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Beschreibung

Der erste Band des Enzyklopädischen Handbuchs reflektiert Fragen, die mit der Entwicklung von Behindertenpädagogik als Humanwissenschaft verbunden sind, aber auch weit darüber hinaus reichende wissenschaftstheoretische Problemstellungen. Einerseits werden Fragen nach Geschichte, Struktur, Konstitution und Systematik beim Aufbau des außerordentlich komplexen, inter- und transdisziplinären Faches behandelt. Andererseits erfolgt ein Überblick über eine Vielzahl von allgemeinen wissenschaftstheoretischen Problemebenen (z.B. Theorie und Praxis, Individuum und Gesellschaft, Leib-Seele-Problem, Paradigma und Paradigmawechsel) und wissenschaftlichen Zugängen (von Biographie bis Systemtheorie, von Pragmatismus bis kritischer Rationalismus, von Konstruktivismus bis kritische Theorie).

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Seitenzahl: 728

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Der erste Band des Enzyklopädischen Handbuchs reflektiert Fragen, die mit der Entwicklung von Behindertenpädagogik als Humanwissenschaft verbunden sind, aber auch weit darüber hinaus reichende wissenschaftstheoretische Problemstellungen. Einerseits werden Fragen nach Geschichte, Struktur, Konstitution und Systematik beim Aufbau des außerordentlich komplexen, inter- und transdisziplinären Faches behandelt. Andererseits erfolgt ein Überblick über eine Vielzahl von allgemeinen wissenschaftstheoretischen Problemebenen (z.B. Theorie und Praxis, Individuum und Gesellschaft, Leib-Seele-Problem, Paradigma und Paradigmawechsel) und wissenschaftlichen Zugängen (von Biographie bis Systemtheorie, von Pragmatismus bis kritischer Rationalismus, von Konstruktivismus bis kritische Theorie).

Prof. Dr. Detlef Horster war Professor für Sozialphilosophie an der Leibniz Universität Hannover. Prof. Dr. Wolfgang Jantzen lehrte Allgemeine Behindertenpädagogik an der Universität Bremen.

Behinderung, Bildung, Partizipation Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik

Herausgegeben von Iris Beck, Georg Feuser, Wolfgang Jantzen, Peter Wachtel

Gesamtherausgeber: Wolfgang Jantzen

Redaktion: Birger Siebert

Band 1

Detlef Horster/Wolfgang Jantzen (Hrsg.)

Wissenschaftstheorie

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigung, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung in elektronischen Systemen. Alle Rechte vorbehalten © 2010 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

ISBN 978-3-17-019630-8

E-Book-Formate

pdf:

epub:

978-3-17-027730-4

mobi:

978-3-17-027731-1

Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Gesamtherausgeber

Vorwort

Teil I: Das Fach Behindertenpädagogik

Allgemeine Behindertenpädagogik: Konstitution und Systematik

Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte

Historiographie der Behindertenpädagogik

Universitäre Geschichte der Sonderpädagogik

Teil II: Wissenschaftstheoretische Fragestellungen und Probleme

Leib-Seele-Problem 1

Menschliche Natur

Individuum und Gesellschaft

Erkenntnistheorie/Erkenntnis 2

Wertfreiheit und Wertgebundenheit der Wissenschaft

Theorie und Praxis

Erklären und Verstehen

Paradigma/Paradigmawechsel

Monismus/Dualismus

Dogma/Dogmatismus

Teil III: Theorien

Systemtheorie, sozialwissenschaftlich: Luhmann

Systemtheorie, naturwissenschaftlich: Anochin, Bernštejn

Sozialwissenschaftliche Beiträge

Naturwissenschaftliche Beiträge

Pragmatismus

Strukturalismus

Kritischer Rationalismus

Kritische Theorie

Psychoanalyse

Phänomenologie

Materialistische Dialektik

Moderne/Postmoderne

Kybernetik

Teil IV: Methoden und methodologische Fragestellungen und Probleme

Methodologie und Methode

Qualitative und quantitative Methoden

Biographie

Objektive Hermeneutik

Diskursanalyse

Konstruktivismus

Relationalität als Konstruktionsprinzip

Empirismus und Positivismus

Wissenschaft und Wahrheit

Holismus

Komplexität und Kontingenz

Gesetz und Gesetzmäßigkeit

Stichwortregister

Die Autoren

Vorwort der Gesamtherausgeber

Das Enzyklopädische Handbuch der Behindertenpädagogik „Behinderung, Bildung, Partizipation“ ist ein Lexikon in Stichwörtern, die jedoch nicht alphabetisch, sondern thematisch in zehn Bänden strukturiert wurden. Insgesamt wurden ca. 20 Haupt-, 100 mittlere und 300 kleine Stichwörter erarbeitet. Sie suchen zum einen in ihrer Gesamtheit einen Zusammenhang des Fachwissens herzustellen, in dem jedes Stichwort und zugleich jeder Band verortet ist. Zum anderen aber bilden die Einzelbände aufeinander bezogene thematische Einheiten. Somit ist das Gesamtwerk in zwei Richtungen lesbar und muss zugleich auch so gelesen werden: als Bestand aufeinander verweisender zentraler Begriffe des Faches zum einen und als thematischer Zusammenhang in den Einzelbänden zum anderen, der aber jeweils auf die weiteren Bände verweist und mit ihnen in engstem Zusammenhang steht. Dementsprechend wurden Verweise sowohl innerhalb der Einzelbände als auch zwischen den Bänden vorgenommen, wobei einzelne Überschneidungen unvermeidbar waren.

Der Anspruch, das Gesamtgebiet der Behindertenpädagogik darzustellen, kann angesichts der Differenzierung und Spezialisierung der Einzelgebiete und ihrer schon je komplexen Wissensbestände nicht ohne Einschränkung eingelöst werden. So ging es uns nicht darum, diese Komplexität aller Theorien, Methoden, Handlungsansätze und Einzelprobleme in Theorie und Praxis einzufangen, sondern den Wirklichkeits- als Gegenstandsbereich der wissenschaftlichen Behindertenpädagogik hinsichtlich seiner konstitutiven Begriffe, Aufgaben und Problemstellungen zu erfassen. Dabei sollte der grundlegende, auf aktuellen Wissensbeständen beruhende und der zugleich erwartbar zukunftsträchtige nationale und internationale Forschungs- und Entwicklungsstand im Sinne einer synthetischen Human- und Sozialwissenschaft berücksichtigt werden. Reflexives Wissen bereit zu stellen ist also die wesentliche Intention. Dies gelingt nur, wenn aus anderen Wissenschaften resultierende Forschungsstände und Erkenntnisse möglichst breit und grundlegend verfügbar gemacht werden. Aufgrund der komplexen biopsychosozialen Zusammenhänge sowohl von Behinderung als auch von Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation müssen das gesamte humanwissenschaftliche Spektrum Berücksichtigung finden und insbesondere Philosophie, Psychologie und Soziologie, aber auch Medizin und Neurowissenschaften einbezogen werden. Gerade der neurowissenschaftliche Bezug, der selbstverständlich äußerst kritisch betrachtet wird, ist notwendig, um gegen neue Formen der Biologisierung die entsprechenden Argumente für Vielfalt und Differenz auf jeder Wissenschaftsebene, also auch auf der neurowissenschaftlichen, in die Debatte führen zu können. Vorrangig mit Blick auf die disziplinäre Verortung ist jedoch die Erziehungswissenschaft, Behindertenpädagogik ist eines ihrer Teilgebiete.

Für die Konzeption ist ein Bildungsverständnis tragend, das Bildung als Möglichkeit zur selbstbestimmten Lebensführung, zur umfassenden Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftlichen Teilhabe betrachtet; mit Wolfgang Klafki: Entwicklungen der Fähigkeiten zur Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität, entwicklungspsychologisch mit Wolfgang Stegemann als Entwicklung auf höheres und auf höherem Niveau. Die erziehungswissenschaftliche Begründung von Bildungs- und Erziehungszielen muss über gesellschaftliche Erwartungen, wie sie sich in Forderungen nach einem Wissenskanon als Zurüstung auf die berufliche Eingliederung niederschlagen können, notwendigerweise hinausreichen und die Lebensbewältigung insgesamt umfassen. Bildung und Erziehung eröffnen Optionen für die Lebensgestaltung, und das bedeutet, die eigene Identität nicht nur schicksalhaft oder einzig von außen determiniert zu erleben, sondern auch über Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und der Auswahl von Handlungsmöglichkeiten zu verfügen, Zwänge und Grenzen ebenso wie Handlungs- und Veränderungsmöglichkeiten erkennen und nutzen zu können. Nicht in jedem Fall, in dem diese Möglichkeiten nicht per se aufscheinen, ist diese Problematik begrifflich quasi automatisch mit Behinderung zu fassen. Umgekehrt heißt Bildung aber auch, solche Strukturen und Prozesse zu gestalten, die „Bildung für alle, im Medium des Allgemeinen“, unabhängig von Kriterien, ermöglichen. Behinderungen im pädagogischen Sinn liegen dort vor, wo die Teilhabe an Bildung und Erziehung gefährdet oder erschwert ist oder wo Ausgrenzungsprozesse drohen oder erfolgt sind, und zwar aufgrund eines Wechselspiels individueller, sozialer und ökonomischer Bedingungen. Hier tritt die Frage der Ermöglichung von Partizipation in den Vordergrund. „Wo Menschen aus ihren Lebenszusammenhängen herausgestoßen werden, da wird lernender und wissender Umgang mit bedrohter und gebrochener Identität zur Lebensfrage“ (Oskar Negt) und ebenso die Ermöglichung von Lebenschancen. Damit werden zugleich eine Abgrenzung zu sozial- oder bildungsrechtlichen Definitionen und eine weite Begriffsbestimmung von Behinderung vorgenommen, im Bewusstsein der Problematik, die diese mit sich bringt. Doch fasst auch der schulrechtliche Begriff des sonderpädagogischen Förderbedarfs, der wiederum nur partiell deckungsgleich mit dem sozialrechtlichen Behinderungsbegriff ist, äußerst heterogene, darunter auch rein sozial bedingte Benachteiligungsprozesse zusammen. Pädagogik heißt für uns somit auch nicht einseitige und ständige Förderung. Emil E. Kobi hat dies in der Gegenüberstellung einer ‚Pädagogik des Bewerkstelligens‘, der es immer um den Fortschritt geht, die sich nur auf den Defekt richtet und das So-Sein nicht anzuerkennen in der Lage ist, und einer ‚Pädagogik der Daseinsgestaltung‘ beschrieben, die anerkannte Lebensbedingungen zwischen gleichberechtigten und als gleichwertig anerkannten Subjekten und eine befriedigende Lebensführung auch bei fortbestehenden Beeinträchtigungen zu schaffen vermag. In diesem pädagogischen Verständnis von Behinderung liegt eine Begründung für die Beibehaltung des Begriffs der Behindertenpädagogik. Wir respektieren Benennungen wie Förder-, Rehabilitations-, Sonder-, Heil-, Integrations- und Inklusionspädagogik; der Begriff der Behinderung hebt jedoch wie kein anderer nicht nur die intransitive Sicht des behindert Seins, sondern auch die transitive Sicht des behindert Werdens hervor und lässt sich pädagogisch sinnvoll begründen. Ebenso entgeht er Verengungen mit Blick auf den Gegenstandsbereich; behindertenpädagogisches Handeln greift weit über den Bereich der institutionalisierten Erziehung und Bildung hinaus und findet lebensphasen- und lebensbereichübergreifend statt; auch innerhalb des schulischen Bereichs ist das Handeln weitaus vielfältiger als allein unterrichtsbezogene Tätigkeiten; gleichwohl bleiben diese prominente Aufgaben. Behindertenpädagogik, in diesem weiten Sinne intransitiv verstanden, ist zwar einerseits Teilgebiet der Erziehungswissenschaft, andererseits trägt sie in transitiver Hinsicht zu deren Grundlagen bei. Denn behindert werden und eingeschränkt zu sein sind alltäglich und schlagen sich keineswegs nur in der sozialen Zuschreibung von Behinderung nieder. Entgegen der noch vorfindbaren Gliederung nach Arten von Beeinträchtigungen bzw. schulischen Förderschwerpunkten und einer institutionellen Orientierung ist für uns ein an den Lebenslagen und an der Lebenswirklichkeit der Adressaten von Bildungs- und Erziehungsangeboten orientiertes Verständnis pädagogischen Handelns leitend. Diese Perspektive auf den individuellen Bedarf an Unterstützung für eine möglichst selbst bestimmte Lebensführung ist der Bezugspunkt der personalen Orientierung, aber dieser Bedarf impliziert immer auch den Bedarf an Überwindung der sozialen Folgen, also der behindernden Bedingungen des Umfelds. Traditionell wird der Lebenslauf- und Lebenslagenbezug der Pädagogik durch die Gegenstandsbezeichnungen der einzelnen Teildisziplinen angezeigt (Pädagogik, Andragogik, Geragogik einerseits; Sozial-, Berufs-, Freizeitpädagogik usw. andererseits). Hiermit können aber auch Abgrenzungen und Abschottungen einhergehen, so dass der Bezug zur Lebenslage als Ganzer und zum Lebenslauf in seiner biographischen Gewordenheit verloren geht. Lebenslagen- und Lebenslauforientierung stellen demgegenüber die notwendige Gesamtsicht her, die allerdings in ihrer Bezugnahme auf die Chancen und Grenzen selbstbestimmter Lebensführung einer Pädagogisierung im Sinne der andauernden intentionalen Erziehung entgehen muss. Sie hebt die spezifischen Gegenstandsbestimmungen und Handlungskonzepte der erziehungswissenschaftlichen Teildisziplinen nicht auf, sondern wird als konzeptionelle und methodische Leitperspektive tragend. Ebenso hat jedes Verständnis von individueller Teilhabe- und Bildungsplanung die Deutungshoheit der auf Unterstützung und pädagogisches Handeln angewiesenen Menschen zu respektieren und zentral von politischer Mitwirkung und der Gewährleistung der Menschen- und Bürgerrechte auszugehen. Dies verlangt die Demokratisierung und Humanisierung der Handlungsprozesse und Strukturen in Theorie und Praxis sowie die Auseinandersetzung mit Ethik, Moral und Professionalität.

Die aus diesem Verständnis von Bildung, Behinderung und Partizipation resultierenden Fragen lassen sich zusammenfassen in die nach dem Verhältnis von Ausschluss und Anerkennung, Vielfalt und Differenz, Individuum und Gesellschaft, Entwicklung und Sozialisation, System und Lebenswelt, Institution und Organisation, über die Lebensspanne hinweg und immer bezogen auf die Grundfrage nach Bildung und Partizipation angesichts behindernder Bedingungen.

Von diesen Grundgedanken ausgehend wurde die Konzeption und Anlage der Stichwörter von Iris Beck und Wolfgang Jantzen erarbeitet und dann durch das Team der Bandherausgeber kritisch überprüft und ergänzt. Es ergibt sich folgende Gesamtanlage: die Bände 1 und 2 dienen der wissenschaftlichen Konstitutionsproblematik mit Blick auf die wissenschaftstheoretische Begründung des Fachs einschließlich der erziehungswissenschaftlichen Verortung und dem Verhältnis von Behinderung und Anerkennung. Die Bände 3 bis 6 repräsentieren Aufgaben und Probleme der Bildung und Erziehung im Lebenslauf mit den Kernfragen nach Bildung, Erziehung, Didaktik und Unterricht zum einen, Lebensbewältigung und gleichberechtigter Teilhabe am Leben in der Gemeinde zum anderen. Die Bände 7 bis 10 behandeln Entwicklung und Lernen, Sprache und Kommunikation, Sinne, Körper und Bewegung sowie Emotion und Persönlichkeit. Sie stellen grundlegende pädagogische Auseinandersetzungen über Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation angesichts behindernder und benachteiligender Bedingungen dar, und zwar in übergreifender Sicht, die zugleich die notwendigen speziellen und spezifischen Aspekte zur Geltung bringt. Allgemeines und Besonderes sind insgesamt, über alle Bände hinweg, vielfach aufeinander bezogen und haben gleichsam ihre Bewegung aneinander. Dort, wo sich gemeinsame Probleme quer zu speziellen Gebieten stellen, sind diese auch allgemein und mit der Absicht der Grundlegung behandelt, auch um Redundanzen zu vermeiden. Dort, wo ohne Spezifizierung zu grobe Verallgemeinerungen und damit unzulässige Reduktionen erfolgt wären, sind die Besonderheiten aufgenommen. Angesichts der zahlreichen Publikationen, die spezielle und spezifische Fragen en detail und mit Blick auf Einzelprobleme behandeln, ist diese Entscheidung auch vor dem Hintergrund einer ansonsten nicht zu gewährleistenden Systematik getroffen worden.

Wir sind uns bewusst, dass dieser Versuch der Systematik nicht ohne Lücken, Widersprüche und Redundanzen auskommt. Die allfällige Kritik hieran verstehen wir im Sinne des „Runden Tisches“, als den wir die Zusammenarbeit unter den Herausgebern und Autoren verstehen, als Motivation zu neuen Fragen und neuer Forschung.

Wir danken allen Bandherausgebern und Autoren für ihre konstruktive Arbeit, die in Zeiten der Arbeitsverdichtung und Effizienzsteigerung nicht mehr selbstverständlich erwartet werden kann.

Iris Beck

Georg Feuser

Wolfgang Jantzen

Peter Wachtel

Vorwort

Im Mittelpunkt dieses ersten Bandes der zehnbändigen Enzyklopädie „Behinderung, Bildung, Partizipation“ stehen wissenschaftstheoretische Fragestellungen und Probleme. Deren herausragende Bedeutung für die weitere Entwicklung der Behindertenpädagogik tritt erst langsam in das Bewusstsein ihrer Akteure. Für eine notwendige Entwicklung als synthetische Humanwissenschaft ist es jedoch unabdingbar, die in diesem Prozess zahlreich auftretenden Probleme zur Kenntnis zu nehmen und zu reflektieren. Hierzu soll dieser Band beitragen.

Leicht abweichend von der in der Anlage des Handbuchs vorgenommenen Gliederung in Hauptstichwörter, mittlere Stichwörter und Kurzstichwörter haben wir darüber hinaus eine inhaltliche Gliederung unter vier Gesichtspunkten unternommen.

Im ersten Teil des Bandes werden Fragen und Probleme reflektiert, die mit der Entwicklung von Behindertenpädagogik als synthetischer Humanwissenschaft verbunden sind. Dem schließen sich Darstellungen der Geschichte des Fachs im universitären wie im außeruniversitären Bereich an. Es werden also Fragen nach Geschichte, Struktur, Konstitution und Systematik beim Aufbau des außerordentlich komplexen, inter- und transdisziplinären Faches behandelt.

Der zweite Teil bietet einen Überblick über zentrale wissenschaftstheoretische Probleme, wie das gerade im Kontext des Fachs immer wieder bemühte Theorie-Praxis-Verhältnis, das auch hier angesprochen werden muss, wenn man davon ausgeht, dass die Behindertenpädagogik eine Wissenschaft mit einem außerwissenschaftlichen Praxisfeld ist. Individuum und Gesellschaft ist ein zentrales Thema jeder Human- und Sozialwissenschaft, ebenso das Leib-Seele-Verhältnis, wie auch die Erörterung anthropologischer Fragen. Paradigma und Paradigmenwechsel wiederum ist ein wissenschaftstheoretisches Thema, das in den ersten Band einer groß angelegten Enzyklopädie genauso gehört wie die Erörterung erkenntnistheoretischer Fragestellungen, das Wertfreiheitsproblem der Wissenschaften, die Erklären-Verstehen-Debatte und viele andere zentrale wissenschaftstheoretische Themen, wie sie im zweiten Teil behandelt werden.

Im dritten Teil werden Theorien dargestellt, die für die Sozial- und Humanwissenschaften grundlegend sind, wie Systemtheorie, Pragmatismus, Strukturalismus, kritische Theorie, Psychoanalyse, Phänomenologie, Moderne und Postmoderne.

Der vierte Teil ist der Darstellung sozialwissenschaftlicher Methoden in einem weiteren Sinne vorbehalten. Dargestellt werden wissenschaftliche Zugänge wie Biographieforschung, objektive Hermeneutik, qualitative und quantitative Methoden der empirischen Sozialforschung, Diskursanalyse, Konstruktivismus, Kybernetik, Empirismus und Positivismus. Bei der Thematik einiger Beiträge im dritten und vierten Teil kann man sich freilich darüber streiten, ob sie in den Methodenteil oder in den Theorieteil gehören, ob also beispielsweise der kritische Rationalismus eine Theorie oder eine Methode ist oder ob er sich nur mit methodischen Problemen von Begründung und Beweis beschäftigt. Dasselbe gilt für den Konstruktivismus. Umgekehrt kann man sich fragen, ob Artikel im Theorieteil vielleicht doch eher in den Methodenteil gehören, wie die Psychoanalyse, die ja im Gegensatz zur Systemtheorie über eine ausgewiesene Methode verfügt. Im vierten Teil werden zudem Problemkomplexe erörtert, die mit wissenschaftlichen Zugängen zu tun haben, wie das Problem von Komplexität und Kontingenz.

Wir hoffen, mit diesem Band die bisher nur zögerliche Diskussion wissenschaftstheoretischer Fragen in der Behindertenpädagogik anzuregen und weiter zu entwickeln, denken aber, dass er darüber hinaus wichtige Anregungen für die gesamten Humanwissenschaften liefern kann.

Detlef Horster

Wolfgang Jantzen

Teil I:Das Fach Behindertenpädagogik

Allgemeine Behindertenpädagogik: Konstitution und Systematik

Wolfgang Jantzen

1 Definitionen

Der Begriff des Allgemeinen geht inhaltlich auf die griechische Philosophie zurück; als kathólou, d.h. wörtlich „hinsichtlich des Ganzen“, ist er „hinsichtlich des jeweils Einzelnen“ (griech.: kathékaston), dem „Besonderen“ bzw. „Einzelnen“ entgegengesetzt (Axelos 1971, 164). Der deutsche Begriff des Allgemeinen leitet sich nicht unmittelbar aus dieser Teil-Ganzes-Relation ab, vielmehr ist er in dem begründet, was „allgemein“ ist, „auf ganz gemeinsame Weise, insgesamt“, als „all“ (ausgewachsen, vollständig, gesamt) verbunden mit „gemein“ in dessen alter Bedeutung „gemeinsam“ ( Drosdowski 1989, 28f.), ist also zurückbezogen auf eine soziale Relation der Allgemeinheit (das altgermanische „gemein“ entspricht dem lateinischen Begriff „communis“; ebd. 229).

Nach der Definition von Aristoteles ist das Allgemeine „dasjenige, was seiner Natur nach mehreren Einzeldingen zukommt; entsprechend ist das Einzelne dann dasjenige, was seiner Natur nach nicht mehreren Einzeldingen zukommt“ (Gethmann 1975, 32).

Als „Universalienproblem“ ist das Allgemeine ein Grundproblem der philosophischen Ontologie (Lehre vom Sein). Es besteht „in der Frage nach der Existenzweise und Erkennbarkeit dessen, was in Prädikaten bzw. Begriffen von Einzeldingen ausgesagt wird.“ (ebd.) Denn der durch den Begriff bzw. das Prädikat „behindert“ ausgesagte einzelne Mensch ist nicht im selben Sinne Gegenstand der Aussage wie der konkrete Mensch, auf den diese Aussage bezogen wird.

Diese philosophische Diskussion reicht bis in die Gegenwart der Philosophie (vgl. die unterschiedlichen Definitionen bei Alexos et al. a.a.O.; Gethmann a.a.O.; Hörz 1991, 47; Boenke 1999, 38) ebenso wie in die theoretischen bzw. allgemeinen Einzelwissenschaften (theoretische Physik, theoretische Biologie, allgemeine Erziehungswissenschaft, allgemeine Behindertenpädagogik, allgemeine Psychologie), wobei der Status einer allgemeinen Wissenschaft häufig unerörtert bleibt. Nach Vygotskij (1985) wäre sie die allgemeine Philosophie eines Fachs, die auf dem Wege zu einer reifen Wissenschaft unumgänglich zu entwickeln ist und weder in einem Reduktionismus nach oben (also in die Philosophie) noch nach unten aufgelöst werden darf.

In der Geschichte des Universalienstreits sind es drei widerstreitende Positionen zum Verhältnis von Allgemeinem und Einzelnen, jenseits derer sich eine vierte abzuzeichnen beginnt. Sie alle spielen in die Debatte um eine Allgemeine Behindertenpädagogik offen oder versteckt hinein:

der Platonismus als Auffassung, wonach das Allgemeine „eine vom Denken unabhängige, die Wirklichkeit normierende Idee ist“ (Universelles vor der Sache);

der Realismus als Auffassung, wonach das Allgemeine „eine in der objektiven Wirklichkeit liegende Struktur“ ist (Universelles in der Sache);

der Nominalismus als Auffassung, wonach das Allgemeine „eine Handlung (oder Fiktion des Subjekts) ohne Rückbezug auf ansich seiende Objekte“ ist (Universelles nach der Sache) (Gethmann a.a.O., 33).

Eine vierte, sich anbahnende Position, historisch bei Spinoza angedacht, zeigt sich in verschiedenen Entwicklungen innerhalb der modernen Wissenschaftstheorie als Rückkehr zu einem prozess-, struktur- und entwicklungsbezogenem Realismus, der die durch Platonismus und Nominalismus aufgeworfenen Fragen einbezieht und die Beschränktheiten des klassischen Realismus zu überwinden versucht. Man könnte von Universellem in der Entwicklung und Differenzierung der Sache sprechen.

Von besonderer Bedeutung ist für eine derartige Position der Übergang von ontologischen zu „ontogenetischen“ Positionen (von Foerster 1993). Statt von einer Ontologie der Dinge ist von einer Ontologie [d.h. Ontogenetik] der Prozesse und Relationen auszugehen, die sich in Dingen ausdrücken. Zu nennen ist neben der modernen analytischen Naturphilosophie (Esfeld 2008) vor allem die Kybernetik zweiter Ordnung Heinz von Foersters unter Aufgreifen der mehrwertigen Logik von Gotthard Günther und mit unmittelbarer Ausstrahlung in die Systemtheorie Luhmanns und den Konstruktivismus, es ist die Neulektüre Spinozas insbesondere durch Della Rocca (2008) und es ist der dialektische Materialismus in den Traditionen von Marx und Engels.

Der Begriff des Allgemeinen gewinnt hier eine neue Spezifizierung als „konkret Allgemeines“ (Il’enkov 1971). Im Rückgriff auf Hegel ist das Allgemeine „das Wesen, das Gesetz des Zusammenhangs und der Bewegung der besonderen und einzelnen Erscheinungen innerhalb eines sich entwickelnden Ganzen“. Das Allgemeine erweist sich folglich als Prozess (Höll 1989, 17). Und in Anknüpfung an Marx, so Il’enkov, verweist diese Auffassung auf die zentrale Aufgabe wissenschaftlicher Forschung (hier als Programm einer materialistischen Dialektik), „die konkrete, wechselseitige Bedingtheit der Erscheinungen zu verfolgen, die vermittels ihrer Interaktion ein System erzeugen, das geschichtlich entspringt und sich in stets neuen Daseinsformen und inneren Wechselwirkungen entwickelt und manifestiert“. (Il’enkov a.a.O., 109)

Das Allgemeine ist demzufolge relational zu denken, im Prozess einer gesellschaftlich, historisch und kulturell vermittelten und bestimmten Aneignung der Natur durch den Menschen und des Menschen durch die Natur. Jede Substantialisierung verbietet sich. Allerdings verlangt ein solches Programm in seiner monistischen, nicht dualistischen Ausführung, die für Psychologie und Pädagogik insbesondere von Vygotskij fokussiert wurde, eine adäquate Behandlung des [→] Leib-Seele-Problems, das wie ein System tiefer Schluchten die verschiedenen Argumentationsmuster des Universalienstreits scheidet.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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