Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück - Max Küng - E-Book

Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück E-Book

Max Küng

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Beschreibung

Ein Haus, sieben Bewohner, ein Brief für alle …
4. Stock, Delphine: Sie lebt mit zwei jungen Männern in einer WG. Delphine studiert an der Kunsthochschule und jobbt nebenbei in einem Fitnesscenter. Sie will das Nichts räumlich darstellen – und weiß auch schon, wie.
3. Stock, Virginia Pulver: Die alleinerziehende Mutter lebt mit Cosima, ihrer vierzehnjährigen Tochter. Seit ihr Mann sie verlassen hat, pflegt sie ein möglichst ausschweifendes Partyleben, daneben achtet sie penibel auf gesunde Ernährung. Sie liebäugelt mit der Modebranche
und hat eine Affäre mit dem jungen Koch und Metzger Lukas.
2. Stock, Paola Gamma und Fabio Demuth: Paola ist Journalistin und wird für eine Schmutzgeschichte über Tim instrumentalisiert, Fabio arbeitet bei einer Immobilienfirma und wird gerne mal über den Tisch gezogen. Seine Spielsucht versucht er zu vertuschen. Und da ist noch Stinky, ihr Mops.
1. Stock, Familie Hermann: Tim ist ein beliebter TVModerator, verheiratet mit der etwas spröden Judith, sie haben zwei Kinder, längst hat sich Ernüchterung eingestellt. Trost sucht Tim in Eskapaden mit anderen Frauen, welche allerdings lediglich in seinem Kopf
stattfinden. Judith hingegen fühlt sich von der rätselhaften Melancholie Vischers angezogen.
Erdgeschoss, Herr Vischer: Sagt nicht viel, lebt inmitten seiner Fahrräder, ist immer im Rennradtrikot anzutreffen und führt akribisch Buch über seine Passfahrten.

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Seitenzahl: 445

Veröffentlichungsjahr: 2016

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INHALT

» Über den Autor

» Über das Buch

» Buch lesen

» Impressum

» Weitere eBooks von Kein & Aber

» www.keinundaber.ch

ÜBER DEN AUTOR

Max Küng, geboren 1969 in Maisprach bei Basel, besuchte nach der Ausbildung zum Computer-Programmierer die Ringier-Journalistenschule. Seit 1999 ist er Reporter und Kolumnist beim Magazin des Tages-Anzeigers und veröffentlichte bisher den erfolgreichen Roman Wir kennen uns doch kaum. Max Küng lebt seit 2005 in Zürich, ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

ÜBER DAS BUCH

Als alle Bewohner der Lienhardstrasse 7 gleichzeitig die Kündigung der Wohnung erhalten und notgedrungen mehr miteinander zu tun haben, entdecken sie bei ihren Nachbarn ungeahnte Charaktereigenschaften und Obsessionen. Nach und nach verknüpfen sich die Schicksale der Einzelnen und fügen sich zu überraschenden Konstellationen: ein intimer, mal entlarvender, mal witziger Einblick in das Leben anderer.

»Wir wissen nichts über unsere Nachbarn. Das ist gut so. Wenigstens im richtigen Leben.«

Max Küng

»Um drei Uhr morgens vom Prasseln eines gewaltigen Regenschauers aufgewacht, und als dann noch die eingesperrte Katze zu miauen anfing und auf mein Bett sprang, konnte ich nicht wieder einschlafen.«

Prolog

Eine Gurkenscheibe. Eine Scheibe einer ganz normalen Salatgurke, gezüchtet irgendwo in einem Gewächshaus in Andalusien, per Lastwagen über staubige Autobahnen herangekarrt, zweitausend Kilometer weit. Sie liegt im Kies unter einer Parkbank. Unter einer gewöhnlichen Bank ohne jede Beschriftung, wie sie vielerorts in der Stadt anzutreffen ist, mit einem Gestell aus verzinktem Stahl und Latten aus blassgrün gestrichenem Holz. Die Bank steht in einem Park. Nun ja, Park ist etwas übertrieben, vielmehr ist es ein von einem Kiesweg umrandetes Rasenviereck, mit in der Mitte angelegter Rosenrabatte. Die Grünanlage wird vor allem von Hundehaltern als Versäuberungswiese für ihre vierbeinigen Freunde genutzt. Über Mittag jedoch beanspruchen bei schönem Wetter auch gerne Leute aus den nahen Büros die Sitzbänke, rollen Picknickdecken auf dem Grün aus oder setzen sich einfach so ins Gras, das von der Stadt gepflegt und gemäht wird.

Die Gurkenscheibe liegt bleich im staubigen Kies, ein paar Blätter von den mageren Birken ebenfalls, Zigarettenstummel. Noch ist niemand zu sehen, keine Menschenseele. Es ist früher Morgen, in nicht zu weiter Ferne hört man ein Tram rumpeln und um die Kurve quietschen, ein Auto fährt vorbei, die Scheinwerfer noch an. Das Licht des Tages bricht flach durch die Straße, golden lässt es den Mülleimer neben der Parkbank erglühen, lang sind die Schatten. Der Himmel ist von einem harmlos hellen Blau, wolkenlos, bloß ein einzelner Kondensstreifen durchschneidet ihn. Die bleiche, vom Dreck panierte Gurkenscheibe liegt schon die ganze Nacht unter der Parkbank, am Abend zuvor hatte sie jemand mit Zeige- und Mittelfinger aus einem dünnwandigen Plastikbecher gefischt und zu Boden fallen lassen. Ein paar Bürokollegen hatten spontan beschlossen, ein wenig zu feiern, den Arbeitstag aus- und den Feierabend einzuläuten, auf ebendieser Parkbank, unweit vom Sitz der Firma, für die sie arbeiten. Sie hatten sich im Supermarkt eine Flasche Gin besorgt, Tonic, einen Sack mit Eiswürfeln und eine Salatgurke, die sie mit dem Sackmesser nach und nach in Scheiben schnitten. In einen anständigen Gin Tonic gehört ihrer Meinung nach zwingend Gurke. So in Stimmung zu kommen, war zudem viel günstiger, als überteuerte Drinks in einer Bar zu ordern. Einer von ihnen hatte die Kosten im Kopf überschlagen, während sie vor der Firma standen und rauchten. Er kam nach einem ausführlichen Rechenmonolog zum Schluss, dass diese für einen selbstgemixten Gin Tonic bei nur einem Franken und fünfundfünfzig Rappen liegen und sie somit an einem Abend zweihundertunddreiundsiebzig Franken und fünfzig Rappen sparen konnten. Sein Kollege, der bei ihm stand und der gemurmelten Rechnerei zuhörte, nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette und sagte: »Krass.« Lange saßen sie auf der Bank, standen um sie herum, redeten, scherzten, lachten, bis die Flasche leer war; und obwohl sie nicht mehr ganz nüchtern waren, räumten sie fein säuberlich alles weg, was sie angeschleppt hatten. Als sie gegangen waren, johlend, um andernorts noch weiterzufeiern und die gesparten zweihundertunddreiundsiebzig Franken und fünfzig Rappen auf den Kopf zu hauen, da war das Einzige, was zurückblieb, die Scheibe einer Salatgurke im Kies unter der Bank.

Es wurde Nacht, es wurde Morgen, bald würden die Nacktschnecken kommen und sich über das Gurkenstück hermachen, aber noch gehört die Scheibe den fliegenden Insekten. Eben landet dort eine Fliege, um mit ihrem leckend saugenden Mundwerkzeug die Oberfläche zu untersuchen und mit ihren Chemorezeptoren an den Enden ihrer dünnen Beine zu prüfen, ob irgendwo Zucker zu finden sei. Bald hat die Fliege die Gurke als uninteressant eingestuft und macht sich auf die Suche nach vielversprechenderer Nahrung. Die Fliege ist neun Tage alt. Es kommt kein weiterer Tag dazu, sondern nur eine Sekunde, da zucken ihre dünnen Beine in der Leere, die zwei Flügel surren vergebens, sie hat sich verfangen im Netz einer Kreuzspinne. Die Spinne hat den fetten Neuankömmling bereits registriert, schnell greift sie sich die Fliege mit ihren großen Kieferklauen, wie die Klinge eines Sackmessers klappt sie den spitz zulaufenden Giftzahn aus. Sie pumpt erst lähmendes Gift in den schwarzen Leib der Fliege, dann erbrochenes Magensekret, damit sich deren Körper gleich zu zersetzen beginnt. Mit ihrem kräftigen Muskelmagen saugt sie die Stubenfliege leer, erbricht den Saft wieder zurück in die Hülle ihres Opfers, saugt ihn wieder ein, erbricht ihn wieder, bis der Jus nach ihrem Gusto und endgültig Spinnennahrung geworden ist – und von der Fliege nichts anderes übrig bleibt als ein unförmiger Klumpen unverdaulichen Chitins. Die Spinne hat ihre Arbeit getan, die Fliege ist bis auf den letzten Tropfen leer gesogen, schon schießt eine Amsel heran. Zerrissen ist das feine Netz, dieses Kunstwerk, diese komplexe Konstruktion – und weg ist die Spinne, respektive: Man sieht noch ihre behaarten Beine aus dem dreckig gelben Schnabel ragen, die Beine zappeln, als die Amsel ihren Kopf schräg stellt, hierhin blickt, dahin blickt, dann schnell die Spinne hinunterwürgt. Wieder blickt sie mit ihren schwarzen Augen hierhin, dahin, nervös. Sie spürt, dass etwas im Busch ist. Tatsächlich schleicht ein rötlicher Kater durch die Rosenrabatte, gerade war er noch damit beschäftigt, die Gegend zu erkunden und zu markieren, da hörte er ein feines Geräusch, das raschelnde Schlagen von Flügeln, und erspähte die Amsel. Er rollt den Schwanz ein, duckt sich in Anschleichstellung. Den von Dosenfutter schweren Bauch dicht über den Boden gepresst, schleicht er ein paar Schritte, bereitet sich dann lauernd auf die letzte Phase der Jagd vor, seine Hinterpfoten treten an Ort und Stelle, links, rechts, links, rechts, den Blick starr auf die Amsel gerichtet, die Spitze des Schwanzes vor Nervosität zuckend. Geduckt kommt er aus seiner Deckung und setzt zum Angriffssprung an. Mit den Vorderpfoten will er die Amsel fangen. Der Kater ist alt und fett, eher selten verlässt er sein behagliches Zuhause und macht sich auf den Weg durch die enge Schleuse der Katzentür, durch die er kaum mehr passt und die ihn in eine Welt entlässt, in der es für ihn nichts Lebenswichtiges zu tun gibt. Das Schnellste am Kater ist der Name: Speedy. Halbherzig jagt Speedy der Amsel hinterher, die mit ihrer Beute im Bauch im Tiefflug davonflattert, ein nicht sonderlich eleganter Flug, jedoch effektiv. Die Amsel scheint auch nicht in Eile, ganz so, als wüsste sie, dass der Kater sie niemals erwischen wird. Als seien sie alte Bekannte und ihre Jagd bloß ein Spiel, ein altes Ritual. Vielleicht will Speedy die Amsel auch gar nicht fangen, weil er vergessen hat, was mit der Beute anzustellen ist. Er blickt dem entwischten Vogel nach, wendet sich dann wieder dem Boden zu und den Gerüchen, die ihm entströmen, macht sich auf den Weg zu einer Birke, um sich an ihrer dünnen Rinde die Krallen zu schärfen für die nächste erfolglose Jagd. Und er hinterlässt eine Duftnachricht, aus Drüsen zwischen seinen weichen Fußballen treten Pheromone aus und nisten sich in den Kratzspuren ein, damit die anderen Katzen des Quartiers wissen, dass er hier gewesen ist. Ganz so, wie Jugendliche mit spitzen Gegenständen ihren Namen in das Holz einritzen: »Speedy was here.« Da bellt ein Hund, ein Labrador, er zerrt an der Leine, am anderen Ende der Leine befindet sich eine Hand, und der Mensch, der zu dieser Hand gehört, sagt mit morgenmüder Stimme: »Ruhig, Shiva, ruhig!« Der Kater buckelt den Rücken, sträubt die Haare, um an Volumen zu gewinnen, an Statur, laut faucht er, zeigt seine feinen, weißen, spitzen Zähne, rot glänzt seine schleifpapierraue Zunge. Dann, nicht zu schnell, schleicht er davon, der Hund bellt noch ein bisschen, beruhigt sich und schnüffelt den Boden ab, drückt seine feinen Schnurrhaare ins Gras, liest den Grund mit seiner glänzenden Nase, saugt die Botschaften über mögliche Gefahren, Rivalitäten und Fortpflanzungsoptionen in sich hinein, hebt erneut den Kopf. Der Hund sieht einen Postboten, der auf der anderen Straßenseite fast lautlos auf seinem Elektrotöff um die Kurve gebogen kommt. Der Hund bellt, einmal, zweimal. »Was ist jetzt wieder los, Shiva?«, fragt sein Herrchen. Da rennt der Hund los. Normalerweise hätte ihn sein Herrchen zurückgehalten, aber er hat für einen Moment die Leine nicht in der Hand, weil er sich gerade bückt, um mit einem Plastikbeutel den zapfenförmigen Kot seines Hundes aufzunehmen. Der Hund schießt davon, auf den Postboten zu, der erschrocken von seinem Stapel Briefe aufblickt. Der Hund will das Bein des Postboten, er will seine Zähne in die fein behaarte, bleiche Wade schlagen, er will wild mit weit aufgerissenen Augen knurrend am Stoff des Hosenbeines zerren, bis er reißt. Er rennt vom kleinen Park über das Trottoir, die schlaff hin und her schlenkernde Leine hinter sich herschleifend, geradewegs auf die Straße. Das Quietschen von Bremsen vermischt sich mit dem kurzen Jaulen des Hundes. Das Auto kommt schnell zum Stehen, der Hundebesitzer rennt heran, der Autofahrer steigt aus, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, ruft: »Ich hab ihn nicht gesehen! Ich hab ihn nicht gesehen!« Der Hundebesitzer sagt nichts, so wie auch zwei Passanten nichts sagen, die stehen geblieben sind. Der Hund kommt unter dem Auto hervorgekrochen und blickt in die Welt, als begreife er nichts, ganz und gar nichts. Er scheint nicht verletzt, kein Blut, keine Wunde. Der Hundebesitzer geht auf die Knie und hält den Hund in den Armen, tätschelt ihn, redet ihm gut zu, und auch der Autofahrer geht in die Knie. Sie reden zusammen, Autofahrer und Hundebesitzer, dann steigen alle ins Auto und fahren davon, der Autofahrer hat angeboten, den Hund und seinen Besitzer zum Tierspital zu fahren, um den Hund untersuchen zu lassen.

Der Postbote hat alles beobachtet, nun gibt es nichts mehr zu sehen. Als das Auto verschwunden ist, wendet er sich wieder seiner Arbeit zu. Klappernd füllt er die Kästen, fünfmal dasselbe Geräusch, diese kurze Perkussion, wenn die Klappe aus Aluminium hochgeklappt wird und oben anschlägt, dann wieder zurückfällt und unten anschlägt, nur unterbrochen von einer immer andersartigen Pause, je nachdem, wie viel Post der Postbote durch den Schlitz schiebt, wie schnell dies geschieht. Jeder Kasten auf seiner Tour hat seinen eigenen Klang. Er könnte mit geschlossenen Augen sagen, welchen Briefkasten er gerade mit Rechnungen in weißen Couverts, von Hand adressierten Briefen und in Plastik eingeschweißten Zeitschriften füllt. Was ihm auffällt, heute, auf dieser Tour: Alle Kästen des Hauses bekommen Post, und zwar alle dasselbe Couvert vom selben Absender, manche gar in zweifacher Ausführung. Er denkt aber nicht weiter darüber nach.

Ein leises Surren erklingt, als er davonfährt, um anderen Häusern andere Briefe zu bringen, Postkarten, Zeitschriften. Er pfeift ein Lied, Bye Bye Love von den Everly Brothers, er hat es im Radio gehört, als er seinen Kaffee getrunken hat, die verklebten Augen noch müde vom Schlaf, weil er sich einfach nicht daran gewöhnen wollte oder konnte, um fünf Uhr aufzustehen. Und als er Bye Bye Love gehört und es ihn an früher erinnert hat, an ein Früher, in dem er noch gar nicht geboren war, da wollte es nicht mehr aus seinem Kopf heraus und begleitete ihn den ganzen Morgen. Immer wieder pfeift er die ersten Töne des Refrains, an mehr kann er sich nicht erinnern.

Als der Postbote verschwunden ist und mit ihm Bye Bye Love und das Surren des Elektrotöffs, da kehrt für einen Moment Ruhe ein an der Lienhardstrasse 7, wo das Haus steht und bereits die letzten 108 Jahre stand. Das fünfgeschossige Wohnhaus aus Sichtbackstein, Mansardwalmdächern mit Lukarnen und filigranen Balkonen mit reich verzierten Schmiedeeisengittern. Das Haus, in dem die Menschen leben, von denen diese Geschichte hier handelt. Noch liegen diese Menschen in ihren nachtwarmen Betten. Sie schlafen. Und sie alle sehen sehr friedlich aus.

Stell dir vor, du wärst ein Riese. Ja, ein Riese. Und das Haus an der Lienhardstrasse 7, das ist dein Puppenhaus. Hebe nun das Dach, ganz vorsichtig. Lege das Dach zur Seite und blicke in das Haus hinein: Du siehst eine junge Frau im einfachen Bett in ihrem WG-Zimmer, ein Bein unter dem Duvet hervorlugend, als prüfe es schon mal den Tag, ganz so, wie man einen Zeh in einen See tunkt, um seine Temperatur zu fühlen, bevor man in ihn eintaucht. Das ist Delphine. Rot ist ihr Haar, das sie kurz trägt, fein wie Staub die Sommersprossen auf den geschlossenen Lidern. Ihr Wecker ist auf 9:15 Uhr gestellt.

Eine Etage darunter siehst du auf einem Futon die tief schlafende Virginia Caviezel, geborene Winkler, 38 Jahre alt. Leise murmelt sie im Schlaf Worte, die niemand hört – und selbst wenn sie jemand hören würde: Niemand würde sie verstehen, nicht einmal sie selbst. Im Zimmer nebenan das Bett ihrer vierzehnjährigen Tochter Cosima, verwaist, da Cosima verreist ist, oder besser: Bei ihrem Vater Cuno übernachtet, der ausgezogen ist, vor Jahren schon.

Hebe nun auch dieses Stockwerk, aber psst!, nicht dass die Menschen erwachen: Da liegt Paola Kesselmann, bleiche Haut, spitze Nase, das Haar schwarz und vom unsteten Schlaf verwildert. Paola schnarcht, leise wie raschelndes Laub eines Baumes, in den ein Windstoß fährt. Neben Paola liegt ihr Freund, Fabio Sonetto, der ebenfalls schnarcht, aber weitaus kräftiger, ja richtig laut, rasselnd, prasselnd, und zu ihrer beiden Füße liegt Momo, der Mops, den sie meistens Stinky rufen, der es Frauchen und Herrchen gleichtut: ein Dreiklang, knatternd, schnaubend, pfeifend.

Gut, hebe nun auch diese Etage, leg sie zur Seite, und du siehst: Da ratzen zwei Buben namens Luca, zehn, und Laurin, sechs, in ihrem mit Panini-Stickern vollgepflasterten Kajütenbett und träumen Star-Wars-Träume voller explodierender Galaxien und elektrisch sirrenden Lichtschwertern, die Glieder verrenkt, bei Laurin die Füße dort, wo beim Einschlafen noch der Kopf gewesen war. Und im Elternschlafzimmer dösen auf einer Hüsler-Nest-Matratze die Eltern der Buben: Judith und Tim Gutjahr, beide gefangen in Träumen, die sich inhaltlich und personell doch etwas unterscheiden, ganz so, als liefe in einem Kinosaal eine romantische Komödie, daneben ein Pornostreifen, Die fabelhafte Welt der Amélie neben Horny Housewives 7.

Jetzt, Riese, hebe auch dieses Stockwerk an, aber ganz leise, denn: Der Vischer im Erdgeschoss ist schon auf den Beinen, eine Tasse Milchkaffee steht dampfend auf dem Küchentisch, an dem er hockt. Man hört klassische Musik. Er streicht mit der Hand eine Landkarte plan, beugt sich darüber, blickt darauf wie ein Wahrsager in eine Kristallkugel, in hautenger Rennradmontur sitzt er da, der Vischer, die Füße in Adiletten, ein Mann von 48 Jahren, der alleine lebt, lange schon.

Nun, Riese, kannst du das Haus wieder zusammenfügen, sachte, Stockwerk für Stockwerk, und am Ende das Dach aufsetzen.

Der Tag hat begonnen. Und die Scheibe der ganz gewöhnlichen Salatgurke liegt noch immer im staubigen Kies unter der Bank. Aber die Schnecken, sie sind schon unterwegs.

Alles Dunkle und Schändliche wird verschwinden

Scheiße, dachte Vischer. Verdammte Scheiße. Er trat und trat, der Schweiß lief ihm runter, der Reißverschluss des Trikots längst offen, die Schöße im Fahrtwind flatternd, er trank, saugte gierig das Wasser aus dem Bidon, schaltete einen Gang hoch, ging aus dem Sattel und trat im Wiegetritt weiter. Scheiße, dachte er noch einmal, während er dem Ende der steilen Rampe entgegenfuhr, so schnell es ging, bis ihm fast schwarz vor Augen wurde, das Blut in seinem Kopf pochte. 430 angespannte Muskeln, 300 Gramm zuckendes Herz, ein verzerrtes Gesicht. Seine Lippen waren schroffig trocken, salzig, als er mit der Zunge darüberfuhr. Er hörte seinen eigenen Atem. Sonst nichts. Hörte nicht mehr die Vögel in den Bäumen, den Wind in den Ästen, den gurgelnden Bach, der dorthin floss, wo Vischer herkam. Hörte nicht das Reifenrauschen von der Autobahn A13, die sich auf der gegenüberliegenden Talseite an den steilen Berg schmiegte, hörte nicht die Wasserfälle, die aussahen, als fielen sie in Zeitlupe. Nicht das knisternde Summen des Stroms in den dünnen Drähten der Hochspannungsleitung, nicht das dröhnende Brummen der bergwärts kriechenden Lkws, nicht das Hupen der Autos dahinter, nicht das wespenartige Heulen der wahnwitzig überholenden Motorräder. Hörte bloß sich selbst, das schnelle Keuchen, das Japsen nach Luft, die in seine Lunge gesogen und sogleich verbraucht wieder ausgestoßen wurde, um frischer Luft Platz zu machen, maschinengleich: Rein. Raus. Rein. Raus. Mehr Pumpe denn Mensch. Nur noch ein paar Meter, er dachte: Verdammt, verflucht, du Sauhund! Das Ende der Rampe war erreicht. Sein Brustkorb hob und senkte sich. Er spuckte aus. Ein Speichelfaden hing an seinem Kinn. Vischer wischte ihn mit der Rechten weg, er hing jedoch immer noch dort, glänzend im grellen Licht der Sonne, die von einem makellos blauen Himmel herunterbrannte. Er bemerkte es nicht. Langsam beruhigte sich sein Puls. In mäßigem Tempo fuhr er weiter über den holprigen Straßenbelag durch San Bernardino, füllte die Bidons beim Dorfausgang am Brunnen, ohne vom Rad zu steigen, fuhr alsbald weiter, sah, wie die Autos auf der A13 in den Tunnel verschwanden, eines nach dem anderen wurden sie vom Fels verschluckt. Neue wurden ausgespuckt. Tauchten auf wie aus dem Nichts. Vischer nahm nun den schönsten Teil des Aufstieges in Angriff, darauf freute er sich so sehr, dass er grinsen musste – die letzten 450 Höhenmeter, das letzte Dutzend Kurven, Serpentinen, sanft in die Landschaft gelegt, die immer karger wurde, je höher er stieg. Bald ließ er den letzten Baum hinter sich, hallendes Knallen kündete von Schießübungen der Armee in einem Seitental, er nahm Kurve um Kurve, schon sah er den See, den Laghetto Moesola, auf dessen unbewegter Oberfläche sich das Blau des Himmels spiegelte und die Berge, und er dachte: Schade, bin ich schon oben. Schade. Da fiel ihm der fette Mann wieder ein, in dem alten Peugeot, und ja, die Nummer hatte er sich gemerkt. Ein dreistelliges Bündner Kennzeichen, einfach zu merken, eine solche Nummer. Dafür brauchte es nicht einmal eine Eselsbrücke.

Um halb fünf Uhr war der Wecker an diesem Morgen losgegangen, wenig später stand Vischer in seinem Wohnzimmer und nahm eine Schallplatte aus der Hülle, betrachtete sie kurz, legte sie auf den Plattenteller. Er setzte die Nadel auf, es knisterte, dann erklang Musik, Schostakowitschs Sinfonie Nr. 8 in c-Moll. Eine alte Aufnahme, das Vinyl aber in tadellosem Zustand. Er hatte sie im Brockenhaus gekauft, da, wo er immer seine Schallplatten kaufte. Das London Symphony Orchestra unter der Leitung von André Previn, 1974 erschienen bei EMI. Einen Moment blieb er vor dem Plattenspieler stehen, als würde er nachdenken. Er dachte aber nicht nach, sondern hörte bloß zu.

Aus dem Wandschrank im Flur holte er eine Werkzeugkiste und einen Plastiksack und ging zurück ins Wohnzimmer. Der Boden war mit einer Kunststofffolie abgedeckt, darauf stand an einen Montageständer fixiert ein Rennrad, die Räder demontiert, schlaff hing die Kette herunter. Aus dem Plastiksack holte Vischer einen Putzlappen, aus der Werkzeugkiste einen Pinsel. Mit dem Pinsel begann er, das Rad zu reinigen. Mit steten Bewegungen putzte er den Dreck und Staub von den Rohren, den Bremsen, pinselte die Kette, die Trinkflaschenhaltebügel, den Lenker, den Sattel, hin und her ging der Pinsel wie der Taktstock eines Dirigenten. Im Allegro von Schostakowitschs Sinfonie arbeitete sich eine Flöte die Tonleiter hoch. Mit einem Drehmomentschlüssel zog er ratschend die Schrauben nach, 4 Newtonmeter hier, 5 Newtonmeter dort. Er tat es mit großer Sorgfalt. Dann setzte er das Vorderrad ein, klemmte den Schnellspanner fest, brachte das Rad in Schwung und prüfte die Bremsen. Alles war bestens.

Mit einem Kratzen meldete sich die Schallplatte. Die Rille lief aus. Wie von Geisterhand schwang der Tonarm zurück. Nachdem er die Scheibe gewendet hatte, kümmerte sich Vischer um das Hinterrad, brachte von Hand die Tretkurbel in Gang, ließ mit schnellem Klicken des Schaltgriffes die Kette über die Ritzel springen, justierte an einer kleinen Schraube, wieder raste die Kette willig das Ritzel rauf und runter, sirrend das Laufrad.

Er maß mit einem Rollmeter die Distanz zwischen Tretlagermitte und Satteloberkante. 74,9 Zentimeter. Er wusste, dass es 74,9 Zentimeter waren, aber immer maß er nach. Immer. Denn es gab Dinge, die man tun musste, damit sie getan waren, damit man später nicht darüber nachdenken musste, ob man sie getan hatte oder nicht. Mit der Wasserwaage kontrollierte er den Winkel des Sattels. Perfekt. Vischer schob das Rennrad in den Flur, kontrollierte die Zeit auf der Küchenuhr, es war noch genug von ihr da, fast zu viel. Er war bis auf die Schuhe bereits angezogen. Alles war bereit. Noch einmal setzte er sich an den Küchentisch zu seiner halb vollen Tasse Milchkaffee, die er jeden Morgen trank. Er blickte auf die Landkarte, dorthin, wo er bald sein würde.

Vischers Wohnung war spartanisch eingerichtet. Keine Bilder hingen an den Wänden, kein Abreißkalender, keine Familienfotos, keine Pflanzen standen herum, kein Krimskrams. Außergewöhnlich war lediglich, dass in jedem Zimmer mindestens ein Velo stand. Sie standen dort, als würden sie schlafen, am Hinterrad von Ständern gehalten, wie Pferde dösten sie im Stehen. Als er das Haus verließ, war es Viertel vor sieben. Ohne Eile fuhr er zum Bahnhof.

Er nahm den Zug um 7:09 Uhr, eigentlich ein bisschen spät, aber im ersten Zug war der Selbstverlad von Fahrrädern nicht erlaubt. Bald nickte er ein, und als er wieder aufwachte, war es dunkel vor den Fenstern, als hätte er den ganzen Tag verschlafen. Er brauchte einen Moment, um sich in Erinnerung zu rufen, wo er war und weshalb. Er hörte eine Frau im Abteil hinter ihm sagen: »… und wenn du einen Wanderschuh am Schnürsenkel aufhängen würdest, würdest du sehen, wie schräg die Bahn im Tunnel fährt.« Er schloss erneut die Augen, bald wären sie im Tessin, wo alles anders schien: die Bäume, die Häuser, der Stein, die Luft, das Licht, die Menschen. Es wurmte ihn, dass er keine Kopfhörer dabeihatte. Ein bisschen klassische Musik würde die Landschaft viel schöner begleiten als das Gelaber der Mitreisenden. Warum mussten die Menschen immerzu das Maul aufmachen und Worte herausfallen lassen? Aber er hatte auf seinen Touren nur das Nötigste dabei. Kaum je nahm er einen Rucksack mit. Wozu auch. Hatte ja alles in den Trikottaschen Platz. Ein vorgedehnter Ersatzschlauchreifen. Eine Tube Dichtmilch. Eine Pumpe. Ein bisschen Energie in Form von nahrhaften Riegeln mit Schokogeschmack. Ein bisschen Bargeld. Die Postcard. Sein altes Nokia.

Der Zug hatte etwas Verspätung, viel war es nicht, nur ein paar Minuten. Kurz nach halb zehn fuhr Vischer vom Bahnhof in Bellinzona los, es war schon recht warm, die Tour ging entlang des Ticino. In der Windstille kam er gut voran, die Autos wurden weniger und weniger, und je weiter er das Tal hochfuhr, desto besser fand er seinen Rhythmus, trat in hoher Frequenz, aber ohne große Anstrengung, noch 50 Kilometer, dann wäre er auf dem San Bernardino. Vischer dachte nochmals an die Aufnahme, die er am frühen Morgen gehört hatte – »Alles Dunkle und Schändliche wird verschwinden; alles, was schön ist, wird triumphieren« war Schostakowitschs Leitmotiv für diese Komposition. So stand es hinten auf der Plattenhülle. Vischer wusste nicht, was er davon halten sollte, als er es gelesen hatte. Auch jetzt wusste er es nicht.

An manchen Abenden, wenn er nach einer langen Fahrt wieder zu Hause war, am Küchentisch saß und einen Teller Spaghetti aß, versuchte er, sich daran zu erinnern, was er eigentlich den ganzen Tag über gedacht hatte. Er wusste es nicht mehr. Stunden saß er auf seinem Rennrad und tat nichts anderes, als zu fahren, zu fahren, zu fahren. Vielleicht dachte er nichts? Ihm war dann, als sei er tagsüber gar nicht auf dieser Welt gewesen, sondern in einem anderen Leben. Deshalb tat er wohl auch, was er tat, Tag für Tag. Genau deshalb.

Als er gerade die verfallenen Mauern des mächtig über ihm aufragenden Castello di Mesocco erblickte, hörte er das Heulen eines Motors. Er wandte den Kopf und sah einen Wagen heranschießen. Viel zu nah raste er an ihm vorbei. Vischer hätte ums Haar das Gleichgewicht verloren, wäre beinahe in die Leitplanke gefahren, vielleicht das steile Bord heruntergestürzt, runter in den Fluss. Wild gestikulierte er dem Wagen nach, so ein Arschloch, dachte er. Er sah die Bremsleuchte rot glimmen. Der Wagen hielt. Dann ging das weiße Rückfahrlicht an, der Wagen fuhr hochtourig singend zurück, bis er jämmerlich quietschend neben Vischer stoppte. Auch Vischer hielt. Die Scheiben wurden heruntergekurbelt. Vischer stand dort, das Rad zwischen den Beinen, trank aus dem Bidon, ruhig. Auf dem Beifahrersitz hockte ein junger Kerl in blauen Latzhosen, die Sitze waren mit Plastikfolien abgedeckt, zwei Mechaniker auf Probefahrt. Der junge Kerl sagte nichts, glotzte nur blöd, als der Fahrer sich hinüberbeugte und etwas auf Italienisch sagte. Vischer sprach kaum Italienisch, verstand aber, worum es ging, sagte nichts, sondern schüttelte den Kopf mit gleichgültiger Miene. Der Fahrer streckte ihm den Zeigefinger entgegen und wurde lauter. Vischer konnte sich denken, was der Mann ihm da entgegenbrüllte. Ob er ihm den Stinkefinger gezeigt habe? Dass er ein Hurensohn sei? Ein beschissener Hurensohn auf einem beschissenen Fahrrad in beschissen lächerlich engen Kleidern? Dass er sich verpissen soll? Dass er ein Deutschschweizerarschloch sei? Dass er ihm den Hals aufschlitzen werde? Ja, darum ging es im Groben, dachte Vischer, mit Sicherheit konnte er Letzteres aus der Wutrede des Automechanikers herauslesen, der sich mit dem Zeigefinger langsam über die Gurgel strich.

Als der Wagen mit wild durchdrehenden Vorderrädern davonjagte, den Berg hoch, zwei schwarze Spuren als Abschiedsgruß auf dem dunklen Asphalt zurücklassend, da wurde schnell wieder alles ruhig. Vischer saß aufs Rad, beschleunigte im Wiegetritt, trat hart und immer härter in die Pedale, fuhr hinein in die humorlos geraden, steilen Rampen der alten Straße.

Oben auf dem Pass angekommen, setzte er sich vor dem Ospizio in die Sonne, bestellte eine Cola und Gerstensuppe. Vischer machte das obligate Foto: Sein Rennrad vor dem steinernen Passschild mit der abgeschlagenen oberen linken Ecke. »S. Bernardino. 2066 m. 6778 ft. ACS«. Dann zog er die dünne Windjacke an und fuhr schnell hinunter bis Hinterrhein, keine zehn Minuten dauerte die Schussfahrt, bei der er an mehreren ängstlich die Kurvenstrecke talwärts kriechenden Autos vorbeischoss. In Hinterrhein angekommen, machte er kehrt und fuhr zurück auf den Pass, auf dem er eben gewesen war. Das gehörte dazu: Die Pässe von beiden Seiten zu fahren. All die Dinge noch einmal zu sehen, die man eben gesehen hatte, in einer anderen Geschwindigkeit und aus einem anderen Blickwinkel. Vischer hatte sich für dieses Jahr vorgenommen, alle Straßenpässe der Schweiz zu überqueren. Er ging dabei streng alphabetisch vor. Der San Bernardino war Pass Nummer 82. Eigentlich hätte es sich angeboten, auch gleich noch den Splügen einzubauen. Aber eben: Streng alphabetisch musste es sein, also kamen nach dem San Bernardino erst die Santelhöchi, dann der Sattel, dann die Sattelegg. Bis er alle im Land bezwungen hätte, 127 an der Zahl.

Ohne Halt fuhr Vischer über die Passhöhe des Bernardinos, am See vorbei, herunter bis nach Bellinzona, den warmen Wind im Gesicht. Schließlich stand er im Bahnwagen neben seinem am Haken hängenden Velo und schaute aus dem Fenster, wankend, schwankend.

Abends saß er an seinem Küchentisch, in der Pfanne auf dem Herd brodelte das gesalzene Wasser mit den erschlaffenden Spaghetti drin, ein Glas mit Fertigpesto stand schon bereit. Aus dem Wohnzimmer wehte die Sinfonie Nr. 4 von Bruckner herüber. Mit einem Füller schrieb Vischer den Namen des Passes, den er gefahren war, in ein Notizbuch. Er notierte, wie weit er gefahren war, wie lange er dafür benötigt hatte, wie viele Höhenmeter er bezwungen hatte. Später würde er das auf der Passhöhe geschossene Foto auf der Seite einkleben. Er ließ den Platz dafür frei und notierte darunter: »Start in Bellinzona (240 m), Hauptstadt des Kantons Tessin. Die ersten 20 km bis Soazza (517 m) fast flach. Gut zum Einrollen. Straßenqualität lässt manchmal zu wünschen übrig, vor allem in Mesocco (Kopfsteinpflaster, 822 m). Viele Schlaglöcher. Auf Kantonsstraße (wenig Verkehr, mäßig Töffs) erste Serpentinen, Wald, bis Pian San Giacomo (1159 m). Steigung 8–10%. Straße breiter, guter Zustand. Lange Rampe (12%) kurz vor San Bernardino (1625 m), kurze Abfahrt. Von San Bernardino Dorf bis Pass 6 km, 7% Steigung. Kurze Rast. Abfahrt nach Hinterrhein. Wenig Verkehr. Straße schön in Landschaft eingebettet. Zurück auf den Pass in moderatem Tempo. Abfahrt nach Bellinzona ein Genuss.«

Der Timer piepste. Er klappte das Buch zu. Die Musik war verstummt. Es goss die Spaghetti ab, aß zwei Teller. Dann fiel ihm ein, dass er die Post noch nicht geholt hatte. Im Kasten lag bloß ein Couvert. Vischer legte es ungeöffnet auf den Küchentisch und ging müde ins Bett. Trotzdem lag er noch lange wach, musste an Dinge denken, die vor langer Zeit geschehen waren.

Ein Mann des Volkes

»Brauchst du den Zettel noch?«, rief Judith aus der Küche.

Tim stand, in seiner Goretex-Jacke und umgehängter Freitagtasche, im Flur. Den Jungs hatte er schon Tschüss gesagt. Sie saßen beim Frühstück und stritten sich. Tim blickte in den Spiegel neben der Eingangstüre und strich sich die Haare aus der Stirn. »Obi-Wan hat Darth Maul besiegt«, hörte er Laurin rufen. »Stimmt nicht«, sagte Luca, »es war Padawan.« – »Du Dummkopf, Obi-Wan ist ein Padawan.« – »Er hat Darth Maul in zwei Stücke geschnitten.« – »Weiß ich!« – »Mit dem Laserschwert.«

Judith kam aus der Küche. Tim löste den Blick von seinem Spiegelbild, fragte: »Was hast du gesagt?« – »Ob du den Zettel noch brauchst.« – »Welchen Zettel?«

Sie hielt einen Zettel in der Größe einer Postkarte in den Händen. »Es sind nur Namen drauf.« »Reena Skye«, las sie zögernd, unsicher, wie der Name auszusprechen war, Englisch war noch nie ihre Stärke gewesen, Sprachen allgemein nicht, dann: »Aidra Fox«. Tim verstaute eben das iPhone in seiner Hosentasche und sagte: »Was?«

Ein Knall. Irgendwas war in der Küche vom Tisch gefallen. Laurin fing an zu weinen. Luca lachte. »Seid brav, Jungs!« – »Ja, Papa! Laurin hat angefangen.« – »Hm, sagt mir nichts, die Namen. Gar nichts.« – »Ist aber deine Handschrift.« – »Zeig mal.« Sie hielt ihm den Zettel hin. Tim schaute darauf, zuckte mit der Schulter. »Keine Ahnung. Vielleicht Namen von, äh, Sängerinnen, die mir Tom gegeben hat, weißt du, für die Show. Ja, du, ich muss jetzt los.« Er schaute auf sein Handgelenk, aber dort war keine Uhr. »Zwanzig vor«, sagte Judith. Sie wusste immer, wie spät es war. Nun hielt sie ihm den Zettel hin, er steckte ihn in seine Jeanstasche und sagte: »Ich bin heute zum Abendessen hier. Was gibts denn?« Laurin hatte aufgehört zu weinen. Mit Luca im Chor rief er nun: »CHI-CKEN! NUG-GETS! CHI-CKEN! NUG-GETS!« Zu Judith sagte Tim: »Chicken Nuggets? Cool.« Er gab ihr einen Kuss, den sie erwiderte, wenn auch auf flüchtige Art. Es war mehr eine Geste, Gewohnheit.

Als die Wohnungstür hinter Tim ins Schloss fiel, fühlte sich der Zettel in seiner Gesäßtasche heiß an. Warum musste er sich die Namen notieren? War er zu doof, um sich Namen von Pornodarstellerinnen zu merken, die ihm Tom beiläufig empfohlen hatte? Tom, sein Produzent, war neben ihm gestanden und hatte wie ein Lehrer kontrolliert, dass Tim die Namen richtig schrieb. Aber wie zur Hölle war der Zettel in Judiths Hände geraten? Immerhin hatte nicht Luca den Zettel in die Schule geschleppt und ihn der Lehrerin gezeigt. »Da, schauen Sie, Frau Moser, das sind Fans von meinem berühmten Papi!« An der Tramhaltestelle zerriss er den Zettel mehrfach, zerstückelte Reena Skye und Aidra Fox und warf die Fetzen in den Mülleimer.

Eine Dreiviertelstunde später saß er im Büro. Mit dem Fahrrad war er eigentlich viel schneller als mit dem öffentlichen Verkehr. Und es kam bei den Leuten auch gut an. Machmal winkten unterwegs wildfremde Menschen und riefen: »Hey! Gesund unterwegs!« Oder: »Oho, sportlich!« Er hörte an Fußgängerampeln wartende Passanten mit erfreuten Gesichtern zu ihren Nachbarn sagen: »… das ist doch der …« Es war eindeutig gut für sein Image, heute Morgen aber hatte es nach Regen ausgesehen. Nun ja, manchmal war er auch einfach zu faul. Außerdem konnten ihn im Tram und der S-Bahn noch viel mehr Menschen sehen und es gut finden, dass er den öffentlichen Verkehr benutzte. Er war ein Mann des Volkes, das war er immer gewesen, das würde er immer sein. Er war einer wie alle: Tim. Ein ganz normaler Typ.

Ein ganz normaler Typ, der gerade ein paar Probleme am Hals hatte. Nicht gerade das, was man einen Shitstorm nennen würde, aber es fanden sich doch einige heftige Reaktionen in seiner Mailbox, und auch auf seinem Schreibtisch stapelten sich Briefe und Postkarten. Es gab tatsächlich noch immer Menschen, die Briefe schickten, richtige Briefe auf A4-Blättern, kariert, liniert, blanko, zweimal gefaltet, manche mit der Maschine getippt oder dem Computer, manche auch von Hand geschrieben. Die handgeschriebenen waren die schlimmsten. Man sah es oft schon der Schrift an. Die Handschrift von solchen, die man wegsperren sollte. Wenn Tim hinten auf dem Couvert keinen Absender fand, konnte er davon ausgehen, dass der Inhalt gehässig war. Beleidigend. Böse. Ihn verfluchend. In letzter Zeit gab es mehr negative Post und weniger Autogrammwünsche, Herzchen-Briefe, Heiratsanträge von Großmüttern und mit Farbstiften geschriebene Fanbriefe von Kindern mit i-Punkten wie Seifenblasen.

Die Probleme hatte sich Tim natürlich selbst eingebrockt, sie waren seiner Originalität und Spontanität geschuldet. Er war zu Gast in einer Jass-Sendung, und da war noch ein anderer Gast, ein Appenzeller. Er hatte den Appenzeller gefragt, ob er ein Innerrhodener oder ein Ausserrhodener sei, und als dieser antwortete, er komme aus Gonten, da wusste Tim nicht, ob das nun Innerrhoden oder Ausserrhoden war, der Typ schien ihn absichtlich auflaufen zu lassen. Außerdem hatte Tim ziemlich miese Karten in den Händen, und da fragte er den Appenzeller, ob man Innerrhoden und Ausserrhoden mit Nord- und Südkorea vergleichen könne, und wenn ja, welcher Halbkanton dann welches Land darstellen würde. Es war bloß ein Spruch gewesen, um die Langeweile der Jass-Sendung zu vertreiben. Er hatte ihn nicht auf seine schimpansenhafte Körpergröße angesprochen und auch nicht darauf, ob das Tragen von baumelndem Schmuck am rechten Ohr bei Männern nicht etwas gar metrosexuell sei. Nein, er hatte alle Klischees vermieden und wollte nur einen lustigen Spruch machen. Das war ja schließlich Tims Beruf: die Langeweile der Leute vertreiben. Ihnen ein gutes Gefühl mit auf den Weg geben. Dafür wurde er bezahlt. Und Langeweile gab es genug, sie war eine unendliche Ressource in diesem Land.

Tim saß an seinem Pult in einem Großraumbüro in Leutschenbach. Zuerst war er etwas eingeschnappt gewesen, dass er kein Einzelbüro bekommen hatte, immerhin war er der Sonnyboy der Nation, der Quotenbringer und das Aushängeschild. Dann aber fand er sich damit ab, es war ihm egal, weil: Vor der Kamera war ja sein wahrer Platz. An der Wand hing mit bunten Magneten fixiert das Cover der Illustrierten, das ihn und Judith zeigt, als sie Nepal nach dem Erdbeben besucht hatten. »Reise der Hoffnung« stand in großen Lettern über dem Bild. Er dachte jedes Mal, wenn er das Cover betrachtete, dass er gut aussah, ein bisschen wie Tom Cruise. Damals hatte er so viele positive Reaktionen bekommen, Mails und Briefe, die Leute sprachen ihn auf der Straße an, klopften ihm auf die Schulter, schüttelten dankbar seine Hand, wollten Selfies mit ihm machen, reckten dabei die Daumen in die Höhe mit vor Mitgefühl schmalem Lächeln in den Gesichtern. Und jetzt liefen die behämmerten Appenzeller Amok wegen diesem harmlosen Vergleich.

Die Reise nach Nepal war auch für Judith wichtig gewesen. Als sie die Not dort wahrnahm, wurde sie milde und konnte ihm vergeben, da sie die eigene Katastrophe angesichts jener in Nepal neu einzuordnen wusste. Die Dinge relativierten sich. Erst wollte sie gar nicht mitkommen, sie war stets dagegen, dass Tim die Familie für seine Publicity »instrumentalisiere«. Dabei gehörte das einfach dazu: Er war eine Berühmtheit, die Öffentlichkeit interessierte sich für ihn, wollte wissen, wie er lebte, wie seine Frau aussah, seine Kinder, seine Wohnung, was für Hobbys er hatte (Velofahren, Jassen, Lesen), was sein Lieblingsessen war (Hörnli mit Ghackets, sagte er wenigstens immer, in Wahrheit war es Rindsfilet), was er mochte (Menschen) und was nicht (Kompromisse), wer sein Vorbild war (Kurt Felix) und welches sein Lieblingsbuch (Homo Faber von Max Frisch, daran erinnerte er sich noch, als er gefragt wurde, er hatte es in der Schule gelesen). Aber eben: Judith war prinzipiell gegen jede Art von Homestory. »Fotografen kommen mir nicht ins Haus«, hatte sie gesagt und ihn mit kalten, strengen Augen angeblickt. Also schlossen sie einen Kompromiss und reisten für einen guten Zweck ohne Kinder nach Kathmandu, um für das Rote Kreuz die Spenden-Werbetrommel zu rühren. Die Reise war anstrengend, sie weinten viel, litten unter dem Jetlag, und Judith musste erbrechen, als ihnen zu Ehren auf dem Hauptplatz eines Dorfes ein Wasserbüffel geschlachtet wurde, das Gedärm aus dem Tier quoll und die Dorfkinder sich mit dem sickernden zähen Blut des Büffels gegenseitig bemalten. Judith und Tim aßen fortan nur noch Reis, und am Ende sagten sie die beiden einzigen Wörter, die sie gel-ernt hatten: »Namaskar« und »Dhanyabad«, »auf Wiedersehen« und »danke«. Aber es hatte sich gelohnt. Es gab tolle Fotos: Tim über eine provisorische Brücke balancierend, lächelnd, Judith beim Besuch einer provisorischen Schule, ebenfalls lächelnd, Judith, die sich an Tim schmiegte, er in die Ferne blickend, voller Kraft und Optimismus. Bewegende Bilder. Und nicht minder bewegende Worte: »Wer dieses Land gesehen hat, kommt verändert nach Hause.« Dieser Satz war zwar nie aus Tims Mund gekommen – es war die Idee des Journalisten gewesen, auf dem Rückflug, während sie mit Weißwein auf das eben Erlebte anstießen –, Tim aber fand, dass es super klang. Ja, er hätte es nicht besser sagen können.

Nicht so super stand es damals um Tims Ehe. Und es war seine Schuld gewesen. Obwohl, nein, aus seiner Sicht eigentlich ihre. Aber er hatte alle Schuld auf sich genommen, kam auf den Knien angekrochen. Er hatte geheult, und die Tränen waren sogar echt. Anfangs zwar nicht, aber das Erstaunliche beim Weinen war: Erst musste man ein wenig pressen, musste ein bisschen investieren, doch wenn sie flossen, die Tränen, dann flossen sie – und es fühlte sich gut an. Je länger er weinte, desto besser wurde er darin, und desto besser fühlte es sich an. Inklusive Wimmern, Schluchzen und gehörig Rotz, der ihm aus der Nase lief. Er hatte also geheult, und er hatte geschworen – und Judith hatte ihm verziehen. Nicht sofort, sie ließ ihn etwas leiden. Aber dann war alles wieder gut. Dennoch: Sie gab ihm nicht, was er von ihr wollte, was er brauchte. Liebe. Nichts anderes. Er bekam zwar täglich Liebe von den Menschen, die ihn erkannten. Aber das war keine wahre Liebe. Und je mehr er von dieser nur scheinbaren Liebe bekam, desto mehr verlangte es ihn nach richtiger Liebe. Was Tim brauchte, war eine Frau, die ihn in den Arm nahm, ihn tröstete, wenn er nach Hause kam, jemand, der ihm über den Kopf streichelte. Und die mit ihm schlafen wollte, die ihn begehrte, die an seinem Ohr knabberte, die feucht wurde, wenn sie in seine Augen blickte. Judith und er, sie waren nun schon so lange ein Paar, seit der Schule schon. Niemals hatte er sie betrogen, niemals. Und sie ihn auch nicht. Es gab immer wieder Gelegenheiten, verständlich auch in seinem Beruf, aber es gab nur Judith. Bis er Maria traf. Maria brachte alles durcheinander. Tim war Judith zuvor bloß im Kopf immer wieder untreu gewesen. In seiner Vorstellung. Wenn er duschte, vernaschte er die Kameraassistentin mit den Klebebandrollen am Gürtel und dem fiesen Tattoo am Hals. Er trieb es mit der Jungbäuerin im mistdampfenden Milchkuhstall, die er für eine Sendung getroffen hatte. Er ließ die Bedienung des Restaurants gewähren, die ihn so sehr angelächelt hatte, dass er ihr fünf Franken Trinkgeld gegeben hatte.

Niemals hatte er den Mut gehabt, wirklich mit einer anderen Frau ins Bett zu gehen oder ihr auch nur seine Tatze in die Hose oder die Pranke unter die Bluse zu stecken, nach ihren vor Verlangen zitternden Händen zu greifen. Nein! Aber die Gedanken, sie waren frei! Kaum sah er eine Frau, tauchten drei Fragen auf. Ja? Nein? Vielleicht? Würde er mit ihr schlafen? Fand er sie begehrenswert? Die Entscheidung fiel jeweils schnell. Als er Maria sah, dachte er sofort: Ja! Maria war tausend Prozent Ja. Ein neonfarben leuchtendes Ja. Petarden. Böller. Raketen. Vulkane. Bengalisches Feuer.

Manchmal dachte er an die Geschichte mit Maria zurück, ohne es zu wollen, versuchte sie aber gleich mit aller Kraft wieder zur Seite zu schieben. Er hatte seinen Spaß gehabt, und er hatte seinen Ärger gehabt. Der Spaß war groß, der Ärger gewaltig gewesen. Maria war nun weit weg, vor allem in diesem Moment, in dem er auf einem Kugelschreiber herumkaute.

Nicht genug, dass er wegen den Appenzellern Probleme am Hals hatte, heute wurde auch publik, dass die Radio- und Fernsehanstalt sparen müsse. Es stand in allen Zeitungen. 40 Millionen jährlich. Aber solange es nicht seinen Lohn betraf und auch nicht seine Sendungen, war das Tim egal. Und seine Sendungen würde es nicht betreffen, denn sie hatten die besten Quoten, oder beinahe. 347000 sahen seine letzte große Samstagabendkiste Wunschtraum. Das entsprach einem Marktanteil von 32,7%. Bis Meteo waren es zwar mehr als 50%, aber Meteo war niemals zu schlagen, denn nichts interessierte die Menschen so sehr wie das Wetter, das man, im Gegensatz zu den meisten anderen Dingen im Leben, mit einiger Wahrscheinlichkeit voraussagen konnte. Sicher hätte er ein paar Prozent mehr gehabt, käme nicht nach Meteo auch noch Das Wort zum Sonntag. Das Wort zum Sonntag! Wie oft hatte er es seinem Chef schon gesagt, dass sie das beschissene Das Wort zum Sonntag aus dem Programm kippen oder wenigstens irgendwo an den Rand schieben sollten. Wer will schon einem glatzköpfigen Pfaffen zuhören, der über Ur und Haran und Kanaan schwadronierte, und das noch auf Rätoromanisch mit Untertiteln? So gesehen waren die 32,7% genial, wenn Tim auch etwas kummervoller blickte, als er die Zahlen näher betrachtete, denn in der relevanten Zielgruppe der 15- bis 59-Jährigen hatte er verloren – und nicht zu knapp. Ja, Kinder und Alte waren noch immer seine treusten Fans. Nein, bei ihm würden sie nicht sparen. Sie sollten lieber diese arroganten Typen aus der Abteilung Kultur loswerden, die auf ihn herunterblickten. Er spürte es, wenn sie in der Kantine ihre Vegimenüs bestellten und mit den Tabletts an ihm vorbeigingen und sich als was Besseres fühlten, die konnte man alle in die Wüste schicken. Sein Handy vibrierte. Judith war dran.

»Ja?«

»Wir haben einen Brief bekommen.« Sie klang aufgeregt. Tim bemerkte es nicht.

»Ich hab auch einen Brief bekommen, mehrere sogar, die Leute regen sich auf wegen dem Korea-Vergleich. Jetzt muss ich mich wohl ein bisschen entschuldigen bei den Pygmäen.«

»Bei wem?«

»Bei den Appenzellern.«

»Aha.«

»Dabei müsste ich mich wohl eher bei Kim entschuldigen.«

»Bei wem?«

»Beim Diktator von Nordkorea, weil ich sein Land mit Appenzell-Ausserrhoden verglichen habe. Er sollte beleidigt sein, nicht die. Meinst du, die haben die Atombombe in Ausserrhoden?«

»Wir haben einen Brief bekommen.«

»Ja, hast du gesagt. Was für ein Brief?«

»Es geht um unsere Wohnung.«

»Was ist mit unserer Wohnung? Wird sie endlich mal gestrichen?«

»Wir müssen raus.«

»Was?«

»Sie wurde uns gekündigt.«

»Warum?«

»Steht alles im Brief.«

»Nein!«

»Doch.«

Und dann schwiegen beide eine Weile.

Füreinander bestimmt

Ein Brief, der kein Brief war, sondern viel mehr. Sie faltete ihn wieder zusammen und schob ihn zurück ins Couvert. Wie oft hatte sie ihn heute nun schon gelesen? Er war in zweifacher Ausführung gekommen. Ein Exemplar adressiert an sie, eines an Tim. Auch er konnte ihr vorhin nicht sagen, was davon zu halten war. Er schien gerade mit anderen Problemen beschäftigt. Was konnte man unternehmen? Wie lange lebten sie nun hier? Was waren die nächsten Schritte? Wo würden sie eine neue Bleibe finden? Vielleicht in einem kleinen Haus am Stadtrand? Würde Tims Lohn für die Miete reichen? Man las es überall: Das Leben in der Stadt konnte man sich nicht mehr leisten. Würden sie aufs Land ziehen? Nachdem Judith das Telefonat mit Tim beendet hatte, saß sie noch eine Weile am blitzblanken Küchentisch. Nur das Telefon lag auf dem Tisch. Was sollte sie nun tun? Natürlich das Ding auf seine Station zurücklegen. Da klingelte es.

Judith hasste es, dieses blöde Gerät, auf dem der Name Philips stand. Sie hasste es aber nicht seines Aussehens wegen. Das war ihr völlig egal. Das Telefon als Telefon war absolut in Ordnung. Sie hasste es bloß, wenn es klingelte, was selten vorkam, denn auf dem Festnetz rief kaum jemand an, außer ihm und ab und zu jemand, der Wein aus dem Burgund verkaufen wollte, oder ein Mann namens Müller, der aber nicht klang wie ein Herr Müller, sondern eher wie ein Herr Krishnamachari Srikkanth oder Srinivas Venkataraghavan, der wohl aus einem Callcenter an der Mahatma Gandhi Road in Bangalore anrief und fragte, ob sie mit ihrer Krankenkasse zufrieden sei und nur eine Minute Zeit hätte. Anfangs ging Judith noch auf die Gespräche mit den Männern und Frauen ein, die ihr Versicherungen, Tageszeitungen im Abonnement mit oder ohne Online-Option oder Schlüsselfunddienste andrehen wollten.

Wenn er anrief, hörte sie zu, obwohl sie wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis die Vorwürfe kämen. Die kamen immer. »Warum besuchst du mich nie?«, sagte er und schnaufte schwer. Wenn sie ihn besuchte, im Heim in ihrer alten Heimat, dem Pflegezentrum an der Untersteckholzstrasse, dann ging es mit den Vorwürfen einfach weiter. »Warum besuchst du mich nie?«, fragte er mit wässrigen Augen. Sie sagte: »Ich besuche dich doch, jetzt, ich bin bei dir.« – »Ja, aber warum besuchst du mich so selten? Warum bringst du die Kinder nicht mit? Warum lässt du mich hier versauern? Tim sehe ich wenigstens manchmal im Fernsehen. Er macht das gut, redet nur zu schnell, ich verstehe ihn kaum.« Judith konnte sie nicht mehr hören, diese Stimme, die früher einen tiefen und bestimmenden Klang hatte, gerne auch überheblich daherkam, herrisch. Und nun: Selbst wenn er nichts sagte, machte er Geräusche, ein Keuchen, ein Schnauben, ein Rasseln, die Geräusche eines Menschen nahe am Ende seiner Lebenszeit. Sie sah diesen Mann im Bett liegen oder im Rollstuhl sitzen, nach dem Schlaganfall kaum mehr mobil, mit seinem verkniffenen Gesicht, das er immer gehabt hatte, schon als sie noch ein Kind gewesen war, auch wenn sie ihn als Kind kaum gesehen hatte. Er war selten zu Hause gewesen, hatte andere Prioritäten, nämlich seinen Beruf und seinen Gesangsverein. Er war im Gemeinderat und in verschiedenen Kommissionen, und als viel beschäftiger Architekt überzog er die Landschaft mit Einfamilienhäusern mit Terrassen und Balkonbrüstungen aus Waschbeton, quadratischen Fenstern und begrünten Flachdächern.

Beim letzten Besuch schlief er, als sie ins Zimmer kam. Sie blickte ihn an und sah einen Fremden. Ja, dieser Mann, dessen Brust sich schwer hob und senkte, der mit einem von Sabber glänzenden Mundwinkel leise schnarchte, war ihr Vater. Zumindest auf dem Papier, vor dem Gesetz, ihr Herz aber blieb kalt. Sie sah ihn an und spürte: Nichts. Nicht einmal Hass, Groll oder Schmerz, sondern einfach nichts, pure Gleichgültigkeit. Er war ihr so egal wie ein Unbekannter. Bevor er wach wurde, ging sie wieder, ohne sich die Mühe zu machen, die Tür behutsam zu schließen.

Er war ein verdammter Choleriker gewesen, laut und polternd, ein Tyrann vor dem Herrn. Ein Wunder, dass einer mit einem solchen Bluthochdruck so alt werden konnte. Nachts wachte sie auf, weil sich die Eltern stritten. Sie hörte die gedämpften Stimmen, die lauter und lauter wurden. Sie hörte ihre Mutter schluchzen, hörte Dinge zerbrechen, Stühle umkippen, polternde Schritte, dumpfe Schläge. Judith zog die Decke über den Kopf und hielt sich die Ohren zu, bis sie wieder einschlief. Am nächsten Morgen war ihr Vater schon bei der Arbeit oder wo auch immer, und ihre Mutter gab ihr einen Kuss – als wäre nichts gewesen.

Judiths Mutter trank. Rotwein. Weißwein. Schnaps. Irgendwann alles, was sie in die Finger bekam. Sie aß Tabletten. Benzodiazepine. Hübsche dicke Pillen, die aussahen, wie man sich Pillen vorstellt, hälftig türkisfarben, hälftig weiß, glänzend wie zuckerummantelte Leckereien. Schuld daran war Judiths Vater. Das war es, was Mutter immer sagte, wenn sie betrunken war. Er war schuld. Er! Er! Er! Und auch für Judith war der Vater an allem schuld, an allem, was schlecht war, und vieles war schlecht damals und sollte noch schlechter werden.

Als Judith vierzehn Jahre alt war, ging ihre Mutter vor den Zug, ließ sich vom Perron fallen, als spränge sie zögerlich in einen Swimmingpool. Das ist das Problem von Ortschaften, an dem die Schnellzüge nicht halten: Es gibt mehr Züge, vor die man springen konnte. Eben noch stand Judiths Mutter da. Dann war sie verschwunden.

Judith kam von der Schule zum Mittagessen, so wie immer. Es war ein Tag wie jeder andere. Bis sie »Mama« rief, fragend, in der Küche nachsah, im Wohnzimmer, sogar die Türe zum feucht heraufmodernden Keller öffnete und rief: »Mama?« Keine Antwort. Mutter war nicht zu Hause. Judith hatte gehofft, es gäbe Rippli und gedörrte Bohnen, vielleicht auch Speck, das aß sie am liebsten, sie hatte es sich gewünscht, als ihre Mutter am Morgen gefragt hatte, was sie gerne essen würde. Roch sie da schon nach Alkohol? Judith wartete eine Weile, es war ein Wintertag, es lag kein Schnee, war aber kalt. Sie schaltete den Fernseher ein, der zweite Lauf eines Riesenslaloms aus Adelboden, am Chuenisbärgli, die Stimme des Moderators klang aufgeregt, weil ein Schweizer die Zwischenrangliste anführte. Schließlich rief Judith ihre Tante an, die Nummer stand mit Kugelschreiber geschrieben auf dem Usego-Kalender über dem Telefon. Langsam glitt die Wählscheibe zurück mit einem Surren, nach jeder gewählten Ziffer, mal länger, mal weniger lang. Der Telefonhörer fühlte sich schwer an in der Hand. Die Tante war schnell da.

Mutter wurde ohne Kopf kremiert. Ihre Leiche war noch recht intakt gewesen, als man sie von den Geleisen trug, bloß der Kopf war verschwunden. Man suchte das Bahntrassee ab, die Gebüsche an der Bahnlinie außerhalb des Bahnhofs, das Gebiet auch hundert Meter neben der Strecke, aber der Kopf blieb verschwunden. Es war ein Mysterium. Der Vater sagte: Auf den Kopf kommt es nicht an. Er sagte: Ob mit oder ohne Kopf, was macht das für einen Unterschied, wenn man tot ist?

Judith kam zu ihrer Tante mütterlicherseits, einer Bauernfrau, die mit ihrem Mann einen Hof bewirtschaftete, dorfauswärts, gleich an der Bahnstrecke Richtung Herzogenbuchsee, und noch nach Jahren erschrak sie, wenn ein Schnellzug vorbeidonnerte, sie aus dem Schlaf riss oder aus dem Alltag, der ein anderer war, seit ihre Mutter nicht mehr lebte. Die Tante war gut zu ihr, lieb, versuchte, ein Ersatz zu sein, und Judith fragte sich noch Jahre später, warum jemand ging, wie sich ein Mensch umbringen konnte, eine Mutter, die am Morgen ihre Tochter noch gefragt hatte, was sie gerne zu Mittag essen würde.

Ihr Vater blieb für Judith so abstrakt wie schon vor Mutters Selbstmord. Er trauerte nicht lange, lebte bald mit einer Vietnamesin zusammen. Oder einer Thailänderin. Oder Chinesin. Judith wusste es nicht, ihr Vater erzählte es auch nicht so präzis, eigentlich erzählte er gar nichts, aber ihre Tante ließ gerne hin und wieder eine Bemerkung fallen über Judiths Vater und diese – wie sie sie nannte – »Animierdame«, und sie lachte, als sie irgendwann sagte, er sei verlassen worden von der Hure, sie sei abgehauen mit einem schönen Batzen, ja, er habe bluten müssen, dieser Narr, was ihm ganz recht geschehe. Narr, so fand Judith, war ein nettes Wort für ihren Vater, viel zu nett.

Bald nach Mutters Selbstmord begegnete sie Tim zum ersten Mal. Es dauerte nicht lange, da waren sie ein Paar. Es war klar, dass sie zusammengehörten. Sie war ein schönes Mädchen mit glatten Haaren, groß und schlank, aber nicht so hochgeschossen und dürr, dass man sie Spargel gerufen hätte oder Zündholz. Er war ein Zugezogener, das erste Mal sah sie ihn auf dem Sockel der Flötenspieler-Statue hocken, vor dem Eingang des Schulhauses Kreuzfeld 1. Er hockte dort, und in den Händen hielt er einen Rubick’s Cube. »Bist du schnell?«, fragte sie ihn. »Noch nicht«, sagte er und lächelte. Sie lächelte zurück. Als er sie fragte, ob sie mit ihm gehen wolle, da antwortete sie nicht in gespielter Dämlichkeit »wohin?«, kicherte nicht, lief nicht rot an, sondern sagte einfach »ja«, und ihr Herz schlug so irr wie nie zuvor.

Sie waren füreinander bestimmt, wie Auserwählte, wie Prinz und Prinzessin. Er war ihr erster Freund, als habe sie sich für ihn aufgespart. Es war so klar, dass sie zusammengehörten, dass es keinerlei Eifersucht gab. Niemand stellte das Paar infrage, und es gab keinerlei Versuche, sie oder ihn auszuspannen, denn es wäre aussichtslos gewesen.

Judith machte nach der Schule eine Lehre als Floristin beim Blumenfachgeschäft »Blütenzauber«. Ein Beruf, der ihr gefiel. Sie dekorierte mit ihrem Chef die Kirche, stellte für schwierige Kundinnen Sträuße zusammen, hantierte geschickt mit Messer, Schere, Zange und merkte sich die Namen der Schnittblumen, Grünpflanzen, Zapfen, Beeren. Der Chef lobte sie für ihren Einsatz und staunte ob ihrer Gründlichkeit: Nie ließ sie auch nur ein Blatt oder ein Ästlein auf dem Boden liegen.

Tim war ein Jahr jünger und ging nach der Schule aufs Gymnasium, studierte Jura. Als Judith es ihrem Vater erzählte, nicht ohne einen gewissen Stolz, sagte der höhnisch: »Jura? Das tun die, die fleißig sind, aber nicht übermäßig intelligent.« Ein Bekannter vermittelte ihm noch während des Studiums einen Job bei einem Lokalradio, denn er hatte ein flinkes Mundwerk und eine gewinnende Art. Und weil er nicht nur eine nette Stimme hatte, sondern von allen gemocht wurde und auch noch gut aussah, auf eine unspektakuläre Weise, kam er vom Lokalradio zum Lokalfernsehen; schließlich wurde das nationale Fernsehen auf ihn aufmerksam.