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Der erste Teil dieses Buches dokumentiert, wie die Internationale Ärztegesellschaft für Echte Psychotherapie und Alternative Psychiatrie Avanti mit Angriffen gegen ihren therapeutischen Ansatz vonseiten der offiziellen Gilde umgeht. Der zweite Teil zeigt, wie Medien diese Bilder aufgreifen und ausschlachten. Briefe konfrontieren die Bilder und Projektionen des Journalisten Hugo Stamm mit der Wirklichkeit. Empört, nüchtern und anmutig bilden die unterschiedlichen Stimmen und Tonlagen gleichsam das Porträt einer lebendigen Gemeinschaft.
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Seitenzahl: 221
Veröffentlichungsjahr: 2019
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„Wer das Tabu übertritt, wird selbst tabu.“
Sigmund Freud in „Totem und Tabu“, 1913
Vorwort
Zusammen leben – Informationen zur Kirschblütengemeinschaft
Kontroversen I ... mit Fachgesellschaften und anderen Institutionen
Echte Psychotherapie
Zwei unterschiedliche Haltungen im Umgang mit dem Inzesttabu in der Psychotherapie
Eine Chronik des Nicht-Verstehens
„Ich bin wohl immer wieder sehr naiv!“
Kontroversen II ... mit einem Journalisten
Neue Lebenswelten und ihre Widersacher – Betrachtungen zum Sektenvorwurf
Artikel am 22. April 2019 auf watson.ch
Dialoge und Kommentare
Der Impuls zu diesem Buch
Artikel am 12. Dezember 2015 im Tages-Anzeiger
Dialoge und Kommentare
Liebe Blüten
Begriffserklärungen zum Inzesttabu
Schlussgedanken
Literaturliste
Karin Engelkamp
Vor einiger Zeit traf ich nach dreissig1 Jahren eine alte Schulfreundin aus Deutschland wieder. Was für eine Freude! Wir sprachen über alte Zeiten und wie es uns inzwischen ergangen ist. Es war schön zu entdecken, dass sie noch immer ihren offenen Geist hat, interessiert ist an Neuem, an Unbekanntem.
Ich erzählte ihr, dass ich 2005 in die Schweiz ausgewandert bin und seitdem in einer Gemeinschaft lebe. „Wie interessant!“, meinte sie und fragte, was wir da denn so zusammen machen. Ich erzählte ihr von unserem Zusammenleben, von offenen Beziehungen und den Herausforderungen, die darin liegen. Ich erzählte ihr von unseren Häusergemeinschaften, Quartieren ohne Zäune, gemeinsamen Gärten, unserem Feld, auf dem wir Gemüse und Obst anpflanzen, von unseren Festen, Kinderwaldtagen, der vielen Musik, die wir machen. Und ich erzählte ihr von der Psycholyse, einer Psychotherapieform, bei der bewusstseinserweiternde Substanzen eingesetzt werden, weil diese, richtig angewendet, grosse Heilkraft haben. Von Tantra erzählte ich ihr, das in unserem Zusammenleben eine grosse Rolle spielt, und dass es bei Tantra um Befreiung geht.
Und schliesslich erzählte ich ihr auch vom Inzesttabu. Dass es dabei um das Tabu geht, in Beziehungen die energetischen Fakten wahrzunehmen. Wir in der Kirschblütengemeinschaft wollen dieses Tabu erforschen und die Reife entwickeln, ohne dieses Tabu miteinander zu leben.
Ganz verstehen konnte sie das nicht, aber sie fand es eine gute Idee, dass sich andere damit befassen.
Diese Reaktion hat mich berührt, sind wir als Gemeinschaft doch mit so vielen Missverständnissen, abwehrenden Reaktionen, mit so viel Gegenwehr konfrontiert, werden gar als Sekte bezeichnet, dabei befassen wir uns gerade vor allem mit der Freiheit, wie man als Mensch selbstverantwortlich sein Leben gestalten kann und gleichzeitig den Rest der Welt nicht aus den Augen verliert.
Jeder Mensch und vor allem jede Gruppe von Menschen, die die Normen der Gesellschaft infrage stellen, wird von dieser erst einmal als bedrohlich empfunden; das ist schon immer und überall so gewesen. Es ist ja auch gut und richtig, genau hinzuschauen, achtsam zu sein. Neue Bewegungen konfrontieren erst einmal wie zum Beispiel aktuell die FridayForFuture-Bewegung, aber fühlt man denn nicht relativ schnell, ob dahinter ein ehrlicher oder ein manipulierender Geist steckt?
Meine Schulfreundin hat sich noch nie mit einem möglichen Tabu rund um Beziehung und Anziehung befasst, aber dank ihres offenen Geistes würdigt sie, dass ich es tue.
Was mir an der Kirschblütengemeinschaft so gut gefällt, ist die Freiheit jedes Einzelnen, sein Leben so zu gestalten, wie er oder sie es möchte. Der Zusammenhalt erwächst aus der Absicht, die aus jedem selbst kommt: lebendig sein, experimentieren, zusammen sein auf der Basis von Freundschaft statt von Vorgaben, Tabus oder Eigeninteressen anderer. Gerade das Sich-nicht-Abgrenzen vom Rest der Welt ist ein wichtiges Kriterium der Kirschblütenbewegung im Gegensatz zu vielen etablierten Gruppierungen wie Vereinen, Parteien, Religionsgemeinschaften bis hin zu Staaten, in die wir Menschen den Planeten, der unser aller Zuhause ist, einteilen.
Wie schön wäre es, sich noch mehr gemeinsam mit intelligenten Leuten den grossen Fragen des Lebens widmen zu können, statt so viel Energie vergeuden zu müssen in der Beschäftigung mit Macht-, Neid- und Autoritätskonflikten, mit bürokratischen Schriftstücken und dem Zwang, sich für etwas verteidigen zu müssen, das gar nicht zu einem gehört.
Karin Engelkamp, im Mai 2019
1Die Rechtschreibung in diesem Buch folgt der schweizerischen Schreibweise ohne ß (Zitate sind jedoch original übernommen).
Wir sind eine noch junge, kinderreiche Gemeinschaft (Gründung ca. 1996/97) von ca. 120 Erwachsenen und fast 100 Kindern und Jugendlichen, die sich vor allem in Nennigkofen, Lüsslingen, Solothurn und Umgebung im Schweizer Mittelland niedergelassen hat. Aber auch weiter entfernt und im Ausland befinden sich Menschen, die mit uns im Herzen verbunden sind.
Wir leben zusammen. Über gemeinsame Mittagstische, musizieren und singen, selbst organisierte Kino- und Tanzabende und über unsere gemeinsame Kinderbetreuung und -erziehung sind wir im alltäglichen Leben miteinander verwoben. Auch gemeinsame Arbeit und verschiedenste Projekte erfüllen unser Dasein.
Selbsterkenntnis, Tantra und echte Gemeinschaft
Das, was uns aber zusammengeführt hat, ist vor allem unser Interesse an der Selbsterkenntnis. Darin und auch in der Freude an der tantrischen Auseinandersetzung haben wir uns um Samuel und Danièle Nicolet Widmer, welche den Kristallisationspunkt für unser Zusammenfinden bilden, versammelt.
Durch die therapeutische Arbeit und Seminartätigkeit von Samuel Widmer und Danièle Widmer Nicolet ist unsere Gemeinschaft eingebettet in ein grosses und weit gestreutes, gemeinschaftsbildendes Feld von hunderten, wenn nicht tausenden von Menschen, in dem sie gleichzeitig das Zentrum bildet. Unsere Verbindung ist deshalb vorwiegend eine innere. Uns alle bewegen die grossen Lebensfragen um Liebe, Nähe, Beziehung, Unverbrüchlichkeit, befreite Sexualität, Erziehung, Glücksfähigkeit und Erleuchtung…Was heisst Mensch-Sein wirklich?
Transzendieren gesellschaftlicher Konditionierungen
Wie lässt es sich würdevoll in einem gemeinschaftlichen Feld leben, in dem Liebe und Mitgefühl nicht an den Grenzen der Paarbeziehung aufhören, sondern sich darüber hinaus weiterentfalten dürfen? Darf die Liebe auch körperlich völlig frei sein?
Oder eine Frage, die gegenwärtig gerade sehr aktuell wird: Wie können wir gerechter mit Geld umgehen? Denn unser Umgang mit Geld ist Ausdruck unserer Beziehung zueinander und bestimmt diese wesentlich mit. Ist es möglich, das Geld zu teilen? Welche innere Haltung ist hierfür notwendig und welche äusseren Voraussetzungen müssen geschaffen werden?
Und vor allem: Welche Konditionierungen, die wir durch Erziehung, Gesellschaft und die bisherige Geschichte der Menschwerdung übernommen haben, gilt es zu transzendieren?
Leben in Gemeinschaft
Über solche Fragen stehen wir täglich miteinander in Beziehung. Die Antworten darauf können nur gelebt werden. Sie fordern ein Sich-Einlassen auf allen Seinsstufen, ohne Wenn und Aber, und ein Brechen mit allen Konditionierungen und Lebensmustern.
In Gruppen und an Gemeinschaftsabenden arbeiten wir gemeinsam daran. Denn es sind zwar Fragen, auf die jeder für sich allein und eigenverantwortlich eine Antwort finden und die daraus folgenden Konsequenzen tragen muss, aber niemand kann sie alleine lösen. Dazu braucht es Freunde, Beziehung, Gemeinschaft, Unverbrüchlichkeit. Ein ganzes Leben oder mehr könnte dazu nötig sein.
Unser tiefer Wunsch, über Antworten auf diese Fragen nicht nur zu reden, sondern sie vor allem miteinander zu leben, hat uns hier zusammengeführt. Ein Feld miteinander zu schaffen, in dem nicht die Angst vor Verlust und die Gier nach Besitz, sondern die Liebe ihre Kraft ungehindert entfalten darf, ist unsere Leidenschaft. Darin experimentieren wir und das ist unser Glück.
Group of all Leaders
Im Unterschied zu anderen Gemeinschaften verstehen wir uns als sehr luftige Gemeinschaft, als Kirschbaumblütenblätter im Wind, die sich wenig Strukturen und keiner Ideologie verpflichten wollen. Wichtig ist uns das Alleinstehen jedes Einzelnen im gemeinsamen Feld. Autorität in jeder Form und Hierarchie, die sich nicht aus den natürlichen Kräfteverhältnissen selbstverständlich ergibt, lehnen wir als gemeinschaftsfeindlich ab. Herkommend von Psychotherapie und Selbsterkenntnis geben wir uns einer tiefen Spiritualität hin, die ohne speziell politisch ausgerichtet zu sein, trotzdem in der Welt wirkt.
Gemeinschaftliches Wirken – gemeinsam kreativ sein
Wir freuen uns, dass sich unser Leben zunehmend auch in ein gemeinsames Arbeiten entfaltet. Wir haben aufgrund des Interesses an unserer Gemeinschaft und unserem Leben ein vielfältiges Kurs- und Therapieangebot zusammengestellt. Dieses richtet sich an Menschen, die sich von unserem Weg angesprochen fühlen und sich ernsthaft den eigenen Lebensthemen und Fragen zwischen Alleinsein und Gemeinschaft stellen wollen. Es bildet auch den Kern eines grossen Projektes, einer Therapeutisch-Tantrisch-Spirituellen Universität, das wir in Angriff genommen haben und aus dem heraus eine ganze Reihe von Angeboten, in denen wir unsere Erfahrungen mit Gemeinschaft, mit Psychotherapie und mit spiritueller Entwicklung weiterreichen, hervorfliessen soll.
„Mehrere Menschen zu lieben, berührt ein Tabu in uns, das tiefste, am stärksten in uns verankerte Tabu, das den Kitt in all unserer Konditionierung bildet und unseren Geist niederhält in der Enge der Nicht-Liebe: das Inzesttabu. Schwer zu verstehen, schwer zu erklären, durchdringt es unser ganzes Leben, bis wir uns von ihm befreit haben. Blutschande. Die Liebe hat nicht Platz in uns, solange ihr Platz von dieser Schande besetzt bleibt.“
Samuel Widmer
Echte Psychotherapie versteht sich nicht als eine neue Methode, die sich von allen anderen Verfahren abgrenzt, sondern im Gegenteil als eine Rückbesinnung auf eine Haltung, wie sie verfahrensunabhängig zur Psychotherapie ursprünglich ganz allgemein gehörte. Es ist eine revolutionäre Haltung, welche sich getraut, krankmachende Werte der Gesellschaft infrage zu stellen, und eine Haltung der Menschlichkeit, der Liebe und Einheit, die eben gerade alles einschliesst. Jeder Therapeut, zu welcher Schule er auch immer gehört, der sich diese Haltung, die heute zunehmend verloren geht, erhalten hat, ist für uns ein Echter Psychotherapeut.
Dass es trotzdem Missverständnisse geben wird, ist unserer Meinung und Erfahrung nach unvermeidlich. Eigenartigerweise steht man in unserer Welt ziemlich allein da, wenn man das Ganze vertritt.
Echte Psychotherapie
Im Unterschied zur angepassten Psychotherapie hat die Echte Psychotherapie die Befreiung von der menschlichen Konditionierung und damit die Befreiung zur Liebe zum Ziel, nicht die Anpassung an gesellschaftliche Normen. Diese Art der Freiheit beinhaltet menschliche Reife, Intelligenz, Verantwortung, Mitgefühl, Liebesfähigkeit und eine Klarheit darüber, wer man ist und was man braucht und will, also ein Wissen von den eigenen und allgemein menschlichen psychologischen Zusammenhängen. Ausser der üblichen Therapieausbildung ist die wichtigste Ausbildung für die Therapeutin die eigene Selbsterkenntnis und Therapie, die ihr helfen, ein liebes- und beziehungsfähiges Wesen zu werden.
Das wichtigste, therapeutisch wirksame Instrument ist die Beziehung zwischen Therapeut und Klient. Obwohl diese im therapeutischen Rahmen stattfindet, ist sie doch eine echte zwischenmenschliche Beziehung auf der Basis von Gleichheit und Ehrlichkeit, alles andere wäre Betrug. Diese Beziehung wird geregelt durch das gegenseitige Wollen der Beteiligten, nicht wie in der angepassten Psychotherapie durch Verbote, Richtlinien und Tabus, da dies völlig verschiedene Wege sind, die auch unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen. Dies beinhaltet, dass Unterschiede in der Reife und in der Fähigkeit, für sich die Verantwortung zu übernehmen sowie eine Abhängigkeit des Klienten vom Therapeuten durch diesen wahrgenommen und berücksichtigt werden.
In der Echten Psychotherapie werden Tabus angegangen; es wird ein bewusster Umgang mit Sexualität gefördert und ein Bewusstsein für Wirklichkeit und Wahrheit angestrebt. Obwohl in aller Regel eine sexuelle Beziehung zwischen Therapeut und Klient dem Klienten schadet und deshalb darauf verzichtet werden muss, darf man die Wahrnehmung einer solchen Möglichkeit nicht von vornherein ausschliessen, weder durch ein Tabu, noch durch ein Verbot. Der stimmige Umgang muss jedes Mal in einer lebendigen und wahrhaftigen Auseinandersetzung von Du zu Du herausgeschält werden, da sonst die Lebendigkeit der Beziehung verloren geht.
Die psycholytische Arbeit soll, bei entsprechender Indikation, einen wichtigen Teil eines solchen Prozesses bilden können. Die menschliche Würde und Freiheit stehen an erster Stelle. Die Klientin ist für ihre Therapie selbst verantwortlich und bestimmt allein durch ihr Wollen, wie weit und in welchem Tempo sie weitergehen will. Die Therapeutin nimmt eine offene, liebevolle, aber passive Haltung ein. Die Klientin hat die Verantwortung dafür, was in der Therapie passiert, die Therapeutin unterstützt sie dabei. Die Therapeutin will nichts für sich und findet durch ein waches, aufmerksames und verantwortungsvolles Schauen in jedem Moment die stimmige Haltung oder Handlung, die der Entwicklung der Klientin am besten dient.
Erläuterungen zur Echten Psychotherapie
Wenn wir von Liebe sprechen, meinen wir nicht Sex und natürlich auch nicht sexuelle Grenzüberschreitungen, sondern eine innere Haltung von Liebe und Mitgefühl, die Verantwortungsbewusstsein und ein Gefühl für Stimmigkeit beinhaltet. Liebe und Missbrauch schliessen einander aus!
Der therapeutische Raum soll allein dem Klienten zur Verfügung stehen und die Therapie in erster Linie seinem Wohl und seiner Gesundheit dienen. Daher sollte der Klient vollumfänglich bestimmen, welche Themen er besprechen möchte. Auch Themen um Sexualität und ggf. auch Gefühlen sexueller Anziehung zum Therapeuten sollten – wie seit jeher in der Psychoanalyse praktiziert – im therapeutischen Prozess nicht tabuisiert werden müssen, sondern thematisiert werden dürfen. Sie sollten innerhalb des therapeutischen Rahmens gemeinsam ehrlich wahrgenommen und reflektiert werden dürfen. Für eine solche gemeinsame Reflexion dieser Thematik betonen wir die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis des Therapeuten im Rahmen seiner Selbsterfahrung und Supervision sowie einer humanistischen Grundhaltung entsprechend der personenzentrierten Gesprächstherapie nach Carl Rogers («Kongruenz», «Empathie» und «bedingungslose positive Zuwendung»). Die Ehrlichkeit und Authentizität der Therapeuten ist dabei essenziell, auch für das Ermöglichen einer korrektiven Erfahrung für die Klienten.
Es geht uns also um die bewusste Wahrnehmung, das Fühlen von und das Sprechen über Tabuthemen, nicht um das Vollziehen von (missbräuchlichen) Handlungen. Dies betrifft eigentlich alle Themen. Die Betonung auf dem Thema rund um Sexualität liegt daran, dass dies einen grossen Aufruhr verursacht und wir uns diesbezüglich besonders deutlich erklären müssen. Aber dies gibt ein völlig falsches Bild ab, als würden wir uns hauptsächlich oder nur mit Sexualität beschäftigen. Dies ist überhaupt nicht so. Es geht darum, überhaupt über alles sprechen zu können und dadurch eine Stimmung in der Therapiestube zu schaffen, in der man als Klient angstfrei sich selbst sein kann. Die Sexualität ist dabei nur eines von vielen Themen.
Wenn man von Echter Psychotherapie spricht, impliziert das ja automatisch, dass es auch eine unechte Psychotherapie gibt. Was ist in einhundertzwanzig Jahren Psychotherapie geschehen, dass sich heute zwei Psychotherapien gegenüberstehen? Die Bezeichnung Echte Psychotherapie soll wachrütteln und auf die ursprüngliche Eine Psychotherapie hinweisen. In der Psychotherapie ist es die Beziehung, die heilt. Und Psychotherapie ist dann echt, wenn die Beziehung echt ist. Der Klient lernt in der therapeutischen Beziehung für seine anderen Beziehungen in seinem Leben, sagt Irwin Yalom3. Wie soll er da etwas für sein Leben lernen, wenn die therapeutische Beziehung keine echte, sondern eine funktionale ist? Wie soll da etwas heil werden?
Ziel jeder Psychotherapie sollte der reife, verantwortungsfähige, liebesfähige, autonome und mündige Mensch sein. Ein solch gereifter Mensch tut – analog dem Dictum von Augustinus «Liebe, und dann tue, was du willst!» das Richtige, das Stimmige, das Angemessene nicht in der gedankenlosen Unterwerfung unter Regeln und Paragrafen, sondern aus Einsicht. Obwohl die Handlung die gleiche ist, z.B. der Verzicht auf missbräuchliche Handlungen, liegt ein bedeutsamer Unterschied in der inneren Motivation: Wenn der eine einfach einem Gesetz folgt, ohne dies ernsthaft reflektiert zu haben, handelt der reife oder aufgeklärte Mensch aus eigener innerer Überzeugung und aus innerer Freiheit heraus.
Ziel oder «ideales» Ergebnis einer Psychotherapie in unserem Sinne ist somit die Heilung des Klienten bis zu dem Punkt, an dem er vollständig nachgereift, mündig und liebesfähig ist und die Therapie beendet wird, da der Klient sich aus der Abhängigkeit in der Therapiebeziehung löst und dem Therapeuten als Mensch «auf Augenhöhe» begegnet.
Wir sind uns darüber im Klaren, dass nur die wenigsten Therapien diesen idealen Verlauf nehmen. Sollte es zur völligen Auflösung der Asymmetrie bzw. Abhängigkeit in der Beziehung kommen und die Therapie beendet sein, vertreten wir die Ansicht, dass diese beiden Menschen, die sich nun ausserhalb der Rollen von Therapeut und Klient und in ihrer persönlichen Reife auf Augenhöhe begegnen, frei sein sollten zu entscheiden, ob und ggf. wie sie eine weitere Beziehung gestalten wollen. Dies entspricht den Forderungen der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Die von manchen Protagonisten vertretene Ansicht, dass die Auflösung von Abhängigkeitsverhältnissen oder ödipalen Übertragungsphänomenen unmöglich sei, betrachten wir als eine Bankrotterklärung der Psychotherapie.
„Alles weist zwar darauf hin, dass wir nicht darum herum kommen, wirklich ganz und auf allen Ebenen Beziehungen teilen zu lernen, dass dies ein unumgänglicher evolutiver Schritt ist, der für unser Überleben auf diesem Planeten unausweichlich ist, und gleichzeitig ist auch offensichtlich, dass wir im Moment noch nicht fähig sind dazu, überfordert sind durch dieses Problem.“
Samuel Widmer
2 Dieser Text ist der Avanti-Homepage entnommen: www.aerztegesellschaft-avanti.org
3 Irvin David Yalom (* 13.06.1931), US-amerikanischer Psychoanalytiker, Psychotherapeut, Psychiater und Schriftsteller, gilt als bedeutendster lebender Vertreter der existenziellen Psychotherapie. Er ist Träger des Internationalen Sigmund-Freud-Preises für Psychotherapie 2009. Quelle: Wikipedia
Dr. med. Manfred Dreier, 15. März 2019
Einleitung
Patientinnen und Patienten werden durch entsprechende Artikel im Strafgesetzbuch und durch die ärztliche Berufsethik (Eid des Hippocrates, Standesregeln) vor seelischer, materieller oder sexueller Ausnutzung geschützt. Ich untersuche in diesem Essay die Fragestellung, ob in der Psychotherapie Verbote und Richtlinien, die darüber hinaus aufgestellt werden, eine therapeutische Beziehung vor Missbrauch schützen, oder ob sie im Gegenteil dem Gelingen der Therapie im Wege stehen. Ich werde zwei Standpunkte herausarbeiten: Vertreter des ersten Standpunktes sind Befürworter zusätzlicher Gesetze und Richtlinie und wollen damit erreichen, dass Missbrauch in der Therapie vorgebeugt, verhindert und bestraft werden kann. Vertreter des zweiten Standpunktes sehen diese Gesetze und Richtlinien ursächlich mitbeteiligt an der Entstehung von Missbrauch und Übergriffen. Sie plädieren dafür, dass einem Arzt nicht über den Weg von Verboten, sondern durch Anleitung und Unterstützung im Wahrnehmen und Erforschen seiner eigenen Tabus und des daraus resultierenden Handelns eine Orientierung gegeben werden soll. Die Arzt-Patient-Beziehung unterscheidet sich – zumindest zu Beginn – grundlegend von derjenigen zwischen zwei Menschen, die sich auf privater Basis treffen. Darin stimmen gesunder Menschenverstand und geschulter Fachverstand überein. In privaten Beziehungen ist es das gegenseitige Interesse, das zwei Menschen zusammenführt. Die beteiligten erwachsenen Personen handeln die Beziehungsmotive und die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Beziehung selbstbestimmt aus. Im Unterschied dazu ist in einer therapeutischen Beziehung das Beziehungsmotiv die Erwartungshaltung des Patienten auf eine Heilung oder Linderung seines Leidens. Es besteht hier also eine Asymmetrie. Die Hilfsbedürftigkeit kann den Patienten in eine Abhängigkeit dem Arzt gegenüber führen. Geht man davon aus, dass ein solcher hilfesuchender Patient nicht in gleichem Masse wie der Arzt für seine Rechte und seinen Schutz einstehen kann, ist zu verstehen, dass Vertreter des ersten Standpunktes Gesetze und Richtlinien befürworten, um den Patienten zu schützen.
Um den zweiten Standpunkt genauer zu erläutern, muss man tiefer in die psychoanalytische Theoriebildung blicken. Sigmund Freud erkannte, dass ein Kind von frühester Entwicklung an libidinöse Gefühle hat und sexuelle Anziehung und Erregung erlebt. Im Alter von vier bis sechs Jahren richten sich diese speziell auf den gegengeschlechtlichen Elternteil. Es ist in nahezu allen Kulturen der Welt verbreitet, dass einem Kind beigebracht wird, dass diese Gefühle nicht in den nahen Verwandtschaftsbeziehungen wahrgenommen oder ausgelebt werden dürfen. Dem Kind wird dies über den Mechanismus der Tabuisierung beigebracht. Das Kind erlebt eine Spaltung zwischen den Gefühlen, die offensichtlich da sind, und der fehlenden Ansprache und Resonanz im Erwachsenen. Das ist das Inzesttabu. Spätestens mit dem Aufkommen der Geschlechtsreife wird das Kind vom gegengeschlechtlichen Elternteil endgültig zurückgewiesen, aus Scham des Erwachsenen vor seiner eigenen sexuellen Erregung und aus Angst, einen Missbrauch zu begehen. Da dies ohne bewusste Kommunikation passiert, kann es für das Kind unverständlich bis hin zu traumatisierend sein. Je stärker die Tabuisierung war, desto stärker bleiben inzestuöse Wünsche bestehen und können sich in pädophilen Neigungen niederschlagen. Viele psychische Erkrankungen sieht man als Ergebnis von Störungen in der ödipalen Phase.
In einer Psychotherapie werden Liebesübertragungen und sexuelle Anziehung reaktualisiert auf den Therapeuten wahrgenommen. Die Therapie führt durch die Aufdeckung und Bearbeitung dieser inzestuösen Beziehungswünsche. Schon vor über einhundert Jahren erkannte Freud die Zwickmühle, die sich für Therapeuten aus dieser Situation ergibt, einerseits die libidinösen Wünsche ans Licht zu holen und andererseits nicht mit persönlichen Wünschen auf die Liebesübertragung zu reagieren. Freud weigerte sich aber, daraus ein Verbot oder eine Moralvorschrift zu formulieren. Man könne ja leicht erwarten, dass er (Freud) postuliere, dass ein Arzt die ihm angebotene Zärtlichkeit zurückweisen soll und dass er bei der Klientin erreichen soll, dass sie von ihrem Verlangen ablasse. «Ich werde aber diese Erwartungen nicht erfüllen, weder den ersten noch den zweiten Teil derselben. Den ersten nicht, weil ich nicht für die Klientel schreibe, sondern für Ärzte, die mit ernsthaften Schwierigkeiten zu ringen haben, und weil ich überdies hier die Moralvorschrift auf ihren Ursprung, das heisst, auf Zweckmässigkeit zurückführen kann.»4 Und weiter: «Noch entschiedener werde ich aber dem zweiten Teile der angedeuteten Erwartung absagen. (...) Man hätte ja dann das Verdrängte nur zum Bewusstsein gerufen, um es erschreckt von neuem zu verdrängen.» Freud schreibt also, dass er in Sachen Liebesübertragung keine Moralvorschrift (= Verbot) vertritt, sondern dass diese durch «Rücksichten der analytischen Technik zu ersetzen»5 seien. Die richtig angewandte therapeutische Technik impliziert, dass es dem Arzt um die Heilung des Patienten geht, und er deshalb an sich selbst den Anspruch einer hohen moralischen Integrität hat. Das berühmte Freud-Zitat, die Therapie habe in Abstinenz zu erfolgen, ist als Appell an die moralische Integrität und nicht als Vorschrift oder Verbot zu verstehen. Freud umreisst hier den wesentlichen Kern der Heilung. Eine durch Verbote und Tabus entstandene Erkrankung kann nicht in einem therapeutischen Raum geheilt werden, der den gleichen Mechanismen unterworfen ist. In modernerer Sprache umschreibt dies Samuel Widmer wie folgt:
«Keine Beziehungsangelegenheit kann durch Verbote, Gebote und Tabus geregelt werden; jeder diesbezügliche Versuch wird lediglich zur Beendigung des Bezogenseins führen. Es braucht – und dies unter anderem auch um die Frage des Inzesttabus – eine lebendige und wahrhaftige Auseinandersetzung von Du zu Du.»6 Für die Therapie bedeutet dies laut Widmer «(…) dass auch im therapeutischen Prozess der therapeutische Auftrag erst geglückt sein kann, wenn es gelungen ist, die therapeutische Beziehung aus ihrem Muster und aus allen Mustern überhaupt herauszuführen in ein lebendiges, einmaliges, authentisches und erwachsenes Bezogensein von Du zu Du (…).»7 Was Freud andeutet, benennt Widmer klar: Heilung ist die Befreiung einer Beziehung von ihren regelnden Verboten und Tabus. Was dem Patienten in seinem Leben gelingen soll, muss seinen Anfang in der Therapie finden.
Rekonstruktion der Argumente
Für den ersten Standpunkt, dass die Beziehung zwischen Arzt und Patient durch Gesetze und Richtlinien geregelt werden muss, lassen sich folgende Argumente formulieren:
1 a Die Beziehung zwischen Arzt und Patient ist – zumindest zu Beginn – eine asymmetrische. Dem Patienten sind nicht die gleiche Verantwortungsübernahme und Willenskraft, sich für seine Bedürfnisse und seine Grenzen einzusetzen, zuzugestehen.
1 b Der Arzt erhält durch Gesetze einen Rahmen, worin er sich bewegen kann. Dies gibt ihm Sicherheit.
1 c Ist der therapeutische Raum durch die Abstinenz geschützt, kann der Patient in frühere kindliche Persönlichkeitsanteile regredieren und da durch geeignete therapeutische Massnahmen Heilung erfahren.
Gegenargumente gegen den ersten Standpunkt:
2 a Verbote erreichen nicht die Wirkung, die sie versprechen bzw. wozu sie errichtet worden sind. Obwohl solche Gesetze und Richtlinien seit Jahrzehnten bestehen, bleibt die Zahl derer, die sie übertreten, unverändert hoch. Es werden Zahlen genannt von 7–11 % aller männlichen und 2–3,5 % aller weiblichen Psychotherapeuten, die mindestens einmal in ihrer Berufslaufbahn ein sexuelles Fehlverhalten begehen8. Dabei ist die Zahl der Wiederholungstäter hoch: in Studien werden 33-80% genannt9.
2 b Ein Verbot führt dazu, dass die Mehrheit der Ärzte dies zwar akzeptiert, aber nicht aus Einsicht oder innerer Überzeugung, sondern vor allem aus Anpassung oder Angst vor Strafe. Ein angepasster oder verängstigter Arzt wird seine eigenen libidinösen und sexuellen Gefühle verdrängen. Es bildet sich in ihm ein Tabu aus.
2 c In der Therapie kann das dazu führen, dass Ärzte unbewusste Signale aussenden, und damit die Liebesübertragung eher in ungünstiger Weise anheizen. Da für beide Seiten nicht bewusst, kommt es zu Missverständnissen, was in der Regel in die Zurückweisung des Patienten mündet, was eine Wiederholung der meist erfahrenen früheren Zurückweisungen ödipaler Liebesgefühle bedeutet.
Der zweite Standpunkt besagt, dass die Arzt-Patienten-Beziehung weder durch Verbote, noch durch Gebote geregelt werden soll. Argumente dafür sind:
3 a Das Verbot führt zur Beendigung des lebendigen Bezogenseins. Die beiden involvierten Personen stehen nicht mehr von Mensch zu Mensch in Beziehung, sondern über den Bezugsrahmen eines funktionalen Therapieverhältnisses.
3 b Die Argumente 2 b und c gelten hier entsprechend auch.
3 c Tabu und Missbrauch gehen Hand in Hand. Um die Ursachen von Missbrauch aufzudecken, muss man das Tabu darum lüften.
3 d Der absolut garantierte abstinente therapeutische Raum vermag nicht, die ödipale Liebesübertragung zu reaktivieren. Es ist die zumindest theoretisch nicht ganz ausgeschlossene Möglichkeit, sich auf den Arzt einlassen zu können, die diese verdrängten Gefühle ans Licht holen kann.
3 e Soll eine therapeutische Beziehung den Patienten in die Freiheit von Konditionierung und Tabus und in die Selbstverantwortung führen, muss ihm dies von Anfang an zugestanden werden. Ihm dies nicht zuzugestehen, hält den Patienten klein und abhängig.
Gegenargumente gegen den zweiten Standpunkt:
4 a Nur dass ein Verbot sich nicht ganz durchsetzen lässt, heisst nicht, dass dieser nicht aufzustellen sei.
4 b Genauso wenig wie ein Verbot den Missbrauch vollständig beseitigen kann, wird auch eine Aufhebung des Verbotes dies nicht erreichen können.
4 c Die Argumente 1 a-c gelten hier entsprechend auch.
Diskussion
Es lassen sich drei Diskussionsfelder umreissen. Erstens das Thema Missbrauch, die Ursache desselben und der Schutz der Patienten davor (Argumente 1 a-c, 2 a, 3 c, 4 a und b). Zweitens die Frage, welche Implikationen das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein eines Verbots auf die therapeutische Beziehung hat (Argumente 1 b, 2 b und c, 3 a, b und d). Und drittens, zu welchem Ergebnis eine Therapie gemäss dem einen oder dem anderen Standpunkt führt (Argumente 1 c, 2 b und c, 3 a, b, d, e).
Im ersten Diskussionsfeld sprechen für den ersten und gegen den zweiten Standpunkt, dass tatsächlich Verfehlungen (sexueller Missbrauch, Ausbeutung etc.) passiert sind und zum Schutz der Betroffenen Verbote und Richtlinien aufgestellt worden sind. Der Diskurs in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit führte zu einer Sensibilisierung für die Thematik und gab Betroffenen eine klare Leitlinie, was in Ordnung ist und was nicht. Dadurch, dass das Vergehen einen Namen bekommen hat (therapeutischer Inzest), wurde für viele das Unrecht erst fassbar, und sie konnten sich dagegen zur Wehr setzen. Vertreter des zweiten Standpunktes streichen heraus, dass auch für Sie der Schutz der Patienten oberstes Prinzip ist (primum non nocere). Auch für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, die Würde des Patienten und seine sexuelle Integrität zu wahren. Der Verzicht auf Verbote und Richtlinien zielt für sie nicht darauf ab, den therapeutischen Inzest zu begehen, sondern die zugrunde liegenden Ursachen aufzudecken. Das Inzesttabu ist der Nährboden für Missbrauch. Die Tabuisierung ödipaler Liebesregungen und sexueller Anziehung führt zu einer Wahrnehmungsschranke, einem Entfremden von der Wahrheit zwischen zwei Menschen. In diesem Zustand, in dem man nicht mehr ganz mit sich und mit dem Gegenüber in Kontakt ist, besteht die Gefahr, unstimmige Impulse auszuleben und Grenzen des Gegenübers zu überschreiten. Das Tabu muss deshalb aufgedeckt werden, damit die Entstehung des Missbrauchs sichtbar wird und bearbeitet werden kann.
