Wir kennen uns doch kaum - Max Küng - E-Book

Wir kennen uns doch kaum E-Book

Max Küng

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Beschreibung

»Nur wahre Geschichten können traurig sein. Deshalb können nur wahre Geschichten schön sein. Und wenn du nun fragst, ob es eine wahre Geschichte ist, die ich da aufgeschrieben habe, dann kann ich dir sagen: Ja, so ist es. Größtenteils wenigstens. So wahr etwas sein kann, an das man sich erinnert, wenn man es selber erlebt hat.«
Moritz schreibt Meta. Meta schreibt zurück. So geht das, monatelang. Aber es ist kompliziert. Sie lebt nicht allein und in Berlin. Er in einer kleinen Stadt in der Schweiz. Nie sehen sie sich. Nie hören sie ihre Stimmen. Irgendwann fangen sie an, sich SMS zu schreiben, in einem Monat 837 Stück. Es genügt. Ein Jahr später hat Moritz in Berlin zu tun. Er nimmt ein Hotelzimmer, schickt ihr eine SMS mit der Zimmernummer: »2307«. Eine halbe Stunde später klopft es an der Tür. Er öffnet. Sie sind wie gelähmt. Irgendwann sagt er: »Weißt du was? Wir fangen noch mal von vorne an.«

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Seitenzahl: 333

Veröffentlichungsjahr: 2023

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INHALT

» Über den Autor

» Über das Buch

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» Impressum

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» www.keinundaber.ch

ÜBER DEN AUTOR

Max Küng, geboren 1969 in Maisprach bei Basel, ist seit 1999 Reporter und Kolumnist beim Magazin des Tages-Anzeigers. Neben diversen Veröffentlichungen erschienen bei Kein & Aber zuletzt seine Kolumnensammlung Die Rettung der Dinge und seine Romane Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück und Fremde Freunde. Max Küng lebt in Zürich.

ÜBER DAS BUCH

Moritz schreibt Meta. Meta schreibt zurück. So geht das, monatelang. Aber es ist kompliziert. Sie lebt nicht allein und in Berlin. Er in einer kleinen Stadt in der Schweiz. Nie sehen sie sich. Nie hören sie ihre Stimmen. Irgendwann fangen sie an, sich SMS zu schreiben, in einem Monat 837 Stück. Es genügt. Ein Jahr später hat Moritz in Berlin zu tun. Er nimmt ein Hotelzimmer, schickt ihr eine SMS mit der Zimmernummer: 2307. Eine halbe Stunde später klopft es an der Tür. Er öffnet. Sie sind wie gelähmt. Irgendwann sagt er: »Weißt du was? Wir fangen noch mal von vorne an.«

 

Für Z.

 

Mit einem Geräusch fing es an, mit diesem eigenartigen Geräusch. Ich habe es seither nie mehr gehört. Es ist aus meinem Leben verschwunden, wie es aus unser aller Leben verschwunden ist. Ich weiß aber noch immer, wie es klang.

Es klang so, als zöge man eine widerspenstige Katze über eine Tafel, wie sie in Schulhäusern an den Wänden hängt, in den Klassenzimmern, Sie wissen schon: die Wandtafel, an der Sie auch einmal standen und mit Kreide Ihren Namen schreiben mussten oder die Lösung hinter dem Gleichheitszeichen einer einfachen Addition. Als versuche sich die Katze mit den Tatzen an der Wandtafel festzukrallen, als sei ihr klar, dass es um ihr Leben ginge. Es war ein kratzendes Kreischen oder ein kreischendes Kratzen. Und es gab da ein Piepsen und ein Rauschen. Es gab da ein Klicken. Ein Sirren. Ein Surren. Es war ein irres Geräusch, und nein, es war ganz und gar nicht angenehm. Es war das Gegenteil von etwas von Erik Satie.

Das Geräusch, es dauerte vielleicht zwanzig Sekunden. Es hatte eine Struktur, die immer gleich war und aus den gleichen Teilen bestand. Es war wie eine Miniaturkomposition eines komplett verrückten Experimentalmusikers. Zwischen den einzelnen Elementen gab es immer wieder Ruhepausen. Oh, ich könnte nun ein langes Loblied auf die Pause anstimmen. Ich denke oft, man sollte ein Monument errichten für das Nichts zwischen den Dingen. Betoniert ein Fundament und stellt das verdammte Denkmal drauf, tonnenschwer! Sie hätten beispielsweise enorme Mühe, diesen Text zu lesen, gäbe es zwischen den Wörtern keine Luft, keine Leerschläge. Aber ich schweife ab, entschuldigen Sie. Das Geräusch, damit fing es an.

Heute gibt es das Geräusch nicht mehr. Manchmal aber habe ich Sehnsucht danach; ja, ich vermisse es. Ich vermisse nicht das Geräusch als Geräusch, sondern alles, was damit verbunden war, was daran hing, was auf das Geräusch folgte.

Das Geräusch begann mit einem Summton. Es ist derselbe Summton, den man von Telefonen her kennt, wenn man über eine feste Leitung telefoniert (vielleicht mag sich noch jemand daran erinnern). Meine Güte: Früher hatten Telefonhörer Kabel! Kabel! Irgendwann wird es Menschen geben, die nicht mehr wissen, was ein Kabel ist. Nun, dieser Ton also, er sagte etwas, nämlich dass die Telefonleitung frei war. Genau das sagte dieser Ton. Er dauerte bloß eine Sekunde. Es folgten zehn kurze Töne in schneller Reihenfolge und in unterschiedlichen Tonhöhen. «Biip biip biip biip» und so weiter. Jeder dieser Töne stand für eine Nummer zwischen 0 und 9, die vorprogrammiert war und automatisch gewählt wurde. Auch das war ganz so, wie man es vom Telefon her kennt. Als würde man die Zahlen sehr schnell wählen, als hätte man verdammt flinke Finger. Zwei Sekunden Ruhe, dann vier kurz aufeinanderfolgende Töne, die klangen, als tauche man Kanarienvögel in flüssigen Stickstoff. Eine Sekunde Pause, dann wurden die Kanarienvögel – kein Erbarmen! – erneut in den flüssigen Stickstoff getaucht. Und dann kamen eben die Katzen dazu, die kratzenden Krallen, das rauschende Kreischen: eine gefriergetrocknete Kakophonie.

Ich habe mal einen getroffen, der sich mit diesen Dingen auskennt, er hatte was in der Richtung studiert, und er hat mir erklärt, dass in diesen zwanzig Sekunden ein komplexer Dialog stattfand. Ein Gespräch zwischen zwei Maschinen, die herausfinden wollten, ob sie sich verstanden, ob sie überhaupt miteinander kommunizieren konnten. Er sagte, es sei ganz so, als träfen sich zwei Menschen, die herausfinden wollen, ob sie die gleiche Sprache sprechen und die gleiche Wellenlänge haben – ob sie zueinander passen würden. Ob es weitergehen könnte mit ihnen. Ja, damit fing es an.

«Schhhhhhhkkkkkkrrrrkakingkakingkakingtshchchchchchchchchchchchchchhch»:

Erster Teil

Kapitel 1

Wir sehen: einen Mann. Er hat eben seine Wohnung verlassen, mit dem Schlüssel abgeschlossen, einmal, zweimal, zur Sicherheit die Falle heruntergedrückt. Nun geht er die Treppe hinunter. Die Wohnung befindet sich im ersten Stock eines Hauses aus der Jahrhundertwende. Ein ziemlich unscheinbares Haus, wie es viele gibt in diesem Teil der Stadt, mit zwei Wohnungen auf jeder der fünf Etagen, Zweizimmerwohnungen, Dreizimmerwohnungen, Größere kaum. Ein Neuanstrich innert den nächsten paar Jahren wäre keine schlechte Idee. Vor dem Haus steht ein Baum, eine Birke, dürr wie ein finnisches Model. Das Haus liegt an einer ruhigen Seitenstraße, benannt nach einer Burg, die heute nur noch eine Ruine ist, zerfallenes Gemäuer, Steine, Löcher, überwachsen, überwuchert, irgendwo, ein Dutzend Kilometer vor der Stadt auf dem Land. Es ist noch nicht lange her, da feierte der Mann seinen 30. Geburtstag. Er feierte ihn so, wie man einen 30. Geburtstag feiert: in einer Bar, mit seinen fünf besten Freunden, von denen sich zwei auf dem Heimweg mehr als einmal übergeben mussten. Der Mann trägt die Haare kurz, er war, ohne zu lange zu überlegen, in ein T-Shirt mit einem ironischen Aufdruck auf der Brust geschlüpft. Es ist ein grünes T-Shirt, das er bei Urban Outfitters gekauft hatte, der weiße Aufdruck zeigt die Strichzeichnung eines für amerikanische Verhältnisse kleinen Wohnmobils, und über dem Van steht «MINI VAN» und darunter «MEGA FUN»: Ironie war die Ritterrüstung der Zeit. Des Weiteren trägt der junge Mann eine schlabbrige hellbraune Hose im Military-Look von H&M, hellbraune Turnschuhe von K-Swiss mit fünf Streifen auf der Seite und eine Faserpelzjacke von Prada, die er herabgesetzt gekauft hatte. Sie war zwar immer noch um ein Mehrfaches teurer gewesen als eine normale Faserpelzjacke, wie sie Förster trugen, von Helly Hansen beispielsweise, aber eine Faserpelzjacke von Prada, erstanden im Ausverkauf, das war ein Kleidungsstück mit einer Botschaft, und die Botschaft war: Der Typ, der es trägt, der ist einfach ziemlich cool. Nun ja, das fand er damals, als er das Teil kaufte, und er fand es, als er es eben angezogen hatte, und er findet es auch jetzt noch, als er im Hausflur steht. Hätte der Mann sich im Spiegel betrachtet, so ganz in Braun gekleidet, er hätte nichts dagegen sagen können, hätte jemand bemerkt, er sehe aus, als habe er sich in einem mächtigen Hundehaufen gewälzt.

Im Treppenhaus ist das Licht gedämpft. Es könnte heller sein, aber die Fenster sind schon lange nicht mehr richtig geputzt worden. Der Mann ist von Beruf Journalist, er schreibt für eine Zeitung, die alle nur «das Käseblatt» nennen. Auch der Mann selbst nennt die Zeitung bloß «das Käseblatt». Das hat damit zu tun, dass das Käseblatt ein richtiges Käseblatt ist. Die letzte Geschichte, die der Mann für das Käseblatt geschrieben hatte, bestand aus hundert Worten über einen Küchenbrand, den die Feuerwehr schnell unter Kontrolle gebracht hatte: Jemand wollte im Ofen sein Abendessen aufwärmen, er schaltete ihn ein und verließ die Küche, doch statt des Ofens hatte er den Herd eingeschaltet, auf dem der Wasserkocher stand. Als der Mann zurückkehrte, brannte der Wasserkocher und Teile der Küche. Es gab kaum Sachschaden, schon gar keine Verletzten, von Toten ganz zu schweigen. Bloß die Straßenbahnen konnten vor dem Haus für kurze Zeit nicht verkehren, denn die Feuerwehr musste die Schläuche über die Gleise verlegen, wegen des Hydranten. Es geschah nicht viel in der Stadt, in der der junge Mann lebte. Vor einem Jahr hatte er ein Fixum erhalten, 2000 im Monat, davon bezahlt er die Zweizimmerwohnung sowie ein winziges Büro, das er in einer alten Wurstfabrik gemietet hat. Hier und dort verdient er dann und wann etwas dazu, mal mehr, mal weniger, mal auch nichts. Oft vergisst er, Rechnungen zu schreiben. Noch öfter vergisst er, Rechnungen zu bezahlen. Er kennt den Weg zum Betreibungs- und Konkursamt, und der Mann am Schalter dort kennt den jungen Mann mit den K-Swiss-Turnschuhen mittlerweile auch, begrüßt ihn freundlich mit Namen, wenn er am letztmöglichen Tag erscheint, um eine Rechnung bar zu begleichen, die um vieles höher ist, als sie sein müsste, wegen all der Gebühren und Spesen. Und wenn der Beamte zu seinem Schreibtisch ging, um auf einem Rechenapparat die Gesamtsumme zusammenzutippen mit hartem Zeigefinger, und der Rechenapparat mit hektischem Geräusch die weiße Papierrolle ausspuckte, Stück für Stück, herausstreckte wie eine bleiche Zunge, die immer länger wurde und länger, da dachte der Mann mit den K-Swiss-Turnschuhen: Irgendwann, irgendwann hab ich das im Griff mit den Rechnungen, dann werde ich immer pünktlich zahlen, irgendwann bestimmt, ich geh gleich danach in die Papeterie und kaufe mir Plastikmäppchen und mache To-do-Listen. Gerne hätte er das alles dem Mann hinter dem Schalter erzählt, hätte ihm berichtet, dass er sich bessern würde, sofort, aber der Mann hinter dem Schalter wollte nur den Betrag, diesen aber passend.

Der Mann, der eben die Wohnung verlassen hat, er ist auf dem Weg zum Flughafen, von wo er nach Berlin fliegen wird. In Berlin hat er zwei Dinge vor. Eines hat mit der Arbeit zu tun und ist nicht so wichtig. Ein Interview mit einer Rockband, die kaum jemand kennt. Das andere: Er wird eine Frau treffen, die er nicht kennt, aber irgendwie doch. Die Frau hat er noch nie gesehen. Seit einem Jahr aber schreiben sie sich: Sie schreiben sich Briefe, Postkarten, E-Mails, SMS, das volle Programm. Sie chatten. Und einmal haben sie auch telefoniert, aber ohne etwas zu sagen. Sie sagte nichts. Er sagte nichts. Da war bloß Vogelgezwitscher im Hintergrund auf ihrer Seite, Verkehrslärm auf der seinen, dazwischen atmosphärisches Rauschen und Zeit, die verging. In Berlin würden sie sich nun das allererste Mal treffen. Im Hotel Forum am Alexanderplatz. So hatten sie es abgemacht in einer Mail. Der Mann ist deswegen mächtig aufgeregt. Man sieht ihm das nicht an, aber er trägt es mit sich rum wie die Wechselkleider in seiner Reisetasche. Ziemlich aufgewühlt ist er sogar. Hätte er sagen müssen, auf die Schnelle, wie er sich fühlte, jetzt, in diesem Moment, er hätte wohl gesagt: «Als trete ich eine wichtige Prüfung an, die zu bestehen ich mir nicht sicher bin.»

Er hatte geduscht. Er hatte frische Unterhosen angezogen, neue Socken ebenfalls, ja, er hatte extra neue Socken gekauft, auch im H&M, ein Dreierpack. Er hatte sich recht lange die Zähne geputzt. Er hatte sich mit je einem Ohrenstäbchen den Schmalz aus den Gehörgängen geholt. Er hatte an seinen Schuhen gerochen, bevor er sie anzog, zuerst an der Sohle, dann am Eingang der Höhlen, wo seine Füße tagsüber wohnten (die Schuhe rochen okay, fand er). Er hatte in den Spiegel geblickt und sich zugezwinkert, was ihm im selben Moment, in dem er es tat, lächerlich vorgekommen war. Der Mann, den wir nun sehen, wie er die Treppe hinuntergeht, er heißt Moritz.

Es war der 12. April des Jahres 2001, und die alten Treppenstufen knarrten, als er hinunterging, nicht besonders schnell, nicht besonders langsam, die Reisetasche in der Rechten. Er trat auf die Straße und wollte los zur Bushaltestelle, aber er hielt inne und blieb einfach stehen. Er versuchte sich zu erinnern, ob er auch tatsächlich die Türe zugeschlossen hatte, versuchte es wirklich, aber er konnte nicht sicher sein. Er hörte nicht den Vogel in der Birke vor dem Haus, der sich seines begrenzten Gesangs bediente. Ein «jirr tititi», ein «krchrch-tütititi». Er sah nicht den Müllwagen, der lärmend durch die Straße fuhr mit hinten dranhängenden Männern in leuchtend orangefarbenen Uniformen, hörte nicht, wie sie laut debattierten über das Sonntagsspiel, den Sieg von Udinese über Cagliari und die rote Karte in der 48. Minute, sah nicht den einen Müllmann, der eine aufgerauchte Zigarette wegschnippte, erstaunlich weit, einen hohen Bogen beschreibend. Auch den Geruch bemerkte er nicht, den der Müllwagen hinter sich herzog wie ein unsichtbares Wesen, einen müffelnden Geist. Er sah nicht das Flugzeug am Himmel. Er sah nicht die Wolke, die wabernd weiß aus dem hohen Schlund des Fernheizwerkes kam. Er sah die Dinge nicht, die die Welt waren in jenem Augenblick. Er dachte bloß an den Schlüssel und das Schloss und seine Finger und ob diese Finger seiner Hand den Schlüssel in das Schloss gesteckt hatten, ihn auch wirklich gedreht hatten, einmal, zweimal, ob er das klackende Geräusch aus dem Schließzylinder gehört hatte. Hatte er? Hatte er nicht? Es wollte ihm nicht einfallen. Also hielt er inne, blieb stehen, überlegte, die Tasche zog an seinem Arm, aber er widerstand dem Impuls, nochmals die Treppen hochzugehen, zu spurten, zu hechten und die kalte eiserne Türfalle herunterzudrücken, bloß um zu sehen, dass die Türe tatsächlich verschlossen war, was sie sicher wäre, bestimmt, doch, doch. Er würde sich nur dumm vorkommen, nach diesem unsinnigen Kontrollgang, «Du bist neurotisch», würde er zu sich selbst sagen, einmal, zweimal, was natürlich erst recht neurotisch wäre, wenn man mehrmals zu sich selber sagt, man sei neurotisch. Aber er war nicht neurotisch, das wusste er. Nein. Er war ganz normal. Und wenn schon: Wer sollte schon auf die Idee kommen, von all den Tausenden von Wohnungstüren dieser Stadt gerade seine zu wählen, um zu sehen, ob sie eventuell nicht verschlossen war. Dazu müsste einer ja erst einmal ins Haus kommen. Absurd. Er griff fester nach der Tasche, ging weiter, um die Ecke, zur Busstation. Die Tasche kam ihm erstaunlich schwer vor. Er hatte nicht viel gepackt, hatte gedacht, er brauche ja nicht viel. Aber immer, wenn er dachte, er brauche nicht viel, für ein paar Tage bloß in einer anderen Stadt, kam doch einiges zusammen. Und warum auch musste er auf die Idee kommen, Wein mitzubringen. Er wollte mit ihr ein Glas Wein trinken, und in einem Anflug von Snobismus überkam ihn der fixe Gedanke, dass in Berlin kein guter Wein aufzutreiben sei, er wollte aber guten Wein trinken (oder das, was er, der er nichts von Wein verstand, aber auch gar nichts, darunter verstand), und dass auch sie guten Wein trank, und dann wären sie beide angetrunken, und alles würde sich ergeben. Ja, der Wein wäre sein Gehilfe, sein Sidekick, sein Dr. Watson, sein Hadschi Halef Omar, sein Robin, sein Freitag – vielleicht aber auch sein Sancho Panza. Darum nahm er nicht nur eine Flasche mit, sondern deren zwei, damit sie noch etwas angetrunkener sein würden. Und dann würde er sie küssen, und sie würde ihn küssen, und sie würden miteinander schlafen, einmal, zweimal, dreimal. Ja, so wäre es, so stellte er es sich vor: ganz einfach. Das Leben konnte schon recht gut zu einem sein, fand er. Ziemlich verdammt gut sogar.

Es dauerte nicht lange, und er saß im Bus, der ihn zum Flughafen brachte. Ein langer grüner Gelenkbus, der erstaunlich schnell durch die Stadt fuhr. Er saß auf einem leicht erhöhten Sitz über dem hinteren Radkasten, er mochte diesen besseren Blick auf die Dinge, auch wenn ihn die Dinge nicht sonderlich interessierten an diesem Morgen. Er griff in die Innentasche seiner Jacke. Der Pass war da. Das Ticket auch. Alles gut. Alles in Ordnung. Alles bestens. Ganz ruhig, Brauner. Er musste an Klumpen denken, und er lachte kurz auf, als ihm einfiel, was Klumpen erzählt hatte, am Abend zuvor. Klumpen war so was wie Moritz’ bester Freund. Er wollte mit dem Auto nach Österreich fahren, um durch ganz Österreich hindurchzufahren, dieses lange Land, das ausschaut wie Afrika um 90 Grad nach rechts gedreht, und dann nach Ungarn weiter, um entfernte Verwandte zu besuchen, die nicht nur entfernt verwandt waren, sondern auch noch entfernt wohnten, und als er an der Grenze den Pass zeigen sollte, fiel ihm ein, dass sein Pass zu Hause lag, in einer Schublade, wo er immer lag, er also nochmals zurückfuhr, die ganzen 200 Kilometer, die er eben hergefahren war bis zur Grenze, den Pass aus der Schublade nahm und nun zum dritten Mal die 200 Kilometer fuhr, um nicht ohne Wut festzustellen, dass nun gar kein Zöllner mehr da war, als er wieder am Zollübergang ankam, er einfach passieren konnte. Waren wohl in der verdammten Mittagspause, mutmaßte er fluchend, und dann blinkte ein rotes Licht im Armaturenbrett, und er musste tanken. Noch immer nicht beruhigt ob seiner eigenen monumentalen Dummheit, war er so in Gedanken, dass er seinen Wagen zwar volltankte, ein Snickers kaufte, weil er sich unterzuckert fühlte, eine Dose Cola, das alles bezahlte, in den Wagen stieg, ihn anließ und wieder losfuhr, aber etwas vergaß: den Tankstutzen aus dem Loch zu ziehen und ihn zurück an die Zapfsäule zu stecken, ja, das hatte er vergessen, und Klumpen machte ein lautes Geräusch und klatschte in die Hände, als er es ihm erzählt hatte, wie er davongefahren sei, schnell, mit einem abgerissenen Tankschlauch, im Rückspiegel sah er ihn zappeln wie eine wütende Schlange, die sich an seinem weißen Honda Prelude festgebissen hatte.

Der Bus fuhr. Der Bus hielt. Es wurde laut, als fünf Männer um die fünfzig zustiegen, gut gelaunt, aufgekratzt wegen der bevorstehenden Reise wohl, vielleicht hatten sie auch schon was getrunken. Ihre bleichen Füße steckten in Plastiksandalen, und sie trugen Shorts und identische Poloshirts mit einem Aufdruck auf dem Rücken, der sie als Mitglieder eines Turnvereins einer Vorortgemeinde auswies. Unter großem Tohuwabohu hievten sie Hartschalenkoffer in den Bus, jeder groß genug, um eine Leiche darin zu entsorgen. Auf einem Koffer prangte ein Aufkleber, oval und groß: «Ferien in Valbella – IMMER WIEDER», und daneben ein grüngelber Sticker mit drei Tannenbäumen drauf, neben denen stand: «Sauerthal macht Spaß – Ferien- und Seminarhaus m. 22 Betten (Loreley)». Einer sagte: «Also, hört zu. Wenn wir im Hotel angekommen sind, dann gehen wir direkt in die Tiger Bar. Habt ihr gehört? Direkt in die Tiger Bar.» Die anderen redeten stehend durcheinander, und dann schrie einer: «Kommando Tiger Bar!» Der Buschauffeur schaute kurz nach hinten, bemüht möglichst finster dreinblickend, was ihm recht gut gelang. Die Männer lachten, und der eine fasste die Haltestange mit der Rechten, schwang die Linke in die Luft und wackelte mit seiner Hüfte, so gut er konnte. Der Buschauffeur nahm eine Kurve scharf, die Männer mussten sich festhalten, um nicht durch den Bus zu kegeln, sie johlten. Noch mehr Gelächter.

Bald würde er am Flughafen sein, bald in der Luft, bald bei ihr. Oder sie bei ihm. Er legte seine rechte Hand an seine Leiste, spüre das Portemonnaie durch den robusten Stoff der Hose. Okay, gut, alles da. Pass. Ticket. Geld. Mehr braucht niemand, wenn er auf Reisen geht. Gut zu wissen. Beruhigend. Alles bestens. Er lehnte sich zurück, und er spürte seinen Rücken, noch immer, obwohl es lange her war, dass er die Treppe hinuntergestürzt war. Wie lange war das nun her? Drei Monate? Sicher war es drei Monate her. Vielleicht sogar länger. Damals war es so kalt gewesen, dass man in der Zeitung Artikel über diese Kälte schrieb – er selbst war mit einem solchen Artikel beauftragt worden: Er musste den Zoodirektor befragen, wie sich die extreme Kälte auf das Leben der Tiere auswirkte, vor allem jene Tiere, die ihrer Herkunft wegen eher an Strandurlaub gewöhnt waren. Schnee aber lag damals kaum in der Stadt. Also liehen seine Freunde über sieben Ecken einen Pick-up von einem Schlosser aus, ein paar Schaufeln trieben sie auf, und sie fuhren aus der Stadt hinaus Richtung Jura, um dort Schnee auf den Pick-up zu schaufeln. Den Schnee fuhren sie dann in die Stadt und dort zur alten Wurstfabrik, wo er ein Büro gemietet hatte und wo sein Kumpel Klumpen und der Wolf auch arbeiteten, Räume für wenig Geld, und den Schnee schaufelten sie auf einen großen Haufen vor dem Eingang, fuhren wieder aus der Stadt hinaus und hinauf in den Jura, brachten eine neue Ladung, und aus dem Haufen formten sie dann eine Theke, denn so hatten sie das Fest angekündigt. «ATELIERHAUSFEST MIT SCHNEEBAR». Es war verdammt viel Arbeit gewesen, denn Schnee ist schwer, und für eine hübsche Schneebar braucht man viele Schaufeln. Seine Freunde chauffierten und schaufelten zwei Tage, und einen weiteren halben Tag investierten sie in das Finishing der Theke, die aussehen sollte wie etwas von Zaha Hadid, nachdem sie zehn Spacecookies gegessen hatte. Am Ende hatten sie einen schrecklichen Muskelkater an Orten, von denen sie gar nicht gewusst hatten, dass dort überhaupt Muskeln waren, und es war einfach eine Theke, ein fünf Meter langes Ding, mehr oder weniger rechteckig, mehr oder weniger im Lot, ein Ding, dem man die viele Arbeit überhaupt nicht ansah. Aber sie erfüllte ihren Zweck. Und so stand er dann abends an dieser Theke aus Schnee in der Kälte, trank Wodka und redete mit Wolf, oder besser: Wolf redete mit ihm. Wie immer trug Wolf Anzug und Hemd, er fluchte über die Kälte, und er schlotterte, aber viel wichtiger war ihm, gut auszusehen. Einmal im Jahr kamen unschlagbar günstige Schneider aus Hongkong für ein paar Tage in die kleine Stadt, nahmen ein Hotelzimmer und empfingen Kunden. Dort ließ Wolf sich ausstaffieren: maßgeschneiderte Hemden mit eingesticktem Monogramm, Vestons mit nur wenig Schulterpolster und Hosen mit schlanken Beinen. Er war stets gut gekleidet, und wenn jemand meinte, er sei ein Schnösel, dann empfand er dies als Kompliment. Wolf erzählte Moritz von einem neuen Buch. Es ging um das «Gleichgewicht zwischen Fotografie und Grafikdesign durch grafischen Ausdruck» und «den neuen Ausdruck des Sehens» und um «neugierig flüchtige Bilder, die aus ihrem weltlichen Kontext aufgehoben und auf eine andere Ebene abstrahiert zu haben scheinen». Wolf redete und redete und redete, Moritz fragte sich, was er wohl geschluckt hatte, sehr wahrscheinlich leider aber überhaupt nichts, denn dann und wann litt Wolf unter einer alten Krankheit von Menschen, die lange Zeit an Kunstschulen verbracht hatten: verbalem Durchfall. «Weißt du, Straßenmarkierung, Graffiti und alle Arten von Beschilderungen wurden vergrößert oder beschnitten, seltsam vertraute Dinge werden zu rätselhaften Bildern, die Carson äußerst empfindlich Reaktion auf Formen, Farben, Licht und Schatten zeigen. Er untersucht die Synergie zwischen Grafik und Fotografie, die dynamische Beziehung zwischen Worten und Bildern. Er ist einfach der Größte. War ja mal Profisurfer. Wir sollten auch so ein Projekt machen, ein geiles Projekt.» Er sah Wolf reden, er sah seinen Mund, er ging auf und zu, und weil es so kalt war, kam weißer Hauch aus Wolfs Mund, als ob er rauchte, als ob eine verdammte Rauchmaschine in ihm drinstecken würde, die man nicht mehr ausschalten konnte. Er sah ihn reden, aber er hörte ihn nicht.

Er war nur ein bisschen betrunken, als er die zwei Drinks griff, die er bestellt hatte, und sich von seinem voll ergonomischen Stehplatz an der Schneebar loseiste und Wolf stehen ließ, der einfach weiterredete. Er ging in den Keller des Atelierhauses, wo seine Freunde im alten Lagerraum eine improvisierte Disko installiert hatten, mit Spiegelkugel und Nebel und Lautsprechern groß wie Gefrierschränke. Er wollte Klumpen einen Drink bringen. Klumpen machte heute den DJ. Er wusste, dass DJs nicht verdursten durften. Wenn sie nicht ausreichend zu trinken bekamen, dann bekamen sie schlechte Laune. Und wer will schon DJs mit schlechter Laune? Aus dem Keller pumpte The Clashs «Police on my back». Es mussten seine feuchten Schuhsohlen gewesen sein, es mussten die feuchten Treppenstufen gewesen sein, beides eventuell sogar, auf jeden Fall glitt er auf der ersten Stufe aus. In der Linken hielt er einen Drink, in der Rechten ebenfalls, Plastikbecher. Im Nachhinein, in der Erinnerung, kam es ihm vor wie in einem Comic. Er glitt aus, und wenig später fand er sich am Fuß der Treppe sitzend, er sah Arme aus dem dichten Maschinennebel ragen, die Musik war so laut, dass er den Fluch nicht hörte, den er ausstieß, aber dann musste er lachen, denn noch immer hielt er in der Linken den Drink und in der Rechten ebenfalls, nichts schien verschüttet, und er brüllte zu niemandem Bestimmten: «Ich bin ein verdammtes Genie! Zum Zirkus hätte ich gehen sollen! Ich bin der verdammte Jerry Lewis!» Und dann stand er auf, kippte den einen Drink, warf den Becher zu Boden, zertrat ihn mit einem gezielten Tritt, es klang scharf durch die Musik, als bräche einem das Genick, und kippte auch den anderen Drink, den er eigentlich seinem Kumpel Klumpen hatte bringen wollen. Er schüttelte den Kopf, schrie dem Nächstbesten ins Ohr, dass er eben die Treppe runtergefallen sei. «Was?», schrie der. «Nichts gebrochen!», schrie er. «Was?» «Alles super.» Er reckte den Daumen hoch zum Okayzeichen. Dann ging er tanzen.

Er bemerkte es erst am nächsten Morgen, als er erwachte, in seinem Bett, eine simple Matratze auf dem Boden, ohne Gestell, ohne Rost. Er konnte sich kaum mehr bewegen, lag auf der Matratze wie ein halbtotes Reptil in Unterhose. Er versuchte, einen Blick auf seinen Rücken zu werfen, was natürlich nicht ging, sosehr er den Kopf auch wendete, was wiederum verdammt wehtat. Etwas stimmte nicht. Da stimmte etwas ganz und gar nicht. Er stand auf, langsam, stöhnte vor Schmerz, ging ins Bad, blickte in den Spiegel, sah sein verkatertes Gesicht, die kleinen Augen, drehte dem Spiegel seinen Rücken zu. Das Gesäß, der untere Rückenbereich, die Rückseite der Oberschenkel: Schwarz, Blau, Dunkelrot. Er humpelkrochschlich aus dem Bad und legte sich wieder auf die Matratze, zog das Laken über seinen geschundenen Körper und griff nach dem Telefon, wählte Julchens Nummer.

«Hallo?»

«Hi Julchen, wo warst du gestern?»

«Warst du an der Party?»

«Ja. Du aber nicht.»

«Ich wollte auch kommen, aber ich bin zu Hause eingeschlafen, vor der Kiste, während ‹Emergency Room›, als Greens Mutter das Bein gebrochen hat und er sie deswegen in San Diego besuchen geht. Ich muss mir die Wiederholung ansehen, hab fast alles verpennt, so wie ich dann auch die Party verpennt habe. Meine Güte, ich verpenne mein halbes Leben.»

«Na ja, so gut war die Party nun auch wieder nicht.»

«Klumpen hat aufgelegt, oder?»

«Ja, Klumpen hat aufgelegt. Und ich bin die verdammte Treppe runtergeflogen.»

«Wie? Was?»

«Ausgerutscht. Aber hey: Ich hatte zwei Drinks in den Händen, und nicht einen Tropfen davon habe ich verschüttet.»

«Bravo! Und jetzt?»

«Jetzt? Jetzt sehe ich aus wie ein Zombie. Ich sehe aus wie von Bruce Lee vermöbelt. Als wäre Bruce Lee mit seinen verdammten Nunchakus über mich hergefallen.»

«Mit was?»

«Nunchakus.»

«Was sind Nunchakus.?»

«Du weißt schon, diese zwei Holzstäbe, die mit einer Eisenkette verbunden sind.»

«Keine Ahnung, von was du redest.»

«Hast du nie was von ihm gesehen? ‹Der Mann mit der Todeskralle›? ‹Todesgrüße aus Shanghai›?»

«Nein. Ich bin eher der Meg-Ryan-Schlaflos-in-Seattle-Typ.»

«Egal. Auf jeden Fall: Ich habe meinen Meister in einer Kellertreppe gefunden.»

«Was gebrochen?»

«Weiß ich nicht. Glaub’s nicht. Aber ich kann kaum gehen.»

«Dann solltest du zu einem Arzt.»

«Später.»

«Hast du was gegen die Schmerzen?»

«Ich hab immer etwas Ponstan 500 auf Vorrat. Ich werd mal ein paar davon frühstücken.»

«Mach das. Und ich komm später vorbei. Okay?»

«Okay.»

«Soll ich dir was mitbringen?»

«Ja, ein Sexheftchen.»

«Idiot.»

«Mit Poster.»

«Idiot.»

«Ich weiß.»

Der Arzt sagte ihm später, dass er Glück gehabt habe, nichts sei gebrochen, bloß eine Prellung des Steißbeins. Er wurde vier Wochen krankgeschrieben, schluckte ständig Ponstan. Er sah viel fern in dieser Zeit. Er spielte Playstation. Er hörte Musik. Wenn er rausging, dann schlich er durch die Stadt, denn Gehen konnte man das nicht nennen. Er hoffte, niemand sah ihn. Immer wieder musste er stehen bleiben, sich irgendwo festhalten, sich irgendwo setzen, warten, bis die Schmerzen wieder abklangen. Später würde er sagen, es sei der Moment gewesen, in dem er alt geworden sei. Jener Moment, als der Ernst des Lebens begonnen habe, der Treppensturz sei ein Ruck gewesen, der alles verändert habe. Bis dahin jedoch würde noch etwas Zeit vergehen.

Die Busfahrt zum Flughafen dauerte keine zwanzig Minuten. Die Vorzüge einer kleinen Stadt, die jedoch so groß war, dass sie einen Flughafen hatte. Das sagte er immer, wenn es darum ging, die Vorteile der kleinen Stadt zu beschreiben: Man ist schnell weg. Und schnell wieder da. Und man muss keine Angst haben, in der Zwischenzeit etwas verpasst zu haben. Der Schmerz in seinem Rücken war verschwunden, er dachte nicht mehr daran, als er am Kiosk stand und sich ein paar Zeitschriften kaufte, eine Packung Kaugummi, dann die Sicherheitskontrolle hinter sich brachte und sich am Gate auf eine nicht sehr bequeme Bank setzte, dort wartete, das Handgepäck zwischen seinen Beinen. Er war zu früh, wie immer, was ihm jedoch richtig vorkam, denn er fand, dass es keinen richtigen Zeitpunkt gab, sondern immer nur ein Zu-früh oder ein Zu-spät. Den exakt richtigen Zeitpunkt zu treffen, das war ein Ding der Unmöglichkeit. Er blätterte in der Zeitschrift, die er gekauft hatte. «The Face». Er las kein einziges Wort, nicht das Porträt von Flat Eric, nicht das Interview mit Suede, nicht die Story über Eminem, nicht die über Angelina Jolie und auch nicht über Star Wars Lego. Er sah sich bloß die Bilder an und die Werbung und blätterte und blätterte und wartete, dass die Zeit verging, was sie auch tat, denn auf das Vergehen der Zeit war Verlass.

Sein Flug wurde aufgerufen. «LX 3596 nach Berlin-Tempelhof ist nun am Gate 12 zum Einsteigen bereit.» Eine Frau in Uniform und Leuchtweste öffnete mit einem Schlüssel eine Türe, die zum Rollfeld führte, wo der Jet wartete, ein Saab 2000, nur ein paar Schritte entfernt. Auch das mochte er an der kleinen Stadt, in der er lebte: dass man auf dem Flughafen zu Fuß zum Flugzeug ging, dass man nicht in noch einen Bus steigen musste, zusammen mit den anderen mit ihren Rollköfferchen. Er hasste Rollkoffer. Und wenn am Rollkoffer dann noch ein Typ im Anzug dran war, dann hasste er den noch viel mehr.

Jetzt bemerkte er erst, wie warm es war, an diesem 12. April. Er hob seinen Kopf und blinzelte in die Sonne, ging auf das Flugzeug zu, schritt die Treppe hoch, und als er auf der obersten Stufe stand, hielt er kurz inne, blickte über seine Schulter auf das Flughafengebäude, in dessen Scheiben sich die Sonne spiegelte, dann packte er seine Tasche noch fester, die an seinem Arm gen Erdmittelpunkt zog, zog seinen Kopf etwas ein, trat durch die aufgeschwungene Türe, trat in die Maschine und blickte in ein höchst professionell lächelndes Gesicht der Flugbegleiterin, die ihn willkommen hieß an Bord, einen Blick auf seine Einsteigekarte warf und mit einer höflichen Handbewegung nach hinten wies, als ob es eine andere Richtung geben würde. Es schien tatsächlich so, als lächelte die Frau, weil sie sich freute, ihn zu sehen, auch wenn sie ihn noch nie gesehen hatte. Auch er lächelte, aber aus einem ganz anderen Grund.

Kapitel 2

Wir sehen: eine Frau. Sie steht in einem Raum, vielleicht dreißig Quadratmeter groß, mit hohen Fenstern, es ist hell im Raum, auch wenn die Aprilsonne etwas Mühe hat, ihr Licht durch die dichte Wolkendecke zu drücken, die über Berlin liegt, so wie sie gestern schon Mühe hatte und auch morgen haben würde. Das Grau war schon so lange dort oben, dass man denken konnte, der Himmel wäre aus Beton und würde einem auf den Kopf fallen. Eben stand die Frau noch am Fenster und sah in den Himmel und überlegte, ob dieser Himmel schiefergrau sei oder aschgrau oder mausgrau oder rauchgrau, denn einfach nur Grau gab es nicht. Sie dachte: Taubengrau passt zu diesem Himmel, heute. Dann geht sie zur Wand, wo sie nun steht, einen Pinsel in der Rechten. Sie neigt ihren Kopf etwas zur Seite. An der Wand hängt ein Bogen Papier, Format A2, zwei feine Nägel halten den Bogen an der Wand, er wölbt sich leicht. Die Frau runzelt die Stirn. Sie betrachtet das entstehende Bild. Von der Spitze des Pinsels löst sich ein Tropfen Farbe, fällt herunter, zerplatzt auf dem Fußboden, wird zu einem rasch trocknenden Fleck, er sieht aus wie blaues Blut. Er ist dort nicht alleine. Der Boden ist übersät mit verschiedenfarbigen Flecken. Es sieht aus, als hätte man einen Clown massakriert. Das Bild zeigt eine Figur, eine Frau, sie sitzt in einem Schaukelstuhl, die Beine übereinandergeschlagen, man sieht die Figur im Schaukelstuhl von der Seite, den Kopf hat sie dem Betrachter zugewendet, sie blickt über ihre Schulter, als habe ihr eben jemand etwas zugerufen. Die Künstlerin tritt näher an das Bild und malt der Figur mehr Haare, es ist bloß ein einzelner dicker Strich. Wieder nimmt sie einen Schritt Abstand vom Bild, betrachtet es erneut und zuckt mit den Schultern. Sie würde warten, bis das Bild trocken wäre. Bei Acryl ging das schnell, sie war immer wieder überrascht, wie schnell das ging, erstaunlich, vor allem verglichen mit der Ölfarbe, die einfach nicht trocknen wollte, auch nach Wochen, Monaten noch nicht. Sie hasst den Geruch der Ölfarbe. Roch sie Ölfarbe, dann meinte sie, in ein anderes Jahrhundert gefallen zu sein. Ins Mittelalter. Die Künstlerin geht zu einem Tisch. Auf dem Tisch steht ein Ghettoblaster mit CD. Es ist ein Gerät von Panasonic, sie hatte ihn im Saturn gekauft, vor zwei Wochen, es war ein Aktionsangebot. Ihr war fast ein wenig schwindlig geworden, im Saturn, wo das Licht zu hell war und die Luft zu stickig und die Auswahl zu groß, ja, die Auswahl an in China zusammengebauten Geräten aus Plastik und Elektrobauteilen war so groß, dass es sie lähmte, also nahm sie einfach das Aktionsangebot. Das Gerät war zwar von einer absonderlichen Hässlichkeit, aber damit war es dort nicht allein.

Sie drückt eine Taste. Eine Sekunde später kommt Musik aus dem Gerät. Ein Synthesizer, tiefer Klang, ein Chor stimmt ein, singt immer wieder: «Rameses, Colossus. Rameses, Colossus». Beschwörend. Dann setzt das Schlagzeug ein, und eine Frauenstimme kommt dazu, und der Song nimmt schnell an Fahrt auf. Die Frau stellt lauter, obwohl die Musik schon recht laut gewesen war. Sie fängt an zu tanzen. Den Pinsel wirft sie auf den Tisch. Sie klatscht in die Hände, sie macht den Moonwalk, macht den Michael Jackson, sie wackelt mit der Schulter, sie schreitet wie eine Ägypterin, sie geht in die Knie, sie haut sich die Handflächen auf die Oberschenkel, sie streckt die Arme in die Höhe, sie macht den John Travolta, sie macht die Ginger Rogers, trippelt, dass niemand zuschaut, ist ihr egal, und es wäre ihr auch egal, wenn jemand zuschauen würde, und als der Song vorbei ist und ein neuer Song beginnt, ein Song, der viel langsamer ist, da geht sie zum Tisch, dreht den Ghettoblaster wieder leiser, nimmt ein Japanmesser, fährt die Klinge aus, klick, klick, klick, geht zum Bild und schneidet ein Loch in das Papier. Dort, wo zuvor der Kopf der Figur war, dort ist nun ein Loch. Sie fährt die Klinge wieder ein, klick, klick, klick, und betrachtet das Bild. Jetzt ist sie zufrieden. «Hm», denkt die Frau, «ich nenne das Bild ‹Loch im Kopf›.» Die Frau schaut auf ihre Uhr, aber sie trägt gar keine Uhr. Sie schaut bloß auf ein Handgelenk. Sie hat die Uhr vergessen anzuziehen, heute Morgen, sie liegt wohl noch neben dem Bett. Die Uhr war ein Geschenk gewesen, kam per Post, ein kleines Paket, ohne Absender, aber sie wusste, woher es kam. Sie mochte die Uhr sehr, es war eine Digitaluhr mit eingebautem Taschenrechner. Zudem konnte man ein paar Sekunden Ton speichern. Als die Uhr kam, war bereits ein Ton gespeichert. Sie hörte ihn sich an. Es war der Soundtrack eines Momentes an einem anderen Ort. Es war bloß Ruhe, aber wenn sie das feine Rauschen hörte (War es Wind? Hörte man eine von Autos befahrene Straße? Ein Atmen?), dann wusste sie, dass es der Ort war, an dem er gewesen war, sie spürte so etwas wie Präsenz. Sie spürte ihn. Als Georg die neue Uhr bemerkte, sagte er: «Neue Uhr?» Und sie sagte bloß «Ja». Damit war das Thema erledigt.

Also greift sie in die Tasche ihrer Jeans, wo ihr Mobiltelefon steckt, ein silberfarbenes Nokia, sie nennt es Silberfisch, denn sie findet, dass alle Maschinen einen Namen verdient haben (der Ghettoblaster heißt Kleiner Todesstern). Es ist kurz nach 14 Uhr. Höchste Zeit, das Atelier zu verlassen, findet die Frau. Genug gearbeitet. Sie war nun schon über zwei Stunden hier. Feierabend. Zwei Stunden, mehr konnte eine Künstlerin doch nicht arbeiten, ohne sich lächerlich zu machen, ohne die Glaubwürdigkeit als seriös unseriöse Künstlerin zu verlieren! Sie stellt den Ghettoblaster aus und überlegt, was sie nun tun könnte. Es würde ihr schon etwas einfallen. Vielleicht würde sie schwimmen gehen, im Velodrom, den einen Kilometer, den sie immer schwamm, mindestens dreimal die Woche. Vielleicht würde sie ins Kino gehen, egal was lief, in das Kino an der Karl-Marx-Allee oder in jenes in den Hackeschen Höfen. Vielleicht würde sie mit der U-Bahn an eine Endstation fahren und dann wieder zurück, lesend oder auch nicht, sie hatte eine schon etwas ramponierte Taschenbuchausgabe von Italo Svevos «Zenos Gewissen» dabei, für alle Fälle, ein Kassabon als Buchzeichen zwischen Seite 54 und Seite 55. Es war ein Kassabon eines Biomarktes. Sie hatte dort ein Hühnchen gekauft, und als sie es zu Hause braten wollte, fand sie, dass das Hühnchen ziemlich stark roch. Sie brachte es zurück, aber der Mann im Biomarkt weigerte sich, das Huhn zurückzunehmen und ihr ihr Geld wiederzugeben. Er packte das tote Tier aus und steckte seine Nase dicht darüber, sog den Geruch ein und schloss die Augen. Dann schüttelte er den Kopf. «Alles bestens», sagte er. Er fand, das Huhn rieche total okay. «So riecht Huhn eben», sagte er, «echtes Huhn, und wenn du Huhn willst, das nach nichts riecht und nach nichts schmeckt, dann geh halt in den Penny-Markt einkaufen.» Was sie dann auch tat.

Die Frau ist 32 Jahre alt. Der Raum ist ein Atelier im Kulturzentrum Podewil im Osten Berlins. Seit einem halben Jahr arbeitet sie hier, ein Stipendium, und sie tut das gerne, sie mag die Stadt, so gut sie sie bereits kannte, trotz des Himmels und des Umstands, dass ihr Leben gerade etwas kompliziert ist. Aber ihr Leben wäre auch an einem anderen Ort kompliziert und eben: Wenn man sich einmal mit den verschiedenen Grautönen beschäftigt hat, dann kann man den Nuancen dazwischen ziemlich viel abgewinnen. Die Künstlerin hat einen Freund, er heißt Georg und ist Architekt. Seit sechs Jahren sind sie zusammen. Georg ging schon etwas vor ihr nach Berlin, wegen einem Job in einem angesagten Architekturbüro, wo er zwar kaum etwas verdiente und dafür umso mehr schuftete, aber er nahm das gerne auf sich, denn er dachte, das gehöre nun einmal zu dem Weg, den er eingeschlagen hatte, ein Weg, an dessen Ende er sich selbst als großen Architekten sah mit Häusern, über die es große, dicke Bücher geben würde.

Neben Georg hat die Frau noch eine Affäre. Die Affäre heißt Paul. Paul ist Künstler. Sie hatte ihn hier kennengelernt, an einer Party. Georg hatte zu jener Zeit gerade viel zu tun, eine Wettbewerbsabgabe, noch eine Wettbewerbsabgabe, Nachtschichten, Ernährung nur noch durch das, was Pizzakuriere brachten, er kam nach Hause, als sie schon schlief, und ging, als sie noch im Bett lag und von Dingen träumte, die ganz und gar andere Dinge waren als jene, die er da dachte.