Wir müssen lesen -  - E-Book

Wir müssen lesen E-Book

0,0

Beschreibung

Bochum im Mai 2017. Felicitas Friedrich, Marock Bierlej und Tim Szlafmyca beschließen: Wir müssen r3den! Seit einem Jahr laden die drei Künstlerinnen und Künstler verschiedenster Gattungen und Genres ins Café Eden ein. Zum Reden und Singen, für Gefühl und Gelächter. Zeit, Revue passieren zu lassen. Zum ersten Geburtstag der Lesebühne sammelt diese Anthologie Eindrücke, Erinnerungen und Texte, die zwischen gefühlsechter Lyrik und biergeschwängertem Nonsens mäandern. Neben der Stammbesetzung steuerten auch viele der großartigen Gäste ihre Werke bei. Und Gott sprach: Wir müssen l3sen!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 225

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mit weiteren Beiträgen von

Christofer mit F

Jasmin Sell

Kim Catrin

Carolin Annuscheit

Daniel Wagner

Pia Lüddecke

Inhalt

Vorwort?

Am Anfang war das Wort

Tim Szlafmyca

Am Anfang war das Wort. WMR1-Eröffnungsrede

Felicitas Friedrich

Zusammen oder getrennt. Ein Text über schlechte Grammatik – und/oder eine Trennung.

Marock Bierlej

Am Anfang war das AAARGH!

Sündenfall

Felicitas Friedrich

Meine Schuld

Marock Bierlej

Sünde und Rausch

Tim Szlafmyca

Das Sündenfall-Protokoll

Christofer mit F

Abraham und sein heißer Draht zum großen Boss

Vertreibung

Marock Bierlej

Vertreiben

Tim Szlafmyca

Eines Tages

Felicitas Friedrich

Grüner wird’s nicht

Himmel und Erde

Tim Szlafmyca

Herzlich-Willkommen-Bla-Gelumpe

Felicitas Friedrich

Tramonto tra paesi

Marock Bierlej

Es gibt keinen Horizont

Jasmin Sell

Bilderbuch

Wüst und wirr

Felicitas Friedrich

Zuhause sein

Marock Bierlej

Ein Morgen in der Wohngemeinschaft

Tim Szlafmyca

ataxie

Carolin Annuscheit

Fleischbeschauung – Das Tinderexperiment

Fiat Lux

Marock Bierlej

Fiat Lux

Tim Szlafmyca

Sommersonntag

Felicitas Friedrich

Warum übers Wetter reden für mich kein Smalltalk ist

Pia Lüddecke

Der schwarze Teufel (Auszüge aus dem gleichnamigen Roman)

Weihnachten

Tim Szlafmyca

Die Bobel. Eine awesomere Variante der Bibel, geschrieben in Babel von einem Lausbubel in Gedenken an August Bebel

Felicitas Friedrich

»A wonderful dream of love and peace for everyone« oder »We are the world, we are the children, we are the ones who make a brighter day, so let’s start giving«

Marock Bierlej

Der Regredientskalender (Jeden Tag freuen wir uns weniger auf Weihnachten)

Himmelarschundzwirn

Felicitas Friedrich

Unnützes Zeug

Marock Bierlej

Ist der Himmel wirklich ein Ort auf der Erde?

Tim Szlafmyca

Der Tresen nach dem Tod

Daniel Wagner

Käsida (Patriotische Käsefaschisten gegen die Salamierung des Abendbrots)

Die Wasser

Marock Bierlej

Bierokalypse

Felicitas Friedrich

Im Fluss

Tim Szlafmyca

Die Wasser. Der Leben. Das Konfabulat.

Finsternuß

Tim Szlafmyca

Prometheus

Felicitas Friedrich

Kleiner Kreis

Marock Bierlej

Fürst der Finsternuss

Kim Catrin

Liebe ist wie eine Katze

Aridisierung

Felicitas Friedrich

Siebeneinhalb Tage

Marock Bierlej

Junge vs. CVJM

Tim Szlafmyca

Trockendock

Das Beste

Marock Bierlej

Der Lohn der Freiheit

Tim Szlafmyca

Schiller (Hauptbahnhof)

Felicitas Friedrich

Fick dich ins Knie, Superlativ

Über Wir müssen r3den

Wir müssen danken

Auswärtsspiele und Geburtstagssausen

Über die in diesem Band vertretenen Gäste und Gästinnen

Vorwort?

Es begab sich kurz vor Fertigstellung dieses Buches im Facebook-Gruppenchat …

MAROCK: Ej Leute, wir brauchen doch noch ein Vorwort für unsere Anthologie! Irgendwelche Vorschläge?

TIM: Darüber sollten wir wirklich reden

TIM: *müssen. Huch.

FELICITAS: Immer diese Zwänge!

MAROCK: Quatsch Zwang! Das ist Service für unsere Leser. Die wissen doch sonst gar nicht, wat ambach ist mit diesem prächtigen Machwerk, das sie da in den Händen halten. Das machen wir doch gerne!

TIM: Wilhelm Hausenstein hat in seinem Buch Kairuan“ anstelle eines Vorworts einfach einen Jean Paul-Text zitiert. Vielleicht können wir das auch machen, nur mit Sean Paul. Weil modern und so.

FELICITAS: Denn auch Sean Paul hat über Literatur, Redefreiheit und kulturelle Entfaltung schon gesagt: »Legalize it!« Zumindest ist mir schleierhaft, was er sonst hätte meinen können …

TIM: Um ehrlich zu sein: Mir ist generell alles schleierhaft, was von ihm kommt. Ich verstehe da einfach kein Wort. Andererseits ist das mit meinen Texten im Buch ja ähnlich (Sollten wir natürlich nicht im Vorwort erwähnen :D )

FELICITAS: Dass du sie nicht verstehst oder die Lesenden?

TIM: Beides, fürchte ich.

FELICITAS: Halten wir also fest: »Niemand kann Texte schreiben, die schwerer zu verstehen sind als die von Sean Paul.« Und Tim so: »Hold my Fiege!«

MAROCK: Ah, oh, sorry, ich hab gerade vergessen, dass wir hier diskutieren. Habt ihr schon ein Ergebnis? Ich hatte keine Lust, alles nachzulesen. Hauptsache Fiege!

TIM: Kurz für Marock zusammengefasst: Drei Menschen mit Lesebühne sind zu blöd zum Schreiben. :D Da kann man ja froh sein, dass das Publikum unser Hickhack nie mitbekommt (wobei, vllt. kommen die seit über einem Jahr nur zu uns ins Eden, weil sie auch denken: Hauptsache Fiege.)

TIM: Aber zum Thema: Wir können ja brainstormen, was in unser Vorwort soll. Was erwartet die Lesenden? Das reicht ja erstmal so in Kurzform wie in Fernsehzeitungen: »Nach Bier stinkender Nonsens mit Herz. Mit Veronica Ferres.«

MAROCK: Das war eine Zusammenfassung, die der besten Anthologie, die Bochum, ach der gesamte deutschsprachige Raum (inklusive Liechtenstein, der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien und den Amischen in Pennsylvanien) würdig ist!

MAROCK: Hast du noch eine Kurzzusammenfassung hinzuzufügen, Feli?

FELICITAS: Wenn drei zu reden haben, freut sich das Eden. Mit Fiege. Und dem besten Gin Tonic Bochums. Die Stadt in Limpopo, Südafrika, miteinbezogen.

FELICITAS: Manchmal wird es spät. Dann singen sie auch.

TIM: Ich finde, das ist ein gutes Vorwort. Sollen wir noch was hintendran packen oder damit aufhören, wie es jetzt ist :D?

MAROCK: Wir müssen das nicht zer-reden. Hö hö … hö …

FELICITAS: Finde ich auch. Ist schön so, wie es ist.

Wir müssen rεden № 1

Am Anfang war das Wort

17.05.2017

Premiere! Wir starteten mit gleich abertausenden Worten, die wir wir in das kuschelige Café Eden trugen. Unsere Gäst*innen haben wir ganz umweltbewusst regional eingekauft: SVEN HENSEL kam von gegenüber rüber spaziert und hielt mit seinen Texten anlässlich des International Day against Homophobia ein Plädoyer für Toleranz, während JANOU, die sonst im Freibeuter kellnert, mit ihrer Gitarre das Eden rockte und das Publikum begeisterte. Mariana Bittermann kielt alles fotografisch fest.

Tim Szlafmyca

Am Anfang war das Wort

WMR1-Eröffnungsrede

Am Anfang war das Wort.

Aber welches? Und wann?

Vor 1,9 Millionen Jahren begann der Homo erectus auf der Erde zu wandeln. Der Paläoanthropologe Richard Leakey meint, der Homo erectus nutzte als erste hominine Art das Feuer, konnte aufrecht gehen und tat das auch – beispielsweise beim Jagen. Sein Mund- und Rachenraum, wenngleich nur ausgeprägt wie bei einem heutigen Baby, gab ihm außerdem die Fähigkeit zur Lautbildung, zur Sprache. Schwerfällig und langsam, aber immerhin.

Man stelle sich also vor, irgendwann im Altpleistozän: Der Homo erectus sitzt mit seiner Crew um den neuesten, heißen Scheiß – das Feuer. Gemeinsam wird gegrillt und mit Ugh-Lauten streitet man darum, wer nun eigentlich den größten Auerochsen, das größte Wollmammut oder die größte Säbelzahnkatze zur Party mitgebracht hat.

Doch einer ist nicht dabei. Nie geht er mit jagen und hockt ständig in der Höhle und grübelt. Quasi der erste Nerd in der Geschichte der homininen Gattungen. Während alle draußen am Feuer sitzen, kommt er plötzlich aus der Höhle gestürmt und baut sich vor der versammelten Belegschaft auf. Erwartungsvolle Blicke ruhen auf ihm, als er das erste Wort sagt: »Bier«.

Oder meinetwegen »Feuer«. Im Grunde spielt es keine Rolle. Denn wenn es nur ein Wort gibt, wie erklärt man dann, was das ist, wie man es benutzt und dass man doch noch einen Haufen weiterer erfinden könnte? Da hatten es nachfolgende Generationen und Gattungen deutlich einfacher.

Springen wir in die Jungsteinzeit. Lange bevor auch nur ein Franzose das Wort Revolution aussprechen konnte, fand die erste bereits statt. Die Neolithische Revolution vor etwa 12.000 Jahren. Der Mensch wird sesshaft, bestellt seine Felder und kann mit Jagen und Sammeln zumindest bis zur Erfindung von »Pokémon Go« aufhören. Das muss eine sehr spannende Zeit gewesen sein: Man konnte sich Ortsnamen ausdenken, Familiennamen, Berufsbezeichnungen. Dabei sah es 62.000 Jahre zuvor überhaupt nicht danach aus. Als auf Sumatra der Vulkan Toba ausbrach, löschte dieser mal ganz nebenbei den Homo sapiens aus – bis auf ein paar Tausend Individuen. Das könnte die mitochondriale Eva und den Adam des Y-Chromosoms erklären, aber auch die Out-of-Africa-Theorie.

Nur blöd, wenn man noch nicht weiß, wie die Orte heißen, an die man geht und wie die anderen Gattungen oder Rassen eigentlich genannt werden sollten. Und vermutlich war das auch überhaupt nicht wichtig. Eine Sache, in der wir uns selbst damals möglicherweise deutlich voraus waren.

Was wir heute als Europa kennen, war Heimat des Homo neanderthalensis, in Asien hingegen lungerten der Homo erectus und der Homo floresiensis rum. Dem Homo sapiens war es zu Hause in Afrika nach der Toba-Katastrophe aber allem Anschein nach nicht mehr ganz so geheuer und so standen reiselustige Homo sapiens am Rand der Halbinsel Sinai und teilten sich auf. Ein paar gen Osten, ein paar gen Westen, dann würde man einige Jahrtausende vergehen lassen und könnte sich dann ja wiedertreffen und sich erzählen, was so passiert ist. Oder Krieg führen. Zumindest, wenn dieses Wort eines Tages erfunden werden sollte.

Unabhängig vom ersten Wort des Menschen habe ich mir aber auch viele Gedanken darüber gemacht, was eigentlich mein persönliches erstes Wort war und wie dieses eine Wort dazu führen konnte, dass ich heute hier stehe und sich für mich noch immer alles um Worte dreht. Als ich das Schreiben gelernt habe, habe ich zum Beispiel meinen ersten Witz erfunden.

»Warum heißt der Kloboss so? Weil er der Boss vom Klo ist.«

Das war genial und ich war der Mensch, dem dieser Witz eingefallen ist. Bis mir irgendwann erklärt wurde, dass das Wort »Globus« heißt.

Etwas mehr als zehn Jahre später habe ich dann meinen ersten Text auf einer Bühne gelesen, 2008, in Bochum. Auf dem Flyer stand als weiterer Akteur des Abends ein gewisser Marock Bierlej, der damals noch unter seinem bürgerlichen Namen firmierte. Einige gemeinsame Auftritte und Eskalationen später stand auch noch eine gewisse Felicitas Friedrich mit uns auf der geteilten Bühne. Es mag konsequent oder zufällig erscheinen, dass diesen Frühling dann wieder das Wort am Anfang stand. Ein bloßer Satz, der dazu führte, dass ich mit den beiden heute hier stehe. Eine kurze Nachricht, die nicht mehr sagte als: »Wir müssen reden.«

Und das wollen wir ab heute auch tun.

Felicitas Friedrich

Zusammen oder getrennt

Ein Text über schlechte Grammatik – und/oder eine Trennung.

In einer Zeit, in der Menschen hierzulande Verbrechen an der Sprache begehen wie »Geb mir deine Hand«, »Werf ein Auge auf mich« oder »Sterb in meinen Armen«, sind Missverständnisse, Vertrauensbrüche und vor allem Aggressionen doch vorprogrammiert.

Wir haben uns niedergelassen vor einer Geräuschkulisse, in einem Lärmpegel, in einem Lichtkegel, der unsere Schokoladenseiten hervorhebt und unsere Schwachstellen kaschiert. Unsere Konversation kreist um Popkultur, Literatur und Charakterstruktur, mein Herz schlägt einen Daktylus, manchmal unregelmäßig, doch als Gesamtkunstwerk stringent, du sprichst in Blankversen, sechshebig, Alexandriner, und ich versuche, nach Augen- und Versmaß meinen Rhythmus und meine Lebenserfahrung crashkursartig anzugleichen.

Ich mag, wie dein Zeigefinger in die Luft stößt und mit kleinen kreisenden Bewegungen Meilensteine unserer Kommunikation kennzeichnet. Mein Höschen wurde schon feucht, als du zum ersten Mal »ergibt Sinn« statt »macht Sinn« gesagt hast, ein Kribbeln durchfuhr meinen Körper, als ich merkte, dass du den Konjunktiv I und den Genitiv richtig verwendest, und wenn du jetzt noch das Wort »nichtsdestoweniger« benutzt, dann schwör’ ich dir, mein Guter, dann besteig’ ich dich sofort.

Wir sind verschränkte Relativsätze, erst zusammen werden wir schlüssig, nur gemeinsam poetisch, nur mühsam aufzudröseln. Wir sind unbestimmbare Objekte in einer unerforschten Sprache, deine Küsse sind Allheilmittel gegen Zungenbrecherverletzungen, ich zoll’ dir Attribut; ich mag, wie deine Hand meine zu suchen beginnt. Ich mag, wie sie die Kellnerin heranwinkt, weil das heißt, dass wir in Zweisamkeit und Kuschellicht aufbrechen können. Ich mag nicht, wie sie den fremden Hintern streift.

Schwenk auf Paulina.

Paulina hat ein Freundschaftsbuch. Ihre Lieblingsfarbe ist lila und ihre Lieblingstiere sind Hunde, ihre beste Freundin Carina möchte ihr mit auf den Weg geben, dass sie »nicht ihr Leben träumen, sondern ihren Traum leben« soll, weil das sehr weise und sehr visionär klingt, wenn man vierzehn ist.

Die Zeile »Traumberuf« lässt sie frei, »Beruf«, das bedeutet Steuererklärung, Schufa-Einträge, steifer Nacken von PC-Arbeit, aber nicht Freiheit, Leichtsinn, kaltes Wasser, Mut. Sie will studieren, etwas mit Herz, etwas mit Präsenz, etwas mit Präsens, etwas mit Akzentuierung und so zieht Paulina aus und studiert das, was man halt studiert als Mädchen mit Träumen, das Paulina heißt: Germanistik. Und nebenbei schenkt sie unser Glück aus, Göttin mit Biergläsern und Kinngrübchen, während Jahreszeiten sich um uns drehen und unsere Haare, Kleider und Gemüter in Mitleidenschaft ziehen.

In einer Welt, in der selbst unumstößliche Regeln wie »Trenne nie S-T, denn es tut ihm weh« hinterrücks gebrochen werden, sollte es auch nicht verwundern, dass auch wir alles andere als untrennbar sind. Auch wenn es uns nicht minder wehtut und ich mich frage, ob je jemand etwas für die Artenerhaltung des S-Ts als zusammenstehende Buchstabenkombination getan hat und ob derjenige wohl einen S-T-Tick hat. Ich würde mir dafür gerne dein »Ba-Dum Tss« abholen, doch wie es scheint, ist die Stimmung nicht für Scherze gemacht.

Wir haben zu viele Leerzeichen zwischen uns gesetzt. In einer Zeit der blanken Anarchie, in der zusammen oder getrennt völlig willkürlich definiert wird, haben auch wir schlichtweg vergessen, ob wir zueinander gehören oder nicht. Zwischen uns nur eine Sphäre voller Luftlöcher, es gibt Turbulenzen und was wir sagen, können wir nicht anschnallen, es taumelt umher und ist nicht zurückzunehmen.

Wir sind Nebenhandlungsstränge mit losen Enden, verwoben, verschroben, verworren, komplex, und haben zu spät gemerkt, dass es gar keinen Hauptplot gibt, zu dem wir gehören. Sind Bandwurmsätze, die langweilen und anstrengen, sind ruppige Untertöne, die wie Obertöne mitschwingen.

Könnten wir gut mit Ziffern statt mit Buchstaben umgehen, hätten wir wohl längst damit rechnen können, dass unsere Tage gezählt sind, doch das macht die Naivität aus uns. No future, no past, no Plusquamperfekt, nur zwei Menschen und zu viel Bier, das ich nur will, wenn ich es von deinen Lippen lecken kann. Alleine ist mir Bier viel zu trostlos, nur mit dir ein vollmundiger Geschmack.

Ich weiß nicht, ob Paulina noch Paulina heißt, sie war ohnehin nur ein Paar austauschbare Hände, das uns Gläser anreicht, doch heute könnten wir Trennungsgrundbingo auf ihren Brüsten spielen; sie lächelt unbedarft. Und fragt: »Zusammen oder getrennt?«

Und du sagst: »Tja, getrennt, seit gerade eben, dumm gelaufen!«

Und ich denke mir, dass ich zu wenig Männer kenne, mit denen es nicht noch schlimmer würde als mit dir. Ich denke mir, dass du bestimmt Recht damit hast, dass wir als Freunde besser funktionieren werden. Ich denke mir viele schöne Sachen und vor allem, dass du dich ficken sollst.

Das mit uns hätte ohnehin keine Zukunft gehabt, ich bitte dich: Mein Vorname ist Latein und dein Nachname beinhaltet einen Umlaut, wie soll das denn zusammen aussehen?! Und außerdem fände ich es ziemlich knorke, wenn du endlich an deiner das/dass-Schwäche arbeiten würdest – des Weiteren fände ich es ziemlich »knorke«, wenn viel mehr Menschen das Wort knorke benutzen würden, aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt muss ich erst mal Klischees erfüllen, muss Möbel verrücken, Nächte durchmachen, meine Haare abschneiden, um Ballast abzuwerfen. Ja, das klingt nach einer guten Idee, bin schließlich Grammatiknazi, dann müssen die Haare auch entsprechend aussehen.

Unsere Herzen stoßen Ach-Laute aus. Es kommt mir spanisch vor. Wir sind der Epilog mit Tränen im Knopfloch, das Staffelfinale ohne Cliffhanger, ein tätowierter Arm ohne Traumfänger, eine Dorfdiskoclique ohne Draufgänger. Wir sprechen voneinander im Imperfekt, als hätten wir gerade erst begriffen, dass wir das schon immer waren, das Gegenteil von perfekt, und einigen uns darauf, dass es nicht wegen mir oder wegen dir ist, sondern unseretwegen, das zeigt, wie locker wir damit umgehen.

»Wir gehören zusammen«, nickt der ältere Herr vor mir dem Menschen an der Kinokasse zu, nimmt die Hand seiner Frau, die ihm zulächelt und den leichten Druck erwidert. »Wir gehören zusammen« – eine Phrase, romantisch und dumm zugleich. »Wir gehören zusammen.« »We belong together.« Auch ein bisschen mariah-carey-esk, inbrünstig gesungen, fünf Oktaven Stimmumfang, fünf Euro Preiszuschlag für die extra große Portion Nachos, es gibt Gruppenrabatte und Pärchensitze, aber keinen Singlebonus, fünf Wochen ohne dich und irgendwie habe ich es überlebt.

Man gewöhnt sich an alles. Wenn ich mich nun nachts schlaf- und biertrunken nach links drehe, weiß ich, dass da zwischen vollgerotzten Taschentüchern und leergemampften Keksschachteln nicht mehr du liegst. Beim Kochen muss ich mich nicht mehr fragen, ob du eventuell eine der Zutaten nicht mögen könntest, und ich putte wieder meine hands up!, wenn Beyoncé all the single ladies dazu auffordert. Nach seven hours and fifteen days war ich viel zu beschäftigt mit betrunken sein, um Sinéad O’Connor zu hören, und ich habe auch ohne leere Floskeln noch immer aufregende Geschichten mit Spannungsbogen zu erzählen; zum Beispiel war vor kurzem meine Waschmaschine kaputt.

Das ist bedeutungsvoll und interessant. Es stellte sich heraus, dass sich im Filter eine Münze verfangen hatte. Es war ein Złoty, eine polnische Münze, und niemand in unserem Haushalt hatte jemals einen Złoty in der Wäsche gehabt. Die Münze muss weit bevor wir eingezogen sind, dorthin gelangt sein, ohne jemals jemanden zu stören, bis zu dem Tag, an dem wir als völlig Unbeteiligte die Konsequenzen spürten.

Und dann denke ich wieder an jene Worte, die wir so unachtsam fallen lassen. »Wir gehören zusammen«, klar. All die Ich liebe dichs, die Für immers, die Superlative, aber auch die Verpiss dichs und die Du bist für mich gestorbens, die wir oberflächlich so gut wegstecken, aber eines Tages, lass Zeit verstreichen, lass es zehn, lass es zwanzig, lass es dreißig Jahre sein, kann alles wieder hochkommen. Dann tut etwas, das längst verdrängt war, wieder weh und es leiden vielleicht völlig Unschuldige darunter.

Und ich habe dieses Geldstück weit weggelegt, damit es keinen Schaden mehr anrichten kann, und genauso möchte ich auch jedes Wort auf Abstand halten, das darauf abzielt, mich zu beschädigen.

Doch an jedem Punkt, an dem das nicht möglich ist, heißt es: Wir müssen reden, mein Freund, reden, ob du willst oder nicht. Wir müssen reden über jedes Wort, das den Anfang beschließt und das Ende besiegelt. Reden über jedes Wort, das du vergessen hast und für das du dich schämst, denn ich will nicht, dass Gesagtes oder Ungesagtes irgendwann, lass Zeit verstreichen, lass es zehn, lass es zwanzig, lass es dreißig Jahre sein, mich wieder einholt.

Marock Bierlej

Am Anfang war das AAARGH!

Im Anbeginn der Zeit … nein, noch lange bevor die Zeit erfunden wurde, klaffte dort, wo heute das Universum ist, ein gähnender Abgrund. Diesen Abgrund nannte man später Ginnungagap, aber Benennungen und Leute, die Dinge benennen könnten, sollten auch erst später erfunden werden.

Genauso wie Klugscheißer wie ihr, die sich jetzt fragen, worin der Abgrund klaffte, was denn an seinen Rändern zu finden sei, wo es das Universum doch noch nicht gab. Ginnungagap klaffte halt. Dealt mit es. Aber wenn ihr es genau wissen wollt: Der Rand des Abgrunds bestand aus weiteren Abgründen, dessen Ränder aus Abgründen bestanden, dessen Ränder aus Abgründen bestanden, dessen Ränder … Der Mathematiker spricht von einem Abgrundfraktal.

Und die Abgründe ab der zweiten Ebene hießen Ginnungagäpchen, und die kamen einmal vom Weg ab, als sie ihre Großmutter besuchen wollten, aber das ist eine andere Geschichte.

Und in Ginnungagap drin, da herrschte ein wildes Durcheinander aus allem und aus nichts, das fein säuberlich geordnet wild durcheinander lag. Aus dieser vielteiligen Singularität sollte etwas entstehen, das schon immer nie existiert hat.

Unlogisch? Das, nun, ist Religion nun mal.

Und am Rande von allem saßen, standen und hockten einige zumeist bärtige, doch kleine Gestalten, überlegten verstohlen, was man alles anstellen kann mit diesem end- wie beginnlosen Füllhorn aus Energie und Materie, die quadratisch bzw. bei der Wurzel und bei Licht betrachtet das Gleiche sind. Doch noch war kein Licht und keine Geschwindigkeit und keine Relativitätstheorie.

Verwirrend? Das, nun, ist Wissenschaft nun mal.

Und dann war der Anfang. Und am Anfang war das Aaargh!

Und Gottilie machte das Licht an, um zu schauen, wer da geschrien hatte. Es war der Lütte Urriese Ymir. Kid Kronos hatte ihn überraschend gepiekt und setzte das Piesacken nun munter fort. Bämbämbämbämbämbäm prasselten die titanischen Triezer auf den Lütten Urriesen Ymir ein. Der Takt war erfunden. Da nicht jeder Hieb saß, machte der Lütte Urriese Ymir Argh Arghargh Arghargh Argh Argh – und erfand damit den Rhythmus.

Ein Dreikäsehocheck verschloss sein Auge vor diesen Kindereien und bemerkte so auch überhaupt nicht, wie das Panspermium zwischen seine Schenkel glitt. Weiß Gott-ilie, wo es herkam, denn er schloss in dem Moment hastig sein Browserfenster. Das Dreikäsehocheck gebar keine drei transzendentalkollosale Augenblicke später neue Götter für die Runde – aus seinem Arsch. Dreiecke haben keine Vulva. Und herausgepresst wurden Gitarristen, Bassist, Schlagzeuger und Vokalist der Death-Metal-Band Amon Amarth. Beim Schlagzeug erfand das Dreikäsehocheck nebenbei den Scream.

Die Band begleitete das galaktische Gerangel mit ihrem fetten Sound, trug aber sonst nicht viel zur Schöpfung bei. Allerdings war die Schöpfung eben ein derart zünftiges Spektakel, das geht einfach nicht ohne kräftig Metal in die Fresse.

Apropos in die Fresse. Kid Kronos und der Lütte Urriese Ymir hatten sich vom Piesacken über Schwitzkasten auf Faustkampf verlegt. Eine links, eine rechts, eine durch buchstäblich alle existierende Materie hindurch bekam der Lütte Urriese Ymir kräftig auffe Omme.

DUUM DUUMDUUM DUUM DUUMDUUMDUUM machten seine Füße auf dem nichtexistenten Boden, bevor er zu selbigem ging. In kongenialer Konkurrenz haben Kid Kronos und der Lütte

Urriese Ymir den Breakdown erfunden. Der Leib des Riesen wurde die Erde, der Ground, der Festivalground, auf dem sich das Leben abspielen sollte.

Amaterasu, die zuvor von Gottilie angemacht worden war, nutzte die Gunst der Stunde, um nicht nur Sonne zu sein, sondern auch das Kaiserreich Japan zu gründen und uns viele alberne Spielshows zu bescheren. Sie strahlte ob ihres Einfalls und erfand damit die Feuershow.

»WAS GEHT GENN HIER AB?! MACHT, DASS IHR HIER RAUSKOMMT, ABER DALLI!«

Papa Shiva hatte die Werkstatt betreten. Die göttlich-kindlichen Strolchentitäten eilten teils beschämt, teils frech grinsend, ängstlich und lachend an Shiva vorbei, raus aus dem Schuppen ins Freie.

»Ihr da, ihr bleibt noch einen Moment.« Amon Amarth hielten inne. »Euer Sound wird noch gebraucht.«

Und Shiva betrachtete die Schöpfung. »Was ist das? Das ist Scheiße! Diese Welt ist VERDAMMTE KINDERKACKE!«, keifte er und machte sich mit wildem Wüten an die Zerstörung der Welt und erfand damit das kataklysmisch geile Konzertfinale. Vielleicht, um danach eine neue Welt zu erschaffen. Vielleicht, weil er Kinder einfach hart nicht ab kann.

Und so wisset: Auch, wenn diese Welt richtig misslungene Scheiße ist, so besteht sie, bestehen du und ich – aus Musik.

Und Gewalt.

Wir müssen rεden № 2

Sündenfall

21.06.2017

Verboten gut waren unsere Gäste: CHRISTOFER MITF unterhielt das Publikum mit einem spannenden Epos über Detektiv Konopka und einem absurd komischen Dialog zwischen Abraham und dem „großen Boss", MARIUS TILLY verwandelte mit seinen Songs das Eden in eine glühend heiße Konzerthalle und setzte mit einer Soundgarden-Coverversion dem kürzlich verstorbenen Chris Cornell ein Denkmal. Ein sündhaft gelungener Abend, der dank der Fotobeweise von Alexander Schneider unvergessen bleibt

Felicitas Friedrich

Meine Schuld

Ist das dein fucking Ernst?«

Verdammt. Erwischt. Ach, ich bitte dich. Ist das denn wirklich so dramatisch jetzt? Als ob du noch nie irgendwas Unüberlegtes getan hättest, wir sind doch Freundinnen. Da kann man sich sowas doch mal verzeihen …

»Gehst du wirklich?! Aus dem Haus?! Mit ungezupften Augenbrauen?!«

Ja, ich gestehe. Ich habe gesündigt.

Ich bin ein Ausbund an negativen Vibes, eine Collage aus Problemzonen, ein Wollknäuel aus Make-Up-Sünden, Datingsünden, Modesünden, Ernährungssünden. Auf meinem Ober-, Mittel-, Unter-, Innen-, Außenkörper trampeln Hyänenherden aus Frauenzeitschriftenredakteurinnen, die genau wissen, was ich tun muss, um sexy sexy sexy zu werden.

Denn, überhaupt, die Männer. Wir wissen, wie sie ticken, wollen mit ihnen auf einen Nenner kommen, die wollen doch alle nur f…rische Girlwangen streicheln. Stand in der »Mädchen« letzte Woche. Die sind doch alle vom gleichen Schlag, als ob es da Abweichungen gäbe, als ob je einer eine mit Turnschuhen mag oder gar eine Kurzhaarige liebt.

Pass auf: Wenn er mit dir spricht, überkreuzt du die Beine, senkst den Blick, schaust ihn von unten an. Kokett. Süß. Unterwürfig. Und wenn er was sagt, dann kicherst du, aber bloß nicht zu schrill. Bloß nicht zu laut. Nimm dich zurück.

Und trag bloß kein Pink. Du bist nicht mehr elf. Und hör bloß nicht P!nk, du bist nicht mehr zwölf. Benutz kein Deo, das stinkt, du bist nicht mehr, du bist nicht, du bist, du, ich glaub’, es schlägt 13.

Ich brauche keine Flirtschule, keine Umstylingkurse, keine Psychotests, die mir verraten, welche meiner Macken für Jungs am abschreckendsten ist.

Ihr zoomt auf die Oberschenkel, Hintern, Bäuche der Frauen, die eigentlich Idole sein sollten – »Zu viel genascht oder süßes Geheimnis?«

Und wer weiß den neusten Tratsch darüber, wer mit wem die Nacht verbringt?

Dieses leichte Mädchen ist fast so schmutzig wie der Spatz, der’s von den Dächern singt!

Schaut sie euch an, wen sie wieder abgeschleppt hat, was nimmt sie sich da raus?

Es ist der Dritte diesen Monat, bald ist sie wirklich verbraucht.

Doch Männer, ach … die sind halt so. Die müssen Jäger und Sammler sein.

Sexuelle Erfahrung macht sie so reif. Also

haben sie ’nen Freifahrtschein.

Ich trage eine massive Bürde, eine Schuld an, Schuld an, Schuld an meiner eigenen Lebenssituation auf meinen Schultern, eine Schuld an, Schuld an, Schuld an … ja, an was eigentlich?

Wir Frauen begehen jeden Tag massenhaft Sünden

und diese Anklageschrift bietet uns einen Batzen an Gründen,

uns zu verbünden!

Faust gen Horizont und darüber hinaus,

ob mausgrau oder blond, machen wir dem Patriarchat den Garaus.

Und oh mein Gott, hat sie das gerade wirklich gesagt?

Hat sie sich wirklich beklagt?

Ist sie etwa eine dieser Schwanzabschneidemanzen?

Nein! Nochmal zur Klarstellung: Ich mag Schwänze!

Und die dürfen auch ruhig da bleiben, wo sie jetzt hängen! Und wisst ihr was? Erkenntnis des Jahres: Männer sind gar nicht unser größtes Problem!

Meine Beobachtungen lassen mich einfach verzweifeln,

ich muss leider verzeichnen:

Die meisten Anfeindungen

gegen Frauen kommen aus den eigenen Reihen.

»Was hast du da?! Unter! Deinen Achseln?!«

Bitte versprich mir, dass du jetzt ganz stark bist.

Ich weiß nicht, wie ich es dir möglichst schonend beibringen soll, ich will jetzt echt kein Trauma bei dir auslösen, aber … das sind … Haare!

Und jetzt bitte, bitte, bitte – sei noch stärker. Atme tief durch. Das wird jetzt nicht leicht. Die hast du da auch.

Nur ich – ich habe gesündigt. Seit einer Woche schon schleppe ich dieses dunkle Geheimnis mit mir herum, dass ich Rasieren manchmal lästig und Waxing immer aua finde und überhaupt noch andere Hobbys habe außer Körpermodifizierung und Schönheitsidealen entsprechen.

Ich brauche keinen Blowjobguide, keine Datingtipps, keinen Kamasutraexkurs; »Die optimale Anzahl an Sexualpartnern im Laufe des Lebens ist 12. Nicht mehr, nicht weniger, genau die richtige Balance zwischen frigider Jungfer und nymphomaner Schlampe.« Verdammt, die einzige Schlampe, die ich hier sehe, ist diese Statistik!

Ich bin in Hotpants ein Flittchen, in der Bluse dann zu prüde,

ich bin krank und müde,

sick and tired of your Doppelmoral,

ihr werft ein hässliches Licht auf euer eigenes Geschlecht und ich kotze im Strahl!

Mir ist es doch nicht egal,

dass wir uns gestern noch beschwerten,