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Beschreibung

Zehn Jahre PULS Lesereihe, zehn Jahre junge bayerische Autoren, die quer durch die Region auf Bühnen gelesen, gerappt und manchmal auch geschrien haben - in einem Buch

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Seitenzahl: 209

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Informationen über den Verlag und sein Programm unter: www. allitera.de

Oktober 2015 Allitera Verlag Ein Verlag der Buch&media GmbH, München © 2015 Buch&media GmbH, München © der Einzeltexte bei den AutorInnen Lektorat: Christine Auerbach und Dominic Holzer Illustrationen: Julia Emslander Satz und Layout: Johanna Conrad, Augsburg Printed in Germany · ISBN 978-3-86906-797-1 ISBN epub 978-3-86906-810-7 ISBN pdf 978-3-86906-811-4 E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

Inhalt

Vorwort

Lesereihe-Autoren 2015

Fabian Bader – #Bachelor of Hearts

Stephan Brandl – Sind wir bald da?

Laura Goudkamp – Sind wir bald da?

Julia Jung – Sind wir bald da?

Katharina Kaak – Der Tod hat kein Büro

Katharina Lang – Zweisam

Kristin Ofer – Stellvertreterreise

Schirin Regner – Nein, es dauert noch ganz lang

Steven Roland – Mann und Zug

Lena Schweizer – Wo oben und unten eins werden

Alexander Voit – Ohne Titel

Johanna Wohlgemuth – Generationalität

Best-of Lesereihe 2006–2014

Madeleine Prahs – Liebe Grüße

Heiner Lange – Da sitz ich so im Bus und erfreue mich meines Lebens

Eva Häusler – Waltag – Zahltag

Thomas Mair – Illuminationen

Veronika Raila – Das Sandmädchen

S. Hoy – Jacobsen

Julia Fiederer – Die Schweine

Elena Lorscheid – Der Apfelbaum

Filiz Penzkofer – Die Taxe des Bösen

Julius Braun – Kamikaze

Lara Hampe – So blond, davor.

Matthias Tonon – Jonathan

Magdalena Beck – Sammelbecken der Verlierer und Loser

Benjamin Feiner – Einen Tag Revolution

Julian Ignatowitsch – Utopie I–IV

Selmar Klein – Lückenfüller

Curry Fiasko – Friends will be Friends

Kristina Pöschl – So viel Grün

Silva Raddatz – Ausgekocht

Best-of-Musikertexte

Gustav – Ohne Titel

Karo – Die längsten Tage

Mine – Abgeschwiffen

Vorwort

Zehn Jahre Lesereihe, zehn Jahre junge bayerische Autoren, die quer durch die Region auf Bühnen gelesen, gerappt und manchmal auch geschrien haben. Literatur ohne Abendgarderobe und direkt aus dem Leben – ist eben eine etwas andere LiteraturVeranstaltung, die Lesereihe des Bayerischen Rundfunks. Jedes Jahr wählen wir zwölf junge Autoren unter 30 aus, mit denen wir in Bayern auf Tour gehen. In Clubs präsentieren sie dann ihre Texte, viele stehen dabei zum ersten Mal auf einer Bühne. Immer mit dabei sind Musiker, die aber nicht nur das machen, was sie eh schon können – Musik – sondern auch selbst eine Geschichte schreiben und lesen. Neuland also für alle.

Und jetzt dieses Buch: Mit allen Teilnahmetexten aus dem aktuellen Jahr, einigen Künstlertexten und einem Best-of der Geschichten aus den letzten Jahren – stellvertretend für alle die tollen Texte, die wir in den letzten Jahren auf die Bühne bringen durften. Kreative Geschichten, verquer gedacht, lustig-schockierend, herzerwärmend-skurril, alles dabei. Und jedes Jahr zu einem anderen Motto, das jede Menge Platz für eigene Interpretationen lässt: „Aussichtslos“, „Ein Tag am Yeah!“, „Lass uns Freunde sein“ um nur einige zu nennen.

Was anderswo hochtrabend als Anthologie im Regal steht, ist für uns schlicht der Beweis, wieviel Talent und Potenzial in der bayerischen Literaturszene steckt.

Unser Dank gilt allen Autoren, Juroren und Musikern aus den vergangenen zehn Jahren, die die PULS Lesereihe zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Stellvertretend unser Dank der Auswahljury 2015: Meike Harms, Manuel Möglich, Claudius Nießen, Kristina Pöschl und unserer Tourmusikerin Mine, die hier ebenfalls mit einem Text vertreten ist.

Und wir? Wir sind PULS, das junge Programm des Bayerischen Rundfunks. Im Radio, im Fernsehen, im Netz und als App. Natürlich auch draußen – auf Lesereihe, jedes Jahr aufs Neue. 2015 übrigens unter dem Motto „Sind wir bald da?“ Nö. Kann gerne so weiter gehen. Viel Vergnügen mit den Texten.

Thomas Müller, PULS Programmchef

Fabian Bader

#Bachelor of Hearts

Früher war das hier Heimat. Heute streichen sich gerade volljährig gewordene Hipster mit ihren Kulturwixxerbrillen gegenseitig die Dreitagebärte und werfen sich über den Kicker lauthals Beleidigungen zu, die keiner mehr genau versteht. #Lifestyle

Eigentlich fühle ich mich nicht alt, doch so umzingelt von zwanzigjährigen Freigeistern, die noch zwei Semester brauchen, bis sie ihren BWL-Bachelor endlich in der Tasche haben, tragen die roten Lampions des Clubs schwer zu einer melancholischen Stimmung bei. Über mein genaues Alter rede ich ungern, doch sagen wir so: Wenn eine Frau meine Wohnung über der ehemaligen Alten Filmbühne nicht findet, ist sie eindeutig zu jung für mich. Und trotzdem habe ich noch kein abgeschlossenes Studium oder bin gar einer dieser motivierten Mitzwanzigerdozenten. Dafür habe ich mittlerweile gelernt, wie peinlich es ist, sich in einer Studentenkneipe über die Zitrone in seinem Gin-Tonic zu beschweren und nenne die Bib nicht mehr Philosophicum II. Letztes Semester hat mich so ein kleines Mädchen wirklich total schulbuchmäßig gefragt: „Könnten Sie mir bitte den Weg zum Philosophicum II beschreiben?“ In der Situation war ich dann so erschlagen von dem ‚Sie’, ihrer Kindlichkeit und dem Kontakt zu Frauen im Allgemeinen, dass ich der Orientierungslosen nur stammelnd empfohlen habe, eine dazu passende App zu suchen. Ob es die überhaupt gibt, weiß ich nicht. Keine Glanzstunde meiner Schlagfertigkeit jedenfalls, obwohl ich sogar einige Semester Rhetorik studiert habe. Aber, das ist eben der Unterschied zwischen Uni und dem #Reallife

Gerade als ich mit dem Thema abschließen möchte und einen großen Schluck aus meinem Gin-Tonic nehme, fällt mir wieder ein, was ich vor kurzem in der Welt gelesen habe: Über die Hälfte der Arbeitgeber sind mit frisch angestellten Bachelorabsolventen unzufrieden. Diese bringen zu wenig ‚work experience’ mit. Neben der Tatsache, dass Wörter wie ‚work experience’ nichts in der deutschen Sprache zu suchen haben, bin ich der festen Überzeugung, die Arbeitgeber vermissen eher so etwas wie Lebenserfahrung bei diesen Anfang Zwanzigjährigen. Aber die wissen nicht einmal wohin im Leben und so etwas wie persönliche Reife können sie gar nicht haben, wenn man ein Jahr Gymnasium streicht, den Wehrdienst abschafft und versucht die Kürzung der Regelstudienzeit durch den freiwilligen Erwerb von Softskills auszugleichen. Ich persönlich besitze keine zertifizierten Softskills und in dunklen Stunden, auf meinen späten Heimwegen durch die schmalen Gässchen Regensburgs, frage ich mich manchmal wirklich, ob mich das zu einem schlechten Menschen macht. #SadMoments

Nächster Gin-Tonic, neuer Gedanke: Einer dieser Laissez-faireVertreter bin ich dann aber auch ganz und gar nicht: Wenn so ein Schmalspurphilosoph wie Richard David Precht wieder einmal Aufmerksamkeit braucht und ohne Ahnung vom Bildungssystem erklärt, die Universität solle auch vermitteln, eigenverantwortlich zu entscheiden, wann man faul sein darf, rege ich mich sofort furchtbar auf. Nicht nur, dass verantwortlich und faul in der Sprache, auf die wir uns geeinigt haben, einen Gegensatz bilden, nein, ich stelle mir dann immer vor, wie das in Deutschland aussehen würde. Ein Pflichtseminar „Wann darf ich faul sein?“, geleitet von einem fünfundzwanzigjährigen Masterabsolventen mit MultipleChoice-Test am Ende des Semesters. #Bolognareform

Also, den Weg der Mitte? Ich könnte als zeitgenössischer Buddha morgens die FAZ lesen, mittags bei VeganLifeStyle auf „gefällt mir“ klicken und abends immer noch nicht wissen, ob der Schweizer Asylantentatort mir zu drastisch war. Doch dann wäre ich in fünf Jahren wie meine Eltern und mit jedem Gin-Tonic wird mir eins klarer: Die teuren Weinflaschen zuhause sind kein Zeichen, endlich angekommen zu sein, sondern nur eine heimliche Beichte der Einsamkeit. #VirtuosenAmGetränk

An solch gin-getränkten Abenden drängt sich mir wiederholt der Gedanke auf, dass es wichtig ist, nicht nur schnell voran, sondern auch weiter zu kommen. Doch diese Überlegungen enden meistens im Vollsuff mit einer Strafanzeige oder schlimmer noch: mit einem spätnächtlichen Anruf bei meiner Exfreundin.

Nach einem letzten, abschließenden Beruhigungs-Gin-Tonic, komme ich für mich zu dem Schluss, dass weder 180 ECTSPunkte, noch eigenverantwortliches Unischwänzen oder sonst etwas ausreicht, um aus mir so einen echten Erwachsenen zu formen. Ja, am Ende gar einen guten Menschen. Was es dafür braucht, weiß ich einfach nicht. Deshalb starre ich etwas hilfesuchend auf den Boden meines leeren Drinks, doch auch hier finde ich leider keine ehrliche Antwort.

Ob ich bald da bin? Ich glaube die entscheidende Frage ist: „Wohin überhaupt?“.

Das wird bei mir wohl noch ein Abenteuer – mit Verlängerung der Regelstudienzeit.

#Bachelor of Hearts

Fabian Bader

(2015, Motto: Sind wir bald da?), geboren 1993, sieht sich in ferner Zukunft als schrulligen, schreibenden Hausmann, der seine Kinder schief anschaut, wenn sie einen Stapel Bücher umschmeißen, nur um sie gleich wieder herzhaft in die Arme zu schließen.

Aber das hat noch ganz viel Zeit und bis dahin studiert er– irgendetwas, liest, schreibt und ist Regisseur des Regensburger Studententheaters.

Stephan Brandl

Sind wir bald da?

Es war der erste Tag der Sommerferien und Mia und Max hatten sich schon seit Wochen auf diesen Samstag gefreut. Denn heute würden sie endlich losfahren, in den Urlaub nach Italien.

„Endlich geht’s los!“, rief Mia mit einer Begeisterung, zu der nur Kinder fähig sind. „Es kann aber erst losgehen, wenn ihr endlich eure Spielsachen fertig gepackt habt“, erwiderte ihre Mutter Anna, mit einer Gereiztheit, zu der nur Eltern von Grundschulkindern sich hinstressen lassen, wenn die Abfahrt in den Urlaub so knapp bevorsteht.

„5000 Dollar sind nicht genug!“, herrschte Hakim Memnun an. „Du willst doch, dass deine Kinder eine gute Zukunft haben, dann musst du auch bereit sein, dafür das nötige Geld auszugeben.“ – „Aber ich kann mir nicht noch mehr leisten. Woher, mein Freund, soll ich so viel Geld nehmen?“ – „Der Tarif ist 7500 Dollar. Der Tarif ist fair. Wir bringen dich schließlich ins Land wo Milch und Honig fließen, nach Europa.“

Bis unter die Dachkante beladen war der X5 am Irschenberg angekommen. „Na super, jetzt stehen wir hier schon im Stau“, meckerte Jan, „ich hab euch doch gesagt, ihr sollt euch beeilen mit dem Packen und dass wir rechtzeitig losmüssen. Jetzt haben wir den Salat!“ Im Radio träumten zwei kleine Italiener von Napoli und einer Reise in den Süden.

„Sind wir bald da-ah?“, fragte Max schelmisch seinen Vater. „Warum schaut ihr euch nicht eine DVD an, solange wir im Stau stehen? Dann dauert es nicht so lange, bis wir da sind.“ Das war natürlich eine schöne Lüge mit einem wahren Kern, die Erwachsene Kindern immer dann erzählen, wenn sie ihre Ruhe haben wollen und sich in diesem Fall davon versprachen, die Zeit verginge auch für sie schneller, wenn die Kinder nicht so sehr mit Quengeln beschäftigt wären, sondern damit, Donald bei seinen Tollpatschigkeiten zuzuschauen.

Charda wartete mit ihren Kindern am libyschen Strand darauf, ins Boot gelassen zu werden. Safiye und Abbas spielten mit ein paar Steinen, die sie im Sand fanden und bauten eine Burg. Die Sandkörner außen herum waren für sie die Menschen, aber die Burg war nur für ihre Steine gebaut und natürlich konnten sie deswegen niemanden sonst hineinlassen, denn die wenigen Steine fürchteten sich ja vor den ganzen Sandkörnern, die aber doch auch so gerne mitspielen wollten.

„Safiye! Abbas! Kommt bitte, wir können jetzt aufs Boot“, ermunterte Charda ihre Kinder zu kommen. „Und wickelt euch bitte endlich eure Tücher um den Kopf.“ Die pralle Sonne erhitzte die Szenerie zwischen dem Strand, hinter dem alte Laster, Reifen und zerfallende, weiße Häuser gelegen waren, dem alten Fischkutter, auf dem sich die mehr werdenden Menschen langsam aber sicher auf den Füßen standen und dem tiefen, blauen Meer, das unüberschaubar weit vor ihnen und ihrer Reise lag.

„Papa, mir ist kalt“, kam es von der Rückbank. „Na dann mach doch die Klimaanlage einfach ein bisschen wärmer, du weißt doch wie das geht.“

„Was glaubst du, wie viele wir hier sind, auf diesem Boot?“, fragte Mtenle seinen Stehnachbarn. „Keine Ahnung. Ich schätze so um die 200, und du?“ – „Könnte gut hinkommen. Hast du Pläne für Europa?“, setzte er das Gespräch fort. „Ich habe Jura studiert, ich möchte gerne einen Job finden und einen Ort, an dem ich mich sicher und geborgen fühlen kann. Ein Zuhause“, sagte Dahoma. Anna kramte in ihrer Handtasche nach ihrem Geldbeutel. Sie standen in der Schlange am Brenner und Jan wollte nicht noch mehr Zeit verlieren. Er machte eine spitze Bemerkung über Frauen und ihre Handtaschen, etwas in der Art, dass sie so viele Dinge da hineinpacken würden, aber nie das, was man wirklich brauchte, woraufhin Anna entnervt zurückgiftete, dass er ja auch mal seinen Geldbeutel griffbereit haben könnte, anstatt sich darauf zu verlassen, dass sie sich immer um alles kümmerte.

„Acht Euro Fuchzig kostet der Scheiss jetzt schon. Die langen auch jedes Jahr kräftiger hin“, grummelte Jan und Anna, froh, dass er nicht mehr sie anschnauzte, stimmte ihm, auf die Südländer schimpfend, zu.

Das Meer war ruhig gewesen, die ganze Fahrt über schon spiegelte es die Passagiere des alten Kutters, der zu klein war fürs Radar, zu groß aber, um einfach unterzugehen wie so viele andere Boote. An Bord sah man nach vorne, alle Köpfe waren nach Norden gerichtet.

„Glaubt ihr nicht auch, dass es schwierig werden wird, für uns, in Europa?“, fragte Asifa in die Runde bunt gekleideter, aber sonst besitzloser Frauen, mit der sie sich seit dem Vorbeischwimmen einer Gruppe Delfine unterhalten hatte. „Du bist doch Senegalesin, so wie ich“, sagte daraufhin Dafina, „dir muss ich doch nicht erzählen, dass es wohl nicht schlimmer kommen wird, als da, von wo ich weggelaufen bin.“

„Mama, der Max hat mir einfach eine reingehauen!“, schrie Mia plötzlich. „Gar nicht wahr! Du hast mir mein iPad weggenommen!“, bellte Max zurück.

„Könnt ihr denn nicht einfach mal in Ruhe miteinander spielen, so wie ganz normale Kinder? Hört jetzt mit dem Streiten auf!“, flehte Anna ihre Kinder an. „Wir sind doch bald da, ihr Mäuse. Ihr wisst doch, dass es am ersten Abend immer ein Feuerwerk auf dem Campingplatz gibt. Also seid’s jetzt bitte noch brav des letzte Stück, sonst bleibt’s heut Nacht im Bett und der Papa und ich schauen des Feuerwerk ohne euch an.“

Erschöpft, aber glücklich bog Jan wenig später auf den Campingplatz ein und baute mit Anna den Caravan auf. Max und Mia packten ihren Wasserball, die Schäufelchen, die Matchboxautos und Puppen aus und fingen gleich an, im von der mediterranen

Abendsonne beschienenen Gras zu spielen. Viel zu kurz jedoch in ihrem Empfinden, denn schon waren ihre Eltern wie durch Zauberei fertig und riefen sie zum Essen.

„Land in Sicht!“, riefen die Kinder auf dem Fischkutter mit der nur ihnen eigenen Begeisterung. Vega fragte, ob sie bald da seien und ob ihre Tante Raja wisse, wie lange es noch dauert. „Wir sind bald da“, antwortete Raja und lächelte erleichtert.

Bommmm. „Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Rom. Bei einem Flüchtlingsunglück im Mittelmeer sind vor wenigen Minuten mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen, wie soeben gemeldet wird. Kurz vor der Küste der italienischen Insel Lampedusa sei ein Boot in Flammen geraten und kurz darauf explodiert, berichteten Augenzeugen. Die herbei eilenden Rettungskräfte der Marine konnten das Boot nicht rechtzeitig zum Löschen des Brandes erreichen. Die Flüchtlinge, die aus Syrien, Togo und weiteren Ländern der Subsahara stammten, fanden demnach allesamt den Feuertod auf dem Meer. Bundeskanzlerin Merkel zeigte sich in einer ersten Reaktion tief betroffen. Ihr Parteikollege Horst Seehofer kündigte an, er wolle im Kampf gegen massenhaften Asylmissbrauch durch Armutsflüchtlinge künftig härter durchgreifen.“

Sein letztes Stück Pizza Margherita in der Hand wandte sich Jan kopfschüttelnd an Anna. „Schrecklich. Das geht mir wirklich nahe, dass schon wieder so eine Tragödie passiert ist. Fürchterlich.“

Max und Mia hatten schon alles heruntergeschlungen und zappelten unruhig auf ihren Stühlen. „Können wir jetzt zum Feuerwerk? Wir sind doch jetzt da!“

Stephan Brandl

Bei Stephan Brandls (2015, Motto: Sind wir bald da?), geboren 1986, Berufswahl steht es kurz vor der magischen 30 immer noch unentschieden. Aber egal. Wer weiß schon je, wann er angekommen ist? Und Schriftsteller sein ist eh die beste Wahl. Alternativ: Singer/Songwriter. Als „Stephan Krain" spielt und singt er manchmal in Münchner Clubs.

In ihm schlägt eben ein Künstlerherz.

Laura Goudkamp

Sind wir bald da?

„Nein, nein, nein, junge Dame, das ist mein Taxi!“, ertönt eine tiefe Stimme hinter Zoe. Verwundert dreht sie sich zu einem etwa 50-jährigen Anzugträger um. Die Schweißtropfen auf seiner Stirn könnten der stechend heißen Sonne zu verdanken sein, die erbarmungslos auf den Münchener Odeonsplatz brennt. Der schwere Atem des wandernden Anzugs lässt hingegen keinen Zweifel, dass ein kurzerhand eingelegter Sprint der Grund für die tomatenrote Gesichtsfarbe des Herrn ist. „I daut it! Sie kommen ja gerade von irgendwoher angerannt! Nehmen Sie sich halt ein anderes Taxi oder bestellen Sie sich ein Uber!“, schnaubt Zoe, entschwindet auf die Rückbank und knallt die Tür hinter sich zu. „Unverschämtheit!“, hört sie den Anzug durch das Autofenster schimpfen. Sie grinst ihn durch das schmutzige Glas an, symbolisiert mit ihren Händen, dass sie ihn leider nicht verstehen kann und beugt sich nach vorne zum Taxifahrer: „Entschuldigen Sie die Szene eben. Diese Business-Fuzzis denken, sie können sich alles rausnehmen, was? Ich müsste jetzt gleich zum …“ Noch bevor sie den Satz beenden kann, rumpelt es neben ihr. Die im Anzug verpackte Tomate hat sich auf den Platz neben Zoe bugsiert und wirft ihr, die Arme verschränkt, einen triumphierenden Blick zu. „Ich sagte ja, das ist MEIN Taxi. Holen Sie sich doch so ein Über“. „Uber. Uber heißt das, nicht Über. Sie sind ja übergeschnappt!“ – „Uber-Über-Übergeschnappt – haha, lustig!“, kichert es vom Fahrersitz. Zoe und der Anzug drehen sich verwundert um. Im Eifer des Gefechts hatten sie das Männlein, das am Lenkrad sitzt, gar nicht richtig wahrgenommen. Der Taxifahrer, eingeschüchtert von einem ausbleibenden Lachen der beiden, fragt mit nervöser Stimme: „Wo müssen Sie beide denn hin?“ – „Zum Flughafen!“, schallt es ihm synchron von der Rückbank entgegen. Zoe und der Anzugträger tauschen verwunderte Blicke. Das Männlein ist sichtlich erleichtert: „Dann können Sie mein Taxi ja teilen!“ „Von mir aus!“, grummelt der Geschäftsmann, während er sein Smartphone aus der Sakkotasche fischt. „Wenn wir dann jetzt los können? Ich muss meinen Flug erwischen! Selbstverständlich nur, wenn die junge Dame auch d’accord ist?“ Zoe verdreht die Augen und seufzt resigniert.

Management tippen?“ Der Anzugträger mustert sein Gegenüber verblüfft und während er noch nach Worten sucht, fährt Zoe fort: „Naja, und Ihnen ist vorher eine Visitenkarte aus den Unterlagen gefallen.“ Mankel lacht auf: „Touché! Das mit der Steueroase und dem Ego nehme ich Ihnen trotzdem übel! Naja, und Sie? Was machen Sie? Lassen Sie mich raten. Sie sind Studentin! Bestimmt ‚Gender Studies’ oder so ein Unfug?“ Zoes Augen verengen sich: „Wieso ist das Unfug?! Aber nein, Politikwissenschaft, wenn Sie es genau wissen wollen. Mit Masterabschluss!“ Die letzten Worte entfahren ihr ungewollt trotzig. „Na fantastisch! Sozialwissenschaftler – das braucht das Land! Und? Schon einen Job in Sicht? Wenn nicht, können Sie ja immer noch Taxi fahren – nichts für ungut, Amir!“ Beschwichtigend legt Dr. Mankel dem Fahrer die Hand von hinten auf die Schulter. „Nein, nein. Schon okay! Ich fahre nur in Deutschland Taxi. In Syrien war ich Ingenieur!“ Das bärtige Männchen lächelt traurig in den Rückspiegel. „Mein Sohn studiert auch Ingenieurwesen in Damaskus! Heute ist seine Abschlussfeier!“ – „So, sehen Sie, Zoe! Das ist was Ordentliches! Ingenieurwissenschaften!“ Dr. Mankel hebt belehrend den Finger. „Ach ja? Wenn Politikwissenschaft nichts taugt, warum fliege ich dann heute zu einem Vorstellungsgespräch bei einer Consultancy?“ Bevor die Konversation auf der Rückbank hitziger werden kann, erkundigt sich Amir: „Wo fliegen Sie beide denn hin?“ – „Nach London!“, erzählt Zoe, nicht ohne Stolz in der Stimme. „Zürich!“, entgegnet Mankel, wenig beeindruckt, während er in seinen Unterlagen kramt. „Sie haben wirklich Glück! Sie können einfach in ein Flugzeug steigen und in ein anderes Land in Europa reisen, einfach so. Ich hab Deutschland, sogar Bayern, noch nie verlassen!“ Amir schüttelt den Kopf.

„Amir, sind wir bald da?“ Zoe rutscht nervös auf ihrem Sitz hin und her, während sie auf ihrem Smartphone tippt. „Können Sie mal dieses Ding aus der Hand legen? Sie machen mich ganz irre. Wem schreiben Sie denn da permanent? Ihrem Freund?“ – „Das geht Sie gar nichts an!“ Zoes Augen funkeln wütend. „Oh ha!

Da hab ich wohl ein sensibles Thema erwischt, was? Lassen Sie sich sagen, Zoe, Männer mögen keine feministischen Karrierefrauen. So einfach ist das!“ Dr. Mankel packt seine Unterlagen in den Koffer, als die Verkehrsschilder ein baldiges Eintreffen am Flughafen ankündigen. Die Augen der jungen Frau haben sich inzwischen zu Schlitzen verengt „Vielleicht in Ihrer Generation!“ Ihre Stimme überschlägt sich fast. „Na, haben Sie denn einen Freund?“ „JA! – Also, nein! Es ist kompliziert!“ Der Anzug schüttelt verständnislos den Kopf. „Was ist denn nur mit Ihrer Generation los? Sie haben tausend Möglichkeiten, privat und jobtechnisch und trotzdem kriegen sie nichts gebacken. Wir wären damals froh gewesen, so viel Auswahl zu haben!“ Bevor Zoe antworten kann, lehnt sich Dr. Mankel nach vorne: „Amir, können Sie eben noch auf den Nachrichtenkanal schalten? Ich muss wissen, was die Börse macht!“ Die fremdländischen Melodien aus den Lautsprechern werden prompt von einer sachlichen Nachrichtenstimme unterbrochen: „… Der NASDAQ ist wieder auf Rekordkurs und klettert auf 5143 Punkte, der Dax hingegen fällt auf 10932 Zähler. Weitere Nachrichten in der Übersicht. Wieder Luftanschläge auf das syrische Damaskus. Bei den Angriffen wurden gro- ße Teile der hiesigen Universität zerstört. Behörden zufolge sind dabei mindestens 200 Menschen getötet worden.“ “ Amir dreht das Radio stumm. Stille breitet sich im Taxi aus, während das Auto vor den Eingang des Flughafens rollt. „Amir!“, flüstert Zoe, „ist das nicht die Universität …“ Amir antwortet nicht. Aus seinem Gesicht ist sämtliche Farbe gewichen. „Wir sind da!“, meint er mit leiser, tonloser Stimme und bringt das Taxi zum Stehen.

Laura Goudkamp

(2015, Motto: Sind wir bald da?), geboren 1991, ist halbe Niederländerin und halbe Bayerin, hat nach ihrem Politikstudium in München den nächsten Easyjet-Flieger genommen, um ihren Master in European Politics in London zu machen. Inspiriert von internationalen Einflüssen und britischem Humor beschäftigen sie – auch literarisch – Europa und die EU, Feminismus, Dinge im Netz und diese ominöse Generation Y, von der alle reden.

Julia Jung

Sind wir bald da?

„Sind wir bald da?” Lissy rutschte unruhig auf ihrem Sitz herum. Über vier Stunden saß sie jetzt schon im Auto und sie wollte endlich aussteigen.

„Wir fahren zu Oma”, hatte ihre Mutter gesagt. Lissy mochte Omas Haus. Es lag mitten im Grünen und hatte sogar einen Pool. Doch Lissy durfte nur darin schwimmen, wenn ihr Bruder Anton auf sie aufpasste. Anton kümmerte sich in letzter Zeit nicht mehr so viel um sie wie früher, hatte immer mehr mit seinen Freunden zu tun. Aber Lissy hoffte, dass er bei Oma mehr Zeit für sie hatte. Sie freute sich schon auf die Karotten, die sie sich aus dem Garten klauen durfte, und auf Omas Käsekuchen. Der war lecker. Und auf Tom freute sie sich auch schon. Tom wohnte im Haus neben Oma und Tom war nett. Wenn sie nur bald da wären.

„Ich muss aufs Klo”, sagte Lissy, doch ihre Eltern reagierten nicht. Schon seit einer Weile hatten sie keinen Ton von sich gegeben. Wahrscheinlich waren sie noch sauer auf sie, weil sie vorher so laut geschrien hatte, als der kleine Hase die Fahrbahn kreuzte. Aber langsam musste Lissy wirklich dringend aufs Klo. Drau- ßen war es dunkel, viel zu dunkel um etwas zu erkennen und die Landschaft veränderte sich nicht.

Luke starrte starr auf die Straße vor ihm, während Mark neben ihm von der Party gestern erzählte: „Und diese eine Blonde, die sah echt klasse aus …” Anscheinend waren sämtliche Sanitäter auf dieser Party gewesen, nur Luke nicht. Er hatte die Zeit lieber mit seiner Freundin verbracht, als einem sinnlosen Besäufnis beizuwohnen. Er mochte Mark, auch wenn dieser manchmal eine Nervensäge war und er manchmal das Gefühl hatte, dass Mark den Sanitäterberuf nur ergriffen hatte, um seine makabere Seite auszuleben. Im Moment allerdings hätte er lieber seine Ruhe gehabt. Es gab so viele Dinge, über die er nachdenken musste. Franzi hatte ihm heute mitgeteilt, dass sie schwanger war. Er hatte sie jubelnd umarmt und erst dann gemerkt, dass sie viel zu ruhig war. Und dann hatte er seinen Irrtum erkannt. Es war nicht sein Kind, das in ihrem Bauch heranwuchs. Es war das Kind des Anderen. Des Mannes, dessen Namen Luke nie wieder hören wollte.

„Ich freu mich, wenn du wiederkommst”, hatte Tom ihr beim letzten Mal zum Abschied gesagt. Und als Mama und Papa nicht hingeschaut hatten, hatte er ihr ein kleines Küsschen auf die Wange gegeben. Und Lissy war ein bisschen rot geworden. Ihr Bruder hatte sie die ganze Heimfahrt lang damit aufgezogen. Sie hatte Anton die Zunge rausgestreckt und ihm gesagt, dass das gar nichts war, dass ihr das egal war. Aber das stimmte nicht. Die anderen Jungen in der Grundschule hänselten sie immer, weil sie ein bisschen kleiner war als alle anderen, aber Tom hatte das nicht gestört. Er war immer nett zu ihr gewesen, hatte ihr seine Lieblingsecken und Orte gezeigt und Blumen mit ihr gepflückt. Doch es schien nicht so, als würden sie bald ankommen.

Lukes Finger krampften sich um das Lenkrad. Er hasste diesen Mann. Den Mann, der ihre zweiwöchige Trennung für ein Stelldichein mit Franzi missbraucht hatte, ihren betrunkenen Zustand ausgenutzt hatte. Franzi hatte er verziehen, doch ihm würde er es nie verzeihen können. Und jetzt bekam Franzi sein Kind.

Luke schaute auf die Uhr. Viertel vor 10. Sie hatten heute ein paar kleinere Standardeinsätze gehabt und waren auf dem Weg zurück in die Klinik. Es hatte keine Schwerverletzten gegeben, was Luke ganz recht gewesen war. Er war heute nicht wirklich bei der Sache gewesen, immer wieder waren ihm Franzi und ihr Baby durch den Kopf gegangen.