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Dieses Buch erzählt die Geschichte meines jungen Lebens und meiner Flucht. Seit ich mein Heimatland 2011 wegen des Krieges verlassen habe, ist mir nur die Erinnerung geblieben. Die Olivenbäume der Heimat lassen mich seither nicht mehr los. Ich vermisse ihren Anblick und den Geruch, den Geschmack der Früchte, die Form der immergrünen Bäume, die sich leise im Wind bewegenden Blätter. Einfach alles. Nach meiner Flucht genieße ich zwar in Deutschland das Gefühl von Sicherheit, frage mich aber immer noch oft, welche Spuren der Krieg in Syrien neben der Verletzung der Menschen wohl an den Bäumen hinterlassen hat. Leben sie noch oder sind sie genauso entwurzelt wie ich?
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Seitenzahl: 455
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Meine Jugend in Syrien
An der Schwelle zum Erwachsensein
Geglückte Flucht vor dem Wehrdienst und gleich mitten im libyschen Bürgerkrieg
Eine Menge Fehlversuche, aber dann tritt Lahng in mein Leben
Eine fast zweijährige Fernbeziehung mit Delal per Handy
Scheinbar sicher in Libyen erleben wir mit, wie Syrien im Chaos versinkt
Auch gut bezahlte Jobs waren kein Anreiz, in Libyen zu bleiben
Sehr gemischte berufliche Erfahrungen in der Türkei
Auf dem unsanften Weg in den Irak – und zurück
Von der Türkei über Syrien in den Irak und retour
Zu viel auf einmal: überraschende Wendungen auf meinem Weg
Wir wollen und dürfen nicht aufgeben! Europa kommt näher
Erfolgreich! Per Schlauchboot auf die Insel Lesbos
Griechenland, Balkan und dann Deutschland?
Wer Budapest erreichen will, lebt sehr gefährlich
Glücksmomente und andere Eindrücke in Budapest
Sicher in Deutschland, doch Wünsche bleiben offen
Neuss wird zum Lebensmittelpunkt
Auf Freiersfüßen mit anschließendem Liebes-Aus
Nachbetrachtung
Anhang
Karte der Fluchtroute
Interviews
Personenregister
Dieser authentische Bericht beruht auf eigenen Erlebnissen. Nichts ist erfunden, doch manches schmerzhaft erlebte Detail wurde auch ausgelassen. Einige Personen haben andere Namen erhalten.
Der Buchtext ist von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aussagen unterfüttert. So werden die Rahmenbedingungen in den Ländern auf dem langen Weg von Renas Sido verdeutlicht.
Im Anhang - ab Seite → - sind abgedruckt: eine zeitliche Übersicht zu den politischen Ereignissen in Syrien, eine Karte mit eingezeichneter Fluchtroute, drei Interviews sowie ein Personenregister.
Überwiegend stammen die Fotos vom Autor Renas Sido. Die Aufnahmen im Rahmen der Interviews stellte Dorota Hegerath zur Verfügung.
Dieses Buch ist in Zusammenarbeit mit mehreren befreundeten Personen entstanden. An erster Stelle möchte ich Ines Kolender nennen, die meine Erzählungen in Worte gefasst hat. Der Journalist Klaus Niehörster hat die Texte überarbeitet, und auch Dorota Hegerath als Integrationsbeauftragte der „Aktion Neue Nachbarn“ der Caritas Sozialdienste Rhein-Kreis Neuss GmbH war tatkräftig an der Umsetzung dieses Buchprojekts beteiligt. Das Cover und die Landkarte mit der Fluchtroute hat Justo Garcia Pulido (www.pulido.de) gestaltet. Ihnen allen gebührt mein großer Dank.
Beim Lesen der Texte mögen manche Menschen an einigen Stellen irritiert sein, aber ich habe alles so erlebt, wie es hier geschildert ist. In manchen Situationen kommt vielleicht meine nicht immer objektive Sicht der Dinge zum Vorschein, aber für mich gab es in den jeweiligen Momenten keine anderen Auswege. Mag sein, dass meine Reaktionen nicht immer nachvollziehbar sind und ich heutzutage vielleicht hier oder dort anders reagiert hätte. Doch durch mein Leben in diesen Gebieten des Nahen und Mittleren Ostens bin ich geprägt worden, und so habe ich auch heute noch oft das Gefühl, meinen Platz im Leben erst noch finden zu müssen.
Ich habe 2011 meine Heimat Syrien nicht aus Abenteuerlust verlassen, sondern bin vor dem Krieg geflohen. Seither habe ich versucht, in verschiedenen Ländern der Region Fuß zu fassen. Durch permanente Unruhen in der gesamten Gegend konnte ich mich leider nirgendwo sicher fühlen. Als 2015 immer mehr Flüchtlinge den Weg raus aus dem Krieg hin zu mehr Sicherheit gesucht und sich auf den Weg nach Europa gemacht haben, war auch ich einer von ihnen. Erst hier ist es mir gelungen, zum ersten Mal so etwas wie Geborgenheit zu fühlen.
Mein allergrößter Wunsch ist es, dass eines Tages alle Menschen in Frieden miteinander leben, egal welchem Volksstamm oder welcher Religion sie angehören, welche Hautfarbe sie haben, ob sie jung oder alt, arm oder reich sind. Nur gemeinsam werden wir es schaffen, für alle ein lebenswertes Dasein zu erreichen. Dieses Buch gibt wahrheitsgemäßes Zeugnis und soll Mahnung sein. Vielleicht kann es auch ein wenig Frieden stiften. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich eines Tages meine aus der Türkei nach Syrien zurückgekehrte Schwester und ihre Familie irgendwo wieder freudig in die Arme schließen kann.
Syrien
Hauptstadt: Damaskus Fläche: 185.000 km2 Einwohner 2010: 21 Millionen Einwohner 2021: 16,9 Millionen (Stand Januar 2021 geschätzt)1
1 countrymeters.info/de/Syria (12.12.2021)
Ein liebevolles Elternhaus in Waha, Gewaltexzesse des Lehrerkollegiums in der Schule, ständige Gedanken an die Flucht, und die Sache mit dem eigenen Fahrrad
Ich heiße Renas Sido. Ich bin 1993 in Syrien geboren und berichte aus meinem ereignisreichen bisherigen Leben. Manches wird den Lesern aus den Medien bekannt vorkommen, doch eine ganze Menge der Lektüre ist vielleicht überraschend und neu für sie. Mittlerweile lebe ich seit sechs Jahren in Deutschland und stelle immer wieder fest, wie wenig man hier doch von den Verhältnissen im Nahen Osten weiß. Von Australien und dem entlegensten Teil von Südamerika, so kommt es mir manchmal vor, finden sich laufend mehr Informationen als aus meinem Heimatland und den arabischen Regionen. Aber so liegen die Dinge nun einmal. Verbirgt sich dahinter blankes Unwissen oder zeigt sich hier ein weit verbreitetes Desinteresse? Beides fände ich sehr schade.
Ich bin in diese für Euch so fremde Welt hineingeboren worden. Sie hat mich geprägt, und das bis auf den heutigen Tag. Was ich dort erlebt habe, mögen manche irgendwie banal finden oder ohne die nötige gewohnte Spannung. Was geht mich das an, werden einige vielleicht denken. Aber ich habe es am eigenen Leib erfahren, dass die Menschen in Syrien inmitten von Chaos und Ungerechtigkeit mit einem Überlebenskampf zu tun haben. In diesem Land mit einem Gewaltherrscher vom Kaliber eines Baschar al-Assad haben Kurden zusätzlich schlechte Karten. Mehr Spannung wünscht sich dort keiner, denn davon ist jeder Tag prall gefüllt. In meinem Heimatland treffen die globalen Interessen von Weltmächten aufeinander. Und das mit fatalen Auswirkungen, die bis auf unsere Einzelschicksale durchschlagen. Auch die Türkei verfolgt hier ihre regionalen Interessen und droht mit ihrer Präsenz, die Bemühungen der Kurden um Autonomie erst recht aussichtslos zu machen.
Die syrischen Städte bestehen fast nur noch aus Ruinen, die wirtschaftliche und technische Infrastruktur liegt ebenfalls in Trümmern, und selbst die Landwirtschaft kann nicht mehr genug für die Ernährung des knapp 17 Millionen Einwohner (Tendenz: abnehmend) zählenden Volks sorgen. Mit 185 000 km2 ist das an Ressourcen reiche Syrien (Erdöl, Erdgas, Eisenerz und Phosphat) halb so groß wie Deutschland.
An scheinbar aussichtslosen Lebenslagen hat es bei meinem verschlungenen Weg nach Europa nie gefehlt. So manches Mal bin ich in große Not geraten oder haben mir völlig überraschende Wendungen, hilfreiche Menschen und nicht selten günstige Zufälle weitergeholfen. Nach bestem Wissen und Gewissen habe ich aufgeschrieben, was ich erlebt habe und warum ich nach Libyen, in den Irak und die Türkei geflohen bin. Immer auf der Suche nach der sicheren Existenz. Das ganz große Glück habe ich nirgends gefunden, und aufgehoben fühle ich mich erst, seitdem ich und der größte Teil meiner Familie in Deutschland angekommen sind. Jetzt wohne ich in Neuss, nicht weit entfernt von meinen Eltern. Das war für alle ein sehr schmerzhafter und strapaziöser Weg, auch wenn sich immer wieder ein Ausweg fand. Und das Heimweh nach Waha hat uns an keinem Tag verlassen. Von jetzt an erzähle ich alles so, wie es mir in den Sinn kommt. Dichterische Höhenflüge sind dabei nicht zu erwarten. Alles ist Originalton, nichts ist erfunden, und weggelassen wird lediglich das Unwesentliche.
Meine Eltern sind Ahmad (* 20.09.1960) und Amina (*16.01.1967) Sido. Sie haben sich einst beim Tanzen kennengelernt, denn mein Vater ist seit jeher ein begeistertes Mitglied von Trachtentanzgruppen. Eines Tages brachte eine der Mittänzerinnen, ihre Cousine, meine Mutter, mit zum Tanzen. Ahmad und Amina verliebten sich auf den ersten Blick, und es dauerte nicht lange, bis von Hochzeit die Rede war. Sie wohnten im Ort Waha in einem Gebiet, das zu Aleppo gehört. Mein Bruder Hozan kam am 01.03.1986 zur Welt, und etwas mehr als ein Jahr später kam meine Schwester Zozan (25.06.1987) hinzu. Am 1. Juni 1993 erblickte ich, Renas, das Licht der Welt. Mit einigem Abstand komplettierte am 23.05.2003 Mohammed die Familie.
Die frühesten Erinnerungen sind noch ganz frisch
Unsere Familie lebte in für das Land typischen und gesicherten einfachen Verhältnissen. Wir hatten unser Auskommen. Und wenn es einmal knapp wurde, waren die Großfamilie oder die Nachbarn zur Stelle. Mein Vater war als Schweißer in einem regierungsnahen Unternehmen beschäftigt. Meine Mutter hatte einen Job bei einem Hersteller von Rüstungsgütern. Dort arbeitete sie in der Endkontrolle beim Zusammenbau von Kriegswaffen. Wenn man in Waha in einem Unternehmen arbeitete, das Güter für die Regierung produzierte, wurde einem eine kostenlose Wohnung gestellt. Lediglich der Strom war zu bezahlen. Und weil es sich um eine Dienstwohnung handelte, musste man sie beim Eintritt in die Rente wieder verlassen.
Darum haben meine Eltern zeitlebens Geld für eine Wohnung gespart, in die sie nach ihrer beruflichen Tätigkeit hätten einziehen können. Jobs bei regierungsnahen Unternehmen werden in der Regel nicht gerade üppig bezahlt, und so ist man entweder gezwungen, nach Feierabend noch einen Nebenjob anzunehmen oder aber beide Elternteile gehen arbeiten. Ist man allerdings bereit, den Behörden als Spion Informationen zukommen zu lassen, hat man durchaus sein Auskommen. „Systemrelevante“ Bürger sind also gut dran, und Mitläufer stehen auch nicht schlecht da. Wer aber keins von beidem ist, der hat es sehr schwer. Solche Bürger müssen sich tagtäglich irgendwie durchschlagen und rangieren auf der existenziellen und gesellschaftlichen Skala ganz unten. Und in einem Bürgerkrieg wird der Kampf ums bloße Überleben zur ultimativen Herausforderung.
Es ist ein schöner und sonniger Dienstag in Waha, als bei meiner Mutter die Wehen einsetzten. Einige Stunden später erblicke ich in unserem Haus das Licht der Welt, freudig begrüßt von meinen beiden älteren Geschwistern. Und natürlich kamen auch zahlreiche in der Nähe wohnende Verwandte und Nachbarn vorbei, um mich zu begrüßen und meinen Eltern Geschenke zu bringen. Solche solidarische Mitmenschlichkeit gehört in Syrien seit jeher zu den Selbstverständlichkeiten des täglichen Lebens. Auch wenn ich keine Erinnerungen an meine ersten Tage habe, so sagt man von mir, dass ich ein verträglich-friedliches und fröhliches Baby gewesen bin.
Im Alter von mehreren Monaten beginne ich meine Umgebung immer weiter zu erkunden. Meine Geschwister spielen viel mit mir, und ich wachse wohlbehütet heran. Weil meine Eltern arbeiten, werde ich schon im Alter von drei Monaten in eine Kinderkrippe gebracht, wo ich tagsüber zusammen mit anderen Kids betreut wurde. So verbringe ich die ersten drei Jahre meines Lebens. Dann kam die Zeit für den Kindergarten; im Sommer 1996 war es soweit.
Schon im Kinderhort hängen in jedem Raum Fotos des damaligen syrischen Herrschers Hafiz al-Assad. Der gehört in öffentlichen Gebäuden und auch draußen auf riesigen Plakaten einfach zum Leben dazu. Wie „der große Bruder“ blickt er auf seine Untertanen hinab. Im Kindergarten lerne ich mit Khabat auch meinen ersten Freund kennen. Wir konnten damals nicht wissen, dass uns diese Freundschaft von nun an ein Leben lang verbinden würde. Mit sechs Jahren wurden wir eingeschult.
Nicht nur äußerlich unterscheiden sich die syrischen von den deutschen Schulen. Strammer Drill und zwangsweise durchgesetzte Disziplin gehören in Syrien zum Alltag. Die Kinder bekommen eine Schuluniform verpasst und als Krönung schwarze Lackschuhe. Man besucht zunächst sechs Jahre die Grundschule. Danach ist man für drei Jahre auf einer weiterführenden Schule. Ab der 7. Klasse werden Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet. Mit Ende des 9. Schuljahres hat man schließlich den mittleren Schulabschluss. Erreicht man genügend Punkte, kann man noch für drei Jahre die Oberstufe besuchen und dann an einer Universität studieren.
Auch der Traum vom eigenen Fahrrad hat mich geprägt
Mein Leben wurde aber nicht nur von der Schule bestimmt, sondern auch von anderen Einflüssen. Ohne meinen Widerspruchsgeist jetzt allzu hoch aufhängen zu wollen, sagten mir das Rebellische und der Geist des Widerstands doch von Anfang an zu. Zu vieles vom eigenen alltäglichen Eindruck ringsum und vom dumpf abgespulten und von drakonischen Strafen bestimmtem schulischen Lehrstoff wollte nicht zusammenpassen. Überall taten sich Widersprüche auf.
Bereits während meiner Schulzeit von 1999 bis 2009 verbrachte ich viel Zeit mit meinen Freunden aus der Nachbarschaft auf der Straße. Jeder Mensch hat Träume, und so wünschte ich mir nichts sehnlicher als ein Fahrrad. Wir besaßen ein uraltes Gefährt, das ich mir mit meinem Bruder und meiner Schwester Zozan zu teilen hatte. Ich mochte es, damit so oft wie möglich unterwegs zu sein. Mit meinem Bruder Hozan hatte ich genügend Kämpfe um das Fahrrad auszustehen. Meine Schwester dagegen nutzte es nur sehr selten, weil es sich für Mädchen eben nicht schickte, Fahrrad zu fahren. Jede freie Minute verbrachte ich auf diesem tatsächlich betagtesten und altmodischsten Modell unter allen Zweirädern im Ort. Niemand sonst fuhr mit solch einem Schrotthaufen durch die Gegend.
Aber ich hing daran, weil es mir Gelegenheiten zur Erkundung der Umgebung gab, auch wenn ich natürlich davon träumte, eines Tages das beste, schönste und modernste Gerät zu besitzen. Überall streifte ich durch die Gegend, und meine Eltern mussten mich oft suchen, wenn es längst Zeit fürs Bett war. Das Fahrrad und ich, wir waren fest zusammengewachsen. Ich kam aus der Schule, warf meine Schultasche in die Ecke und wollte am liebsten sofort raus zum Radeln. „Renas, du machst erst deine Schularbeiten und kümmerst dich um deine Aufgaben im Haushalt!“, schallte es mir regelmäßig entgegen. Dabei bemühte ich mich, alles so schnell wie irgend möglich zu erledigen, nur um noch möglichst viel Zeit zu haben, um auf meine geliebten Touren gehen zu können.
Auf dem Fahrradsattel durch die Gegend rasen
Normalerweise kehrte, kurz nachdem ich aus der Schule gekommen war, meine Mutter gegen 14.30 Uhr von der Arbeit heim. Sie bereitete das Essen, so dass wir um 16.00 Uhr, wenn auch mein Vater zu Hause eintraf, gemeinsam am Tisch saßen. Immer wieder kam es vor, dass meine Eltern gemeinsam kochten, was von anderen Männern oft belächelt wurde, denn die Essenszubereitung ist in Syrien natürlich Frauensache. Meist ging mir das alles nicht schnell genug. In Gedanken spurtete ich immer schon wieder im Fahrradsattel durch die Gegend. Noch schnell die lästigen Aufgaben erledigen und ab nach draußen! Im Sommer gingen wir allerdings nicht vor 18.00 Uhr auf die Straße, weil es tagsüber viel zu heiß war.
Keiner meiner Freunde brauchte sich mit einem alten und kleinen Rad zu begnügen, und so lag ich meinen Eltern ständig mit dem Wunsch nach einem neuen und größeren Spielgerät in den Ohren. Darauf nahm mich mein Vater zur Seite und erklärte mir mit ruhigen Worten: „Renas, du weißt, dass wir dich genauso liebhaben wie deine Geschwister. Wir sind froh, dass ihr alle zur Schule gehen könnt. Aber du weißt doch auch, dass wir den Nachhilfelehrer für deine Schwester bezahlen müssen. Da bleibt leider kein Geld für ein neues Fahrrad für dich übrig.“ Trotzig und auch ein wenig wütend entgegnete ich: „Aber mit einem Fahrrad hat man doch viel mehr Spaß. Blöde Nachhilfe.“ Ich verstand meinen Vater nicht, der auch noch hinzufügte: „Später wirst du erkennen, dass es besser war, das Geld in die Bildung zu investieren und nicht für ein Fahrrad auszugeben.“ Ich war einfach nur unendlich enttäuscht.
Aber was blieb mir anderes übrig, der ich noch nicht einmal im Teenager-Alter war? So fügte ich mich in mein Schicksal und versuchte weiter, mit meiner Klapperkiste bei den Freunden mitzuhalten. Ab und zu durfte ich auch mal auf einem ihrer Räder fahren, was meine Sehnsucht nach einem neuen eigenen Fahrrad nur noch mehr verstärkte. Zumal mein altes in schöner Regelmäßigkeit defekt war. Das war für mich immer eine sehr harte Zeit. Erst am Ende des Monats, wenn mein Vater sein Gehalt bekam, nahm er mich an die Hand, und gemeinsam brachen wir zu einer kleinen Werkstatt auf. Überglücklich trat ich nach geglückter Reparatur dann umso wilder in die Pedale hinter meinen Freunden her.
Irgendwann war das „Aus“ für mein Fahrrad da
Man mag sich auch bei dieser Beschreibung wieder einmal über die syrischen Verhältnisse wundern, doch so lief das Leben in meiner Kindheit nun mal ab. Eine durchschnittliche Familie mit drei Kindern hatte sich einfach nach der Decke zu strecken, und die Verdienste gingen für das Allernotwendigste drauf. Heute wundere ich mich darüber, wie meine Eltern das damals überhaupt geschafft haben.
Als wir wieder einmal in der Werkstatt auftauchten, um mein Fahrrad reparieren zu lassen, hörte ich jemand sagen: „Es tut mir sehr leid, aber da gibt es nichts mehr zu reparieren. Die Gabel ist gebrochen; und niemand sollte mehr mit diesem Rad fahren.“ In diesem Moment brach für mich die Welt zusammen. Ich sollte die Reparaturstätte jetzt ohne Fahrrad verlassen und ohne Aussicht auf ein Neues? Ich begann zu weinen und wollte mich gar nicht mehr beruhigen. Mein Vater versprach mir immerhin, die Radgabel zum Schweißen mit zur Arbeit zu nehmen.
Als wir nach Hause kamen, dachte meine Mutter, es wäre etwas Schlimmes passiert. Ich weinte immer noch und verkroch mich im Bett. Ich wollte nie mehr hinaus zu meinen Freunden. Alle hatten Fahrräder, nur ich nicht! Meinem Vater gelang es dieses Mal noch, das Fahrrad zu retten, aber eines Tages war absolut nichts mehr zu machen. Ende Gelände. Für immer und ewig musste der betagte Drahtesel den Gang zum Schrottplatz antreten. Als ich nach ein paar Tagen realisierte, dass es keine Aussicht auf ein neues Rad gab, hielt ich nach Alternativen Ausschau.
Das Fußballspielen auf dem Bolzplatz sollte es von nun an sein. Aus dem Fenster sah ich die älteren Jungen aus der Nachbarschaft dem Ball nachjagen. Vielleicht machte mir das ja auch Spaß. Ich stellte mich also an den Rand und zeigte mich interessiert. „Darf ich vielleicht mitspielen?“, fragte ich unsicher. Auch wenn nicht gerade Begeisterung aufkam, dass ich kleiner Bursche mitspielen wollte, an dem nichts dafürsprach, dass hier ein neuer Maradona heranwuchs, ließen sie mich doch mitmachen. Von da an hielt ich immer Ausschau und sobald ich sah, dass sich unten etwas tat, stürmte ich hinunter. Wir spielten auf einem Betonplatz mit gestapelten Steinen als Torersatz, und es war jedes Mal eine schmerzhafte Angelegenheit, wenn ich gestürzt war. Blutige Knie waren an der Tagesordnung und Abschürfungen an allen möglichen anderen Körperteilen gehörten ebenfalls dazu.
Haarsträubend grausame Verhältnisse in der Schule
Wenn ich heute in Neuss die Schüler und Schülerinnen erlebe, wie locker sie zum Unterricht gehen und wie entspannt sie zurückkommen – oder täusche ich mich? – dann denke ich an meine ganz anderen Erfahrungen in Waha. Diese Erinnerungen wecken in mir immer noch Schaudern und Entsetzen. Einen anderen pädagogischen Eindruck von den Lehrern, als nur unter Strafandrohungen einzuschüchtern, auswendig lernen zu müssen, statt die eigene Mündigkeit fürs Leben zu wecken, kann ich auch rückblickend nicht gewinnen.
Am Ende jedes Grundschuljahrs bekam ich regelmäßig ein Zeugnis mit einer angehefteten Postkarte. Nur Schüler mit guten Leistungen erhielten dieses Papier zur Versetzung. Nach sechs Jahren Grundschule war ich inzwischen in der weiterführenden Schule angekommen. Ebenso wie im Kindergarten und in der Grundschule hingen auch in allen Schulräumen mehr oder weniger übergroße Fotos vom neuen syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Abgesehen davon, dass in Syrien Straßenkreuzungen und Plätze auch damit gespickt sind.
Nackte Gewalt beherrschte unsere Schulstunden, und beim Lehrstoff war das Nachbeten angesagt. Ich erinnere mich noch sehr gut, dass die Lehrer in der Grundschule uns immer damit gedroht hatten, uns in den Keller zu den Schlangen und Ratten zu sperren, wenn wir nicht tun, was sie uns sagen. Bis zur 7. Klasse hatte ich eigentlich als ganz passabler Schüler gegolten, der ohne Probleme durchkam. In der 8. Klasse begannen die ersten Schwierigkeiten. Denn da fing ich an, nicht mehr alles zu akzeptieren, was die Lehrer uns auftischten. Davon war das Kollegium wenig angetan.
In der Klasse waren ungefähr 25 Schüler. Wir besetzten zu dritt eine Bank. Ich saß mit meinen Freunden Siwar und Khabat auf einer Bank, und vor uns hatten unsere Freunde Mahmoud und Renas Platz genommen. Sie waren alle ähnlich drauf wie ich, und wir stellten gemeinsam viel an, um zu provozieren, wo immer wir konnten. Wir hassten die Lehrkräfte. Leider vergaßen wir dabei, dass die Strafe immer auf dem Fuß folgte. Je nachdem, welches Vergehen man sich hatte zuschulden kommen lassen, bekam man eine mehr oder weniger harte körperliche Züchtigung.
Dabei mussten die Schüler ihre Hände ausstrecken, und der Lehrer schlug mit einem Stock oder Schlauch auf die Fingerspitzen. Hatte man „nur“ die Hausaufgaben nicht gemacht, gab es mindestens einen Stockschlag auf die Finger. Den Kuli auf den Boden fallen zu lassen, das galt ebenso wie Lachen als respektlos. Auch dafür gab es Prügel, je nach dem Ermessen des Lehrers. Hatte man es gewagt, vor den zu erwartenden Schlägen und den damit verbundenen Schmerzen die Finger wegzuziehen, wurde die Anzahl der Schläge verdoppelt.
Ich erinnere mich noch gut an eine Unterrichtsstunde bei einem besonders strengen Lehrer. Wir hatten darüber gesprochen, wer später mal welchen Beruf ergreifen möchte. Alle träumen davon, entweder Ingenieur, Lehrer oder sonst etwas Interessantes zu werden. Meine Antwort lautete: „Ich will nur glücklich werden.“ Das löste Ratlosigkeit aus. Irgendwann wendete sich der Lehrer wieder dem Unterricht zu. Er war gerade dabei, uns etwas zu erklären, als ich es wagte, ein leises Gelächter anzustimmen. Das fanden meine Freunde so ansteckend, dass sie auf der Stelle mitlachten.
Die Lehrkraft drehte sich mit bösem Blick um. „Was gibt es da zu lachen? Wer hat angefangen? Bestimmt wieder du, Renas. Los, komm nach vorn und lege die Hände auf den Tisch“, herrschte er mich an. Mit erhobenem Kopf stellte ich mich vor ihn hin und legte die Hände aufs Pult. Mit festem Blick sah ich ihm in die Augen und wusste genau, was mich erwartete. Voller Wut schlug er mir auf die Finger, bis er irgendwann schrie: „Setz dich wieder auf deinen Platz, und keinen Mucks mehr.“ Ich wollte mir meine Schmerzen auf keinen Fall anmerken lassen und ging mit festem Schritt zu meinem Platz. Ungesehen suchten meine Finger die Metallverstrebungen unter der Sitzbank. So verspürte ich wenigstens etwas lindernde Kühlung beim Schmerz.
„Nein, das werde ich nicht tun“, antwortete ich auf pädagogische Willkür
Ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich meistens „der böse Bube“ im Unterricht war und die Lehrer sich zunehmend auf mich einschossen. Allerdings gestehe ich ein, dass ich selbst auch eine ganze Menge dafür getan habe. Da blieb es eben nicht aus, dass ich harte Bestrafungen durch die Lehrer auszuhalten hatte. So ertappte mich unsere Englischlehrerin eines Tages beim Sprechen mit dem Banknachbarn. Das hatte zur Folge, dass ich nicht mitbekommen hatte, was sie gefragt hatte und keine Antwort geben konnte. „Renas, sofort nach vorn kommen! Stell dich neben den Mülleimer! Los, stell dich nur auf ein Bein! Die Arme senkrecht nach oben!“, bekam ich zu hören. Weil sie die Lehrerin war und ich der Schüler, blieb mir nichts anderes übrig. Binnen kurzem wurden meine Arme und Beine müde. Was sollte ich nur tun? Fast von allein suchten meine Hände den Kontakt zur Wand, um mich abzustützen. Kaum hatte die Lehrerin das gesehen, forderte sie mich mit schriller Stimme auf: „Los, Renas, sofort die Hände wieder nach oben!“
Zunächst wollte ich gehorchen, doch dann entschied ich mich anders. „Nein, das werde ich nicht tun. Sie wollen mich doch nur quälen.“ Aus mir brach es heraus: „Jeder Spaß ist verboten. Ich hasse Sie.“ Ich konnte mich gar nicht mehr beruhigen. Unter großer Spannung stehend, zerriss ich das Hemd meiner Schuluniform. Die Englischlehrerin schäumte vor Wut. Mit solch einem Zornesausbruch hatte sie wohl kaum gerechnet. „Sofort entschuldigst du dich bei mir und tust, was ich dir sage“, hörte ich sie mit sich überschnappender Stimme kreischen. Ich wurde nur noch wütender und ging zurück zu meinem Platz. Die Lehrerin: „Ich hole jetzt sofort den Schulleiter. Der wird dich hart bestrafen.“
Ich nahm ihre Worte kaum wahr, und mir war jetzt sowieso alles egal. Meine Mitschüler zeigten mir ihre Bewunderung für den Mut. Endlich hatte sich mal einer getraut zu tun, was jeder Einzelne von ihnen immer schon mal gern gemacht hätte. Sie feierten mich dafür allerdings nur kurz. Dann kehrte ganz schnell wieder Stille ein, weil auf dem Gang Schritte zu hören waren. Der Schulleiter stapfte, mit der Lehrerin im Schlepptau, strammen Schrittes herein. Er war ein strenger und unbeherrschter Mann: „Sido, sofort aufstehen! Was fällt dir ein? Hast du denn überhaupt keinen Respekt?“ Ich sah den Hass in seinen Augen, aber ich hielt seinem Blick stand.
Stramme Disziplin und blinde Unterordnung in der Schule
Ich war stolz, dass ich den Mut gefunden hatte, aufzubegehren und zeigte das auch. Das machte den Schulleiter nur noch wütender. „Hände auf den Tisch, Sido! Für so viel Respektlosigkeit kannst du gar nicht genug Schläge kriegen.“ Wieder und wieder traf der Stock meine Finger mit voller Wucht. Meine Hände taten weh, aber ich nahm den Schmerz kaum wahr. „Denen werde ich es zeigen. So schnell kriegen die mich nicht klein“, ging es mir immer wieder durch den Kopf. Irgendwann ließ der Schulleiter von mir ab, als er merkte, dass er meinen Willen auch durch Schläge nicht brechen konnte. Von nun an verfolgte er eine neue Taktik.
Ist das eigentlich überall auf der Welt so, dass Lehrkräfte in der Schule ihre Macht in dieser Weise unkontrolliert ausüben dürfen? Wo war der Elternbeirat, der an deutschen Schulen bei solchen Gewaltorgien doch sofort zur Stelle wäre? Gab es den überhaupt an syrischen Schulen? Nein! Stattdessen wurde damals die Pein noch verschärft fortgesetzt. „Wenn du aus der Schule kommst, ist dein Vater im Gefängnis. Dafür werde ich persönlich sorgen“, brüllte der Schulleiter mich an. Weil er schon oft versucht hatte, Schüler auf diese Art einzuschüchtern, nahm ich ihn nicht ernst. Aber ich hatte auch keine Lust mehr auf einen weiteren Wortwechsel und schwieg. „Das wird noch Konsequenzen haben“, schob er knurrend nach, bevor er festen Schritts in sein Büro zurückging. Zum Glück war die Stunde jetzt gelaufen, und wir gingen zur Pause auf den Schulhof. Körperlich verletzt, aber stolz auf meinen Mut, ließ ich mich noch ein wenig von meinen Freunden hochleben.
Am anderen Morgen trafen wir Schüler uns wieder auf dem Schulhof, auf diesem schmucklos kargen Betonplatz. Hier lief immer alles sehr geordnet ab. Auch wenn ich eigentlich nur fünf Minuten bis zur Schule brauchte, verließ ich um 6.30 Uhr das Elternhaus, denn um 7.00 Uhr wurde zum Sammeln aufgerufen. Hier gab es eine sehr genaue Aufstellungsordnung. Die Schüler mussten sich klassenweise in schnurgerader Reihe aufstellen, jeder Schüler immer mit einer Armlänge Abstand zum Vordermann. Dann sangen alle Schüler gemeinsam die Nationalhymne. Im Anschluss wurden die jeweiligen Klassen aufgefordert, eine nach der anderen quasi militärisch einzurücken. Alles hatte ein festgelegtes Schema von ungefähr 20 Minuten.
War man pünktlich, dann war alles in Ordnung. Aber wehe, man kam zu spät! Nach einem scharfen Verweis durch den Lehrer bekam man die Aufforderung, zunächst den ganzen Schulhof zu säubern, bevor man in seine Klasse eintreten durfte. Dort erhielt man als weitere Züchtigung anschließend meist noch Prügel. Außerdem wurde man auf Kommando des Lehrers ausgelacht. Für den Rest des Tages besaß man keinen Namen mehr, sondern wurde nur noch erniedrigend Esel oder Tier genannt. Das war kein schönes Gefühl und ich erinnere mich bis heute daran.
Mit Schauspielern auf der Schulbank die Lehrer hochnehmen
Und doch muss ich zugeben, dass ich von frühesten Schulbeinen kein Kind von Traurigkeit war. Da wurden von den Lehrkräften mit ihrer verfehlten „Pädagogik“ schlimme Dinge in den Wald hineingerufen, und über das Echo in den Klassen brauchten sie sich nicht zu wundern. Besser wurde für mich nichts in der Schule, da ich obendrein auch noch einen Bruder hatte, der als Schulbester gefeiert wurde! Allmorgendlich beim Betreten des Schulgebäudes sah ich ins Gesicht des sieben Jahre älteren Hozan. Das sollte als Motivation für alle anderen dienen. Manchmal las ich damals den Text unter dem Foto: „Wer fleißig und gehorsam ist, kann es genauso weit bringen, wie unser bester Schüler.“ Einerseits war ich stolz darauf, dass hier ein Foto meines Bruders hing, andererseits erwies sich das aber auch als eine ganz schwere Last. Denn ständig maßen mich die Lehrer an ihm, und ich musste mir anhören: „Nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder. Da siehst du, wie man mit dem nötigen Einsatz ganz viel erreichen kann.“
Wie hingen mir diese Worte irgendwann zum Hals heraus! Ich war Renas und nicht Hozan. Leider fehlte den Lehrern diese Erkenntnis, und mein Hass auf alle Unterrichtenden verstärkte sich dadurch immer mehr.
Wir machten uns oft einen Spaß daraus, die Lehrer zu ärgern. Immerhin konnten wir so auf deren Willkür reagieren. Wir wollten es ihnen heimzahlen, erkannten aber leider nicht, dass sie letzten Endes doch am längeren Hebel saßen. An manchen Tagen machten wir uns einen Spaß beim Herausfinden, wer am besten schauspielern konnte. Wir suchten nach Gründen, dass wir sofort aus der Schule mussten, weil es uns nicht gut ginge. Mahmoud fragte zum Beispiel: „Darf ich aufs Klo gehen?“ Der Lehrer durchschaute die Finte und verweigerte das Verlassen des Klassenraums.
Es gab nur einen Grund, bei dem man den Lehrer nicht um Erlaubnis fragen musste, nämlich wenn einem speiübel war. Dann durfte man einfach hinausrennen, ohne die Erlaubnis einzuholen. Damit schlug oft genug meine Stunde. Ich rannte hinaus, als wäre mir hundeelend. Schnurstracks ging es in den Toilettenraum. Hier warf ich mir mit den Händen möglichst viel kaltes Wasser ins Gesicht, damit ich aussah, als hätte ich mir die Seele aus dem Leib gespien. Jetzt noch ein paar Spritzer Wasser aufs Hemd, und ab ging es zurück in die Klasse. Mit Leidensmiene kam ich zurück.
„Herrje, Renas, dir scheint es ja wirklich schlecht zu gehen. Du solltest wohl besser nach Hause gehen“, bekam ich zu hören. Triumphierend entgegnete ich: „Geht schon, Herr Lehrer.“ Aber ich sah wohl so leidend aus, dass der Lehrer darauf bestand, dass ich sofort nach Hause ging. Auf dem Schulhof stellte ich mich, noch bevor ich den Schulhof verließ, triumphierend unter das Fenster unseres Klassenraums und sandte einen kurzen, schrillen Pfiff. Das war das Zeichen für meine Freunde: „Seht ihr, so macht man das!“
Lehrer veranstalten in der Klasse regelrechte Gewaltorgien
In der Schule gab es mal bessere und mal schlechtere Tage. Dass man uns Schülern allerdings Schlimmeres angetan hat als wir den Lehrern, daran will ich keinen Zweifel lassen. Das ganze syrische Schulsystem ist auf Brutalität und Rücksichtslosigkeit aufgebaut. An einen ganz schlimmen Zwischenfall erinnere ich mich heute noch in allen Einzelheiten. Dieses Mal war mein Freund und Namensvetter Renas betroffen. Wir hatten Unterricht in arabischer Grammatik bei einem sehr strengen Lehrer. Der hielt nur Ausschau, wen er als nächsten bestrafen konnte. Essen war im Unterricht natürlich nicht erlaubt. Mein Freund Renas jedoch konnte es sich nicht verkneifen, heimlich unter der Bank in einen Apfel zu beißen. Im Glauben, dass er das vom Lehrer unbemerkt tat, ließ er sich auch noch zu einem zweiten und dritten Biss hinreißen.
Mir war nicht entgangen, dass er damit sehr wohl aufgefallen war. „Renas, hör lieber auf, du wirst beobachtet“, raunte ich ihm leise zu. Doch da war es schon zu spät. Urplötzlich stand der Lehrer neben ihm und rammte ihm ohne Vorwarnung sein rechtes Knie mit voller Wucht in die Hüfte. Das war zu viel für den Mitschüler. Er sank in sich zusammen, und sein Kopf lag benommen auf dem Tisch. Ihm blieb der Atem weg, und er rührte sich nicht mehr. Uns wurde angst und bange. „Was ist mit ihm? Ist er tot?“, hörte ich Khabat leise fragen. Ich stand auf und schüttelte den Getretenen voller Sorge. „Renas, komm zu dir, setz dich hin, versuche zu atmen“, forderte ich ihn auf.
Plötzlich standen auch die anderen Schüler um den Geschundenen herum. Während er langsam wieder zu sich kam, richteten wir unsere Wut gegen den Lehrer. Wir fühlten uns jetzt gemeinsam stark und forderten den Verhassten auf, sofort die Klasse zu verlassen, was dieser auch kommentarlos tat. Offensichtlich wurde ihm klar, dass er erheblich zu weit gegangen war. Wir kümmerten uns zunächst weiter um den Misshandelten. Als er wieder aufrecht sitzen und atmen konnte, beratschlagten wir, was wir weiter tun sollten. „Das müssen wir dem Schulleiter melden“, schlug ich vor. Wir waren uns alle einig und gingen gemeinsam in das Büro des Direktors.
Dessen Augen funkelten bei der Ankunft schon feindselig. „Was gibt es? Warum seid ihr nicht in eurem Klassenraum?“, schnauzte er uns an. Aus uns brach es heraus. Atemlos erzählten wir, was gerade passiert war. Der Schulleiter entgegnete uns immer noch mit bösem Blick: „Ich kümmere mich darum, verschwindet wieder. Ich kläre das mit den Eltern.“ Ratlos gingen wir auf den Schulhof und hofften, dass wir den tretwütigen Lehrer nie wieder erdulden müssten. Leider hatten wir uns geirrt, wie wir am nächsten Tag feststellten. Denn der Schulleiter hatte den Eltern die Sache natürlich ganz anders dargestellt und sie offensichtlich davon überzeugt, dass Renas die Strafe verdient hatte. Wenigstens saß Renas am nächsten Tag wieder einigermaßen hergestellt auf seinem Platz. Und leider hatte dieser Vorfall für den gewalttätigen Täter keinerlei Konsequenzen. Weiterhin erteilte er uns Unterricht in arabischer Grammatik, als wäre nie etwas passiert. Wie wir diesen Mann gehasst haben!
Endlich fündig geworden auf der Suche nach Alternativen
Solche und eine Menge anderer Vorkommnisse weckten bei den kritischen Geistern in unserer Klasse natürlich den Widerstandsgeist. An einem anderen Tag stand Religion auf dem Stundenplan. Mich interessierte der Unterrichtsstoff nicht. Leise wisperte ich mit meinen Freunden. Wir überlegten, was wir nach der Schule machen sollten. Ich fing verhalten an zu lachen, als Siwar einen witzigen Vorschlag machte. Natürlich fiel ich wieder auf. Plötzlich stand der Lehrer neben mir und versetzte mir eine schallende Ohrfeige. „Was gibt es da zu lachen? Wir behandeln ein ernstes Thema, und du hast nichts Besseres zu tun als zu lachen? Unser Thema heute lautet Tattoos. Was fällt dir dazu ein?“
Ich überlegte, ob ich antworten soll, dass ich Tattoos cool finde. Bevor ich aber zu Wort kam, redete der Lehrer auch schon weiter: „Allah erlaubt es nicht, dass man seinen eigenen Körper verletzt. Das tut man aber, wenn man sich ein Tattoo stechen lässt. Das ist also streng verboten.“ Mag sein, ein wenig zu forsch, entgegnete ich darauf: „Wenn Sie sagen, man darf den Körper nicht verletzen, warum schlagen Sie uns dann?“ Für einen kurzen Augenblick war er sprachlos, doch schnell hatte er sich wieder gefangen. „Du unverschämter Bengel, was fällt dir ein? Setz dich sofort hin und halte den Mund.“ Durch solche Erlebnisse wuchs meine Ablehnung gegen diese ungerechten und unbeherrschten Pädagogen an der Schule immer mehr.
Bei weiteren Ungerechtigkeiten suchten wir nach Alternativen, dem Schulalltag zu entkommen. Dabei entwickelten wir einen genialen Plan. Jedenfalls glaubten wir, dass es so war. Wie immer verließen wir unser Zuhause um 6:30 Uhr und taten so, als gingen wir zur Schule. In Wirklichkeit gingen wir jedoch um die nächste Ecke zum Nachbarhaus und gelangten dort durch das Treppenhaus aufs Dach. Hier warteten wir, bis auch meine Eltern und Geschwister aufgebrochen waren. Und schon konnten wir den zweiten Teil unseres Plans umsetzen. Anstatt in die Schule gingen wir jetzt in die Wohnung meiner Eltern. Hier machten wir es uns gemütlich, schalteten den Fernseher ein, spielten am Computer und rauchten Zigaretten, die wir uns am Tag zuvor besorgt hatten. Dem Ladenbesitzer war völlig egal, dass wir erst 14 oder 15 Jahre alt waren. Wir fühlten uns richtig erwachsen.
Bei unserer selbstgewählten Auszeit taten wir alles, was sonst nur die Erwachsenen dürfen. Leider neigte sich auch dieser schöne Vormittag unaufhaltsam dem Ende zu. Gegen 12.30 Uhr gingen all meine Freunde nach Hause, und ich begann, die Wohnung wieder in den Originalzustand zu versetzen. Alles wurde gründlich gesäubert und aufgeräumt, und die Zigaretten-Kippen wurden entsorgt. Als zunächst meine Mutter und später meine Geschwister und mein Vater nach Hause kamen, war alles wieder in bester Ordnung, und ihnen fiel nichts auf. Natürlich war unser Ausbleiben in der Schule nicht unbemerkt geblieben, und unsere Eltern wurden über unser Schwänzen informiert. Die Strafe folgte auf den Fuß. Wenn es auch keine Schläge gab, so bekam doch jeder von uns eine ordentliche Gardinenpredigt, verbunden mit der Ansage, so etwas in Zukunft zu unterlassen. So blieb uns nichts anderes übrig, als doch wieder jeden Tag in die verhasste Schule zu gehen.
Doch auch die Sommerferien brachten mir nicht die erhoffte Erholung von der Schule. Meine Eltern hatten beschlossen, mich drei Mal in der Woche in die Koranschule zu schicken. Hier sollte ich in Sachen Glauben fit gemacht werden, was mir allerdings gar nicht gefiel. Machte man beim Lesen einer Koransure einen Fehler und sei es, dass man sich nur versprach, so konnte man darauf warten, dass der Fahrradschlauch im nächsten Moment auf den Rücken niedersauste. Um mich dieser Tortur nicht immer wieder auszusetzen, versuchte ich möglichst unbemerkt zu verschwinden, was mir meistens auch gelang.
Der Schulabschluss in der entscheidenden 9. Klasse naht
Nach neun Jahren Schule ist es besonders wichtig, das Klassenziel zu erreichen. Da sollte man als Schüler am besten die Füße ganz stillhalten. Mir will das aber nicht gelingen, und das lag damals nicht daran, dass ich unter allen anderen ein besonders aufsässiger Neuntklässler war. In diesem Jahrgang hatten wir immerhin genügend Mut, in der Pause den Schulhof heimlich zu verlassen. Weil das Schultor geschlossen war, kletterten wir über den Zaun. Als coole Jungs kannten wir nur eine Pausenbeschäftigung, bei der wir uns natürlich nicht erwischen lassen durften: die Zigarette im Versteck. Am Ende der Pause ging es über den Zaun zurück. Und als wäre nichts gewesen, saßen wir in der folgenden Stunde dann alle wieder auf unseren Plätzen.
In der 9. Klasse, in der ich mich im Jahr 2008 befinde, entscheidet sich, welchen weiteren Weg man anschließend einschlagen kann. Deshalb legten meine Eltern viel Wert darauf, dass ich das Klassenziel erreichte. Zum Training engagierten sie einen Nachhilfelehrer. Mehr oder weniger unwillig ließ ich diesen Unterricht über mich ergehen. Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre das Geld anstelle der Nachhilfe besser in ein neues Fahrrad investiert worden. Aber keine Chance!
Als am Ende des Schuljahrs die Prüfungen anstanden, hatten die Lehrer regelrecht ihre Freude daran, mir zu versichern, dass ich den Abschluss sowieso nicht schaffen würde. Obwohl ich selber Zweifel daran hatte, motivierte mich ihre Häme, sie eines Besseren zu belehren. In Aleppo braucht man zum Bestehen am Schuljahresende 164 Punkte. Ich hatte allerdings das große Glück, in Waha zur Schule zu gehen. Hier reichen 154 Punkte. Und ich schaffte es tatsächlich, eine Punktlandung hinzulegen: Genau 154 Punkte! Mit nur einem Punkt weniger hätte ich das Schuljahr wiederholen müssen. Die Lehrer hätten sich freuen dürfen, mich mindestens ein weiteres Jahr als Schüler zu begrüßen. Und ich war froh, dass ich immerhin weiter mit meinen Freunden gemeinsam die Schule besuchen konnte, auch wenn ich eigentlich lieber heute als morgen der Schule den Rücken kehren wollte.
Der Traum vom Breakdance ist bald ausgeträumt
Mochte die Schule auch noch so prägend sein, wenn auch leider negativ, gab es damals aber auch andere Einflüsse. Die lagen bei mir in der Freizeit. Schon lange hatte ich nebenbei einen heimlichen Traum. Im Fernsehen hatte mich der Film „Step Up“ stark beeindruckt. Darin geht es um einen Jungen, der nach einem Konflikt mit dem Gesetz Sozialstunden in einer Ballettschule ableistet. Hier lernt er unter anderem Breakdance kennen. Als ich das sah, war ich elektrisiert. Auch ich wollte jetzt unbedingt Breakdance lernen, was meine Eltern natürlich gar nicht toll fanden. Hartnäckig setzte ich mich jedoch für meinen Traum ein und kaufte mir eine DVD mit sämtlichen Anleitungen zum Breakdance.
Leider wurden darauf sämtliche Anweisungen auf Englisch erteilt, was dazu führte, dass ich nichts verstand. Mehr schlecht als recht versuchte ich, zumindest die Bewegungen nachzumachen. Diese Versuche waren von keinem großen Erfolg gekrönt. Aber ich blieb dran und probierte es immer weiter. Eines Tages nahm mich mein Cousin Mohammad mit nach Aleppo. Angeblich wollten wir zu einer Ballettschule, in der man auch Breakdance erlernen konnte. Ich war Feuer und Flamme, aber ich ahnte nicht, dass meine Eltern dem Cousin einen Auftrag gegeben hatten. Er sollte mich davon überzeugen, dass Breakdance überhaupt nichts Tolles ist.
So landeten wir natürlich nicht wie erhofft bei der Ballettschule, sondern an einem Treffpunkt von Schwulen, Metal-Rockern, Breakdancern und anderen Typen vom Rand der Gesellschaft. Für diese Menschen fand Mohammad nur negative Worte und kam schließlich mit dem Satz rüber: „Die nehmen doch eh alle Drogen. Sieh endlich ein, dass Breakdance nichts für dich ist.“ Davon war ich aber noch lange nicht überzeugt, als wir nach Waha zurückfuhren.
Hartnäckig verteidigte ich meinen Traum gegenüber den Eltern: „Ich will doch sowieso nach Europa. Da muss ich so gut tanzen lernen, dass ich Geld damit verdienen kann. Das kann ich euch dann schicken.“ Aber auch diese Argumente trafen bei meinen Eltern auf taube Ohren. Wieder und wieder zählten sie alle möglichen negativen Seiten des Breakdance auf. Irgendwann war mein Widerstand gebrochen, und ich legte meinen großen Traum ganz weit hinten in die Schublade. Aber vergessen habe ich ihn nie.
Ohne Oliven geht gar nichts
Neben meinem unerfüllbaren Traum vom Breakdance gibt es noch eine andere prägende Erinnerung an meine Kindheit. Wir waren oft in der Region Afrin. Dort gibt es Olivenplantagen, soweit das Auge reicht. Diese Bäume spielten in unserem Leben eine ganz große Rolle. Afrin liefert 30 Prozent des Olivenöls in Syrien, und Zweidrittel der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche ist hier von diesen attraktiven und nützlichen Bäumen bewachsen. Beinahe jede Familie besaß damals eine mehr oder weniger große Anzahl dieser Bäume. So erbten auch meine Eltern 40 Olivenbäume vom Vater meines Vaters, der seine 200 Bäume unter die Söhne aufgeteilt hatte. Die Töchter wurden im Nachlass nicht bedacht, denn es war üblich, dass sie über die Familien ihrer Männer an deren Olivenplantagen beteiligt wurden.
In der Saison fuhren die Familien oft mit Bussen zu ihren Olivenhainen, um sie zu pflegen. Auch die Kinder durften mit und trafen sich im Schatten der Bäume, um dort herumzutollen, sich zu verstecken oder einfach nur Spaß zu haben. Ich erinnere mich heute noch mit großer Freude an diese unbeschwerte Zeit, die ich dort mit meinen Geschwistern und Freunden verbracht habe.
Olivenbäume sind in Syrien Kult
Während sich die Männer um Ernte und Pflege der knorrigen Gewächse kümmerten, bereiteten einige Frauen über offenen Feuerstellen das Essen für alle. Dabei wurde mit befreundeten Familien zusammengearbeitet und gekocht, und alle haben einander geholfen. So wurde Baum um Baum liebevoll gepflegt, und neben dem Wasser sorgte auch mancher Tropfen Schweiß dafür, dass der Boden die nötige Feuchtigkeit für das Wachstum der Bäume erhielt. Einer meiner Onkel äußerte einmal den Wunsch, im Schatten der Olivenbäume begraben zu werden. Deren Erde hatte er mit der Kraft seiner Hände gelockert, und der Boden war mit seinem Schweiß getränkt. So tief im allgemeinen Bewusstsein waren die Olivenbäume verankert.
Die Schatten spendenden Bäume zeigten die Jahreszeiten an. Ihre Kronen boten Kühlung vor der sengenden Sonne im Sommer und gewährten Schutz vor jedem Wetter im Winter. Vielleicht ist mein Vergleich ein wenig schief, doch diese innere Bindung ist so ähnlich, wie in Deutschland das Verhältnis zur Freiheit. Einen Kurden seiner Olivenbäume berauben, das geht gar nicht. Das ist in Syrien ungeschrieben gültiges Gesetz, ebenso wie man einen geerbten Olivenbaum nie wieder aus der Hand gibt. Eher schon verkauft man sein Haus und schläft im Zelt.
Jede einzelne Olive wird zur herbstlichen Erntezeit mit Händen vom Baum geschüttelt und fällt auf die darunter ausgebreiteten Netze. So wird das Einsammeln leichter. Meist beschneidet man in diesen Tagen und Wochen auch die Bäume. Durch den Rückschnitt tragen sie im folgenden Jahr keine Früchte, und so wird reichlich Zeit gefunden, die Bäume intensiv zu pflegen. Schädlinge wie Pilze und Insekten werden bekämpft und der Boden zwischen den Bäumen gepflügt. Wer wenig Mittel hat, macht das nur einmal im Jahr, andere lassen ihre Felder sogar mehrmals umpflügen.
Die Netze mit den abgeschüttelten Oliven werden eingesammelt und die Früchte zur Ölpresse gefahren, wo anschließend das unvergleichliche Olivenöl gepresst wird. Die Bäume meiner Eltern ergaben, je nach Erntejahr, 70 bis 80 große Kanister Olivenöl, also insgesamt ungefähr 1.200 Liter pro Saison. Wir Kinder haben diesen natürlichen Kreislauf verfolgen dürfen. Angefangen bei der Blüte der Olivenbäume, während der ein leichter Duft von Zitronen in der Luft hing, über die mühsame Pflege bis zur Reife und schließlich zur Ernte und der Gewinnung des Öls aus der Steinfrucht.
Olivenöl weckt alle meine frühen Kindheitserinnerungen
Einen Teil der Oliven nahmen wir mit heim, um die Früchte zum Essen aufzubereiten. Zunächst grüne, mit zunehmendem Reifegrad dann dunklere bis schwarze, mussten haltbar gemacht werden. Ich erinnere mich noch genau, welche Aufgabe mir dabei zufiel. Auf dem Tisch stand eine große Plastikschüssel. Quer darüber ein Holzbrett. Mein Beitrag zur Herstellung der köstlichen verarbeiteten Oliven bestand darin, jede einzelne Frucht auf dieses Brett zu legen und den Rücken eines stabilen Glases kräftig auf die Olive herunter sausen zu lassen. Dabei sprang sie auf. Anschließend landete sie in der großen Schüssel. So öffnete ich eine Olive nach der anderen und beförderte sie weiter.
War die Schüssel voll, tauschte meine Mutter sie aus und wusch die von mir vorbereiteten Oliven. Danach wurden sie in große Gläser mit Schraubverschlüssen geschichtet, die man mit Salzwasser randvoll auffüllte. Dieses Gemisch diente dazu, die Bitterstoffe aus den geöffneten Oliven herauszuziehen. Während der nächsten zwei bis drei Wochen tauschte man das Salzwasser noch mehrmals aus und konnte sich dann über den köstlichen Glasinhalt freuen. Waren sie zu salzig, legte man die Oliven noch eine Nacht in ungesalzenes Wasser. Schon am nächsten Tag stimmte der Geschmack. In Öl eingelegt waren sie vier bis fünf Monate haltbar. Weil in Syrien aber bei keinem guten Frühstück die Oliven fehlen dürfen, hielten die Vorräte meist nicht so lange.
Ich sehe heute noch die außergewöhnlich prächtig gewachsenen Olivenbäume vor mir und habe den Duft der Erde ebenso in der Nase wie den Geruch der frisch geernteten Früchte. Ich vermisse ihren Geschmack und kann mich nicht erinnern, an einem anderen Ort jemals wieder Olivenöl mit der Qualität von damals in Syrien genossen zu haben. Die Menschen in Afrin behaupten, ihr Olivenöl am Geschmack zu erkennen. Auch heute ist die Freude riesengroß, wenn meine wieder in Syrien lebende Schwester den Eltern Kanister mit heimischem Olivenöl nach Deutschland schickt. Man schätzt bei diesem Öl den exquisiten Geschmack, weil die Oliven noch per Hand und nicht von Maschinen geerntet werden. Beim Genuss dieses Öls kommen alle meine Erinnerungen an die Kindheit in Syrien wieder hoch, und ich frage mich oft, ob ich wohl heute zusammen mit meinen Geschwistern die Bäume genauso pflegen würde, wie es meine Eltern damals taten.
Seit 6 000 Jahren gibt es den kultivierten Olivenbaum, wie lange noch in Syrien?
Als weltweit einer der größten Produzenten von Olivenöl kann Syrien auf Millionen von Olivenbäumen stolz sein, die dort bereits seit Jahrtausenden wachsen. Es wird vermutet, dass die Kultivierung der Gartenolive aus der Wildform schon um 4 000 v. Chr. auf Kreta, in der Türkei und in Syrien begonnen hat und Syrien damit eines der Ursprungsländer der heutigen Oliven ist. Die Olivenzweige gelten in vielen religiösen Schriften als Zeichen des Friedens, der Liebe und Treue und verkörpern Langlebigkeit. Besiegte, die um Frieden bitten wollten, trugen zum Zeichen ihrer Unterwerfung Olivenzweige in Händen. Auch Demonstranten in Syrien führten Olivenzweige mit sich, um zu zeigen, dass sie auf friedliche Art und Weise ihren Protest vortragen wollten.
Auch wenn wir Olivenzweige natürlich als Kinder nicht vor diesem Hintergrund gesehen haben, so haben wir sie doch oft zum Spielen in Händen gehalten. Wir haben sie zum Fegen, als Fächer oder einfach für kleine Kampfspiele benutzt. Auch kleine Hütten aus Olivenzweigen entstanden immer wieder im Verbund vieler Kinderhände im Schatten der mächtigen Bäume. Wir haben einfach das getan, was Millionen anderer Kinder auf der ganzen Welt ebenfalls laufend tun: unbeschwert gespielt.
Umso mehr hat es mich geschmerzt, als ich später mitbekommen habe, wie von türkischen Milizen im Verbund mit syrischen Rebellen im Jahr 2018 von der Region um Afrin Besitz ergriffen wurde. Mindestens 20.000 Olivenbäume wurden von den Besatzern verbrannt und 50.000 Tonnen Olivenöl kurzerhand beschlagnahmt. Produktionsanlagen wurden geplündert und Olivenpressen abgebaut oder gestohlen. Man zwang die Bauern, 15 bis 30% ihrer Produkte als „Agrarsteuer“ abzugeben. Das alles geschah nur deshalb, um die Menschen in der Region gefügig zu machen und sie ihrer Haupteinnahmequelle zu berauben. So wollte man ihren Widerstand schon im Keim ersticken.
Heute hat die Türkei die Kontrolle über fast 75% der vorhandenen Olivenhaine übernommen, und die Bauern müssen den bewaffneten Gruppen Bestechungsgeld bezahlen, um Zugang zu ihren eigenen Olivenhainen zu erhalten. Auch zwingt man sie, ihre Oliven weit unter Preis an ausländische Zwischenhändler zu verkaufen. Wenn ich daran denke, blutet mir das Herz. Was mag aus den Olivenbäumen meiner Eltern geworden sein, die ich jetzt vermutlich bewirtschaften würde, wäre ich in Syrien geblieben? Existieren sie noch oder hat auch sie das Feuer dahingerafft? Mich treibt die Frage um, und ich kann sie nicht abschütteln: Wo sind meine Olivenbäume?
Auf dem Arm meiner Mutter in der Olivenplantage in Afrin. Vorne links meine Schwester Zozan, rechts mein Bruder Hozan.
Von meinen Hobbys und der Freizeitgestaltung in Syrien gibt es noch etwas zu berichten. Wenn die materiellen Mittel fehlen und das Angebot sowieso dünn ist, konnte es damit auch nicht weit her sein. Natürlich träumt jedes Kind davon, im heißen Sommer schwimmen zu können, jedenfalls viel Zeit im Freibad zu verbringen. So stand auch ich immer hoffnungsvoll daneben, wenn mein Vater mit meinen älteren Geschwistern ins Freibad aufbrach. Lange Zeit durfte ich gar nicht mit. Irgendwann hatte ich es aber doch geschafft. Dort gab es ein großes und ein kleines Schwimmbecken. Nachdem ich zunächst nur im kleinen Becken planschte und es einfach genoss, dabei sein zu dürfen, kam ziemlich bald der Tag, an dem mein Bruder mich aufforderte, ins große Schwimmbecken mitzukommen.
Eine Menge Aufregung auch rund ums Schwimmbad
„Aber ich kann doch noch gar nicht schwimmen“, entgegne ich. „Das bringen wir dir schon bei“, hörte ich gleichzeitig meinen Vater und meinen Bruder rufen. Zögernd kam ich ihrer Aufforderung nach. „Wird schon nicht so schwer sein“, schoss es mir durch den Kopf. War es aber leider doch. Denn sobald mein Vater mich losließ, ging ich unter. So wurde das zunächst nichts mit meinen Schwimmkünsten.
Weil der Eintritt ins Schwimmbad teuer war, konnten wir nur einmal in der Woche das kühle Nass genießen. Nachdem ich schon einige Male erfolglos versucht hatte, mich längere Zeit über Wasser zu halten, kam irgendwann der ereignisreiche Tag, an dem mein Vater und mein Bruder sagten: „Heute wirst du Schwimmen lernen, wollen wir wetten?“ Sie schienen einen Plan zu haben. Was mögen sie wohl vorhaben, fragte ich mich, ohne am Beckenrand Böses zu ahnen. Plötzlich packte mich mein Vater an den Händen und mein Bruder an den Füßen. Zweimal wurde ich am Beckenrand hin und her geschaukelt, und dann ließen sie los. Mit einem lauten Klatschen fiel ich ins Wasser. „Hilfe!“, versuchte ich zu rufen, doch da schluckte ich schon Wasser.
Ich strampelte wie wild, und tatsächlich kam ich mit dem Kopf über Wasser. „Los, paddeln und Arme und Beine bewegen“, hörte ich meinen Vater und Bruder vom Beckenrand aus rufen. „Nur so lernst du das Schwimmen. Weiter so!“ – und tatsächlich, ich schaffte es mit aller Kraft, wieder an den Beckenrand zu kommen. „Ich kann jetzt schwimmen“, rief ich den beiden triumphierend entgegen. „Ist ja auch gar nicht schwer“, schob ich noch hinterher. Bei jedem weiteren Schwimmbadbesuch gewann ich mehr Sicherheit. Und irgendwann konnte ich so gut schwimmen, dass ich von da an mit meinen Freunden ins Freibad gehen durfte.
Wir suchten aber auch nach Alternativen zum bezahlten Schwimmen. In der Nähe gab es einen Kanal. Obwohl die Eltern uns den streng verboten hatten, fanden wir es sehr reizvoll, uns dort aufzuhalten und Spielchen im Wasser zu treiben. Der Kanal bildete eine halbrunde Röhre mit einem starken Gefälle, damit sich kein Treibgut ansammelt. Zwischen zwei Brücken und mit jeder Menge glitschiger Algen am Rand vergnügten wir uns in den Fluten. Es kam vor, dass einer ausrutschte und von der Strömung mitgerissen wurde. Dann wurde es gefährlich.
Unter der zweiten Brücke hatten wir ein Seil gespannt. Dort griff man zu, wenn man sich wieder ans Ufer hangeln wollte. Dieses Spiel betrieben wir so lange, bis es eines Tages unserem Freund Rami, er war 15 Jahre alt, nicht gelang, das Seil zu packen. Er wurde von der Strömung mitgerissen und den stark abschüssigen Kanal hinuntergetragen. Eine Stunde später haben wir ihn hinter einer weiteren Engstelle tot geborgen. Wir hatten damit auf schmerzvolle Art und Weise erfahren, wie Recht unsere Eltern mit ihrer Warnung hatten.
Wie kann man in einem solch diktatorischen Land überhaupt leben?
Allein die Allgegenwart des Alleinherrschers Baschar al-Assad in Damaskus und im ganzen Land könnte die Behauptung stützen, dass es sich bei Syrien wie in anderen Diktaturen auch um einen „unmöglichen Staat“ handelt. Doch ich halte dagegen. Nicht alles war schlecht. Da ist meine von den Eltern und den Geschwistern liebevoll behütete Kindheit, die vieles aufwiegt, da sind die Tage, an denen ich mit meinen Freunden sehr viel Spaß hatte. Und selbst die trüben Erfahrungen in der Schule und sogar der schmerzliche Verzicht auf ein prächtiges Fahrrad hatten ihren Sinn. Und was die Geborgenheit in der Familie und die Heimat überhaupt für eine große positive Bedeutung hatten, das sollte ich auf meinem weiteren Weg nach Europa noch in aller Deutlichkeit zu spüren bekommen.
Was aber bedeutet die Diktatur im Alltag?
Mein Leben war geprägt von der Angst vor dem Regime von Assad. Fotos und Parolen von Hafiz al-Assad und später von seinem Sohn, Bashar al-Assad, dem auch heute noch regierenden Machthaber, waren allgegenwärtig. Auf Fassaden von Regierungsgebäuden, Krankenhäusern und Schulen prangten an allen Ecken und Enden riesige Fotos der Herrschenden und deren politische Botschaften, ebenso wie die Nationalflagge. Regimetreue Syrer hatten auf den Hecks ihrer Autos Folien mit dem Konterfei des Herrschers platziert, verbunden mit der Botschaft, ihm immer treu zu dienen. Überall gab es nur lobende Worte über die Machthaber-Familie. Sie hatten ihre Augen nahezu überall, so wurde durch die Bilder an jedem Fleckchen im Land suggeriert. Damit niemand auch nur wagte, Negatives über das Regime zu verbreiten, musste man ständig auf der Hut sein vor Spionen, die jeden denunzierten, der es auch nur ansatzweise wagte, schlecht über das Regime zu sprechen.
So wurde auch mir schon als Kind eingetrichtert, dass ich nie in der Öffentlichkeit etwas Negatives über das Regime oder den Präsidenten sagen dürfe. Stellte ich zu Hause mal eine kritische Frage zu diesem Thema, wurde ich sofort angehalten, leise zu sein. Zu groß war die Angst vor Nachbarn, die vielleicht etwas davon mitbekommen könnten, dass bei uns im Hause Zweifel am Regime aufgekommen sein könnten.
