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Es gibt einen Wunschbrunnen, der direkt in die Hölle führt. Ich habe eine Münze hineingeworfen. Würde ich nicht empfehlen.
So viel weiß ich sicher:
– Die Apokalypse steht bevor.
– Luzifer ist echt.
– Und vielleicht bin ich die letzte Hoffnung der Menschheit.
Mein Gap Year läuft also … großartig.
Um den letzten Krieg zwischen Engeln und Dämonen zu verhindern, muss ich in die Unterwelt hinabsteigen (ganz lässig), dem leibhaftigen Teufel gegenübertreten (kein Druck) und die Seele der Frau retten, die den Wunsch ausgesprochen hat, durch den ich überhaupt erst auf die Welt kam.
Der Preis für einen Wunsch ist keine Münze – sondern eine Seele. Und es könnte am Ende meine Seele sein, die gerettet werden muss.
Aber ich bin nicht mehr das Mädchen, das ich einmal war. Ich bin nicht nur Stella. Ich bin auch Vitrella. Und ich bin bereit, die ganze Prophezeiung in Flammen aufgehen zu lassen, wenn das bedeutet, die Menschen zu retten, die ich liebe.
WISHING HELL – EIN ENGEL BRENNT DURCH ist der explosive dritte Band der AVERAGE-ANGEL-REIHE – einer YA Paranormal Urban Fantasy. Wenn du epische Quests in die Unterwelt, apokalyptische Wendungen und eine furchtlose Heldin liebst, die für ihre Familie kämpft, wirst du Felicity A. Greens höllisch gutes Finale verschlingen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Felicity A. Green
Wishing Hell
Ein Engel brennt durch
AVERAGE ANGEL Buch 3
© Felicity Green, 2025
A. Papenburg-Frey
Schlossbergstr.1
79798 Jestetten
www.felicitygreen.com
Cover: Goonwrite.com
Dieses Buch ist vormals unter dem Titel WUNSCHBRUNNEN - AVERAGE ANGEL (2017) sowie in dem Sammelband AVERAGE ANGEL erschienen, wurde aber komplett überarbeitet.
Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Epilog
Leseprobe Eichenweisen: Connemara-Saga
Ich hatte nur wenige Erinnerungen an meine Mutter. Sie starb, als ich noch sehr klein war.
Das Einzige, woran ich nie gezweifelt hatte, war ihre Liebe zu mir. Sie hatte sich mich so sehr gewünscht, dass sie einen Pakt mit dem Teufel eingegangen war. Ich war ihr Sternschnuppenwunsch – was in den Aufgabenbereich des Engels Vitrella gefallen war. Es war so ein mächtige Wunsch gewesen, dass Vitrella sich selber geopfert hatte. Sie selber war als Sternschnuppe zur Erde zurückgekehrt, damit meine Mutter mich empfangen konnte.
Im Grunde hatte meine Mom Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um mich zu bekommen.
Sie musste mich lieben, oder?
Nur … als ich meiner Mutter endlich in die Augen sah, sah ich keine Liebe.
Ich sah nichts.
Ja, die Frau, die dort vor mir in dieser Höhle der Unterwelt stand, war meine Mutter. Sie sah aus wie sie. Aber sie war nur eine Hülle.
Es war nichts mehr von dem wunderbaren Menschen da, der sie einmal gewesen war – nicht mal ein winziger Funke.
Während sie sich körperlich gegen ihre Rettung durch mich wehrte, kämpfte ich darum, meinen Glauben festzuhalten. Glauben zu verlieren bedeutete, meine Gnade zu verlieren – meinen einzigen Schutz gegen die Dämonen. Und dann wäre alles vorbei. Nicht nur für mich, sondern für alle. Die komplette Menschheit: ausgelöscht.
Aber an diesem Glauben festzuhalten? Das wurde mit jeder Sekunde schwerer. Die Mächte, die im Hintergrund die Fäden zogen, hatten mir schon längst mehr genommen als nur meine Mutter.
Sie hatten ihr, mir, uns allen das letzte echte Bollwerk gegen das Böse gestohlen: die Hoffnung.
An dem Tag, an dem ich mich verpflichtete, diesen verhängnisvollen Wunsch zu erfüllen, frühstückte ich mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester Marie. Als wären wir eine ganz normale Familie.
Meine Schwester Anna war vor fünf Monaten unerwartet und gewaltsam gestorben, und wir hatten gerade erst angefangen, uns vorsichtig in Richtung einer Routine zu tasten, die man vielleicht mit viel gutem Willen als Alltag hätte bezeichnen können.
Ich sage »vielleicht«, weil das, was Außenstehende wohl als ruhige, angenehme Stille bezeichnet hätten, in Wirklichkeit einfach nur … Abwesenheit war.
Früher war es bei uns lebendig. Meine Stiefmutter Allison hätte es »laut« genannt (mit einer Prise »bitte benutzt eure Drinnen-Stimmen, bevor ich explodiere«). Die Morgen waren chaotisch: Allison versuchte, sich für ihren Teilzeitjob im Rathaus fertig zu machen, während sie ein ordentliches Frühstück und Lunchpakete für Marie (sieben), Anna (zehn, als sie starb) und mich zubereitete. Dabei kam ich – achtzehn und mit einem Job im Diner – eigentlich selbst ganz gut klar.
Mein Vater, der ruhige Anker unserer Familie, hatte früher ab und zu hinter seiner Zeitung hervorgeschaut und einen trockenen Spruch gebracht. Jetzt behandelte er die Zeitung wie eine Bunkerwand und schwieg komplett.
Allison – die effiziente, vernünftige Allison – hatte sich eine neue Angewohnheit zugelegt: mitten in einer Bewegung einfach einzufrieren und mit leerem Blick vor sich hinzustarren.
So wie jetzt. Sie war mitten im Toastschmieren stehen geblieben, das Messer in der Hand. Die Himbeermarmelade schwebte quasi über Maries Teller. Marie starrte auf das Brot, dann auf Allison, dann wieder aufs Brot. Früher hätte sie einfach rausgeplatzt: »Ich hab Hunger, kann ich jetzt meinen Toast haben?« Aber Annas Tod hatte uns alle umprogrammiert. Zu sehen, wie sehr das Marie verändert hatte, tat am meisten weh.
Behutsam nahm ich Allison den Toast aus der Hand. Sie blinzelte mich an, als hätte ich ihn geradewegs weggezaubert. Ich tauchte mein eigenes Messer in das Marmeladenglas und sagte in dieser falsch-fröhlichen Stimme, die ich inzwischen hasste, aber viel zu oft benutzte: »Hier, Marie. Dein Toast.«
Ihre großen blauen Augen leuchteten dankbar auf, als sie hineinbiss. »Hmmm«, seufzte sie, nachdem sie geschluckt hatte – ungefilterter Marmeladengenuss. Allisons Himbeermarmelade war ihre Lieblingssorte.
Marie lächelte, und für einen kurzen Moment war sie wieder da – das unbeschwerte Kind, das nicht auf Zehenspitzen um die Eltern herumschlich, aus Angst, sie noch trauriger zu machen … vielleicht auch aus Angst, sie als verletzlich statt allwissend zu erleben.
Ich lächelte zurück. Schwester-Verbindung: reaktiviert. Ich nutzte die Gelegenheit, um sie nach der Schule und ihren Freundinnen zu fragen. Sie plauderte fröhlich drauflos, bis sie plötzlich bei »Kat« stockte.
»Was ist?«, fragte ich. »Habt ihr euch gestritten?«
Marie schüttelte den Kopf. »Nein. Es ist nur was, das Kat gesagt hat. Wegen des Kometen.« Sie senkte den Blick und schob ihren Toast hin und her, als wäre er ihr plötzlich über.
Komet?
Allison, offenbar doch noch irgendwie mental anwesend, fing meinen verwirrten Blick auf. »Der Mikkalson-Komet«, sagte sie. »Er ist gerade aufgetaucht – wurde noch nie zuvor beobachtet. Er zieht sehr nah an der Erde vorbei. Man soll ihn sogar mit bloßem Auge sehen können.«
»Aha …« Ich hatte in letzter Zeit ein bisschen viel mit meinem eigenen Chaos zu tun gehabt und nicht gerade Weltraumnachrichten verfolgt. »Und Kat hat was gesagt …?«
Marie biss sich auf die Lippe. »Ach, nichts.«
»Komm schon. Es hat dir eindeutig was ausgemacht.«
Jetzt war Allison voll im Beruhigungsmodus. »Er wird nicht mit der Erde kollidieren. Davor musst du keine Angst haben. Er fliegt einfach vorbei.«
Ich nickte. Wenn ein Komet im Begriff gewesen wäre, unseren Planeten zu zerstören, hätte ich das wohl gewusst. Ziemlich sicher hätte der Engel der Apokalypse mir Bescheid gesagt – auch wenn wir gerade nicht miteinander sprachen. Zack (Kurzform von Zachriel) konnte dank seiner himmlischen Vorzüge durch die Zeit reisen, hatte aber trotzdem abgelehnt, die Kette von Katastrophen rückgängig zu machen, die mit Annas Tod endete. Er behauptete, es sei »ihre Zeit« gewesen und er dürfe die Regeln nicht brechen. Was absurd war – schließlich hatte er sie vorher schon gebrochen.
Meiner Meinung nach schuldete er mir was.
Irgendwann hatte ich ihm dann doch geglaubt, als er mir sagte, ich sei ein wiedergeborener Engel. Dass gefallene Engel als Sternschnuppen auf der Erde landeten und als Menschen erwachten. Mein früheres Ich? Vitrella – ein Engel, der menschliche Wünsche sah und sie erfüllte. Sie war absichtlich gefallen, indem sie den Wunsch meiner leiblichen Mutter nach einem Kind erfüllte.
Ich hatte diese Geschichte nicht einfach blind geschluckt. Zack hatte mich überzeugt – konkret mit einer Zeitreise zu meiner tatsächlichen Empfängnis. Ich hatte wortwörtlich zugesehen, wie die Sternschnuppe meine Mutter traf, während sie und mein Vater gerade … äh … ja.
Wie auch immer. Zack hatte mich überredet, Vitrellas Job als Wunsch-Erfüllerin zu übernehmen, mit der Begründung, das Universum sei aus dem Gleichgewicht geraten und steuere ohne mein Zutun geradewegs auf die Apokalypse zu. Nicht gerade einfach – schließlich hatte ich keine von Vitrellas Engelskräften geerbt. Ich war nur ich – ganz menschlich und total gewöhnlich.
Nach einem holprigen Start blieb ich trotzdem dran, weil mir das Wunscherfüllen Gnade einbrachte. Und Gnade war im Grunde himmlische Rüstung gegen das Böse – wie ich gelernt hatte, als der Dämon Malachriel aufgetaucht war und es auf meine Familie abgesehen hatte.
Mal und Zack waren einst menschliche Zwillingsbrüder gewesen – im 17. Jahrhundert, als Mitglieder des Penacook-Stamms, der ganz in der Nähe meiner Heimatstadt Average angesiedelt gewesen war. Mal hatte Zack getötet. Zack war daraufhin der Engel der Apokalypse geworden. Mal hatte die Aufgabe bekommen, sein Werk zu zerstören und das Ende der Welt zu beschleunigen. Ein kosmischer Witz? Ja. Total unfair für Zack.
Als Mal Marie besessen hatte – etwas, das sie zum Glück verdrängt hatte –, gab ich mir noch mehr Mühe beim Wunscherfüllen, um möglichst viel Gnade zu sammeln. Trotzdem hatte Mal mich ausgetrickst, und Anna war gestorben, als sie ihren Freund Sam beschützten wollte. Auf den hatte Mal es nämlich eigentlich abgesehen gehabt. Auch wenn ich wusste, dass Anna jetzt ein Schutzengel war, und ich sie sogar gesehen hatte, konnte ich das nicht einfach … akzeptieren. Nicht, wenn Zack noch nicht alles unternommen hatte, um sie zu retten.
Ich musste meine Familie nur ansehen – komplett gebrochen und untröstlich. Annas Mörder war im Grunde spurlos verschwunden. Für die Polizei war er »wie vom Erdboden verschluckt«. Und technisch gesehen war das auch wahr. Mal war buchstäblich vom Boden verschluckt worden.
Irgendwann hatte Zack aufgehört, zu versuchen, mich zu kontaktieren. Vermutlich hatte er endlich begriffen, dass er für mich gestorben war. Trotzdem wusste ich: Wenn die Apokalypse kurz bevorstand, würde er sich melden.
Als ich also zu Marie sagte: »Es gibt keine Chance, dass der Komet für die Erde oder irgendjemanden auf ihr gefährlich wird«, meinte ich das auch so. Ich fügte sogar hinzu: »Experten beobachten ihn ganz genau und würden es wissen, wenn er eine Gefahr darstellt.«
Marie schüttelte den Kopf. »Nein, das ist es nicht. Kat hat gesagt, dass—« Sie brach ab. Ihr nervöser Blick ging zwischen mir und Allison hin und her.
»Komm schon, du kannst es uns sagen«, sagte ich sanft.
Marie seufzte. »Sie hat gesagt, es ist ein böses Omen.« Dann platzte es aus ihr heraus, alles in einem Atemzug, wie ein Pflaster, das man schnell abreißt: »Sie hat gesagt, Omen heißt, dass etwas ganz Schlimmes passieren wird. Und ich will nicht, dass noch mehr schlimme Dinge passieren.« Tränen stiegen ihr in die Augen.
Kleine Mädchen, die sich über böse Omen Sorgen machen? Da fiel mir nichts mehr ein. Allison wirkte genauso ratlos. Aber Maries Ausbruch brachte immerhin meinen Vater dazu, zum ersten Mal seit Langem seine Zeitung beiseitezulegen.
»Stella hat recht«, sagte er ruhig. »Wissenschaftler beobachten alle Himmelskörper wie Kometen, und wenn sie eine Gefahr darstellen, würden sie das wissen und etwas unternehmen. Früher glaubten die Menschen, Kometen seien Zeichen der Götter, dass etwas Schlimmes passieren würde – weil sie plötzlich auftauchten und so dramatisch aussahen, mit ihrem Lichtschweif. Aber das war Aberglaube. Sie hatten einfach nicht das Wissen, das wir heute haben. Heute wissen wir über die Sterne, das Universum und Kometen Bescheid. Wir wissen, woraus sie bestehen, woher sie kommen. Das ist Wissenschaft. Verstehst du, was ich meine, Marie?«
Das war das meiste, was ich meinen Vater seit Annas Tod am Stück hatte sagen hören.
Marie nickte eifrig, sog seine Aufmerksamkeit auf und vergaß das ganze Omen-Thema.
Aber mir fiel etwas anderes auf. Dad hatte zugehört. Er schwieg nicht andauernd, weil er so abgestumpft war – er wusste nur einfach … nicht, was er tun sollte. Meine Mutter war gestorben, als ich vier war, und jetzt hatte er sich viel zu früh von einer Tochter verabschieden müssen. Als ich damals meine Mutter verloren hatte, hatte er das Praktische getan und mir eine neue gegeben. Das sollte nicht heißen, dass er Allison nicht liebte – aber so war mein Vater: ein Mann, der praktische Lösungen für Probleme fand.
Diesmal hatte er nicht gewusst, was er uns geben konnte. Aber hier war etwas – eine kleine praktische Hilfestellung. Eine Chance, Marie zu erreichen, sie abzulenken, ihr vielleicht sogar wieder ein Stück vom Staunen über die Welt zurückzugeben.
Wissenschaft war sein Wohlfühlort. Man würde meinen Vater nie in der Garage beim Handwerkern finden, aber hinter einem Buch – immer.
Also saß ich einfach da und strahlte ihn an, während er Marie von Kometen erzählte: von Gestein, Staub, Eis und gefrorenen Gasen. Davon, wie sie sich in der Nähe der Sonne aufheizen, wie ihre Koma blau oder rosa leuchtet und wie der Sonnenwind die Teilchen zu einem Schweif hinausbläst. Wie manche Kometen regelmäßig um die Sonne kreisen, während andere aus der Oortschen Wolke stammen – so weit entfernt, dass sie nur ein einziges Mal vorbeikommen, so wie dieser Mikkalson-Komet.
Marie hörte zu – nicht, weil sie plötzlich Astrophysikerin werden wollte, sondern weil Dad lebendiger klang als seit Monaten.
»Weißt du was, Marie?«, schloss er schließlich. »Ich kaufe uns heute nach der Arbeit ein gutes Fernglas. Dann können wir uns den Kometen gemeinsam ansehen. Man kann ihn mit bloßem Auge sehen, aber mit dem Fernglas noch viel besser. Würde dir das gefallen?«
»Ja!«, rief Marie begeistert.
Während das Frühstück sich dem Ende zuneigte, wurde es wieder ruhiger, aber die Stimmung war eine andere. Es fühlte sich an, als wären wir heute einen ganz kleinen Schritt vorwärts gegangen. Und das machte mich glücklich. Nicht für mich, sondern für sie.
Ich trank noch meinen zweiten Kaffee, mehr vertieft in diesen Gedanken als in meinen Job. Und damit meinte ich nicht den im Diner. Ehrlich gesagt, ich drückte mich davor.
Jetzt, mehr denn je, brauchte ich genug Gnade, um uns vor dem Bösen zu schützen. Also erfüllte ich weiter Wünsche. Aber ich war nicht mehr mit ganzem Herzen dabei.
Ich war mir nicht einmal mehr sicher, was das Ziel von alldem überhaupt war. Vor Annas Tod hatte ich versucht, das Rätsel zu lösen, das Zack aus Vitrellas Agenda gemacht hatte – Puzzleteile zu sammeln, um herauszufinden, wozu diese ganze Wunscherfüllungsnummer wirklich gut war.
Nur … es war mir inzwischen egal.
Irgendwann verzog ich mich in mein Zimmer und klappte meinen Laptop auf. Zeit, meine Angel Average-Facebook-Seite zu checken und zu sehen, welche Wünsche die Leute diesmal gepostet hatten.
Ich hatte das Ding damals erstellt, als ich mit dem Wunscherfüllen anfing – und dann einfach … weiterlaufen lassen. Erstens hatte sich in Average schnell herumgesprochen, dass es hier eine echte Wunscherfüllerin gab, also konnte ich mir meine Anfragen aussuchen. Zweitens hatte ich immer geantwortet, wenn ich jemandem geholfen hatte – das sorgte für einen guten Ruf. Ich hatte sogar Crowdfunding-Aktionen eingerichtet, um manche Wünsche zu finanzieren, und das lief erschreckend gut. Die Leute dachten wohl: Was man gibt, kommt zurück – und vielleicht erfüllt sich ihr eigener Wunsch irgendwann dank ihrer Großzügigkeit.
Bonus: Ich blieb anonym.
Okay, ich behaupte, ich bin nur ein ganz normaler Teenager ohne Engelskräfte. Das stimmt … fast. Es fing mit einem wiederkehrenden Traum an – verschneite Straße, ein Junge, der dort langlief. Ich nannte es »Vision«, weil dieser Traum tatsächlich Realität wurde. Ich dachte, das hieße, ich müsse dem Jungen seinen Wunsch erfüllen, auch wenn Zack mir ausdrücklich davon abgeraten hatte. Und klar, vielleicht hätte ich auf ihn gehört – wenn er mir auch nur ein einziges Mal gesagt hätte, warum er dagegen war, statt seine Engelsgeheimnisse zu horten wie ein Drache seinen Schatz.
Der Junge war Sam, und sein Wunsch war, Weihnachten mit seinem Vater zu verbringen. Vielleicht hätte ich nicht helfen sollen. Aber ich tat es. Und hey – wahrscheinlich hab ich damit verhindert, dass die Welt einen neuen Superbösewicht bekommt. Nur … Anna hat dafür bezahlt.
Diese Vision war das erste Anzeichen, dass sich irgendetwas Übernatürliches in mir regte. Danach kam die Fähigkeit, Wünsche zu spüren.
Mal – in einer seiner größten »Greatest Hits« – hatte die weiße Hexe Becca St. Claire reingelegt. Das war sein Modus Operandi: Er gab sich als Zack aus, schnappte sich eine mächtige Hexe und ließ sie seine Drecksarbeit machen. Unter seinem Bann half Becca mir, Sams Mutter – eine alkoholkranke, völlig überforderte Frau – auszuhorchen. Mal brauchte die Infos, um Sams perfekten »böse oder gut?«-Moment vorzubereiten.
Denn Sam war ein Nephilim – halb Erzengel, halb Mensch. Total verboten. Total gefährlich. Zack verglich Nephilim mit Atombomben: Wenn sie sich einmal für eine Seite entscheiden, sollte man hoffen, dass es die richtige ist. Sams Engels-Elternteil? Raphael, der Heiler-Erzengel.
Mal und Becca entführten Sam und Anna, um ihn zu testen: Anna heilen und auf der guten Seite bleiben oder sie sterben lassen und mit »Papa« (also Mal in Verkleidung) in die Unterwelt spazieren.
Ich kam gerade noch rechtzeitig dort an. Becca dachte tatsächlich, sie würde Sam helfen, das Richtige zu tun. Als sie merkte, dass sie reingelegt worden war, spürte ich ihren Wunsch, sich von Mals Bann zu befreien. Und irgendwie – keine Ahnung wie – sprengte ich diese Fesseln allein durch meinen Willen. Dadurch konnten Becca und Zack mir, Anna und Sam helfen. Sie errichteten eine Barriere, durch die Mal nicht hindurchkam, und Sam heilte Anna.
Aber Sam glaubte weiterhin, Mal sei sein Vater – also trat er selbst aus der sicheren Zone heraus. Anna warf sich zwischen sie, um ihn zu schützen … und starb.
Seitdem kann ich die Wünsche anderer Menschen spüren. Sie … wabern so um sie herum. Wie ein Geruch. Je dringender oder verzweifelter der Wunsch, desto intensiver riecht er. Es riecht nicht wirklich, aber ein besserer Vergleich fällt mir nicht ein.
Leider konnte ich seitdem keinen einzigen Wunsch durch reine Gedankenkraft erfüllen. Becca war nun mal eine Hexe – das hatte sicher geholfen.
Und ehrlich? Wunschspüren klingt cooler, als es ist. Was soll ich bitte machen – Leuten bis nach Hause folgen? Auf Fremde zugehen mit: »Hi, ich kenne dein tiefstes Verlangen«? Super Gesprächseinstieg. Deswegen ignoriere ich das meistens und bleibe beim guten alten anonymen Internet.
Als ich durch die neuesten Posts scrollte, blieb mein Blick an einem Wort hängen: Penacook. Zacks alter Stamm.
Der Post stammte von einem Mann aus Boston, der sich für die Penacook interessierte. Er wünschte sich eine persönliche Tour durch das Penacook-Freilichtmuseum mit dem Kulturerbe-Center in der Nähe von Average. Problem: Er war alt, saß im Rollstuhl und hatte niemanden, der ihn fahren konnte.
»Mir ist klar, dass mein Wunsch im Vergleich zu anderen vielleicht unbedeutend wirkt«, schrieb er. »Vielleicht denken Sie, er ist es nicht wert. Aber mir würde es unglaublich viel bedeuten – und im Moment fühlt es sich so unerreichbar an wie ein Lottogewinn.«
Ich fragte mich, wie er überhaupt auf meine Angel Average-Seite gestoßen war. Wahrscheinlich hatte die sein Google-Algorithmus während der Recherche ausgespuckt.
Ich ließ die Finger über dem Trackpad schweben und überlegte. Alles, was ich tun musste, war, den Transport von Boston zum Museum zu organisieren, die Tour zu buchen und ihn wieder zurückzubringen.
Ich half hin und wieder ehrenamtlich in einem Seniorenheim aus und kannte den Fahrdienst, den sie dort nutzten. Ich konnte den kontaktieren oder einfach einen Anbieter in Boston finden. Easy.
Ich dachte kurz darüber nach, schloss die Augen, atmete tief ein und konzentrierte mich. Um Gnade zu bekommen, musste ich mich einem Wunsch voll verschreiben, absolut vertrauen, dass er in Erfüllung ging. Nicht nur hoffen, sondern fest daran glauben, so wie man nicht daran zweifelt, dass die Sonne aufgeht. Als ich dieses befriedigende innere Klick spürte, legte ich los.
Ich schrieb den Mann – Micky – an und bekam sofort eine aufgeregte Antwort zurück. Wir legten ein Datum für später in der Woche fest. Ich checkte die Öffnungszeiten des Museums und buchte den Transportservice. Als ich Micky davon erzählte, bedankte er sich ungefähr zwanzig Mal.
Ich fühlte mich effizient. Angel Average in Bestform.
Bis … die E-Mail kam.
Im Kulturerbe-Zentrum gab es Personalmangel. Aktuell waren keine persönlichen Führungen möglich.
Ich lehnte mich im Stuhl zurück. Ich geriet nicht mehr sofort in Panik, wenn ein Wunsch mal nicht reibungslos lief. Rückschläge passierten und das hier war kaum mehr als ein Stolperstein. Ich konnte den Termin einfach verschieben. Vielleicht war es sogar besser, wenn Micky im Sommer kam – also in sechs Wochen. Dann war das Penacook-Dorf wirklich »lebendig«, also mit Schauspielern bevölkert.
Den Rest des Jahres war es nur ein stilles Freilichtmuseum mit Schautafeln und Spazierwegen, aber im Sommer gab es Leute in historischen Kostümen und allerlei Aktivitäten. Da war viel mehr zu sehen.
Als ich Micky schrieb, kam seine Antwort fast sofort: Er wollte nicht warten. »Mein Alter und mein Zustand erlauben es mir nicht, es so lange aufzuschieben«, meinte er.
Uff. Das traf mich. Wenn das sein letzter Wunsch war, konnte ich schlecht sagen: »Verschieben wir's auf Juli – wenn Sie dann noch leben.«
Ich hatte ihm nichts von dem fehlenden Tourguide erzählt, weil mein Plan schon Formen annahm. Wie jedes Kind in Average hatte ich den obligatorischen Schulausflug ins Museum hinter mir. Aber ehrlich? Ich war ewig nicht mehr dort gewesen. Als ich Zack kennengelernt hatte, war es mir sogar peinlich gewesen, wie wenig ich über die Geschichte der Penacook wusste. Ich hatte mir vorgenommen, das mal zu ändern. Und – Überraschung – es nie getan.
Obwohl ich auf Zack immer noch stinksauer war, faszinierte mich seine Vergangenheit. Und jetzt hatte ich die perfekte Ausrede, tiefer einzutauchen.
Ich würde mich einfach über die Penacook schlau machen und Micky selbst durch das Museum führen.
Er musste ja nicht wissen, dass ich Angel Average war. Ich konnte mich als Angestellte des Kulturerbe-Zentrums oder »Kooperationspartnerin« ausgeben. Je mehr ich darüber nachdachte, desto begeisterter wurde ich für das Projekt.
Und natürlich, sagte ich mir, hatte das nichts mit Zack zu tun. Null. Nada. Ganz bestimmt nicht, weil ein winziger, verräterischer Teil von mir hoffte, dass er dort auftauchen könnte.
Denn die Wahrheit? Sein Verrat tat immer noch weh.
Aber was fast noch mehr wehtat … war, dass er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, mich aufzusuchen.
Am nächsten Tag hatte ich die Frühschicht im Diner.
Während der ganzen Sam-Sache hätte ich meinen Job fast verloren. Ich hatte Schichten verpasst, in letzter Minute getauscht und selbst bei körperlicher Anwesenheit war mein Gehirn ungefähr so aktiv wie Toastbrot. Tante Jeannie – die Schwester meines Vaters und Inhaberin des Diners – war immer gut zu mir gewesen, aber irgendwann hatte sie angefangen zu glauben, ich würde den »Familienrabatt« auf Gutmütigkeit ausnutzen. Als mich Zack an dem Tag, an dem Anna starb, krankgemeldet hatte, wäre das unter normalen Umständen der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hätte.
Aber nach Annas Tod interessierte es keinen mehr. Man gab mir eine Auszeit, während ich mit Trauer und Schuldgefühlen völlig am Boden war – und als ich nach Neujahr wiederkam, sprach Jeannie nicht mehr über mein Verhalten vor diesem großen Einschnitt in all unserer Leben.
Mittlerweile war ich ziemlich gut darin, meine zwei Jobs – Diner-Schichten und Wunscherfüllung – unter einen Hut zu bringen, ohne dass sie sich gegenseitig in die Quere kamen. Und ich sorgte auch dafür, dass mein himmlischer Nebenjob nicht in mein Privatleben hineinsickerte. Strikte Trennung. Vor allem, seit Zack aufgehört hatte, aufzutauchen und mir seine Geheimnisse und unglaublichen Wangenknochen vorzuführen.
Ich mochte das Diner. Es war immer voll, das Gerede der Stadt lief wie ein Soundtrack im Hintergrund, und die Stammgäste saßen an ihren Plätzen. Und Tante Jeannies Essen? Bombastisch. Leider traf das entsprechend auch auf meine Hüften zu. Aber ganz ehrlich? Ich hatte längst aufgehört, mir Gedanken über meine (ohnehin schon zu kurvige) Figur zu machen. Früher hatte es mich gestört, groß und … stabil zu sein. Jetzt nicht mehr. Es gab größere Probleme als den Oberschenkelumfang.
Und so war ich an diesem Tag beim Mittagessen wieder im Begriff, mir ein gewaltiges Stück von Tante Jeannies berühmter Mokkatorte einzuverleiben– ohne den Hauch eines schlechten Gewissens. Als das erledigt war, stand ich von dem kleinen Tisch in der hintersten Ecke auf. Es war mein Pausenversteck, wenn ich nicht runter zum Fluss ging, zu der Bank, wo Zack und ich uns immer getroffen hatten. Ich ging zurück zum Tresen, um die Schürze wieder umzubinden.
Da bekam ich das Gespräch am nächstgelegenen Tisch mit. Drei alte Damen – Stammgäste, die größten Klatschtanten der Stadt – waren mitten im Kometen-Talk.
