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Unsere Autor*innen erzählen in dieser Sammlung Geschichten rund um das Meer und die See. Geschichten zum Lesen oder Vorlesen für Kinder zwischen 6 und 10 Jahren. Geschichten voller Fantasie, Humor und auch zum Nachdenken.
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Hrsg. Carsten Böhn und Matthias Deigner
Buchbeschreibung:
Unsere Autor*innen erzählen Geschichten rund um das Meer und die See.
Geschichten zum Lesen oder Vorlesen für Kinder zwischen 6 und 10 Jahren.
Geschichten voller Fantasie, Humor und auch zum Nachdenken geeignet.
Die Autor*innen:
AZR, Bianca Brepols, Birgit Sonnberger, Brigitte Ableidinger, Britta Dreyer, Claudia Dvoracek-Iby, Herman Bauer, Inga Nowag, Ramona Elena Herbst, Katrin Rossdeutscher, Margit Huber, Nina Kelch, Rebecca Netzel, Daniela Pongratz, Sabine Annabell Sauer, Svantje Koch, V.M. Soho, Xenia Giday
Wo ist Süden?
Hrsg. Carsten Böhn und Matthias Deigner
Baltrum Verlag
Impressum
© 2022 Baltrum Verlag GbR
BV 2243 – Wo ist Süden?
Umschlaggestaltung: Baltrum Verlag GbR
Lektorat, Korrektorat: Baltrum Verlag GbR
Herausgeber: Baltrum Verlag GbR
Verlag: Baltrum Verlag GbR, Weststraße 5, 67454 Haßloch
ISBN 978-3-910388-13-0
Internet: www.baltrum-verlag.de
E-Mail an [email protected]
Druck: BoD – Books on Demand GmbH in Norderstedt
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Wo ist Süden?
Hermann Bauer
Maxi, ein deutscher Schüler, genoss mit seinen Eltern, seiner Schwester und seinem Bruder die Sommerferien in Italien. Er war zum ersten Mal am Meer und war begeistert von der Adria in Rimini. Er bewunderte die Wellen und erfreute sich am salzigen Duft des Wassers. Prima fand er auch die vielen Boote und die größeren Schiffe. Das Wetter spielte auch mit. Die Sonne strahlte den ganzen Tag. Ganz anders als bei ihm zu Hause in Deutschland.
Am Strand lernte er Tarek, einen Jungen aus Tunesien, kennen. Beide bauten eine Sandburg und waren stolz auf ihr Werk. Tarek war der Meinung, dass Italien im Norden liege. Maxi war sich aber sicher, dass Italien im Süden liegt.
Da fragte Maxi seine Schwester: »Wo ist Süden?«
Die antwortete: »Süden ist da, wo es warm ist.«
Sein Bruder meinte: »Süden ist unten – zumindest auf der Landkarte.«
Besser argumentiert seine Mutter: »Süden ist eine Himmelsrichtung, die von überall auf der Erde auf den Südpol zeigt.«
Der oberschlaue Vater wusste es noch besser: »Süden bezeichnet eine Winkelhalbierende zwischen Ost und West.«
Maxi fragte seinen Vater: »Warum ist das so kompliziert? Ich möchte doch nur wissen, ob Italien im Süden liegt.«
Der Vater antwortete kurz und knapp: »Ja, Italien liegt im Süden.«
Am nächsten Tag traf Maxi Tarek wieder und Tarek sagte: »Ich habe gestern meinen Vater gefragt und er hat mir bestätigt, dass Italien im Norden liegt.«
Maxi verstand das alles nicht. Er war enttäuscht und fragte nie wieder jemanden, wo Süden oder Norden ist.
Geheimnis am Meeresgrund
Rebecca Netzel
Meike macht mit ihren Eltern Camping-Urlaub am Meer. Großartig! Da kann man im Meer baden, Sandkuchen backen und Muscheln sammeln. Einmal findet Meike sogar einen Bernstein. »So ein Bernstein stammt aus sehr, sehr alter Zeit!«, erklärt Papa. »Das war früher mal ein Stück Baumharz!«
Müde setzt sich Meike in den Strandkorb, den Bernstein fest in der Hand. Früher? Aus sehr, sehr alter Zeit? Meike beginnt von jener geheimnisvollen Zeit zu träumen. Zu gern hätte sie gewusst, wie es damals war ...
Da – was war das? Winkte ihr da nicht ein Delfin mit den Flossen zu?
Sofort springt Meike auf. Sie läuft zum Wasser und setzt sich dem Delfin auf den Rücken. Dieser stupst ihr mit der Schnauze einen seltsamen Taucherhelm zu. Den setzt sie auf – und losgeht's! Schnell taucht der Delfin mit ihr hinab bis zum Meeresboden. Meike hat keine Angst. Sie hält sich einfach an der Rückenflosse des Delfins fest und staunt.
Da unten liegt eine uralte Stadt! Zwischen Algen und Korallen stehen alte Mauern und Säulen, sie sieht halb im Sand versunkene Straßen und Plätze. Das Tollste aber ist ein gläserner Palast, in dem früher der König dieses Reiches gelebt hat.
»Das ist Atlantis!«, blubbert der Delfin. Voll Staunen schwimmt Meike in den gläsernen Palast hinein und schaut sich neugierig um. Ob sie gar einen goldenen Schatz findet? Sie streckt die Hände aus, um zu graben und stößt gegen eine gläserne Wand. Da macht es 'Plopp', und sie wacht auf.
Alles war nur ein schöner Traum gewesen!
Leuchtturm
Bianca Brepols
Über mir verdunkeln sich die Wolken. Der Himmel wird lila, der Wind pfeift heulend um die Häuser. Es blitzt und donnert. Aufgewühlt peitscht das Meer in großen, schaumigen Wellen gegen die Felsen. Kein Mensch ist mehr auf der Straße.
Bei solch einem Unwetter darf nur ich hier oben stehen – zwischen den Lampen des alten Leuchtturms. Seit über zweihundert Jahren trotzt er Regen, Wind und Sturmfluten. Einige davon hat mein Opa selbst miterlebt – als Leuchtturmwärter. Das ist sehr lange her, da war ich noch nicht geboren.
Jetzt ist der Leuchtturm ein Denkmal und Großvater sorgt dafür, dass er gut erhalten bleibt. Er macht Führungen für die Touristen und erklärt, wie mit dem Leuchtfeuer Schiffe vor den gefährlichen Felsen an der Küste gewarnt wurden. Jedes Mal, wenn er zu Hause die blaue Uniform anzieht, weiß ich, dass er zum Leuchtturm geht. Oft begleite ich ihn, so wie heute.
Ich verbringe hier gerne meine Zeit und beobachte das Meer. Bei gutem Wetter kann ich sogar bis nach Dänemark gucken. Diese Tage liebe ich besonders.
Das Blitzen, Pfeifen und Rauschen um mich herum wird stärker. Sicherheitshalber gehe ich runter zu der kleinen Küche auf der dritten Etage und setzte mich an den Tisch. Opa hat den Ofen angezündet und kocht mir einen Kakao darauf. Das Holz knistert und knackt. Wir spielen Karten und er erzählt mir Geschichten, spannende Seeräuber-Abenteuer. Ich glaube, in seinem früheren Leben war er einmal Pirat. Wie konnte er sonst wissen, was die damals alles so getrieben haben?
Langsam werde ich müde, doch das Unwetter ist noch nicht vorbei. Aus einem Schrank holt er mir das Klappbett hervor.
»Komm Piet, leg dich hin. Ich weck dich, wenn wir wieder nach Hause können.«
Ich schlafe sofort ein und träume ... Ich bin Kapitän auf einem riesigen Frachtschiff. Viele bunte Container stapeln sich meterhoch darauf. Das Meer ist unruhig und draußen ist es dunkel. So dunkel, dass ich nicht einmal mehr meine Hand vor den Augen sehen kann.
Ich stehe am Steuerrad und schaue auf die Navigationsgeräte, die mir den Weg durch die nächtliche See zeigen. Doch plötzlich schlägt der Blitz ein und die Geräte fallen aus. Alle werden hektisch und suchen nach ihren Taschenlampen, während der Funker einen Hilferuf an die Küstenwache sendet, denn die steile Felsküste ist nicht weit vom Schiff entfernt. Mit den Nachtsichtgeräten schauen wir uns um und entdecken – das Leuchtfeuer. Erleichtert fahren wir vorsichtig weiter. Die See wird ruhiger. Der Tag bricht an und ich kann das Schiff sicher in den nächsten Hafen lenken.
Als wir anlegen, öffne ich meine Augen. Es ist hell und der Regen hat aufgehört. Mein Opa steht in der Küche. Etwas brutzelt in der Pfanne – Spiegeleier!
»Moin, Piet! Gut geschlafen?« Aus seinem dichten weißen Vollbart grinst er mich an.
»Und wie!« Ich stehe auf und setzte mich an den Tisch. Mein nächtliches Abenteuer hat mich sehr hungrig gemacht.
Der Seestern
Katrin Rossdeutscher
Es war noch früh am Morgen, als David vom Rufen der Möwen geweckt wurde. Heute war Sonntag und da wollten die Großeltern ausschlafen – wenigstens bis 8 Uhr. Doch was sollte er machen, wenn die Sonne ihn weckte und die Vögel riefen. »Ist gut, ich komme ja schon!«, antwortete er ihnen.
Der Weg war kein Problem für den Achtjährigen, er war ihn schon sehr oft mit dem Opa gegangen. Die leuchtend gelben Gummistiefel passten farblich toll zu den gelben Autos auf dem Schlafanzug. David verließ das Haus durch den Garten. Den Eimer in der Hand, die Schaufel über der Schulter. So wie es der Großvater immer machte.
Der Großvater machte sich erstmal Sorgen. Wo war der Enkel? Die Terrassentür stand auf und die Gummistiefel fehlten. Sein Blick wanderte zum Sandkasten – Eimer und Schaufel fehlten ebenfalls. Er musste lachen, vermutlich war David zum Strand gegangen. Der Junge liebte die frühen Stunden am Meer, wenn noch nicht so viele Menschen dort waren.
»Ich glaube, ich weiß, wo er ist. Ich gehe mal an den Strand«, sagte er zu seiner Frau.
»Da ist er doch hoffentlich nicht alleine hingegangen?«
»Beruhige dich, er kommt nicht weg. Er kennt da jede Düne.« Seit drei Jahren verbrachte David jede Ferien bei ihnen, letztes Weihnachten hatte auf seinem Wunschzettel nur eines gestanden: »Mach, dass ich für immer am Meer sein kann!«
Der sportliche Senior folgte dem schmalen Pfad, kletterte eine Düne hinauf zum Fahnenmast. Von dort konnte man den Strand gut überblicken. Doch er musste gar nicht suchen.
David war nicht weit, er grub Löcher und Furchen in den Sand, mit anrollenden Wellen konnte man wunderbar spielen. Und manchmal fand er Tiere, die die Ebbe nicht zurückgespült hatte.
Heute war es ein Seestern, ein wunderschönes hellbraunes Tier. David nahm ihn vorsichtig auf die Hand. »Keine Angst, ich rette dich.« Im nächsten Moment wurde er von einer Möwe angegriffen. »Ahhhh ...«
Vor Schreck ließ er den Seestern fallen. Die Möwe sah ihre Chance und unternahm einen zweiten Versuch. Blitzschnell stülpte er den Plastikeimer über den Seestern, so dass er sicher war. David wischte sich über die Stirn: »Puh, Glück gehabt!«
Die Möwe wartete noch eine ganze Weile, doch David hatte Geduld. Irgendwann flog der Vogel davon. »Jetzt bringe ich dich ins Wasser.« Erneut nahm er den Seestern in die Hand.
»Was hast du denn da?« Ein blondgelocktes Mädchen sah ihn mit stechend blauen Augen an und beäugte dann das seltsame Tier.
»Das ist ein Seestern. Ich bringe ihn ins Wasser zurück.«
»Aber dann ertrinkt er doch!«, protestierte sie lautstark.
»Nee, der lebt da.«
»Quatsch. Mama. Mamaaaa!«
Nicht nur die Mama kam, sondern auch der Vater und noch ein weiteres Mädchen.
»Der Junge will den Stern töten.« Sie hatte sich vor David aufgebaut und die Hände in die Seiten gestemmt. Nun funkelte sie David drohend an. Der riss entsetzt die Augen auf. Niemals würde er ein Tier töten. Gerade erst hatte er den Seestern vor einer hungrigen Möwe gerettet!
Er sah sie von oben bis unten an, schätzte sie auf höchstens fünf – also noch ein Kindergartenkind. »Du weißt ja gar nichts, der muss zurück ins Wasser!«
»Du lügst!«
»Nein, der Junge hat recht. Der Seestern lebt wie ein Fisch im Wasser.« Die Mutter hockte sich lächelnd neben David. »Das ist aber ein schöner Seestern.«
Das andere Mädchen war nun auch nähergetreten. »Darf ich mal anfassen?«
»Ja, aber erst muss er ins Wasser.« David legte den Seestern vorsichtig in den Eimer, lief zum Ufer und schaufelte etwas Sand und Wasser dazu. »So, jetzt kann ihm nichts passieren. Außer die Möwe kommt wieder.«
Der Seestern wurde von Hand zu Hand gereicht und David passte gut auf, dass er nicht austrocknete oder verletzt wurde.
Das lebhafte Mädchen fragte. »Wo hat der denn Augen, wenn er 'Seh'stern heißt?«
David wollte über diese dumme Frage lachen, aber er hielt sich zurück. Oft genug hatte er seinen Opa auf Wattwanderungen mit Feriengästen begleitet. Der war der geduldigste Fragenbeantworter. Und Touristen konnten wirklich dumme Sachen sagen. Nee, der Opa lachte über keine Frage.
»Der hat keine Augen. Nur Lichtsinneszellen, die an seinen Armspitzen sitzen«, antwortete er so professionell wie möglich.
»Blödsinn.« Dieses blonde Biest sah ihn herausfordernd an. »Der hat auch gar keinen Mund.«
»Warte.« David tauchte das kleine Wesen vorsichtig in den Wassereimer, dann drehte er den Stern um. »Genaugenommen ist das ein Gemeiner Seestern. Er hat fünf Arme. An der Unterseite der Arme hat er Saugscheiben, mit denen er sich an Muscheln oder so festsaugen kann.«
»Warum soll er sich denn an Muscheln festsaugen?«
»Weil er die frisst. Am liebsten Miesmuscheln!«
»Ihhh, Muscheln.« Sie verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse und David lachte. »Ich mag die auch nicht. Aber der mag sie gern. Deswegen findet man Seesterne oft auf Miesmuschelbänken, die unter der Niedrigwasserlinie liegen.«
»Ich sehe keine Bänke. Du erzählst Blödsinn.« Um deutlich zu machen, dass sie David nicht glaubte, schüttelte sie ihre blonden Locken und stampfte mit einem Fuß auf. Nasser Sand spritzte in alle Richtungen.
Er stöhnte laut auf. Dass Mädchen immer nerven mussten: »Die sind unter Wasser, die kannst du von hier nicht sehen. Es gibt aber auch Miesmuschelbänke im Gezeitenbereich. Die kannst du jetzt, wo das Wasser etwas zurückgeht, sehen. Deswegen sind da weniger Seesterne – bei Ebbe werden sie schnell von den Möwen gefressen.«
Die Mutter hatte dem Jungen interessiert zugehört. Der schien sich gut auszukennen. Plötzlich fiel ihr der Schlafanzug auf: »Wohnst du hier in der Nähe?«
»Ja, da an dem Fahnenmast ist ein kleiner Pfad, der geht direkt in den Garten meiner Großeltern.«
»Du weißt ganz schön viel.« Die kleine Schwester sah ihn staunend an, während das ältere Mädchen trotzig ihre Unterlippe vorschob.
»Ich weiß sogar noch mehr, mein Opa passt auf die Strände auf und führt Touristen rum. Und ich habe ein ganz dickes Buch über die Pflanzen und Tiere an der Ostseeküste.«
»Kannst du uns diese Muschelbänke zeigen?« Das Mädchen ließ nicht locker. »Vorher glaube ich dir nicht.«
»Ja, das kann ich. Aber ich darf allein nicht so weit vom Haus weg.«
»Du weißt das gar nicht.«
»Wohl.«
»Nicht streiten, Kinder. Vielleicht kann der Junge uns das später zeigen? Wie heißt du denn?«
»Ich heiße David. Später ist Flut, morgen früh ist besser. Dann kann mein Opa mitkommen.«
»Ja, Mama, können wir die Muschelbänke ansehen gehen?«
»Sind da auch Seesterne?«
»Können wir dann Picknick machen?«
»Mein Opa kann euch bestimmt Muscheln zum Ausschlürfen fangen.« Diesmal lauerte er auf eine bestimmte Reaktion des Mädchens. Sie enttäuschte ihn nicht: »Ihhh ...« Angewidert verzog sie das Gesicht.
»Meinst du, das ist für deinen Opa okay?«, vergewisserte sich die Mutter bei David.
»Klar, der macht das gerne!«
Amüsiert zog sich der Großvater zurück. Um David musste man sich keine Sorgen machen. Zwanzig Minuten später spazierte ein zufriedener Achtjähriger ins Haus. »Opa, ich habe einen Seestern gerettet.«
»Das ist prima, David. Aber du kannst doch schon schreiben. Leg uns doch einfach einen Zettel hin, wenn du zum Strand gehst, okay? Dann müssen wir uns keine Sorgen machen.«
»Okay Opa! – du? Gehst du morgen mit mir zum Strand? Da ist so ein dummes Touristenmädchen, die hat ganz viele Fragen gestellt. Und ich habe die alle beantwortet. Ohne zu lachen – wirklich! Aber die glaubt mir nicht, dass Seesterne Miesmuscheln essen. Und sie möchte gerne versuchen, eine auszuschlürfen. Bestimmt hat sie das nur gesagt, weil sie mir nicht glaubt, dass es die Muschelbänke gibt. Aber der zeigen wir es, ja?«
Versteckspiel
Ramona Elena Herbst
Ohne sich umzusehen, sprintete er den Flur hinunter. Sein Atem ging flach und das Seitenstechen wurde schmerzhafter, als er die schweren Schranktüren von innen zuzog. Keuchend presste er die Hand gegen die Rippen und schwor sich im selben Atemzug, ab diesem Moment keinen Ton mehr von sich zu geben. Sein Herz pochte so laut, dass er fürchtete, es würde sein Versteck verraten. Zähl bis dreißig, ermahnte er sich selbst in Gedanken und schloss die Augen. Der Schmerz in seiner Seite pulsierte und wollte nicht schwächer werden.
Eins. Angestrengt versuchte er, seine Atmung zu verlangsamen.
Zwei. Vor seinen Augen flimmerten bunte Punkte, das Blut rauschte in seinen Ohren.
Drei. Jeder Muskel in seinen Körper schien angespannt.
Vier. Ein- und Ausatmen, erinnerte er sich gedanklich. Erst Einatmen, dann ausatmen.
Fünf. Gleichmäßig atmen. Einatmen, ausatmen.
Sechs. Sein Herzschlag klang in seinen Ohren.
Sieben. Da war ein Geräusch in der Stille, er war sich sicher. Unmittelbar hielt er den Atem an. Konzentriert lauschte er. Plötzlich waren seine Sinne geschärft. Das Zählen war vergessen. Die Finsternis des Schrankes schien ihn zu beobachten. Da war es wieder. Das Kratzen, das Schlürfen, dann das quietschende Geräusch, das er zu gut kannte. Die Schlafzimmertüre war geöffnet worden.
»Gleich hab ich dich.« Die Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. Sein Herz schien still zu stehen und der Augenblick schien sich auszudehnen, fast ewig zu dauern. Die Stille war unerträglich.
Urplötzlich und mit einem Ruck flutete grelles Sonnenlicht den Kleiderschrank. Für den Bruchteil einer Sekunde war sein Körper wie festgefroren, so plötzlich kam alles.
»Wieder gefunden! Komm schon Noah, so langsam wird es doch langweilig.« Auf dem faltigen, von weißen Bartstoppeln überzogenen Gesicht ruhte ein warmes Lächeln, das die rehbraunen Augen in tiefe Lachfalten legte.
»Als ich in deinem Alter war, hätte ich den Tag liebend gern am Meer verbracht.« Über seine Pupillen zuckte ein neckisches Zwinkern. »Und nicht damit, meinen Großvater durchs Haus zu hetzen, beim Versteckspiel«, fügte er hinzu.
Trotzig presste der Junge die Lippen aufeinander.
»Am Strand ist Lukas.« Die Antwort fiel knapp aus.
»Er ist ein netter Bursche, komm schon. Versuch's mal, ihr freundet euch vielleicht an. Und wenn nicht, dann bin ich immer noch da. Ich lauf nicht weg«, er lachte und bewegte den Rollstuhl ein paar Zentimeter in Richtung des Kleiderschrankes. Doch der Schatten, der über seine Augen huschte, entging Noah nicht. Etwas Schweres breitete sich in seiner Magengrube aus. Das Gespräch war das vierte dieser Art seit gestern Abend. Er seufzte.
»Im Leben geht's um Chancen. Also gib ihm ne Chance. Ich stell deine Stoppuhr. Zwei Stunden, was denkst du?«
»Zwei Stunden?«, trotzig lehnte der Junge den Kopf gegen die Schrankwand, noch immer kauerte er hinter den herabhängenden Hemden seines Großvaters.
»Eine?« Das Verhandeln hatte Noah von seinem Vater gelernt und dieser wahrscheinlich wiederum von seinem eigenen. Der alte Mann schmunzelte. »Einigen wir uns auf anderthalb?« Widerwillig überlegte Noah, doch Verhandeln hieß auch, einen Kompromiss zu finden.
