Wo die Seele auftankt - Marco von Münchhausen - E-Book

Wo die Seele auftankt E-Book

Marco von Münchhausen

4,8

Beschreibung

Im Job erfolgreich, das Konto gut gefüllt - trotzdem haben viele Menschen das Gefühl, dass ihnen etwas fehlt. Wohlstand ist nicht gleich Wohlbefinden - nur wer regelmäßig zu innerer Ruhe und zu sich selbst findet, kann Kraft für den aufreibenden Alltag schöpfen!

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Wo die Seele auftankt
Die besten Möglichkeiten, Ihre Ressourcen zu aktivieren
Münchhausen, Marco von
Campus Verlag
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9783593400600
Copyright © 2004. Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main
Besuchen Sie uns im Internet: www.campus.de
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|9|VORWORT

Seit über dreißig Jahren beschäftigt mich die Frage, wie man erfüllter leben kann. Thema meiner Seminare und Bücher war es zunächst, Studenten zu helfen, leichter und effektiver zu lernen. Dann folgten Seminare, Vorträge und Veröffentlichungen über Selbstmanagement, Selbstmotivation und Work-Life-Balance. Doch auch bei meinen jüngsten Büchern zum Thema, wie man seinen »inneren Schweinehund« zähmen kann, und bei den »Vier Säulen der Lebensbalance«, geht es in Teilaspekten darum, wie man erfüllter und zufriedener leben und gleichzeitig erfolgreich sein kann. Und immer wieder bewegte mich die zentrale Frage: Wo und wie tanken wir eigentlich innerlich auf, wie regenerieren wir unsere seelischen Ressourcen? Seit vielen Jahren schon habe ich hierzu Ideen gesammelt, Bücher gelesen und von vielen Seminaren und Vorträgen Anregungen und wertvolle Gedanken zusammengetragen. Nun ist die Zeit reif, dies in strukturierte Form zu bringen und zu veröffentlichen!

»Wo die Seele auftankt« bedeutet dabei: wie wir innerlich auftanken, also unsere psychischen und geistigen Batterien wieder aufladen – unabhängig von der theoretischen Frage, was die Seele des Menschen genau ist und unabhängig von allen abstrakten Konzepten, die hierzu in der Geistesgeschichte entstanden sind. Denn es geht in diesem Buch nicht primär um Ideen und Theorien, sondern um pragmatische, im Alltag umsetzbare Anregungen.

|10|Das Muschelmotiv des Buchcovers symbolisiert den Weg von außen nach innen, gewissermaßen die zentripetalen Kräfte, die uns auf dem Weg zu uns selber, in unser Innerstes unterstützen können (wie sie im ersten Teil auf Seite 18 dargestellt werden).

Viele der dargestellten Möglichkeiten, innerlich aufzutanken, sind uns ja an sich geläufig, manche mögen auch selbstverständlich klingen, doch im Alltag übersehen wir sie oft oder nehmen sie gar nicht mehr wahr. Das Buch wird Sie zum einen vielleicht an Bekanntes erinnern und dabei auch aufzeigen, warum es sinnvoll sein kann, eine bestimmte »Seelenquelle« zu nutzen. Zum anderen kann es Ihnen auch neue Anregungen und Impulse geben.

Finden Sie heraus, was Ihnen persönlich helfen kann. Wenn Sie nur ein paar Möglichkeiten aus dem Buch für sich mitnehmen und in Ihrem Leben umsetzen, dann hat sich die Lektüre gelohnt.

Dass Sie auf neue Weise zu sich finden

wünscht Ihnen Ihr

Marco von Münchhausen

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|13|DAS INNERE VAKUUM UND DIE SEHNSUCHT NACH ERFÜLLUNG

Die Sehnsucht der Menschen nach innerer Erfüllung und nach Möglichkeiten, seelisch aufzutanken, ist heute größer denn je. In einer immer schnelllebigeren, hektischen und außenorientierten Zeit spüren immer mehr Menschen ein inneres Vakuum, dass aller Erfolg und Wohlstand zu füllen nicht in der Lage sind. Mit der Zunahme von Ängsten, Selbstzweifeln, innerer Zerrissenheit, Momenten des Ausgebrannt-Seins und depressiver Stimmungen wächst das Verlangen der Seele nach Nahrung und Orientierung umso stärker. Doch was genau suchen die Menschen in ihrem Innersten? Die Antworten darauf mögen unterschiedlich sein, jedoch suchen die meisten Menschen nach:

Sicherheit und Halt,

Zuversicht und Vertrauen,

Geborgenheit und Trost,

Orientierung und verlässlichen Werten,

Sinn und Motivation,

Begeisterung für etwas,

Zu-sich-kommen,

Ruhe und Frieden,

Weite und Freiheit,

Lebendigkeit und Freude,

Glück und Erfüllung,

Zufriedenheit und Dankbarkeit,

Gelassenheit und Nachsicht,

Liebe und Mitgefühl,

Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft,

einem Gefühl der Verbundenheit mit anderen und der Welt.

|14|Viele Menschen haben auch ein tiefes Verlangen nach Spiritualität, nach einer Kraft, die ihrer Seele Nahrung für den aufreibenden Alltag gibt. Wer diese Kraft in Gott findet und in seiner religiösen Tradition seelisch auftanken kann, ist gut versorgt, doch immer mehr Menschen, die heute aus der Kirche austreten, betrachten die vielfältigen und widersprüchlichen Alternativangebote des Esoterikmarktes mit ebenso viel Verunsicherung wie Skepsis. Sie fühlen ein inneres Vakuum, eine Leere, und suchen auf neuen Wegen, frei von moralischen Belehrungen oder dogmatischen Konzepten und unabhängig von einer bestimmten konfessionellen Überzeugung nach Erfahrungen und Orten, die ihnen gut tun. Es wird daher immer wichtiger, solche neuen, pragmatischen Wege zu finden, um innerlich Kraft zu schöpfen, die inneren Ressourcen zu aktivieren und Quellen zu entdecken, die das Leben bereichern.

Doch warum haben wir Menschen überhaupt das Bedürfnis, dieses innere Vakuum zu füllen? Und warum erscheint es uns gerade in der heutigen Zeit wichtiger denn je? – Dies hängt unter anderem mit der zunehmenden Verlagerung unseres Lebensschwerpunktes nach außen zusammen: Ohne inneres Gegengewicht ist die Gefahr groß, den Halt und die Balance im Leben zu verlieren.

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Baum, Krone und Wurzeln

Jeder Baum muss mit seinen Wurzeln im Boden verankert sein. Je größer ein Baum, je üppiger seine Krone ist, je mehr Früchte er trägt, umso tiefer müssen seine Wurzeln in die Erde reichen. Sonst weht schon der erste Sturm ihn um.

Auch der Mensch, der zu viel im Außen investiert und nur dem Erfolg nachjagt, ohne sich um sein Inneres zu kümmern, gerät aus dem Gleichgewicht. Er verliert sich im Außen und erlebt den viel zitierten »Verlust der Mitte«. Alle Erfolge im äußeren Leben sind |15|wenig wert, wenn die Verankerung im Inneren fehlt. Spätestens beim Auftreten von Lebenskrisen oder Schicksalsschlägen stellen die meisten fest: Im Außen gibt es keinen wirklichen Halt! (Dies soll nicht bedeuten, dass andere Menschen einen nicht unterstützen können, den eigenen inneren Halt wiederzugewinnen; gemeint ist vielmehr die Orientierung an rein äußerlichen Werten, wie Status, Karriere oder Besitz.) Unsere Wurzeln müssen in der Erde sein, in unserem Leben, also innen: Unsere Wurzeln sind zum Beispiel unsere seelische Tiefe, unsere Charakterstärken, unsere Einstellungen und unseren persönlichen Werte, unsere Kraft, mit Schmerz und Schwierigkeiten umgehen zu können, unsere Vitalität und Motivation, in der Zugehörigkeit zu anderen Menschen und nicht zuletzt unsere Fähigkeit, die inneren Ressourcen zu aktivieren und unsere Seele immer wieder aufzutanken.

Entscheidend für unseren inneren Halt sind also unsere Wurzeln. Von der persönlichen Veranlagung und Einstellung mag es dann abhängen, ob man sich eher als Eiche oder Bambus entwickelt: Eichen gedeihen im dichten Wald sicherer, während der biegsame Bambus dort geeigneter ist, wo es stürmt. Obwohl vieles darauf hinweist, dass heute die statische »Eichenperiode« ihrem Ende entgegengeht und wegen des immer schnelllebigeren Wandels das »Bambuszeitalter« begonnen hat, haben doch beide Pflanzen ihren Lebensraum und ihre Daseinsberechtigung.

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Zentrifugale und zentripetale Kräfte

Es mag sich leicht sagen, dass man Wurzeln braucht, das ist aber in der heutigen Zeit schwerer denn je zu verwirklichen. Eine der Hauptursachen für unser seelisches Vakuum und die geringe Verwurzelung im Inneren liegt in der Vielzahl von Faktoren und Umständen, die uns von uns selber wegziehen und unsere Aufmerksamkeit |16|und unser Handeln immer mehr nach außen verlagern. Diese Kräfte kann man als zentrifugale Kräfte bezeichnen.

Auch Sie haben sicher schon die Erfahrung gemacht, wie schwierig es im Berufsalltag ist, sich in eine Aufgabe zu vertiefen, während ständig das Telefon klingelt, der Chef nach der aktuellen Umsatzanalyse fragt oder das E-Mail-Programm neue Nachrichten meldet. Und es scheint fast unmöglich, einen Brief an die weit entfernt wohnende, beste Freundin zu schreiben, während eines Ihrer Kinder um Unterstützung bei den Hausaufgaben bittet, ein anderes mit aufgeschlagenem Knie weinend ins Zimmer stürmt und gleichzeitig die Nachbarin klingelt.

Das Verhängnisvolle dabei ist: Je mehr unsere Aufmerksamkeit, unser Fokus, außerhalb von uns ist, desto mehr geraten wir in den Sog der äußeren Kräfte, die uns sukzessive von uns selber entfernen, und desto schwächer wird der Kontakt zum eigenen Selbst oder, mit anderen Worten, zu den Quellen in unserem inneren »Seelenraum«. Die Folge davon ist, dass sich die meisten Menschen umso ausgebrannter und leerer fühlen und umso intensiver wird infolgedessen ihr Bemühen, die innere Leere durch erneute Reize von außen zu füllen. Leider lässt diese Wirkung schnell nach: Sobald der kurzzeitige »Kick« des jeweils Neuen verflogen ist und durch Gewöhnung der Reiz seine Kraft verloren hat, beginnt die |17|Jagd erneut ... und so rotieren wir immer schneller in der Zentrifuge des äußeren Lebens.

Je weiter wir uns von unserem Zentrum entfernen, desto größer wird die Rotationsgeschwindigkeit – und desto mehr scheinen, unmerklich, aber kontinuierlich, unsere inneren Wahrnehmungskanäle zu »verstopfen«. Wir verlieren gewissermaßen unsere subtilen inneren Antennen und das Gehör für die leise Stimme unseres Herzens, unserer wichtigsten und innersten »Orientierungszentrale«.

Der Weg zurück zu diesem Zentrum ist prinzipiell einfach, in der Praxis allerdings nicht ganz leicht umzusetzen. Einfach, weil es an sich nur darum geht, innezuhalten, also gewissermaßen »innen an-zuhalten« und unsere Innenräume wieder zu erschließen, um in unseren inneren Quellen wieder aufzutanken. Für viele Menschen erweist sich dies in ihrem hektischen Alltag aber alles andere als leicht: Für jemanden, der es nicht gewöhnt ist, immer wieder innerlich an-zuhalten, kann es am Anfang schwierig sein, das Innehalten aus-zuhalten. Zum einen, weil einem dieses Inne-halten in voller zentrifugaler Fahrt wie ein Stillstand erscheinen kann, mit dem damit verbundenen Gefühl, in die Leere abzustürzen. Deshalb finden viele es schwer zu bremsen, und geben lieber weiter Gas, wenn sie das Schicksal nicht mehr oder weniger unsanft aus der Bahn wirft.

Zum anderen kann es geschehen, dass jemand, der dieses »Atemholen« nicht gewohnt ist, dabei von etwas Innerem ergriffen wird, was er weder er-greifen noch be-greifen kann – von etwas Tiefem und Intensivem und zunächst Ungewohntem, das ihn verunsichern mag. Je mehr ein Mensch gewohnt ist, seine Sicherheit im Außen und im Be-greifbaren zu suchen, desto behutsamer sollte er bremsen, desto tastender sollte er die Wege in seinen Innerraum suchen, um sich wieder die Quellen zu erschließen, in denen seine Seele auftanken kann.

Um unser Gleichgewicht wiederzugewinnen geht es also darum, in unserem Alltag gegen den zentrifugalen Sog die zentripetalen Kräfte zu stärken, die uns wie die Spirale eines Schneckenhauses  |18|oder einer Muschel zu unserem Zentrum zurückführen, uns gewissermaßen wieder bei uns selbst ankommen lassen.

Methoden aufzeigen, mit denen Sie Ihre zentripetalen Kräfte stärken können. In den beiden folgenden Kapiteln werden Sie erfahren, warum es zunächst einmal so wichtig ist, Raum für die Seele zu schaffen, Raum, in dem die zentripetalen Kräfte überhaupt zur Wirkung kommen können. Außerdem werden Sie die sieben Grundprinzipien seelischen Erlebens kennen lernen, die es Ihnen einfacher machen werden, auf Ihre inneren Bedürfnisse zu horchen und ihnen nachzugehen.

Danach, in Teil II, finden Sie 15 Möglichkeiten, mit denen Sie Ihre Ressourcen aktivieren können. Bei diesen Möglichkeiten – sozusagen den Seelenquellen – handelt es sich um unterschiedliche Techniken, Tätigkeiten oder Rituale, die Sie ausüben können, oder auch um Gelegenheiten oder Orte, die Sie aufsuchen können, um Ihre Seele auftanken zu lassen. Ziel ist es dabei, Ihnen ein möglichst breites Spektrum von Seelenquellen darzustellen, damit Sie nach der Lektüre ganz individuell entscheiden können, welche davon Sie für sich nutzen möchten.

Da es am Anfang allerdings der bewussten Planung bedarf, die eine oder andere Seelenquelle auch tatsächlich in den Alltag zu integrieren, werden Sie in Teil III nützliche Hinweise und Anregungen für die praktische Umsetzung erhalten.

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|19|RAUM SCHAFFEN FÜR DIE SEELE

In seinem Buch der Lebenskunst erzählt Pater Anselm Grün folgende Geschichte: Der christliche Mönchsreformer Bernhard von Clairvaux (1090–1153) riet einst Papst Eugen III., seinem früheren Schüler: »Gönne dich dir selbst!« Der Papst hatte sich zuvor bei ihm beklagt, dass er vor lauter Arbeit und Beschäftigung gar nicht mehr zum Beten komme und darüber ganz unglücklich sei. Statt ihn zu bemitleiden, ermahnte ihn der Mönch: Er sei selber schuld, wenn er so viel arbeite, wenn er meine, jedem Bittsteller helfen zu müssen und sich auf alle Angelegenheiten einlassen zu müssen. Gerade weil er eine verantwortungsvolle Stellung innehabe, sei es notwendig, dass er für sich selber sorge. Denn: »Wer nicht für sich selber sorgt, wird mit seiner Sorge für die anderen keinen Segen bringen!« Sie werde ihn vielmehr innerlich verhärten und bitter werden lassen. Wenn er den anderen so viel Zeit gönne, so solle er auch sich selbst genügend Zeit gönnen, damit seine Seele atmen könne, damit er das Leben spüre. Aber er solle sich nicht nur Zeit gönnen, sondern sich auch sich selbst gönnen.

Je geschäftiger und hektischer unser Leben ist, desto wichtiger wird es, uns immer wieder Raum und Zeit zu gönnen, damit die Seele wieder aufatmen und leben kann. Arthur Rubinstein sagte einmal, die wahre musikalische Kunst liege nicht in der Notenbeherrschung verborgen, sondern in den Pausen zwischen den Noten.  |20|Und auch in unserem Leben sind die Pausen, in denen wir seelisch Luftholen können genauso wichtig wie die Pausen zwischen den Noten oder die Freiräume zwischen den Bildern in einem Museum: Ohne diese können weder Musiknoten noch Bilder wirken, und auch wir können nicht richtig wirken, wenn wir uns nicht immer wieder zeitliche Freiräume für uns selber gönnen.

In diesen Freiräumen haben wir Zeit, ganz und ausschließlich für uns alleine, ohne dass wir irgendetwas Bestimmtes tun müssen. Es ist eine Zeit des »Seins«, nicht des «Tuns«. Eine Zeit, die nicht strukturiert ist, in der wir nicht wieder irgendein Ziel verfolgen, sondern einfach die »Seele baumeln lassen« können. Machen Sie sich bewusst: Beim Baumeln in einer Hängematte, beim Schaukeln als Kind hat man kein Ziel, man schwingt einfach hin und her. Und genau das liebt unsere Seele auch: einfach nur schwingen, sich im Augenblick treiben lassen, und zwar von innen getrieben – nicht von außen.

Es geht darum,  sich ohne ein bestimmtes Ziel von innen treiben zu lassen, statt von außen getrieben zu werden!

Schaffen auch Sie sich solche Zeit-Räume: Erlauben Sie sich gelegentlich, einfach nur das zu tun, wonach Ihnen gerade ist, was Ihnen spontan Spaß macht. Schauen Sie während solcher Momente möglichst nicht auf die Uhr – diese Zeit sollte gewissermaßen »frei von Zeit« sein. Egal, ob es nur eine Stunde ist, die Sie im Park schlendernd spazieren gehen, in einem Café sitzen und die Menschen beobachten oder träumend auf Ihrem Sofa liegen, widerstehen Sie der Versuchung, auch nur irgendetwas »Sinnvolles« tun zu wollen! Genießen Sie die Zeit, um einfach nur zu leben, zu beobachten, sich selber zu spüren – wie auch immer es Ihnen gerade gehen mag, ohne etwas verändern oder bewerten zu müssen. Erleben Sie das Leben, wie es gerade ist. Das mag nicht immer leicht sein, |21|aber wenn Sie ab und an eintauchen in diese reine Wahrnehmung des Lebens, so wird Ihre Seele dabei auftanken und aufleben. Denn die Seele lebt im Augenblick – im entspannten, ungeplanten, unreflektierten Augenblick.

Nehmen Sie sich Zeit für sich. Gönnen Sie sich Momente, in denen Sie allein mit sich selbst sein können: Momente, in denen keine Ansprüche anderer, keine vermeintlichen Verpflichtungen Sie antreiben oder Ihnen gar ein schlechtes Gewissen bereiten können. Momente, in denen Ihnen niemand sagt, was Sie zu tun haben.

Nehmen Sie sich immer wieder den Zeit-Raum des Bei-sich-sein-Dürfens

Solche Zeit-Räume des »Bei-sich-Seins« gilt es zu schützen: vor Störungen, Ablenkungen oder allzu vielen Reizen. Dann haben die täglichen Probleme und Sorgen, die Bewertungen und Verurteilungen anderer oder von uns selbst keinen Zutritt. Wenn sie dennoch ungefragt auftauchen, dann nehmen Sie sie wahr ... und lassen Sie sie weiterziehen, ohne ihnen nachzugehen, und vor allem, ohne ihnen Raum zu geben! Kehren Sie zu sich selber zurück, zu dem, was Sie sich gerade gönnen.

Und in solchen Momenten kann es sein, dass Sie entdecken, dass es nicht nur um den Zeit-Raum geht, sondern dass es in Ihnen selber einen solchen Raum gibt, zu dem die alltäglichen Probleme keinen Zutritt haben, in dem Sie auftanken können.

Stellen Sie sich vor, es gäbe in uns verschiedene »Innenräume« mit jeweils unterschiedlichen seelischen und emotionalen Qualitäten. Da mag es die helleren Räume der Freude, der Liebe und des Mitgefühls und die eher dunkleren der Trauer, der Angst und der Wut geben; neben all diesen Räumen gibt es aber noch einen heilen inneren »Schutzraum«, in dem Sie ganz und auf Ihre Weise vollkommen sind. Hier können Sie einfach so sein, wie Sie sind, mit all |22|Ihrer Zerrissenheit und Ihren Fehlern, ohne irgendetwas verändern zu müssen. Hier können Sie erfahren, dass Sie zwar Fehler haben, aber nicht Ihre Fehler sind. Hier werden all Ihre sonstigen Sorgen relativiert und verlieren ihre Macht über Sie. In diesem Raum müssen Sie auch Ihre Schwächen nicht mehr bekämpfen und besiegen. Und Sie erfahren, dass letztlich in diesem Raum nichts über Sie Macht hat. Hier sind Sie heil und ganz, wie Anselm Grün es beschreibt.

In diesem Schutzraum können Sie feststellen, dass einzig die Vorstellung, dass etwas anders sein müsste, dass wir anders sein müssten, uns hindert, einfach zufrieden mit dem zu sein, was gerade ist, und es zu genießen. Die volle Dimension des Lebens öffnet sich uns dann, wenn es uns gelingt, die Gegenwart so zu akzeptieren und in sie einzutauchen, wie sie ist, ohne gerade etwas verändern zu wollen. Dann können wir auch uns so spüren und annehmen, wie wir sind und ein Gefühl des inneren Friedens empfinden.

Unsere Seele mag sich in all den verschiedenen Innenräumen aufhalten können, auftanken wird sie in erster Linie in diesem heilen Schutzraum. Diesen Raum können auch wir im Alltag immer wieder kurz oder länger aufsuchen, gewissermaßen in ihn eintauchen. Je öfter wir es tun, umso leichter wird es gehen und umso besser wird es uns seelisch ergehen!

Doch wie lassen sich im heutigen Alltag überhaupt die Zeiträume finden, um in diesen inneren Schutzraum einzukehren? Sich solche Zeitoasen zu schaffen, ist nicht leicht. Diese Räume schaffen sich nicht von selber, im Gegenteil: Der zentrifugale Sog des äußeren, schnell rotierenden Lebens zieht uns in der Regel sofort aus dem Zustand des Bei-uns-Seins oder des Einfach-nur-mit-uns-Seins heraus – daher auch die weit verbreitete Tendenz, sobald freie Zeit da ist, diese sofort wieder mit allen möglichen Aktivitäten und Beschäftigungen zu füllen. Vielleicht haben auch Sie schon erlebt, dass Sie nach einem Urlaub, in den Sie möglichst viele Erlebnisse |23|und Vergnügungen hineinpacken wollten, erschöpfter zurück kamen als Sie abgereist waren?

Am Anfang mag es Sie sogar Überwindung kosten, falls Ihnen diese Erfahrung noch (relativ) unbekannt ist oder falls Ihnen auf dem Weg in die eigenen Innenräume auch ein paar »Krokodile im Keller« in Form von verdrängten Gefühlen, Ängsten oder ungelebten Seiten, die in Ihrem Alltag bisher keinen Platz haben durften, begegnen. Schauen Sie sie an und gehen Sie ruhig an ihnen vorbei – so bedrohlich sie auch aussehen, sie beißen nicht! Je genauer und öfter Sie sie betrachten, desto harmloser und vertrauter werden sie Ihnen werden. Und vielleicht gelingt es Ihnen mit der Zeit, unter Umständen auch mit der professionellen Unterstützung eines Coaches oder Therapeuten (gewissermaßen mithilfe eines »Krokodildompteurs«), das eine oder andere von ihnen zu zähmen und in Ihr Alltagsleben zu integrieren. Je häufiger Sie die Erfahrung machen, wie wohltuend und bereichernd ein solcher Aufenthalt in Ihrem inneren Schutzraum sein kann, desto leichter wird es Ihnen fallen, dort immer wieder einzukehren: Alle Erfahrungen, die wir machen, werden in unserem Nervensystem gespeichert. Und unser automatisches Steuerungssystem tendiert nun mal dazu, positive Erlebnisse zu wiederholen und negative zu vermeiden. Mit jeder tiefen, erfüllenden Erfahrung in Ihrem Innenraum wird Ihr Nervensystem Sie unterstützen, ja gewissermaßen auffordern, dorthin zurückzukehren. Denn – so paradox dies auch klingen mag – unverplante Zeit-Räume entstehen meist nur aufgrund genauer Planung.

Mehr dazu werden Sie in Teil III dieses Buches erfahren. Aber machen Sie am besten schon jetzt ein Rendezvous mit sich selber. Reservieren Sie sich für den kommenden Donnerstag eine Stunde in der Mittagszeit, oder nächste Woche den Freitagnachmittag, oder gar einen ganzen Samstag in drei Wochen, um nur das zu tun, wonach Ihnen dann ist. Vielleicht haben Sie bei der Lektüre dieses Buches bis dahin etwas Neues kennen gelernt, das Sie gerne ausprobieren |24|möchten, oder Sie haben sich an etwas erinnert, das Ihnen schon immer gut getan hat: Egal, ob Sie spazieren gehen, in einer Sauna entspannen, Musik hören, im Bett liegen und lesen oder in einem Straßencafé Menschen beobachten – tun Sie nur nichts »Nützliches«, Geplantes oder etwas, das Sie lediglich ablenkt und Ihre Zeit »vertreibt«, wie Fernsehen oder Computerspiele. Experimentieren Sie und finden Sie heraus, womit Sie sich am wohlsten fühlen, was Ihren Zustand des Bei-sich-Seins am besten fördert ... und lassen Sie Ihre Seele dabei auftanken.

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|25|SIEBEN GRUNDPRINZIPIEN SEELISCHEN ERLEBENS

Die folgenden Abschnitte sollen einige allgemeine Reaktionsweisen unseres seelischen Erlebens aufzeigen, die sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Auftankmöglichkeiten des zweiten Teils dieses Buches ziehen werden.

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Qualität statt Quantität

Für unser seelisches Erleben, für die innere Zufriedenheit, Erfüllung und unser Glück ist nicht die Quantität, die Häufigkeit der Erlebnisse entscheidend, sondern ihre Qualität, also die Tiefe des Erlebens im Augenblick, das Eintauchen in ein Geschehen, sei es auch noch so kurz. Vielleicht haben Sie auch schon die Erfahrung gemacht, ...

... dass eine Stunde konzentrierter Tätigkeit mehr befriedigt als mehrere Stunden zerstreuter Geschäftigkeit.

... dass es erfüllender sein kann, mit einem Menschen in einem Gespräch in einen tiefen inneren Kontakt zu treten, als auf einer Party mit vielen Gästen Small Talk zu machen.

... dass es intensiver ist, in einem Museum zehn oder gar zwanzig |26|Minuten vor einem Bild zu verweilen, um es ganz auf sich wirken zu lassen, als im Schnelldurchgang in der gleichen Zeit dreißig Bilder anzuschauen.

... dass es ein eindrücklicheres Erlebnis ist, einmal in ein wirklich gutes Restaurant zu gehen und das Mahl dort wirklich bewusst zu zelebrieren, als fünf Mal auswärts essen zu gehen, ohne dies wirklich wahrzunehmen.

... dass ein Buch, in dem man voll und ganz versinkt, ja, sich darin verliert, stärker in Erinnerung bleibt, als drei Bücher, die man im Schnelldurchgang konsumiert hat.

... dass eine tiefe sinnliche Begegnung mit einem geliebten Menschen an Erlebnisintensität durch mehrere One-Night-Stands kaum erreicht werden kann.

Immer geht es dabei um Tiefe, um das Eintauchen und Aufgehen im Augenblick, also um die Qualität und Intensität des Erlebens, nicht aber um die Häufigkeit dieser Ereignisse. Im Gegenteil, die Intensität kann sogar durch die Quantität aufgrund des Gewöhnungseffektes verwässert und geschmälert werden: Der fünfte traumhafte Sonnenuntergang am gleichen Ferienort wird selten genauso tief empfunden wie der erste. Quantitative Häufung zerstört meist sukzessiv die Intensität einmaliger Ereignisse und somit ihre Erlebnisqualität.

Lebensqualität ist nicht Lebensfülle, sondern Lebensintensität.

Dies betrifft auch die Frage, ob unser Leben eher voll oder erfüllt ist: Das Leben der meisten Menschen ist heute eher übervoll, dabei aber in der Regel unerfüllt. Es ist übervoll an Terminen, an Gegenständen, an Nahrungsmitteln, an Bekannten, an Freizeitmöglichkeiten und Ablenkungen, an Informationen, an Gedanken, an Ansprüchen und sonstigen Reizen – genau diese Reizfülle lenkt sie |27|aber ständig von sich selbst ab und hindert ihre Seele, innerlich aufzutanken und Erfüllung zu finden.

Die folgende Geschichte ist ein schönes Bild dafür:

Ein westlicher Professor auf der Suche nach Erleuchtung besucht einen Zen-Meister, der ihn in seinem Haus willkommen heißt. Während sie sich unterhalten, gießt der Meister Tee für seinen Gast ein. Doch er gießt so lange Tee in die Tasse, bis dieser über den Rand fließt, über den Tisch läuft und den Boden überschwemmt. Erschrocken schreit der Professor: »Passen Sie auf! Die Tasse ist doch schon längst voll, und der ganze Tee läuft über!« – Darauf lächelt der Zen-Meister und erwidert: »Ja, genau wie Sie! Sie sind gekommen, um von mir etwas zu lernen. Aber Sie sind von eigenem Wissen und Erkenntnissen so erfüllt, dass gar kein Platz mehr für etwas anderes bleibt«.

So ist es auch mit unserer Seele: Sie braucht Raum, Freiraum von zu vielen Reizen. Sie braucht Platz, um wahrgenommen zu werden, sonst wird sie, sonst werden ihre Signale von allen anderen Reizen »erdrückt«.

Fragen Sie sich einmal:

In welchen Augenblicken hat Ihre Seele diesen Raum?

Bei welchen Tätigkeiten sind Sie wirklich erfüllt?

Was sind die Merkmale dieser Augenblicke?

Je intensiver Sie sich die Eigenschaften der für Sie persönlich erfüllenden Momente bewusst machen, desto leichter können Sie dafür sorgen, diese in Ihrem Alltag wiederzufinden. Im Übrigen ist ein Weg von der Quantität zur Qualität, aus der Fülle zur Er-füllung zu gelangen, ganz einfach die auf uns wirkenden äußeren Reize zu reduzieren, da die meisten Reize uns vom Gespür für unser Selbst und von unserem Inneren ablenken.

Wir können beispielsweise stille Plätze aufsuchen (Reduktion der akustischen Reize), uns in weitgehend leeren Räumen aufhalten |28|beziehungsweise die Augen schließen (Reduktion optischer Reize) oder fasten (Reduktion geschmacklicher Reize). Bei einem Heilfasten-Aufenthalt in einem Kloster werden die meisten äußeren Reize vorübergehend reduziert und dies kann helfen, wieder mit sich selbst in einen tieferen Kontakt, in ein erfüllenderes Er-leben zu gelangen.

Schaffen Sie also in Ihrem Leben »Zeitinseln« für qualitativ intensives Erleben, Zeiten ohne Ablenkungen und Störungen, und finden Sie heraus, welche Reize Sie am besten vorübergehend reduzieren, um den Kontakt zu Ihrem Inneren tiefer erfahren zu können. – Denn:

Es geht nicht um...,

sondern um...

... Quantität,

... Qualität.

... Häufigkeit,

... Intensität.

... Fülle,

... Erfüllung.

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Ergriffenwerden statt Ergreifen

Die Momente tiefen seelischen Erlebens, in denen wir innerlich auftanken, sind meist Momente, in denen wir von etwas ergriffen werden: von den Klängen einer Musik, dem Ausdruck eines Bildes, der Schönheit einer Landschaft, den Augen eines Menschen, der Stille eines Ortes, der Faszination eines Theaterstückes, der Aussage eines Gedichtes oder der Kraft eines religiösen Rituals. Doch all dies sind Umstände, die nicht greifbar, fassbar oder berührbar sind. Sie können uns nur er-greifen, uns er-fassen, uns berühren – wenn wir es zulassen. Dies ist ein entscheidender Unterschied zwischen äußerem Leben und innerem Erleben:

|29|Das äußere Leben nährt sich vom Er-greifbaren, Er-fassbaren und Berührbaren. Das innere Er-leben nährt sich vom nicht Er-greifbaren und doch uns Ergreifenden, vom nicht Er-fassbaren und doch uns Erfassenden, vom nicht Berührbaren und doch uns Berührenden.

Inneres Erleben, in dem unsere Seele auftankt, geschieht, wenn wir von etwas ergriffen und berührt werden. Oder kurz gesagt: Die Seele lebt vom Ergriffen-Sein!

Deshalb ist es so wichtig, Orte und Gelegenheiten zu kennen und zu suchen, an denen wir innerlich ergriffen und berührt werden können, seien es nun bestimmte Musikstücke, Bergwanderungen, die Stille im Wald, Sonnenuntergänge oder das Lesen vor dem Kaminfeuer. Und es ist auch wichtig, dies zuzulassen und auszuhalten, selbst wenn wir rational nicht genau erfassen oder begreifen können, was es letztlich ist, das uns da tief berührt. Dies ist für viele, insbesondere für analytisch veranlagte Menschen am Anfang nicht leicht, da sie oft Angst davor haben, die Kontrolle über solche nicht erfassbaren Erlebnisse zu verlieren. Gleichzeitig erfordert es aber auch Offenheit und Geduld, denn das Ergriffenwerden lässt sich nicht erzwingen oder bewusst herbeiführen, es lässt sich nicht »machen«.

Wenn jemand gestern bei einem Sonnenuntergang auf der Parkbank ein solches ihn tief ergreifendes Seelenerlebnis hatte, so kann es sein, dass er heute auf der gleichen Bank sitzt und bei einem nahezu gleich schönen Sonnenuntergang gar nicht viel empfindet. Und je mehr er sich bemüht, desto geringer werden seine Chancen, tatsächlich ergriffen zu werden: Um seelisch tiefes Erleben kann man sich nicht bemühen. Ja, Anstrengung und Ergriffenwerden schließen sich geradezu aus. Wir können es allenfalls zu-lassen, unsere Kontrolle los-lassen und, wenn wir ergriffen werden, uns darauf ein-lassen.

|30|Ergriffen sein lässt sich nicht be-wirken, es kann nur wirken. Es lässt sich nicht fassen, es kann uns nur er-fassen. Es lässt sich nicht fest-halten, wir können es nur aus-halten.

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Individuell statt ideal

Von morgens bis abends sind wir mit Idealen konfrontiert: von den Idealen, wie wir aussehen müssen und uns zu kleiden haben, wie wir uns ernähren sollen, wie viel Erfolg wir haben müssen, mit welchen Statussymbolen wir uns umgeben sollten, welche Umgangsformen angebracht sind, wie oft und in welchen Positionen wir Sex haben sollten, welche Handlungen und Gedanken zulässig sind und welche nicht, wie wir unsere Kinder zu erziehen haben, bis hin zu den Fragen, was ein einigermaßen gebildeter Mensch wissen sollte und was gerade » in« oder » out« ist. So sind viele von uns auf einer ständigen Jagd nach dem Optimum und bemüht, ein möglichst ideales Leben zu führen. Das ist nicht nur unglaublich anstrengend, es ist auch unmöglich und daher auf Dauer notwendigerweise ziemlich frustrierend. Keinem von uns kann es gelingen, allen diesen Idealen gerecht zu werden, so sehr er sich auch anstrengen mag. Und je größer die Bemühung, umso größer wird meist unsere Unzufriedenheit mit uns selbst. Unsere Seele aber bleibt auf der Strecke. Denn:

Die Seele tankt nicht im Idealen, sondern im Normalen, im Individuellen.

Nämlich dann, wenn wir einfach so sein können, wie wir sind: menschlich normal, jeder von uns mit seinen Fehlern und Schwächen. Die Seele entspannt und tankt im »erlaubten In-Perfektionismus«. Dort können wir so sein, wie wir sind: individuell verschieden und nicht ideal gleichartig!

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|31|Die Zeit der Seele

Die Zeit der Seele ist die Gegenwart. Nur in der Gegenwart kann die Seele in die Tiefe eines Geschehens eintauchen. Dies wird vor dem Hintergrund verständlicher, dass es zwei Arten von Zeitwahrnehmung gibt: eine quantitativ messbare Zeit, die von der Vergangenheit in die Zukunft führt, und eine qualitativ erfahrbare Zeit in der Gegenwart. Die messbare Zeit ereignet sich eigentlich nur in unseren Gedanken, unsere Seele dagegen können wir immer nur in der Gegenwart erfahren, denn Intensität und Tiefgang ereignen sich immer im Jetzt.

Die Menschen in der westlichen Welt leben meist in der messbaren Zeit, mit ihren Gedanken entweder in der Vergangenheit, bei dem, was geschehen ist, oder in der Zukunft, bei dem, was sie vorhaben. Aus der Gegenwart lassen sie sich meistens ablenken. Der so genannte »Zeitvertreib« vertreibt nicht nur die Zeit, sondern auch unsere Wahrnehmung aus dem gegenwärtigen Augenblick. Dies spiegelt sich auch in der folgenden asiatischen Weisheit:

Ein Zen-Mönch wurde gefragt, worin das Geheimnis seiner Zufriedenheit und seiner so glücklichen Ausstrahlung bestehe. Er antwortete: »Das ist ganz einfach: Wenn ich stehe, dann  |32|stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich esse, dann esse ich, und wenn ich rede, dann rede ich.« – Erstaunt antwortete der Fragende: »Aber das tun wir doch alle!« – »Nein«, erwiderte der Mönch, »das tut ihr eben nicht: Wenn ihr steht, dann denkt ihr schon ans Gehen, wenn ihr geht, ans Essen, beim Essen redet ihr, und beim Reden denkt ihr an das, was ihr danach machen werdet!«

Das Erleben der Seele findet jedoch in genau diesen gegenwärtigen Augenblicken statt. Dort sind Tiefgang und inneres Auftanken möglich. Und deswegen ist für unser seelisches Erleben auch die Geschwindigkeit – oder vielmehr die Langsamkeit – so wichtig, in der unser Leben stattfindet.

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Das Tempo der Seele

Unsere Seele braucht Zeit, ihr Tempo ist langsam. Leider ist Langsamkeit heutzutage kaum gefragt – zumindest noch nicht wieder ausreichend. Dennoch zeigt der Erfolg von Büchern wie Sten Nadolnys Die Entdeckung der Langsamkeit oder Lothar Seiwerts Bestseller Wenn du es eilig hast, gehe langsam, dass ein möglicher Umschwung stattzufinden scheint. Dieser Umschwung wird allerdings ein innerer Umschwung bleiben, denn die Geschwindigkeit der Welt um uns herum wird weiterhin zunehmen. Umso wichtiger, innerlich immer wieder zu bremsen und zu verlangsamen, sonst wird die Seele auf der Strecke bleiben.

Sehr schön beschreibt die folgende Überlieferung das Bild von der langsamen Seele:

Durch den südamerikanischen Urwald zieht eine Gruppe von Menschen. Es sind Weiße und etliche Indianer, die für die |33|Fremden den Weg schlagen und von ihnen »gekauft« wurden. Den Weißen hat die Zeit etwas genommen, nun wollen sie zurück an den Beginn dieser Zeit, um zu finden, was sie verloren haben. Sie dringen vorwärts und lassen kein Rasten, kein Schauen, kein Hören zu. Sie schreien in Worten, die die dunklen Männer nicht verstehen, doch die ahnen, was sie bedeuten: Vorwärts! Vorwärts! Wer an den Beginn der Zeit will, so denken die Menschen aus dem fernen Land, der darf keine Minute verschwenden, muss den Tag nutzen, muss die Nacht nutzen, um ans unbekannte Ziel zu kommen.

Doch die Gesichter der Indianer verändern sich mit jedem Schritt, mit jedem neuen Befehl. Sie werden immer unruhiger und verstörter, und eines Morgens sind sie verschwunden. Nach langem Suchen entdecken die Weißen sie: Sie sitzen im Kreis auf einer Lichtung, mit geschlossenen Augen und scheinen nach innen zu hören, in unsichtbare Fernen zu sehen. Alles Schimpfen und Schreien der Fremden kann sie nicht aus der Ruhe bringen. Schließlich erhebt sich ihr Anführer und sagt: Wir können nicht weiter. Wir müssen hier warten. Unsere Seelen konnten euer Tempo nicht mithalten. Sie sind unterwegs verloren gegangen. Nun müssen wir warten, bis sie nachkommen. Wenn sie wieder bei uns sind, können wir die Reise fortsetzen. Aber langsamer – in der Geschwindigkeit von Körper und Seele!

nach: Folke Tegetthoff, Das Paradies in der Wüste

In seinem Buch Zeit zum Leben – den Augenblick genießen schreibt Stephan Rechtschaffen über den Unterschied »mentaler Zeit« und »emotionaler Zeit«: Gedanken und Gefühle arbeiten in völlig unterschiedlichem Tempo und besitzen ganz andere Rhythmen. Mental sind wir unglaublich schnell, »das wahre Wesen der Gedanken ist die Geschwindigkeit«, so Rechtschaffen. Das Gehirn, der schnellste Computer der Welt, registriert und verarbeitet Gedanken |34|in Bruchstücken einer Sekunde. Wenn Sie dies testen wollen, halten Sie bitte einen Moment inne und denken jetzt einmal an einen weißen Eisbären, dann an ein rotes Flugzeug und schließlich an die deutsche Fahne. Was stellen Sie fest? Kaum, dass Sie die Worte gelesen haben, erzeugt Ihr Gehirn vor Ihrem inneren Auge das dazugehörige Bild – in einer kaum wahrnehmbaren Geschwindigkeit.

Gefühle dagegen haben ein ganz anderes Tempo. Versuchen Sie einmal, Trauer, Wut und jetzt wahnsinnige Verliebtheit auf Befehl zu empfinden. Rechtschaffen vermutet, dass Ihnen das als eine merkwürdige Aufforderung erscheinen wird: »Richtig, das ist es auch, denn derartige Gefühle lassen sich nicht so mir nichts, dir nichts aufrufen. Wir können sie uns schnell vorstellen, ohne sie jedoch zu empfinden ... Gefühle, die im gegenwärtigen Moment wirklich empfunden werden, benötigen Zeit, um sich zu entwickeln. Der Unterschied zwischen mentalen und emotionalen Verarbeitungsprozessen ist vergleichbar mit dem Unterschied zwischen einem modernen Kommunikationssystem und einer Brieftaube.«

Genauso ist es mit der Seele, deren Erleben nicht primär mental, sondern über das Fühlen wahrgenommen wird. Daher erfordert ein sinnvolles, intensives Seelen(er)leben Zeit! Denn:

Das wahre Wesen der Seele ist die Langsamkeit.

Je öfter Sie es daher schaffen, Ihr Lebenstempo zu verringern und bisweilen sogar zum Stillstand zu bringen, desto mehr passen Sie sich allmählich dem langsamen Rhythmus Ihrer Seele an und können tief in Ihren Innenraum eintauchen – und auftanken! Je besser Sie in der Lage sind, Ihre (Lebens-)Geschwindigkeit zu verringern, desto mehr wird sich Ihr (Seelen-)Leben grundlegend verändern!

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|35|Die Frequenz der Seele

Nicht nur das Tempo der Seele ist langsam, auch ihre Frequenz scheint ruhig zu sein. Dies lässt sich aus Messungen unserer Hirnfrequenzen folgern: In der Regel bewegen wir uns im Alltag, unserem Lebensrhythmus entsprechend, im schnellen Frequenzbereich, also gewissermaßen im »Kurzwellensegment«. Unsere Gehirnströme schwingen dann im Hochfrequenzbereich, den so genannten Beta-Frequenzen von circa 13 bis 40 Hertz, der durchschnittliche Tageszustand liegt etwa bei 22 Hertz. Je gestresster unser Leben, desto höher und schneller werden die gemessenen Frequenzen.

Wie aber funkt die Seele? Und auf welcher Frequenz empfängt sie ihre Signale? Jede Seele funkt auf bestimmten Frequenzbreiten, und zwar in der Regel auf den »langwelligen«, den langsamen. Die Seelenfrequenz ist, wie auch ihr Tempo, langsam und nicht schnell. Optimal für Kreativität und die Aufnahme von Informationen ist die so genannte Alpha-Frequenz von circa 8 bis 14 Hertz. Und durch Meditation und Tiefenentspannung gelangen wir (heute wissenschaftlich nachweisbar) in den Bereich der Theta-Frequenzen (4 bis 7 Hertz), die uns nicht nur in unser Inneres eintauchen und auftanken lassen, sondern auch unser Immunsystem stärken.

Die langsamen Alpha- und Theta-Frequenzen sind also gewissermaßen unsere Seelenfrequenzen. Natürlich ist diese Darstellung sehr vereinfachend, denn in dieser Aussage spiegelt sich nur ein Teilaspekt all dessen wider, was hier als »Seelenfrequenz« bezeichnet wird. Gemeint ist, dass wir in diesem Bereich unserer Gehirnfrequenzen leichter in Kontakt mit unserer Seele und mit uns selbst gelangen als in den schnellen Beta-Frequenzen, die unseren Alltag bestimmen. Das heißt:

Wenn wir auf unsere Seelenfrequenz schalten wollen, müssen wir die Frequenz wechseln: von schnell auf langsam.

|36|Wir müssen also die Frequenz reduzieren, »herunterfahren«! Denn solange Sie sich im schnellen (meist auch lauten) Frequenzbereich bewegen, können Sie die Signale Ihrer Seele nur schwer empfangen, da die Seelenfrequenz langsam (und leise) ist.

Unabhängig von der Parallele zu den Gehirnfrequenzen gilt, dass jeder Mensch seine eigene Seelenfrequenz