Wirklich nur ein Schutzengel? - Viola Maybach - E-Book

Wirklich nur ein Schutzengel? E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Endlich Kaffee!«, sagte Anna Berg und schloss genussvoll die Augen. Bis vor einem Augenblick hatten ihre Freundin und Geschäftspartnerin Friederike Hofmeyer und sie unablässig zu tun gehabt, aber jetzt war das Geschäft für feine Schokoladenprodukte, das die beiden jungen Frauen vor einiger Zeit eröffnet hatten, leer, sodass sie sich eine kurze Pause gönnen konnten. »Ja, endlich«, stimmte Friederike zu, aber sie stellte ihre Tasse gleich wieder ab, um mit einer Zange vorsichtig neue Pralinen auf ein Tablett in der gekühlten Auslage unter der gläsernen Theke zu setzen. Sie hatten an diesem Tag so viel verkauft wie noch nie. Allmählich sprach sich herum, dass sie eine erstklassige Adresse für alles waren, was mit Schokolade zu tun hatte. Anna ging zum Fenster und spähte hinaus auf die Straße, während sie ihren Kaffee trank. Als sie sich zu Friederike umdrehte, lächelte sie vergnügt. »Er kommt«, sagte sie und trat vom Fenster zurück. Friederike stellte sich dumm. »Wer kommt?«, fragte Friederike und setzte scheinbar gleichmütig weitere Pralinen auf die Tabletts in der Auslage. Sie sah nicht einmal auf, weil sie genau wusste, dass Anna sie beobachtete. »Wer kommt? Wer kommt?«, äffte Anna sie nach. »Du weißt ganz genau, von wem ich rede. Vor mir musst du wirklich keine Komödie spielen.«

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Seitenzahl: 115

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der neue Dr. Laurin – 105 –Wirklich nur ein Schutzengel?

Unveröffentlichter Roman

Viola Maybach

»Endlich Kaffee!«, sagte Anna Berg und schloss genussvoll die Augen.

Bis vor einem Augenblick hatten ihre Freundin und Geschäftspartnerin Friederike Hofmeyer und sie unablässig zu tun gehabt, aber jetzt war das Geschäft für feine Schokoladenprodukte, das die beiden jungen Frauen vor einiger Zeit eröffnet hatten, leer, sodass sie sich eine kurze Pause gönnen konnten.

»Ja, endlich«, stimmte Friederike zu, aber sie stellte ihre Tasse gleich wieder ab, um mit einer Zange vorsichtig neue Pralinen auf ein Tablett in der gekühlten Auslage unter der gläsernen Theke zu setzen. Sie hatten an diesem Tag so viel verkauft wie noch nie. Allmählich sprach sich herum, dass sie eine erstklassige Adresse für alles waren, was mit Schokolade zu tun hatte.

Anna ging zum Fenster und spähte hinaus auf die Straße, während sie ihren Kaffee trank. Als sie sich zu Friederike umdrehte, lächelte sie vergnügt. »Er kommt«, sagte sie und trat vom Fenster zurück.

Friederike stellte sich dumm. »Wer kommt?«, fragte Friederike und setzte scheinbar gleichmütig weitere Pralinen auf die Tabletts in der Auslage. Sie sah nicht einmal auf, weil sie genau wusste, dass Anna sie beobachtete.

»Wer kommt? Wer kommt?«, äffte Anna sie nach. »Du weißt ganz genau, von wem ich rede. Vor mir musst du wirklich keine Komödie spielen.«

Friederike richtete sich auf, jetzt lächelte sie auch. Anna hatte ja recht. Und während sie ihre Freundin ansah, fiel ihr wieder einmal auf, dass sie beide nicht unterschiedlicher hätten aussehen können, obwohl sie einander im Wesen so ähnlich wie Zwillinge waren. Kein Wunder, dachte sie, dass wir uns so gut verstehen. Wir ticken einfach gleich.

Sie waren beide von offenem, freundlichem und hilfsbereitem Wesen, umsichtig im Umgang mit Geld, zuverlässig, wenn es ums Geschäft ging. Sie leisteten sich weder Unpünktlichkeit, noch Schlamperei, noch war eine von ihnen jemals unfreundlich, was man von ihren Kundinnen und Kunden nicht immer sagen konnte. Unverschämtheiten lächelten sie weg oder, wenn es zu viel wurde, baten sie auch schon mal jemanden, ihr Geschäft nicht wieder aufzusuchen. Sie wussten, was sie konnten und was sie wert waren. Und auch wenn sie sich als Dienstleisterinnen verstanden: Schlecht behandeln lassen wollten sie sich deshalb noch lange nicht.

Außerdem waren sie beide hübsch, wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise: Friederike trug ihre dichten braunen, lockigen Haare kurz, sie war sehr schlank und beweglich, liebte sportliche, lässige Kleidung und erledigte kleinere Reparaturen im Geschäft am liebsten selbst. Anna dagegen war eine elegante, sehr weibliche Blondine, die fast von allen männlichen Kunden mehr oder weniger unverhohlen angeflirtet wurde. Dabei hatte Anna einen Freund, den sie liebte und heiraten würde. Das wussten etliche der Kunden auch, aber es änderte nichts daran, dass sie sich weiter Hoffnungen machten. Einen älteren Herrn gab es, der jede Woche Pralinen für seine kranke Frau bei ihnen kaufte. Er ging nie, ohne zu sagen: »Wenn ich noch ein junger Mann wäre, Frau Berg, brächten Sie meine Ehe in Gefahr.« Aber er sagte es so nett und freundlich, dass Anna ihn nicht als aufdringlich empfand, wie es bei so manchem anderen der Fall war.

Natürlich wusste Friederike, von wem Anna redete: von dem gut aussehenden jungen Kunden, der ihren Laden erst vor wenigen Wochen entdeckt hatte und seitdem jeden zweiten Tag kam, um, wie er behauptete, ›sich allmählich durch das gesamte Sortiment zu futtern‹. Aber anders als die meisten Männer, ob jung, ob alt, die ihr Geschäft regelmäßig aufsuchten, kam er nicht wegen Anna, sondern wegen Friederike – was Anna viel schneller begriffen hatte als ihre Freundin.

»Er kommt deinetwegen«, hatte sie schon nach dem dritten Besuch des jungen Mannes gesagt.

»Quatsch. Alle Männer kommen deinetwegen, das weißt du genau.«

»Nicht alle – und Robert definitiv nicht.«

Dass er Robert hieß, hatte er ihnen schon beim ersten Mal verraten.

Er gefiel Friederike, sehr sogar, aber das würde sie für sich behalten. Anna war seit einem Jahr in festen Händen und würde es bleiben, wie es aussah, aber bei ihr war das nicht so. Sie war gern allein und hatte bis jetzt noch nie das Bedürfnis nach einer festen Beziehung gehabt. Einige Male war sie verliebt gewesen, aber jedes Mal hatte sie sich schnell eingeengt gefühlt und deshalb recht schnell die Trennung herbeigeführt.

Sie sah es so: Wenn sie sich fest an einen Menschen band, sollte es etwas ›Richtiges‹ sein, etwas, das hielt. Sie wünschte sich mit einem Mann eine ähnlich vertrauensvolle Beziehung wie zu Anna. Die hatte sie kennengelernt und gleich gewusst, dass das eine Freundschaft fürs Leben sein würde. So sollte es mit einem Mann auch sein: nur eben eine Liebe fürs Leben.

Sie dachte nicht oft darüber nach, im Augenblick gab es für Sie nichts Wichtigeres als das Geschäft. Anna und sie dachten sich gern neue Rezepturen aus, sie hatten eine Extra-Auslage dafür. Die Experimentierfreudigen unter ihren Kundinnen und Kunden griffen da gerne zu. Wenn eine Praline oder auch eine Schokolade besonders gut ankam, wurde sie ins Sortiment aufgenommen. Manchmal veranstalteten sie auch ›Probier-Abende‹ in einem benachbarten Café, das sie auch mit kleinen Schokokuchen belieferten. Dazu kamen viele Leute, es war immer sehr lustig. Das war im Augenblick ihr Leben, und sie genoss es von ganzem Herzen. Kein Grund, daran etwas zu ändern.

Die Türglocke riss sie aus ihren Überlegungen. Sie drehte sich um – und da war er: Robert. Er strahlte sie an, sie konnte gar nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern. Anna verschwand nach einem kurzen, freundlichen Gruß nach hinten, als hätte sie dort dringend etwas zu tun.

»Hallo, Robert«, sagte Friederike. »Was möchtest du denn heute kaufen?«

Er sah sie so lange an, ohne zu antworten, bis ihr allmählich das Blut ins Gesicht stieg. Schließlich aber merkte er wohl selbst, dass er sich mit seiner Antwort zu viel Zeit gelassen hatte, denn er errötete ebenfalls. »Entschuldige«, nuschelte er. »Ich habe gerade an etwas anderes gedacht. Was hast du gefragt?«

Sie musste lachen. »Was du heute probieren möchtest. Du bist doch hier, um etwas zu kaufen, oder?«

»Ich … äh … ja, natürlich. Also, was empfiehlst du mir?«

»Probier etwas von unseren Neuigkeiten«, sagte sie. »Hier, in der Vitrine an der Seite. Da stehen jedes Mal auch längere Erklärungen dabei.«

Robert wandte sich der Vitrine zu, ließ seinen Blick über die Auslage wandern und sagte schließlich: »Ich nehme von jedem ein Stück.« Er schien erleichtert zu sein, diesen Teil hinter sich zu haben und sich wieder Friederike zuwenden zu können.

So nervös und unruhig kannte sie ihn nicht. Bei seinen bisherigen Besuchen war er die Ruhe selbst gewesen und hatte genau gewusst, was er kaufen wollte. Jetzt trat er unschlüssig von einem Fuß auf den anderen und schien nicht zu wissen, wohin mit seinen Händen.

Sie war entschlossen, sich von seiner Unruhe nicht anstecken zu lassen, aber sie merkte schon, als sie mit ihrer Zange nach der ersten Praline griff, dass sie vorsichtig sein musste, denn die fiel ihr prompt wieder herunter, was Robert zum Glück nicht zu bemerken schien. Die restlichen Pralinen schaffte Friederike unfallfrei. Sie hatten hübsche kleine Kartons dafür, in dem saßen sie jetzt, eine neben der anderen.

»Als Geschenk soll ich sie ja nicht verpacken, oder?«, fragte sie, was natürlich ein Scherz sein sollte. Er aß ja alles selbst, was er hier kaufte, das hatte er ihnen schließlich schon mehrmals erzählt.

Sein Kopf ruckte nach oben, er sah sie fragend an. »Wie bitte?«, fragte er.

Dieses Mal konnte sie nicht mehr an sich halten. »Was ist denn heute mit dir los?«, fragte sie.

Er wurde wieder rot. »Keine Ahnung, ehrlich nicht«, sagte er. »Ich … ich bin wohl irgendwie durcheinander.«

»Gehts dir nicht gut?«, fragte sie, unwillkürlich besorgt.

Er sah sie an, als hätte er auch diese Frage nicht verstanden, aber er fing sich gerade noch rechtzeitig. »Doch, ich … ich habe nur ein Problem, das ich lösen muss. Entschuldige bitte, du musst ja einen merkwürdigen Eindruck von mir bekommen.«

»Wir haben alle mal einen schlechten Tag«, erwiderte Friederike tröstend und sagte ihm, was er zu bezahlen hatte.

In diesem Moment ertönte die Türglocke, zwei ältere Damen kamen herein, Anna kehrte in den Verkaufsraum zurück, und Robert bezahlte mit einem Hunderteuroschein.

»Hast du es nicht kleiner?«, fragte Friederike.

»Wie bitte? Ich … äh … wie viel bin ich dir schuldig?«

Sie wunderte sich über nichts mehr, er war eindeutig völlig von der Rolle. Sie sagte ihm die Summe noch einmal, er kramte einen kleineren Schein aus seiner Hosentasche und ging dann ohne seine Pralinen zur Tür.

»Robert, deine Pralinen!«

Er fuhr herum wie ertappt, sie sah, dass er ein weiteres ›wie bitte?‹ auf der Zunge hatte und hielt deshalb die Schachtel in die Höhe. Noch einmal schoss ihm das Blut in die Wangen, er kehrte zurück, schnappte sich die Pralinen, nuschelte etwas Unverständliches und floh aus dem Laden.

Als auch die beiden älteren Kundinnen sich verabschiedet hatten, fragte Anna: »Was war denn mit Robert los?«

»Das habe ich mich auch gefragt«, erwiderte Friederike. »Er war völlig abwesend, hat nicht zugehört, wenn ich was gesagt habe und jedes Mal ›wie bitte‹ gefragt. Etwas muss ihm zu schaffen gemacht haben, er hat ja am Ende sogar seine Pralinen vergessen.«

Anna öffnete bereits den Mund, um eine Vermutung über die Gründe für Roberts merkwürdiges Verhalten zu äußern, doch sie schloss ihn wieder, als neue Kundschaft hereinkam. Außerdem schadete es auch nicht, wenn sie, was sie dachte, noch eine Weile für sich behielt.

*

Fiona Marschall war vier Jahre alt und ließ sich von ihrer Kinderärztin, Dr. Antonia Laurin, freiwillig in den Hals blicken. Sie sagte laut ›ah‹ und war sehr zufrieden, als sie hörte, ihr Hals sehe wieder völlig gesund aus.

»Das wusste sich schon vorher«, teilte sie Antonia mit, »weil, mir tut nämlich der Hals nicht mehr weh.«

»Vielleicht wirst du später ja auch mal Ärztin«, meinte Antonia.

»Nein!«, erklärte Fiona entschieden. »Viele Kinder weinen, wenn sie bei euch sind, das ist nichts für mich. Ich will es lustig haben.«

Fionas Mutter Kirsten lächelte, während sie dieser Unterhaltung zuhörte, mischte sich aber nicht ein.

»Und wo ist es lustig?«, erkundigte sich Antonia, während sie auch noch die Atemgeräusche des Mädchens überprüfte.

»Im Zirkus!«, antwortete Fiona prompt. »Oder ich kaufe mir eine Hüpfburg und vermiete die an andere Kinder, da wird fast immer nur gelacht, und ich verdiene viel Geld.«

»Ich sehe, du hast Pläne«, sagte Antonia. »Gut so, Fiona, du bist in bester Verfassung und darfst wieder in die Kindertagesstätte gehen.«

»Endlich, es war so langweilig zu Hause«, sagte Fiona. »Und ich konnte meine Freundinnen und Freunde nicht sehen und ich hatte Schmerzen und war immer müde und meine Mama war genervt, weil sie nicht richtig arbeiten konnte.«

»Stimmt«, gab Kirsten Marschall zu, »es war für uns alle anstrengend, weil nämlich die Babysitterin keine Zeit hatte und du eine anstrengende Patientin bist, mein Engel.«

Fiona warf ihrer Mama einen finsteren Blick zu. »Ich war ja auch krank!«

»In den letzten Tagen hast du dich vor allem gelangweilt, da warst du nicht mehr so sehr krank, Schätzchen. Und jetzt komm, Frau Dr. Laurin hat noch sehr viele andere Patientinnen und Patienten zu behandeln.«

»Aber ich will noch hierbleiben«, sagte Fiona. »Kann ich?« Sie warf Antonia einen hoffnungsvollen Blick zu. Fiona kam gern in die Praxis, weil es hier so viele interessante Dinge zu sehen gab.

»Heute leider nicht, da hat deine Mama schon recht«, antwortete Antonia. »Das Wartezimmer ist voll, Fiona, und du bist ja jetzt wieder gesund. Ich wünsche dir morgen viel Spaß in der Kindertagesstätte mit deinen Freundinnen und Freunden.«

Diese Aussicht ließ die Kleine ihren kurz zuvor geäußerten Wunsch, noch zu bleiben, vergessen. Bereitwillig ließ sie sich von der Untersuchungsliege heben und gleich darauf von ihrer Mutter, die Antonia einen leisen Dank zuflüsterte, aus dem Sprechzimmer führen.

Antonia machte sich lächelnd ein paar Notizen. Kinder wie Fiona, die so ungehemmt ihre Wünsche äußerten, machten ihr Freude. Aber sie konnte sich auch sehr gut vorstellen, dass das kleine Mädchen zuweilen eine echte Nervensäge war.

Als sie Anstalten machte, ihr Sprechzimmer zu verlassen, erschien Carolin Suder an der Tür, die die Praxis hervorragend organisierte und über den Terminkalender wachte, den sie für Antonia, ihre Partnerin Maxi Böhler und ihren gemeinsamen Angestellten Valentin McGregor, allgemein nur Mac – oder, von den Kindern und deren Eltern, ›Dr. Mac‹ – genannt, führte. »Das war Ihre letzte Patientin für heute, Frau Doktor«, sagte Carolin. »Die Klingers haben abgesagt. Aber Dr. Mac könnte Hilfe gebrauchen, er hatte vorhin einen Notfall. Könnten Sie einen Dreijährigen mit Fieber und Durchfall übernehmen?«

Antonia nickte, und gleich darauf hatte sie alle Hände voll damit zu tun, nicht nur den kleinen Jungen zu beruhigen, der jämmerlich schrie, sondern auch seine völlig aufgelöste Mutter. Die Sache endete damit, dass der Junge in die Kayser-Klinik überwiesen wurde, die Antonias Mann Leon leitete. Ihre Praxis war nicht nur räumlich mit der Klinik verbunden, sie arbeiteten auch eng zusammen, was viele Vorteile brachte.

So auch jetzt: Der Junge hatte viel zu viel Flüssigkeit verloren es stellte sich heraus, dass er schon seit dem vergangenen Tag unter starkem Durchfall litt. Ein Notfall also. Sie sprach selbst mit dem Leiter der Notaufnahme, Timo Felsenstein, der versprach, sich persönlich um den Kleinen zu kümmern.

»Und um die Mutter muss sich auch jemand kümmern«, setzte Antonia leise hinzu. »Die Mutter ist außer sich, macht sich Vorwürfe und weint nur. Ich glaube, sie hatte Angst, zum Arzt zu gehen.«

»Danke für den Hinweis, Antonia«, sagte Timo. »Marie hat Dienst bei uns.«

»Ach, was für ein Glück«, erwiderte Antonia.

Als sie sich an ihren Schreibtisch setzte, merkte sie erst, wie müde sie war. Es war, wieder einmal, ein langer und anstrengender Tag gewesen.

*

Timo Felsenstein hatte dem dreijährigen Nikolai, der ihnen aus der Kinderarztpraxis geschickt worden war, sofort eine Infusion angelegt. Der Junge bekam außerdem Medikamente gegen den Durchfall, während sie sein Blut und seinen Stuhl untersuchten, um herauszufinden, was die Ursache für seine Erkrankung war.