft riesig auf Technik achten, was ich nie recht gethan. Nur die Lasurwuth, die ich ganz schablonenhaft, unfein anwandte entsprang einem falsch verstandenen Verlangen nach Technik«, notierte der Maler am 21. August 1902. Wenige Monate später, am 17. Februar 1903 schrieb er seiner Frau aus Worpswede nach Paris begeistert über seine Entdeckung der Ölfarbstifte: »Und nun meine Kunst. Seit Du fort bist, habe ich den Stein der Weisen entdeckt. Diese Raffaellistifte sind über Untermalung fabelhaft. (…) Noch nie bin ich so von einer Technik fasciniert. Ich möchte alles aber alles damit versuchen, alle meine angefangenen Bilder. (…) Ich habe jetzt 40 verschiedene im Gebrauch. Tempera war besser wie Öl, aber diese Stifte sind erst das Wahre.« Im selben Monat notierte er in sein Tagebuch: »Durch den ganzen Apparat der früheren Techniken, was ging da von innerem Reiz, Frische, Gefühl verloren.« Dennoch fand selbst Paula Modersohns kollegiale Kritik an seiner Malerei mit Raffaellistiften, die sie nach ihrer Rückkehr aus Paris ihm gegenüber geäußert haben musste, in Modersohns Tagebuch vom 23. März ein positives Echo. Unter der Überschrift »Merkwürdiges Colorit« vermerkte Otto Modersohn in seinem Tagebuch vom 15. September 1902: »Von Anfang an betrachtete ich Colorit als meine Domäne, ich hielt mich darin für besonders begabt, es fiel mir leicht, irgendeine Stimmung auszudrücken. (…) Paula war die erste, die immer an meinem Colorit Anstoß nahm, allmählich und immer mehr sehe ich das auch ein. (…) Sie hat überhaupt von allen Malern und Malerinnen, die mir nahe gekommen, die meiste Ahnung und Auffassung für ein merkwürdiges Colorit.«
Erst im Dezember 1905 verriet ein Eintrag in Modersohns Tagebuch, wie weit sich Paula Modersohn-Becker mit ihrer Bildauffassung von seiner eigenen im Laufe der Jahre entfernt hatte: »Paula macht mir in ihrer Kunst lange nicht soviel Freude wie früher. Sie nimmt keinen Rath an – das ist sehr thöricht und schade. Riesige Kraftvergeudung. Was könnte die machen! Malt lebensgroße Akte und das kann sie nicht, ebenso lebensgroße Köpfe kann sie nicht. Und da ist sie drauf erpicht – wie ich früher auf meine Märchen. Ihre herrlichen Studien läßt sie liegen. (…) Sie ist hochkoloristisch – aber unmalerisch-hart besonders in ausgeführten Figuren. Verehrt primitive Bilder, sehr schade für sie – sollte sich malerische ansehen. Will Farbe und Form vereinigen – geht gar nicht in der Weise wie sie es macht. Sie mag die Form nicht unterdrücken – großer Fehler – sie denkt zu wenig über ihre Kunst nach – arbeitet immer in denselben Anschauungen – kommt nicht weiter.« Ein Jahr später, im Dezember 1906, revidierte Otto Modersohn in einem Brief aus Paris an seine Schwägerin Herma Becker dieses Urteil: »Paula malt riesig und macht bedeutende Fortschritte.«
Die Briefe und Tagebücher Paula Modersohn-Beckers und Otto Modersohns sind keine literarischen Schöpfungen, wie sie in besonderem Maße aus der Briefkultur des 19. Jahrhunderts bekannt sind. Sie sind spannungsreiche Zeugnisse der persönlichen und künstlerischen Entwicklung beider Briefpartner, ihrer Erfahrungs- und Lebensgeschichten. Gegenseitige, glühende Liebesbezeugungen mit einer bisweilen drastischen Ausmalung intimer Momente wechseln sich ab mit begeisterten oder auch kritischen Berichten über Kunst, mit Schilderungen familiärer Situationen, alltäglichen Erlebnissen und Selbstreflexionen. Persönliche Nähe und Distanz, Sehnsucht nach dem vermissten Briefpartner und Verbitterung ihm gegenüber bestimmen in ihrer Vielfarbigkeit den vitalen Dialog zwischen den Eheleuten, der durchwegs von Aufrichtigkeit und gegenseitigem Vertrauen getragen war.
Ergreifend ist die Sprachform der Wiederholung, deren sich Otto Modersohn bediente, als seine Frau ihn im Frühjahr 1906 für immer verlassen wollte und nach Paris aufgebrochen war. Um sie wieder zurückzugewinnen, beschwor er sie in seinem Brief vom 25. Juni siebzehn Mal nacheinander mit der Formel »Noch einmal sag, ich sollte mit Dir (…)« und bat sie, doch zu versuchen, ihr Leben noch einmal mit ihm zu teilen.
Die Brieftexte von Paula Modersohn-Becker zeichnen sich häufig, im Unterschied zu den meist eher sachlich gehaltenen Äußerungen Modersohns, durch den Gebrauch von Metaphern aus. Das eigentliche Wort oder auch die Beschreibung des realen Hergangs werden vermieden und durch ein sachfremdes Vokabular ersetzt. Zwischen beiden besteht eine Analogie, die mit einer Bedeutungserweiterung einhergeht. Dieses Mittel einer poetischen Redeweise wendet Modersohn-Becker gerne für die Schilderung intimster Vorgänge an. Während ihrer Verlobungszeit mit Otto Modersohn schrieb sie ihm im September 1900: »Wir müssen uns erst die tausend andern Blumen unseres Liebesgartens pflücken ehe wir uns in einer schönen Stunde die wunderbare tiefrote Rose pflücken.« Und während der ersten großen Trennung von ihrem Mann versprach sie ihm am 7. November 1902: »Wenn Du wieder kommst, sollst Du alles, alles haben. Ich lege alles in Deine Hände. Nur das Letzte, Köstlichste, das Kleinod, das wickle ich in ein seiden Tuch und grabe es in die Erde und pflanz ein Blümelein darauf und im Mai wenn meine Blume duftend blüht in Seligkeit, beseligend, dann lüfte ich leise das Tüchlein und wir schauen beide fromm das Allerheiligste.« Doch auch im Alltagsleben, im Blick auf die Passanten mitten im Trubel der Großstadt Berlin dachte und schrieb Paula Becker im Januar 1901 in Analogien und Metaphern: »Dabei sind es zarte, vibrierende, sensitive Frauen, Gartenblumen, und mein Blühen ist doch so sehr im Felde.« Höchst bemerkenswert ist, dass die Künstlerin ihre Sprachbilder auf ihre Bildsprache überträgt. In ihren Porträts werden die attributiven Pflanzen, Blüten und Früchte zu Bedeutungsträgern und damit zu Metaphern der im Bild vergegenwärtigten Person.
Das Motto »In der Grundanschauung verwandt – in den Äußerungen verschieden«, das dem vorliegenden Briefwechsel zwischen Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn vorangestellt ist, definiert zutreffend das Streben beider Künstler, der jeweils eigenen, individuellen Entfaltung gebührend Raum zu geben. Sie waren weder Rivalen noch Konkurrenten, vielmehr trafen sie sich im fortwährenden Ringen um die Kunst und im schöpferischen Diskurs über ihre bildkünstlerischen Anschauungen. Als schriftliche Zeugnisse eines »kunstdurchglühten Lebens« erhellen die Briefe und Tagebucheinträge Paula und Otto Modersohns ein Stück weit das Schaffen ihrer Verfasser.
Sämtliche erhaltenen Briefe und Karten, die Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn einander schrieben, werden hier erstmals vollständig veröffentlicht. Der Briefwechsel ist weitgehend lückenlos erhalten und umfasst 92 Briefe und Karten Paula Modersohn-Beckers sowie 70 Briefe und Karten Otto Modersohns. Diese liegen im Original vor und befinden sich in der Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen, bis auf den Brief Paula Modersohn-Beckers vom 12. 2. 1903. Die Karten vom 31. 3. 1900 und 18. 2. 1903 sind dort als Kopien vorhanden. Aus den inhaltlichen Bezügen ergibt sich, dass nur einige wenige Briefe fehlen.
Die Briefe und Karten werden ungekürzt wiedergegeben, Schreibweise und Zeichensetzung, manchmal sehr eigenwillig, wurden beibehalten. Sinnentstellende Fehler sind durch [!] kenntlich gemacht, fehlende Buchstaben oder Worte falls nötig in eckigen Klammern ergänzt. Mit Initialen abgekürzte Namen werden bei der ersten Nennung im jeweiligen Text ergänzt. Sind Familienmitglieder nur mit ihrem Vornamen genannt, werden diese mit Verweis auf den vollständigen Namen im Namensregister aufgeführt.
Für Briefe ohne Orts- und Datumsangaben wurden diese wenn möglich nach dem Poststempel ermittelt und in eckigen Klammern angegeben. Durchgestrichene Worte sind nicht aufgenommen, Unterstreichungen wiedergegeben und Einfügungen in den laufenden Text eingegliedert. Letztere werden nur kenntlich gemacht, wenn sie nicht in den Textfluss passen.
Die Briefe und Karten Paula Modersohn-Beckers werden nach der 2007 im S. Fischer Verlag erschienenen revidierten und erweiterten Ausgabe Paula Modersohn-Becker in Briefen und Tagebüchern, hg. von Günter Busch und Liselotte von Reinken, wiedergegeben.
Die Briefe und Karten Otto Modersohns sind hier erstmals in Gänze veröffentlicht. Auszüge aus folgenden Briefen finden sich in Paula Modersohn-Becker in Briefen und Tagebüchern, 2007: 7. 2. 1900, 17. 2. 1900, 25. 3. 1900, 4. 4. 1900, 20. 5. 1900, 30. 5. 1900, 22. 1. 1901, 25. 2. 1901, 2. 3. 1901, 16. 3. 1906, 30. 5. 1906, 12./13. 6. 1906, 22. 6. 1906, 2. 10. 1906.
Ergänzt wird diese Ausgabe durch einige Briefe Paula Modersohn-Beckers an ihre Eltern, ihre Geschwister Kurt, Milly und Herma, an ihre Tante Cora von Bültzingslöwen sowie Briefe Otto Modersohns an Herma Becker und Milly Becker/Rohland. Weiter enthält der Briefwechsel einige Dokumente Dritter, die zum Verständnis des jeweiligen Kontextes wichtig erschienen.
Neben dem Briefwechsel, der im Wesentlichen die Zeiten der Parisaufenthalte Paula Modersohn-Beckers umfasst, enthält das Werk Auszüge aus den Tagebüchern von Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn. Paula Modersohn-Beckers Tagebücher waren im Zweiten Weltkrieg in Bunzlau ausgelagert und gingen verloren. Sie werden zitiert nach der Ausgabe von 2007, die auf den älteren Ausgaben ab 1913 fußt.
Die umfangreichen Tagebücher Otto Modersohns hingegen sind im Original erhalten. Keine Aufzeichnungen liegen für die Zeit von Mai 1906 bis Ende Januar 1908 vor. In den verschiedenen Publikationen über Otto Modersohn wurden bereits kürzere Auszüge aus seinen Tagebüchern veröffentlicht, insbesondere die darin festgehaltenen Überlegungen zu seiner Kunst. Mit dieser Ausgabe werden aus seinen Tagebüchern, die sich in der Otto-Modersohn-Stiftung in Fischerhude befinden, erstmals größere, zusammenhängende Passagen zitiert. Von den sich in Varianten wiederholenden künstlerischen Überlegungen und den Reflexionen zu seiner eigenen Kunst und Maltechnik wurden jeweils die umfangreichsten und aussagekräftigsten ausgewählt. Weiter geben diese nicht nur einen Einblick in das Miteinander von Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker, sondern auch in die Worpsweder Künstlergemeinschaft zwischen 1900 und 1907, insbesondere zu Martha und Heinrich Vogeler, Fritz und Hermine Overbeck, Fritz Mackensen sowie zu Rainer Maria Rilke und Clara Rilke-Westhoff. Die Angaben der verschiedenen Reisen beruhen auf Otto Modersohns Reisetagebuch. Zeichensetzung und Rechtschreibung entsprechen hier ebenfalls dem Original.
Die Worpsweder Maler v. l. Hans am Ende, Otto Modersohn, Fritz Overbeck, Fritz Mackensen, 1895
Paula Becker an ihren Bruder KurtBremen, Schwachhauser Chaussee 29den 27. April 1895
Mein lieber, alter Bruder,
[…] Diese Woche war ich eine eifrige Besucherin der Kunsthalle. Hast Du, wie Du hier warst von den Worpsweder Malern gehört? Natürlich! Die haben jetzt ausgestellt und wirklich einige ganz famose Sachen. 1 Du hörtest gewiß auch von der Haidepredigt 2, die der eine von ihnen, Mackensen, in einem eigens dafür gebauten Glaswagen, malte. Dies ist ein riesig interessantes Bild. Die Gemeinde sitzt im Freien vor ihrem Priester. Aber wie lebenswahr der Künstler die einzelnen lebensgroßen Gestalten getroffen hat. Die leben alle. Natürlich alles riesig realistisch aber ganz famos. Das einzige, was ich nicht ganz verstehen kann, ist die Perspektive. Ich möchte da riesig gern mal mit jemandem Kunstverständigen darüber sprechen. Weißt Du, das ganze scheint sich nach unten zu senken, als ob es fiele? Ob das richtig ist und unsere sich verkürzende Perspektive nur etwas künstlich Anerzogenes ist. Ich kann mir das gar nicht denken.
Sonst interessierte mich noch riesig ein Modersohn. Der hat die verschiedenen Stimmungen in der Heide so schön geschildert, sein Wasser ist so durchsichtig und die Farben so eigenartig. Auch ein junger Bremer Vogeler, Du wirst ihn wohl kennen, er war auf dem Bazar einer von den hübschen Italienern, der hat aber ganz verrückte Sachen gemacht. Er malt die ganze Natur nach der vorraphaelischen Zeit ganz stilisiert. In unserm modernen Jahrhundert kann man aber über solche Späße nur noch den Kopf schütteln. Dr. Hurm ist natürlich für seinen Schützling Feuer und Flamme. Ich habe ihn zuvor selbst nicht darüber gesprochen, aber in der Kunsthalle sah ich ihn mehrmals von weitem, da machte er einen äußerst begeisterten Eindruck. […]
Denk manchmal ein bißchen mündlich und schriftlich an
Deine treue Schwester
Otto Modersohn, Tagebuch
14. Jan. 97. Das ist u. bleibt mein Ziel u. Str[e]ben: Ich will nicht im Sinne der meisten Landschafter nur große Stimmungen malen, das athmosphärische, das Wetter sondern ich will dieses verbinden mit dem Streben nach Formen, mit den intimen, reichen Reizen der Einzelheiten. Der Gegenstand ist mir auch hochwichtig. In der Vereinigung von dem beiden, wie ich es mir denke, liegt mein höchstes Glück, liegt mein originelles, neues. Solche Bilder, nicht zu groß, delikat vorgetragen, mit köstlichem Kolorit, werden leicht – am ersten – Liebhaber finden. Wie u. wo man sie nur malt, ist gleich. Entweder draußen vor d. Natur, oder nach Zeichnungen Studien, das ist schließlich gleich; nur auf d. Ziel kommt es an. Kein Naturalismus i. gewöhnlichen Sinne. – […]
25. III. [1897] […] Naturstudium ist gewissermaßen die Grammatik. Man muß die Grammatik einer Sprache beherrschen, wenn man sich in ihr ausdrücken will. So auch muß man die Natur kennen u. verstehen, wenn man sich in ein[em] Kunstwerk ausdrücken will – […] Man muß malen, was die Seele empfindet, nicht was d. Verstand weiß u. sieht. – […]
12. IV. [1897] Gegen nichts habe ich eine solche Abneigung als gegen Convention in Kunst u. Leben. Ein conv. Leben wird immer eine conv. Kunst erzeugen. […]
Paula Becker, TagebuchWorpswede, den 24. Juli 1897
Worpswede, Worpswede, Worpswede! Versunkene-Glocke-Stimmung 3! Birken, Birken, Kiefern und alte Weiden. Schönes braunes Moor, köstliches Braun! Die Kanäle mit den schwarzen Spiegelungen, asphaltschwarz. Die Hamme mit ihren dunkeln Segeln, es ist ein Wunderland, ein Götterland. Ich habe Mitleid mit diesem schönen Stück Erde, seine Bewohner wissen nicht, wie schön es ist. Man sagt es ihnen, sie verstehen es nicht. Und doch braucht man kein Mitleid zu haben, nein, ich habe keins. Nein, Paula Becker, hab es lieber mit Dir, daß Du nicht hier lebst. Und das auch nicht. Du lebst ja überhaupt, Du Glückliche, lebst intensiv, das heißt: Du malst. Ja, wenn das Malen nicht wäre?! Und weshalb Mitleid haben mit diesem Land? Es sind ja Männer da, Maler, die ihm Treue geschworen haben, die an ihm hängen mit unendlicher, fester Männerliebe! Da ist erst Mackensen, der Mann mit den goldenen Medaillen in den Kunstausstellungen. Er malt Charakterbilder von Land und Leuten, je charakteristischer der Kopf, desto interessanter. Er versteht den Bauern durch und durch. […] Der zweite im Reigen ist der kleine Vogeler, ein reizender Kerl, ein Glückspilz. Das ist mein ganzer Liebling. Er ist nicht so ein Wirklichkeitsmensch wie Mackensen, er lebt in einer Welt für sich. Er führt bei sich in der Tasche Walther von der Vogelweide und »Des Knaben Wunderhorn« 4. Darin liest er fast täglich. Er träumt darin täglich. Er liest jedes Werk so intensiv, den Sinn des Wortes so träumend, daß er das Wort selbst vergißt. So kommt es, daß er trotz des vielen Lesens keins der Gedichte auswendig weiß. Im Atelier in der Ecke steht seine Gitarre. Darauf spielt er verliebte alte Weisen. Dann ist er gar zu hübsch anzusehen, dann träumt er mit seinen großen Augen Musik. Seine Bilder haben für mich etwas Rührendes. Er hat sich die altdeutschen Meister zum Vorbild genommen. Er ist ganz streng, steif streng in der Form. Sein Frühlingsbild: Birken, zarte, junge Birken mit einem Mädchen dazwischen, die Frühling träumt. 5 Sie ist sehr steif, fast häßlich. Und doch ist es für mich etwas Rührendes, zu sehen, wie dieser junge Kerl seine drängenden Frühlingsträume in diese gemessene Form kleidet. Das strenge Profil des Mädchens schaut sinnend einem kleinen Vogel zu; fast ist es eines Mannes Sinnen, fast wäre es eins, wenn es nicht wieder so etwas Gehaltenes, Träumendes in sich hätte. Das ist der kleine Vogeler. Ist er nicht reizend?
Dann ist da noch der Modersohn. Ich habe ihn nur einmal gesehen und da auch leider wenig gesehen und gar nicht gefühlt. Ich habe nur in der Erinnerung etwas Langes in braunem Anzuge mit rötlichem Bart. Er hatte so etwas Weiches, Sympathisches in den Augen. Seine Landschaften, die ich auf den Ausstellungen sah, hatten tiefe, tiefe Stimmung in sich. Heiße, brütende Herbstsonne, oder geheimnisvoll süßer Abend. Ich möchte ihn kennenlernen, diesen Modersohn.
Nun kommt der Overbeck. Ihn habe ich versucht, fühlend zu sehen. Ich habe ihn aber nicht richtig fassen können. Seine Landschaften sind tollkühn in der Farbe, doch haben sie nicht das Modersohnsche Empfinden. Hans am Ende kenne ich gar nicht. […]
Paula Becker an ihre ElternWorpswede, Juli 1897
[…] Als ich heimkehrte, begann ich draußen zu malen, aber der Himmel machte mir einen Strich durch die Rechnung und schickte gewaltigen Regen. Da beschlossen wir, zu Hans am Ende zu gehen, den wir bis jetzt nur flüchtig sahen. Er zeigte uns viele seiner Skizzen und vorzügliche Radierungen. Dazwischen Klingersche Sachen, einen schönen Dürer und Arbeiten der Worpsweder Freunde. Er konnte mit wenig Worten einen ganzen Menschen zeichnen. Alles was er sagte, war nach meinem Geschmack. […] Vorgestern abend hatten wir köstliche Stunden bei Heinrich Vogeler im Atelier und Sonntag werden wir bei Mackensen sein.
Das Leben ist beinahe zu schön für Euer Kind
Paula Becker an ihre ElternWorpswede, August 1897
Ihr Lieben!
[…] Heute habe ich mein erstes Pleinairporträt 6 in der Lehmkuhle gemalt. Ein kleines, blondes, blauäugiges Dingelchen. Es stand zu schön auf dem gelben Sand. Es war ein Leuchten und Flimmern. Mir hüpfte das Herz. Menschen malen geht doch schöner als eine Landschaft. Merkt Ihr, daß ich nach einem langen fleißigen Tage todmüde bin? Aber innerlich so friedlich, fröhlich. […]
Paula Becker an ihre Tante Cora von BültzingslöwenWorpswede, d. 7. Sept. 1898.
Meine liebe Tante Cora,
Mein erster Abend in Worpswede. In meinem Herzen Seligkeit und Frieden. Um mich herum die köstliche Abendstille und die vom Heu durchschwängerte Luft. Über mir der klare Sternenhimmel. Da zieht so süße Seelenruhe ins Gemüt und nimmt sanft Besitz von jeder Faser des ganzen Sein[s] und Wesens. Und man giebt sich ihr hin, der großen Natur, voll und ganz und ohne Vorbehalt. Und sagt mit offenen Armen »Nimm mich hin«. 7 Und sie nimmt uns und durchsonnt uns mit ihrem Übermaß voll Liebe, daß solch ein kleines Menschenkind ganz vergißt, daß es von Asche sei, daß es zu Asche werde. –
[…] Dann Nachmittags eine traumhafte Stunde beim Maler Vogeler, der Märchen malt, und Märchen lebt, und der uns in seinem Märchensaal Traumstühle anbot, auf denen Kurt und ich friedlich und freudig ein anderes Dasein führten. Dann ging es wieder hinein tief in das Moor. Wieder an blanken Kanälen entlang, an lachenden Birken vorbei. Es war holdeste, reinste Böcklinstimmung.
Martha Vogeler, geb. Schröder, um 1898
– Und nun ein Wort zum Praktischen dieser Welt. Bist Du wohl so freundlich und sendest mir 50 M. und schreibst mir wieviel Geld ich noch habe? Ich genieße mein Leben mit jedem Atemzug und in der Ferne glüht, leuchtet Paris. Ich glaube wirklich, daß mein stillster, sehnlichster Wunsch sich verwirklichen wird. Ich wollte ihn früher gar nicht aussprechen, so verwegen schien er mir. Desto mehr hegte ich ihn in meinem Herzen auf daß er wuchs und ward das Größte unter meinen Kräutern. Fürs erste ist es nur ein halbes Jahr, aber ein halbes Jahr hat viele Tage und jeden einzelnen will ich von Herzen wahrnehmen.
[…] und sei selbst zärtlich geküßt von
Deiner Dich innigliebenden Nichte Paula
Meine Adresse
bei Frau Siem
Worpswede bei Bremen.
Paula Becker, Tagebuch[Dezember 1898]
Mir soll die Natur größer werden als der Mensch. Lauter aus mir sprechen. Klein soll ich mich fühlen vor ihr Großen. So will es Mackensen. Das ist das A und O seiner Korrektur. Inniges Nachbilden der Natur, das soll ich lernen. Ich lasse zu viel meinen eigenen kleinen Menschen in den Vordergrund treten.
Da ging mir heute ein Licht auf bei Fräulein Westhoff. Die hat jetzt eine alte Frau modelliert, innig, intim. 8 Ich bewunderte das Mädel, wie sie neben ihrer Büste stand und sie antönte. Die möchte ich zur Freundin haben. Groß und prachtvoll anzusehen ist sie und so ist sie als Mensch und so ist sie als Künstler. Wir sind heute auf kleinen Pritschschlitten den Berg hinuntergesaust. Das war eine Lust. Das Herz lachte und die Seele hatte Flügel. Leben –.
Paula Becker, TagebuchWorpswede, den 30. März 1899
Carl Vinnen war auf zwei Tage in Worpswede. Er ist ein feiner lieber Mensch und ein Künstler mit Leib und Seele. Er hat jetzt in Bremen eine ganze Reihe Bilder ausgestellt, große schöne Sachen, entstanden aus inniger Liebe zur Natur, die das eigene Menschlein in den Hintergrund stellt. Und doch fühlt man heraus: der Mensch steht über den Dingen, das gibt ihm diese große einfache Anschauung.
Er gab gestern ein kleines Fest im Atelier von Otto Modersohn. Es war mein hübschester Abend hier draußen unter den Künstlern. Überall mit den Augen auf Modersohnsche Birken und Kanäle zu stoßen, das ließ ich mir gefallen. Zudem war der Raum so fein gemütlich. Schummerbeleuchtung mit Papierlaternen. Zwei gedeckte Tische, einen für die Erwachsenen und einen Kindertisch. An letzterem Fräulein Westhoff und ich, Vogeler, der junge Mackensen 9 und Alfred Heymel, der frühere Besitzer unseres Caro. Letzterer machte mir Spaß. Vogeler hatte mir gerade Gedichte von ihm10 gegeben, die ich als solche nicht so hoch schätze, als daß mir der Geist gefällt, der daraus spricht, die junge Kraft, die sich selbst spürt und beweisen möchte. Er sitzt nun in München zwischen Künstlern eingepökelt, allen unsern feinsten, modernsten. Gibt mit seinem Vetter Rudolf Alexander Schröder eine Zeitschrift heraus »Die Insel«11 usw.
Nachher setzte sich Vogeler hin mit seiner Gitarre und sang nigger songs. Zum Schluß wurden die Tische beiseite geschoben und wir tanzten.
Heymel hatte eine Idee vom Tanz, dachte sich Ringelreihen aus, so daß ich nie genug hatte. Dabei das weibliche Gefühl, daß mein neues grünes Sammetkleid fein saß und sich einige an mir freuten.
Heute früh besuchte mich Vinnen und schaute sich meine Sachen an. Daß solch ein Künstler mich ernst nimmt, das ist mir eine Riesenfreude. Er lobte das Malerische, Tonige und war mit vielem zufrieden.
Ich habe eine Nachtigall gehört, eine Nachtigall in Boltes Garten. Neulich abends zirpte eine Grille und über mir schwirrte eine Fledermaus: Das Leben wird immer schöner.
[Helene Modersohn:] Liebes Fräulein Becker. Raten Sie, was dies sein soll?, mein Mann nennt es »das Meer«. Es ist der Blick von unserem Balcon, aber man weiß nicht recht, ob in die Höhe od. die Tiefe. –
Karte von Helene und Otto Modersohn an Paula Becker
[Otto Modersohn:] L. Frl. B. Halben Nordpol schon entdeckt, leider keine Robbe gesehen bisher, um sie Ihnen in einer Käseglocke zu übersenden zu näherer Beobachtung u. Bestimmung. Im übrigen senden wir Ihnen viele freundl. Grüße
Otto Modersohn und Frau.
Binz a/Rügen
15. IX. 99.
Paula Becker an ihre Schwester MillySonntag [September 1899]
Liebe Milly,
[…] Ich bin immer noch tüchtig fleißig. Neulich war Modersohn da. Der hat mir so viel Liebes über meine Sachen gesagt, daß ich fast gar nicht mehr glaubte, daß es meine Sachen waren. Das war lieblich. Gerade Modersohns Urteil ist mir sehr viel wert. Hinterher zwar bekommt man doch wieder einen kleinen Jammer aus Furcht vor Größenwahn. Na, davon mündlich. Mich freut es hauptsächlich für die Eltern. Ich selbst habe ja mein Teil Glück schon vorweg.
Otto Modersohn, Tagebuch
15 Dec. [1899] Gestern den ganzen Morgen Frl. Becker bei mir – über alles mögliche gesprochen. Bilder, Compositionen, Studien besehen. Großes Interesse für m. Comp. Immer mehr muß u will ich diese ganz aus m. Gefühl entsprungenen Sachen malen. Gefühl durch u durch. Die Farbenstimmung entspricht dem Gefühl dem Stoff: unheimlich, düster, recht muckelig, sonderbar, melancholisch, leidenschaftlich, heiter, anmuthig, fröhlich, etc. etc.
»Das Mittel der Kunst ist die Natur, ihr Zweck: Erregung der Seele.«
Solch persönlichste, ganz u gar gefühlsmäßige Kunst ist mein Stern und Ziel. Darin werde ich ganz originell sein, keiner will so etwas:
20 Dec. Ich schrieb einen langen Sermon über die Weichheit in mein Tagebuch (I.) Ich bezeichnete mit Recht die W. [Weichheit] als höchstes u. letztes m. Kunst. In der Malerei giebts nichts, was sosehr meinem innersten Wesen entspringt, als Weichheit. Früher wollte ich mehr reiche Farbengegensätze jetzt, einheitlichere Farbenakkorde. Mag ich das eine, oder das andere wollen die Forderung, die Tugend der Weichheit ist immer dieselbe. Weichheit ist u bleibt die höchste malerische Tugend.
An Otto ModersohnBremen, Wacht Str. 43.D. 30. 12. 99.
Lieber Herr Modersohn,
Hier mit vielen Dank Ihre Paulyrede12 zurück. Sie hat mir in Lilienthal die halbe Stunde des Wartens auf den Omnibus sehr angenehm verkürzt. Sylvester-Nacht um ½ 2 Uhr tret' ich die große Reise an. Das wird ein lieblich Stündlein geben, wenn ich diesen Bremer Staub von den Füßen schüttele. Hurrah! Augenblicklich ist in meinem armen Kopfe ein Chaos: Packen, Adieusagen, Fitgergespräche!!!13, Pariser Pläne und Mozartarien, die meine Schwester im selben Zimmer singt. Deshalb also nur recht fröhliche Neujahrsgrüße Ihnen und Ihrer lieben Frau. Also im neuen Jahrhundert werde ich in diesem großen Sündenloch von Paris oft an Ihr liebes, stilles Häuslein denken, nicht nur bei Jules Dupré und dem Leuchter.
Also noch mals auf frohes Wiedersehn.
Ihre Paula Becker.
Die Weser ist aufgebrochen. Man sieht wieder das lebendige Wasser und nicht mehr das tote Eis. –
An Otto und Helene Modersohn
Paris, d. 17. 1. 1900
9 Rue campagne première
Lieber Herr Modersohn und liebe Frau Modersohn,
In den hilflosesten Momenten, die ich hier in Paris verbracht habe, ließ ich meine Gedanken immer nach Worpswede wandeln. Das ist immer ein wundervolles Mittel, denn dann legt sich bald das Chaos in mir und es kommt eine sanfte Stille über mich. Ja, Paris ist wundervoll; aber man braucht Nerven dazu, Nerven und nochmal Nerven; aber starke, frische, aufnahmefähige. Und die sich bei dieser Überfülle von Eindrücken zu bewahren, das ist nicht leicht. Darum sind auch die Leute hier meist blasiert, sehen wenigstens so aus. Sie können wohl für den Augenblick geistreich sein oder lebhaft; aber ein einfaches, tiefes, großes Gefühl, wie wir es haben, das kennen sie wenig. Das fiel mir auch so in der Kunst auf. Da feuerwerkern sie düchtig, und haben Esprit die Hülle und Fülle und jenes Kribbeln in den Fingerspitzen; das Einfache aber das Tiefste aber das haben sie nicht. Ich glaube Paris läßt Einen nicht dazu kommen, ein Gefühl ordentlich auszufühlen. Mit vollen Händen reicht es immer neue, schöne Sachen. Oder liegt es an mir. Bin ich zu langsam und ungeschickt im Verarbeiten der einzelnen Eindrücke? Ich weiß es selbst noch nicht. Sie meinen nun wohl, es gefiele mir hier nicht? Im Gegenteil, wenn der Mammon nichts dagegen hat, bleibe ich hier noch lange über den Frühling hinaus, denn mir kommt es vor, als ob man auf Schritt und Tritt lernte. Das Louvre! Das Louvre hat mirs angethan. Jedes mal, wenn ich dort bin fließt es wie ein reicher Segen auf mich nieder. Ich komme Tizian im Verständnis näher und lerne ihn lieben. Und dann eine süße Botticelli-Madonna mit roten Rosen hinter sich auf grünblauem Himmel stehend14. Und dann Fiesole mit rührenden kleinen biblischen Geschichten, so einfach erzählt und manchmal wundervoll in der Farbe. Ich fühle mich so wohl unter dieser Gesellschaft von Heiligen. – Und dann die Corot, Rousseau, Millet, von denen Sie mir schon erzählt haben.15 Vom Millet sieht man fabelhaft feine Sachen in den Kunstläden. Ein Mann auf dem Felde, der sich die Jacke anzieht, gegen helle Abendluft,16 das war für mich das Schönste. Na, und der Luxembourg! – und überhaupt diese Luft hier! Da habe ich Sie schon oft herbeigewünscht, Herr Modersohn, und habe es richtig als ein Unrecht gefunden, daß ich dies alles sehe und Sie nicht. Die Lüfte, wenn man über die Sein[e]brücken geht. Da flimmerts durcheinander von feinen, grauen und gelben und silbern Tönen, das Geäst der Bäume ganz in sich einhüllend. Dagegen stehen dann all die schönen Bauten wundervoll tief. Der Luxembourggarten im Dämmerlicht, überhaupt das dämmern hier. Einmal war ich vor der Stadt in Joinville. Dort fließt die Marne. Es war ein trüber Tag. Die Luft graugelb, das Wasser graugelber, trübe Wiesen und lange kahle Pappeln. Das hatte einen eigenartigen Reiz. – Und das Straßenleben! Aller Augenblicke giebt [es] was Neues zu sehn. Dort setzt sich ein Kerl auf die Erde etwas mit Kreide auf das Pflaster schreibend. Bald hat er ein dichtgedrängtes Publikum um sich, das er freundlich über das Ohr hauen kann. Ein andermal zeigt ein Akkrobat auf offener Straße seine Künste. Da greift fast jeder Arbeiter in die Tasche und wirft ihm seinen Sou zu. In der »Crémerie«17, wo ich heute mit allerhand fröhlichem, freundlichem Gesindel zu Mittag aß, spielte ein Alter die Guitarre und sang chansons dazu, zum großen Ergötzen seiner Zuschauer, die mit lachenden Stimmen bei dem Refrain mit einsetzten. – Ich gehe Vormittags auf eine Akademie (Cola Rossi)18. Dort habe ich einige sehr feine Corekturen gehabt, hauptsächlich von Courtois, der ist fein für die Valeurs. Collin, der im Anfang der Woche korregiert ist mehr für die Richtigkeit. Zwei Wochen habe ich die schmuddelige Wirtschaft im schmuddeligen Atelier ertragen. Seit Sonntag, aber bewohne ich ein Puppenatelier mit eignen Möbeln, d. h. eine Bank, ein Tisch, ein Stuhl. Das Übrige sind Kisten mit Cretonneüberzügen. Fein muß es sein, sich hier mit Geld einzurichten. Es giebt so viele feine Althändler, und so tausend feine Dinge. Oft kommt die Wut über mich. Dann gehe ich in die Läden und frage, was die Sachen kosten. Wenn ich mich dann düchtig umgesehen habe gehe ich beruhigt fürbaß. –
– Maler giebt es hier wie Sand am Meere. Darunter die originellsten Erscheinungen. Wenn man guter Laune ist, ist überhaupt alles amüsant. Nur wenn man schwach ist, kommen die Kater über Einen. »Der Menschheit ganzer Jammer fas[s]t mich an.«19 Man sieht furchtbar viel Elend hier, viel Korruptes und Degeneriertes. Ich glaube, wir Deutschen sind doch bessere Menschen20.
Und in diesem Sinne schließe ich. Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen so furchtbar viel vorerzählt habe. Sie kennen ja schon meinen Fehler. Wenn Sie einmal Zeit haben, würde es mich riesig freuen, ein paar Zeilen von Ihnen zu bekommen. Also auf Wiedersehen im Frühling oder Herbst oder nächsten Frühling.
Ihre Paula Becker.
Clara Westhoff wohnt mit mir im selben Haus, wirkt hier in Paris überlebensgroß und läßt schön grüßen.
Wenn Sie überhaupt vorhaben, einmal an mich zu schreiben, dann thun Sie es doch bitte am 8. Februar. Da ist nämlich mein Geburtstag.
Otto und Helene Modersohn an Paula BeckerWorpswede 7. II. 1900No 15.
Liebes Fräulein Becker!
Das war eine reizende Idee von Ihnen, als Sie sich hinsetzten und uns ein Pariser Stimmungsbild zeichneten. Mit einer gewissen Genugthuung sah ich, daß Ihre Gedanken zuweilen aus dem wilden Leben des Seinebabels sich hinüberflüchteten in die geruhsame Stille unseres Moorfriedens und daß Sie im Genießen gern mittheilen u. theilnehmen lassen möchten mir Einsamen. Gern hätte ich Ihnen schon eher geantwortet und nun befürchte ich fast, daß meine Epistel nicht mal zum heiligen »8.« in Ihren Händen ist. Gestern war ein wilder Tag und der ists schuld. Mein Atelier war allmählich so angefüllt von Bildern, daß ich nothwendigerweise mal für Räumung sorgen mußte. Und das war gestern. – Heute gähnen mich leere Staffeleien an, wo noch gestern grollende Gewitter, Regenbogen, Dämmerungen u. Mondnächte glänzten. Vier Bilder sind nach Bremen, darunter ein großes, das ich Ihnen gern gezeigt ein abziehendes Gewitter.21 Vor dem Packen defilierten alle Menschen, die in W. [Worpswede] etwas vorstellen oder wollen vor den Bildern; der Pfarrer mit der Pfarrerin im frommen Schweigen, der Apotheker mit seinem süßsauren Pessimismus, die Magister mit docierenden Anmerkungen, Familie Overbeck mit kühler Ergriffenheit u. meine Frau per Kück hingefahren, Meister Mahnken als mein Famulus zur Seite. Schade, daß Sie nicht unter Ihnen waren. Morgen nun werde ich mit meiner Tochter die erste größere Reise antreten, um meine Mutter in Münster zu Ihrem Geburtstage zu überraschen, sie hat Elsbeth noch nicht gesehen. Ich freue mich auf das erstaunte Gesicht, wenn wir plötzlich ins Zimmer treten. Aber nun hätte ich bald die Hauptsache vergessen. Zu Ihrem Geburtstage liebes Fräulein Becker wünsche ich Ihnen von Herzen alles beste an Leib u. Seele, für Ihr künstlerisches u. menschliches Leben. Möchten Sie in Paris auf den Bahnen der Kunst voranschreiten, möchten Sie wachsen an Erkenntniß dessen was noth thut, was Ihnen noth thut, denn Klärung ist das wichtigste zum Weiterkommen. Von Paris aus sehen Sie gewiß Worpswede oft mit ganz anderen Augen an. Schön wäre es, wenn diese abgeklärten Gefühle Sie wieder mit erneuter Kraft Worpswede in die Arme führten. Denn – ich muß es Ihnen sagen, glaube allerdings kaum, daß es nöthig – in Worpswede ist es doch schön. Z. B. heute Morgen, wo klare schimmernde Sonne einen wahren Reigen funkelnder, leuchtender Töne entfacht u. die Schollen von silbergrauem Reif überzogen sind. Ich liebe zur Zeit W. mehr wie in letzter Zeit oftmals. Ein intimes Mitfühlen von allem ist in mir wieder lebendig, jeder Busch, jeder Baum hat sein Geheimnis, welche Lust, das zu fühlen u. anderen zu zeigen. Man muß nur technisch weiter, um wirklich feinfühlig das feingefühlte andern sagen zu können. Wie gut, daß es noch soviel zu thun giebt, man fängt ja eben an. – Welchen Contrast zu unserm Leben bildete Ihr Pariser Brief, aus dem die ganze nervöse Unruhe der Großstadt sprach. Gern wanderte ich mal mit Ihnen und nähme theil an Ihren Genüssen. Sehen Sie sich nur tüchtig alles an u. schreiben u. erzählen Sie mir von allem, dann habe ich auch etwas davon. Schreiben Sie mir bitte mal, was für Bilder von Rembrandt im Louvre sind u. welche von Velazquez. Ich glaube von R. ist nicht viel besonderes da. Wenn Sie bleiben und wir zur Weltausstellung22 kommen (vielleicht ein Extrazug voll Worpsweder) könnten Sie uns als Cicerone große Dienste leisten. Doch das ist noch nicht. Sind vielleicht Bilder von Turner im Louvre, wie sind die in der Farbe? – – – – –
Worpsweder Neuigkeiten sind sparsam. Krummachers haben ein neues Mädchen, das aber bald wieder geht. Modersohns suchen ein Fräulein, bisher vergebens, sie haben eine neue Kammer für dasselbe gebaut. Mackensen hat Modersohn einen ungezogenen Brief geschrieben, weil letzterer ersterem eine Gefälligkeit anbot, der er sich verbitten zu müssen glaubte. Tietjens in Waakhausen haben große Auktion sämtlichen alten Hausraths. Frl. Rothers ist in München erkrankt u. Frl. Meyer kommt diese Woche zurück nach W. Neulich war bei Welzels23 eine orientalische Zaubervorstellung u. Kaisers-Geburtstag. Die Mutter der Prinzessin24 ist gestorben – entschuldigen Sie, daß ich das zu den Worpsweder Angelegenheiten setze. Im übrigen ist alles wohl u. wie Sie es verlassen. Darum schließe ich mit herzlichen Grüßen u. Wünschen als Ihr Ihnen wohl affektionirter
Otto Modersohn.
Schönen Gruß an Frl. Clara Westhoff.
[Helene Modersohn:]
Liebes Fräulein Becker
Auch mich hat Ihr lieber Brief recht erfreut, man sieht mal wieder, »wenn Jemand eine Reise thut, dann kann er was erzählen«, u. wenn man in einem verschneiten, weltfremden Dörfchen sitzt, hört man gern den fremden Schilderungen zu. – Wir bedauern sehr, daß die Flugmaschine noch nicht ganz erfunden ist, sonst schwebten wir morgen gewiß in eleganten Bogenlinien zu Ihnen, vielleicht auch sogar mit einem ländlichen »Kukelbusch« welcher im Monat Februar wahrscheinlich aus einem herrlichen, blaugrünen Kohlbüschel bestehen würde, ein echtes worpsweder Naturwunder. Doch beruhigen Sie sich nur, Sie brauchen in keiner Weise im eleganten Paris einen Überfall der worpsweder Landbewohner zu befürchten. Wie mein Mann trage auch ich diesen Zeilen einen schönen Gruß u. viele herzliche Glückwünsche zu Ihrem Geburtstage auf. Möchte das kommende Jahr Sie reifen u. fördern in Ihrer Kunst, ich denke, dann wird Ihnen auch menschlich am wohlsten sein.
Stets Ihre Helene Modersohn.
Karte an Paula Becker
Liebes Fräulein Becker. Nebenstehend unsere Notre Dame Das Louvre fehlt zwar noch, wird aber auch noch kommen. Also die Chokoladenadresse wünschten Sie zu wissen Folgendes ist sie: Prof. Bruno Schmitz Charlottenburg Hardenbergstrasse 24.25 Haben Sie das Pariser Gewitter auch erlebt? Hier toller Winter, Frl. Meyer ist wieder gelandet. Was macht die Kunst? Ich krame mein Atelier vollständig um. Reise nach Münster sehr gut verlaufen. Sonst nichts neues zu melden. Erwarte Ihren Brief. Bis dahin sende mit m Frau viele herzl. Grüße
Ihr Otto Modersohn.
Mopsöde
– 17. II. 00. –
An Otto und Helene ModersohnParis, 9 Rue campagne première.D. 29. Februar 1900.
Liebe Frau Modersohn und lieber Herr Modersohn,
Da komme ich endlich zu dem Brief. Hier in Paris »kommt« man nämlich zu so tausend Sachen, und das ist dann eben erst die Hälfte von alledem, was man thun möchte. Also eine von diesen 1000 Sachen schreibe ich mir augenblicklich endlich von der Seele. Zuerst vielen Dank für Ihren lieben Brief zum »Heiligen 8.« Er machte mir so sehr große Freude. Er erfüllte mich ganz mit Worpsweder Gefühlen. Überhaupt jetzt, wo man das Nahen des Frühlings so in sich und um sich hat, da denke ich manchmal in wieviel reinerer Gestalt es ihm vergönnt ist in Worpswede seinen Einzug zu halten als hier. Auch hier spürt man ihn ja auf Schritt und Tritt. Aber in diesem Riesenorchester hier spielen so tausend Geiglein. Man kann den Klang des einzelnen nicht mehr erfassen. So geht mirs auch mit dem Frühling. Übrigens bin ich von Veilchendüften umgeben, (die vielen künstlichen garnicht mit gerechnet, denn die sind meist sehr unkünstlich). Blumen sind hier eins von den wenigen Stücklein Natur, an welches sich die Leute klammern. Und dann fassen sie sie nicht als Blumen auf wie wir Deutschen, sondern mehr als etwas Duftendes, Farbiges. Wir Deutschen in unserer Auffassung sind wohl etwas schwerfällig, etwas bieder, nicht nervös genug. Aber man spürt doch irgendwo einen warmen Herzschlag. Bei diesen Leuten sprechen eigentlich nur die Nerven. Das kommt in ihrer Kunst überall zu Tage, in feiner und nicht feiner Weise. Und da, wo es fein auftritt, da können wir Deutschen viel lernen. – Von Neusten Bildern sieht man wenig. Sie bleiben wohl zum Salon und der Ausstellung. Sehr interessierten mich ein paar Farbige figürliche Studien von Bonnat, tief und einfach im Ton und kollossal zusammengehalten. Dann ist da der Degas, von dem unsereins natürlich wünscht, daß er einmal etwas anderes leistet als Balleteusen und Absynthkneipen. Mir scheint es auch als ob er das Naive in der Linie zu sehr sucht und dadurch maniriert wird. Aber er hat eben auch dieses technisch Künstlerische. In mehreren Salons à la Schulte26, wo man über die Schleppen des eleganten Paris stolperte, gab es viel Süßes und Schlechtes und Seichtes. Ich denke eben immer noch, daß irgendwo Schätze begraben sind. Viel Schönes, Tiefes sagt der Puvis de Chevannes. Das ist einer, der steht auf einmal so ganz vereinzelt dazwischen. Natürlich sind die Älteren alle wundervoll, die Rousseau, Corot, Daubigny, Millet, Courbet. Kennen Sie Monet. Ich hatte in Deutschland seinen Namen gehört. Neulich sah ich eine Anzahl Bilder von ihm. Auch hier schien mir die Auffassung der Natur eine oberflächliche. Ich wüßte gerne Ihre Meinung. Velasquez giebts im Louvre nur zwei spanische blonde Prinzesschen, im grau weißen Kleidchen mit stumpfem rosa besetzt.27 Kolossal fein und gehalten in der Farbe. Vom Rembrandt sind da zwei kleine feine Bilder: Christus bei den Jüngern zu Emmaus und eine heilige Familie.28 Turner ist glaube ich garnicht vertreten. –
– Nun noch ein wenig von meinem Leben. In der kleinen Rue de la grande chaumière hat der Colarossi seine Akademiehäuser, worunter kleine rumpelige, schmutzige, komische Baracken zu verstehen sind, denen es aber an Poesie nicht fehlt in Gestalt von einem Treppenaufgang von wildem Wein umrankt, von einer eigentlichen Ballustrade, auf der man in den Pausen Luft schöpft, und von durch ihr Alter und ihren Dreck Ehrfurchteinflößende Portieren. Colarossi ist neben Julièn29 die beste Akademie. Er selber ist früher Modell gewesen, spielt jetzt den Grandseigneur und läßt beim ersten Schneider arbeiten, protegiert die Künste, die Professoren und die Eleven, oder thut wenigstens so, hat meist Montags ein Gesicht, als ob er Sonntags was ausgesessen hätte, was er wohl auch in der Woche thut. In diesen heiligen Hallen zeichne ich Akt morgens mit den Weiblein, Abends mit den Männlein. Man kann hier auch Malen, aber da werden so viel Scheußlichkeiten geboren, daß ich mir das ohne Schwierigkeit verkneife. Saußig, nur auf die Modellierung geachtet. Zwischen den Weiblein morgens giebt [es] viel rauhe Haare und un[ge]putzte Stiefel, einige kluge Köpfe, und wenig Talent. Sie arbeiten mehr wie das Heerdenvieh, ohne Ahnung worauf es ankommt. Nachmittags bummle ich umher, schau mir die Welt an oder arbeite hier in meinem grünen kleinen Atelier. Abends um 7 Uhr bei den Männlein geht's noch komischer zu. Giebt es da komische Gestalten! Eigentlich vernünftig wie bei uns zu Hause sieht kein einziger aus. Sammetanzüge, lange Haare, Hemdärmel, Handtücher als Schlipse und andere kleine Eigenheiten haben diese angehenden Künstler aufzuweisen. Gallavorstellung: Bombardement mit Brodrinden, Hahngeschrei und Katzenkonzert und allgemeine liebevolle Prügelei. Viel Yankees, viel Spanier, Engländer, einige Franzosen und Deutsche. Die Unterhaltungen der Herrn sind oft eigenartig. Der Punkt, worum sich alles dreht ist »elle«. Wenn bei der Arbeit einer mal seufzt, heißt es gleich: [»]Est-elle gentille?« Denn, daß man nach und um etwas anderes seufzen kann, als um eine »sie« scheinen sie noch nicht oder nicht mehr zu wissen. Im ganzen wird hier aber viel besser gearbeitet, das heißt mit wenig Auffassung, aber richtiger als bei den Fräuleins. Im ganzen sitzt aber mehr Gesundheit und Kraft dahinter. Und was bei den Männern etwas Raudihaft wirkt, wirkt bei den Mädchen gleich so unschön. Wir haben es glaube ich doch schwerer. Aber trotz und alledem ist das Leben schön und ich fühle das und komme auch mit meiner Kunst weiter und bin froh. Ich bleibe hier so lange, wie ich kann. Und dann kann ich vielleicht ein wenig und dann komme ich wieder nach Worpswede. Denn wie lieb ich das habe, das fühle ich hier in der Ferne ordentlich. – Des Sonntags machen Clara W. [Westhoff] und ich kleine Spritztouren aufs Land. Da ist es sehr fein. Hügelich, lange dürre Pappeln an Wasser, weiches, toniges Gras d. h. bei bedecktem Himmel. Bei Sonne ist mir die Erde viel zu hell, ich möchte dann alle Farben tiefer haben satter, und werde ganz ärgerlich bei dieser Helligkeit. – Manchmal geht es auch abends auf die Boulevards. Da giebts viel komische Dinge zu sehen, Dinge wie man sie [in] Worpswede auch nicht kennen lernt. Und nun noch schönen Dank für das Kirchlein und die Chokoladenadresse und Schluß der Epistel und einen herzlichen Gruß von
Ihrer Paula Becker.
Die Bilder hätte ich so gerne gesehen. Wenn Sie einmal Zeit haben, Herr Modersohn, schreiben Sie doch einmal was Sie jetzt malen, das interessiert mich ja alles sosehr. Und Elsbeth als große Reisende.
Neulich sah ich Heinrich Vogeler auf dem Weyer Berg am Fenster, auch eine heimatliche Erinnerung.
Otto und Helene Modersohn an Paula BeckerWorpswede 25. III. 1900.
Liebes Fräulein Becker!
Hoffentlich beurtheilen Sie mich nicht nach dieser unhöflich späten Antwort auf Ihre freundl. Zeilen. Ich weiß gar nicht, wie es gekommen. Ihr Brief hatte uns so sehr viel Spaß gemacht, ich sagte oft genug »wir müssen an Paula Becker schreiben«, aber dabei blieb es dann. Größere Briefe pflege ich meist an Sonntagen zu verfassen, die Abende in d. Woche sind mir zu kurz u. sehr oft durch Besuche ausgefüllt. Vorigen Sonntag bekam Dr. Hauptmann einen Brief, diesen Sie. –
Darf ich Sie erst eben mit meiner Umgebung bekannt machen. Ich sitze also in der Veranda, vor mir eine weißblühende Azalee, ein dunkelrothes Alpenveilchen u. eine blaßlila Primel im Gärtchen scharren des Nachbars Hühner, Dreiers funkeln in der Morgensonne. Der Himmel hat einen köstlichen, echt Worpsweder Ton, unten am Horizont lange kühl bläulich-lila gefärbte Wolkenstreifen, darüber leuchtender, strahlender grün-blauer Äther, nach oben zarte röthlich-weiße Cirrus; Callmeyers Garten und Wiese und dahinter die Haus- u. baumreihe von Osterwede, Weyerdeelen bis zum fernen Teufelsmoor (gesättigt blau) bald in tiefem Schatten, bald in heller Morgensonne – ein unendlich anziehendes, fesselndes Bild. Soviel es mir möglich war, wollte ich Sie daran theilnehmen lassen. – Wie ich mit einer gewissen Befriedigung gelesen, sind Sie von Sehnsucht nach W. [Worpswede] erfüllt. Ich liebe alle die Menschen, die unser Worpswede lieben. Fräulein Cl. Westhoff leidet auch stark daran, wie ich aus ihrem Briefe sehe. Wie viel ist Ihnen da wohl Ihr Verkehr werth, wo Sie sich gemeinsam unterhalten u. trösten können. Wenn ich an frühere Zeiten denke in Berlin, Hamburg, Münster, wieviel habe ich da ausgestanden durch Sehnsucht nach W. und nie hatte ich einen, der mich verstand. – Mit dem Frühling will es noch nicht recht vorwärts, Kätzchen giebts ja schon u. der Huflattich blüht, wie ich gestern hinter Bolten sah, aber sonst ist es noch weit zurück. In der vorigen Woche sind die Bachstelzen gekommen und die Staare singen auch schon in den hohen Birken Kanon, aber es bläst noch immer ein kalter Wind. – Ich glaube es Ihnen, daß man dort in Paris nicht so zum Genuß des Frühlings kommt, da wird wohl zu vieles störend auf einen einwirken. Ihre Schilderungen, wie es aussieht in Ihrer Akademie in Bezug auf beide Geschlechter, hat uns köstlich amüsiert. Man stellt es sich so ähnlich vor. Wie harmlos u. paradiesisch muß Ihnen wohl Worpswede dagegen vorkommen. Übrigens erleben Sie gerade allerlei dort, jetzt wieder der große Brand der Comédie francaise. Wir haben in der »Woche« Abbildungen gesehen davon, auch von der hübschen verbrandten Schauspielerin. Haben Sie auch zugesehen? Hier bei uns ist neulich auch ein schreckliches Unglück vorgekommen. Die 6jährige Tochter vom Birkholz ist bei lebendigem Leibe verbrandt. –
– Sie fragten mich, was ich jetzt malte. Augenblicklich thue ich recht wenig, werde aber in nächster Woche beginnen u. zwar etwas von den Sachen, die ich Ihnen damals in der Composition zeigte. Die Ausstellung in Bremen ist thatenlos verlaufen, wenigstens für mich u. Overbeck weniger für am Ende, der reiche Anerkennung fand. Fitger nennt ihn den ersten aller Worpsweder, der Mann muß es wissen. Morgen wird Pauli einen Vortrag30 halten über die Ausstellung, worin er zweifelsohne stark gegen Herrn Fitger vorgehen wird. Vinnen schreibt z. Zt. eine Broschüre gegen diesen Herrn, so fehlt es ihm also nicht an Beachtung. –
Sie fragten, was ich zu Monet sagte. Den mag ich nicht. Monet gehört ja zu denen, die die letzten Consequenzen aus dem Naturalismus zogen, die mit der Uhr in der Hand ihre Bilder malen draußen, ich meine genau Tag u. Stunde innehalten u. nicht länger wie 1/2 Stunde malen, weil sich dann die Sonne zu sehr gedreht hat. Es ist eine Kunst, wenn auch tüchtig in Hinsicht der Beobachtung doch völlig äußerlich, mich gänzlich kalt lassend. Puvis de Chavannes – das ist ein Mann von anderem Holze, gern sähe ich von dem mal etwas. – Überhaupt sähe ich gern französische Kunst, alte u. neue, wenn man auch schließlich mit um so schärferem Nachdruck zum eigenen Schaffen zurückzukehren würde. Denn es ist ein Hochgenuß ein Deutscher zu sein, deutsch zu fühlen, deutsch zu denken. – Leider wurde ich gestern wiederholt gestört und konnte ich meinen Brief leider nicht vollenden. Wir denken Ihrer so oft, wie nett es immer war, wenn Sie kamen, da haben wir uns oft doch sehr nett unterhalten, nicht wahr? Frau Bock ist jetzt unser treuer Gast, worüber wir uns sehr freuen. Nun Schluß für heute, der nächste Brief soll nicht solange auf sich warten lassen u. besser geschrieben sein, mit diesem nutzt das nun nichts mehr.
Viele herzliche Grüße in treuem Gedenken
Ihr Otto Modersohn.
Was machen Ihre Chokoladenbilder?
[Helene Modersohn:]
Liebes Fräulein Becker.
Was denken Sie nur von mir, gewiß halten Sie mich für recht undankbar. Und doch glauben Sie nicht, wie oft ich Ihrer gedacht, u. wie ich mich derzeit gefreut über den reizenden, duftenden Frühlingsgruß. Diese köstlichen, tiefblauen Veilchen, wen würden sie nicht jederzeit erfreuen, wenn man aber nun gar so halb malade ist, wie ich, dann ist man doppelt entzückt, wenn der Frühling einem seine Boten ins Stübchen schickt – darum herzlichen Dank. Wir hören so gern von Ihnen u. freuen uns auch, daß es Ihnen so gut in Paris gefällt, wenngleich wir auch aus egoistischen Gründen manchmal wünschten, daß Sie bald in unser Dörfchen zurück kehren möchten. – Letzteres rüstet sich jetzt aber auch, den Frühling zu empfangen, sogar ich spüre etwas davon, sodaß die sog. »Dösigkeit«, die einen Menschen, welcher den ganzen Winter in seinem Bau eingeschlossen war, wohl befallen kann, allmählig schwindet. Unsere freundliche Veranda ist unser ständiger Aufenthalt jetzt, von ihr kann ja auch ich den schönen, weiten worpsweder Himmel betrachten u. in das tiefe,
