Wisch und Weg - Maria Antas - E-Book

Wisch und Weg E-Book

Maria Antas

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15,99 €

Beschreibung

Maria Antas‘ Reise in die Welt des Putzens beginnt in der Kindheit. Als mit Eimer und Schrubber hantiert wurde, die Mutter den Boden noch auf Knien scheuerte, der Teppichklopfer aus Weidenholz zum Einsatz kam. Die Teppichstange Kindern als Turngeräte diente. Nach dem Wochenputz am Freitag am Sonntag noch einmal „aufgefrischt“ wurde (meistens vom Vater), weil es ganz normal war, dass unangemeldet Gäste hereinschneiten.

Zu Hause roch es frisch, alles glänzte, die Bettwäsche knisterte. Alles hatte seine Ordnung. Und Putzen war eine Tugend.

Heute heißt Ordnung Feng Shui und das Putzen delegiert man am liebsten an andere. Nicht so Maria Antas. Es ist eine Freude, zu sehen, wie sie aus dem Putzen wieder eine Tugend macht. Wie sie zu traditionellen Methoden zurückkehrt und trotzdem ein Loblied auf die Mikrofaser singt. Wie sie sich über die neuen bunten Flaschen der Putzmittel freuen kann. Wie sie ihrer Leidenschaft fürs Mangeln frönt. Und sich schließlich doch zerknirscht eingestehen muss, dass sie auf die nächste Folge von „Downton Abbey“ verzichten will, weil ihr nicht gefällt, wie dort das weibliche Putz- und Küchenpersonal vorgeführt wird.

Maria Antas Geschichten rund ums Putzen, von Kat Menschik hinreißend farbig illustriert, präsentieren nicht nur eine beschwingte Anleitung zum Putzen, sondern auch eine heitere, aber ernst zu nehmende Kulturgeschichte des Putzens. Sie zeigt, wie sich unser Alltag, und damit unser Putzverhalten, verändert hat. Ihre Geschichten wecken selbst bei der mordernsten Leserin den Wunsch, sich auf der Stelle eine Mangel anzuschaffen und sich in selbstbestickte Bettwäsche zu legen.

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Seitenzahl: 191

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Maria Antas’ Reise in die Welt des Putzens beginnt in der Kindheit. Als mit Eimer und Schrubber hantiert wurde, die Mutter den Boden noch auf Knien scheuerte, der Teppichklopfer aus Weidenholz zum Einsatz kam. Die Teppichstange Kindern als Turngerät diente. Als nach dem Wochenputz am Wochenende noch einmal alles »aufgefrischt« wurde (meist vom Vater), weil es ganz normal war, dass unangemeldet Gäste hereinschneiten.

Zu Hause roch es frisch, alles glänzte, die Bettwäsche knisterte. Alles hatte seine Ordnung. Und Putzen war eine Tugend.

Heute heißt Ordnung Feng Shui und das Putzen delegiert man am liebsten an andere. Nicht so Maria Antas. Es ist eine Freude, zu sehen, wie sie aus dem Putzen wieder eine Tugend macht. Wie sie zu traditionellen Methoden zurückkehrt und trotzdem ein Loblied auf die Mikrofaser singt. Wie sie ihrer Leidenschaft fürs Mangeln frönt. Aber auf die nächste Folge von Downton Abbey verzichten will, weil ihr nicht gefällt, wie dort das weibliche Putz- und Küchenpersonal vorgeführt wird.

Maria Antas’ Geschichten rund ums Putzen, von Kat Menschik hinreißend illustriert, bieten nicht nur eine beschwingte Anleitung zum Saubermachen, sondern auch eine heitere, aber durchaus ernst zu nehmende Kulturgeschichte des Putzens. Ihre Geschichten wecken selbst bei der modernsten Leserin den Wunsch, sich auf der Stelle eine Mangel anzuschaffen und sich zwischen frisch gestärkter und selbstbestickter Bettwäsche auszustrecken.

Maria Antas, geboren 1964, lebt in Berlin und, mit ihrer Familie, in Helsinki. Die Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin und Journalistin war lange Jahre Projektleiterin bei FILI (Finnish Literature Exchange) und verantwortlich für das Literaturprogramm FINNLAND.COOL – Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2014.

Kat Menschik, geboren 1968, lebt mit ihrer Familie in Berlin und auf dem Land. Sie arbeitet für Zeitungen, Magazine und Buchverlage. Zuletzt ist im Insel Verlag erschienen: Veronique Witzigmann und Kat Menschik, Das Marmeladenbuch.

Ursel Allenstein, geboren 1978, lebt in Hamburg. Sie übersetzte u.a. Kim Leine, Kjersti Annesdatter Skomsvold und Sara Stridsberg. Für ihre Übersetzungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Maria Antas

Wisch und weg

Ein Buch über das Putzen

Aus dem Finnlandschwedischen von Ursel Allenstein

Mit Illustrationen von Kat Menschik

Insel Verlag

Titel der Originalausgabe:

En stor bok om städning

First published by Schildts & Söderströms, Helsingfors 2013

Die Originalausgabe wurde für die deutsche Fassung in Zusammenarbeit mit der Autorin vollständig durchgesehen.

Der Verlag dankt FILI – Finnish Literature Exchange für die Förderung der Übersetzung

eBook Insel Verlag Berlin 2015

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2015.

© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Berlin 2015

© Maria Antas 2013

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Der Verlag weist darauf hin, dass dieses Buch farbige Abbildungen enthält, deren Lesbarkeit auf Geräten, die keine Farbwiedergabe erlauben, eingeschränkt ist.

Umschlag: Kat Menschik

eISBN 978-3-458-74165-7

www.insel-verlag.de

Tag I

Ich putze auf den KnienIch knie vor der Toilette und versprühe ein Putzmittel, das den Schmutz aus den Fugen zwischen den kleinen Kacheln lösen soll. Wer um alles in der Welt ist schuld daran, dass die Kacheln so klein sind, drei mal drei Zentimeter? Der Vermieter natürlich. Aber ich habe auch meinen Teil dazu beigetragen: Ich hätte wissen müssen, dass man in Fugen Ruß, Fett, Menschen- und Hundehaare, Hautpartikel und abgeschnittene Nägel besonders gut sehen kann. Meine Fugen sind, wie üblich, schwarz-grau.

Ich lasse das Wundermittel auf den Schmutz einwirken, spritze etwas Wasser aus der limettengrünen Plastikflasche auf den Boden und hoffe, dass es den Partikeln ordentlich zu Leibe rückt. Ob das funktioniert?

Einige Minuten später, inzwischen habe ich die Wäsche sortiert, nehme ich die Spülbürste zur Hand und fange an, den Schmutz aus den Fugen zu schrubben. Jetzt nehmen die weißen Borsten den Dreck auf, am Bürstenkopf sammelt sich eine schwarze Masse. Eigentlich müsste ich sie jetzt herauspulen, ohne mich allzu sehr davor zu ekeln. Aber immer mit der Ruhe. Eine Bürste kann viel Last aufnehmen, und da soll sie auch bleiben, bis auf weiteres.

Ich weiß viel über das Putzen, doch inzwischen sträube ich mich dagegen, meine Theorie in die Praxis umzusetzen. In den Sechziger- und Siebzigerjahren, in denen ich aufgewachsen bin, war in Kinderliedern, Büchern und anderem pädagogischen Material viel von Tugenden die Rede. Im Volksschullesebuch meines Bruders gab es eine Erzählung über eine Putzfrau, ich glaube, sie hieß Mina. Über den Inhalt weiß ich nicht mehr viel, nur dass es eine Mina gab, die den Boden auf Knien scheuerte.

Ein anderes Idol war Kungens lilla piga, die kleine Magd des Königs. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses eintönige Lied über deren Fleiß und Genügsamkeit heute noch in den Kindertagesstätten gesungen wird. Sie putzt, füttert die Katze, bringt dem kleinen Prinzen das Laufen bei und wacht auch dann noch, wenn alle anderen längst schlafen. Vor allem aber hat sie »blendende Laune«. Unsere heutige Kinderwelt funkelt auch, aber in den letzten Jahren bin ich darin nicht gerade oft auf Putzfrauen, Mägde und andere fleißige Frauen gestoßen.

Tugenden sind langweilig geworden. Niemand will mehr rechtschaffen sein, denn rechtschaffen ist dumm. Und dumm sollte man nicht sein, smart sein ist viel angesagter. Einer der rechtschaffensten Menschen, den ich kenne, hat es mir übel genommen, als ich seine Fürsorge für seine vergessliche alte Mutter und einen behinderten Freund als »rechtschaffen« bezeichnet habe.

Natürlich sind Kacheln im Bad schön; sie glänzen hübsch und verkörpern Hygiene, genau wie in Krankenhäusern. Aber diese grauen Fugen stimmen mich doch nachdenklich. Sind sie ein Familienstresstest? Es ist schon merkwürdig mit den verschiedenen Materialien und ihrer Aura. Die ersten Innentoiletten neben den winterlich kalten Windfängen meiner Verwandten auf dem Land waren noch in den Siebzigerjahren mit Plastik ausgekleidet und rochen mild nach Kuhstall. Sie waren rein, weil die Materialien glatt und zuverlässig wasserdicht waren. Auf dem Boden lagen dicke Gummimatten, die Wände waren halbhoch mit großen Plastikplatten Kante auf Kante verkleidet. Leicht sauber zu halten, sehr leicht. Kaum Fugen.

Wie die Putzfrau Mina war auch meine Mutter der Meinung, es sei am besten, den Boden auf den Knien zu wischen. Für Staubsauger und Wischmopps mit langem Stiel hatte sie nicht viel übrig. Wir zogen einen alten Pullover über die Scheuerbürste, damit der Staub nicht aufgewirbelt wurde. Dann holten wir den Eimer und das Putztuch, das aus einem weiteren alten Kleidungsstück (zumeist ein Herrenunterhemd) bestand. Anschließend wurde sorgfältig geschrubbt und gescheuert. So konnte man die Flecken aus nächster Nähe mühelos erkennen und zusehen, wie sie sich lösten und im Putztuch verschwanden. Wenn man leicht gebeugt anderthalb Meter über dem Boden einen Mopp in der Hand hält, geht das nicht. Außerdem hatten Mina und die kleine Magd des Königs mir vorgeführt, wie schön es ist, ordentlich zu wienern, auf den Knien. Ich war ein Profi.

Beim Putzen ging es immer schon um die richtigen Geräte und Reinigungsmittel. Mittlerweile wische ich mit Mikrofasermopps, die auf glatten Oberflächen den Staubsauger ersetzen können. Was die Staubsauger betraf, hatte meine Mutter natürlich recht, denn manche von ihnen bliesen die Partikel, kaum hatte man den Staub mit der Düse eingesaugt, durch den Filter wieder zurück ins Zimmer. Heutzutage sind die Geräte wohl technisch ausgereifter.

Es ist oft nicht einfach, die Innovationen auf dem Reinigungsmarkt richtig einzuschätzen. Ich habe den Verdacht, dass ich für das Testen der neusten Putzgeräte und Putzmittel in bunten Flaschen genauso anfällig sein könnte wie die Leute, die regelmäßig ihre Handys und Fernseher austauschen. Was da alles in den Ladenregalen lauert: all die verschiedenen Milchprodukte, Brotbeläge, Kartoffelchips – und Putzsachen. Von ein und demselben Mittel gibt es so viele Sorten, dass ich sie kaum überblicken kann, wenn ich vor dem Regal eines Supermarktes stehe. In den Internetshops verliere ich schon nach ein paar Minuten die Übersicht. Vielleicht braucht man für das perfekte Putzen nicht mehr als ein ausgedientes Unterhemd, das zwischendurch gründlich gewaschen und auf dem Balkon getrocknet wird. Aber auf meinen Mikrofasermopp will ich doch nicht verzichten. Nicht alle alten Gewohnheiten sind es wert, dass man sie beibehält.

Ich war Au-pair in einem anderen Land. Die Familie bestand nur aus zwei Personen, ein Ehepaar in den Sechzigern. Bei ihnen gab es eine Abstellkammer, eigentlich eher ein kleines Zimmer mit Regalen vom Boden bis zur Decke. Darin standen unterschiedliche Flaschen und Gerätschaften, die allesamt etwas mit Sauberkeit zu tun hatten. Die Dame des Hauses war Ärztin, also war es nur verständlich, dass ihr Hygiene auch in den eigenen vier Wänden wichtig war. Andererseits: Wie viel Schmutz können zwei Menschen, die um achtzehn Uhr von der Arbeit kommen, bis zum Zubettgehen machen? Ziemlich viel offenbar. Jeden Tag ging ich nach meinem Sprachkurs zu ihnen nach Hause, aß gemeinsam mit der Frau zu Mittag und begann um dreizehn Uhr mit dem Putzen. Gegen halb sechs löschte ich die Lampen und kehrte zurück in meine Wohnung. Jeden Tag dasselbe Programm. Vorher ging die Ärztin stets eine Liste über die mangelhaft ausgeführten Putzaufgaben vom Vortag mit mir durch. Sie zeigte mir Streifen, Flecken und Staub, die meinem Blick und meinen Lappen entgangen waren. Beschämt stand ich daneben, betrachtete mein Versagen und gelobte, meine Sache am nächsten Tag besser zu machen.

Es genügte dem Arztpaar nicht, wenn ich im Badezimmer eine Bürste benutzte, um das Waschbecken, die Toilette und den Duschabfluss zu reinigen. Es musste natürlich eine Zahnbürste sein. Beim Militär wurde die Zahnbürste früher als Putzgerät eingesetzt, sie war ein Symbol der Demütigung. Aber das war zu einer Zeit, als die Armee noch keine Frauen rekrutierte, und es schien mich nichts anzugehen. Jetzt werkelte ich mit der kleinen Bürste in den Fugen und rings um die Abflüsse herum. Inzwischen bin ich souverän genug, um zum Kloputzen wieder eine normale Bürste zu benutzen. Nie wieder zurück zur Zahnbürste, niemals.

Aber die Zahnbürste und die zahllosen Dosen und Flaschen waren durchaus nützlich, damals, während meiner Zeit als Au-pair. Flecken kann es ja überall geben, selbst unter den Sitzflächen von Stühlen. Dort mit dem Lappen zu wischen, war mir tatsächlich nicht eingefallen. Und die richtige Pflege von Ledermöbeln ist eine Wissenschaft für sich, weil unterschiedliche Polituren zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen führen. Ich habe mehrere Sorten getestet. Wie sich herausstellen sollte, enthielten einige davon Silikon, das die Lederoberfläche allmählich austrocknete und rissig machte. Aber das sah ich nicht mehr mit eigenen Augen, denn ich wurde gefeuert, bevor die Katastrophe ans Tageslicht kam.

In meinem Elternhaus standen das Lüften und Ausklopfen der Teppiche im Mittelpunkt unserer Putzrituale. Jeden Freitag trugen wir unsere Läufer auf den gemeinschaftlichen Putzbalkon des Mietshauses (ob es so etwas immer noch gibt?). Sie wurden lange gelüftet, während wir den Boden unserer Wohnung vom Staub befreiten und dann auf Knien scheuerten. Zum Schluss schüttelten wir den Staub aus den Teppichen, sahen, wie er davonrieselte, und brachten die frische Luft mit in die Wohnung.

Zusätzlich wurden die Läufer in regelmäßigen Abständen auch zu den Teppichstangen im Hof des Mietshauses getragen. Diese Eisenkonstruktionen sind inzwischen wohl auch aus unserem Lebensalltag verschwunden. Die Teppiche wurden über die Stange geworfen, und mit einer merkwürdig gebeugten Körperhaltung attackierten wir mit dem Teppichklopfer noch den hartnäckigsten Schmutz. Wobei wir trotz aller Kraftanstrengung dennoch am liebsten keine Staubwolken sehen wollten. Schande über den, aus dessen Teppichen üppige Staubwolken aufstoben. Denn nach dem Auslüften am Freitag sollte das Ausklopfen auf dem Hof eigentlich nicht mehr nötig sein. Niemand wollte gern vor den Augen anderer Staub aufwirbeln. Wir taten es trotzdem.

Teppichklopfer und Besen sollten von guter handwerklicher Qualität sein. Lange, teilweise bis heute, wurden die Klassiker in Blindenwerkstätten hergestellt. Die Teppichklopfer waren aus Weidenrohr, das den Bewegungen einen Schwung verlieh, der den Plastikmodellen in der Winterkälte versagt blieb; sie erstarrten in ihrer Form und zerbrachen irgendwann. Das Rohr überstand dagegen alle Wetterlagen. Nur das Weidenband, das die ganze Konstruktion zusammenhielt, lockerte sich nach einer Weile und löste sich ab. Dann wurde es durch Gummibänder ersetzt, die der peitschenden Bewegung, mit der ein solcher Klopfer durch die Luft pfeift, ebenfalls standhalten konnten.

Teppichklopfer waren ausgezeichnete Geräte, wenn auch ein wenig überflüssig. Andererseits lockerten sie die Oberfläche des Teppichs, und man hatte einen willkommenen Anlass, mal wieder an die frische Luft zu gehen. Ja, die Ausklopfer waren doch zweifellos nützlich.

Das Design finnischer Besen war schon immer merkwürdig. In Entenhausen hatten die Haushaltsbesen lange komfortable Stiele. In Finnland dagegen waren die Standardbesen nur sechzig oder achtzig Zentimeter lang. Der Stiel verlief in einem feinen Bogen. Das sah zwar schön aus, zwang die Benutzerin jedoch dazu, sich äußerst unergonomisch in Richtung Boden zu beugen. Man hatte keine Chance, seinen Blick in die Ferne schweifen zu lassen, den Träumen entgegen.

Der unbequeme Besen wurde standardmäßig durch eine Schaufel mit einem sehr kleinen Griff ergänzt. Dieser Schaufelgriff war so kurz, dass man sich noch weiter bücken musste, um Besen, Dreck und Schaufel zusammenführen zu können. Seltsamerweise war die Schaufel auch stets schmaler als der Besen, sodass ein Teil des Staubs und Schmutzes immer liegen blieb. Und warum war das so? Weil dieses minimal gestaltete Arbeitspaar in einen kleinen Schrank passen sollte; die Putzkammern gehörten damals noch nicht zur Grundausstattung der Wohnungen, auch nicht der Bauernhöfe.

Meine Güte, was mussten wir Frauen im Laufe der Zeiten knien und buckeln.

Über die Jahre hat eine gewisse Produktentwicklung stattgefunden. Die Firma Sinipiika (die heute Sinituote heißt) brachte in den Sechzigerjahren Putzgeräte auf den Markt, die Rückenbeugen überflüssig machten. Der Stiel der Besen wurde gerader und länger, und auch die entsprechenden Schaufeln wurden mit langen Griffen ausgestattet. Ich muss oft an den ursprünglichen Namen des Unternehmens denken: Sinipiika. Sini oder sininen heißt blau, und das erinnert wie das blaue Firmenlogo an die finnischen Nationalfarben. Der zweite Teil des Namens, piika, die Magd, hat uns Frauen überraschenderweise lange nicht gestört, obwohl dieses Wort genauso veraltet ist wie dicke Wollstrümpfe mit Strumpfband. Laut Firmenchronik war Sinipiika ein Waldwesen, das den Wald säuberte und verschönerte.

In den Achtzigerjahren wurde dem Unternehmen klar, dass man dem Produkt aus Gründen der Gleichberechtigung besser einen anderen Namen gab, weshalb man die Kampagne Sinipoika startete– »blauer Junge«. In einem alten Werbefilm ist eine Gruppe finnischer Männer unterschiedlichen Alters zu sehen. Sie tragen Trainingsanzüge in den Farben der finnischen Nationalmannschaft und Sportschuhe. Ihr Putzgerät mit den langen Stielen haben sie erst wie Waffen geschultert und schieben es schließlich tanzend und feudelnd zu den Klängen eines Wiener Walzers durch die Wohnung, bis die Tür geöffnet wird und ein weiblicher Vamp im Look der Zwanzigerjahre hereinspaziert. Statt des Walzers ertönt jetzt hektische Klaviermusik wie in einem Stummfilm. Den Männern vom Putztrupp steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Der Vamp weist sie mit strengem Blick auf einen Schmutzfleck auf dem Teppich hin, und die Männer begreifen: Sie haben nicht ordentlich geputzt. Sie schämen sich.

In der Werbung stoße ich immer wieder auf dieselben Klischees über Männer und Frauen. Und selbst wenn die Rollen vertauscht werden, bleibt das Drehbuch doch dasselbe.

Vor ein paar Jahren fand ich bei IKEA – wo sonst – einen Besen, der mich an den Besen von Donald Duck erinnerte. Der Stiel hat meine Länge. Der Besen ist genauso breit wie die Schaufel, deren Stiel mir bis zur Hüfte reicht. Perfekt. Noch dazu ist dieses Putzset ansprechend rot. Allerdings bildete sich in der Schaufel – wie vorauszusehen war – schon nach kurzer Zeit ein Riss, sodass der Dreck nun teilweise darunter landet anstatt darauf.

Wie es um die Personalstärke der Blindenwerkstätten bestellt ist, weiß ich nicht, aber ich hoffe, dass sie ihre Produktpalette erweitern werden, sodass eines Tages alle, Frauen wie Männer, mit rankem Rücken und mit Geräten aus Holz fegen können. Der Stiel der klassischen Besen ist elegant und schön, aber nach wie vor höchstens achtzig Zentimeter lang. Und damit eindeutig zu kurz.

Das Geräusch des Teppichklopfens klingt heute genauso ungewohnt wie die schrillen Schreie spielender Kinder in Innenhöfen.

Letzten Sommer spielten plötzlich einige Kinder aus unserem großen Mietshaus nachmittags im Hof. Ball, Springseil, Fangen, auf den Geräteschuppen klettern, Balanceakte in Abwesenheit der Eltern. Manchmal irritierten mich ihre Geräusche. Ich wohne im Erdgeschoss, und die Kinderstimmen hallten zwischen den Wänden wider, wie es auf einem von hohen Häusern umgebenen Innenhof nun einmal so ist. Sie drangen durch das offene Fenster, und ich konnte mich nur schwer auf das Buch konzentrieren, das ich, auf dem Bett liegend, las. Ich schämte mich meiner engstirnigen Gereiztheit – hatte ich mir doch stets mehr Leben, mehr Schönheit, Sitzgelegenheiten und Klettergerüste in unseren Innenhöfen gewünscht, die allzu oft nur von Asphalt und parkenden Autos geprägt waren. Ich war selbst in die Falle der Ästhetisierung meines urbanen Alltags getappt: Er sollte angenehm und schön sein, und am liebsten auch möglichst leise.

Wohnzeitschriften, Gartenmagazine ebenso, machen einem das Leben schwer. Sie erheben die Ästhetisierung des Privaten zur Norm und verursachen mir Atemnot. Ich sehe durchaus ein, dass die Zeitungen mit ihren hübschen Bildern anregend und inspirierend sein können, genau wie Carl Larssons Gemälde vom Hof Sundborn, in dem er mit seiner Frau Karin lebte und das bei den Menschen die Lust weckt, ihr Heim zu verschönern, und das schon seit hundert Jahren. Doch all diese schönen Bilder erzeugen mit der Zeit auch Schamgefühle, wenn sich die eigene schmutzige Wirklichkeit nicht mit den durchgestylten Wohnungen messen kann. Glauben Sie mir ruhig, ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe schon auf beiden Seiten gestanden.

Vor einigen Jahren wurde unser Sommerhaus in der kleinen Hafenstadt Hanko für die Zeitschrift Maalaisunelma, Landleben, fotografiert. Ein bisschen lustig ist es schon, dass ausgerechnet unser kleines Haus, das im Zentrum von Hanko an einer der beiden großen Durchfahrtsstraßen liegt, in diesem Magazin präsentiert wurde. Seine Lage ist, gelinde gesagt, städtisch. Aber wir haben es mit Flohmarktmöbeln und alten Handarbeiten ausgestattet und gaben ihm damit den Anschein eines Landhäuschens, wie es vor ein paar Jahrzehnten ausgesehen haben mochte. Und ich räume gerne ein, dass auch ich hin und wieder einen nostalgischen Blick zurückwerfe und darüber nachdenke, wie die guten Dinge aus früheren Zeiten in einer ultramodernen Welt wieder zum Einsatz kommen könnten.

Es kam der Tag der Aufnahmen. Der Fotograf und die Journalistin waren freundlich, sie lobten unser kleines Haus, und dann wurde es fotografiert, von außen und innen, Zimmer für Zimmer. So wurde ein Idyll für die Leser von Maalaisunelma geschaffen. Mein Mann, der im Sommer für gewöhnlich Bücher schreibt, zeigte seinen Schreibtisch mit der frisch abgeschliffenen und geölten Platte. Die ganze Familie versammelte sich zum Nachmittagskaffee auf der Veranda. Das Licht war mild, der Kaffee war gut; jeder konnte sich ein Bild davon machen, wie schön unser Leben war.

Die Bilderstrecke später war wunderbar, der Text ebenso. Vor dem Fototermin hatte ich allerdings geputzt wie eine Irre und Blumen und Kräuter in patinierten Metalltöpfen gekauft. In einer Einrichtungsreportage dürfen echte Pflanzen nicht fehlen, die Zeitschriftenredaktion hatte mir für diese Aktion fünfzig Euro zur Verfügung gestellt.

Ich wäre beinahe neidisch auf die Menschen in dem kleinen Haus geworden, hätte ich nicht selbst darin gewohnt.

Zwei Jahre später breitete sich ein merkwürdiger Geruch im Haus aus. Da mein Mann nicht gern schlechte Nachrichten hört, erwähnte ich den immer aufdringlicher werdenden Mief, den ich mit Schimmel in Verbindung brachte, mit keinem Wort. Die Quelle des Übels verortete meine Nase unter dem Küchenfußboden. Als einige Tage später mein kluger Schwiegervater zu Besuch kam, brachte ich den Gestank, den ich zu bemerken glaubte, zur Sprache. Ja, doch, mein Schwiegervater hatte es auch gerochen, ebenso mein Mann, und zwar schon länger. Aber er hatte mich nicht beunruhigen wollen. Mitunter sind der Gemahl und ich ein wenig zu rücksichtsvoll im Umgang miteinander. Andererseits spart man Energie für schlechtere Zeiten, wenn man nicht viel Aufhebens macht um kleinere dunkle Wolken am Horizont wie Modergeruch in der Küche.

Und schlechte Zeiten kommen immer, so auch diesmal. Der Schimmelgeruch war nicht mehr zu leugnen, und gleichzeitig hatten sich viele Gäste angesagt. Sie ins Haus zu lassen, wagten wir nicht, denn Schimmel ist gesundheitsschädlich. Doch als gute Gastgeber richteten wir die Einladung trotzdem aus – Fenster und Türen standen weit offen, und es wurde eine Art Gartenfest daraus. Zum Glück ist ein Sommeressen leicht zuzubereiten, man braucht keine aufwendigen warmen Gerichte. Bei Sommerfesten kann man eigentlich kaum etwas falsch machen.

Nach dem Fest wurden wir mit der grausamen Wirklichkeit konfrontiert. Die Männer von der Baufirma krochen unter das Haus und holten Teile von Balken hervor, die einmal aus frischem Holz gewesen waren. Jetzt waren sie trocken wie Zunder und zerbröselten, sobald man sie anfasste. Wir hatten in unserer Küche buchstäblich auf Luft gestanden, der Boden und wir hätten jederzeit ins Dunkel des Kellers stürzen können.

Schimmel hatten wir nicht unter der Küche, aber der gesamte Unterbau war schlicht und ergreifend durchgefault. Ein paar Wochen später rief der Mann von der Baufirma noch einmal an und berichtete, dass sich die Fäulnis auch auf Teile der Außenwand und unter dem gesamten Wohnzimmerboden ausgebreitet hatte.

Unser Idyll stank nicht nur, es war auch verrottet. Aber die Bilder waren schön: Wir spiegelten uns im eifrigen Blick des Fotografen, und wir waren sehr glücklich. Der Schein trog nicht in jeder Hinsicht.

Im darauffolgenden Sommer wurde in einer anderen Wohnzeitschrift ein weiteres Haus in Hanko präsentiert. Es war die Reportage über eine Familie aus Helsinki, die ihren Wohnort gewechselt und damit auch ihr Leben verändert hatte. Die Einrichtung war geschmackvoll rustikal und maritim, so wie es dem Stil einer legendären Hafenstadt entspricht. Die Krux des Ganzen – das, was mich quälte, als ich den Text las und das schöne Interieur betrachtete: Das Haus stand zur selben Zeit schon zum Verkauf. Die Eltern hatten sich scheiden lassen, übrig waren nur die hübschen Hochglanzbilder und eine bereits veraltete Familiengeschichte.

Trauen Sie niemals den Reportagen in Wohnzeitschriften. Entweder ist vor den Aufnahmen ein großes Reinemachen veranstaltet worden oder kurz danach.

Zur idyllischen Familie gehören natürlich auch die Kochzeitschriften. Ich ignoriere sie vornehm, obwohl ich für ein gutes Essen zu haben bin.

Einige dieser Zeitschriften weigern sich konsequent, ihre Leserinnen und Leser mit hyperästhetischen Fotos von Rezepten und Tipps zu gängeln. Es gibt sie seit Jahrzehnten und sie scheinen die einzige Nische in der Medienkultur zu sein, die man nie parodiert hat wie alle möglichen Schlager, Kirchenlieder und Kunstwerke. Aus diesen Wochenblättern kann niemand etwas anderes machen als das, was sie sind. Sie verkörpern eine Rustikalität, an die sich niemand heranwagt.

Jedenfalls geht es darin ums Essen. Nichts wird drapiert und auf Designergeschirr angerichtet, und es gibt auch keinen stilvoll gedeckten Tisch vor einer Wand im Cappuccino-Farbton. Ins Bild gesetzt ist nur das Gericht, um das es geht, sonst nichts. Es sieht nicht immer appetitlich aus, beileibe nicht, aber eigentlich spielt das auch keine größere Rolle, denn der Leser soll seinen Blick schließlich schnell auf das Rezept richten. Kein Schnickschnack.