With Music We Fall - Roxana Hube - E-Book

With Music We Fall E-Book

Roxana Hube

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Beschreibung

Die Newcomerin Ember begleitet die Band Two Times Wise auf ihrer Welttournee als Support Act, doch für den Leadsänger Rowan ist sie nichts weiter als ein Hype, der bald wieder vergeht. Als er wegen des neuen Albums unter Druck steht und er ausgerechnet Ember um Hilfe bittet, bringt die Musik die beiden einander näher. Aber Rowan steckt in einer eingeschlafenen Beziehung und Ember sucht nach ihrem leiblichen Vater - ohne zu ahnen, dass sie kurz davor ist, ihn zu finden.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Playlist
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Epilog

With Music We Fall

Roman

von Roxana Hube

www.roxana-hube.jimdoosite.com

www.instagram.com/roxana_hube_autorin

1. Auflage, Juli 2025

Copyright © Roxana Hube

Lektorat: Olga Holtmann – www.lektorat-holtmann.de

Cover: LAB Buchdesign – © Lea Böttcher

Illustration: © Kristin Heldrung – Illustration – www.kristinheldrung.de

Impressum:

Roxana Hube

Kleine Viehstraße 33

48653 Coesfeld

[email protected]

© 2025

Das Werk, einschließlich seines Titels, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

ISBN: 978381941912

Für alle, die denken, dass das Leben nicht Gutes für sie bereithält.

Ich sehe euch.

Und auch, wenn es noch so aussichtslos scheint, lasst nicht zu, dass die Dunkelheit euch verschluckt. Seid das Licht.

Für euch und für diejenigen, die ihr liebt.

Familie ist da, wo man verstanden wird und gemeinsam durchs Leben geht.

Wren

(Embers Mitbewohner und bester Freund)

Playlist

You’re On Your Own Kid – Taylor Swift

Mindset - Only The Poets

Vibes - Chase Atlantic

Is This Love? - James Arthur

Habit - Louis Tomlinson

State Of Grace - Taylor Swift (Taylor’s Version)

Headline – Louis Tomlinson

The Show – Niall Horan

Dear Father – Sum41

For You – Giant Rooks

War Of Hearts - Ruelle

Written All Over Your Face - Louis Tomlinson

A.M. - One Direction

Every Song I Ever Wrote - Only The Poets

Style - Taylor Swift (Taylor’s Version)

Would You – The Vamps

Pushin‘ Me Away – Jonas Brothers

Tragedy - Fly By Midnight

The Great War - Taylor Swift

I Think I’m in Love - Taylor Acron

Crash - Only The Poets

Guilty As Sin – Taylor Swift

Infinitely Falling - Fly By Midnight

Don’t Go – Yungblud

The Archer – Taylor Swift

Don’t Give Up On Me – Andy Grammer

Electric Touch (feat. Fall Out Boy) - Taylor Swift

Red - Taylor Swift (Taylor‘s Version)

Liebe Leser:innen,

Es könnte sein, dass dieses Buch einige Passagen oderElemente enthält, die euch persönlich nahegehen, wenn ihr ähnliche Erfahrungen macht oder gemacht habt.

Dies betrifft vor allem: Verlust, Tod, Trauer, Leben in Pflegefamilien, Verlassenwerden

Eure Roxana

Kapitel 1

»Wie genau ist es zu diesem Vorfall gekommen?«

»Dieser Mistkerl konnte seine Finger nicht bei sich lassen, so ist es zu diesem Vorfall gekommen! Ich habe fünf Minuten dabei zugesehen, wie er versucht hat, sie anzugraben, obwohl sie ihn ständig abgewiesen hat. Bei mir sind die Sicherungen durchgebrannt, als er seine dreckige Hand auf ihren Po gelegt hat.«

Der Polizist setzt den Stift auf das Protokoll und sieht mich direkt an. Hätte ich mich doch einfach rausgehalten, dann würde ich jetzt zuhause meine Koffer für die Tournee packen, statt mich auf einem Polizeirevier rechtfertigen zu müssen.

»Hat er Sie angefasst?«

»Mich nicht«, sage ich und schnaube verächtlich.

Der Polizist vor mir runzelt die Stirn. »Wieso haben Sie dann den Mann angegriffen?«

So eine Frage kann auch nur von einem Mann kommen. »Weil ich es hasse, wenn Männer sich einfach nehmen, was sie wollen. Dieses Mädchen hat eindeutig gesagt, dass der Kerl verschwinden soll, aber das hat er nicht getan. Also habe ich eingegriffen.«

Der Vorfall hat maximal zwei Sekunden gedauert, bis das Mädchen sich aufgebracht zu ihm umgedreht hat, um ihn anzukeifen. Zwei Sekunden, in denen er seine Hand auf ihrem Körper hatte. Zwei Sekunden zu viel.

Es ist heiß in dem Raum, in dem ich befragt werde. Die Heizung läuft auf Hochtouren und ich fühle mich wie in einem Tropenwald. Dem Polizisten geht es nicht anders. Als er den Arm hebt, erhasche ich einen Blick auf den nassen Fleck unter seiner Achselhöhle. Es ist Januar und der Mann riecht, als wäre es ein heißer Tag mitten im August. Er wischt sich mit der Hand über das Gesicht und ich beschließe, ihm heute nicht mehr die Hand zu geben.

»Sie haben Glück, wenn der Mann keine Anzeige erstattet.«

»Er hat Glück, dass seine Knochen noch ganz sind.« Ich recke den Hals, um einen Blick auf die Notizen des Polizisten zu werfen. Doch sein unordentliches Gekritzel kann ich nicht entziffern. Keine Ahnung, ob ich jetzt großen Ärger am Hals habe. Ich hoffe es nicht.

»Solche Dinge sollten Sie nicht vor einem Polizisten sagen, Miss.« Er erhebt sich von seinem Stuhl, der dabei quietschend über den Boden schabt. »Hat er Sie provoziert?«

»Ein bisschen.«

»Sie sollten sich von solchen Kerlen nicht zu Dummheiten anstiften lassen.«

Ich lehne mich zurück und schüttle unverständlich den Kopf. Hört der Mann sich selbst zu? Sollte die Polizei nicht normalerweise unser Freund und Helfer sein? Stattdessen stellt er mich dar, als wäre ich ein naives Püppchen. Natürlich, geben wir der Frau die Schuld. So läuft es schließlich fast immer.

Ich stöhne laut auf, bei dem Gedanken, dass mein vorschnelles Handeln mich schon wieder in Schwierigkeiten gebracht hat. Doch noch nie hat es mich auf ein Polizeirevier befördert, wo Officer Schwitzkopf mich behandelt wie ein dummes Mädchen.

Der Troublemaker, dank dem ich hier sitze, kommt wie gerufen aus einem der anderen Büros und funkelt mich böse an, zumindest soweit er es mit seinem angeschwollenen Auge kann. Auf seinem hellen Hemd sind Blutflecken zu sehen, weil ich nicht nur sein Auge, sondern auch seine Nase erwischt habe. Ich gebe zu, dass ich nicht beabsichtigt habe, ihn so zu verletzen. Doch andererseits hat er nichts anderes verdient, wenn er seine Griffel nicht kontrollieren kann.

»Bekommt der Typ Ärger?« Ich nicke in seine Richtung und beobachte den Mistkerl dabei, wie er nach draußen geführt wird.

»Es interessiert Sie, ob er Ärger bekommt und nicht, ob Sie selbst in Schwierigkeiten sind?«

»Na, die Frage erübrigt sich ja wohl, so wie Sie mich ansehen.«

Der Polizist fährt sich über seine kurz geschorenen Haare und seufzt auf. »Wir haben ein paar Leute befragt, aber niemand hat von einer sexuellen Belästigung berichtet. Demnach werden wir hier nicht weiter tätig werden. Ein Zeuge bestätigt nur, dass Sie ihn geschlagen haben.«

»Was ist mit dem Mädchen? Lassen Sie es keine Aussage machen?«

»Ich weiß ja nicht einmal, wen Sie meinen. Ein Mädchen, das Ihre Version hätte bestätigen können, war nicht mehr auffindbar. Außerdem stand sie vermutlich unter Alkoholeinfluss. Es wird sich morgen an diese Nacht sicher kaum erinnern.«

Die Wut in mir wächst schneller, als der Typ schwitzen kann. »Sie unterstellen ihr, betrunken gewesen zu sein? Was ist mit dem Typen? Ist der betrunken und somit wird ihm alles verziehen? Sie hat wahrscheinlich Angst bekommen und ist abgehauen. Es kann doch nicht sein, dass alle Kerle machen können, was sie wollen und nicht einmal zur Rechenschaft gezogen werden. Gibt es keine Polizistin, mit der ich sprechen kann?« Suchend sehe ich mich um. Was habe ich eigentlich erwartet? Der Polizist vor mir ist selbst ein Mann. Und die teilen sich vermutlich sowieso alle eine einzige Gehirnzelle.

Der Polizist stemmt die Hände in die Hüften, der Schweiß läuft an seinen Schläfen entlang. »Fahren Sie nach Hause.«

»Sie lassen mich gehen?« Überrascht ziehe ich eine Augenbraue hoch. Damit habe ich nicht gerechnet.

»Sie haben keinen Grund, ihn anzuzeigen, aus Mangel an Opfern. Und solange der Mann Sie nicht wegen Körperverletzung anzeigt, haben wir keinen Grund, Sie festzuhalten.«

»Das war‘s jetzt?« Das darf doch echt nicht wahr sein. »Wir sind hier fertig?«

»Ich kenne dieses Viertel gut, Miss. Das ist nicht der erste und wird nicht der letzte Vorfall sein. Glauben Sie mir. Unterschreiben Sie Ihre Aussage und dann sind Sie entlassen.«

Frustriert setze ich meine Unterschrift auf das Protokoll und erhebe mich vom Stuhl. Ich greife nach der Tasche und nach dem Gitarrenkoffer. Im gleichen Moment wird die Tür aufgerissen.

»Ember!«

Ich halte inne, als ich ihre herrische Stimme höre. Die habe ich ja vollkommen vergessen. Ich nehme einen tiefen Atemzug und drehe mich um. Meine Agentin Amy stolziert auf ihren hohen Stöckelschuhen auf mich zu. Vielleicht hätte ich sie nicht anrufen sollen, als man mich auf das Polizeirevier geschleppt hat. Aber ich hatte Angst, in echten Schwierigkeiten zu stecken, so kurz vor der Tournee. Sie war die Einzige, die mir auf die Schnelle eingefallen ist. Einfach, weil sie jede Menge Kontakte hat, und sicherlich ist auch ein guter Anwalt dabei.

»Danke der Nachfrage, Amy. Mir geht es gut. Kein Grund zur Sorge.« Ich hebe beschwichtigend die Hände.

Die Röte auf ihren Wangen ist deutlich zu sehen und aus ihrem Dutt haben sich vereinzelt Strähnen gelöst. Sie muss sich beeilt haben.

»Was wird dir vorgeworfen?«

»Körperverletzung. Aber bevor du ausflippst, ich habe alles im Griff. Ich darf gehen.«

Amys Empörung füllt kurzzeitig den Raum. Demonstrativ atmet sie tief durch, legt mir eine Hand auf den Rücken und schiebt mich unsanft durch die Tür.

»Draußen wartet ein Taxi. Was zur Hölle ist passiert, Ember?«

»Ich habe bloß einem miesen Kerl ein Veilchen verpasst, nichts weiter.«

»Du kannst doch nicht einfach jemanden schlagen!«

»Ach, aber er durfte einfach jemandem an die Wäsche gehen, ja?«

Amy schiebt mich wie ein kleines Kind durch die Eingangshalle. Als ob die Situation nicht schon schlimm genug ist, starren uns die Polizisten an. Ich stoße mit aller Wucht die Eingangstür auf und trete ins Freie. Endlich. Sofort hüllt mich die kühle Winterluft ein. Die Kälte beißt in meine Haut, aber es fühlt sich an, als könnte ich endlich durchatmen.

Amy zieht den dunklen Mantel enger um den Körper und folgt mir die Stufen hinunter. Auf der stark befahrenen Straße ist es laut. Eine Schlange hat sich vor der grünen Ampel gebildet. Einige hupen und gestikulieren wild in den Autos. Neben uns auf der Polizeieinfahrt fährt ein Einsatzwagen mit eingeschalteter Sirene los.

Amy spricht lauter, um den Straßenlärm zu übertönen. »Wieso bist du nachts überhaupt in Hackney unterwegs?«

»Warum sprichst du diesen Ort immer so aus, als würden hier nur Kriminelle wohnen?« Ich bleibe mitten auf dem Bürgersteig stehen und drehe mich zu ihr um.

»Weil hier nunmal die Kriminalitätsrate ziemlich hoch ist.« Unsicher schaut sie nach links und rechts, als ob jeden Moment jemand um die Ecke kommt und uns überfällt.

»Hallo? Ich lebe hier«, sage ich und gestikuliere mit den Armen. »Und ich bin nicht kriminell.«

»Scheinbar jedoch gewalttätig.«

»Ich bin nicht ...« Einen Augenblick lang schaue ich meine Agentin an. Ihre Arme hat sie vor der Brust verschränkt und ihr Blick sagt mehr als tausend Worte. Sie ist sauer. Das ist genau das Letzte, was ich will. »Ich weiß, dass das nicht gerade eine Glanzleistung war, okay? Aber ich habe nur einem anderen Mädchen helfen wollen. Wenn mich das zu einer gewalttätigen Person macht, dann bitte. Dann bin ich eben gewalttätig.« Ich schnaube verächtlich.

»Hat der Kerl es wenigstens verdient? Hat er dich angefasst?« Amys Gesichtszüge werden weicher. Sie lockert die Arme etwas.

»Nein, aber ein anderes Mädchen. Er hat es also verdient.«

Amys Mundwinkel zucken verräterisch. »Ich hätte ihm die Finger gebrochen.« Sie verzieht den Mund zu einer schmalen Linie und geht auf das Taxi zu. »Du suchst immer noch nach deinem leiblichen Vater, nicht wahr?«, fährt Amy fort, als sich das Taxi in Bewegung setzt. Mein Schweigen und gesenkter Kopf reichen ihr als Antwort aus. Sie hat den Nagel auf den Kopf getroffen.

»Ember, so viele Musiker träumen davon, auf eine Tournee als Support Act einer so bekannten Band zu gehen. Sie zahlen dafür, um Mitmachen zu dürfen. Brian tut mir damit einen unglaublich großen Gefallen und ich konnte aushandeln, dass du eine kleine Gage bekommst. Gut, die Hälfte geht für die Kosten drauf. Aber Ember, das ist ein Sechser plus Zusatzzahl im Lotto! Das ist eine so große Chance für dich. Besonders, wenn man bedenkt, dass du von der Straße kommst.«

»Wie bitte?«

»Ach, du weißt, was ich meine. Kaum jemand schafft es, mit Straßenmusik und TikTok-Videos eine so steile Karriere hinzulegen wie du. Also nutze diese Chance und laufe nicht einem Phantom nach.« Amy legt mir die Hand auf den Arm und drückt sanft zu. »Ich weiß, dass du gerne wissen würdest, wer er ist und wieso er dich und deine Mutter verlassen hat, aber du wirst in wenigen Tagen mit einer weltberühmten Band auf Tournee gehen. Das ist deine Chance, groß rauszukommen. Vergiss für eine Sekunde diesen Mann und denke an die großen Bühnen. Die sind das Ziel. Danach kannst du ihn immer noch suchen.«

Ich nicke. Ihr Handy vibriert, sie überfliegt die Nachrichten und sagt mir, dass sie darauf dringend antworten müsse. Ich beobachte ihre Finger, wie sie flink auf dem Display tippen. Es erinnert mich ein wenig an unser erstes Treffen vor ungefähr einem Jahr. Ich habe auf dem Trafalgar Square Gitarre gespielt und einen Song von Lewis Capaldi gecovert. Sie blieb direkt vor mir stehen und tippte wild auf ihrem Handy herum. In dem Moment hätte ich sie am liebsten angebrüllt, geh mir aus der Sonne, du platzt in mein Live auf TikTok. Aber ich war mitten im Refrain. Sie schaute einige Male zu mir hoch, gab etwas in ihr Handy ein und drückte mir ihre Visitenkarte, mit der Bemerkung: »Ich bin eine Musikagentin, melde dich bei mir« in die Hand. Danach war sie auch schon verschwunden. Ich hielt es für zu schön, um wahr zu sein, und habe mich nicht bei ihr gemeldet. Wochen später stand sie dieses Mal am Leicester Square direkt vor mir. Sie fragte mich, wieso ich mich nicht gemeldet habe, und ich sagte ihr, dass ich nicht jedem dahergelaufenen Menschen vertraue und mir noch nie sowas Gutes passiert ist. Ich kann mich noch gut an ihren Blick erinnern, der mir sagte, jetzt darfst du daran glauben. Jetzt ist es passiert. Von diesem Moment an hat es bei mir Klick gemacht. Seitdem ist sie meine Agentin und tut alles, damit ich eines Tages auf der großen Bühne stehe. Dafür bin ich ihr auf ewig dankbar.

»Denk daran, dass du pünktlich erscheinst.«

Amys Worte holen mich aus meinen Gedanken. Ich nicke bloß, weil ich nicht will, dass sie sauer wird.

Vor dem Gebäude, in dem sich meine Wohnung befindet, bleibt das Taxi stehen. Bevor ich aussteigen kann, greift Amy sanft nach meinem Arm. Mein Blick begegnet ihrem. In ihren dunklen Augen blitzt etwas auf. Sorge. Dass sich jemand um mich sorgt, ist absolut neu für mich. Und Amy sorgt sich oft um mich.

»Ember, du weißt, dass ich nur das Beste für dich will, oder?«

»Natürlich.«

»Ich verstehe deinen Wunsch, ihn zu finden. Und ich verstehe auch, dass du denkst, du könntest deinem Vater näher sein, wenn du in diesem Viertel rumhängst. Aber so ist es nicht. Diese Tournee ist wichtig für dich. Professionalität ist das A und O. Du musst deine Karriere im Fokus behalten.«

Ich presse die Lippen aufeinander und steige aus. Amy winkt mir zum Abschied und das Taxi fährt sie in ihr gemütliches Zuhause, in einem Stadtteil, in dem Bilderbuchfamilien leben.

Ich war schonmal in ihrer Wohnung und weiß, dass Leute wie sie, mich niemals verstehen werden. Nein, sie wird nie verstehen, wieso ich mich mit Hackney so verbunden fühle. Ich bin dort aufgewachsen. Dort leben meine Freunde und es war dieser Ort, an dem ich meine Liebe zur Musik entdeckt habe. Der Ort, an dem ich das erste Mal vor einem größeren Publikum gespielt habe, bevor ich auf die U-Bahnstationen und den Trafalgar Square gestoßen bin. Die Leute in Hackney haben etwas Großes in mir gesehen, mich unterstützt, mich ermutigt, weiter zu gehen. So blöd Amy es auch findet, es ist mein Zuhause. Es hat nichts damit zu tun, dass ich meinen Vater suche. Zumindest rede ich es mir ein.

Bei Amy ist es anders. Sie hat ein glückliches Elternhaus mit lebenden Eltern. Sie weiß nicht, was es bedeutet, jemanden zu vermissen, der nie da war oder nie wieder kommen wird. Ich hingegen schon. Ich habe eine tote Mutter und einen Vater, der mich verlassen hat, noch bevor ich auf die Welt kam. All die Jahre habe ich mich gefragt, ob er von mir wusste. Ob er vielleicht geblieben wäre, wenn es so gewesen wäre. Ich kenne ihn nicht, nicht einmal seinen Namen. Ich weiß nur, dass er genauso gerne Musik gemacht hat wie ich und seine Initialen, O und K. Nach dem Tod meiner Mum habe ich einen Liebesbrief von ihm gefunden, den er ihr hinterlassen hat, als er sich, ohne sich zu verabschieden, einfach verkrümelt hat. Es ist das Einzige, was mir von ihm geblieben ist. Das und ein Gitarrenplektron. Es ist blau mit einem aufgedruckten Kringel, der silbern glitzert. Meine Mutter hat mich gebeten, es zu entsorgen, doch ich konnte nicht. Ich behielt es, versteckt an einem sicheren Ort. Es war mein kleines Geheimnis.

Mit dem Gitarrenkoffer in der Hand und der Umhängetasche auf der Schulter blicke ich eine Weile dem längst verschwundenen Taxi hinterher. »Keine Sorge, Amy, mein Vaterkomplex wird mir nicht die Tournee versauen«, flüstere ich. Es ist mehr ein Versprechen an mich selbst. Sie hat recht. Diese Tour zu machen ist das, worauf ich die ganze Zeit hingearbeitet habe. Und daran wird auch mein verschollener Vater nichts ändern.

Kapitel 2

Als ich Cassandra kennengelernt habe, waren wir noch gar nicht bei einer Plattenfirma unter Vertrag. Im Grunde war ich ein Niemand, stand ganz am Anfang meiner Karriere. Der Grund, wieso ich Cassandra so mag, ist der, dass sie so normal ist. Sie mochte mich schon, bevor ich berühmt wurde. Sie erinnert mich an mein altes Leben, sie erdet mich. Sorgt dafür, dass ich nicht abhebe. Alles ist leicht mit ihr. Na ja, bisher war das immer so. Doch seit einiger Zeit hat sich etwas in unserer Beziehung verändert. An manchen Tagen dreht sie völlig durch. Und heute ist wieder so ein Tag.

Seit einer verdammten Stunde diskutieren Cassandra und ich über die bevorstehende Welttournee. Es ist immer dasselbe. Sie sucht zwanghaft nach Argumenten, die gegen eine Fernbeziehung sprechen, und ich versuche, ihr zu erklären, dass das keine richtige Fernbeziehung ist. In acht Monaten komme ich wieder zurück und dann können wir weitermachen wie bisher. Doch sie glaubt mir nicht.

»Okay, pass auf.« Cassandra zieht das Handy aus der hinteren Hosentasche und entsperrt es. »Ich habe eine Liste mit Musikern gemacht, deren Beziehungen gescheitert sind.«

»Du hast ernsthaft eine Liste gemacht?«

Aber Cassandra geht gar nicht auf meine Frage ein, stattdessen liest sie mir einen Namen nach dem anderen vor. Bei Adele stutze ich. »Der Grund der Trennung wurde doch nie offiziell bestätigt.«

»Na, dann hör dir das an. Liam Gallagher und seine Frau ließen sich scheiden, weil die Ehe unter dem Tourleben gelitten hat.«

»Soweit ich weiß, hat die Ehe vor allem gelitten, weil er viel getrunken und harte Drogen genommen hat. Das Tourleben war wahrscheinlich das geringste Problem.«

»Das sind nicht die Einzigen. Ed Sheeran, Harry Styles ... Es gibt eine Menge Musiker, die sich während oder kurz nach einer Tournee getrennt haben.« Cassandra steckt das Handy wieder weg und sieht mich direkt an.

»Ich bin mir sicher, Tourneen sind nicht der Hauptgrund für Trennungen. Mal abgesehen davon ist das mein Job. Damit verdiene ich Geld, okay? Eine Tournee gehört einfach dazu.«

»Was, wenn du zurückkommst und plötzlich ein anderer Mensch bist?«

»Wovon redest du da?« Fragend sehe ich sie an.

»Ich habe Angst, dass ich dich nicht mehr kenne. Was, wenn wir uns ... entfremden?«

»Das werden wir nicht. Ich werde nicht plötzlich zu jemandem, den du nicht wiedererkennst, Cassie«, versuche ich sie zu besänftigen und greife nach ihren Händen. Hinter mir ertönt ein lautes Poltern gefolgt von einem Fluchen.

»Pass doch auf, wo du hintrittst, du Trampel!« Ethan sieht aus, als würde er jeden Moment in die Luft gehen. Sein Gebrüll ist nicht zu überhören. Seine dunkle Stimme würde jedem Menschen Angst einjagen, wenn er nicht diese Pikachu-Cap auf dem Kopf tragen würde. Mit der wirkt er harmlos. Wie ein zu groß geratenes Kind.

Caleb setzt eine entschuldigende Miene auf, während er die Gitarre, die auf dem Boden liegt, in die Hände nimmt. Er muss sie umgestoßen haben, was den Lärm verursacht hat. Erneut fällt etwas krachend zu Boden. Cassandra rollt mit den Augen und sieht ebenfalls zu meinen Bandkollegen.

»Es sind nur acht Monate«, versuche ich es erneut und wende mich wieder Cassandra zu, die die Schultern sinken lässt. »Du wirst gar nicht an mich denken. Du musst ohnehin die meiste Zeit lernen. Außerdem hast du deine Studentenpartys und deine ganzen Freunde von der Uni.«

»Du glaubst ernsthaft, dass ich in Ruhe feiern gehe, während mein Freund von hunderten von Frauen begrabscht wird?«

Das ist also der eigentliche Grund, wieso sie nicht will, dass ich gehe.

»Was glaubst du denn, was wir auf der Tournee treiben?«, mischt sich Caleb ein und taucht neben uns auf. Seinen E-Bass stellt er auf dem Boden ab, während er zwischen uns hin und her schaut. »Wir passen schon auf, dass Rowan keinen Mist baut.«

Dass eher ich auf die Jungs aufpassen muss, erwähne ich an dieser Stelle nicht. Das erspart mir eine Menge Nerven sowie unnötiger Diskussionen.

Cassie ignoriert Caleb und blickt mich mit ihren großen Augen an. »Du musst doch zugeben, dass es im Moment nicht besonders gut zwischen uns läuft. Dass du über ein halbes Jahr weg bist, hilft da nicht.«

Ich nehme ihr diese Zweifel nicht übel. Cassandra und ich waren bisher nie länger als ein paar Wochen getrennt. Acht Monate kommen ihr daher vermutlich vor wie eine Ewigkeit. Andererseits wohnen wir nicht einmal zusammen. Sie studiert Politikwissenschaften an einer staatlichen Universität hier in London und wohnt auf dem Campus am Tavistock Square. Es ist nicht so, dass ich ihr nie angeboten habe, bei mir einzuziehen, aber sie wollte es nicht. Wieso genau hat sie mir nie verraten. So oder so sind wir lange genug zusammen, dass sie wissen müsste, dass sie mir vertrauen kann. In jeder Hinsicht. Daher verstehe ich nicht, was sie mit diesem Gespräch bezwecken will, das ich ungern im Beisein von Caleb führen möchte. Auch wenn sie, was das betrifft, völlig ins Schwarze getroffen hat. In den letzten Wochen haben wir mehr gestritten als jemals in unserer gesamten Beziehung. Meine Mum sagt, dass es vorkommt, dass man sich in einer gesunden Beziehung ab und an in der Wolle hat. Doch obwohl wir uns bemühen, nicht zu streiten, kommt es mindestens einmal die Woche vor. Früher war das anders. Die Streitereien, die wir hatten, waren schnell wieder verziehen. Wir haben darüber geredet und es geklärt. Heute reden wir nicht mal mehr darüber. Wir streiten und dann verläuft das Ganze einfach im Sand und wir machen weiter, als wäre nie etwas passiert. Darüber nachzudenken raubt mir nachts den Schlaf. Dabei muss ich mich momentan vollkommen auf die Tour und unser neues Album konzentrieren. Das schreibt sich nicht von allein.

»Rowan! Du nimmst es nicht ernst.« Cassandra schlägt mir auf den Oberarm und wendet sich Hände fuchtelnd ab. Mit einem vielsagenden Blick gebe ich Caleb zu verstehen, dass er sich verziehen soll. Er soll weiter die Instrumente in die schwarzen Boxen packen, anstatt uns so anzuglotzen. Doch anders, als erwartet, bleibt er stehen und legt Cassandra sogar eine Hand auf die Schulter. »Willow und ich führen auch eine Fernbeziehung und es hat bisher alles wunderbar funktioniert.«

Die Schultern meiner Freundin entspannen sich nicht, während Caleb munter weitererzählt, wie toll seine Beziehung mit Willow läuft. Ich erinnere ihn besser nicht daran, dass die beiden es zu Beginn schwer hatten und vor allem, dass sie gerade mal ein paar Wochen zusammen sind. Was weiß er schon über Fernbeziehungen? »Und der Sex ist sogar noch viel besser, wenn ...«

»Das reicht jetzt.« Ich gebe ihm einen leichten Schubs. Caleb verstummt und verschwindet mit seinem E-Bass. Seufzend greife ich nach Cassandras Hand und drücke sie sanft. »Acht Monate. Acht Monate und dann machen wir da weiter, wo wir aufgehört haben. Versprochen.«

Um meinen Worten etwas Nachdruck zu verleihen, drücke ich ihr einen sanften Kuss auf die Lippen. Er ist kurz, nicht intensiv, aber es scheint zu wirken, denn als Cassandra sich von mir löst, umschmeichelt ein Lächeln ihre Lippen. Na geht doch.

»Na schön, okay.«

»Kommst du morgen zur Show?« Mein Herz macht einen aufgeregten Hüpfer, wenn ich daran denke, dass morgen schon der Auftakt unserer großen Welttournee startet. Die Show in London ist etwas ganz Besonderes, weil hier der Ursprung unserer Karriere ist.

»Ich versuche zu kommen«, versichert Cassandra mir, begeistert klingt sie dabei nicht. Dann wirft sie einen kurzen Blick auf die silberne Uhr an ihrem schmalen Handgelenk und seufzt. »Ich muss jetzt gehen. Meine Lerngruppe trifft sich gleich.«

Cassandra gibt mir einen flüchtigen Kuss und macht dann auf dem Absatz kehrt, um das Studio zu verlassen. Ihr teures Parfum hängt wie eine Wolke in der Luft. Ich schaue ihr nach, bis sie endgültig weg ist und die Tür hinter ihr zufällt. Erst dann habe ich das Gefühl, wieder frei atmen zu können. Und genau das sorgt dafür, dass ich mich sogar noch schlechter fühle.

Ich spüre Calebs Hand auf meinem Rücken. Eine Das-wird-schon-wieder-Geste, um mich zu trösten. »Kommt sie zur Show morgen?«

Ich zucke mit den Schultern.

»Das ist unsere erste Show der Tour! Sie muss kommen.«

»Sie muss lernen«, sage ich und stecke die Hände in die Bauchtasche meines Hoodies.

»Das kann sie doch vorher machen.«

Darauf erwidere ich nichts. Stattdessen steige ich über die vielen Kabel auf dem Boden und schnappe mir eine meiner Gitarren.

»Habt ihr Streit?«

»Nein.« Ich fahre mit den Fingern sanft über den Gitarrenhals. »Man kann es nicht als Streit bezeichnen. Im Moment ist es einfach seltsam.«

»Das wird schon wieder.«

Wenig überzeugt brumme ich und widme mich meinem Instrument, das dringend gestimmt werden muss. Ich bezweifle, dass das der einzige Grund ist, wieso ich seit Wochen einen Knoten im Bauch habe, wenn ich an meine Beziehung denke. Aber wenn er meint.

»Du bist schon so lange mit ihr zusammen. Erst wird es komisch, so lange von ihr getrennt zu sein, doch wenn ihr euch dann wiederseht, werdet ihr die Finger nicht voneinander lassen.«

»Na, du musst es ja wissen, Mr. Loverboy«, sagt Ethan spöttisch und beginnt zu lachen. Caleb wirft grinsend eine halbleere Wasserflasche nach ihm. Mit einem lauten Knall prallt sie an der Wand ab und landet kurzerhand auf dem Boden.

»Lasst uns weiterpacken«, werfe ich in die lachende Runde ein und knalle den Deckel des Gitarrenkoffers zu.

Kapitel 3

Obwohl die Ampel rot leuchtet, renne ich über die nasse Straße. Dem Hupen der Autos schenke ich nur bedingt Aufmerksamkeit. Mein Herz hämmert gegen meine Brust, in meinen Ohren rauscht es, als wäre ich unter Wasser. Mit einem schnellen Griff hole ich meine Bahnkarte aus der Tasche, rausche an dem Mitarbeiter in der U-Bahnstation vorbei und lege sie auf das runde Kartenlesegerät. Die Schranken öffnen sich und lassen mich hindurch. Auf der Rolltreppe nehme ich mehrere Stufen auf einmal nach unten. Vielleicht schaffe ich es noch rechtzeitig.

Mit meinem Blick scanne ich die Umgebung ab und folge dem Schild Richtung Jubilee Line. Der Gitarrenkoffer prallt bei jedem Schritt schmerzhaft gegen meinen Rücken. Als ich die Bahn erreiche, steigen die letzten Leute aus. Atemlos dränge ich mich hinein und schaue auf mein Handy: zu spät. »Fuck«, murmle ich gequält und remple jemanden an, als die Bahn sich in Bewegung setzt. Ich entschuldige mich hastig und halte mich an der Schlaufe über mir fest.

Sicherlich hätte ich ein Taxi nehmen können, doch bei dem Verkehr wäre ich nicht einmal halb so schnell vorangekommen. Die U-Bahn ist daher die beste Option für mich.

Als ich denke, dass es nicht noch schlimmer kommen kann, vibriert das Smartphone in meiner Hand. Amys Name leuchtet mir entgegen. Ich stöhne genervt auf. Zögerlich drücke ich auf den grünen Hörer und halte mir das Handy ans Ohr.

»Ich bin auf dem Weg«, sage ich, bevor Amy überhaupt zu Wort kommen kann.

»Wo steckst du?«

Ich höre Amy nur abgehackt und im Hintergrund nehme ich weitere Geräusche wahr. Eigentlich sollte ich jetzt in diesem Moment beim Soundcheck sein. Um die Akustik zu testen und ein Gefühl für die Bühne zu bekommen. Bisher bin ich nie auf einer so großen Bühne gewesen.

»Gib mir ...«, ich lasse das Handy sinken und werfe einen Blick auf die Uhrzeit, ehe ich es wieder gegen mein Ohr presse, »zehn Minuten. In zehn Minuten bin ich da und dann können wir den Soundcheck machen, versprochen.«

»Ember? Hallo?« Amys Stimme klingt immer noch abgehackt und dann höre ich sie gar nicht mehr. Mit einem frustrierten Schnauben packe ich das Smartphone weg.

Bis North Greenwich sind es genau sieben Stationen. Obwohl die U-Bahn schnell ist, ist sie mir gerade nicht schnell genug.

In North Greenwich sprinte ich aus der Bahn und die Rolltreppe hinauf. Kalte Winterluft strömt in meine Lungen, meine Beine brennen, doch der Anblick der O2-Arena lässt mich alles mit einem Schlag vergessen. Ein Lächeln bildet sich auf meinem Gesicht und mein Atem bildet in der Luft weiße Wölkchen. Obwohl mich das Laufen völlig erschöpft hat, wird mein Körper von neuer Energie durchströmt. Alles, was ich jetzt noch will, ist, in diese Arena zu gelangen.

Ich setze einen Fuß nach vorne und stocke. Vor der Arena hat sich eine lange Schlange von Fans gebildet.

»Scheiße.«

Ein Passant, der an mir vorbeiläuft, schüttelt missbilligend den Kopf. Zwar sind es die Fans von Two Times Wise, doch es ändert nichts daran, dass das da vorne eine Menge Menschen sind und es schwierig wird, dort so einfach durchzukommen. Schnell fische ich das Handy aus der Jackentasche und wähle Amys Kontakt.

»Wo zur Hölle steckst du?« Amy lässt mich gar nicht erst zu Wort kommen. »Du verpasst den Soundcheck und bringst den ganzen Zeitplan durcheinander!«

»Ich stehe vor der Arena und weiß nicht, wie ich an den ganzen Leuten vorbeikommen soll. Die Schlange ist unfassbar lang. Sag mal, seit wann sitzen die da schon?«

»Ich hätte dich abholen sollen ...«, murmelt Amy mehr zu sich selbst als zu mir.

Verdattert starre ich auf die große weiße Arena.

»Hast du den Pass, den ich dir gegeben habe?«

»Sicher.« Augenblicklich krame ich in meiner Tasche.

»Geh um die Halle herum und komm von hinten rein. Und beeil dich!«

Ich setze mir die graue Stoffkapuze meiner Jeansjacke über den Kopf und gehe um die Halle herum. Vereinzelte Security-Männer laufen umher und bewachen die Arena mit Adleraugen. Nach einer kurzen Kontrolle lässt mich die Security hinein. Die schwere Tür fällt hinter mir zu und auf einmal bin ich vollkommen alleine. Es ist dunkel, der Gang wird nur bedingt beleuchtet. Ich ziehe mir die Kapuze vom Kopf und folge den Gitarrenklängen.

Two Times Wise steht auf der Bühne. Ethan hat seine Gitarre in der Hand, Will sitzt vor den Drums, ohne darauf zu spielen. Rowan und Caleb stehen dabei und unterhalten sich mit einem der Techniker. Ich wende meinen Blick von der Band ab und blicke zu Amy. Sie steht vor der Bühne und wirkt nervös. Als sie mich entdeckt, hellt sich ihre Miene auf. Zügig gehe ich auf meine Agentin zu.

Mir fällt ein Stein vom Herzen. Es wird mir erst jetzt richtig bewusst, wie angespannt ich die ganze Zeit gewesen bin.

»Tut mir leid. Der Bus stand im Stau, es hat einfach viel zu lang gedauert. Also musste ich auf die U-Bahn umsteigen.«

Ich nehme den Gitarrenkoffer von meinen Schultern und stütze mich darauf ab.

»Trink erstmal was.« Amy mustert mich und greift nach der Wasserflasche auf dem Boden. Dankbar nehme ich sie entgegen und trinke den Rest Wasser in einem Zug aus.

»Das wird aber auch Zeit!«

Wie von einer Tarantel gestochen fahre ich herum und blicke in das Gesicht von Brian. Der Manager der Band kommt auf mich zu und schüttelt verärgert den Kopf. »Hast du mal auf die Uhr gesehen?« Mit dem Finger deutet er auf sein Handgelenk, obwohl er überhaupt keine Uhr trägt.

»Ich weiß, ich bin spät dran.« Ich schraube den Deckel mit zittrigen Händen wieder auf die Flasche.

»Immerhin weiß sie es.«

Rowan, der Leadsänger der Band steht in Jogginghose und Hoodie am Bühnenrand und sieht mit demselben Blick zu mir herunter wie Brian.

»Es tut mir leid, ich ...«

»Ich möchte nicht wissen, wieso du zu spät bist.« Brian sieht mich an. »Ich will nur hören, dass es nicht nochmal vorkommt.«

»Es kommt nicht wieder vor.« Beschämt senke ich den Kopf.

Brian nickt zufrieden. »Na dann, komm erstmal zur Ruhe und dann ab zum Soundcheck.«

Erleichterung macht sich in mir breit. Für einen Moment habe ich echt geglaubt, dass ich es mir mit ihm verscherzt habe. Nochmal gut gegangen.

»Wie, das war‘s?«

Sämtliche Blicke heften sich an Rowan, der ungläubig zu Brian sieht. »Sie kommt an ihrem ersten Tag zu spät und du hältst ihr keine Standpauke?«

»Ich denke, das ist nicht nötig.« Brian dreht sich zu seinen Schützlingen um. »Sie weiß genau, dass sie nicht hätte zu spät kommen sollen. Außerdem sieht sie aus, als wäre sie den ganzen Weg hergerannt. Das sollte Strafe genug sein.«

»Das ist ja echt unglaublich«, murmelt Rowan leise, doch ich höre ihn trotzdem.

Ich blicke zu ihm und runzle die Stirn. »Ich sagte doch, es tut mir leid.«

»Habe ich gehört.«

Möglicherweise habe ich es mir nicht mit Brian, aber dafür mit der Band verscherzt.

»Ich kann es nicht leiden, wenn man eine Chance bekommt und sie dann mit Füßen tritt.«

»Ich trete gar nichts mit Füßen! Ich bin euch dankbar, dass ihr mich als Support Act auftreten lasst.«

»Davon merke ich gerade eher weniger.« Rowan verschränkt die Arme vor der Brust.

Ich spüre, wie sich die Wut langsam in mir aufbaut, doch ich beiße die Zähne zusammen. Das hier ist nicht der Moment für einen Streit mit dem Leadsänger der Band, die mich mit auf Tournee nimmt. Ich verstehe seinen Unmut darüber, dass ich mich verspätet habe, aber mehr als mich dafür entschuldigen kann ich wirklich nicht. Was erwartet er? Dass ich vor ihm auf die Knie falle?

»Das nächste Mal sage ich der U-Bahn, sie soll schneller fahren«, entgegne ich spöttisch.

Rowan setzt gerade zu einer Erwiderung an, doch sein Bandkollege Caleb hält ihn zurück. Er legt ihm eine Hand auf die Schulter und sagt etwas, dass ich hier unten nicht verstehen kann, doch ich sehe wie sich Rowans Schultern etwas entspannen.

»Rowan, könntest du mir kurz helfen?« Brian durchbricht die angespannte Stille und deutet mit einem Nicken hinter die Bühne.

Mit einem genervten Schnauben springt Rowan von der Bühne und folgt seinem Manager. Ich blicke ihm hinterher und schaue dann zu den anderen Bandmitgliedern.

»Welche Laus ist ihm denn über die Leber gelaufen?« Ethan reicht einem Crew-Mitglied seine Gitarre und kommt an den Bühnenrand.

»Sie ist zu spät zum Tourauftakt gekommen.« Will steht von seinem Hocker auf und kommt ebenfalls dazu. »Das ist unprofessionell.«

»Sehr unprofessionell«, wiederholt Caleb tadelnd.

Ich werfe Amy einen verunsicherten Blick zu, weil ich nicht einschätzen kann, ob sie tatsächlich sauer sind oder mich nur aufziehen. Und da Rowan eben wütend geworden ist, will ich nicht riskieren, mich auch noch mit dem Rest der Band anzulegen.

»Viel Glück.« Amy schmunzelt und entfernt sich von mir. Was soll das denn bitte bedeuten?

Seufzend blicke ich zu den drei Bandmitgliedern, doch als ich sehe, wie sie alle grinsen, wird mir klar, dass sie nur scherzen. Witzig. »Ihr seid nicht wirklich sauer, oder?«

»Nein, wir verarschen dich nur.« Erst als Caleb lacht, entspanne ich mich. Für eine Sekunde habe ich gedacht, ich hätte es verbockt.

»Ich meinte das vorhin ernst, ich bin unfassbar dank-bar, dass ihr mich spielen lasst. Damit geht ein Traum für mich in Erfüllung.«

»Hört ihr das?« Ethan stupst Will mit dem Ellenbogen an. »Wir sind offiziell Traumerfüller.«

Ich nicke übertrieben und sehe die Jungs an.

»Na meinetwegen.« Calebs Mundwinkel zucken. Kurz darauf hüpfen die Jungs von der Bühne und stellen sich zu mir.

»Bei unserem ersten Treffen war sie übrigens pünktlich«, bemerkt Ethan und krempelt die Ärmel seines Longsleeves hoch.

»Und nervös.« Caleb sieht in die Luft, als würde dort eine Wolke der Erinnerung hängen. »So aufgeregt. Und so ... jungfräulich.«

»Jungfräulich?« Will sieht Caleb entgeistert an. »Ist das dein Ernst?«

»Na, jungfräulich im Sinne von, sie stand noch nie auf so einer großen Bühne. Sie ist unerfahren.«

»Dann sag doch einfach unerfahren.«

»Habe ich doch gerade.«

Caleb und Will bringen mich zum Lachen, und endlich löst sich die Anspannung in meinem Körper.

»Ihr habt mich ganz schön ins Schwitzen gebracht.« Ich schüttle den Kopf bei der Erinnerung an unser Treffen vor einigen Monaten. »Ich habe mich in die Schule zurückgesetzt gefühlt. Wie ein Schulmädchen vor einer wichtigen Prüfung.«

»Wir mussten doch testen, ob du dem Druck standhältst«, sagt Will unschuldig und streicht sich über sein Shirt.

Ich habe gezittert und die Worte, die ich mir zuvor zurechtgelegt habe, völlig vergessen, sobald die Band vor mir saß. Es ist untypisch für mich, die Fassung zu verlieren. Aber ich habe mich gefragt, ob ich überhaupt gut genug für all das bin. Zwar hat Amy mir gesagt, es wäre schon großartig, dass sie mich überhaupt in Erwägung ziehen, aber ich wollte mehr als das. Ich wollte beweisen, dass ich es verdient habe.

»Rowan hätte dir den Einstieg sicher leichter gemacht als wir«, meint Caleb mit einem Grinsen. »Er ist der Charmante von uns.«

Will zieht ungläubig eine Augenbraue nach oben. »Charmant? Rowan? Reden wir von demselben Typen?«

Ethan lacht. »Ach komm schon. Er hat schon eine liebenswerte Art. Die Fans vergöttern ihn.«

»Die lieben nur sein gutes Aussehen«, korrigiert Will ihn.

»Als ob das der einzige Grund ist.«

»Das macht ihn nicht weniger einschüchternd«, murmle ich mehr zu mir selbst.

Trotz ihrer lockeren Scherze spüre ich, wie sich ein Knoten in meinem Magen bildet. Seine strenge Haltung vorhin verunsichert mich plötzlich. Was, wenn er meine Auswahl für einen Fehler hält? Es sollte mich nicht kümmern und normalerweise tut es das auch nicht. Doch das hier ist nicht der Trafalgar Square, sondern eine richtige Tournee. Wenn ich mich auf der Straße verspiele, dann merkt es niemand. Aber das hier ist anders. Auf der Bühne muss einfach alles perfekt sein.

Caleb mustert mich. In seinen braunen Augen liegt ein Hauch Verständnis. »Denk nicht zu viel darüber nach. Genieß die Zeit einfach.«

Ich nicke langsam, auch wenn die Zweifel noch an mir nagen.

»Genug gequatscht.« Amy taucht plötzlich auf und klatscht in die Hände. »Du musst noch die Bühne testen, bevor die Fans reingelassen werden.«

»Vergiss nicht, Spaß zu haben.« Will lächelt mich warm an, im nächsten Moment verschwinden die Jungs in Richtung Garderobe.

»Sag mal«, ich streife mir die Jacke von den Schultern und werfe sie auf den Boden, »Brian ist vorhin ganz schön entspannt geblieben. Hast du was damit zutun?« Ich werfe Amy einen vielsagenden Blick zu.

»Natürlich habe ich mit ihm gesprochen, bevor du hier reingeschneit bist. Spielt jetzt aber keine Rolle.« Amy schiebt mich Richtung Bühne. »Du hast einen Job zu erledigen.«

Kapitel 4

»Was ist los mit dir?« Brian mustert mich fragend.

Fragt er mich das ernsthaft?

»Ich bin sauer«, sage ich, als wäre es nicht offensichtlich. »Bei uns machst du sofort einen Aufstand, wenn wir nicht spuren. Ember bekommt mit einem Fingerschnippen alles, was sie will, während wir uns jahrelang den Arsch aufgerissen haben. Wir mussten parat stehen, zu den Proben, den Aufnahmen, den Besprechungen, pünktlich. Sie schafft es nicht einmal, zu einem Konzert rechtzeitig zu kommen. Und da kommt von dir nichts?! Nur dank ein paar viralen TikTok-Videos steht sie auf der Bühne. Auf unserer Bühne. Künstler wie sie drehen ein paar kurze Clips, mit der passenden Beleuchtung und dem richtigen Song, und plötzlich öffnen sich Türen, von denen wir nicht mal zu träumen gewagt haben. Dank ein paar blöder Klicks. Sie ist ein Social-Media-Produkt. Und auch, wenn ich verstehe, dass es dank der sozialen Medien leichter geworden ist, eine große Reichweite zu bekommen, fühlt es sich komisch an, zu wissen, dass wir mehrere Jahre gebraucht haben, um all das zu erreichen, während sie nach einem Jahr der Support Act einer großen Band sein darf. Das Leben ist manchmal scheiße unfair.«

Brian steht die Überraschung ins Gesicht geschrieben.

»Caleb hat erzählt, dass du eine Beziehungskrise hast, aber lass es nicht an Ember aus, okay? Sie wird euch in Europa begleiten, was bedeutet, dass du mit ihr auskommen musst. Ihr werdet euch jeden Abend begegnen, also reiß dich zusammen.«

Ich könnte jetzt sagen, dass ich keine Lust habe, Verständnis für sie aufzubringen, wo sie nicht mal ansatzweise weiß, wie hart der Weg hierher war. Dass Ember diese ganze Sache vielleicht deshalb nicht ernst genug nimmt.

»Du kannst dir aber sicher sein, dass ich ein strenges Auge auf sie haben werde.«

Ich gehe darauf nicht mehr ein. Stattdessen verarbeite ich noch immer das, was Brian eben über Caleb gesagt hat. »Caleb hat dir was gesagt?«

Ich weiß nicht, was mich wütender macht. Dass Caleb ihm von Cassandra und mir erzählt hat oder die Tatsache, dass er es als »Beziehungsproblem« dargestellt hat. Ich sage mir immer wieder, dass es kein Problem ist. Cassandra und ich haben bloß unterschiedliche Sichtweisen, was die Tournee angeht. Das macht es noch lange nicht zu einem Beziehungsproblem, oder? Wem mache ich hier eigentlich was vor? Natürlich ist es ein Problem. Es hängt wie eine Gewitterwolke über uns, nur hat bisher keiner den Mut gefunden, es zu beseitigen.

Brian bemerkt meinen Unmut und setzt eine entschuldigende Miene auf. »Er ist nicht ins Detail gegangen. Caleb wollte nur, dass ich etwas nachsichtiger mit dir bin, da es dir nicht gut geht. Das ist alles.«

»Das ist alles«, murmle ich mehr zu mir selbst als zu Brian und stecke meine Hände in die Taschen meiner Jogginghose. Was erzählt das Plappermaul noch herum, wenn ich nicht da bin?

»Eine Beziehung kann schwer sein, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ihr zwei seid schon länger zusammen als deine Musikkarriere andauert.« Ich zucke zusammen, als Brian mir auf den Rücken klopft und mich aufmunternd ansieht. »Krisen dauern nicht ewig an. Das wird schon wieder.«

Es ist fast immer dasselbe. Dieselben Sprüche, eine andere Person. Das wird schon wieder.Es ist bloß eine kleine Krise. Als hätten die Menschen, die mir nahe stehen ein Drehbuch auswendig gelernt.

Wenig erfreut beiße ich mir auf die Unterlippe. Ich will jetzt nichts sagen. Das führt nur zu einem Streit und in den letzten Wochen habe ich echt genug davon gehabt. Am allerwenigsten möchte ich, dass mein Manager wütend auf mich ist. Das wäre während der Welttournee nicht gerade vorteilhaft.

»Geh zu deinen Freunden und mach dich für die Show fertig.«

Brian schenkt mir ein letztes Lächeln, bevor er mich stehen lässt und verschwindet. Sobald er weg ist, atme ich hörbar aus. Für einen winzigen Augenblick schließe ich die Augen und versuche, die negativen Gedanken nicht zu sehr an mich ranzulassen. Das Gefühl, missverstanden zu werden, werde ich dadurch zwar nicht los, doch ich spüre, wie die Anspannung in mir wenigstens ein kleines bisschen nachlässt.

Mit einem letzten Blick überprüfe ich die Bühne. Nur um sicherzugehen, dass auch wirklich nichts mehr herumliegt. Ember stellt den Mikrofonständer auf ihre Höhe ein und sieht sich in der großen Halle um. Sie lacht und wirkt glücklich.

Für einen Moment halte ich inne. Ihr Lachen klingt hell, mädchenhaft. Als wäre sie zwölf und nicht dreiundzwanzig, wie Brian behauptet hat.

Er und die anderen aus der Band haben beschlossen, dieser Sängerin eine Chance zu geben. Mich haben sie dabei völlig außen vor gelassen. Ist es also nicht verständlich, dass ich mich hintergangen fühle?

Jemand aus der Crew reicht Ember ihre Gitarre und sie zupft sofort an den Saiten. Die Melodie, die sie spielt, fühlt sich an wie ein warmer Herbsttag und als sie anfängt zu singen, spüre ich jeden Ton bis in die Knochen.

Eine Weile höre ich ihr zu, überlege, ob ich nicht vielleicht doch zu hart zu ihr bin. Ich meine, sie ist gut. Wirklich gut. Aber das wusste ich schon. Nachdem man mir gesagt hat, dass sie unser Support Act in Europa sein wird, habe ich mir einen Account auf TikTok erstellt und mir ihre Videos angesehen. Clips von ihr auf der Straße oder ganz klassisch in ihrem Zimmer, wo sie Songs von berühmten Sängerinnen und Sängern covert. Ihre Stimme ist stark, keine Frage. Und live ist sie genauso gut. Wenn nicht sogar besser. Doch da überkommt es mich wieder. Dieses nagende Gefühl in meiner Brust. Dass Gefühl, dass sie es einfach nicht verdient hat. Nicht so schnell, nicht so mühelos. Wir haben Jahre gebraucht, bis uns jemand endlich ernst genommen hat. Und sie? Sie braucht nur ein paar gut geschnittene Videos und plötzlich steht sie hier.

Unvermittelt dreht Ember ihren Kopf in meine Richtung. Ihr Blick trifft meinen und ich fühle mich augenblicklich unwohl in meiner Haut. Schnell wende ich mich von ihr ab, um der Situation zu entgehen. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist, dass sie mich dabei erwischt, wie ich sie beobachte. Nachdem ich sie so blöd angemacht habe, wird sie ohnehin denken, dass ich ein Vollidiot bin. Besser, ich lasse sie in dem Glauben. Dann muss ich mich wenigstens nicht mehr darum bemühen, besonders nett zu ihr zu sein. Ob man es glaubt oder nicht: Es ist verdammt anstrengend immerzu verständnisvoll und zuvorkommend zu sein. Meiner Erfahrung nach bringt es am Ende rein gar nichts. Was zurückbleibt, ist das Gefühl, zu wissen, dass alles vollkommen umsonst ist. Manchmal reicht es nicht aus, sich anzustrengen, damit die Beziehung zu einer Person besser wird. Es gibt Beziehungen, die sind nicht dazu bestimmt gut zu sein. Es gibt Beziehungen, die sind dazu verdammt, dich in den Wahnsinn zu treiben. Ich blicke ein letztes Mal zu Ember. Dann verschwinde ich, noch bevor sie anfängt, den Refrain zu singen.

Kapitel 5

Du kannst das. Du hast schon schlimmere Dinge erlebt.Diese Worte sage ich mir immer wieder auf, während ich in den Spiegel meiner eigenen Garderobe blicke. Meine Augen sind dunkel geschminkt. Meine gewellten Haare habe ich genauso gelassen wie sie sind. Lediglich ein weißer Haarreif schmückt sie und bildet einen Kontrast zu der dunkelbraunen Farbe. Um mich auf der Bühne etwas wohler zu fühlen, habe ich mir mein Lieblingskleidungsstück angezogen: ein ausgewaschenes Nirvana-Shirt, das Wren mir mal zum Geburtstag geschenkt hat, über das ich meine Jeansjacke trage. Ein paar schwarze Schnürboots, die ich aus einem Second-Hand-Laden habe, lassen den Look noch ein bisschen cooler aussehen.

Ich sehe aus wie immer und doch fühle ich mich irgendwie anders. Mein Herz klopft wie wild vor Aufregung und meine Hände zittern. In meinem Magen kribbelt es und es wird erst aufhören, wenn ich auf der Bühne stehe und anfange zu singen.

Du schaffst das.

Ich nehme einen tiefen Atemzug und lasse die Luft langsam wieder entweichen. Das ist der Moment, auf den ich so lange gewartet habe. Mit dieser Tournee werden mir Türen geöffnet, von denen ich sonst nur geträumt habe.

Ich greife in die Tasche meiner Jeansjacke und hole das blaue Plektrum heraus, um es zwischen meinen Fingern zu drehen. Angestrengt versuche ich mir vorzustellen, was für ein Mensch mein Vater wohl damals gewesen ist. Ich schließe meine Augen für einen Moment und versuche, mir ein Gesicht vorzustellen, aber da ist nichts. Nur ein vager Schatten, ein Phantom. Ich stoße einen frustrierten Laut aus. Es ist hoffnungslos. Dieses Plektrum kann mir nicht sagen, wer mein Vater ist. Das hätte meine Mum tun müssen, als sie noch am Leben war. Aber das hat sie nicht, weil sie der Auffassung war, dass wir ihn nicht brauchen. Mag sein, dass sie recht damit hatte. Ich bin schließlich dreiundzwanzig Jahre ohne ihn ausgekommen, aber ich bin neugierig. Ich möchte wissen, wer er ist. Ob ich Ähnlichkeiten mit ihm habe. Mein Herz sehnt sich schon eine ganze Weile danach, mehr über ihn zu erfahren. Ist er mir ähnlich? Ob er wohl auch nervös vor seinen Auftritten war? Ob er ein Ritual hatte, um die Anspannung loszuwerden? Wie war es wohl für ihn, als er das erste Mal eine Bühne betreten hat? Und wenn er jetzt hier wäre, würde er mich in den Arm nehmen und mir Mut machen?

Meine Finger umklammern das Plektrum fester. Ich wünschte, ich könnte ihm all diese Fragen stellen. Wenn er von mir wüsste, davon bin ich felsenfest überzeugt, dann wäre er heute hier. Er würde dabei zusehen, wie ich meine Träume verwirkliche. Aber nur Gott weiß, ob er überhaupt noch in London wohnt. Vielleicht hat er sich woanders ein Leben aufgebaut, mit Frau und Kindern. Vielleicht gibt es irgendwo Geschwister, die nichts von mir wissen. Oder - und daran will ich gar nicht erst denken - er ist tot. Der Gedanke jagt mir eine Gänsehaut über die Arme.

Ich lasse das Plektrum wieder in meiner Jacke verschwinden und versuche, mich auf meinen bevorstehenden Auftritt zu konzentrieren. Der erste Auftritt, auf einer großen Bühne. Und schon kriecht die Nervosität wieder an mir hoch. Was, wenn ich es verbocke? Was, wenn ich mich blamiere?

Mein Smartphone vibriert auf dem Tisch vor mir und leuchtet hell auf. Ich entspanne mich etwas, als ich den vertrauten Namen lese. Wren. Diese ganze Situation ist so befremdlich, dass ich froh bin, dass jemand anruft, den ich kenne. Als hätte er gespürt, dass ich das brauche. Schnell greife nach meinem Telefon und gehe ran.

»Wie fühlst du dich? Aufgeregt? Nervös? Euphorisch? Entzückt?«

»Möchtest du noch mehr Adjektive aufzählen?«, entgegne ich amüsiert und drehe mich in meinem Stuhl vom Spiegel weg.

»Wusstest du, dass es das Wort echauffiert gibt? Ich meine, wer redet so? Man könnte auch einfach das Wort sauer verwenden. Das klingt weniger hochgestochen.«

»Mich überrascht, dass du weißt, was echauffiert bedeutet. So oft wie du angeblich die Schule geschwänzt hast, dürftest du das Wort gar nicht kennen.«

»Phoebe hat das Wort beim Scrabble benutzt. Ich erweitere gerade mein Wissen, indem ich in einem Wörterbuch blättere, damit ich sie das nächste Mal schlagen kann.«

Auf meinen Lippen bildet sich ein Lächeln. »Etwa deine Kollegin Phoebe?«

»Wie viele Phoebes kenne ich denn?«

»Soweit ich weiß nur eine.«

»Was soll die blöde Frage dann? Das Wörterbuch habe ich übrigens bei dir im Zimmer gefunden. Wieso zur Hölle besitzt du eins?«

»Das habe ich noch aus der Schulzeit.«

»Das hast du behalten?«

»Wieso nicht?«

»Ich habe meinen Schulkram in einer alten Mülltonne brennen lassen, sobald ich die Schule fertig hatte.«

»Du hast die Schule nie zu Ende gemacht. Du hast sie abgehakt.«

»Die Schule hat mich abgehakt, December.«

Die leichte Traurigkeit in seiner Stimme erinnert mich daran, wie viel Hilfe er damals gebraucht hätte. Als wir zusammengezogen sind, hat er mir erzählt, dass er keine exzellenten Noten hatte, weil er Schwierigkeiten hatte, sich alles zu merken. Aber niemanden hat es gekümmert. »Das System ist scheiße, December«, hat er zu mir gesagt und sich eine Zigarette angezündet, während er vom Balkon aus auf die mit Graffiti beschmierten Fassaden der umstehenden Mehrfamilienhäuser geblickt hat. »Wenn die Leute dich einmal wie Sozialmüll behandeln und du es zulässt, werden sie es immer tun.«

Ein Klopfen an der Tür unterbricht unser Gespräch. Ohne auf eine Antwort von mir zu warten, kommt Amy herein und deutet auf die Uhr an ihrem schmalen Handgelenk.

»Ich muss jetzt auflegen, Wren.«

»Rock das Ding, Kleines. Bring den Saal ordentlich zum Beben!«

Wrens Worte geben mir Kraft. Mit einem neuen Schwung Energie richte ich mich auf dem Stuhl auf.

»Wir sehen uns dann zu Hause«, sage ich und lege auf. Mein Blick wandert zu Amy, die mindestens genauso aufgeregt zu sein scheint wie ich. Ihr Lächeln reicht nicht bis zu ihren Ohren und ihr linkes Auge zuckt.

»Die Stimmung draußen ist großartig, was dir bloß Vorteile verschafft. Sie werden dich lieben!«

Hoffentlich behält sie recht.

»Hast du genug gegessen? Getrunken? Warst du vorher auf der Toilette?«

»Nein, weiß ich nicht und ja, bevor ich mich umgezogen habe.«

Das Smartphone verstaue ich ebenfalls in meiner Jackentasche, während ich ihr nach draußen auf den Gang folge.

»Ich bin übrigens erwachsen. Falls dir das noch nicht aufgefallen ist.«

»Das weiß ich.« Amy biegt um die Ecke. Nur ein paar Türen trennen uns von der Bühne. »Aber ich bin deine Agentin. Wenn irgendwas schief läuft, kann das auf mich zurückfallen. Verzeih mir also, wenn ich sichergehen will, dass alles glatt läuft.«

Die Stimmen der Fans, die gemeinsam einen Song von Two Times Wise singen, zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. Ein warmes Gefühl durchflutet mich und die gute Stimmung der Fans fängt mich mit jedem weiteren Schritt ein.

»Mach dir keine Sorgen«, sage ich und greife nach der Akustikgitarre, die mir jemand aus der Crew reicht. Ich glaube, seinen Namen aufgeschnappt zu haben, und denke, dass er Mitch heißt. »Ich habe alles im Griff.«

Ich lege den Gurt der Gitarre um und lasse mich von Mitch verkabeln.

»Wenn etwas ist, gibst du mir ein Zeichen.« Amy mustert mich prüfend.

»Versprochen.«

Die Musik, die aus den Lautsprechern dringt, verstummt. Das Licht wird gedimmt, die Rufe der Fans werden lauter.

»Toi, toi, toi.« Amy drückt fest die Daumen, also schenke ich ihr ein dankbares Lächeln. Dann nehme ich einen tiefen Atemzug und schreite zur Bühne.

Vor dem Mikrofon bleibe ich stehen und checke zur Sicherheit meine In-Ears. Ich blicke strahlend ins Publikum. Die hinteren Fans kann ich nur ganz schwach erkennen, doch die Mädchen vorne sehe ich ganz deutlich.

»Hallo London!«, rufe ich und grinse. Die Menge tobt und jubelt. Die Nervosität fällt von mir ab. Ich zupfe an den Saiten meiner Gitarre. Das Gefühl der Aufgeregtheit wird abgelöst durch ein anderes, ganz neues Gefühl. Das Gefühl, dass das hier - die Tournee mit Two Times Wise - die beste Zeit meines Lebens sein wird. Und ich werde jede einzelne Sekunde davon genießen.

Kapitel 6

Tut mir leid, ich schaffe es nicht zum Konzert.

Ich drehe die Zigarette zwischen den Fingern und starre auf den Nachrichtenverlauf von Cassandra und mir. Die anderen Jungs sind zur Bühne gegangen, um Ember zuzuhören. Ich habe den Jungs gesagt, dass ich nachkomme, doch jetzt sitze ich wie ein Idiot in der Garderobe und frage mich, wieso ich mich nicht so beschissen fühle, wie ich es tun sollte. Normalerweise sollte ich traurig darüber sein, dass meine Freundin nicht zu dem ersten Auftritt unserer Tour kommt, doch erstaunlicherweise durchflutet mich das Gefühl der Erleichterung. Irgendwo in der hinteren Ecke meines Kopfes sitzt Cassandra immer noch und sorgt dafür, dass ich mich schuldig fühle. Schuldig, weil es mir nichts ausmacht, dass sie nicht hier ist. Schuldig, weil ich meine Freunde und sogar mich selbst belüge. Mit Cassandra und mir ist schon lange nichts mehr in Ordnung. Wir beide wissen es, doch niemand von uns unternimmt etwas dagegen. Stattdessen plätschert unsere Beziehung so vor sich hin. Aus Gewohnheit vielleicht. Vielleicht ist das so, wenn man schon so lange mit jemandem zusammen ist.

Ich drücke den Knopf an der Seite meines Handys und lasse das Display schwarz werden. Im nächsten Moment wird die Tür aufgerissen und Ethan und Will stolpern lachend herein.

»Hey, Mann. Du musst dir Ember anhören, sie sorgt da draußen wirklich für gute Stimmung. Und ihre Stimme ist atemberaubend. Du stehst doch auf ausgefallene Musiker«, plappert Ethan fröhlich drauf los.

»Ja, sie ist ‘ne echte Granate. Komm schon.« Will klopft mit den Fingern auf den weißen Türrahmen.

»Ist sie das?« Ich stehe von dem dunklen Ledersofa auf. Die Zigarette landet auf dem Beistelltisch, auf dem diverser Süßkram herumliegt. Die meisten Verpackungen sind bereits geöffnet, wenn nicht sogar schon leer. Eine Coladose steht ebenfalls auf dem Tisch.

»Was ist denn mit dir los?« Will mustert mich argwöhnisch.

»Nichts. Ich habe bloß keine Lust, Ember beim Singen zuzuhören.«

»Willst du nicht sehen, wie sie sich macht?«

»Wieso? Ihr habt es doch schon getan. Schon vor der Tournee.«

»Bist du etwa immer noch sauer auf uns, weil wir uns ohne dich für sie entschieden haben?« Ethan runzelt die Stirn. »Wir können nichts dafür, dass du krank warst.«

»Ihr hättet das Treffen verschieben können«, entgegne ich.

»Brian und das Label haben Druck gemacht.« Will sieht mich ernst an. »Was hätten wir machen sollen?«

Ich zucke mit den Schultern.

»Wir waren uns alle einig, dass du sie auch ausgewählt hättest«, sagt Will. »Wir hätten nicht gedacht ...«

»Dass ich vielleicht jemand Professionelleren ausgesucht hätte?«

Schweigen. Ich bin echt ein Arsch.

»Hört zu, tut mir leid«, sage ich nach einer Weile. »Das war nicht fair. Es ist nur ... Mag sein, dass ihr einen Ember-Fanclub gegründet habt, und ich habe nichts gegen sie persönlich. Nicht wirklich. Es ist nur ...«

»Sie verhält sich unprofessionell?« Ethan zieht eine Augenbraue nach oben. »Okay, es war nicht cool, dass sie nicht pünktlich da war. Sehen wir ein.«

»Danke«, sage ich und werfe einen letzten Blick in den Spiegel.

»Wir sind auch nicht immer der Inbegriff der Professionalität, wenn ich ehrlich bin.« Will sieht mich schmunzelnd im Spiegel an.

»Was unsere Karriere angeht schon.« Ethan lässt sich auf das Sofa fallen und legt den Arm auf der Rückenlehne ab. »Was alles andere angeht, darüber lässt sich streiten.«

Ich drehe mich um, um etwas darauf zu erwidern, als Caleb in den Raum kommt. »Hier seid ihr alle. Ich möchte ja nicht wie Brian klingen, aber Ember hat vor wenigen Minuten ihren letzten Song beendet und wir sind in etwa weniger als einer halben Stunde dran.«

»Um wie unser Manager zu klingen, müsste deine Stimme ein paar Oktaven tiefer liegen. Oh und er macht dabei oft diese Pose.« Ethan verschränkt die Arme vor der Brust, stützt Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand an seine Stirn und schüttelt den Kopf, während er versucht, ernst zu gucken. Will prustet los, Caleb hingegen schüttelt nur entsetzt den Kopf.

»Was bin ich?« Ethan bemüht sich um eine tief klingende Stimme. »Euer Manager oder euer Babysitter?«

»Gruselig wie gut du ihn nachmachen kannst«, bemerkt Caleb verstört und deutet mit dem Daumen über seine Schulter. »Tom wartet, um uns zu verkabeln.«

»Er hat recht. Los geht‘s!« Ich gehe an meinen Freunden vorbei und husche auf den Flur, dicht gefolgt von den anderen.

»Wollte Cassandra nicht auch kommen?« Caleb läuft neben mir her und sieht mich an.

»Oh, Cassandra kommt nicht.«

»Was meinst du mit, sie kommt nicht?«

»Sie hat keine Zeit.«

»Keine Zeit, ihren Freund zu unterstützen?«

»Mach da nicht so ein großes Ding draus«, sage ich und boxe ihn sanft gegen den Arm.

»Es gibt ja noch andere Shows, zu denen sie kommen kann«, meint Ethan hinter mir.

»Richtig.« Zustimmend nicke ich. »Jungs, das hier ist der Auftakt unserer großen Tour. Wir werden da jetzt gleich rausgehen und einen riesen Spaß haben, bevor wir morgen mit dem Tourbus durch Europa fahren. Das hier ist doch genau das, wovon wir schon immer geträumt haben.«

Ethan und Caleb grinsen jeweils von einem Ohr zum anderen.

»Könnt ihr glauben, dass das tatsächlich passiert?« Will schüttelt ungläubig den Kopf und drängt sich zwischen Caleb und mich. »Manchmal wache ich auf und frage mich, ob ich die ganze Zeit nur träume.«

»Mir geht es genauso«, gesteht Ethan mit einem Funkeln in den Augen. »Doch dann kneift Caleb mir in den Arm und ich realisiere, dass das kein Traum ist.«

Ich runzle verwirrt die Stirn. »Caleb kneift dich nachts? Was macht er bei dir im Bett?«

»Nicht nachts!«, entgegnet Ethan empört. »Ich meinte das so allgemein.«

»Daher also die blauen Flecken.« Will deutet auf eine Stelle neben Ethans Ellenbogen. Ethan zieht den Arm zu sich heran und beäugt die Stelle mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Huh, das sehe ich zum ersten Mal.«

Grinsend schüttle ich den Kopf.

Hinter der Bühne angekommen läuft Ember beinahe in mich hinein. Ihr strahlendes Lächeln verpufft in der Sekunde, in der sie mir in die Augen sieht.