Wir und der technische Fortschritt -  - E-Book

Wir und der technische Fortschritt E-Book

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Beschreibung

Die Beiträge in diesem Band berühren verschiedenste Bereiche. Entwicklungslinien, beispielsweise in der Fotografie, werden betrachtet, aber auch einzelne einstmals bahnbrechende Neuerungen, die heute bereits wieder als veraltet gelten, oder unterschiedliche Stadien der Nutzung von Haushaltsgeräten. Es geht um Welt verändernde Entwicklungen und um minimale Änderungen, um Fortschritt versus Verlust, um Arbeitserleichterung, um neu zu Erlernendes, um Ängste oder um Fragen der Zeitersparnis und der Ästhetik. Welche Neuerungen haben den sechs Autorinnen und Autoren dieses Bandes Freiräume verschafft, welche haben sie interessiert, inspiriert, amüsiert , ja, sogar berauscht; welche lehnen sie ab und zu welchen hat sich ihre Einstellung im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte verändert?

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Seitenzahl: 81

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Vorwort

Erich Braun-Egidius Wir und der technische Fortschritt

Rolf-Dieter Ernestus „Wie haben wir das früher nur gemacht?“ – Von einem für den Lochkarten ehemals Fortschritt bedeuteten

Stephanie Fleischer Der blaue Zauber oder die Vergänglichkeit von Matrizen und Overheadprojektoren

Renate Riecken Was heißt hier Technischer „Fortschritt“?

Peter Steckhan Das Fotografieren – früher und heute

Sylvia Steckmest Technik hielt bei mir nur bedingt Einzug

Die Autorinnen und Autoren

Bildnachweis

Vorwort

Denken wir über die Bedeutung der Technik nach, über ihre Entwicklung, den Grad ihres Einflusses auf unser Leben und den Stellenwert, den wir ihr beimessen, kommen wir zu unterschiedlichsten Einschätzungen.

Von „Wie haben wir das nur damals ohne … gemacht?“ bis zu „Wie fühle ich mich als alter Mensch in all den technischen Produkten der Gegenwart?“ reichen die Fragestellungen.

Die Beiträge in diesem Band berühren verschiedenste Bereiche. Entwicklungslinien, beispielsweise in der Fotografie, werden betrachtet, aber auch einzelne einstmals bahnbrechende Neuerungen, die heute bereits wieder als veraltet gelten, oder unterschiedliche Stadien der Nutzung von Haushaltsgeräten. Es geht um Welt verändernde Entwicklungen und um minimale Änderungen, um Fortschritt versus Verlust, um Arbeitserleichterung, um neu zu Erlernendes, um Ängste oder um Fragen der Zeitersparnis und der Ästhetik. Welche Neuerungen haben den sechs Autorinnen und Autoren dieses Bandes Freiräume verschafft, welche haben sie interessiert, inspiriert, amüsiert – ja, sogar berauscht –, welche lehnen sie ab und zu welchen hat sich ihre Einstellung im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte verändert?

Die Idee zur Beschäftigung mit der Thematik „Wir und der technische Fortschritt“ stammt von unserem langjährigen Mitglied Carsten Stern. Er berichtete im Arbeitskreis davon, wie er sich zum Kauf eines Smartphones durchrang, um nicht länger abgeschnitten zu sein von über SMS und WhatsApp verbreiteten Neuigkeiten und so leichter Kontakt zu seinen Kindern zu halten.

Carsten Stern selbst konnte leider keinen Erinnerungstext zur Bedeutung des technischen Fortschritts mehr verfassen. Er ist im Mai 2016 verstorben.

Der Arbeitskreis widmet ihm diesen Band.

Claudia Thorn

im Juni 2017

Wir und der technische Fortschritt

von Erich Braun-Egidius

Als ich den Titel las, entschloss ich mich, die Pferde umzuschirren: von hinter dem Wagen auf vor den Wagen, den Text beim Erinnern und Schreiben so zu lesen, wie der technische Fortschritt mit mir umging: Ich lief immer hinterher, denn ich selbst habe ihn lebenslang nur genutzt, nie etwas zu seiner Entwicklung beigetragen. Also erinnere ich mich an „Der technische Fortschritt und ich“.

Bei Kriegsbeginn war ich 6 Jahre alt. Dennoch war die erste Erinnerung eine friedliche. Immer wenn ich das Palaver um die Elektroautos höre, denke ich daran, daß die Wäscherei KIESER bei uns in der Parkallee 29 in Harvestehude Anlieferung und Abholung der Haushaltswäsche mit einem Elektro–LKW besorgte. Das gemütliche Brummen des E-Motors wurde nach kurzem Anfahren stets von dem Reifengeräusch auf dem Kopfsteinpflaster übertönt. Das war unendlich beruhigend. Neu ist nicht unbedingt Neu.

Weniger beruhigend war, was dann seit 1941 aus der Luft auf uns zukam, das war auch technischer Fortschritt, aber was für einer. Flugzeuge und Flak, beides war Fortschritt – in der Kriegsführung. In meinem Alter verstand ich weder viel von der Technik noch den Folgen ihrer Anwendung. Nachdem bei uns um die Ecke 1941 nach einem Angriff auf Hamburg in der Hansastraße ein Haus teilzerstört war, war meine Reaktion damals wohl „oh guck mal“. Später war die Wirkung der Phosphorbombe der Fortschritt, der im Juli 1943 unser Haus zerstörte. Dem waren wir aber vorher schon aufs Land ausgewichen.

Erlebter Fortschritt dort war die Landtechnik. Die kleineren Bauernhöfe hatten noch unendlich viel Handarbeit zu leisten. Die Häckselmaschine zum Beispiel. handbetrieben, produzierte aufwendig die „Sättigungsbeilage“ für die Pferde. Auf diesen Höfen war die genutzte Technik eher Rückschritt, denn außer einer Dreschmaschine, die ein- bis zweimal im Jahr zum Dreschen des Getreides vor der Scheune vorfuhr, wurde diesen Bauern keine Handarbeit abgenommen. Bei den großen Kollegen hatten die Traktoren schon einen Teil der Arbeit auf die Maschine verlegt. Dazu kamen bei denen die automatischen Mähbinder in den Betrieb, die mit einem patentierten Bindesystem für die Garben ausgerüstet waren. Das war Fortschritt, der die Handarbeit des Garbenbindens für uns Kinder überflüssig machte. Solch ein Mähbinder ersparte mindestens 5 Hilfskräfte.

Erfunden hatte die Knotentechnik, ohne die der Binder nicht funktionierte, Dr. August Claas aus Harsewinkel, der damit den Grundstein für einen Weltkonzern von heute legte, der computergesteuerte Mähdrescher ebenso weltweit verkauft wie Heu- und Strohpressen etc..

Bis 1945 war technischer Fortschritt, wie wir heute wissen, Kriegstechnik. Deutschland war in der Zeit an der Spitze dieses „Fortschritts“, wozu die Raketen V1 und V 2 und der Düsenjäger gehörten. Die Entwicklungen wurden u.a. der Jugend im Rahmen von Museumsarbeit nähergebracht. Ich erinnere eine solche Ausstellung mit Kriegsgerät im Museum Lüneburg, das nun wirklich alles andere als ein Waffenmuseum war. Ich erinnere, daß der damalige Leiter, Prof. Wilhelm Reinecke, mein Herumturnen auf den Panzer und Geschützen sehr missbilligte.

Bei Ende des Krieges war in diesem Bereich Rückschritt einige Jahre zweckmäßig, aber wie wir wissen, änderte sich das bald wieder. Eine frühe persönliche Errungenschaft war, nachdem ich 1947 ins Internat eingeschult worden war, ein Detektor. Das war ein kleines Gerät, mit dem man bei sehr sensibler Behandlung eines Drehknopfes auf einem innenliegenden Kristall eine sehr eingeschränkte Verbindung zu erreichbaren Rundfunksendern herstellen konnte. Man benötigte zu dem Gerät einen Kopfhörer, irgendwie habe ich mir das organisiert. Radiohören war im Internat verboten, also hörte man unter der Bettdecke. Sehr bald hatten wir Schüler den BFN ( für jüngere Leser: British Forces Network) gefunden. Dieser Sender war für die britischen Soldaten gedacht und sendete vorzugsweise die gerade marktbeherrschende Swingmusik. So lernten wir, wenn auch in sehr eingeschränkter Qualität, Glenn Miller, Benny Goodman, Ted Heath und andere populäre Orchester kennen. Der Teil der Umerziehung war gelungen, bis heute hat mich dieser Musikstil nicht wieder losgelassen.

In der heilen Welt des Internats – Cäsar auf dem Kartoffelacker – war technischer Fortschritt für uns, den Vorkriegszustand wieder hergestellt zu sehen. Das Kriegsende hatte die Infrastruktur teilweise zum Erliegen gebracht. Strom, Wasser- und Abwasserversorgung waren zuerst gar nicht, dann nur rudimentär vorhanden. Die Wiederinbetriebnahme von Toiletten, Warmwasser und ständiger Stromversorgung war nach dem Katastrophenwinter 1946/7 der technische Fortschritt in sich. Kohlen für die Heizung mussten bis zur Währungsreform unter sehr erschwerten Umständen „besorgt“ werden. Beim Frühstück rösteten wir unser rationiertes Brot auf der Ofenklappe, das war unser Toaströster. Fortschritt? Die Nazis hatten uns in den Rückschritt gebombt.

Wir hatten damals keine Ahnung davon, daß Konrad Zuse in der Zeit den ersten Computer der Welt entwickelt hatte. Das war wirklich Fortschritt, den ich erst sehr viel später als Museumsware kennenlernte.

Von 1949 bis zum Verlassen der Schule 1951 war der einzige technische Fortschritt, der uns Schüler interessierte, welches Auto welche Eltern fuhren. Danach wurden dann Vermögensschätzungen angestellt, um den uns sichtbaren technischen Fortschritt nach der Währungsreform in begreifbare Formen zu gießen, eben Geld. Unser Direktor fuhr seit 1949 einen Käfer, entsprechend fand das mit DM 350,00 sehr teure monatliche Schulgeld Gnade vor unseren Augen. Ansonsten kann ich mich an technischen Fortschritt in den Jahren 1948 bis 1951 nicht erinnern. Die ersten Schellackplatten – zum Entsetzen unsere Lehrer Swingmusik – wurden beim nur geduldeten Tanz im Theatersaal von einem handaufgezogenen Plattenspieler wiedergegeben. Radios waren nach wie vor verpönt.

Zu Beginn meiner Lehrzeit in Hamburg kam ich mit der Technik in der Großstadt in Kontakt. Das war insbesondere der ÖPNV, bestehend aus U-Bahn, S-Bahn und Straßenbahn. Dort schlich sich langsam der Fortschritt ein, der den Vorkriegsbestand an Fahrzeugen Schritt für Schritt ablöste. Der sogenannte „Sambawagen“ der Straßenbahn war für uns ein Quantensprung, ebenso die Ablösung der letzten Coupéwagen auf der S-Bahn. In meiner Lehrfirma war für den Lehrling in keiner der Positionen, in denen er tätig war, irgendetwas von Fortschritt zu spüren. Von 1951 bis 1954 regierte den ein alter Schreibtisch, der Bleistift, die handbetriebene Rechenmaschine und die zum Teil noch aus dem Kriege stammende Schreibmaschine. Der Lehrling allerdings wurde bei der Kontenabstimmung in der Buchhaltung zum Addieren der Debitorenlisten im Kopf gezwungen, um den vorlauten Oberschüler zu disziplinieren. Man kann also Fortschritt zu vermeintlichen Erziehungszwecken auch willentlich vorenthalten. (Der Handy Generation geht es heute nicht besser). Allerdings fuhr die Chefin des Unternehmens einen Mercedes 170 S, das war zumindest viel bewunderter automobiler Fortschritt.

Auf einer Geschäftsreise nach Fehmarn hatte ich 1954 oder 1955 das - rückwirkend gesehen - einmalige Erlebnis, von Großenbrode Fähre aus mit dem Trajekt neben einem Eisenbahnwagon auf die Insel überzusetzen. Ich genoss diesen „Rückschritt“. Aber immerhin baute man schon an der neuen Brücke, dem heutigen „Kleiderbügel“. Ob alle Insulaner das allerdings als Fortschritt empfanden, ist bei dem Beharrungsvermögen unserer Landsleute wohl eher zu bezweifeln.

Mit dem Fortschritt der Automobiltechnik kam ich erst in Berührung, als ich meinen Dienst bei der „Selbstfahrer Union“ antrat, der damals größten deutschen Autovermietung mit einem bundesweiten Netz. Aber dazu später.

Heute Mittag frug ich meine Frau, wann denn der technische Fortschritt bei ihr angekommen sei. Wir rekonstruierten dann gemeinsam, daß

bis ca. 1965 die Wäsche immer noch von Hand gewaschen wurde, insbesondere die Windeln unserer beiden Erstgeborenen in 1956 und 1957

daß die erste Waschmaschine zuerst nach unserem Umzug nach München angeschafft wurde, allerdings noch mit einer getrennten Schleuder

daß das Warmwasser in der Wohnung noch aus dem Boiler kam, der mächtig über der Badewanne thronte

daß Fahrstühle im normalen ( nicht sozialen ) Wohnungsbau bei Gebäuden bis zu 6 Stockwerken nicht Standard waren. Den Frauen wurden wegen des fehlenden Autos und der Geschoßhöhe beim Einkaufen die Arme lang und länger.