Wo bist du, Laura? - Viola Maybach - E-Book

Wo bist du, Laura? E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Praxis Dr. Laurin und Dr. Böhler, mein Name ist Carolin Suder, guten Morgen«, sagte Carolin an diesem Montagmorgen, nachdem sie den ersten Anruf entgegengenommen hatte. Sie hatte noch fragen wollen: 'Was kann ich für Sie tun? ', doch so weit kam sie nicht mehr. »Sonthofen hier«, sagte eine barsche Männerstimme, »ich möchte den Termin unseres Sohnes absagen. Wir dachten ja, Sie würden diesen Arzt nicht einstellen, nach allem, was wir über ihn gehört haben. Aber jetzt … Also, wir suchen uns einen anderen Kinderarzt, wir …« Carolin vergaß sämtliche Höflichkeitsregeln und unterbrach den Anrufer. »Herr Sonthofen, Dr. McGregor ist zu Unrecht beschuldigt worden, das haben Sie doch sicher in den Nachrichten gehört oder in der Zeitung gelesen?« »Was wir gehört haben, meine Frau und ich, ist etwas ganz anderes. In unserem Bekanntenkreis glaubt niemand, dass ein wohlerzogener Siebenjähriger, der in einem ordentlichen Elternhaus aufwächst, sich so verhält, wie es teilweise berichtet wurde. Wir haben nämlich Freunde, die die Langenhains kennen. Der Junge saugt sich doch so eine Geschichte nicht einfach aus den Fingern! Da wird schon was dran sein. Und wer weiß, was das für Zeugen sind, die gegen ihn ausgesagt haben. Wir haben da so einiges gehört.

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der neue Dr. Laurin – 83 –Wo bist du, Laura?

Konrad ist am Verzweifeln ...

Viola Maybach

»Praxis Dr. Laurin und Dr. Böhler, mein Name ist Carolin Suder, guten Morgen«, sagte Carolin an diesem Montagmorgen, nachdem sie den ersten Anruf entgegengenommen hatte. Sie hatte noch fragen wollen: ‚Was kann ich für Sie tun?‘, doch so weit kam sie nicht mehr.

»Sonthofen hier«, sagte eine barsche Männerstimme, »ich möchte den Termin unseres Sohnes absagen. Wir dachten ja, Sie würden diesen Arzt nicht einstellen, nach allem, was wir über ihn gehört haben. Aber jetzt … Also, wir suchen uns einen anderen Kinderarzt, wir …«

Carolin vergaß sämtliche Höflichkeitsregeln und unterbrach den Anrufer. »Herr Sonthofen, Dr. McGregor ist zu Unrecht beschuldigt worden, das haben Sie doch sicher in den Nachrichten gehört oder in der Zeitung gelesen?«

»Was wir gehört haben, meine Frau und ich, ist etwas ganz anderes. In unserem Bekanntenkreis glaubt niemand, dass ein wohlerzogener Siebenjähriger, der in einem ordentlichen Elternhaus aufwächst, sich so verhält, wie es teilweise berichtet wurde. Wir haben nämlich Freunde, die die Langenhains kennen. Der Junge saugt sich doch so eine Geschichte nicht einfach aus den Fingern! Da wird schon was dran sein. Und wer weiß, was das für Zeugen sind, die gegen ihn ausgesagt haben. Wir haben da so einiges gehört. Heute will sich ja jeder wichtig machen. Jedenfalls, unser Entschluss steht fest, Sie können den Termin streichen, wir kommen nicht wieder. Und damit Sie es gleich wissen: Wir sind nicht die Einzigen. Sie werden viele Patienten verlieren.«

»Aber es ist doch eindeutig bewiesen worden …« Carolin verstummte, als ihr ein leises Klicken anzeigte, dass Herr Sonthofen aufgelegt hatte.

Die neue Woche fing ja gut an! Heute würde Dr. Valentin McGregor, allgemein nur Mac oder Dr. Mac genannt, hier in der Praxis anfangen zu arbeiten. Ihre beiden Chefinnen und sie waren davon ausgegangen, dass es keine Probleme mehr geben würde, seit sich die Vorwürfe des kleinen Friedrich von Langenhain gegen ihn als haltlos erwiesen hatten. Friedrich hatte Mac mit Steinen beworfen und verletzt, ihn zudem noch wüst beschimpft und um das zu entschuldigen, später erklärt, der Arzt habe ihn einige Zeit vorher zu sich nach Hause locken wollen. Als er ihn dann noch einmal gesehen habe, habe er verhindern wollen, dass einem anderen Kind das Gleiche passiere wie ihm selbst, und den Arzt angegriffen.

Friedrich hatte sich recht schnell in Widersprüche verwickelt, aber wenn ihm auf hartnäckige Fragen keine Antworten eingefallen waren, hatte er sich weinend in die Arme seiner Mutter geflüchtet und so die Aufklärung des Falls zumindest eine Zeit lang verhindert.

Doch zu Friedrichs Pech und Macs Glück hatte es Zeugen gegeben, die Mac zuvor zur angeblichen Tatzeit recht weit vom angeblichen Tatort entfernt gesehen hatten, und das bedeutete: Die Aussage des Jungen konnte unmöglich stimmen. Seine Eltern hatten es zunächst nicht glauben wollen, sich aber schließlich überzeugen lassen müssen. Doch sie waren, wie sich allmählich herausstellte, nicht die Einzigen, die dem Jungen nichts Böses zutrauen wollten, Friedrich von Langenhain sah nämlich aus wie ein kleiner Engel mit dunklen Locken und seelenvollen blauen Augen. Und er war ja schließlich erst sieben Jahre alt!

Die Boulevardmedien hatten sich auf diese Geschichte natürlich gestürzt wie Aasgeier auf ihre Beute, und bei ihnen waren die Rollen eindeutig verteilt gewesen: Friedrich das unschuldige Opfer, Mac der böse Kriminelle. Nun aber gab es die absurde Situation: Der Junge hatte eindeutig gelogen, dennoch gab es nach wie vor viele, die ihn für unschuldig hielten. Dabei hatte er Mac angegriffen, weil er nicht in München sein wollte, sich allein und vernachlässigt gefühlt und deshalb das Bedürfnis gehabt hatte, seine Wut an jemandem auszulassen. Mac war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

Seine Eltern jedenfalls hatten ihre Anzeige gegen Mac zurückgezogen, während sie sich selbst wegen Verletzung ihrer Fürsorgepflicht verantworten mussten, aber die öffentliche Meinung war, zumindest zum Teil, noch immer auf Friedrichs Seite, wie der Anruf von Herrn Sonthofen gerade eben wieder bewiesen hatte.

Eine Mutter kam mit ihrer Tochter und entschuldigte sich dafür, dass sie zu früh waren. »Wir haben den Bus genommen, mit dem Nächsten wären wir zu spät gewesen, Frau Suder. Was für ein Glück, dass Sie schon da sind.«

»Kein Problem«, sagte Carolin freundlich, und so nahmen die beiden im Wartezimmer Platz. Danach bekam sie zwei weitere Terminabsagen, mit ähnlichen Begründungen wie zuvor von Herrn Sonthofen. Sie versuchte gar nicht mehr, zu argumentieren. Wer hier anrief und mitteilte, die Praxis zukünftig nicht mehr betreten zu wollen, war fest davon überzeugt, richtig zu handeln. Kein Argument der Welt würde ihn oder sie von Macs Unschuld überzeugen, da konnte sie sich die Worte auch gleich sparen.

Wenig später traf Antonia Laurin ein. Sie wirkte gut gelaunt und ausgeruht nach zwei freien Tagen am Wochenende und begrüßte ihre junge Praxisorganisatorin mit einem fröhlichen: »Guten Morgen, Carolin.«

Carolin war der Ansicht gewesen, ihren Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu haben, doch Antonia ließ sich nicht täuschen. Schon im nächsten Augenblick fragte sie beunruhigt: »Was machen Sie denn für ein Gesicht? Ist etwas nicht in Ordnung?«

Carolin warf einen Blick Richtung Wartezimmer, aus dem jedoch Gemurmel und leises Lachen ertönte, sodass sie die Frage mit gedämpfter Stimme beantwortete.

Zu ihrer Überraschung blieb Antonia gelassen, zumindest äußerlich. »Damit war zu rechnen«, sagte sie ruhig. »Und Sie haben völlig recht, wenn Sie nicht mehr versuchen, die Leute zu überzeugen, denn das wird Ihnen nicht gelingen.« Sie nickte Carolin freundlich zu und ging zu ihrem Sprechzimmer, nachdem sie den Kopf ins Wartezimmer gesteckt und ihrer kleinen Patientin und deren Mutter gesagt hatte, es könne gleich losgehen.

Danach kam Maxi Böhler, auch sie sah erholt und zufrieden aus, auch sie las Carolins Gesichtsausdruck richtig und fragte sofort nach. Als sie von den Terminabsagen gehört hatte, eilte sie zum Sprechzimmer ihrer Kollegin und war kaum darin verschwunden, als Mac auftauchte. Sie nannten ihn alle so, siezten ihn aber dabei.

Mac hatte einen schottischen Vater, er spielte Dudelsack, trug gelegentlich einen Schottenrock und hatte ziemlich lange braune Haare. München war seine Heimatstadt, er hatte sich nach ein paar Jahren in anderen Städten danach gesehnt, hierher zurückzukehren, wo seine Familie lebte.

»Hallo, Carolin«, sagte er. »Da bin ich. Jetzt sagen Sie bloß, ich bin der Erste?«

»Sind Sie nicht«, erklärte Carolin. »Sie sind der Letzte.«

Er lachte. »So lange Sie nicht sagen, dass ich das Letzte bin«, erwiderte er, »ist alles in Ordnung.« Dann legte er den Kopf schief und betrachtete sie nachdenklich. »Was ist los? Etwas stimmt doch nicht.«

Carolin war entsetzt, dass sogar er ihr ansah, wie ihr zumute war, er kannte sie schließlich kaum. Sie musste eindeutig ihre schauspielerischen Fähigkeiten verbessern. Schließlich war es in ihrem Beruf wichtig, dass ihr nicht jeder sofort alles, was sie dachte und fühlte, vom Gesicht ablesen konnte.

Sie warf erneut einen Blick Richtung Wartezimmer, doch dort erzählte die Mutter ihrer kleinen Tochter gerade eine Geschichte, es bestand also keine Gefahr, dass sie aufmerksam belauschte, was am Empfang besprochen wurde. Und so erzählte sie zum dritten Mal innerhalb einer Viertelstunde von den Anrufen, die sie bislang bekommen hatte.

Als sie schwieg, schwieg Mac auch, im nächsten Moment klingelte das Telefon schon wieder. Bevor Carolin den Anruf entgegennehmen konnte, fragte Mac: »Wo sind die beiden?«

»Im Sprechzimmer von Frau Dr. Laurin«, antwortete Carolin.

Er dankte ihr mit einem Kopfnicken und klopfte dort an die Tür, während Carolin die nächste Terminabsage entgegennahm.

*

»Guten Morgen«, sagte Mac, als er Antonia Laurins Sprechzimmer betrat. »Ich habe schon von den Absagen gehört.« Er schloss die Tür hinter sich. »Ich habe Ihnen beiden das vorhergesagt, und ich bin immer noch bereit, auf meinen Job hier zu verzichten, wenn Sie denken, dass ich zu einer zu großen Belastung für die Praxis werden könnte.«

»Aber wir wollen nicht auf Sie verzichten, Mac«, erwiderte Antonia. »Das hatten wir doch schon geklärt, wir müssen das nicht wiederholen.«

»Sehen Sie es doch mal so«, setzte Maxi hinzu, »wir waren vorher völlig überlaufen, nun bleiben einige Eltern mit ihren Kindern weg, also bekommen wir etwas mehr Luft zum Atmen und haben mehr Zeit für die kleinen Patientinnen und Patienten.«

»Ja, aber wir sind jetzt zu dritt«, gab Mac zu bedenken. »Ich weiß ja nicht, ob das so weitergeht mit den Absagen, aber wenn Ihnen hier die halbe Praxis wegbricht, brauchen Sie beide keinen dritten Arzt mehr.«

»Uns bricht nicht die halbe Praxis weg«, erklärte Antonia energisch. »Das wird in den nächsten Tagen noch so weitergehen, aber irgendwann wird es aufhören, und dann wird niemand mehr über diese Sache reden. Und eins sage ich Ihnen, Mac: Wer immer mit mir darüber reden will, dem erzähle ich haarklein, was sich abgespielt hat. Wir müssen diesen Lügengeschichten etwas entgegensetzen.«

»Leute, die sich eine Meinung gebildet haben, lassen sich nur schwer davon überzeugen, dass sie unrecht haben. Ich habe mir mal angesehen, was im Internet über diesen … Vorfall für Meinungen herumgeistern. Mir ist übel geworden, ich sehe mir das nie wieder an. Mit der Wahrheit hat es jedenfalls nichts zu tun. Es gibt immer Menschen, denen daran liegt, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommt, und die gibt es bei meiner Geschichte auch.«

»Friedrich und seine Eltern, zum Beispiel?«, fragte Maxi.

»Eher seine Eltern. Der Junge weniger, schätze ich.« Mac warf einen Blick auf seine Uhr. »Wahrscheinlich sitze ich heute den ganzen Tag untätig herum, oder?«

»Warten wir es ab. Ich jedenfalls muss mich jetzt um die kleine Clara kümmern, die bereits mit ihrer Mama im Wartezimmer sitzt«, erwiderte Antonia.

»Dann richte ich mich mal in meinem neuen Sprechzimmer häuslich ein«, sagte Mac. »Und … danke für Ihre Unterstützung.«

»Wir schaffen das schon, wir drei«, erwiderte Maxi. »Nur keine Panik.«

Antonia nickte nachdrücklich, dann öffnete sie die Tür und rief nach Clara und ihrer Mama. Ein kurzer Blick auf Carolin sagte ihr, dass diese in der Zwischenzeit weitere unerfreuliche Anrufe entgegengenommen hatte. Das konnte ja noch heiter werden! Immerhin saßen aber auch bereits mehrere Kinder mit ihren Müttern oder Vätern im Wartezimmer.

Sie würden sich wohl, wie es aussah, vor allem mit Geduld und Hartnäckigkeit wappnen müssen.

*

Kyra Laurin mochte den neuen Jungen in ihrer Klasse nicht. Er hieß Till Moretti und spielte sich dauernd auf. Als er jetzt auf sie zukam, wandte sie sich schnell ab, aber das hinderte Till nicht daran, sich vor ihr aufzubauen und zu fragen: »Willst du meine Freundin sein?«

Kyra schluckte. Sie war noch immer ziemlich schüchtern, obwohl das, seit Peter Stadler ihr bester Freund war, deutlich besser geworden war. Mit Peter konnte sie über alles reden, sogar über Dinge, die sie nicht einmal ihren Eltern anvertraute. Er war es auch, der ihr gesagt hatte, dass sie sich gegen ihre älteren Geschwister endlich mehr durchsetzen müsse.

»Du lässt dich zu leicht unterbuttern«, hatte er gesagt, und das stimmte leider. Oder es hatte gestimmt, denn sie nahm sich seinen Rat zu herzen und widersprach neuerdings sogar, wenn sie anderer Ansicht war, ihrer bewunderten, schönen, klugen älteren Schwester Kaja.

»Ich habe schon einen Freund, das weißt du ganz genau«, sagte sie.

»Das Opfer da?«, fragte Till verächtlich und wies auf Peter, der wieder einmal einem Mitschüler eine Matheaufgabe erklärte. Peter war hochbegabt, was er aber nie an die große Glocke hängte, im Gegenteil. Er half allen in seiner Klasse, die es nötig hatten. Am Anfang hatte er es schwer gehabt, als er neu in München gewesen war, aber diese Zeiten waren längst vorbei. Jetzt ging Peter richtig gern zur Schule, obwohl er dem Stoff immer weit voraus war. Deshalb wollten seine Lehrer ihn an eine Schule für Hochbegabte vermitteln, doch Peter war dagegen, und seine Mutter unterstützte ihn. Sie sagte: »Endlich ist mein Sohn ein glückliches Kind, ich werde ihn bestimmt nicht aus seinem jetzigen Umfeld reißen.«

»Er ist kein Opfer!«, sagte Kyra zornig. »Er ist dreimal so klug wie du, und er hilft anderen.«

»Er ist eine Brillenschlange, und in Sport ist er eine Null.«

»Und du bist bösartig, ich will nicht mit dir reden. Lass mich in Ruhe.«

Sie machte Anstalten, wegzugehen, doch Till hielt sie am Arm fest.

»Ich will aber, dass du meine Freundin bist«, sagte er hartnäckig.

»Und ich will es nicht! Bist du schwerhörig oder was?« Kyra riss ihren Arm los und hatte Glück: Ihre Englischlehrerin kam herein, sodass Till zu seinem Platz zurückkehren musste.

Peter warf ihr einen fragenden Blick zu, er hatte gar nicht mitbekommen, dass Till sie bedrängt hatte. Es war nicht das erste Mal, aber so zudringlich wie gerade eben war Till zuvor noch nie geworden. Wenn er nicht aufhörte, musste sie sich Hilfe holen. Doch noch wusste sie nicht, wie die aussehen könnte. Sie fühlte sich bedrängt, aber das war vielleicht ihr Problem? Till tat ihr ja nichts, jedenfalls nicht körperlich.

Sie machte eine Kopfbewegung in seine Richtung, die Peter sofort verstand.

Er war bislang der Einzige, der von Tills Annäherungsversuchen wusste. Er fand, sie sollte mit dem Schulpsychologen darüber reden. Das war ein guter Rat, doch der Psychologe war leider krank – und ohnehin völlig überlastet. Auf einen Termin bei ihm musste man lange warten.

Sie hatte schon öfter überlegt, ihren Eltern von Till zu erzählen, aber die hatten gerade selbst so viele Probleme: Ihre Mama machte sich Sorgen wegen Mac, dem neuen Arzt in ihrer Praxis, und ihr Papa, der die Kayser-Klinik leitete und außerdem noch als Gynäkologe und Chirurg arbeitete, hatte in der letzten Woche dreimal nachts bei Notfällen einspringen müssen. Er konnte manchmal abends, wenn sich die Familie vollzählig zum Essen versammelte, vor Müdigkeit kaum aus den Augen gucken. Wenn sie dann noch ankam und ihm und ihrer Mama von Till erzählte, hatten die beiden noch eine Sorge mehr.

Oder sie sprach nur mit ihren Geschwistern, das war auch eine Möglichkeit, denn die waren schließlich alle älter als sie und hatten deshalb mehr Erfahrung: Kevin war dreizehn, aber er hatte oft verblüffend einfache Lösungsvorschläge für Probleme. Kaja und Konstantin waren Zwillinge, sechzehn Jahre alt. Sie waren in Kyras Augen beinahe schon erwachsen. Da sie beide sehr klug waren, konnten sie ihr vielleicht einen Rat geben.