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Vor ein paar Jahren hat Anne Berlin verlassen, um mit ihrem Mann aufs Land zu ziehen. Für Kim, Annes Freundin, war deren Umzug nicht nur unverständlich, er forderte auch die Freundschaft der beiden Frauen heraus. Sie hatten gemeinsam ganz andere Pläne. Nun wohnt Anne in einem Haus mit bodentiefen Fenstern und Carport. Kim besucht sie für einige Tage. Es gibt viel Wald, weite Wege, und ohne Auto kommt man weder zum Bäcker noch zum Arzt. Anne behauptet, glücklich zu sein. Doch warum dürfen ihre Kinder den Garten nicht verlassen? Warum soll Kim nicht allein in den Wald gehen? Die Dorfbewohner sind verschlossen, fast feindselig. Sie halten zusammen, gegen die Einbrüche in der Gegend, die anfingen, als die neuen Einwohner in das Neubaugebiet gezogen waren, und gegen die Gerüchte über das, was aus dem Wald kommt. Ein Versuch Annes, gemeinsam mit ihrem Mann Sebastian und Kim das Wohlwollen und die Freundschaft der Dorfbewohner zu gewinnen, misslingt. Schließlich nimmt der Wunsch, endlich dazuzugehören, überhand. Das hat nicht nur Folgen für die Menschen im Dorf. Denn der Wald ist nicht so verlassen und still, wie er scheint.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Ebook Edition
Martina Junk
Wo der Wald beginnt
Roman
Mehr über unsere AutorInnen und Bücher:www.edition-w.de
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN 978-3-949671-62-3
© Edition W GmbH, Neu-Isenburg 2024
Umschlaggestaltung: Michaela Spohn Design
Satz: Publikations Atelier, Weiterstadt
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Inhaltsverzeichnis
Anne hat mich eingeladen, ob ich kommen möchte, hat sie gefragt, sie würde sich freuen und ich habe ja gesagt, warum nicht und wann denn. »Bald«, hat Anne gesagt, solange der Sommer noch so schön sei, überhaupt sei alles bei ihnen so schön und wir könnten in den Wald gehen oder schwimmen oder die Sterne betrachten, denn es werde ja richtig dunkel bei ihnen. Und der Wald sei ein richtiger Waldgürtel, kilometerlang, praktisch endlos.
»Ich passe abends mal auf Emma und Friedrich auf und du gehst mit Sebastian aus«, habe ich vorgeschlagen und habe es auch ernst gemeint, aber eigentlich habe ich es gesagt, weil ich dachte, dass Anne sich das wünscht und ich es ihr leichter machen wollte. Ich jedenfalls würde mir wünschen, abends mal wieder in Ruhe wegzugehen, ich kann mir nicht vorstellen, mitten auf dem Land und tief im Wald zu wohnen, ohne jemanden zu kennen außer meiner Familie.
»Oh ja«, hat Anne gesagt. Begeistert klang sie nicht.
»Oder wir gehen im Wald spazieren«, habe ich gesagt. Ich komme selten in den Wald, wir müssen weit fahren, um in einen richtigen Wald zu kommen, und die Vorstellung, stundenlang durch etwas anderes als einen Park zu gehen, gefiel mir.
»Das machen wir«, sagte Anne.
»Ist alles in Ordnung?«, habe ich gefragt.
»Wieso soll nicht alles in Ordnung sein«, hat Anne zurückgefragt und ich fand, da war so eine Schärfe in ihrer Stimme.
Ich stelle mir ihr Leben einfach vor, einfach im Sinne von leicht und unkompliziert. Sie muss sich nicht täglich entscheiden, ob sie Sushi isst oder italienisch oder arabisch oder indisch. Oder vegan. Ich habe bei zu viel Auswahl immer das Gefühl, das Falsche gewählt zu haben. Vielleicht hätte es etwas gegeben, das besser zu mir gepasst hätte. Etwas, das mich viel glücklicher gemacht hätte. Es gäbe einen einzigen Bäcker bei ihr im Ort, hat Anne erzählt. Sonst nichts. Sie habe dort mal Kaffee getrunken und ihre Nachbarin Ingrid sei hereingekommen. Anne hat ihr beim Brotkaufen zugesehen und Ingrid Anne beim Kaffeetrinken und als sie sich eine Stunde später in ihren Vorgärten wiederbegegnet sind, hat Ingrid gefragt: »Ist deine Kaffeemaschine kaputt?«
Am Abend vor meiner Abfahrt sind Richard und ich noch in das Sushi-Restaurant gegangen, in dem wir oft essen. Am gleichen Tag zwei Wochen später haben wir Paul gefunden. Genau genommen habe ich ihn gefunden. Ich versuche, nicht daran zu denken, wie es wäre, wenn ich ihn nicht gefunden hätte, und wahrscheinlich denken die anderen auch daran, ständig, so wie ich. Man macht die merkwürdigsten Sachen, wenn man irgendwo dazugehören möchte, das hört nicht auf, auch wenn man meint, erwachsen genug zu sein, um nicht unbedingt dazugehören zu wollen. Es ist nicht leicht, außerhalb von etwas zu stehen. Darum war Paul dann auch auf einmal weg. Der war durch mit allem. So wie hier in Berlin auch viele Leute durch sind mit allem. Aber die findet niemand und die sammelt niemand auf, weil sie an den Häuserwänden und in den U-Bahn-Schächten liegen, als gehörten sie dorthin, und weil man sich daran gewöhnt hat, dass sie dort liegen. Als sei es weniger besorgniserregend, an einer Hauswand zu liegen als im Wald. Als sei das in Ordnung.
Sebastian kann froh sein, dass wir nochmal rausgegangen sind, obwohl er nicht wollte, dass wir rausgehen. Ich weiß nicht, wie tief er mit drinsteckt, und es geht mich auch nichts an.
Das Kanpai ist klein und eng, und eigentlich sind auch die Tische zu klein für die Portionen und die Kellner und Gäste wimmeln durcheinander und wenn man einen Platz gefunden hat, kann man dem Gewimmel zusehen und obwohl es so eng ist, sind alle entspannt und keiner gereizt. Sie haben eine übersichtliche Speisekarte, auf der sofort zu sehen ist, worin sich die Gerichte unterscheiden. Ich bestelle veganes Sushi, ich bin da aber inkonsequent, ich probiere von Richards Sushi mit Thunfisch und ich trage auch Lederschuhe. Die Gerichte liegen in geräumigen weißen Schalen und sind angerichtet wie ein Kunstwerk, es beruhigt mich, so etwas anzuschauen, ebenso wie mich der schwarzbraune Tisch beruhigt, die Gläser mit Ingwertee, in denen ein Zitronengras steckt, das Gemälde an der Stirnseite des Raumes, blühende Kirschbaumzweige, braun, weiß, zartes Rosa, grün. Algen, Reis, Lachs und Gurke. Wir reden nicht viel beim Essen. Vom Reden beim Essen kann man nicht auf die Qualität einer Beziehung schließen. Stille kann viel vertrauter sein als Reden.
Nach dem Essen gehen wir zurück in unsere Wohnung. Vor einiger Zeit sind wir noch häufig U-Bahn gefahren, einfach irgendwo eingestiegen, ein paar Stationen gefahren und irgendwie kamen wir immer zu Hause an. Ich fahre jetzt nicht mehr so oft U-Bahn. Die U-Bahnen und die Bahnhöfe sind unangenehm geworden, eine eigene Welt, abgeschieden und unbehaglich für jeden, der nicht dazugehört. Manche Typen sind in Gruppen unterwegs, manchmal sind sie allein und ich muss meinen Blick unter Kontrolle behalten, damit sich nicht zufällig ein Blickkontakt ergibt, denn da sind lauter Augenpaare, die darauf warten, meinen Blick zu fangen und ich kann nicht jeden anschreien, er solle nicht so glotzen und mich in Ruhe lassen.
Ich mag die Spaziergänge mit Richard. Wir laufen nicht Hand in Hand oder Arm in Arm, aber wir gehen, als berührten wir uns. Es ist immer so, wenn wir zusammen eine Strecke laufen, es kommt automatisch, wir pendeln uns aufeinander ein und es fühlt sich gut an, so neben Richard durch Berlin zu gehen. Die Hauswände und die Gehwegplatten sind aufgeheizt von der Sonne und strahlen die Hitze ab. Sie werden morgen bei Sonnenaufgang immer noch warm sein und sich im Laufe des Tages weiter aufheizen. Selbst der Wind, der manchmal aufkommt und zwischen den Häusern hindurchzieht, ist heiß und trocken. Nirgendwo oberhalb der Erdoberfläche ist es kühl, nur in Kellern oder U-Bahn-Schächten.
Wir gehen bei Jan vorbei und kaufen ein paar Nudeln. Er hat einen Laden für Zero Waste und Less Burden. Er verkauft unverpackte Sachen. Ich bewundere, was Jan aufgebaut hat, ich kaufe oft bei ihm. In seinem Laden sieht es immer aus, als fehle etwas, alles ist beige oder braun und aus Glas, Holz oder Metall. Es fehlen die grellen Farben, die Schriftzüge und Markennamen. Bei Jan bleibt alles beige und still. Man betritt sein Geschäft und befindet sich unmittelbar vor Buchweizen, Erbsen und Lupinen. Oder vor der Wurmkiste, einem Heimkomposter mit Regenwürmern.
Jan redet gern von seinem Geschäft und seiner Idee. Eigentlich immer. Er schafft es, egal welches Thema zu seinem zu machen.
»Und habt ihr schon Urlaub geplant?«, fragt er, als er unsere Nudeln abwiegt.
Das sagt eigentlich keiner mehr, denn das ist noch ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit, als es noch dazugehörte, drei Wochen nach Ibiza oder Santorin zu fahren, das war ja ein richtiges Statussymbol so wie das Autowaschen am Samstag, und es musste jeder unbedingt braungebrannt wiederkommen und je brauner jemand war, desto besser war der Urlaub gewesen. Jetzt fragt eigentlich niemand mehr nach dem Urlaub, und es fragt auch keiner, wenn jemand umzieht »Gekauft oder gemietet?«, denn natürlich ist es gemietet und in den Urlaub fahren auch viele nicht mehr, jedenfalls nicht so weit und nicht so lang. Gerade darum ist es eine Frage, die eigentlich niemand mehr fragt. Fragen sollte. Manchmal denke ich, Jan sagt so etwas, um uns wissen zu lassen, auf welcher Entwicklungsstufe der Nachhaltigkeit wir seiner Meinung nach stehen. Irgendwo in den 1980ern. Ich glaube, er will damit nur verdeutlichen, wie viel Nachholbedarf wir noch haben. Dabei haben wir kein Auto. Wenn wir wirklich ein Auto brauchen, leihen wir uns eines. Ich habe mir auch schon Bohrmaschinen ausgeliehen oder ein Motorrad oder ein Kleid, als wir mal zu einer Hochzeit eingeladen waren. Man muss nicht immer alles besitzen.
»Ich fahre ein paar Tage zu einer Freundin aufs Land, mit der Bahn«, sage ich und Jan muss gleich wieder etwas Grundsätzliches daraus machen. Er muss gleich wieder moralisch aufladen.
»Mit dem Zug aufs Land, das ist gut. Fernreisen, wer kann das denn noch verantworten. Ein paar Tage raus, ob du das nun auf den Malediven machst oder hier, für die Erholung ist es das Gleiche und es ist besser, wenn du nicht so weit fährst.«
»Eigentlich will ich bloß eine Freundin besuchen.«
»Freundschaften pflegen, das ist super. Das rechtfertigt auch mal eine weitere Fahrt.«
»Soll ich deinen Bienen eine Freundin mitbringen?«, frage ich. Er hält auf seinem Balkon nämlich Bienen und obwohl er im Internet einen pastellgrünen Imkeranzug gekauft hat und obwohl er betont, Bienen seien nicht aggressiv, hat er jedes Mal, wenn wir ihn treffen, mindestens acht Stiche.
»Das lass mal lieber«, sagt er. »Die würde sich hier nicht wohlfühlen, sie muss in ihrer Umgebung bleiben.«
»Täte ihr doch gut, wenn sie mal rauskäme«, meint Richard. »Bisschen was erleben.«
Jan fängt an, einen Vortrag zu halten über Balkone, Dachterrassen, Gärten, auf denen sich Bienen wohlfühlen, ja, auch Friedhöfe, denn dort gäbe es keine Pflanzenschutzmittel, jedenfalls nicht so viele wie auf dem Land. Der Gedanke, die Stadt mit Bienen zu teilen, gefällt mir. Er beruhigt mich. Als würde sich alles schon irgendwie regeln. Jan hat mich mal eingeladen und ich durfte den Bienen zuschauen. Sie flogen weg, wann sie wollten, wussten, wohin sie zurückkehren konnten, sie lebten zusammen und waren nicht nur ein Schwarm, wie bei den Fliegen, sie waren ein Volk und das hatte etwas geradezu Großartiges. Sie kamen angeflogen mit gelben Ballen an den Beinen.
»Pollenhöschen«, hat Jan gesagt. »Die Bienen sind ganz schwerfällig davon, die sind froh, wieder zu Hause zu sein.«
Tatsächlich wirkten die Bienen erschöpft von ihrer Last.
Zu Hause ziehen wir uns aus und duschen. Ich lasse Wasser über Richards Schultern laufen, über seinen Kopf, es fließt über sein Gesicht und er schließt die Augen. Das Wasser rinnt über seine Nase und seinen Mund. Er steht ganz ruhig und prustet ein wenig. Das Wasser ist lauwarm. Es läuft über meinen Rücken, meine Brust. Wir stellen uns nah zusammen und das Wasser strömt an uns herab. Wir lassen es auf der Haut trocknen. Es ist so heiß, dass ich trotzdem nicht friere. Wir gehen zu Bett und ich überlege, ob es schon begonnen hat, ob er schon auf sein Projekt konzentriert ist und ich überlege, ob ich es herausfinden soll. Ich liege auf dem Rücken und versuche zu hören, ob er schon schläft. Ich drehe mich auf die Seite und denke, ich möchte, dass er seine Hand zu mir ausstreckt und auf meine Brust legt. Ich versuche, meine Gedanken zu ihm zu schicken. Fass mich an, denke ich. Auf der Straße fährt ein Auto vorbei. Eine Autotür klappt zu. Eine Frau lacht. Fass mich an. Der Schall fängt sich zwischen den Hauswänden wie in einem Tal. Er ebbt zu uns hoch, dann ist es still. Strecke deine Hand aus und berühre mich, denke ich. Über uns geht jemand. Es ist ein altes Haus mit Holzfußboden und eine Bodendiele quietscht, man könne da nichts machen, sagt Rudi. Er ist unser Hausmeister. Wir sollen einfach die Klappe halten, meint er, und den Eigentümer nicht noch auf Ideen bringen. Er könne das Haus auch gern kernsanieren, dann quietsche nichts mehr, nur wir, wenn wir die neue Miete sähen.
Richard bewegt sich.
»Kannst du nicht schlafen?«, fragt er.
Richard ist nicht zu kühl und nicht zu warm, gerade richtig, und er riecht frisch geduscht, aber nicht zu sehr und es ist alles genau richtig. Später schreit jemand auf der Straße, es ist eine Männerstimme und ein anderer Mann schreit zurück. Durch das geöffnete Fenster dringt die Hitze und ich liege hier mit Richard im vierten Stock und der einzige Zugang zur Straße da unten ist die Haustür, und zwischen unserer Wohnungstür und der Haustür liegt das lange Treppenhaus. Morgen bin ich bei Anne und ich vermisse schon jetzt den Straßenlärm. Morgen bin ich irgendwo mitten im Wald.
Gegen das eigene Kopfkino kann man nur wenig ausrichten und gegen das der anderen noch viel weniger. Wenn ein Drehbuch in einem Kopf erst einmal Platz gefunden hat, lässt es sich nur schwer gegen ein anderes austauschen. Paris zum Beispiel ist nicht einfach nur eine Stadt. Ich bin mit Richard mal ein paar Tage nach Paris gefahren und als ich vorher erzählt habe, wohin wir fahren, hat jede meiner Freundinnen irgendetwas gemacht. Gelacht oder »oh là là« gesagt oder vielsagend geguckt. Es gibt noch mehr solcher Worte, bei denen der Film im Kopf losgeht. Plattenbauten zum Beispiel. Oder Wolf.
Dörfer sind mir immer suspekt gewesen. Das fällt mir ein, als der Zug die Stadt verlässt und ich die ersten Felder sehe. Ich hatte mich so auf den Wald gefreut, dass ich das mit den Dörfern vergessen habe. Meine Mutter ist mit mir in den Sommerferien aufs Land gefahren. Urlaub auf dem Bauernhof, weil sie der Meinung war, ich müsste das Landleben kennenlernen.
»Du musst mal Erde unter den Füßen haben, nicht bloß Steine«, meinte sie. Wir sind immer auf denselben Bauernhof gefahren. Wahrscheinlich hatte sie da Rabatt bekommen. Zehn Tage für sieben Jahre zwanzig Prozent billiger. Die Familie, bei der wir wohnten, hatte drei Kinder, Franziska, Sabrina und Lukas, und eigentlich sollten sie uns nach so vielen Urlauben doch kennen. Aber wenn meine Mutter sie ansprach, rückten sie zusammen wie eine Herde verschreckter Schafe. Wenn ich mit ihnen allein war, weil ich mit ihnen draußen spielen sollte, verhielten sie sich ganz anders. Vielleicht waren sie auch konsequent und verändert hatte sich nur die Situation.
»Fass mal an, ist ganz weich«, sagten sie.
»Habt ihr sie noch alle?«, habe ich gesagt, denn vor uns wuchsen hohe Brennnesseln.
Wenn ich etwas gesagt habe, war es, als hätten sie die Wörter verstanden, aber nicht den Sinn. Jedenfalls nicht den Sinn, den ich meinte. Und ich habe einen anderen Sinn verstanden, wenn sie geredet haben. Die Bäuerin hat zum Beispiel mal gesagt, sie habe sich ein Kleid genäht und ich habe sofort an den Laden in Berlin gedacht, in dem man nähen lernen kann, zusammen mit anderen, man kann Chai dazu trinken oder Gunpowder oder auch Wein. Es gab Regeln in diesem Dorf, die ich nicht kannte, Erinnerungen und Erzählungen, jedes Dorf hat eigene. Und sie wirken. Es gibt ungeschriebene Gesetze, mit wem man redet und mit wem nicht. Es gibt geschlossene Fenster und Gardinen und hinter jeder Gardine möglicherweise jemanden, der beobachtet und beurteilt und Beobachtung und Urteil weiterträgt.
Wenn ich durch ein Dorf gehe, durch leere Straßen, durch die nur ab und zu ein Auto fährt, frage ich mich, was hinter den Gardinen geschieht, auch in Dörfern geschehen furchtbare Dinge. Ich schätze, jedem fällt irgendein Ort ein, von dem man noch nie vorher gehört hat und der auf einmal in den Nachrichten auftaucht, weil dort etwas Schreckliches geschehen ist. Jedes Dorf ist eine eigene Welt, es gibt kein Vergessen, weil jeder jeden kennt und die Eltern von jedem und die Eltern der Eltern und wenn man neu anfangen möchte, bleibt nichts anderes übrig, als weit weg zu gehen. Wenn ich in Berlin durch die Straßen gehe, haben die Fenster keine Augen, sind die Fenster keine Augen, es sind einfach Fenster, hinter denen Menschen leben.
Anne und ich kennen uns schon lange, noch aus der Schulzeit. Sie hat mir immer das Gefühl gegeben, die Dinge, die in meiner Familie wichtig waren, seien gar nicht so wichtig. Sich nicht über den Tisch ziehen lassen. Sich nicht übervorteilen lassen. Und bloß nicht nach Hilfe fragen. Für Anne galt so etwas nicht. Sie konnte darüber nicht nachgedacht haben, denn sie verhielt sich schon als Kind so. Wenn wir mit anderen Kindern spielten und gerade so richtig eingespielt waren und jeder wusste, was seine Rolle war und was es zu tun gab und es kam mitten im tiefsten Spiel ein anderes Kind hinzu, dann machte sie einfach weiter, als sei dieses neue Kind jetzt ganz selbstverständlich Teil des Spiels. Sie hielt noch nicht einmal inne, um zu überlegen, was mit diesem Kind nun anzufangen sei. Es war da, also konnte man es nicht wegschicken. Das Verwunderliche war, dass kein anderes Kind auf die Idee kam, das neue Kind fortzujagen. Niemand sagte »Wir wollen alleine spielen«. Ich habe das mal erlebt, als ich bei einer Nachbarin war. Ihre Tochter Sophie spielte mit einem Finn, als ein drittes Kind an der Tür klingelte. »Ich spiele gerade mit Finn«, hatte Sophie gesagt und ihre Mutter hatte das zuverlässig an das Kind weitergegeben – »Sophie spielt gerade mit Finn.« – und das dritte Kind weggeschickt.
»Warum hast du es denn nicht einfach in die Wohnung gelassen?«, habe ich gefragt und die Mutter sagte, das Spiel zu zweit sei wichtig und Sophie und Finn hätten das Recht, auch einmal nur zu zweit zu spielen.
Ich habe mir vieles von Anne abgeschaut. Einmal in der Schulpause haben wir im Kreis auf dem Rasen hinter der Turnhalle gesessen und sie hat Joghurt gegessen aus einem Becher. Sie hatte immer so großzügige freie Bewegungen und mit einer dieser Bewegungen hat sie den Deckel aufgezogen und den Löffel in den Becher getaucht und irgendwie haben wir alle zu ihr hingesehen, wie sie diesen Joghurt gegessen hat. Sie hat gemerkt, dass wir sie anschauen, und gefragt, ob wir auch davon wollten, und dann hat sie den Joghurt Kenzo gegeben, der neben ihr gesessen hat, und so hat der Joghurt die Runde gemacht und am Schluss hat sie ihn in aller Ruhe ausgelöffelt. Ich wollte auch so großzügig sein wie sie und ich wollte auch so freie Bewegungen machen können wie sie. Anne schien aus einer Fülle zu kommen, die mir fremd war, sie schien von allem reich zu haben und ihr schien es an nichts zu mangeln. Nie. Es war mehr eine Frage der Haltung als der tatsächlichen Menge und bei diesem Joghurt habe ich begriffen, um wie viel schöner es sein kann, gemeinsam weniger als allein viel zu haben. Dass es eigentlich genau darauf ankommt und dass der Schaden, den man anrichtet, wenn man ein Kind wegschickt, viel größer ist, als wenn man es mitspielen lässt. Weil es ja nun mal da ist. Und weil man selbst in anderen Situationen auch einfach da ist.
Manchmal denke ich, die Wohnung in Schöneberg war kein Zufall. Wir haben uns auch andere Wohnungen angesehen und die waren auch schön, schöner sogar und manche größer und letztendlich ist es doch die in Schöneberg geworden, weil ich in Schöneberg wohnen wollte. Ich mache mir keine Illusionen. Ich bin nicht so großzügig und tolerant wie Anne. Ich will die Vielfalt und die Gay Community um mich haben, damit ich mich so fühlen kann wie Anne. Damit ich so tun kann, als sei ich so tolerant wie Anne.
