5,99 €
Die Mauer war gefallen, und ein neues, geeintes Deutschland sollte entstehen. Endlich Freiheit, Wohlstand und Demokratie für alle Deutschen! Doch bald schon wich die Freude der Ernüchterung: Arbeitslosigkeit und Unsicherheit holten die Menschen ein. Deutschland vereinigt, aber doch gespalten – wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich. Im Herbst 2020 liegt die Wiedervereinigung 30 Jahre zurück. Aus diesem Anlass hat Freya Klier, die aktiv und maßgeblich an der Widerstandsbewegung gegen das Regime innerhalb der DDR beteiligt war, Zeitzeugen dazu eingeladen, sich an die Wende mit ihrer Euphorie und an die Entwicklungen danach zu erinnern. Umbruchzeiten: Zwischen einem vergangenen Gestern und einem unbekannten Morgen befindet sich ein ganzes Volk in einem Ausnahmezustand, schwankend zwischen Angst und Euphorie. 1990 ist die friedliche Revolution gelungen, die Mauer ist gefallen. Doch was kommt nun? Vom Dissidenten und Widerstandskämpfer, vom einfachen Arbeiter bis zum Journalisten oder Politiker: Zeitzeugen aus Ost- und Westdeutschland erinnern sich an eine bewegt Zeit des Umbruchs und daran, was folgen sollte. Dabei steht eine Frage im Hintergrund: Ist die Wiedervereinigung gelungen, oder sind wir immer noch auf dem Weg, an dessen Ende das zusammen kommt, was zusammen gehört? Mit Beiträgen von Jörg B. Bilke, Heidi Bohley, Helga Druxes, Andreas Dürr, Monika Fabricius, Gesine Keller, Freya Klier, Stephan Krawczyk, Editha Krummreich, Reiner Kunze, Norbert Lammert, Doris Liebermann, Katharina Oguntoye, Norbert F. Pötzl, Friedhelm Schülke, Rainer Seidel, Peter Tauber, Lothar Tautz, Wolfgang Thierse und Herbert Wagner.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2020
Freya Klier (Hg.)
Wir sind ein Volk! – Oder?
Die Deutschen und die deutsche Einheit
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2020
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlagkonzeption: Verlag Herder
Umschlagmotiv: © Reiner Jensen / dpa picture alliance
E-Book-Konvertierung: Daniel Förster, Belgern
ISBN E-Book 978-3-451-82126-4
ISBN Print 978-3-451-38837-8
Mein 11. Gebot: Du sollst dich erinnern!
Freya Klier
1. TeilDas Ausatmen beginnt
Wo das Manuskript lag
Reiner Kunze
Sehnsuchtsland Thüringen, Schreckensort Waldheim
Jörg Bernhard Bilke
Woher kam der Mut?
Heidi Bohley
Vier Jahre Angst – ein Erfahrungsbericht
Andreas Dürr
Prager Begegnungen
Doris Liebermann
2. TeilErstes Kennenlernen
Die Mauer
Reiner Kunze
Neugierig auf die deutsche Einheit
Peter Tauber
Ich hatte wieder eine Aufgabe
Editha Krummreich
Die Berührungsängste der Familie am Nebentisch
Helga Druxes
Werkzeuge nach Erfurt
Gesine Keller
Ein Spitzel muss auch mal Mitleid haben
Stephan Krawczyk
Durchs Brandenburger Tor
Lothar Tautz
Vor dem Dresdner Rathaus flogen Feuerwerkskörper
Herbert Wagner
Die Ostdeutschen waren auch damals nicht einer Meinung
Wolfgang Thierse
3. TeilDie Teilung überwinden heißt teilen lernen
3. Oktober 1990
Reiner Kunze
Die Treuhand als Sündenbock
Norbert F. Pötzl
Am Zonenrand
Monika Fabricius
Meine kleine West-Ost-Geschichte
Rainer Seidel
Die Spitzmaulnashörner
Friedhelm Schülke
1990 – Eindrücke einer Afrodeutschen
Katharina Oguntoye
Auferstanden aus Ruinen: Einigkeit. Und Recht. Und Freiheit.
Norbert Lammert
Wer erinnert sich noch an 1990 – jetzt, im 30. Jahr der Wiedervereinigung? An die Jahrzehnte, die gerade hinter uns liegen, an vierzig Jahre Diktatur?
Noch zu Jahresbeginn versuchten DDR-Liebhaber, »den Westen« lautstark für alles verantwortlich zu machen, was im Osten nach dem Mauerfall nicht rundlief, als plötzlich ein berüchtigtes Virus die Welt in die Zange nahm, auch Deutschland. Es wurde ruhig, der Lockdown griff. Ein Riesenhilfspaket wurde geschnürt – das teuerste in der Geschichte des Bundestages, wie wir hörten. Fast jeden Tag gab es Superlative, die Schwarze Null war rasch Geschichte. Die Olympischen Spiele von 2020 wurden kurzerhand auf 2021 verlegt. Und als wäre das noch nichts, wurde das Virus zur Covid-19-Pandemie, und ein europäisches Eislaufstadion musste zum Leichenschauhaus umfunktioniert werden. Die Zahl der Toten stieg rasant, nun schon weltweit.
Herdenimmunität. Rettungspakete für Menschen, die plötzlich kein Einkommen hatten. Andere arbeiteten sich halb tot und kriegten den Beifall der Nation. Fast 10 000 Reservisten meldeten sich bei der Bundeswehr, um zu helfen – Unterstützung im Sanitätsbereich, bei der Logistik.
Wir alle – Junge und Alte – haben völlig neue Erfahrungen gesammelt. Wir haben uns kennengelernt, in einer Ausnahmesituation. Und irgendwie lief es bisher ziemlich gut. Ist es das, warum ich so gerne in Deutschland lebe?
Anfangs erging es mir wie in Shakespeares »Sommernachtstraum« – nur andersherum: Statt des Ausbruchs wilder Leidenschaft wurde ich über Nacht minimalistisch. Mein erster Gefängnisaufenthalt fiel mir ein: Als ich 18 Jahre alt war, fand ich mich nach einem missglückten Fluchtversuch in einer Zelle wieder, in der gar nichts mehr war – kein Mensch, kein Buch, kein Blick nach draußen, keine Uhr, kein Stift, kein Blatt Papier. Statt einer Toilette nur noch ein Blechkübel … Und keine Klinke mehr. So ging es wohl einigen Hunderttausenden, die zuvor in einem DDR-Gefängnis saßen. Dagegen war jetzt auch der strengste Lockdown der blanke Luxus. Und als man sah, wie die Flüsse plötzlich sauberer wurden, machte sich gar ein gutes Gefühl breit.
Irgendwann eröffnete ein jüdischer Fotograf eine Ausstellung, ohne physische Zuschauer. Zu sehen waren die Portraits jener Menschen, die am Jom-Kippur-Tag in der Synagoge in Halle saßen, als ein Rechtsextremer versuchte, die Tür aufzuschießen. Die Zeit vor Corona kam plötzlich massiv in meine Erinnerung.
Noch im Januar 2020 schien die Welt in Ordnung. Bundespräsident Walter Steinmeier traf sich mit Bürgerrechtlern und ausgewählten Schülern, um den 30. Jahrestag der Stürmung der Stasi-Zentrale in Berlin zu begehen.
So kam die Geschichte nach dem Mauerfall wieder hoch. »Du sollst dich erinnern«, heißt mein 11. Gebot. Und ich habe immer wieder guten Grund, ihm zu folgen. Wie begann zum Beispiel das Jahr 1990, wie kam es zur Währungsunion und dann vor dreißig Jahren zur deutschen Einheit?
In Berlin waren es Hunderttausende aus Ost und West, die gemeinsam den Jahreswechsel 1989/90 am Brandenburger Tor feierten – dort, wo zuvor noch der Todesstreifen verlief. Doch geriet der Wahnsinn rasch außer Kontrolle: In schwindelerregender Höhe turnten Feiernde auf der Quadriga. Dann stürzte ein Gerüst ein: 300 Verletzte, ein Toter. Trotz der Tragödie aber ging das Feiern weiter … War das ein Omen? Auf den Straßen ging es längst um die Einheit Deutschlands. Über den Runden Tischen aber schwebte eher die Drohung als die Verheißung.
Aus dem Osten flohen jetzt Familien mit Koffer und Kind; die West-Berliner Turnhallen waren voll mit Flüchtlingen. Die tolle Stimmung des Mauerfalls war irgendwie weg. »Das Beste an der DDR ist ihr Ende«, befand ich 1990 beschwörend, doch das sahen etliche Agierende nicht so.
Was aber sollte es anderes geben als eine Vereinigung, was war die Alternative? Allein der ostdeutsche Verwaltungsapparat war 1990 fast hundertprozentig mit Personen besetzt, die sich durch eine besondere Nähe zum SED-Regime ausgezeichnet hatten. Zudem nutzte die Regierung Modrow den entstehenden Personalbedarf geschickt, um ein ganzes Heer zuverlässiger Genossen und Genossinnen auf einer der zentralsten Drehscheiben einer Gesellschaft zu platzieren: Mit Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit wurden hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter nicht nur zügig in Schulen, sondern auch auf Arbeitsämter umgesetzt. Der Schaden, den sie dem Land nach dem Mauerfall zufügten, ist bis heute nicht wirklich erfasst. Bei der ersten breiten Überprüfung im Jahr 1995 stellte sich heraus, dass von 38 ostdeutschen Arbeitsamtsdirektoren 28 stasibelastet waren.
Im Januar 1990 fand der 1. DDR/BRD–Studentenkongress statt – zunächst in Düsseldorf, Mitte Februar dann in Leipzig. Das Motto: »Wider die Vereinigung – unser Haus heißt Europa«. Die Studenten aus dem Osten beeindruckte in Düsseldorf am meisten, dass hier überall Kopierer herumstanden. Ansonsten war die Veranstaltung an Peinlichkeit und Unwissen schwer zu überbieten: Die Ost-Studenten – besonders seit dem Mauerbau ausgewählt nach politischer Bravheit – orientieren sich nicht an den großen Leipziger Demos im Herbst 1989, sondern an einer sowjetisch gestalteten Großdemonstration in Berlin mit dem zweithöchsten Generaloberst der Staatssicherheit Markus Wolf an der Spitze. Die anwesenden West-Studenten wiederum konnten überhaupt nur ihr demokratisches System denken, nicht aber eine Diktatur. So viel Blabla hatte man von Studenten des ausgehenden 20. Jahrhunderts nicht erwartet …
Doch insgesamt waren sie einander fremd – die Rhein- & Ruhr-Deutschen und die Oder- & Elbe-Deutschen. Ich schrieb im Februar 1990: »Menschen stehen einander gegenüber, die sich kaum kennen und doch gegenseitig beteuern, es solle nun zusammenwachsen, was zusammengehört. Sie besinnen sich darauf, ein Volk zu sein, verweisen auf ihre Verwandtschaft, auf eine fernere, doch gemeinsame Vergangenheit, die gleiche Sprache. Doch schon im Akt des Wiedererkennens spüren sie auch das Fremde, das zwischen ihnen steht.«
Die führenden Genossen gründen GmbHs und schaffen beiseite, worüber sie im Frühjahr 1990 noch die Macht haben. Als klar wird, es werde zur deutschen Einheit kommen, wird DDR-Geld massenhaft nach Moskau umgeschaufelt – das kann man dann Ende Juni prima umrubeln, wenn es zur absehbaren Währungsunion kommt.
Straßen, Plätze und Schulen werden teilweise umbenannt: Der Leipziger Karl-Marx-Platz wird wieder zum Augustusplatz; den Rotstift her für Thälmann-, Pieck- und Leninstraße. Nicht überall natürlich. Dort, wo die Genossen noch an der Macht sind – im neuen Gewand – bleibt alles beim Alten … Auch die Fluchtwelle Richtung Westen bleibt, und die verschärft das Arbeitskräfteproblem im Osten dramatisch. Und keineswegs alle kriegen im Westen jetzt eine »Buschzulage«, weil man sie loswerden will.
Eine Geschichte habe ich persönlich mitverfolgt, eine signifikante: So wird Prof. Dr. Werner Mendling, ein Wuppertaler Gynäkologe und angesehener Oberarzt, vom Osten aus gebeten, die frei werdende Stelle des Chefarztes in Frankfurt/Oder zu übernehmen. Der Chefarzt geht in Pension und redet ihm freundlich zu. Also zieht Gynäkologe Mendling voller Pioniergeist mit Frau und Sohn nach Frankfurt/Oder. Die ehemalige Bezirksstadt der DDR war der Standort einer SED-Parteischule, eines Armeesportklubs, einer Zentrale des DDR-Leistungssports und der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit. Die Mendlings kaufen ein Siedlungshaus aus der Nachkriegszeit, unterstützen die Kultur der Stadt und sind mit ihren Nachbarn, einem Ingenieursehepaar aus der DDR, schon bald befreundet.
Nein, Chefarzt Prof. Dr. Mendling kehrt nicht den eitlen Wessi heraus. Doch bringt er einen Hauch von Weltläufigkeit an die polnische Grenze. Er zieht einen großen Medizinerkongress an Land, für den sich auch Berlin beworben hat. Ärzte und Wissenschaftler aus aller Welt treffen in Frankfurt/Oder ein, 110 Vorträge sind anberaumt. Das kulturelle Rahmenprogramm dafür stellt das Ehepaar selbst auf die Beine; die Gäste lernen Schloss Neuhardenberg kennen und andere preußische Güter samt zugehöriger Geschichte. Die Ärzte schwärmen sehr nach ihrer Abreise, Mendlings aber stellen ihr kulturelles Rahmenprogramm und damit ihre monatelange Vorarbeit dem Kulturamt der Stadt und dem Tourismusamt zur Verfügung, die selbst nicht viel auf die Beine stellen. Und deren Reaktion? Eine schmallippige Eingangsbestätigung, sonst nichts.
Auch die Nadelstiche der Genossen nehmen zu: Irgendwann muss sich der Chefarzt vor dem obersten Klinikdirektor (der übrigens einige Jahre später als Stasi-Mitarbeiter enttarnt wird), dem Verwaltungschef und der DDR-Justitiarin dafür rechtfertigen, dass er sich über den Ausleihzettel eines Fachbuches mokiert hat, auf dem 1996 noch immer »Staatsbibliothek der DDR« steht …
Ganz schlimm wird es, als die Frau des Arztes ein Buch über ihre Erlebnisse in der Stadt schreibt. Plötzlich kursieren in der Gynäkologischen Klinik anonyme Briefe. Zettel liegen im OP-Saal herum mit Texten wie: »Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum.«
Längst spürt der Arzt aus Wuppertal, was DDR bedeutet, wieso fast vier Millionen Bürger aus dieser Zwangswelt geflohen sind. Vielleicht hätten der Arzt und seine Frau standgehalten, doch da ist noch die sozialistische Sippenhaft: Ihr zwölfjähriger Sohn wird plötzlich demonstrativ schlecht benotet. Es häufen sich die Schikanen durch DDR-geprägte Pädagogen. Und als am Schuljahresende den Schülern die neuen Klassenfotos überreicht werden, bekommt ein einziges Kind der Klasse kein Foto – der Sohn des Arztes aus Wuppertal. Den weinenden Jungen im Arm, entscheiden die Eltern: »Schluss – hier können wir nicht bleiben …«
Der Eklat schwappt weit über die Stadtgrenzen. Das ARD-Magazin »Kontraste« sendet einen Beitrag unter dem Titel »Wessi-Mobbing in Frankfurt/Oder«. Nun schreiben mehrere Ärzte aus Brandenburg den Verfemten: »Wir wissen, wie die DDR tickte, wie viel davon noch da ist. Deshalb, liebe Frau Mendling, lieber Herr Mendling – bitte bleiben Sie bei uns. Wir brauchen Sie – bitte verlassen Sie uns nicht!«
Doch die Familie geht nach Berlin – dort wird Prof. Dr. Werner Mendling über die Jahre zwei Gynäkologische Kliniken als Chefarzt leiten – eine liegt im Osten und eine im Westen. Und beide findet er vonseiten des Personals gleich gut.
Wie lange halten sich Verhaltensmuster einer Diktatur nach derem Zusammenbruch? Welche Erinnerungen gibt es? Und könnte es sein, dass an den Prägungen der Diktatur, auch den eigenen Lebenslügen, selbst dreißig Jahre Demokratie nicht zu rütteln vermögen?
19 Autorinnen und Autoren stellen sich in unserem Buch diesen Fragen. Ost und West mischen sich, und manch einer kannte schon vor dem Mauerfall beide Seiten recht gut: Ein Journalist und Buchautor hat akribisch die Tätigkeit der Treuhandanstalt erforscht – und kommt zu anderen Ergebnissen als die lauten DDR-Fans. Eine bei Leipzig geborene Frau mit dunkler Hautfarbe fühlte sich beim Jubel des Mauerfalls ebenso wenig gemeint wie die West-Berliner Türken. Zwei hochrangige, aus Ost und West stammende Mitgestalter der deutschen Einheit kommen ebenso zu Wort wie zwei aussagekräftige Lehrer. Und wie gingen die einst Vertriebenen mit der Einheit um?
»Den Mauerfall fanden wir toll!«, meint eine Stuttgarter Theaterfrau: »Wir starteten mit den Kirchen im Osten unsere erste Tournee drüben …« Einen berühmten Dichter hatte es zuvor schon von drüben nach Bayern verschlagen – die Literatur fand immer ihren Weg über die Grenze. Die älteste Autorin beschreibt, wie sie sich betrank, als sie 1990 den Blauen Brief erhielt, plötzlich aber noch einmal durchstartete. Der jüngste Autor, 1989 ein Abiturient aus Hessen, der direkt an der innerdeutschen Grenze lebte, sah nur einen Weg, den Osten zu retten – die Wiedervereinigung und vor allem einen großen Akteur: Helmut Kohl.
Der 17. Juni spielt bei einer Autorin eine Rolle, die Wendehälse, die Angst vor den Russen. Ein anderer sieht sich als Versöhner – hat extra Russisch und auch Polnisch gelernt und fährt oft nach Königsberg.
Ein Pfarrer aus Sachsen-Anhalt wird 1990 Moderator am Runden Tisch. Ein langjähriger Oberbürgermeister schreibt in diesem Buch mit und ein bekannter Liedermacher. Eine Juristin entdeckt das fremde Land DDR und eine Schülerin aus Wuppertal die Vergangenheit ihrer Eltern… Jener Literaturwissenschaftler aus Franken, der 1961 in einem DDR-Gefängnis verschwand, war nur einen Grenzzaun von jener Osteuropa-Expertin entfernt, die im Buch die tschechischen Dissidenten noch einmal vorstellt.
Und alle lässt das Thema nicht los: »Wir sind ein Volk! – Oder?«
Wie viele Ausrufezeichen … wie viele Fragezeichen.
Freya Klier, geboren 1950 in Dresden. Autorin, Schauspielerin, Theaterregisseurin, Dokumentarfilmerin, Bürgerrechtlerin. 1980 war sie Mitbegründerin der DDR-Friedensbewegung, 1968 erstmalige, 1988 erneute Verhaftung und Ausbürgerung. Ausgezeichnet u. a. mit dem Bundesverdienstkreuz (2012) und dem Franz-Werfel-Menschenrechtspreis (2016). 2020 erhielt Freya Klier den Karl-Wilhelm-Fricke-Hauptpreis der Bundesstiftung Aufarbeitung. Zahlreiche Publikationen.
Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik, Akte Nr. X/514/68, Kunze, Reiner …, Schriftsteller. 17.03.1976: Was ist bekannt über die Aufbewahrung des Manuskriptes?
Unter den feldsteinen lag es
der alten wäschemangel
im ausgedinge der bäuerin
Frieda D. in L.
Sicher vor
dem falschen brandschutzbeauftragten,
dem falschen prüfer der erdleitung,
dem falschen freund
Eingedenk
der mutter, die, als ich ein kind war,
nach der großen wäsche
in der mangelstube
die schweren hölzernen walzen schleppte und,
beide hände am griff des riesigen eisenrades,
die mangel
in bewegung setzte
für die bewohnbarkeit der welt
Reiner Kunze, Dr. phil. h. c., geboren 1933 in Oelsnitz/Erzgebirge, Bergarbeitersohn. 1951 bis 1955 Studium der Philosophie und Journalistik an der Universität Leipzig. Aus politischen Gründen Abbruch der Universitätslaufbahn, Arbeit als Hilfsschlosser. Seit 1962 freiberuflicher Schriftsteller. 1976 Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR, ein Jahr später Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland. Zahlreiche Auszeichnungen. 2006 Gründung der Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung. Etliche Bücher und Literaturpreise. Reiner Kunzes Lyrik und Prosa wurden bisher in dreißig Sprachen übersetzt.
Vom Marktplatz der Stadt Rodach in Oberfranken, in der ich aufgewachsen bin, führten bis 1945 zwei Straßen nach Thüringen, nach Heldburg und nach Hildburghausen. Während des Kriegs bin ich mit meiner Mutter auf dem Fahrrad mehrmals im Heldburger Unterland unterwegs gewesen. Einmal sind wir auch mit dem Pferdewagen zum Straufhain, einer Burgruine bei Seidingstadt, gefahren. In dieser fröhlichen Runde hätte sich damals, im Sommer 1942, als ich fünf Jahre alt war, niemand vorstellen können, dass solche Reisen drei Jahre später nicht mehr stattfinden würden. Deutschland hatte 1945 den Krieg verloren, Rodach lag nun in der amerikanischen Besatzungszone, der Straufhain in der russischen. Dazwischen wuchs jetzt eine Grenze, die uns fremd war und die mit den Jahren dichter und dichter wurde.
Die beiden Straßen, die von Rodach nach Thüringen führten, endeten nun im Nichts! Auf der Heldburger Straße, wo der Rodacher Stadtwald endete, war ein Schlagbaum errichtet worden. Daneben lagen zwei von Moos überwachsene Grenzsteine, die dem Besucher anzeigten, dass hier das Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha aufhörte und das Herzogtum Sachsen-Meiningen anfing. Auf der Thüringer Seite sah man die Veste Heldburg liegen, eine Nebenburg der Meininger Herzöge. Die Hildburghäuser Straße aber war auf dem letzten Kilometer zur Grenze von Gras, Unkraut und kleinen Sträuchern überwuchert, da sie nicht mehr befahren wurde. Auch hier gab es einen Schlagbaum, wo ich immer hilflos stand und hinüberstarrte nach Adelhausen. Die Leute auf der anderen Seite konnte man jetzt nur noch aus der Ferne beobachten, wie sie aus ihren Häusern traten, die Straße überquerten und in anderen Häusern verschwanden. Rauch stieg aus den Schornsteinen, Hunde bellten irgendwo in den Gehöften, sprechen konnten wir mit den Thüringern nicht mehr. Wenn wir winkten, winkten sie nicht zurück, das war ihnen verboten worden, denn wir waren der »Klassenfeind«, sie dagegen gehörten zur »sozialistischen Staatengemeinschaft«, die von Eisenach bis Wladiwostok am Pazifik reichte.
Nach dem Krieg, als Thüringen nicht mehr erreichbar war, begannen wir uns einzurichten in unserem Rodach, das nunmehr auf drei Seiten von der innerdeutschen Grenze umgeben war, nur die Landstraße und die Zugverbindung nach Coburg waren offen. Die Grenze verwuchs mit unserem Leben, als hätte es sie schon immer gegeben. Ungläubig lauschten wir den Erzählungen der Erwachsenen, dass sie nach Meiningen und Rudolstadt ins Theater gefahren waren. Wann sollte denn das gewesen sein? Für uns dagegen war Rodach die »Stadt im toten Winkel«, wie unser Bürgermeister das nannte. Fuhren wir zufällig nach Nürnberg oder Würzburg, dann merkten wir, dass es jenseits von Rodach ein freieres Leben gab, das nicht von Schlagbäumen verstellt war.
Gewarnt wurden wir Kinder auch davor, in die Grenzwälder zu ziehen. Der Reith, der drei Kilometer von unserem Haus entfernt lag, sollte äußerst gefährlich sein, von dort sollten wir fernbleiben! Dort gebe es nur Russen und Wölfe, und auf neugierige Kinder würde sofort geschossen! Die Erwachsenen, das spürten wir, hatten Angst, wir nicht. Wir stießen vor zur geheimnisumwitterten Waldwiese und darüber hinaus bis zu jenem Zaun, hinter dem Thüringen lag. Wölfe haben wir nicht gesehen, Russen auch nicht.
Manchmal sprachen die Erwachsenen auch über schreckliche Zwischenfälle, leise und verstohlen, weil das nicht für Kinderohren bestimmt war. Da hatte sich, noch vor dem Mauerbau 1961, ein früherer Bewohner des Dorfes Holzhausen in Thüringen, der nach Rodach geflohen war, im Stadtwald erhängt. Vom Waldrand aus hatte er sein Dorf sehen können, zugleich aber hatte er gewusst, dass er nie wieder dorthin zurückkehren konnte. Und ein Rodacher Kommunist, der immer vom DDR-Sozialismus, den er nicht kannte, geschwärmt hatte, war nach 1961 den umgekehrten Weg gegangen und in den »Arbeiter- und Bauernstaat« übergesiedelt, was er bitter bereuen sollte. Berlin-Reisende aus Rodach erzählten, sie hätten ihn Jahre später zufällig in Ostberlin getroffen: Er habe nur noch geweint!
Jahre später, als ich Oberschüler in Coburg war, kam ich doch noch auf die andere Seite der innerdeutschen Grenze. Ich besuchte in den Sommerferien 1954 und 1955 meinen Onkel, der bei Meiningen Landarzt war. Er hatte zwei Söhne, die auch Ärzte werden wollten. Der ältere hatte 1954 gerade Abitur gemacht, durfte aber als Sohn bürgerlicher Eltern an keiner DDR-Universität studieren. Da mein Onkel diese Entscheidung nicht akzeptierte, suchte er mit seinen beiden Söhnen und mir alle sechs DDR-Universitäten wegen des verweigerten Studienplatzes auf – vergeblich! Immerhin machte ich 1954 eine DDR-Rundreise, was ich eigentlich nicht gedurft hätte, denn meine Aufenthaltserlaubnis galt nur für den Landkreis Meiningen. Mit dem jüngeren Sohn fuhr ich 1955 nach Eisenach auf die Wartburg, die ich erst 1990 wieder betreten sollte. Er wurde 1956 als überzeugter Jungsozialist zum Medizinstudium zugelassen und bekam später eine Professur in Dresden.
Im Sommersemester 1958 nahm ich ein Studium der Literaturwissenschaft an der Freien Universität in Berlin-Dahlem auf. Dort waren auch DDR-Studenten immatrikuliert, die entweder als »Republikflüchtlinge« nach West-Berlin gekommen waren oder solche, die noch immer in Ost-Berlin und den Randgebieten der Stadt wohnten und täglich zum Studium nach West-Berlin fuhren. Erstaunlicherweise gab es an der Freien Universität auch Vorlesungen und Seminare über die DDR-Staatsreligion Marxismus-Leninismus, um über das Gesellschaftssystem, von dem West-Berlin umgeben war, aufzuklären.
In den Semesterferien 1959 fuhr ich mit meinem Moped nach Nienburg in Niedersachsen, wo wir, eine Gruppe von Studenten, im Auftrag des Landesmuseums Hannover ein germanisches Gräberfeld aus der Völkerwanderungszeit freilegten. Nach acht Wochen Grabungsarbeit fuhr ich für zehn Tage nach Leipzig, um meine Tante zu besuchen, die als Bibliothekarin an der Deutschen Bücherei arbeitete. Einige Wochen zuvor hatte ich vom Schicksal des Leipziger Schriftstellers Erich Loest erfahren, der wegen »konterrevolutionärer Gruppenbildung« zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Deshalb wollte ich mir in der Deutschen Bücherei drei seiner frühen Romane ausleihen, bekam sie aber nicht ausgehändigt, da ihr Verfasser »Verbrechen« gegen den sozialistischen Staat begangen habe, wie mir gesagt wurde. Das erzählte ich verärgert meiner Tante, die mir vorschlug, doch einfach seine Ehefrau Annelies Loest aufzusuchen, die in der Oststraße nur zwei Häuser weiter wohnte. An einem verregneten Oktoberabend schlich ich ins übernächste Haus, klingelte im ersten Stock, wurde freundlich empfangen und durfte die drei erbetenen Romane mitnehmen. Von Helmstedt aus, wo mein Moped untergestellt war, fuhr ich dann die Autobahn zurück nach West-Berlin. Die drei Bücher schickte ich im Dezember 1959 von einem Ostberliner Postamt zurück nach Leipzig, mit fingiertem Absender. Ich wollte Annelies Loest Unannehmlichkeiten ersparen. Dass dieser harmlose Besuch der erste Schritt zu meiner Verhaftung 1961 war, hätte ich mir damals nicht vorstellen können.
Im November 1959 zog ich ins Studentendorf Berlin-Schlachtensee. Auch von dort aus fuhr ich jeden Samstagmorgen nach Ost-Berlin, um Bücher zu kaufen. Inzwischen hatte ich auch eine DDR-Studentin kennengelernt, die Philosophie, also Marxismus-Leninismus, studierte und in Leipzig noch Vorlesungen bei Ernst Bloch gehört hatte, bevor er 1957 zwangsemeritiert wurde und die Karl-Marx-Universität nicht mehr betreten durfte. Sie war begeistert von seiner Philosophie und empfahl mir dringend, sein dreibändiges Hauptwerk »Das Prinzip Hoffnung« zu lesen. Über Elisabeth bekam ich auch Beziehungen zu anderen Ost-Berliner Studenten, als sich im Sommersemester 1960 der Würzburger Geschichtsprofessor Rudolf Buchner bei mir meldete. Er komme in einigen Tagen mit seinen Studenten nach Berlin, ob ich ihnen nicht eine Diskussionsrunde mit DDR-Studenten vermitteln könne. Das gelang, wir diskutierten drei Stunden in meinem Zimmer im Studentendorf über Gegenwart und Zukunft beider deutscher Staaten. Die Ost-Berliner kamen noch dreimal, dann verließ ich Berlin und setzte mein Studium im November 1960 in Mainz fort.
