Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat sich die Definition dessen, was ein Dämon ist, sehr oft geändert. Von Geist, über Schicksalsmacht, warnende Stimme, Verhängnis, bis hin zum Teufel, ist den Dämonen alles zugeschrieben worden. In unserer Zeit ist der Dämon fast ausschließlich negativ belegt. Aber wie leben Dämonen wirklich? Leben sie irgendwo in einer Zwischenwelt, mitten unter oder gar in uns? Sind sie faule Couchpotatos, hyperaktive Gartenfreaks oder Zwangsmisantropen? Wer weiß? Womöglich sind Dämonen auch nur Menschen ... na ja, vielleicht aber auch nicht ... Hier haben sich neun Autoren und der bekannte Illustrator Kay Elzner zusammengefunden, um ein Licht auf das zu werfen, was Dämonen wirklich treiben.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vorwort
Schönheit ist teuflisch
Jana Heidler
Alles, außer gruselig Crazy blue
Matthias Albrecht
Crazy blue
Sina Blackwood
Polizeibericht
Iris Fritzsche
Die 12 Artikel der Dämonologie
Michael Gimmel
So schön, doch auch so tödlich
Nancy Noack
Biologie ungenügend
Arno Zirm
Wölfe & Dämonen
Udo Rupp
Vom Dämon besessen
Matthias Albrecht
Ich bringe euch in die Unterwelt
Nancy Noack
Katze müsste man sein
Jana Heidler
Ein paar Leichen im Keller …
Sina Blackwood
Dämonische Nervenzellen
Iris Fritzsche
Meine erste und letzte Begegnung mit einem Dämon
Michael Gimmel
Familienleben ist die Hölle
Jana Heidler
Ein arger Bösewicht
Matthias Albrecht
Wirkungen
Arno Zirm
Der Schatten
Iris Fritzsche
Ballade von der missbrauchtenKreatur
Michael Gimmel
Der Schrei
Iris Fritzsche
Lust am Laster
Sina Blackwood
Der alte Friedhof
Matthias Albrecht
Nächtliche Autofahrt
Iris Fritzsche
Im Keller
Arno Zirm
Die Schönheit des Meeres
Udo Rupp
Dämonen- und Schreckgestaltenparty
Susanne Weinsanto
Vitae
Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat sich die Definition dessen, was ein Dämon ist, sehr oft geändert.
Von Geist, über Schicksalsmacht, warnende Stimme, Verhängnis, bis hin zum Teufel, ist den Dämonen alles zugeschrieben worden.
In unserer Zeit ist der Dämon fast ausschließlich negativ belegt.
Aber wie leben Dämonen wirklich? Leben sie irgendwo in einer Zwischenwelt, mitten unter oder gar in uns? Sind sie faule Couchpotatos, hyperaktive Gartenfreaks oder Zwangsmisanthropen?
Wer weiß? Womöglich sind Dämonen auch nur Menschen … na ja, vielleicht aber auch nicht …
Hier haben sich neun Autoren und der bekannte Illustrator Kay Elzner zusammengefunden, um ein Licht auf das zu werfen, was Dämonen wirklich treiben.
Sina Blackwood
Andi konnte sich noch gut daran erinnern, wie er SIE kennen gelernt hatte: Es war ein ganz normaler Abend in seiner Lieblingskneipe. Wie üblich goss er sich einen hinter die Binde. Erwartet hatte er nichts, außer seinen Freund, den Vollrausch. Schließlich war er weder der ansehnlichste noch der klügste Mann auf dem Planeten, in dem Land, der Stadt oder gar in diesem heruntergekommenen Lokal, weshalb vermutlich auch der Erfolg in allen Bereichen seiner Existenz auf der Strecke geblieben war.
Doch in dieser Nacht sollte sich sein ganzes Leben ändern. Und alles begann mit einer zuckersüßen Stimme, die zu ihm sprach: „Ist dieser Platz noch frei?“
Zuerst reagierte er nicht darauf, dachte, er bilde sie sich lediglich ein. Als sich dieser Satz jedoch wiederholte, sah er sich genötigt, in die Richtung zu blicken, aus der jener kam. Und da erspähte er SIE, direkt neben ihm stehend. Eine Frau, wie er sie schöner noch nie gesehen hatte: Groß, schlank, mit Beinen bis zum Hals und einem Dekolleté, welches durch das enge, kurze Kleid erst richtig zur Geltung kam. Im Nachhinein konnte er den Schnitt dieses Kleidungsstückes noch genauestens beschreiben, aber die Farbe war ihm komplett entfallen.
Diese Göttin unter den Frauen redete nun ausgerechnet mit ihm, dem größten Verlierer der gesamten Gegend. Und nicht nur das: SIE lächelte ihn sogar an. Er war derart perplex, dass er bloß mit dem Kopf nicken konnte, wobei ihm ein tiefer Rülpser entfuhr.
Nun setzte SIE sich auch noch geradewegs neben ihn auf den freien Barhocker, auf eine Weise, welche ihn sofort wieder nüchtern werden ließ, denn SIE offenbarte die maximale Sicht auf ihre Beine, ohne allzu anstößig zu wirken. Dann wandte SIE sich zu ihm und säuselte: „Darf ich Ihnen einen Drink für Ihre Freundlichkeit spendieren?“
Er konnte kaum glauben, was SIE zu ihm sagte (und das völlig freiwillig!). Also nickte er erneut knapp, wobei sein Kinn den Halt verlor und nach unten klappte. Sein Aussehen musste in dem Moment reichlich amüsant gewirkt haben, denn SIE kicherte und meinte: „Sie sind ja so witzig! Ich liebe Männer mit Humor!“
Damit war das Eis gebrochen. (Sofern es überhaupt vorhanden gewesen war.) Andi war IHR sogleich vollkommen verfallen. Seither lebte er wie in einem Traum und tat alles für SIE. Selbst die Heiratsurkunde unterschrieb er am nächsten Tag ungelesen. Da fiel ihm der Absatz über die Veräußerung seiner Seele an seine Ehefrau gar nicht erst auf.
Jetzt erst, Jahre später, begann er zu verstehen.
Umgehend nach der Hochzeit war er zu IHR gezogen, in ein nettes Eigenheim inmitten eines Vulkans. Um das Häuschen herum gab es fließend heiße Lava. Und er stand im Augenblick mit einem feuerfesten Staubwedel da und kümmerte sich um den Hausputz, als es vom Schlafzimmer aus brüllte: „Komm endlich her, du Idiot!“
Seufzend und mit hängenden Schultern begab er sich in besagten Raum, in dem sich einzig ein Bett aus glühenden Kohlen befand. Darauf räkelte sich eine wahrhaft teuflische Gestalt mit verhornter Haut, einer hässlich verzerrten Fratze, Hörnern am deformierten Schädel und einem Pferdehuf statt des rechten Beines. „Es wird Zeit, dass du deinen ehelichen Pflichten nachkommst“, kreischte diese gehässig.
Ach ja, dachte er betrübt, wie vermisse ich mein altes, langweiliges Leben ... Aber wie man sich bettet, so liegt man eben ...
Paulina, die kleine Gespensterdame, litt an schweren Depressionen. Sie fühlte sich ausgegrenzt und zu nichts nütze. Dabei wurde sie von allen geliebt und wertgeschätzt. Dennoch war sie unglücklich. Und warum?
Ihre Gefährten konnten durch die Bank hinweg auf unzählige Herzinfarkte und Schlaganfälle verweisen, welche die Menschen in den letzten hundert Jahren infolge ihrer nächtlichen Spuk-Aktivitäten erlitten hatten. Und wie Kinder nun einmal sind, übertrumpften sie sich gegenseitig beim Schildern ihrer Abenteuer. Nur Paulina konnte nicht mitreden. Sie hatte noch niemanden erschreckt, geschweige denn zu Tode.
Nicht, dass sie solche Art der Freizeitgestaltung vermisst hätte. Sie machte sich nichts aus Spuken und Menschen erschrecken. Und wenn sie es im Beisein ihrer Geschwister gezwungenermaßen doch einmal versuchte, versagte sie kläglich. Entweder nahmen ihre Opfer das Gespenstige der kleinen Paulina gar nicht wahr oder verspürten nur einen kühlen Lufthauch, ein leises Rascheln oder ein feines Kitzeln im Nacken. Das war eher zum Schmunzeln denn zum Gruseln.
Die Erwachsenen nahmen es Paulina nicht übel, dass sie aus der Art schlug. Nicht allen Gespenstern war es gegeben, Angst und Schrecken gleichermaßen zufriedenstellend zu verbreiten. Und nur sehr wenigen – eine Handvoll von Zehntausend – wurde eines Tages die Ehre zuteil, in den Kreis der mächtigen Dämonen aufgenommen zu werden. Obgleich sich Paulina angesichts derartiger Meinungen hätte freuen müssen, ärgerte sie sich, denn ihre gleichaltrigen Kameraden sahen das naturgemäß anders.
„Du bist ein Gespenst, Paulina“, belehrten sie das Mädchen. „Du solltest zur Geisterstunde unheimliche Geräusche von dir geben, grauenhaft aussehen und die Menschen so das Gruseln lehren. Stattdessen klingt dein Wimmern wie das Wispern von Espenlaub im Wind und alles, was man von dir zu sehen bekommt, ist der Hauch einer Nebelschwade. Wenn überhaupt. Kannst du dir denn nicht ein bisschen mehr Mühe geben?“
„Ich habe keine Lust, Menschen zu erschrecken“, erwiderte Paulina. „Mir macht es keinen Spaß. Und wenn einem was keinen Spaß macht, kann man’s eben auch nicht so gut.“
„Nicht so gut? Du kannst es nicht die Bohne! Wer weiß, ob du überhaupt ein Gespenst bist. Wahrscheinlich eher so ein Zwischending. Nichts Halbes und nichts Ganzes.“
Paulina erschrak. Ein Zwischending wollte sie nicht sein. Aber was sollte sie machen? Sie konnte sich nun mal nicht für das nächtliche Spuken erwärmen. So sehr sie sich auch Mühe gab, um endlich dazu zu gehören, nichts wollte ihr gelingen.
Dabei wäre sie sehr wohl in der Lage gewesen, Angst und Schrecken zu verbreiten. Heimlich in ihrem Kämmerlein „übend“, erschrak sie des Öfteren vor sich selbst, wenn sie hässliche Grimassen zog oder sich in riesige, zottelige Monster und Zombies verwandelte. „Ich kann es!“, pflegte sie dann regelmäßig mit hohler Grabesstimme zu stöhnen, um gleich darauf verzweifelt zu seufzen: „Aber – ich kann es nicht zeigen.“
Ihre Spielgefährten sonderten sich zusehends von ihr ab, und bald konnte Paulina nur noch auf die erwachsenen Gespenster zurückgreifen, wenn sie sich mit ihren Sorgen und Nöten jemandem anvertrauen wollte.
Nun weiß ein jeder aus eigener Kindheitserfahrung, dass die Erwachsenen zwar zuhören und trösten können, wenn es darauf ankommt. Sich jedoch in die Psyche eines Kindes hineinzuversetzen, das vermögen sie kaum. Nicht in dem Umfang, wie erforderlich wäre.
Und so blieb Paulina nichts anderes übrig, als sich eines Tages im Reich der Menschen eine gleichaltrige Spielkameradin zu suchen. Natürlich musste sie dabei behutsam vorgehen, können doch Menschenkinder selbst vor einem unerwarteten Flüstern oder eisigen Lufthauch erschrecken. Sie überlegte eine Weile angestrengt hin und her – dann reifte in ihr ein Plan, den sie bereits am nächsten Tag in die Tat umzusetzen gedachte.
Die neunjährige Marie-Luise war als Menschenkind genauso arm dran wie Paulina als Gespenst. Auch sie wurde von den anderen Kindern gemieden, weil sie mehr Fantasie hatte als die meisten ihrer Spielgefährten und darüber hinaus zu reif war für ihr Alter. So spielte sie für sich allein mit ihren Puppen oder saß stundenlang auf der kleinen Bank im Hinterhof ihres Wohnblocks und fantasierte vor sich hin.
Auch an diesem Nachmittag hockte sie wieder auf ihrem Lieblingsplatz, als sie plötzlich eine Mädchenstimme ihren Vornamen rufen hörte. Sie schaute sich um, konnte aber nirgends jemanden entdecken.
„Marie-Luise!“, erklang es erneut.
„Wo bist du? Ich seh’ dich nicht.“
„Ich bin hier. Hinter der Wassertonne. Du brauchst aber nicht nachzuschauen, denn du kannst mich sowieso nicht sehen.“
„Und warum nicht?“, fragte Marie-Luise, die sich erhoben hatte.
„Weil ich für dich unsichtbar bin. Jedenfalls tagsüber. Und, wenn ich es will, auch in der Nacht.“
Marie-Luise war indes zur Tonne gekommen. „Ich sehe dich wirklich nicht. Gib ’s zu, du hockst hinter der Hecke!“
Ein leises Lachen antwortete ihr. Marie-Luise reckte den Hals und war ratlos. Hinter der Hecke steckte auch niemand.
„Unsichtbar machen kann sich kein Mensch!“, bemerkte Marie-Luise altklug. „Das gibt ’s nur im Märchen.“
„Wer sagt, dass ich ein Mensch bin?“
„Was denn sonst? Etwa ein Geist?“
„Du hast es erraten!“
Marie-Luise kicherte. „Geister gibt es nicht. Nur im Film und in Büchern. Also sag schon, wo bist du?“
„Hier. Genau vor dir.“
„Beweise es!“
„Gut, aber du darfst nicht erschrecken. Ich werde dich am Arm berühren. Spürst du die Kälte?“
Marie-Luise zuckte zurück. Eine Weile stand sie mit offenem Mund sprachlos da. „Wie – wie machst du das? Wer – wer bist du?“
„Ich heiße Paulina. Und Gespenster sind kalt wie Eis. Wusstest du das nicht?“
Statt zu antworten, ging Marie-Luise, sich die Stelle ihres Arms haltend, an der Paulina sie berührt hatte, langsam rückwärts. Es sah aus, als ob sie jeden Moment davonlaufen wollte.
„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte Paulina schnell. „Ich tu dir nichts. Ich könnte es auch gar nicht. Setz dich wieder auf die Bank und höre mich an.“
Marie-Luise setzte sich zögernd. Alles kam ihr plötzlich vor wie im Traum.
Dann klagte ihr das Gespenstermädchen Paulina sein Leid. Das Menschenkind hörte mit großen Augen zu und begann allmählich zu begreifen, dass Paulina keine Einbildung war.
Marie-Luise und Paulina verband schon bald eine tiefe Freundschaft. Sie trafen sich nun täglich zur gleichen Stunde am gleichen Ort und tauschten ihre Erlebnisse und Gedanken aus, wobei sich Marie-Luise bemühte, nicht den Anschein zu erwecken, als führe sie Selbstgespräche. Immerhin war es nicht auszuschließen, dass sie von den Leuten auf ihren Balkonen beobachtet wurde.
So erübrigt es sich wohl auch, zu erwähnen, dass das Menschenkind niemandem von der Existenz seiner gespenstigen Freundin erzählte. Mit ihren neun Jahren war Marie-Luise bereits verständig genug, um zu wissen, welche Probleme ihr eine solche Offenbarung eingebracht hätte. Und Probleme hatte sie weiß Gott schon genug.
Eines Tages fand Paulina ihre Freundin sehr niedergeschlagen vor. Auf ihre Frage hin erzählte Marie-Luise von dem Juweliergeschäft ihres Vaters und dem Einbruch in der vergangenen Nacht. Der dritte in diesem Jahr. Trotz Alarmanlage und Sicherheitsvorkehrungen. Stets waren die Verbrecher spurlos verschwunden, wenn die Polizei eintraf. Noch solch ein Vorfall, und Vater würde das Geschäft aufgeben müssen. Dann könnte er sich seinen Plan, einen Baukredit für ein Häuschen aufzunehmen, aus dem Kopf schlagen.
Eine Weile hingen die beiden ihren Gedanken nach, dann sagte Paulina plötzlich: „Es wird keinen Einbruch mehr geben! Jedenfalls wird nichts gestohlen werden. Dafür sorge ich!“
„Ach, wenn du das nur fertigbringen könntest“, seufzte Marie-Luise.
Nacht für Nacht legte sich nun Paulina im Juweliergeschäft auf die Lauer. Für sie war es ein Leichtes, in das Gebäude zu gelangen – sie schwebte einfach durch die Wand hindurch. Ein Vierteljahr lang wartete sie vergeblich. Dann aber, drei Wochen vor Weihnachten, machten sich um Mitternacht zwei dunkel gekleidete, vermummte Gestalten an der Tür des Ladens zu schaffen. Es schabte und knackte, dann öffnete sich die Tür. Keine Minute später standen sie vor den Schmuckauslagen.
„Du de linke Vitrine, ich de rechte“, zischte der Größere der beiden Einbrecher. „Wie immer schnell ausräumen und dann nischt wie weg. Los!“
Die beiden hielten in ihren Händen längliche Gegenstände, die wie Baseballschläger aussahen. Doch wie sie die Arme hoben, um auf die Glasscheiben der Vitrinen einzuschlagen, erstarrten sie in der Bewegung: Direkt vor ihnen begann sich mit unheimlichem Fauchen ein fürchterliches Wesen aus der Wand zu schälen. Es leuchtete grünweißlich, hatte dürre Arme mit riesigen, sichelförmigen Klauen an den Händen, einen spärlich behaarten Totenschädel, an dem phosphoreszierende Fleischfetzen zu hängen schienen, lange, gekrümmte Eckzähne und rotglühende Augen. Es riss sein schwarzes Maul auf. Ein eisiger Hauch traf die entsetzten Einbrecher – der Odem des Todes.
Die beiden ließen ihre Knüppel fallen und flüchteten unter grässlichem Geschrei. Weit kamen sie jedoch nicht. Die wie von Geisterhand zuschlagende Tür setzte ihrem Fluchtversuch ein abruptes Ende. Sie prallten dagegen und gingen bewusstlos zu Boden.
Als sie wieder zu sich kamen, blinzelten sie in den flackernden Schein des Blaulichts. Polizisten waren dabei, ihnen Handschellen anzulegen. Sie staunten nicht schlecht, dass ihnen endlich die langgesuchten Galgenvögel auf diese Art ins Netz gegangen waren. Die Verbrecher wehrten sich nicht. Sie schienen sogar froh zu sein, verhaftet zu werden. Immer wieder erzählten sie mit zitternden Stimmen von der Geistererscheinung. Natürlich glaubte man ihnen kein Wort.
Der Vorfall sprach sich in Windeseile herum. Zeitungen berichteten ebenso darüber wie Nachrichtensender. Die von Marie-Luises Vater neu installierten Infrarot-Überwachungskameras des Geschäfts hatten zudem alles aufgezeichnet.
Wirklich alles? Man sah lediglich, wie die beiden Einbrecher zum Zerschlagen der Vitrinen ausholten, erstarrten, die Schläger fallenließen, sich umdrehten, gegen die Tür rannten und in Ohnmacht fielen. Von einem Lichtschein oder gar einer gespenstigen Erscheinung keine Spur.
Auch in der Gespensterwelt war Paulinas nächtlicher Spuk Thema des Tages. Sie wunderte sich nicht wenig darüber, glaubte sie doch, dass niemand von ihrer Aktion wüsste. Dennoch hatten ihre Kameraden Wind von der Sache bekommen und waren ihr allabendlich heimlich gefolgt. Als sie jedoch sahen, dass Paulina Nacht für Nacht stundenlang untätig im Juweliergeschäft herumsaß, schüttelten sie nur die Köpfe und tippten sich mit den Fingern an die bleichen Stirnen.
Doch nur bis zu eben diesem denkwürdigen Einbruch, als endlich klar wurde, was Paulina bezweckt hatte. Im Nu stieg ihr Ansehen in ungeahnte Höhen auf. Jetzt war sie eine Heldin! Zwei skrupellose, vorbestrafte, abgebrühte Schwerverbrecher derart in Angst und Schrecken zu versetzen – dazu gehörte schon etwas. Nicht nur ihre Altersgefährten, auch die erwachsenen Gespenster rätselten, wie sie das angestellt haben könnte, und verneigten sich im Stillen vor ihr.
