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Über kein sozialwissenschaftliches Projekt der letzten achtzig Jahre ist in den Medien so viel berichtet worden wie über »Wittenberge«. Die ehemalige Industriestadt an der Elbe zwischen Hamburg und Berlin, deren Einwohnerzahl infolge der Deindustrialisierung nach 1990 auf 19 000 geschrumpft ist und sich damit nahezu halbierte, war in der DDR bekannt für das Nähmaschinenwerk Veritas.
Von 2007 bis 2010 beobachteten und untersuchten Soziologen und Ethnologen die Veränderungen in der ostdeutschen Industriestadt, wie Menschen mit dem Umbruch umgehen, welche Überlebensstrategien sie entwickeln, welche Bedeutungen Familie, Gemeinschaft, Selbsthilfe und charismatischen Personen in solch einem Prozess zukommen.
In diesem Band werden nicht nur die Ergebnisse der Wittenberge-Studie vorgelegt, die Autoren fragten sich auch, inwiefern Wittenberge als Modell einer fragmentierten Gesellschaft dienen kann, und machten sich auf nach Europa: Wie wird in Pirmasens (Rheinland-Pfalz) und London, in Dänemark, Polen und Rumänien mit Deindustrialisierung, Schrumpfung und sozialer Ausgrenzung umgegangen?
Mit Beiträgen von Heinz Bude, Borys Cymbrowski, Jörg Dürrschmidt, Anna Eckert, Julia Gabler, Robert Geisler, Inga Haese, Susanne Lantermann, Michael Thomas und Andreas Willisch.
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Seitenzahl: 461
Veröffentlichungsjahr: 2012
Andreas Willisch (Hg.)
Überleben in schrumpfenden Regionen
Ch. Links Verlag, Berlin
Das Verbundprojekt »Social Capital im Umbruch europäischer Regionen – Communities, Familien, Generationen« wurde unter dem Förderkennzeichen 01UH0702A-E vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Die Verantwortung für die hier vorgelegten Ergebnisse liegt bei den Autorinnen und Autoren.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
1. Auflage, Mai 2012 (entspricht der 1. Druck-Auflage von März 2012)
© Christoph Links Verlag GmbH
Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Telefon (030) 44 02 32-0
www.christoph-links-verlag.de; [email protected] Umschlaggestaltung unter Verwendung eines Fotos von andri pol
Lektorat: Jana Fröbel, Berlin
eISBN: 978-3-86284-168-4
Vorwort
Heinz Bude
Wittenberge in Europa
Orte auf einem Kontinent der Ungleichzeitigkeit
Andreas Willisch
Dimensionen des Umbruchs
Der lange Weg zum schnellen Absturz und die Suche nach neuen Überlebensformen
Wittenberge
Inga Haese, Anna Eckert, Andreas Willisch
Wittenberge: Von der Industriestadt zum Städtchen an der Elbe
Eine Ortsbegehung
Inga Haese
Von Therapeuten, Chirurgen und Wutsorgern der Stadt
Der Stoff, aus dem Charisma ist
Michael Thomas
Vereine oder Wie nimmt man eigentlich Abschied?
Eine Spurensuche in Wittenberge
Susanne Lantermann
Tradierung trotz Umbruch
Familie in der Überlebensgesellschaft
Andreas Willisch, Anna Eckert
Fahrrad, Rucksack, Nebenjob
Selbsthilfe im prekären Alltag
Wittenberge ist überall – europäische Vergleiche
Julia Gabler
Überlebensgelassenheit einer Kümmerergesellschaft
Umbruch und Aufbruch in Pirmasens
Inga Haese
Eine Stadt und ihre Mythen
Charisma und Überleben im rumänischen Victoria
Borys Cymbrowski, Robert Geisler, Michael Thomas
Soziales Kapital und regionale Entwicklung
Vergleichende Betrachtungen zur polnischen Stadt Czerwionka-Leszczyny
Jörg Dürrschmidt
Die Rolltreppe »nach oben«
Familien in der fragmentierten Metropole London
Anna Eckert
Die Verletzlichkeit peripherer Kleinstädte
Hard Days in Nakskov (Dänemark)
Anhang
Glossar einer Überlebensgesellschaft
Chronik des Wittenberge-Projekts
Literatur
Autorinnen und Autoren
Die Stute auf dem Titelbild dieses Buches trägt den romantischen Namen Venezia III. Mittlerweile ist sie 13 Jahre alt, ein rheinischdeutsches Kaltblut, hatte immerhin schon sieben Fohlen und lebt mitten in Wittenberge. Ihr Besitzer Burkhard Nickolai betreibt in zweiter Generation den Pferdehof Nickolai, Karl-Marx-Straße 35 in Wittenberge, und hat die Schimmelstute 2001 als dreijährige gekauft. Neben Venezia III hält Burkhard Nickolai, der als Lehrer in der Grundschule in Breese, einer kleinen Gemeinde vor den Toren der Stadt, arbeitet, fünf weitere Pferde.
Das Halten von Pferden in der Stadt ist nicht einfach, hat aber eine gewisse Tradition. Der Fuhrbetrieb Nickolai startete 1950 mit einem Pferd und einem geliehenen Wagen. Später fuhren drei Gespanne für örtliche Unternehmen. 1980 musste der Betrieb eingestellt werden. Pferdehalten oder -züchten ist für den Pferdehof heute ein Freizeitvergnügen und familiäres Erbe. Kaum jemand kommt zum Reiten, und auch Kremser werden kaum noch nachgefragt. Im letzten Jahr wurden drei Hochzeiten gefahren.
Im Februar 2010 wurde der Schweizer Fotograf Andri Pol von der Redaktion des ZEIT-Magazins beauftragt, für eine Reportage über ein, wie es hieß, »gigantisches Forschungsprojekt« in der Stadt zu fotografieren. Auf einer Freifläche neben der katholischen Kirche, gegenüber dem Wochenmarkt, traf Andri Pol junge Mädchen, die dort die Pferde des Pferdehofs Nickolai longierten. Seit 2005 ist es den Pferdeleuten von der Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Wittenberge erlaubt, die durch einen Abriss entstandene Rasenfläche für ihre Pferde zu nutzen. Diese Freifläche befindet sich etwa 300 Meter entfernt vom Sitz des Betriebs, und immer wenn sie die Pferde ausführen, kommen die Reitermädchen am Kino Movie Star in der Friedrich-Ebert-Straße vorbei. Andri Pol verabredete sich seinerzeit mit den Mädchen für den nächsten Tag. Die fragten den Chef. Der hatte keine Einwände, und am Folgetag wurde dann Venezia III wieder am Halfter durch die Friedrich-Ebert-Straße geführt, der Fotograf konnte seine Aufnahmen machen, und das Bild, das später den Titel »Was läuft in Wittenberge?« illustrieren sollte, war im Kasten.
Das Bild zeigt eine Seite der Stadt, die so gar nicht zum Selbstverständnis vieler Einwohner passen will. Osteuropäische Trostlosigkeit erkannten nicht wenige darin, und schnell war die verschwörerische Idee geboren, dass das Bild eine komplette Inszenierung sei. Die örtliche Presse recherchierte, konnte oder wollte aber den Geist, der der Flasche entwischt war, nicht wieder einfangen. Die Wittenberger haben vielleicht rational die Zwangsläufigkeit, dass nach der industriellen Größe zukünftig das Heimelige einer touristischen Kleinstadt mit Operettenfestival und Elberadweg folgt, akzeptiert. Doch im Inneren derer, die am Image der Stadt basteln, hat das Ländliche, das da durch die Straßen geht, noch keinen Platz gefunden.
Ganz aufgebracht beschwerte sich eine Wittenbergerin bei mir, dass dieser Aufmacher eher zu einer Stadt in Polen oder Rumänien passe, aber doch nicht zu Wittenberge. Da sei ein Schaden für die Stadt und die äußerst schwierige Investorenwerbung entstanden wie seit der deutschen Vereinigung nicht mehr, hieß es in der Stadtverwaltung. »Doch mal ganz ehrlich«, fuhr die Wittenbergerin etwas leiser fort, »jeden Freitag treffe ich mich an der Ecke Friedrich-Ebert-Straße, Rathausstraße mit meinem Mann und jeden Freitag kommt da dieses Pferd vorbei.« Burkhard Nickolai findet nichts dabei, dass sein Pferd im ZEIT-Magazin abgebildet worden ist, aber »das Geld für die Studie« hätte man wohl besser ausgeben können.
Insofern löst das Buch mit dem Pferd, das am Kino vorbeiläuft, noch einmal ein Versprechen ein. Das ZEIT-Magazin wurde nicht nur wegen der Bilder heftig angegriffen, sondern auch, weil es die Ergebnisse der »Studie« schuldig geblieben sei. Diese Ergebnisse stehen jetzt zur Diskussion.
Und noch ein Bogen kann mit dem Bild geschlagen werden. Wittenberge ist tatsächlich überall. Im Band finden sich Texte über unsere Forschungen in Dänemark, in Rheinland-Pfalz, London, Polen und Rumänien. Wittenberge ist eine gebeutelte Stadt, wie wir sie europaweit gefunden haben, und das Bild mit der Schimmelstute Venezia III könnte auch anderswo entstanden sein.
Seit 2005 die Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung uns erreichte (siehe dazu die Chronik des Wittenberge-Projekts im Anhang), beschäftigen wir uns mit dem gesellschaftlichen Umbruch einer Stadt wie Wittenberge. Die Stadt wurde ausgewählt, weil ihre Industriegeschichte weit über die Zeit der DDR zurückreicht. Das Projekt mit dem sperrigen Namen »Social Capital im Umbruch europäischer Gesellschaften – Communities, Familien, Generationen« bezog 2007 für drei Jahre Quartier unmittelbar in Wittenberge. Es wurde zu den Themen Vertrauen, Gemeinschaften, Charisma, Familien und Strategien der Selbsthilfe geforscht. Wir haben ausschließlich mit Interviews und Beobachtungen gearbeitet, um ins Innere einer sich rapide verändernden Stadtgesellschaft vordringen zu können. Wir haben in drei lokalen Foren die Ergebnisse der Wissenschaftler und der Theaterkünstler, die von Beginn an in die Arbeit integriert waren, vorgestellt. Es wurden vier Theaterstücke über Wittenberge geschrieben. Alle wurden am Maxim Gorki Theater in Berlin aufgeführt, eines auch im Kultur- und Festspielhaus Wittenberge gezeigt. Der 2011 erschienene Band »ÜberLeben im Umbruch. Am Beispiel Wittenberge: Ansichten einer fragmentierten Stadt«, herausgegeben von Heinz Bude, Thomas Medicus und Andreas Willisch im Verlag Hamburger Edition, zeigt in Essays, Bildern, Stückausschnitten, Reportagen und anhand von Materialsammlungen den breiten, auch in seiner Vielfältigkeit experimentellen Charakter des gesamten Vorhabens. Das von Michael Thomas ebenfalls 2011 herausgegebene Buch »Transformation moderner Gesellschaften und Überleben in alten Regionen« widmet sich dagegen ganz speziell der Verbindung zur Transformationsforschung und geht auf die Fragen nach Gemeinschaftlichkeit und zivilgesellschaftlichen Prozessen ein.
Dafür, dass wir ein so großes und langfristiges Projekt und die dazugehörigen Publikationen machen konnten, danken wir zuerst ganz herzlich Angelika Willms-Herget vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie Sabine Espenhorst vom Projektträger im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V., die den Rahmen geschaffen haben, den eine solche Arbeit unbedingt braucht. Eingeschlossen in unseren Dank sind jene, die uns das Arbeiten möglich gemacht haben: Natali Zielonka aus Bollewick, Edelgard Taepke aus Perleberg, und Dorothea Walther aus Berlin. Wir hatten wieder einmal großes Glück, in Christoph Links einen Verleger zur Seite zu haben, der das Risiko auf sich nahm, die Themen Umbruch und Überleben ein zweites Mal aufzunehmen, und uns mit Jana Fröbel eine Lektorin zur Seite stellte, unter deren Händen sich unsere Texte immer zum Besseren verändert haben. Herzlichen Dank dafür! Die Fotos stammen von David Baltzer, Andri Pol, Andreas König und Jonas Ludwig Walter sowie von den Autoren der Beiträge.
Gedankt werden soll aber vor allem jenen Wittenbergerinnen und Wittenbergern, die sich die Zeit nahmen, uns ihre Geschichten zu erzählen, und auch nicht die Geduld verloren, als wir immer wieder kamen, auch in schwierigen Zeiten.
Zu den wichtigen editorischen Vorbemerkungen gehört, dass wir uns für eine Harvard-Zitierweise entschieden haben, das heißt, die Angaben in den Klammern (Autor, Erscheinungsjahr des Textes) verweisen auf die ausführliche Literaturliste am Ende des Bandes. Hinweise auf Beiträge in Tageszeitungen, Internetquellen und sonstige Anmerkungen finden sich am Ende des jeweiligen Beitrags. Die Namen unserer Gesprächspartner haben wir anonymisiert, Gesprächsausschnitte aus den Originaltranskripten kursiv gesetzt und zugunsten der besseren Lesbarkeit mitunter sprachlich leicht verändert; sie sind jeweils mit der Abkürzung Int. für Interview, dem (anonymisierten) Namen und dem Datum des Gesprächs versehen. In den Texten des vorliegenden Bandes verwenden wir das generische Maskulinum für Personenbezeichnungen beider Geschlechter, das heißt, wenn von Wittenbergern oder Einwohnern die Rede ist, sind ausdrücklich immer Frauen und Männer gemeint.
Im Übrigen ist in unser Projektbüro in der Bahnstraße später die Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes gezogen. Das abrissreife Haus gegenüber, in dem für das erste Forum 2008 die »Veränderungsschneiderei« eingerichtet worden war, wurde aufwendig saniert. Das ehemals grüne Kino Movie Star hat der Besitzer braun anstreichen lassen. Da hatten unsere Pirmasenser Gäste im Frühjahr 2010 regelrechtes Glück: Als sie sich vor dem Kino, das sie vom Bild mit dem Pferd kannten, fotografieren ließen, war es noch grün.
Berlin, im Januar 2012
Andreas Willisch für die Autoren, Mitarbeiter und alle Beteiligten des »Wittenberge-Projekts«
Heinz Bude
Über die Existenz von Orten, in denen anscheinend nur diejenigen zurückgeblieben sind, die nicht mehr weggekommen sind, geben die Durchschnittszahlen über das Wirtschaftswachstum eines Landes, die Bevölkerungsentwicklung in einer Region oder die Erwerbsbeteiligung bestimmter Populationen keine Auskunft. Sie gibt es im prosperierenden Deutschland wie im zurückgebliebenen Rumänien, in der aufstrebenden Türkei wie im reichen Norwegen, im glücklichen Schweden wie im niedergeschlagenen Belgien. Orte wie Wittenberge existieren überall in Europa.
Dort ist um zehn Uhr abends alles tot. Nur an der Tankstelle oder in den Videoläden ist Betrieb. Man holt sich die Ration für die lange Nacht: ein Sixpack und zwei, drei, vier Filme. Die man hier auf dem einsamen Nachhauseweg trifft, befassen sich nur provisorisch mit dem Leben. Es gibt nichts zu denken, zu hoffen und zu träumen. Man muss sich mit den Dingen abfinden und sehen, dass einen die Zeit nicht totschlägt.
Am Morgen aber erkennt man die Stadt nicht wieder. Es fahren gepflegte Autos der Mittelklasse vor, denen sorgsame Hausfrauen in sportlicher Kleidung entsteigen, die spezielle Geschäfte für Waren des täglichen Bedarfs aufsuchen. Das Personal der Nacht hat mit dem Personal des Tages offenbar nichts zu tun. In den Orten, die von soziologischen Beobachtern als peripher betrachtet werden, finden sich nicht nur Billigdiscounter mit fetter Wurst und zuckrigen Säften, nicht nur Ramschläden mit Plastikware, nicht nur Imbisse mit traurigen Happen, sondern daneben blühen die kleinen Geschäfte mit frischem Gemüse, feinen Pralinen und originalen Jeans. Wer an den Sinn individueller Anstrengungen glaubt und bei der Beurteilung der allgemeinen Lage zuerst das Element des persönlichen Versagens im Blick hat, will sich was Besseres leisten können, um sich von denen abzugrenzen, die nichts auf die Reihe kriegen.
In der Welt des Konsums zeigt sich die Gespaltenheit der Lebenswelt in den europäischen Orten des Niedergangs. Denen, die dageblieben sind, weil sie der Ansicht sind, immer noch auf ihre Kosten zu kommen, stehen jene gegenüber, die vom Staat leben und sich mit den Resten befassen. Man hat sich die Zeiten in der Stadt aufgeteilt, um sich aus dem Weg zu gehen. Am Morgen dominiert bei denen, die aufs Rathaus eilen, den Bankverkehr erledigen und die Nachbarn grüßen, die bürgerliche Sorge um die unordentlich gewordene Welt; aber die Nacht gehört jenen, die sich vielleicht noch doppelte Auspuffrohre montieren, was aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass sie sich längst dem Nichts überlassen haben.
Natürlich ist die Einteilung nach Tag und Nacht zu schematisch. So ganz und gar aneinander vorbeigehen kann man nicht. Parkplätze, Polikliniken und Poststationen machen keinen Unterschied. Außerdem ist die Stadt politisch darauf angewiesen, sich ab und an als eine Gemeinschaft zu zelebrieren, die Differenzen zusammenbringt und Brücken baut. Man hat auch bei den vielen kleinen Versuchen, sich auf Kosten der anderen zu retten, nicht völlig vergessen, dass solidarisches Handeln, wie Ralf Dahrendorf angemerkt hat (vgl. Dahrendorf 1984, S. 98), nur unter zwei Bedingungen möglich ist: wenn die Lage, in der die Leute sich befinden, von diesen als systematisch verursacht angesehen und empfunden wird und wenn ein Funke der Hoffnung existiert, dass sie sich durch gemeinsames Handeln ändern lässt.
Aber es tut sich dann ganz schnell ein Abgrund auf zwischen denen, die sich als Stützen der offiziellen Gesellschaft wähnen, und jenen, die der Gesellschaft nichts zu schulden meinen. Die Interpretation nötiger Maßnahmen und fälliger Sanktionen scheidet die Geister der Stadt. Während sich die einen in Bedeutung reinreden, haben die anderen ihren Blick schon dem Fernsehschirm zugewandt, auf dem ein Programm mit Wrestling, Jelly Fight oder billigem Softporno läuft.
Die Forschungen in Wittenberge haben uns eine genauere Bestimmung des Konzepts der sozialen Fragmentierung gelehrt. Sie geschieht nicht nur zwischen Regionen und Agglomerationen, sondern innerhalb eines Ortes von heute 19 000 Einwohnern. Und zwar nicht als klassenspezifische Differenzierung von Ober- und Unterstadt im Kosmos einer kleinstädtischen Lebenswelt, sondern als ein eigendynamischer Prozess wechselseitiger Vergleichgültigung, der eine Verinselung in unmittelbarer Nachbarschaft mit sich bringt.
Das hängt mit der Unbehaustheit aller zusammen. Die Leistungsindividualisten schimpfen auf die Versorgungsempfänger, die Rechner misstrauen den Spielern, die Trotzigen beschuldigen die Windigen, die Kleinsparer hassen die Verschwender, die Vergangenheitsapostel lächeln maliziös über die Zukunftspropheten. Selbst die Glücklichen sind nicht glücklich und die Profiteure nicht profitlich. Eine Welt voll ungesicherter Zwischenräume, prekärer Randlagen und belasteter Beziehungen stellt hohe Anforderungen an die Meisterung der eigenen Existenz. Da muss man clever, wach und schlau sein. Der Unternehmer in eigener Sache wird zu einem Modell des Überlebens. Wer dazu nicht in der Lage ist, hängt herum oder reduziert sich aufs Minimum oder lässt die Jalousien runter.
Die soziale Logik der Fragmentierung ändert den gesamten Rahmen der Ungleichheitsproblematik. Reinhard Kreckel hat in seinem Standardwerk über die Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit den entscheidenden Punkt benannt: »Nur wenn eine besondere gesellschaftliche Zusammengehörigkeit zwischen armen und reichen, gebildeten und ungebildeten, mächtigen und ohnmächtigen Individuen, Gruppen oder auch Regionen vorausgesetzt werden kann, kann die Ungleichheit zwischen ihnen (und eventuell auch: deren Überwindung) zu einem sinnvollen Thema werden. Ist dies nicht der Fall, so ist schwer einzusehen, was ein Arbeiter in Hamburg mit einem Arbeiter in Dresden, mit einer Hausfrau in Oberammergau oder mit einem Unternehmer in Berlin zu tun hat und warum sie alle in einer Ungleichheitsordnung einen Platz einnehmen sollten« (Kreckel 2004, S. 24).
Das Beispiel Wittenberge führt dem Beobachter freilich nicht nur die Praxis alltäglicher Fragmentierung vor Augen, es zeigt auf der anderen Seite eine eigentümlich agitierte Gesellschaft. Die lokale Elite aus Bürgermeister, Sozialverwaltungsspitze und Vorzeigeunternehmer lässt immer neue Expertisen für Projekte erstellen, die Standortfaktoren verbessern, die Investoren anlocken und die die Abwanderung stoppen sollen. Die Formeln lauten überall gleich: Man will die Krise als Chance nutzen, die Schrumpfung kreativ gestalten und im Umbruch den Aufbruch erkennen. Damit wird um Mittel aus europäischen Kohäsionsfonds und nationalen Solidaritätspakts geworben, mit denen die Innenstadt renoviert, ein Industriepark angelegt und ein Industriedenkmal errichtet wird. Was davon nachhaltig das Wirtschaftswachstum fördert und was allenfalls der Identitätspolitik eines Ortes am Rande dient, ist unklar. Jedenfalls kennt man in den europäischen Orten mit, wie es heißt, besonderem Entwicklungsbedarf viele Geschichten von unternehmerischen Wunderkerzen, industriepolitischen Rohrkrepierern und postindustriellen Luftballons. Zu oft ist man verraten und verkauft worden. Außerdem bringt die soziale Selektivität jedes Sprungs nicht nur neue Chancen für soziale Aufstiege, sondern auch andere Gefahren für den sozialen Zusammenhalt mit sich. Schließlich weiß man nie, wie lange das Neue hält und wann man wieder auf den Ausgangspunkt zurückgeworfen wird. Aber das ändert nichts daran, dass die Verantwortlichen nach jedem Strohhalm greifen und darauf hoffen, dass der Himmel aufgeht.
Die Leute scheinen davon unberührt. Das ewige Warten wirkt sowohl für diejenigen, die wieder Fuß gefasst haben, als auch für jene, die auf Dauer ausgemustert worden sind, immer kindischer. Die Wundertäter kommen und gehen, der Abschied von gestern bleibt bestehen. Es ist Zeit, Inventur zu machen und sich um das zu kümmern, was ist und bleibt. Man kann beim Historienverein, bei der Volkstanzgruppe oder bei Evergreen-Festivals von früher träumen, aber die Wirklichkeiten von heute werden auch die von morgen sein. Wer den Absprung nicht geschafft hat, kommt nicht mehr weg, wer bisher keine Idee hatte, was aus sich zu machen, dem helfen auch weitere Qualifizierungs- und Fortbildungsmaßnahmen nicht. Wie überall (siehe etwa Gilbert 2004) hat der europäische Sozialstaat seine Programme von Stillstellung auf die Mobilisierung von Arbeitsvermögen umgeschaltet, lässt aber die Frage unbeantwortet, welchen Sinn Befähigungen ohne Gelegenheiten haben. Wer sich von dem dauernden Vorangehen, das kein Ankommen nirgends verspricht, nicht verrückt machen lassen will, setzt auf das, was ist. Die harte Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen, ist irgendwann besser, als sich immer wieder in den Neuanfang treiben zu lassen.
Was, und darin besteht die dritte Lehre von Wittenberge, trotz fragmentierter Sozialverhältnisse und agitierter Politikversionen einen Rahmen fürs Zusammensein stiftet, ist der Massenkonsum. Es sind die Akte des Vergleichens, Betrachtens, Erwägens und Erprobens beim Einkaufen, die dem Einzelnen ein Gefühl von Autorschaft und Eigentätigkeit vermitteln. Die Praxis des Konsums übergreift die vertikale Ungleichheit der Klassen wie die horizontale der Generationen, Nationen und Regionen. Der Massenkonsum ist allumfassend und weltbewegend. Es handelt sich, wie Pierre Bourdieu (etwa 1982) in immer neuen Anläufen dargelegt hat, zwar um ein Feld gewollter und gemachter Unterscheidungen, aber die produzierten und perzipierten Unterschiede in Stil und Status ergeben eine Bewegung, die niemand steuern kann und die nie zu Ende geht.
Im Blick auf Wittenberge hat sich die Erfahrungsdifferenz von Discounting und Shoppen als schlagend erwiesen. Besonders für diejenigen, die aus der »arbeiterlichen Gesellschaft« (vgl. Engler 1999) der industriellen Sozialismusmoderne freigesetzt worden sind, können die täglichen Gänge zum Gebäudecluster der Billigdiscounter vor den Toren der Stadt als symbolisches Äquivalent für die kompakte Welt der Arbeit verstanden werden. Man muss mit knappen Mitteln angesichts einer reichen Auswahl bei wechselnden Sonderangeboten zurechtkommen, was Konzentration auf die Sache, Kommunikation mit Bekannten und Interaktion in der Kaufhalle mit sich bringt. So kann man hier beim Einkaufen so tun, als sei man wie bei der Arbeit beschäftigt.
Das Shoppen dagegen stellt den romantischen Moment1 des Zugriffs aufs Ersehnte dar, der einen im Einklang sein lässt mit den globalen Trends des Konsumierens von langlebigen Gebrauchsgütern wie Kleidung, Unterhaltungselektronik und Modeschmuck. Es handelt sich um ein bestimmtes außeralltägliches Erlebnis der Verausgabung von abgezweigten oder gesparten Mitteln für den persönlichen Luxus. Man braucht die Dinge nicht fürs alltägliche Überleben, man will mit ihnen vielmehr ein Zeichen dafür setzen, dass es noch etwas anderes gibt als das Kalkulieren mit knappen Mitteln und das Einteilen von viel Zeit.
Soziale Inklusion passiert hier über eine offene Form der Selbstwirksamkeitserfahrung2, die passiv und aktiv, banal und einzigartig, anonym und individuell zugleich ist. Im Augenblick des Shoppens kann der Einzelne sich als vollwertiges Mitglied einer Konsumgemeinschaft fühlen, die über den Ort, in den man geworfen ist, hinausgeht und einen mit der ganzen Welt verbindet.
Das Gemeinsame der kleinen Hafenstadt Nakskov in Dänemark, der Industriestadt Victoria in Rumänien, dem Kohlengrubendoppelort Czerwionka-Leszczyny in Polen, der Schuhstadt Pirmasens in der Pfalz und von Wittenberge in der Prignitz besteht darin, dass sie infolge von Verschiebungen innerhalb der variablen Geografie von transnationalen Produktionsnetzen ihren industriellen Kern verloren haben. Es ist nicht so, dass keine Nähmaschinen mehr hergestellt, keine Schuhe mehr gefertigt, keine Schiffe mehr gebaut würden oder keine Kohle mehr gefördert würde. Nur geschieht das woanders. Angeblich billiger, womöglich besser, jedenfalls unter anderer Regie. Die Deindustrialisierung vollzieht sich in Europa nicht flächendeckend, es handelt sich vielmehr um einen Prozess von Abwicklung an der einen Stelle und Aufbau an einer anderen, von clusterförmigen Verdichtungen in regionalen Zentren von Hochproduktivität und gleichzeitigen Entflechtungsund Entleerungsprozessen in zurückgelassenen Räumen ohne Anschluss. Diese gerade nicht in eine Richtung oder nach einem durchgehenden Muster verlaufende Dynamik lässt die Leute in den übergangenen, abgeschlagenen und verlorenen Orten noch ratloser dastehen, als wenn sie das Gesetz kennen würden, das die einen zu Gewinnern und die anderen zu Verlierern eines im Ganzen jedoch notwendigen sozioökonomischen Wandels macht. So müssen sie sich als Opfer einer undurchschaubaren Entwicklung empfinden, die ihnen keine andere Chance lässt, als Ansprüche runterzuschrauben, sich mit Minderungen anzufreunden und Schrumpfungen schönzureden. Man fühlt sich aus der Welt der industriellen Moderne geworfen, die woanders durch Inkorporierung von Elementen des Wissens und der Dienstleistung im Dienste eines Systems der »Flexiblen Spezialisierung« (Piore/Sabel 1985) fortentwickelt wird.
Zumeist haben wir Ortschaften mit keiner langen Geschichte vor Augen, die im Zuge rapider Industrialisierungsprozesse im späten 19. und im frühen 20. Jahrhundert überhaupt erst wirtschaftliche Bedeutung erlangt haben. Man sagt in solchen Fällen, sie seien aufgrund von plötzlichen unternehmerischen oder planerischen Entscheidungen aus dem Boden gestampft worden. Wo das Werk hingestellt wurde, haben sich die Orte durch den Zuzug und die Umsetzung von arbeitsuchender Bevölkerung gebildet. Dieser absolut moderne Ursprung aus dem Nichts, der seinerzeit als Ausdruck des Neuen gefeiert wurde, besiegelt heute ihr Schicksal.
Der Lebenszuschnitt der Leute ist aus dem Takt der Maschinen und nicht aus den Anmutungen einer Landschaft geboren. Es fehlen die Strukturen »langer Dauer«, die Fernand Braudel für die Welt des Mittelmeers herausgearbeitet hat (Braudel et al. 1990). Woran machen sich die Träume fest, die mehr als materielle Ansprüche ausdrücken? Welche Bestandteile machen die Küche der Armen aus? Worauf würde man nie verzichten, auch wenn einem alles versprochen wird? Was für Braudel unterhalb der Ereignis- und der Konjunkturgeschichte liegt, sind kollektive Elemente von Widerstandskraft und Bewältigungsstärke, die geforderten Veränderungen eine Richtung geben und deshalb nachhaltige Erneuerungen möglich machen. Gemeint sind Lebensformen, die eine unhinterfragte Geltung haben: was man tut, wenn man sich in der Stadt trifft; wie ein Haus aufgeteilt ist, in dem man leben möchte; wie man die Kinder verabschiedet, wenn sie das Weite suchen; woran man glaubt, wenn nichts mehr zu glauben ist. Das alles sind Notwendigkeiten, die für die Vertreter der »École des Annales« einen Sinn von Freiheit enthalten.
Aber womöglich ist die Suche nach sozialen Schauspielen, wie sie die Gesellschaften des Mittelmeerraums bis heute bieten, der falsche Weg für Wittenberge und seine europäischen Verwandten. Die Deindustrialisierung hat solchen Orten, die durch die Industrialisierung überhaupt erst nennenswert geworden sind, buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie drohen deshalb zum Spielball einer Politik von Maßnahmen und Förderungen zu werden, weil es ihnen an einem erkennbar Eigenen mangelt, das eine Resilienz in der Vulnerabilität verbürgt. Es fehlt die Erfahrung des Zusammenwirkens von interdependenten Wirtschaftszweigen genauso wie die Einbindung in einen Städtegürtel mit verbindenden Handelswegen, verflochtenen Geldgeschäften oder ähnlichen Selbstverwaltungskulturen – gleichgültig, ob man die auf den Spuren Max Webers, Fernand Braudels oder Stein Rokkans3 rekonstruiert. Deshalb lassen sich auch keine Rudimente von Wirtschafts-, Bildungs- oder Assoziationsbürgertum4 ausmachen, das Ordnung hält, Initiative entfaltet und Verantwortung organisiert. Es ist diese kollektive Schutzlosigkeit, die den Einzelnen so anfällig für so viel Falsches, Unausgegorenes und Überzogenes macht: Charismatiker des Schaums, Politiker des Sachzwangs und Unterhalter des Irrsinns.
Orte wie Wittenberge sind in Europa heute Ausdruck einer ganz bestimmten geschichtlichen Situation. Sie stehen zwischen den Zeiten einer vergangenen und darum bis in alle Einzelheiten bekannten industriellen Moderne und einer anderen, postindustriellen, postfordistischen oder reflexiven, späten Moderne, deren Prinzipien, Lebensweisen, Beschäftigungsverhältnisse, Affektkammern und Repräsentationsregister sich nach wie vor im Experimentierstadium befinden. Für den Augenblick ist an Ort und Stelle ein soziales Durcheinander zu studieren, bei dem eine Klasse von Gewitzten und Gerissenen im Handel und bei den personenbezogenen Dienstleistungen ihre Überlebensfähigkeit unter Beweis stellt, eine alte Dienstklasse von ihrer Unentbehrlichkeit profitiert, die Klasse der wissenschaftlich-technischen Intelligenz sich in den neuen Industrien des Wissens, der Energiegewinnung oder der unternehmensbezogenen Dienstleistungen bewährt und der Rest zu einer Arbeiterklasse gehört, für die es keine Arbeit mehr gibt. Während die einen als »Symbolanalytiker« (Reich 1993), als Verwaltungspersonal mit Ortskenntnis oder als »Kofferhändler« (Bittner/Hackenbroich/Vöckler 2007) vorgeben, aus eigenem Antrieb zu denken, nichtlineare Erzählweisen vorzuziehen und sich dem schrankenlosen Arbeitstag hinzugeben, hängen die anderen an einer Lebensweise der »Kollektivbetrieblichkeit« (Briefs 1934) mit dem Recht auf einen anständigen Lohn, einen sorgenden Sozialstaat und den politischen Streik, an die nur noch aufwendig konservierte Industriedenkmäler erinnern. Zwar rangiert in europäischen Orten wie Wittenberge der Typ des »necessity entrepreneurship« vor dem des »opportunity entrepreneurship«, das ändert aber nichts an der vorherrschenden Wahnvorstellung des »Eigenblutdopings« (Diederichsen 2008).
Aber auch als klassischer Arbeitsloser, der aus den Orten nicht weggekommen ist, aus denen die Arbeit verschwunden ist, wird man vom europäischen Wohlfahrtsstaat nicht in Ruhe gelassen. Man soll nicht warten, bis die Arbeit zu einem kommt, sondern sich zur Arbeit hinbewegen. Die bieten oft Beschäftigungsgesellschaften in öffentlicher Trägerschaft an, die Arbeitsmärkte eigener Art begründen. Man geht zur Arbeit, aber was man dann tut, ist keine Arbeit, die Produkte schafft oder Kunden bedient. Verschönern, aufräumen, in Ordnung halten sind zweifellos wichtig, aber man kriegt das Gefühl nicht los, dass es sich nicht um richtige Arbeit handelt. Sobald die Maßnahme ausläuft, wird man zur Selbstverwaltung des eigenen Arbeitsvermögens aufgefordert. Kommunale Netzwerke aus Bildungsträgern, Wohlfahrtsverwaltungen und Schulungsagenturen verzichten selbst bei denen, die keine Aussicht auf eine ihnen gemäße Beschäftigung haben, nicht auf die Simulation von Partizipation, Mobilisierung und Subjektivierung. So entwickelt sich gerade dort, wo in der Nacht die toten Seelen einer überlebten Industriewelt unterwegs sind, der Wohlfahrtsstaat zu einem experimentellen Soziallabor der Selbsteinspeisung in ein System der Menschenverwahrung.
Der Fall von Wittenberge zeigt das Entstehen eines Europas jenseits von Gestaltung. Hebt die Europaforschung vor allem auf die Beschreibung einer eigensinnigen Gestaltungsebene zwischen Nationalstaat und Weltgesellschaft ab (Beck/Grande 2004; Outhwaite 2008; Rumford 2008), so ist hier die Evolution eines übergreifenden Zusammenhangs aus lokalen Devolutionen zu besichtigen. An den Orten des Niedergangs hat sich der Kampf zwischen den Freunden und den Feinden des Projekts der EU so entschieden, dass die Beweglichen, Neugierigen und Ambitionierten weggehen und der Rest unter sich bleibt. Und zwar nicht unbedingt, weil die Weggeher keine Chancen sehen, sondern weil sie sich in einer Welt der Dableiber, die den Anschluss verloren hat, nicht mehr wohl fühlen. Eine Atmosphäre der fröhlichen Lockerheit ist einfach attraktiver als eine der traurigen Verstocktheit. Das Aufflammen des Ethnorassismus bei den Zurückgebliebenen hat etwas mit diesen Prozessen der Entkoppelung in Europa zu tun. Schotten, Flamen oder Katalanen und demnächst womöglich Mecklenburger, Tiroler oder Bretonen suchen das Eigene und trotzen dem Fremden. Das erblicken sie in einem Europa falscher Toleranz, arroganter Technokratie und blödem Trost. Man teilt nicht Vertrauen, sondern Misstrauen.
Europäische Vergesellschaftung bedeutet daher nicht nur einen Prozess des Zusammenwachsens, sondern gleichzeitig einen des Auseinanderdriftens (vgl. Mau/Verwiebe, S. 255 f.). Der Grund dafür liegt in einem Gefüge von Ungleichzeitigkeiten, das im Abschied von einem bestimmten industriellen Zeitalter mit aller Macht hervortritt. Während an den einen Orten Produktivität, Bevölkerung und Vielfalt wachsen, fliehen an anderen Leute mit Ambitionen und Antrieb und lassen ein ethnisch homogenes Milieu zurück, in dem das ökonomische Leben versiegt und die gesellschaftlichen Gruppen der wechselseitigen Vergleichgültigung verfallen.
Aussicht auf Rettung verspricht dann nur noch eine Strategie renitenter Selbstbewahrung. Krankenhäuser ohne Ärzte, Polizeistationen ohne Nachtdienst, Poststellen ohne Briefträger werden zu Identitätsankern, die mit Zähnen und Klauen verteidigt werden. So wehrt man sich gegen die Verlagerung von Diensten, die Zentralisierung der Verwaltung und die Zusammenlegung von Gemeinden. Aber auch »ehrliche Proteste« gegen »schreckliche Gerüchte« können das Gefühl nicht vertreiben, dass der Ort, an dem man lebt, seine Existenzberechtigung verloren hat.
1 Das romantische Gefühl des modernen Massenkonsumerlebens ist verschiedentlich herausgestellt worden. So von Campbell 1987.
2 »Selbstwirksamkeit« ist ein wichtiges psychologisches Konzept, dessen Bedeutung für ganz verschiedene Facetten von Handlungsautonomie belegt worden ist. Siehe Bandura 1997 oder Jerusalem 1990.
3 Nach dessen Modell der sozialräumlichen Gliederung Europas beschreibt ein auf das 13. Jahrhundert zurückgehender westeuropäischer Städtegürtel die Kernregionen kapitalistischer Ökonomie und bürgergesellschaftlicher Politik auf dem Kontinent. Siehe Rokkan 2000.
4 Diese analytische Unterscheidung von Bürgertümern macht Fischer 2010.
Andreas Willisch
Es gibt eine alte Überlieferung über »das untergegangene Wittenberge«. Die geht folgendermaßen: »Die Stadt Wittenberge hat ehemals in den Sandbergen aufwärts an der Elbe gelegen, da wo man es noch die Altstadt nennt, aber sie ist untergegangen, niemand weiß warum; gar oft aber hat man an dieser Stelle eine Nonne umherwanken sehen, gewöhnlich sogar am hellen Mittag, die ist hinuntergegangen zur Elbe, hat sich darin gewaschen, und sobald sie das gethan, ist sie zurückgekehrt und verschwunden« (Kuhn/Schwartz 1848, S. 116).
So ohne Weiteres käme die Nonne heute nicht mehr an den Fluss, um sich darin zu waschen. Davor liegt seit Mitte des 19. Jahrhunderts der Hafen. Doch zweifellos hat die umherwankende Erinnerung noch einiges an Arbeit zu verrichten. Der Hafen selbst – einst die Lebensader der Industrialisierung – muss erinnert werden. Da, wo der Hafen größer und größer wurde, steht die Wiege des industriellen Zeitalters Wittenberges. Herz’sche Ölmühle, Zellwollewerk und natürlich Singer wuchsen im Laufe des 19. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts zu den tragenden Säulen der Industriestadt Wittenberge heran.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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